Part 2
Und weil ich nie Horaz vergaß, bleib gut ich aller Welt und halte mich unverbrüchlich an die alte aurea mediocritas.
II
Der erscheint mir als der Größte, der zu keiner Fahne schwört, und, weil er vom Teil sich löste, nun der ganzen Weit gehört.
Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm doch nicht klein der Heimat Hort; denn das Vaterland, es ist ihm dann sein Haus im Heimatsort.
BARBAREN
Ich weiß von einem Riesenparke dort, wo die Stadt sich schon verliert; jetzt nagt die Axt an seinem Marke, sie sagen: er wird parzelliert.
Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas, der Mietskasernen weichen soll, der war doch wie ein Hain der Pallas der raunenden Orakel voll.
Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten, den Ort, den kein Profaner sah: Es übertönt der Lärm der Zeiten das Götterwort der Pythia.
SOMMERABEND
Die große Sonne ist versprüht, der Sommerabend liegt im Fieber, und seine heiße Wange glüht. Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...." Und wieder dann: "Ich bin so müd...."
Die Büsche beten Litanein, Glühwürmchen hangt, das regungslose, dort wie ein ewiges Licht hinein; und eine kleine weiße Rose tragt einen roten Heiligenschein.
GERICHTET
"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst, lang ist es her; doch wenn der Schein des runden Monds das Rathaus küßt, dann wallen aus dem heilgen Teyn Gerichtete in Geisterreihn ... Weh wer sie sah!
Viel Herren fielen auf dem Ring; die Herren finden Ruhe nicht;-- sie zogen eines Nachts: Es ging voran Herr Christus, groß und licht, mit ernstem, traurigem Gesicht ... Und einer sahs!
Der war ein Maler. Und im Flug malt er, wie er geschaut, den Ring. Er malt den ganzen Geisterzug, dem ernst voran Herr Christus ging. Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ... Jetzt ist er tot.--
DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE
Der Tag ging aus mit mildem Tone, so wie ein Hammerschlag verklang. Wie eine gelbe Goldmelone lag groß der Mond im Kraut am Hang.
Ein Wölkchen wollte davon naschen, und es gelang ihm, ein paar Zoll des hellen Rundes zu erhaschen, rasch kaut es sich die Bäckchen voll.
Es hielt sich lange auf der Flucht auf und zog sich ganz mit Lichte an;-- da hob die Nacht die goldne Frucht auf: Schwarz ward die Wolke und zerrann.
FREIHEITSKLÄNGE
Böhmens Volk! In deinen Kreisen weckt ein neuer Genius alte, heiße Freiheitsweisen, und die mahnen nicht mit leisen Worten, daß dein Fesseleisen ganz zerschmettert werden muß.
Diese Streitpoeten blasen lockend; und in Stücke haun kannst du, Volk, in deinem Rasen des Gesetzes Marmorvasen, doch du kannst aus ihren Phrasen keine Zukunft dir erbaun.
Tief in Herz und Sinn in treuer Hoffnung senk die Liedersaat, sind dir deine Dichter teuer, daß daraus ein Lenz, ein neuer, keime.--Was dann blieb vom Feuer, das entflamme dich zur Tat.
NACHTBILD
Auch auf der Theaterrampe wird es stille nach und nach.-- Eine eitle Bogenlampe schaut sich in ein Droschkendach.
Auf dem leeren Gangsteig zucken Lichter.--Sehn nicht dort am Haus helle Dachmansardenlucken wie verweinte Augen aus?
HINTER SMICHOV
Hin gehn durch heißes Abendrot aus den Fabriken Männer, Dirnen,-- auf ihre niedern, dumpfen Stirnen schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.
Die Mienen sind verstumpft; es brach das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle den Weg, und Staub zieht und Gejohle wie das Verhängnis ihnen nach.
IM SOMMER
Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer auf Moldauwogen uns nach Zlichov zu jenem Kirchlein, hoch und frei. Im blauen Nebel schwindet Smichov;-- zur Rechten Flächen braun von Ampfer, zur Linken stolz die "Loreley".
Wir legen an; und sieh, ein Alter begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!" Am Friedhofsrand dann lehnen wir. Hoch blaut des Himmels Prachtzyane, und unser Träumen hebt, ein Falter, auf Sonnenflügeln sich zu ihr.
AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)
Auf schloß das Erztor der Kustode. Du sahst vor Blüten keine Gruft. Der Lenz verschleierte dem Tode das Angesicht mit Blust und Duft; da stieg wie eine Todesode ein Trauermantel in die Luft.
