Part 9
Des großen Loyola kühne Sprossen, Die euch zerschmettert hat Port Royal, Euch, die mit Krieg umlauert' unverdrossen, Auf Nicolaus sich stützend, einst Pascal; Ihr, die ihr Romas Waffen für euch nützend, In Arnauld grifft die Augustiner an, Und die Gemeinheit eurer Plane stützend, Auf ihn herabzogt schweren Kirchenbann, Die an Quesnel ihr, Bérules würdigem Sohn, Euch oft mit Peitschenhieben bitter rächtet; Aus seinen Büchern lesend voller Hohn Gefühle, die Molina einst geächtet, Habt ihr Clemens den elften aufgebracht, Daß er den Brand warf auf sein mächtiges Buch. Ihr, die ihr euch nach China aufgemacht Um Christi Glauben -- heilig der Versuch -- An des Confucius Stelle dort zu setzen, Dem in Pagoden man mit listigem Wort Zweideutig dient, so wie es Priester schätzen. Verderber der Moral ihr fort und fort, Die ihr erweitert stets des Heiles Pfade Und die ihr, leitend auf dem Blumensteg Die Büßer, die euch schickt des Himmels Gnade, Unkraut sät aus auf Gottes Feld und Weg. Ihr, des Jahrhunderts listige Schmeichlerschar, Des Lugs und Trugs elende Künstler ihr, Maskiert seid ihr, dennoch der Maske bar Für jeden, doch willkommen dort und hier, (Kein Ort ist auf der ganzen Erdenrunde Wo ihr nicht eure dunkle Rolle spielt). Gebt von den Mitteln uns doch, bitte, Kunde, Durch die des Trugs Kunst ihr so gut erzielt Beim Christenvolke wie bei allen Heiden! Wenn eurem Märtyrerbuche glaubt mein Mut, In dem die Lüge prunkt mit euren Leiden, Dann rötet Indien sich von eurem Blut. Orakelt da auf einem Dreifuß kühn, Und der auf Wunder gierige Heide sieht Sie nach dem Willen seiner Wünsche blühn. Der hagre Tod, bleifarben ist er, zieht Die Hand von seiner Beute, wenn ihr's wollt. Durch euch das Blut, das er gerinnen läßt, In allen Adern neubelebend rollt. Auf den Befehl von einem Knirpse preßt Der Wolken Blau zu Regen sich zusammen. Ihr macht des Windes Brausewut zu nichte. Ein Wort von euch, der Blitz hört auf zu flammen. Und darauf schrieb ich nieder die Geschichte, Ihr Ehrenwerten, die ihr hören sollt: Nach Lima, in Golconda, wo die Erde Den reichen Stein in Flusses Sande rollt, (Man schleift ihn, daß zurückgestrahlet werde Das Licht vielhundertfach) kam eine Schar Ignatiusschüler, pflanzte Christi Wort In der Indianer Seele wunderbar. Die Söhne nun an Indiens Uferbord Katechisierten wahrlich sie sehr fein. Die Franziskaner, die mit ihnen kamen, Weihten die Weiber in die Lehre ein; Herrlich ging auf des Christenglaubens Samen Dank dieser Teilung, so daß unser Gott Die neue Erbschaft trat mit Prächten an. Die Macht wuchs ständig, und es ward ein Spott Der Dämon, jener feiste Broncemann, Den Bonzentorheit dort anbeten ließ, Durch des Franziskus und Ignatius Sprossen; Und seine Rechte schwanden überdies. Die neuen Pflanzen aber dort genossen Gar vieler Gottesgnaden Honigseim. (Doch der sichtbaren Gnade süße Last Nur spärlich troff, war zäh wie Vogelleim, Der kleine Sänger fesselt an den Ast.) Dank mancher schönen Worte, guter Streiche, Hielt man für Heilige sie, und sie verehrt Das Volk, das sie bekehrt in jenem Reiche. Golcondens Herrscher wurde das gelehrt. Erzheide war der, der von seinem Teufel So gut bedient war, daß er immer den Unreinen Geist anbetet sonder Zweifel. Die neu'n Apostel wollte er nun sehn, Die seines Teufels Nebenbuhler waren. Er glaubte, daß sie ihm Orakel sagen, Ihm wie Herodes Wunder offenbaren. Das Kreuz vor ihn die weisen Patres tragen Und kündigen von dem, der für uns starb, Und lästern schnöde Satans Götzenbild. Des Königs Laune aber das verdarb, Und ihre Reden machten bald ihn wild. »Ihr Herrn,« sprach er, »wenn man so lacht der Götter Und einen neuen Götzendienst preist an, Stützen sich auf Beweise wohl die Spötter. -- Sechs Monde schon mein armes Land gewann Kein Tröpfchen Regen. Ich verlange nun Von euch, daß Euer Götze regnen läßt, Und sollt' er's nach drei Tagen Frist nicht tun, So nehm' ich Euch als böse Lügner fest, Bedenkt das!