Erste Gedichte

Part 3

Chapter 33,881 wordsPublic domain

Hin geh ich zwischen Weidenbäumen an nassen Räderrinnensäumen den Fahrweg, und der Wind ist mild. Die Sonne prangt im Glast des Märzen und zündet an im dunkeln Herzen der Sehnsucht weiße Opferkerzen vor meiner Hoffnung Gnadenbild.

XIII

Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe bange verblich. Weit--ein einziger lohroter Strich wie eine brennende Geißelnarbe.

Irre Reflexe vergehn und erscheinen. Und in der Luft liegts wie ersterbender Rosenduft und wie verhaltenes Weinen....

XIV

Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke, und ihre Sterne schauen still, wie schon des Mondes weiße Barke im Lindenwipfel landen will.

Fern hör ich die Fontäne hallen ein Märchen, das ich längst vergaß,-- und dann ein leises Apfelfallen ins hohe, regungslose Gras.

Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel und trägt durch alte Eichenreihn auf seinem blauen Faltcrflügel den schweren Duft vom jungen Wein.

XV

Im Schoß der silberhellen Schneenacht dort schlummert alles weit und breit, und nur ein ewig wildes Weh wacht in einer Seele Einsamkeit.

Du fragst, warum die Seele schwiege, warum sies in die Nacht hinaus nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege, es löschte alle Sterne aus.

XVI

Abendläuten. Aus den Bergen hallt es wieder neu zurück in immer mattern Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.

In den weißen Wiesenquellen lallt es wie ein Stammeln kindischen Gebetes; durch den schwarzen Tannenhochwald geht es wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.

Durch die Fuge eines Wolkenspaltes wirft der Abend rote Blutkorallen nach den Felsenwänden.--Und sie prallen lautlos von den Schultern des Basaltes.

XVII

Weltenweiter Wandrer walle fort in Ruh.... also kennt kein andrer Menschenleid wie du.

Wenn mit lichtem Leuchten du beginnst den Lauf, schlägt der Schmerz die feuchten Augen zu dir auf.

Drinnen liegt--als riefen sie dir zu: versteh!-- tief in ihren Tiefen eine Welt voll Weh....

Tausend Tränen reden ewig ungestillt, und in einer jeden spiegelt sich dein Bild!

XVIII

Möchte mir ein blondes Glück erkiesen; doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.-- Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen, und der Abend blutet in die Buchen.

Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen.... Und die ersten Sterne kommen wieder und die Träume, die so traurig machen.

XIX

Vor mir liegt ein Felsenmeer, Sträucher, halb im Schutt versunken, Todesschweigen.--Nebeltrunken hangt der Himmel drüber her.

Nur ein matter Falter schwirrt rastlos durch das Land, das kranke.... Einsam, wie ein Gottgedanke durch die Brust des Leugners irrt.

XX

Die Fenster glühten an dem stillen Haus, der ganze Garten war voll Rosendüften. Hoch spannte über weißen Wolkenklüften der Abend in den unbewegten Lüften die Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoß sich auf die Au.... Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken, Und heimlich über flüstervollen Birken sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken ins blasse Blau.

XXI

Es gibt so wunderweiße Nächte, drin alle Dinge Silber sind. Da schimmert mancher Stern so lind, als ob er fromme Hirten brächte zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube bestreut, erscheinen Flur und Flut, und in die Herzen, traumgemut, steigt ein kapellenloser Glaube, der leise seine Wunder tut.

XXII

Wie eine Riesenwunderblume prangt voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze, ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze, die Mainacht hangt.

Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt.... Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter, nach Morgen, wo aus feuerroter Aster er Sterben trink....

XXIII

Wie, jegliches Gefühl vertiefend, ein süßer Drang die Brust bewegt, wenn sich die Mainacht, sternetriefend, auf mäuschenstille Plätze legt--

Da schleichst du hin auf sachter Sohle und schwärmst zum blanken Blau hinauf, und groß wie eine Nachtviole geht dir die dunkle Seele auf....