Wir sahn ihn beide und wir schwiegen.... Rings feierte Mittsommerlicht, in den Syringen summten Fliegen.-- Da lag ein Schädel vor uns dicht; aus seinen leeren Augen stiegen verkümmerte Vergißmeinnicht.
VIGILIEN
I
Die falben Felder schlafen schon, mein Herz nur wacht allem; der Abend refft im Hafen schon sein rotes Segel ein.
Traumselige Vigilie! Jetzt wallt die Nacht durchs Land; der Mond, die weiße Lilie, blüht auf in ihrer Hand.
II
Am offnen Stubenfenster lehn ich und träume in die Nacht hinauf; das Mondlicht windet silbersträhnig sich um den schwarzen Kirchturmknauf.
Sehn wenig Welten aus den Fernen auch durch den engen Hof ins Haus,-- es füllte Licht von zehen Sternen ein ganzes, dunkles Leben aus.
III
Horch, der Schritt der Nacht erstirbt in der weiten Stille; meine Schreibtischlampe zirpt leis wie eine Grille.
Goldig auf dem Bücherstand glühn der Bände Rücken: zu der Fahrt ins Feenland Pfeiler für die Brücken.
IV
Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht beim toten Mütterlein verbracht und hat geweint und hat gewacht;-- dann gingen Jahre, Jahre sacht: nie hat sie jener Nacht gedacht.
Und dann kam eine andre Nacht. Da hat von Glut und Sünd entfacht die rote Lippe Lust gelacht, doch plötzlich--wie durch höhre Macht dacht sie der Nacht der Leichenwacht.
DEK LETZTE SONNENGRUSS
Zu einem Bilde des Benes Knüpfer
Die Sonne schmolz, die hehre, ins weiße Meer so heiß. Zwei Mönche saßen am Meere, ein blonder und ein Greis.
Der sann: Geh ich einst rasten, so friedlich mög es sein-- und jener: Des Ruhmes Glasten sollt mir mein Sterben weihn.
KAISER RUDOLF
Hoch auf seiner Himmelswarte über einer Sternenkarte sitzt der Kaiser Rudolf dort, forschend, ob der langerharrte Flugstern, der die Weisen narrte, streifen würde diesen Ort.
Und er fragt den Astrologen, der am hohen Himmelsbogen alle Wanderwege weiß: "Wird von Unglück der betrogen, den der Stern hineingezogen in den unheilvollen Kreis?"
Und der Alte weicht ihm leise aus: "Der Stern zieht seine Gleise, Herr, im fernen Ätherreich!" Und gen Süden sieht der Weise;-- und der Kaiser schaut die Kreise seines Globen, ernst und bleich.--
Und von Süden kommt Verderben, kommt Matthias.--Eilge Erben lassen ihm nur den Hradschin; und der Kaiser spricht im herben Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben, denn schon bin ich tot für 'ihn'.
Alter! Laß den Bück uns heben! du hast recht, die Sterne schweben hoch ob allem Erdenbann; aber--die nach ihnen streben, knüpfen selbst ihr dunkles Leben an die lichten Lose an!--"
AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE
Kohlenskizzen in Callots Manier
1. KRIEG
Feinster ist die Welt geworden,-- darum Dörfer rasch entloht! und die Welt ist grau;--drum rot färbt sie durch das Morden!
Bauer! Bittest um dein Leben? Nimm dirs! Aber bei uns bleib! Herrgott hat dir Ochs und Weib nur für uns gegeben.
Laß den Teufel Felder pflügen; sieh, wir haben stets genung! Vorwärts--einen Werbetrunk aus den vollen Krügen!
2. ALEA JACTA EST
"... Tod oder Sold!" Und jetzt die Trommel schnell her. Auf das Trommelfell Würfel gerollt.
So wird dem Lohn, der unsre Streiche sucht. Sieh, der Baum, reiche Frucht trägt er doch schon!
Solltest schon längst hängen dran, Kamerad! Drum ists nicht jammerschad, wenn du dann hängst!
3. KRIEGSKNECHTS-SANG
Lag auf einer Trommel nackt, kaum zwei Spannen lang, und der rauhe Trommeltakt war mein Wiegensang.
Wild zu wettern taugte ich damals schon im Zorn, meine Milch, die saugte ich aus dem Pulverhorn.