« Unsre Kuttenträger schrien Vergebens, daß das Gott versuchen hieße; Den König überzeugte nicht ihr Mühn. »An solchem Zeichen sich erkennen ließe,« So er, »ob Euer Gott der Herr der Welt ist!« Die Mönche mußten es ihm denn zusagen. Wie's um das Barometer wohl bestellt ist, Sehn täglich nun voll Eifers nach die Zagen; Das zeigte stets nur schönes Wetter an. Sein Bündel schnürte eiligst jeder Pater. Märtyrer werden? Nein, das will kein Mann. Den sie als Pfand gelassen nun, der Frater Der gar für sie die Kosten sollte zahlen, Er fragte sie, weshalb sie so verführen? »Weh,« schrien sie, »der Fürst droht uns mit Qualen, Ein Eisenband soll unsern Kragen zieren!« »Bei Loyola, ist das alles?« schrie Verdrossen der, und schlug in seine Hände, »Geht hin und sprecht: »Es regnet morgen früh, Es wäre sonst mit mein'm Latein zu Ende!« Nicht Lüge war des neu'n Elias Wort. Es türmten Wolken sich vom Meer her auf, Fruchtbarer Regen fiel am Morgen dort, In neuem Grün entstand das Land darauf. Die von Golconda schrien Wunder und Priesen den Pater unter Händefalten. Zu frohen Mönchen sprach des' leiser Mund, »Confratres, liebe, wenn ich Wort gehalten, So dankt Ihr's einem Liebesleiden, das Für Euch der Himmel mir ausdrücklich schickte; Das stets, eh' auftat sich das Regenfaß Des Himmels, mich ganz gottserbärmlich zwickte. Bleibt's aber trocken, lindert sich der Schmerz Und hört fast auf!« Doch das Golcondens Herrn Anzuvertrauen, hat man nicht das Herz. So glaubte man im Lande gut und gern, Daß dieses Wunder ihrer Heiligkeit, Nicht aber Frucht war einer bösen Pest; Mit der der alte Schlaukopf seiner Zeit Vergiftet sich. -- Da Böses also läßt Gutes entstehen, ist dieses Leiden worden Ein Dauergeschenk dem Jesuitenorden.
Allen Spaß beiseite, -- man sieht, welchen Nutzen dieses seltsame Barometer sowohl China wie den Missionaren brachte, die sich dadurch zu ihrer berühmten Klage über die Lavements veranlaßt sahen. Die Chinesen kennen diese Art Einspritzung, die man durch den After in die Gedärme macht, erst seit dem Auftauchen der Jesuiten in ihrem Kaiserreiche, drum nennen es die Völker dort, wenn sie sich seiner bedienen, das Heilmittel der Barbaren.
Als die Jesuiten sahen, daß das unedle Wort Lavement das Klistier abgelöst hatte, gewannen sie den Abt von Saint Cyran und setzten ihren Einfluß auf Ludwig XIV. daran, um durchzusetzen, daß das Wort Lavement auf die Liste der unanständigen Ausdrücke gesetzt würde, so daß der Abt von Saint Cyran sie beim Pater Gargasse tadelte, den man die Helena des Kriegs zwischen Jesuiten und Jansenisten nannte. »Ich aber«, sagte der Pater Gargasse, »verstehe unter Lavement nur Gurgeln: die Apotheker sind's, die dem Worte die unschickliche Bedeutung gegeben haben!« Man ersetzte also das Wort Lavement durch Heilmittel. Da Heilmittel zweideutig ist, erschien es als anständiger; und das ist so ganz unsere Schicklichkeitsart[A]. Ludwig XIV. gewährte dem Pater le Tellier diese Gnade. Der Fürst forderte keine Lavements mehr, er forderte sein Heilmittel. Und die Akademie bekam den Auftrag, dies Wort mit seiner neuen Bedeutung in ihr Wörterbuch zu setzen . . . Ein würdiger Gegenstand für eine Hofkabale!