XXIV

O gabs doch Sterne, die nicht bleichen, wenn schon der Tag den Ost besäumt; von solchen Sternen ohnegleichen hat meine Seele oft geträumt.

Von Sternen, die so milde blinken, daß dort das Auge landen mag, das müde ward vom Sonnetrinken an einem goldnen Sommertag.

Und schlichen hoch ins Weltgetriebe sich wirklich solche Sterne ein,-- sie müßten der verborgnen Liebe und allen Dichtern heilig sein.

XXV

Mir ist so weh, so weh, als müßte die ganze Welt in Grau vergehn, als ob mich die Geliebte küßte und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.

Als ob Ich tot wär und im Hirne mir dennoch wühlte wilde Qual, weil mir vom Hügel eine Dirne die letzte, blasse Rose stahl....

XXVI

Matt durch der Tale Gequalme wankt Abend auf goldenen Schuhn,-- Falter, der träumend am Halme hangt, weiß nichts vor Wonne zu tun.

Alles schlürft hei! an der Stille sich.-- Wie da die Seele sich schwellt, daß sie als schimmernde Hülle sich legt um das Dunkel der Welt.

XXVII

Ein Erinnern, das ich heilig heiße, leuchtet mir durchs innerste Gemüt, so wie Götterbildermarmorweiße durch geweihter Haine Dämmer glüht.

Das Erinnern einstger Seligkeiten, das Erinnern an den toten Mai,-- Weihrauch in den weißen Händen, schreiten meine stillen Tage dran vorbei....

XXVIII

Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken, keinen lauten Lenz mehr mag,-- will nur einen sonnenblanken, wipfelroten Frühherbsttag.

Will die Lust, die jubelschrille, nicht mehr in die Brust zurück,-- will nur Sterbestübenstille drinnen--für mein totes Gluck.

* * * * *

LIEBEN

I

Und wie mag die Liebe dir kommen sein? Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein, kam sie wie ein Beten?--Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los und hing mit gefalteten Schwingen groß an meiner blühenden Seele....

II

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,-- mir bangte fast vor seiner schweren Pracht.... Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,-- ich hatte grad im Traum an dich gedacht. Du kamst, und leis wie eine Märchenweise erklang die Nacht....

III

Einen Maitag mit dir beisammen sein, und selbander verloren ziehn durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn zu der Laube von weißem Jasmin.

Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun, jeder Wunsch in der Seele so still.... Und ein Glück sich mitten in Mailust baun, ein großes,--das ists, was ich will....

IV

Ich weiß nicht, wie mir geschieht.... Weiß nicht, was Wonne ich lausche, mein Herz ist fort wie im Rausche, und die Sehnsucht ist wie ein Lied.

Und mein Mädel hat fröhliches Blut und hat das Haar voller Sonne und die Augen von der Madonne, die heute noch Wunder tut.

V

Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind? Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte, und du warst damals noch ein Kind.

Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte ein junges Hoffen und ein alter Gram.... Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante den "Werther" aus den Händen nahm.

Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen, dein Auge sah mich groß und selig an. Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen, und Lichter gingen durch den Tann....

VI

Wir saßen beide in Gedanken im Weinblattdämmcr--du und ich-- und über uns in duftgen Ranken versummte wo ein Hummel sich.

Reflexe hielten, bunte Kreise, in deinem Haare flüchtig Rast.... Ich sagte nichts als einmal leise: "Was du für schöne Augen hast."

VII

Blondköpfchen hinter den Scheiben hebt es sich ab so fein,-- sternt es ins Stäubchentreiben oder zu mir herein?

Ist es das Köpfchen, das liebe, das mich gefesselt hält, oder das Staubchengetriebe dort in der sonnigen Welt?

Keins sieht zum andern hinüber. Heimlich, die Stirne voll Ruh schreitet der Abend vorüber.... Und wir? Wir sehn ihm halt zu.--

VIII

Die Liese wird heute just sechzehn Jahr. Sie findet im Klee einen Vierung.... Fern drängt sichs wie eine Bubenschar: die Löwenzähne mit blondem Haar betreut vom sternigen Schierling.

Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan, der strotzige, lose Geselle. Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn und lacht und wälzt durch den Wiesenplan des Windes wallende Welle....

IX

Ich träume tief im Weingerank mit meiner blonden Kleinen; es bebt ihr Händchen, elfenschlank, im heißen Zwang der meinen.

So wie ein gelbes Eichhorn huscht das Licht hin im Reflexe, und violetter Schatten tuscht ins weiße Kleid ihr Kleckse.

In unsrer Brust liegt glückverschneit goldsonniges Verstummen. Da kommt in seinem Sammerkleid ein Hummel Segen summen....

X

Es ist ein Weltmeer voller Lichte, das der Geliebten Aug umschließt, wenn von der Flut der Traumgesichte die keusche Seele überfließt.

Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers so wie ein Kind, das stockt im Lauf, geht vor der Pracht des Christbaumzimmers die Flügeltüre lautlos auf.

XI

Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß: Heut kommt Base Olga zu Gaste. Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.

Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang und frischte sich mäßig die Kehle; und wie mein Glas an das deine klang, da ging mir ein Riß durch die Seele.

Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß mich dem Plaudern der andern zu einen, denn tief im trockenen Halse saß mir würgend ein wimmerndes Weinen.

Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück und küßtest die Lippen mir lange, und ich gab dir fiebernde Küsse zurück auf die Stirne, den Mund und die Wange.

Und da machtest du leise die Augen zu, die Wonne blind zu ergründen.... Und mir ahnte im Herzen: da wärest du am liebsten gestorben in Sünden....

XII

Die Nacht im Silberfunkenkleid streut Trâume eine Handvoll, die füllen mir mit Trunkenheit die tiefe Seele randvoll.

Wie Kinder eine Weihnacht sehn voll Glanz und goldnen Nüssen,-- seh ich dich durch die Mainacht gehn und alle Blumen küssen.

XIII

Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft, und unter Farren bluteten Zyklamen, die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft, es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen. Du warst von unserm weiten Weg erschlafft, ich sagte leise deinen süßen Namen: Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft aus deines Herzens weißem Liliensamen die Feuerlilie der Leidenschaft.

Rot war der Abend--und dein Mund so rot, wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden, und jene Flammen, die uns jäh durchloht, sie leckten an den neidischen Gewanden.... Der Wald war stille, und der Tag war tot. Uns aber war der Heiland auferstanden, und mit dem Tage starben Neid und Not. Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen, und leise stieg das Glück aus weißem Boot.

XIV

Es leuchteten im Garten die Syringen, von einem Ave war der Abend voll,-- da war es, daß wir voneinander gingen in Gram und Groll.

Die Sonne war in heißen Fieberträumen gestorben hinter grauen Hängen weit, und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen dein weißes Kleid.

Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen und bangte bebend wie ein furchtsam Kind, das lange in ein helles Licht gesehen: Bin ich jetzt blind?--

XV

Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,-- dann fühl ich mich so ernst und alt,-- wenn nur ganz leis dein glockenreines Gelächter in mir widerhallt.

Wenn dann in großem Kinderstaunen dein Auge aufgeht, tief und heiß,-- möcht ich dich küssen und dir raunen die schönsten Märchen, die ich weiß.

XVI

Nach einem Glück ist meine Seele lüstern, nach einem kurzen, dummen Wunderwahn.... Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern da hör ichs nahn....

Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen, in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,-- dann unter schattenschweren Blütenbäumen seh ich es nahn.

In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote, am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch, am Herzen jene Blume nur, die rote, trug es die auch?...

XVII

Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen, vom Abschiedsweh die Augen beide rot... "Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen." Ich sagte bang: "Die sind schon tot."

Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern. Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern, und eine Dohle schrie von fern--

XVIII

Im Frühling oder im Traume bin ich dir begegnet, einst, und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag, und du drückst mir die Hand und weinst.

Weinst du ob der jagenden Wolken? Ob der blutroten Blätter? Kaum. Ich fühl es: du warst einmal glücklich im Frühling oder im Traum....

XIX

Sie hatte keinerlei Geschichte, ereignislos ging Jahr um Jahr-- auf einmal kams mit lauter Lichte.... die Liebe oder was das war.

Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen, da liegt ein Teich vor ihrem Haus.... So wie ein Traum scheints zu beginnen, und wie ein Schicksal geht es aus.

XX

Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell erstorben im eigenen Blute. Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell auf der Kleinen verbogenem Hute.

Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich sie die Hand mir schmeichelnd und leise.-- Kein Mensch in der Gasse als sie und ich.... Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".

Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot in den Stoff meines Mantels vergrabend.... Vom Hütchen nickte die Rose rot, und es lächelte müde der Abend.

XXI

Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh will mich das Schicksal noch segnen, wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh lachende Mädchen begegne.... Lachen hör ich sie gerne.

Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr, nie kann ichs, wähn ich, vergessen... Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor, will ich mirs singen ... Indessen singens schon oben die Sterne....

XXII

Es ist lang,--es ist lang.... wann--weiß ich gar nimmer zu sagen.... eine Glocke klang, eine Lerche sang-- und ein Herz hat so selig geschlagen. Der Himmel so blank überm Jungwaldhang, der Flieder hat Blüten getragen,-- und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank, das Auge voll staunender Fragen.... Es ist lang,--es ist lang....

ADVENT

(1898)

ADVENT

Es treibt der Wind im Winterwalde die Flockenherde wie ein Hirt, und manche Tanne ahnt, wie balde sie fromm und lichterheilig wird, und lauscht hinaus. Den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin--bereit, und wehrt dem Wind und wächst entgegen der einen Nacht der Herrlichkeit.

GABEN

AN VERSCHIEDENE FREUNDE

Das ist mein Streit: Sehnsuchtgeweiht durch alle Tage Sehweifen, Dann, stark und breit, mit tausend Wurzelstreifen rief in das Leben greifen-- und durch das Leid weit aus dem Leben reifen, weit aus der Zeit!

Du meine heilige Einsamkeit, du bist so reich und rein und weit wie ein erwachender Garten. Meine heilige Einsamkeit du-- halte die goldenen Türen zu, vor denen die Wünsche warten.

Der Bach hat leise Melodien, und fern ist Staub und Stadt; die Wipfel winken her und hin und machen mich so matt.

Der Wald ist wild, die Welt ist weit, mein Herz ist hell und groß; es hält die blasse Einsamkeit mein Haupt in ihrem Schoß.

Ich liebe vergessene Flurmadonnen, die ratlos warten auf irgendwen, und Mädchen, die an einsame Bronnen, Blumen im Blondhaar, träumen gehn.

Und Kinder, die in die Sonne singen und staunend groß zu den Sternen sehn, und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen, und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.

Warst du ein Kind in froher Schar, dann kannst du's freilich nicht erfassen, wie es mir kam, den Tag zu hassen als ewig feindliche Gefahr. Ich war so fremd und so verlassen, daß ich nur tief in blütenblassen Mainächten heimlich selig war.

Am Tag trug ich den engen Ring der feigen Pflicht in frommer Weise. Doch abends schlich ich aus dem Kreise, mein kleines Fenster klirrte--kling-- sie wußtens nicht. Ein Schmetterling, nahm meine Sehnsucht ihre Reise, weil sie die weiten Sterne leise nach ihrer Heimat fragen ging.

PFAUENFEDER:

in deiner Feinheit sondergleichen, wie liebte ich dich schon als Kind. Ich hielt dich für ein Liebeszeichen, das sich an silberstillen Teichen in kühler Nacht die Elfen reichen, wenn alle Kinder schlafen sind.

Und weil Großmütterchen, das gute, mir oft von Wünschegerten las, so träumte ich, du Zartgemute, in deinen feinen Fasern flute die kluge Kraft der Rätselrute-- und suchte dich im Sommergras.

Oft denk ich auf der Alltagsreise der Nacht, und daß ein Traum mir frommt, der mir mit Lippen, kühl und leise, die schwüle Stirne küssen kommt.

Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen zu sehn.--Der Tag ist karg und klein, die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen und könnte eine Sage sein.

DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE--

das müßte sein von jenen blanken Lenztagen einer, da die Kranken man vor die dunklen Türen bringt. Im Flieder ist ein Spatzenzanken, weil keinem rechter Sang gelingt. Der Bach, dem alle Bande sanken, weiß nicht, was tun vor Glück, und springt bis aufwärts zu den Bretterplanken, dahinter Beete, kiesumringt, und Blumenblühn und Birkenschwanken. Und vor dem Häuschen, goldbezinkt, um das der Frühling seine Ranken wie liebeleise Arme schlingt-- ein blondes Kind, das in Gedanken das schönste meiner Lieder singt.

An manchem Tag ist meine Seele still: Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen. Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen den Jubel seiner Arme fesseln will.

Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin in ratlos-sehnendem Erhörenwollen: Sie warten auf den Sonntag mit den vollen Gestühlen und dem großen Orgelrollen-- und blasse Ampeln schwanken her und hin.

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen, um Beifall bettelt und um Würde wirbt, und endlich arm ein armes Sterben stirbt im Weihrauchabend gotischer Kapellen,-- nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit, in der die Welten weite Wege reisen, mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit und will hinauf und will mir ihnen kreisen.... Und das ist Seele.

Die hohen Tannen armen heiser im Winterschnee, und bauschiger schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser. Die weißen Wege werden leiser, die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern: Im grünen Ofen kracht ein Scheit und stürzt in lichten Lohgewittern,-- und draußen wächst im Flockenflittern der weiße Tag zur Ewigkeit.

Der Abend kommt von weit gegangen durch den verschneiten, leisen Tann. Dann preßt er seine Winterwangen an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus; die Alten in den Sesseln sinnen, die Mütter sind wie Königinnen, die Kinder wollen nicht beginnen mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen nicht mehr. Der Abend horcht nach innen und innen horchen sie hinaus.

Das Wetter war grau und grell; der Abend ist lichter und leiser. Sicher kommt irgendein Kaiser: Alle Häuser sind hell. Und so festlich und weich war das Abendgebimmel; die Alten schaun in den Himmel, und die Kinder sind reich.

Sonne verlodert am Himmelsrain. Durch ernteverarmte Krumen waten die Weiber feldein.

An den verschimmernden Schienenreihn beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein, sinnen Sonnenblumen.

Du arme, alte Kapelle mit deiner verstaubten Zier-- der Frühling baut eine helle Kirche neben dir.

Viel frierende Frauen hinken in deine Weihrauchruh, draußen die Kinder winken allen Rosen zu.

Die Mädchen singen: Alle Mädchen erwarten wen, wenn die Bäume in Blüten stehn; wir müssen immer nähn und nähn, bis uns die Augen brennen. Unser Singen wird nimmer froh, fürchten uns vor dem Frühling so: Finden wir einmal ihn irgendwo, wird er uns nicht mehr erkennen.

Lehnen im Abendgarten beide, lauschen lange nach irgendwo. "Du hast Hände wie weiße Seide...." Und da staunt sie: "Du sagst das so...."

Etwas ist in den Garten getreten, und das Gitter hat nicht geknarrt, und die Rosen in allen Beeten heben vor seiner Gegenwart.

Eine der weißen Vestageweihten lächelte Gnade dem Todbereiten, löste ihm von der Stirn die Schmach.

Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten des todbefreiten, Schulter breiten Epheben nach.

Im Kreise der Barone der König ritt zur Jagd. Ihm wohnte in roter Krone ein einsamer Smaragd.

Da gibts unter hellen Hufen Wege so weit und weiß; keiner hört Hilfe rufen, und der Mittag ist heiß....

Ob einer den König erkannte?

Die Dohlen im Abend schrien.

Die allerkühnste spannte den Flug schon über Ihn: Auf des Königs Stirne brannte ein einsamer Rubin.

Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit. In blanken Sälen schleichen leise Schauer. Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer, und alle Wege weltwärts sind verschneit.

Darüber hängt der Himmel brach und breit. Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen.... Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.