Damals taufte jeden gut der Korp'ral; beim Schopf nahm er ihn, goß Schwedenblut heiß ihm übern Kopf.
4. KRIEGSKNECHTS-RANG
Bei uns gibts nicht Edelinge, die was gelten durch ihr Blut, jedes Rang ist jedes Klinge, und sein Wappen ist der Mut.
Wer nur immer kühn sein Schwert hält den Schild von Schande rein, wer noch gestern unterm Heer zog, Herzog kann er morgen sein.
5. BEIM KLOSTER
Was gibts?--Eine Klosterpforte?-- Ei, Potz Blitz! Eine Tür von dieser Sorte renn ich ohne viele Worte ein mit meiner Nasenspitz!
Auf das Tor ein fester Stempel.... Pfaffe, komm! Jetzt heraus mit deinem Krempel, paar Monstranzen zum Exempel und paar Kelche: wir sind fromm.
Laß jetzt dein: Peccavi, pater.... Leucht zum Wein uns mit deiner Nase, frater, dorten kannst du uns ein Rater, und ein "Seelensorger" sein!
6. BALLADE
Gestern zogen wilde Horden durch das Dörfchen hin mit Morden, und ein Mädchen sinnt jetzt still: Ist der Liebste untreu worden, weil er heut nicht kommen will?-- Draußen schrien die Dohlen.
Mädchen ging mit bleicher Wange durch das Haus.--Sie harrte lange, und des Nachts floh sie der Schlaf. Und sie schlich hinaus zum Hange, wo sie stets den Teuren traf. Ängstlich schrien die Dohlen.
Und die Nacht war schwarz, die schwüle, fern nur brannte eine Mühle.... Weinend wählt die matte Maid sich gar weiches Kraut zum Pfühle und entschlief in lauter Leid. Schrieen noch die Dohlen?
Spät erwacht sie. Nebel grauten rings--soweit die Augen schauten.... Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt, ist das Haar an ihres Trauten blutigem, zerschelltem Haupt.-- Schrecklich schrien die Dohlen.
7. DER FENSTERSTURZ
"Naht Verrat mit leisem Schritte, ungerächt, bei der Madonna, bleibt er nicht! Nach alter Sitte zu den Fenstern!" schrie Colonna.
"Schont den Popel! doch die andern, jeder eine feige Natter, aus den Fenstern laßt sie wandern! Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!"
Bange hangt am Fensterstocke Martinitz noch.--Da Geröchel: Turn schwingt seine Degenglocke und zerschmettert ihm die Knöchel.
Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er, Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!" "Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister lasse alle Glocken läuten!"--
8. GOLD
"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold. Wo hast das Gold du her?"-- "Da schaust du, Kind, das ist mein Sold, kein Obrist hat wohl mehr!"
"Nein, das ist gutes, rotes Gold, das kann dein Sold nicht sein!" "Beim Spielen war das Glück mir hold, und da ward alles mein!"
"Ist wirklich alles dein--das Gold, gesteh,--und ists kein Trug?"-- "Nun, Würfel haben mit gerollt und jetzt laß es genug!"
"Und gibst du mir auch von dem Gold?" "Das weißt du!"--"Nein, du Schelm, just auf der Stelle, sieh, ich wollt, du füllst mir deinen Helm!"
"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt, der Glanz gefällt mir gut!--
... Schau, was dir da am Finger klebt, kam das vom Golde?--Blut!"--....
9. SZENE
Du kniest am Markstein, Alter, sprich!-- Das ist kein Heilgenbild!" "Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich das Schicksal gar so wild."
"Hast du kein Haus, hast du kein Land, das deiner Hände braucht?" "Das Land zerstampft, das Haus verbrannt, sieh hin--gewiß--es raucht."
"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn und hilft dir aus der Not?" "Mein Sohn zog in den Krieg davon, jetzt ist er sicher tot."--
"Was streicht dir deines Haares Schnee der Tochter Hand nicht, weich?"-- "Der bracht ein Troßbub Schand und Weh, da sprang sie in den Teich."--
"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach das Herz dir auch vor Graus...."
* * * * *
"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach mir beide Augen aus."
10. FEUERLILIE
Winters, ab die Äste krachten, keine Bäche konnten frieren, weil die Fluten Blutes ihren Pulsschlag immer neu entfachten.
Als die Zeit kam, da die Blume aufwacht und der Vogel flötet, sprang die Lilie selbst gerötet aus der todgedüngten Krume.