[Fußnote A: In unseren Tagen hat man auf ähnliche Weise Havarie (Haferei) an die Stelle von Lustseuche gesetzt.]
Allem Anscheine nach wurde die schimpfliche, Harnröhrenentzündung genannte, Krankheit das Jesuitenbarometer im Vaterlande des Confucius. Wie es heißt, war diese Krankheit, die sich im Jesuitenorden von Pater auf Pater fortpflanzte, nichts anderes als das, von dem die Schrift sagt: und der Herr schlug die aus der Stadt und vom Lande in den After[A]. Zur Heilung dieser Krankheit haben die Jesuiten eine Messe in einem zu Ehren des heiligen Hiob gedruckten Meßbuche. Nichts gibt es, was mit ihrer Moral nicht in Einklang zu bringen wäre; denn es ist gewiß, daß ihre Kasuistiker den Mut aufbringen, der Gefahr der Harnröhrenentzündung zu trotzen, geschweige denn sich ihr auszusetzen, wenn sie des Glaubens sind, daß das Werk Gottes dabei beteiligt sein könnte. Man liest in der Sammlung des Jesuitenpaters Anufin ein merkwürdiges Geschehnis, das einem ihrer Novizen sich ereignete, der sich mit einem jungen Manne erlustierte und inmitten seiner lebhaften Unterhaltung von einem Confrater überrascht wurde. Dieser hatte die Klugheit besessen, durchs Schlüsselloch zu beobachten und sich still zu verhalten. Als aber die Geschichte zu Ende und der Novize fortgegangen war, sagte er zu seinem Kameraden: »Unglücklicher, was hast du eben gemacht? Ich habe alles gesehen; du verdientest, daß ich dich anzeigte; noch ganz entflammt bist du von der Üppigkeit . . . du kannst dein Vergehen nicht ableugnen!« -- »Ach, mein lieber Freund,« antwortete der Schuldige mit einem festen und heftigen Tone, »wißt Ihr denn nicht, daß der ein Jude ist? Ich will ihn bekehren oder er soll Jesu Christi Feind bleiben. Habe ich nicht, wenn ich dieses oder jenes annehme, alle Ursache ihn zu verführen, entweder um ihn zu retten oder um ihn noch schuldbeladener zu machen?« Bei diesen Worten wirft sich der Novize, der ihn beobachtet hatte, überzeugt, besiegt, von Bewunderung durchdrungen, vor ihm nieder, küßt seinem Confrater die Füße und macht seinen Bericht. Und der handelnde Novize wurde unter die in den Werken des Allmächtigen Wirkenden einregistriert.
[Fußnote A: Buch der Könige, I. Kap., Vers 26.]
Die Linguanmanie
Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfänglichen Neigungen zurückführte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome überladen worden sind, würden die Wörterbücher weniger umfangreich und die Gesellschaften minder verderbt sein.
Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit Liebe bestickt? Wenn ihre Kräfte sich damit zufrieden gegeben hätten, die moralischen Illusionen zu verschönern, würden wir uns dazu beglückwünschen. Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefühlvolle Einbildungen, und darum gibt's unter den Menschen mehr Ausschweifung als Zärtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte nötig, um alle Schattierungen eines Gefühls auszudrücken, das lau oder heiß, lasterhaft oder heroisch, edelmütig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird. Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und Unzucht zum Beispiel sind durchaus natürliche Fähigkeiten zur Lust, denn mehrere Tierarten sind geil und unzüchtig; unkeusche aber gibt es nicht. Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und nicht vom natürlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drückt sich durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie kündigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne daß die beweisende Tatsache ganz gewiß ist, sie verspricht aber viel Vergnügen an der Lust und hält ihr Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlängert und ausgedehnt hat.