Irgendwo muß es Paläste geben, drin die Fenster von Staub verschnein; in der Säle hallende Reihn tauchen tote Tage hinein: Gestalten wallen, es warnt der Schrein; und kein lustiger Leuchterschein reicht In das einsame Seltsamsein....

Dorten wollen wir Feste gehen-- märchenallein.

Im Schlosse mit den roten Zinken wär ich so gern des Abends Gast. Die Fenster glühn, die Falten sinken, und meine weißen Wünsche winken mir aus dem lodernden Palast.

Ich will durch lange Hallen schleichen und in die tiefen Gärten schaun, die über alle Marken reichen. Und Frauen lächeln an den Teichen, und in den Wiesen prahlen Pfaun....

Einmal möcht ich dich wiederschauen, Park, mit den alten Lindenalleen, und mit der leisesten aller Frauen zu dem heiligen Weiher gehn.

Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen gleiten leise auf glänzendem Glatt, aus der Tiefe tauchen die Rosen wie Sagen einer versunkenen Stadt.

Und wir sind ganz allein im Garten, drin die Blumen wie Kinder stehn, und wir lächeln und lauschen und warten, und wir fragen uns nicht, auf wen....

Es kommt in prunkenden Gebreiten der Abend wie ein leiser Gott. Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten durch purpurbunte Einsamkeiten in bügelleichtem Träumertrott.

Ich atme tief. Ich werde Kaiser. Mein heiler Helm ist losgeschnallt, und meine Stirne streifen Reiser und rauschen so. Und leiser, leiser hallt Huf und Ruf im roten Wald.

Horch, verhallt nicht ein scheuer Schrei von den Hängen her? Aus dem morschen Klostergemäuer kann der Abend nicht mehr. Er sucht sich wund an der Wand. Und mit hilfloser Hand in das Säulengedränge, in ewige Gänge, wirft er den Brand. Feuer.-- In schlichtem Gewand flieht er, der Heimkehr singender Heuer leise gesellt, ins verlöschende Land.

Der König Abend weiß sich schwach und satt, und ihm geschieht: Er schenkt sein Gold dem jungen Bach, der einem Hirtensingen nach in Menschen lande zieht.

Jetzt ist der Bach ein Königskind. Er jubelt laut Alarm und gibt den wunden Krumen blind sein Gold.--Und wo die Hütten sind, dort ist er wieder arm.

Der Tag entschlummert leise,-- ich walle menschenfern.... Wach sind im weiten Kreise ich--und ein bleicher Stern.

Sein Auge licht durchwoben ruht flimmernd hell auf mir, er scheint am Himmel droben so einsam, wie ich hier....

FAHRTEN

VENEDIG

I

Fremdes Rufen. Und wir wählen eine Gondel, schwarz und schlank: Leises Gleiten an den Pfählen einer Marmorstadt entlang.

Still. Die Schiffer nur erzählen sich. Die Ruder rauschen sacht, und aus Kirchen und Kanälen winkt uns eine fremde Nacht.

Und der schwarze Pfad wird leiser, fernes Ave weht die Luft,-- traun: Ich bin ein toter Kaiser, und sie lenken mich zur Gruft.

II

Immer ist mir, daß die leisen Gondeln durch Kanäle reisen irgend jemand zum Empfang; denn das Warten dauert lang, und das Volk ist arm und krank, und die Kinder sind wie Waisen.

Lange harren die Paläste auf die Herren, auf die Gäste, und das Volk will Kronen sehn. Auf dem Markusplatze stehn möcht ich oft und irgendwen fragen nach dem fernen Feste....

III

Mein Ruder sang: Poppé, fahr zu! Ein Volk von Sklaven drängt sich im Hafen um nüchterne Feste, und die Paläste können nicht schlafen. Poppé, fahr zu!

Eisige Ruh in Marmorgliedern, mit matten Lidern erschauern die Plätze. Im Gassennetze betteln die Niedern. Poppe, fahr zu!

Sag mir, weißt du noch von den Toten, die hier geboten in köstlichen Kronen? Wo sie jetzt wohnen, die Purpurroten?

Poppé, fahr zu!

IV