11. BEIM FRIEDLAND
Heimgekehrt von Schlacht und Schlag freut sich Obrist und Gemeiner; denn jetzt hält der Wallensteiner wieder seinen Hof zu Prag.
Just ließ frei den Turn er ziehn; das war so von seinen Trümpfen einer.--Drauf ward Nasenrümpfen Mode ... dort bei Hof zu Wien.
Laßt sie zetern. Friedlands Heer muß nicht darben und nicht dürsten,-- und aus Knechten macht er Fürsten, unser Herzog.--Wer kann mehr?
12. FRIEDEN
Prag gebar die Mißgestalt dieses Krieges, der voll Tücke hauste.--Auf der Karlsbrücke starb er, dreißig Jahre alt.
Endlich riß das Eisenstück nur dem Acker eine Schramme, und vom Kirchturm schlug die Flamme in den trauten Herd zurück.
BEI DEN URSULINEN
Geh mittags zu den Ursulinen, wenn man den Armen Speise trug, da siehst du, wie in müde Mienen die Not schrieb ihren Namenszug.
Da siehst du Stirnen, die schon frühe des Schmerzes Eisenreif umschloß, und Wangen, die der Dunst der Brühe mit falscher Röte übergoß.
Du hörst, wie leisem Dankesworte sich Fluch bald, bald Gebet gesellt: so brandet an der Klosterpforte das ganze Elend dieser Welt.
AUS DER KINDERZEIT
Sommertage auf der "Golka".... Ich, ein Kind noch--Leise her, aus dem Gasthaus klingt die Polka, und die Luft ist sonnenschwer.
Sonntag ists.--Es liest Helene lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz ziehn die Wolken, wie die Schwäne aus dem Märchen Andersens.
Schwarze Fichten stehn wie Wächter bei der Wiesen buntem Schatz; von der Straße dringt Gelächter bis zu unserm Laubenplatz.
An die Mauer lockt uns beide mancher laute Jubelschrei: drunten geht im Feierkleide Paar um Paar zum Tanz vorbei.
Bunt und selig, Bursch und Holka, Glück und Sonne im Gesicht!-- Sommertage auf der "Golka",-- und die Luft war voller Licht....
RABBI LÖW
"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem Bann der Not; heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns der Tod. Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und kaum hat der Leichenwart eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das ist hart." Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen Bocher rasch herein--" So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese Nacht dich ganz allein;" "Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör, um Mitternacht tanzen all die Kindergeister auf den grauen Steinen sacht. Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein Herz beklemmt, Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn sein Leichenhemd, raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir! Begreifst du wohl?" "Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt die Antwort hohl.
Mitternacht und Mondgegleiße,-- ... und es stürzt der totenblasse Bocher bebend durch die Gasse, in der Hand das Hemd, das weiße.
Da jetzt ... sind das seine Schritte?... Jach kehrt er zurück das bleiche Antlitz: weh, die Kindesleiche, folgt ihm nach, im Aug die Bitte:
"... Gib das Linnen, ohne Linnen lassen mich nicht ein die Geister...." Und der Bocher, halb von Sinnen, reicht es endlich seinem Meister.
Und schon naht der Geist mit Klagen.... "Sag, was sterben hundert binnen Tagen?--Kind, du mußt es sagen, früher darfst du nicht von hinnen."
So der Rabbi.--"Wehe, wehe," ruft der Geist, "aus unserm Stamme haben zwei entehrt der Ehe keusche, reine Altarflamme!
Hier die Namen!--Sucht nicht fremde Ursach, daß euch Tod beschieden...." Und der Rabbi reicht das Hemde jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"
Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung stieg der Tag in rosgem Licht, hielt der Rabbi schon Gericht,-- und der Unschuld ward Befreiung.
Mit der Geißel des Gesetzes brandmarkt er die Sünderstirn;-- langsam löste jedes Hirn ich vom Bann des Fluchgenetzes.
Manches Paar war da erschienen, dankerfüllt, daß Gott verzieh, und der Weise segnet sie.-- Freude lag auf aller Mienen.
Nur der Bocher warf, der bleiche, sich im Fieber hin und her.... Doch nach Beth Chaim lange mehr trug man keine Kindesleiche.
DIE ALTE UHR
Bald hättest, alte Rathausuhr, du nimmer dürfen Stunden weisen; sie hätten bald in altem Eisen versplittert deine letzte Spur.