Schließlich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts weiter als einen Heißhunger anzeigen, der dazu verführt, ohne Maßen und ohne die Zurückhaltung, die vielleicht dem größeren Teile der menschlichen Institution natürlicher ist, als man annimmt, zu genießen, zu suchen; ohne die Zurückhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern, die einen verbrennen, deren Glut aber so verführerisch ist, daß man sie, nachdem man sie gelöscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und auszulöschen.
Dieser Zustand hängt einzig und allein von der Natur und von unserer Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedürfnisgefühl, Nahrung zu sich zu nehmen, das durch ein Übermaß von Sinnlichkeit zur Gefräßigkeit führt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natürliches Bedürfnis ist, obwohl es weniger oft und gemäß der Verschiedenheit der Temperamente mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum Wahnsinn, bis zu den größten physischen und moralischen Ausschweifungen, die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glühende Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird.
Dies verschlingende Fieber heißt bei den Weibern Nymphomanie[A], bei den Männern würde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wären, wie jene, Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr noch ihre Sitten, die, weniger Zurückhaltung und Zwang heischend, und die Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschönern oder abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu zurückgeschraubten oder allzu gesteigerten Wünsche aussetzen. Da übrigens unsere Organe viel empfänglicher für augenblickliche Regungen als die des anderen Geschlechts sind, kann die Intensität der Begierden selten ebenso gefährlich sein, wiewohl die Männer ebensogut wie die Weiber an Krankheiten leiden, die einer beinahe ähnlichen Ursache entspringen[B], von denen aber eine männliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht ebenso lange heimgesucht zu werden braucht.
Trostlos würde es sein, scheußlich würde es sein, wollte man die so wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzählen. Vielleicht trägt die Unregelmäßigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von Natur aus mitbekommen hat. Tatsächlich ist der Kitzel der Vulva durchaus nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfänglichkeit für diese Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, daß sie ihm stets folgen müßte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten Kanäle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man es bei allen Körperteilen tut, die man in derselben Absicht anfaßt, um die Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwünscht dieses Kitzeln, diese Berührungen auch sein mögen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern und Umständen. Daraus geht hervor, daß der Kitzel sich nur in der Vulva festsetzt, während die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn hat. Die Vulva jedoch überliefert ihm außerdem den Eindruck, den es mit Abänderungen empfängt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge unzüchtiger Gedanken zu durchtränken. Dort nährt sich das Feuer selber; denn die Vulva ist ihrerseits unabhängig von dem Einfluß der wollustgierigen Seele, von jedem Gefühlseindruck angegriffen und wirkt auf das Gehirn zurück. So wird die Seele immer tiefer von unzüchtigen Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange bestehen können, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe nachzugeben, die sich an die Verlängerung jedes allzu lebhaften Gefühls heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu gelangen.
[Fußnote A: [Griechisch: Ninphômanê].]
[Fußnote B: Die Satyriasis, der Priapismus, die Geilheit.]
Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschärfte menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergnügengewährens oder vielmehr das Verhalten beim Vergnügen variiert hat. Denn es ist stets das gleiche, und wir haben gut kämpfen gegen die Natur, über ihr Ziel werden wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer Verlängerung[A] verteilt zu haben, sicher ist es aber, daß die Gehirnfasern sich unabhängig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr häufig nicht mehr genügen, und die werden mindestens ebenso stark von ihm unterstützt, da die Einbildungskraft niemals ohne das lebhafteste, glühendste Temperament, die am besten gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstände bestehen kann.
[Fußnote A: Sennert erwähnt eine Frau, die, nachdem sie etwas aufgelösten Borax getrunken hatte, nymphoman wurde, und Müller rät, mit aromatischen Ölen vermischten Moschus auf irgendeine Art einzuführen, um die Vagina schlüpfrig zu machen.]
Da es weiter das Eigentümliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit Rücksicht auf den Widerstand so hitzig wie möglich zu werden und die Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schließlich unersättlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Maß mehr; und das für einen schwachen Widerstand so schön geschaffene Geschlecht, das mit allem Entzücken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser scheußlichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch das, was anscheinend hinreichen müßte, um sie zu ersticken, und das tatsächlich genügen müßte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genuß erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es sich unaufhörlich; und die mehr ermattete als gesättigte Messalina[A] jagt ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht.