Der Geizhals hart zum letztenmal sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen, zum letztenmal der Tod mit Glotzen geschwungen seinen Sensenstahl.
Dann hätt der Hahn auch ausgekräht. Und heut noch kräht er; freilich heiser, noch nickt der Geizhals fort, und leiser droht ihm des Todes Majestät.
KÄMPFEN
I
Ein heißer Eid, ein gramerpreßter, der leicht von jungen Lippen rinnt, der machte zur barmherzgen Schwester fast über Nacht ein blondes Kind.
Des jungen Lebens Wellen fließen fortan durch Krankenstuben still; es träumt ihr Herz noch vom Genießen, wenn auch das Aug es leugnen will.
Denn mit der Strenge der Asketen drängt sie zurück, was in ihr quillt, und geht um Kraft nach Emaus beten zum wunderstarken Gnadenbild.
SIEGEN
II
Der Tag beginnt sich kaum zu lichten; "Heut sei im Glauben stark wie nie und geh mit Gott an deine Pflichten: Es ist ein Fall von Diphtherie...."
Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken, und doch packt ihn der Tod beim Hals.... Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken, erfröstelnd in dem Schutz des Schals.
Als man vorbei beim Kloster gestern den Kleinen trug ins Bett von Lehm, klang aus der "Kirche von den Schwestern" ganz leis ein Totenrequiem....
IM HERBST
Ein Riesenspinngewebe, zieht Altweibersommer durch die Welt sich;-- und der Laurenziberg gefällt sich im goldig-bläulichen Habit.
Weil er so mild herübersieht, sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken, die Sonne hinter seinem Rücken schon frühe ihr Valladolid.
DER KLEINE "DRATENÍK"
Kommt so ein Bursche, ein junger, Mausfallen, Siebe am Rücken, folgt mir durch Gassen und Brücken: "Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.
Nur einen Krajcar, nur einen für ein Stück Brot, milost' pánků!" Da!--Und er stammelt mir Dank zu, doch läßt nicht Ruh er den Beinen.
Lebt nicht von bloßem Gelunger.-- Riecht an den Türen den Braten und muß die Pfannen doch drahten-- leer:--das macht 'türkischen Hunger'.
IN DER VORSTADT
Die Alte oben mit dem heisern Husten, ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott, sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott.... Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.
Und unten stand der schwarze Kastenwagen. Die letzte Klasse; als der Totenschrein sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein, und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.
Der Kutscher hieb in seine magern Mähren und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin, als wenn da nicht ein ganzes Leben drin voll Weh und Glück und tote Träume waren.
BEI ST. HEINRICH
Hart am Kirchenaltargitter, wo die Ampel flammt, die matte, schlaft ein alter, alter Ritter unter grauer Wappenplatte.
Lebend hielt er hoch sein Wappen, sorgte immer für sein Blinken;-- weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen alte Weiber drüber hinken?
MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT
Fern dämmert wogender Wälder beschatteter Saum. Dann unterbricht nur hie und da ein Baum die falbe Fläche hoher Ährenfelder. Im hellsten Licht keimt die Kartoffel; dann ein wenig weiter Gerste, bis der Tann das Bild begrenzt. Hoch überm Jungwald glänzt so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;-- und drüber wölbt sich ein Himmel, blank und blau.
DAS HEIMATLIED
Vom Feld klingt ernste Weise; weiß nicht, wie mir geschieht.... "Komm her, du Tschechenmädchen, sing mir ein Heimatlied."--
Das Mädchen läßt die Sichel, ist hier mit Husch und Hui,-- setzt nieder sich am Feldrain und singt: "Kde domov můj"....
Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen das Aug mir zugewandt,-- nimmt meine Kupferkreuzer und küßt mir stumm die Hand.
* * * * *
TRAUMGEKRÖNT
(1897)
KÖNIGSLIED
Darfst das Leben mit Würde ertragen, nur die Kleinlichen macht es klein; Bettler können dir Bruder sagen, und du kannst doch ein König sein.
Ob dir der Stirne göttliches Schweigen auch kein rotgoldener Reif unterbrach,-- Kinder werden sich vor dir neigen, selige Schwärmer staunen dir nach.
Tage weben aus leuchtender Sonne dir deinen Purpur und Hermelin, und, in den Händen Wehmut und Wonne, liegen die Nächte vor dir auf den Knien....