[Fußnote A:
Mox lenone suas jam dimittente puellas Tristisubit. Sed quod potuit tamen ultimam cellam Clausit, ad huc ardens rigidae tentigine vulvae Et resupina jacens multorum absorbuit cetus Et lassata viris, necdum satiata recessit.
(Inv. I, II. Sat. 6.)]
Indessen muß man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phänomene in dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr von Buffon hat ein junges Mädchen von zwölf Jahren gesehen, sie war dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem hübschen Busen geschmückt, die einzig beim Anblick eines Mannes die unanständigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren Vorwürfe, die strengsten Züchtigungen, nichts hielt sie davon zurück. Sie verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheußlichen Anwandlungen hörten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, daß dieses Kind seinen Instinkt bereits mißbraucht hatte?
Gewöhnlich haben braune Mädchen von guter Gesundheit und kräftiger Leibesbeschaffenheit, die jungfräulich sind, und vor allem die, welche durch Verhältnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben, junge Witwen, Weiber, die wenig kräftige Männer haben, die meiste Anlage zur Nymphomanie. Und das allein würde beweisen, daß der Hauptherd dieser Krankheit in einer allzu geschärften, allzu gebieterischen Einbildungskraft ruht, daß aber auch die widernatürliche Untätigkeit der mit Kraft und Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptsächlichen Triebfedern ist. Billig ist es also, daß jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb stets zuverlässig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als alle die künstlichen Ideen von Ordnung, Regelmäßigkeit und Prinzipien, mit denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich unmöglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglückliche Opfer oder widrige Heuchler schaffen und nichts weiter für die Moral wie für die Physis regeln, als die Widersprüche der Natur jemals befehlen können. Die physischen Gewohnheiten üben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft sehr furchtbare Macht aus und setzen einen öfters grausamen Übeln aus, statt daß sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar ermüden, sich ausruhen, untätig sein, je nachdem das Kräftegefühl es bestimmt. Es würde eine sehr abgeschmackte und sehr lächerliche Forderung sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schüssel sitzen zu sollen, während alle Wesen, mit denen man in inniger Berührung steht, in ständigem Wechsel leben. Veränderung ist notwendig, und wäre es nur, um uns auf die heftigen Stöße vorzubereiten, die manchmal die Grundmauern unseres Seins erschüttern. Unsere Körper sind wie die Pflanzen, deren Stengel sich inmitten der Stürme durch das Rütteln widriger Winde kräftigt.
Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik würde zweifelsohne das wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines untätigen Lebens sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr geeignet für die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter Vorsichtsmaßregeln ausüben können, die die Übung beinahe unzweckmäßig machen. Es ist so wahr, daß die Natur sie nicht für diese Leibesübung bestimmt hat, daß sie dabei bloß die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen wollen.
Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentümlichen Anmut vereinbar, die Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe zu entnerven als zu kräftigen. Die Alten, welche sich auf die große Kunst verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Körpers zu stellen, haben aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie verschönten das Nützliche und machten die Wollust ersprießlich.
Doch wenn beim Entstehen politischer Körperschaften die Vergnügungen der Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese Körperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den Sitten[A]. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaßten, alles zusammenzusuchen, was die Kräfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte, so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele läßt sich zwischen unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe?
[Fußnote A: Ich zweifle zum Exempel, daß die Corycomachie oder die Coricobolie, welche die vierte Sphäristik der Griechen war, bei ihnen gebräuchlich geblieben ist, als sie das eleganteste Volk der Welt geworden waren. Man hängte einen Sack voll schwerer Körper an der Decke auf, griff ihn mit beiden Händen und brachte ihn so weit fort, als der Strick sich auszudehnen vermochte; darauf ließen sie den Sack los, folgten ihm, und wenn er gegen sie zurückkam, gingen sie zurück, um sich nicht der Wucht des Anpralls auszusetzen, und stießen ihn dann wieder mit Gewalt zurück. (Siehe Burette, über die Gymnastik der Griechen und Römer.) Ich glaube auch nicht, daß eine solche Übung nach dem Geschmack der Stutzerinnen eines anderen Jahrhunderts gewesen wäre.]