TRÄUMEN
I
Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle; auf dem Altare prahlt ein wilder Mai. Der Sturm, der übermütige Geselle, brach längst die kleinen Fenster schon entzwei; er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei und zerrt dort an der Ministrantenschelle. Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle den arg erstaunten fernen Gott herbei. Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei. Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle und schmettert an den Fliesen sie entzwei.
Und arme Wünsche knien in langer Reih vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle. Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.
II
Ich denke an: --Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen, drin Hahngekräh; und dieses Dörfchen verloren gegangen im Blütenschnee. Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen ein kleines Haus; ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen verstohlen heraus. Rasch auf die Türe, die angelheiser um Hilfe ruft,-- und dann in der Stube ein leiser, leiser Lavendelduft....
III
Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen; vor seiner Türe saß ich spät, wenn hinter violetten Zweigen bei halb verhalltem Grillengeigen die rote Sonne sterben geht.
Wie eine Mütze grünlich-samten steht meinem Haus das moosge Dach, und seine kleinen, dickumrammten und blank verbleiten Scheiben flammten dem Tage heiße Grüße nach.
Ich träumte, und mein Auge langte schon nach den blassen Sternen hin,-- vom Dorfe her ein Ave bangte, und ein verlorner Falter schwankte im schneeig schimmernden Jasmin.
Die müde Herde trollte trabend vorbei, der kleine Hirte pfiff,-- und in die Hand das Haupt vergrabend, empfand ick, wie der Feierabend in meiner Seele Saiten griff.
IV
Eine alte Weide trauert dürr und fühllos in den Mai,-- eine alte Hütte kauert grau und einsam hart dabei.
War ein Nest einst in der Weide, in der Hütt ein Glück zu Haus; Winter kam und Weh,--und beide blieben aus....
V
Die Rose hier, die gelbe, gab gestern mir der Knab, heut trag ich sie, dieselbe, hin auf sein frisches Grab.
An ihren Blättern lehnen noch lichte Tröpfchen,--schau! Nur heute sind es Tränen,-- und gestern war es Tau....
VI
Wir saßen beisammen im Dämmerlichte. "Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr, du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte von der Prinzessin mit goldnem Haar?"--
Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau; und von der schonen Prinzessin die Sage weiß sie wie Mütterchen ganz genau....
VII
Ich wollt, sie hätten statt der Wiege mir einen kleinen Sarg gemacht, dann wär mir besser wohl, dann schwiege die Lippe längst in feuchter Nacht.
Dann hätte nie ein wilder Wille die bange Brust durchzittert,--dann wärs in dem kleinen Körper stille, so still wie's niemand denken kann.
Nur eine Kinderseele stiege zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht.... Was haben sie mir statt der Wiege nicht einen kleinen Sarg gemacht?--
VIII
Jene Wolke will ich neiden, die dort oben schweben darf! Wie sie auf besonnte Heiden ihre schwarzen Schatten warf.
Wie die Sonne zu verdüstern sie vermochte kühn genug, wenn die Erde lichteslüstern grollte unter ihrem Flug.
All die goldnen Strahlenfluten jener Sonne wollt auch ich hemmen! Wenn auch für Minuten! Wolke! Ja, ich neide dich!
IX
Mir ist: Die Welt, die laute, krank hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben und mir nur ist der Weltgedanke, der große, in der Brust geblieben.
Denn so ist sie, wie ich sie dachte; ein jeder Zwiespalt ist vertost: auf goldnen Sonnenflügeln sachte umschwebt mich grüner Waldestrost.
X
Wenn das Volk, das drohnenträge, trabt den altvertrauten Trott, möcbt ich weiße Wandelwege wallen durch das Duftgehege ernst und einsam wie ein Gott.
Wandeln nach den glanzdurchsprühten Fernen, lichten Lohns bewußt;-- um die Stirne kühle Blüten und von kinderkeuschen Mythen voll die sabbatstille Brust.
XI
Weiß ich denn wie mir geschieht? In den Lüften Düftequalmen und in bronzebraunen Halmen ein verlornes Grillenlied.
Auch in meiner Seele klingt tief ein Klang, ein traurig-lieber,-- so hört wohl ein Kind im Fieber, wie die tote Mutter singt.
XII
Schon blinzt aus argzerfetztem Laken der holde, keusche Götternacken der früherwachenden Natur, und nur in tiefentiegnen Talen zeigt hinter violetten, kahlen Gebüschen sich mit falschem Prahlen des Winters weiße Sohlenspur.