Erotika Biblion

Part 8

Chapter 83,216 wordsPublic domain

Unendlich kühn würde die Behauptung sein, daß Tiere nicht denken können, obwohl der Körper unabhängig von dem, was man Seele nennt, das Prinzip des Lebens und der Bewegung besitzt. Der Mensch selber ist oft Maschine: ein Tänzer macht die verschiedensten, in ihrer Gesamtheit geordneten Bewegungen in sehr genauer Weise, ohne im geringsten auf jede dieser Bewegungen im einzelnen acht geben zu können. Der ausübende Musiker tut fast ein gleiches: der Willensakt spricht nur mit, um die Wahl von dieser oder jener Weise zu treffen. Der Anstoß wird den tierischen Gemütern gegeben, das übrige vollzieht sich, ohne daß sie dabei denken. Zerstreute Menschen, Somnambulen verharren oft in einem wahrhaft automatischen Zustande. Die Bewegungen, die für die Bewahrung unseres Gleichgewichts sorgen, sind gewöhnlich ganz unwillkürlich, Geschmacksrichtungen und Abneigungen gehen bei Kindern dem Urteile voraus. Ist die Wirkung äußerer Eindrücke auf unsere Leidenschaften, ohne Hilfe eines Gedankens, einzig durch die wunderbare Übereinstimmung der Nerven und Muskeln nicht sehr unabhängig von uns? Und doch verbreiten all diese körperlichen Bewegungen einen sehr entschiedenen Ausdruck im Gesichte, das in ganz besonderem Einklange mit der Seele steht.

[Fußnote A: Man weiß, wie sehr die Kirchenväter selber geteilter und schwankender Ansicht über diese Materie gewesen sind; Sankt Irenäus sagt ohne irgendwie zu zaudern, daß die Seele ein Hauch sei, analog dem Körper, den sie bewohne, und daß sie unkörperlich nur in Ansehung der rohen Körper sei. Tertullian erklärt sie ganz einfach für körperlich. Sankt Bernhard behauptet in einer sehr merkwürdigen Unterscheidung, daß sie Gott nicht sehe, daß sie aber des Umgangs mit Jesu Christo pflege.]

Die vom einfach mechanischen Gesichtspunkt aus betrachteten Tiere würden also schon denen, die ihnen die Gabe des Denkens absprechen, eine große Zahl Aufschlüsse verschaffen; und es würde nicht sehr schwer zu beweisen sein, daß ein großer Teil ihrer selbst erstaunlichsten Handlungen der Denkkraft nicht bedürfte. Wie aber soll man begreifen, daß einfache Automaten einander verstehen, verabredetermaßen handeln, demselben Zwecke nacheifern, mit Menschen im Einklang stehen, für Erziehung empfänglich sind? Man richtet sie ab, sie lernen, man befiehlt ihnen, sie gehorchen, man droht ihnen, sie fürchten sich, man schmeichelt ihnen, sie sind zärtlich: kurz, die Tiere zeigen uns eine Menge spontaner Handlungen, bei denen sie sich als Abbilder der Vernunft und Ungezwungenheit zeigen, um so mehr als sie minder gleichförmig, abwechslungsreicher, eigentümlicher, weniger voraussehend, an momentane Gelegenheit gewöhnt sind; ja es gibt ihrer, die einen entschlossenen Charakter haben, die eifersüchtig, rachsüchtig, lasterhaft sind.

Eins von beiden muß richtig sein: entweder hat es Gott Vergnügen bereitet, lasterhafte Tiere zu bilden und uns in ihnen recht hassenswerte Beispiele zu geben, oder sie haben gleich dem Menschen eine Erbsünde, die ihre Natur verdorben hat. Der erste Satz steht im Widerspruch mit der Bibel, die sagt, daß alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen ist, gut und vortrefflich war. Wenn aber die Tiere so waren, wie sie heute sind, wie könnte man sagen, daß sie gut und vortrefflich waren? Oder ist es gut, daß ein Affe bösartig, ein Hund neidisch, eine Katze falsch, ein Raubvogel grausam ist? Man muß sich an den zweiten Satz halten und eine Erbsünde bei ihnen vermuten; eine grundlose Vermutung, die Vernunft und Religion empört.

Nochmals: es ist also durchaus unmöglich, durch theoretische Schlüsse die Demarkationslinie zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Unsere Seele hat zu wenige Berührungspunkte, als daß es selbst für die Naturlehre leicht, wäre, bis zu ihr durchzudringen, nur ihre Substanz und ihre Natur zu streifen; man weiß nicht, wo man ihren Sitz festlegen soll. Die einen haben angegeben, sie sei an einem besonderen Orte, von wo aus sie ihre Herrschaft ausübt. Descartes nahm die große Zirbeldrüse an, Vicussens das eirunde Zentrum, Lancifi und Herr de la Peyronie den Rauhkörper, andere die ausgekehlten Körper.

Das Klima, seine Temperatur, die Nahrungsmittel, dickes oder dünnes Blut, tausend rein physische Ursachen bilden Obstruktionen, die ihre Art des Seins beeinflussen. So könnte man, die Voraussetzungen weiterführend, die Wirkungen bis ins Unendliche variieren und an Hand der Ergebnisse beweisen wie die Erfahrung genugsam zeigt, daß es keinen Kopf gibt, er mag so gesund sein wie er will, der nicht eine recht verstopfte Röhre hätte.

Seltsam interessant und nützlich würde es also sein, zu erfahren, bis zu welchem Grade ein durch seine Vermischung mit dem Tiere aus der Menschenart herabgesetztes Wesen mehr oder weniger vernünftig zu sein vermag. Das ist vielleicht die einzige Weise, auf die man die Natur umzingeln könnte, der man so einen Teil ihres Geheimnisses zu entreißen vermöchte. Um aber dahin zu gelangen, müßte man die Produkte beobachten, ihnen eine passende Erziehung geben, und diese Arten von Naturerscheinungen sorgsam studieren. Mutmaßlich würde man aus diesem Wirken mehr Gewinn für den Fortschritt der Kenntnisse des Menschen ziehen als aus den Bemühungen, Stumme und Taube sprechen zu lehren und einem Blinden die mathematischen Wissenschaften beizubringen. Denn die zeigen uns nur die gleiche Natur, ein bißchen weniger vollkommen in ihren Bestandteilen, da das Subjekt, das man zu vervollkommnen sich müht, eines oder zweier Sinne ledig ist. Die Frucht einer Vermischung mit dem Tiere jedoch weist sozusagen eine andere Natur vor, die aber aus ersterer entstanden ist und würde Licht in verschiedene der Punkte bringen, um deren Erforschung alle denkenden Wesen so sehr bemüht sind.

Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, daß es Produkte der menschlichen Natur mit den Tieren gegeben hat; und warum sollte es denn keine geben? Unzucht mit Tieren war bei den Juden so häufig, daß man befahl, die Frucht mit dem Erzeuger zu verbrennen. Die Jüdinnen hatten vertrauten Umgang mit Tieren[A], und das ist meiner Meinung nach sehr seltsam. Ich verstehe, wie ein bäurischer oder verderbter Mann, überwältigt von der Wut des Bedürfnisses oder den Räuschen der Einbildung sich über eine Ziege, eine Stute, selbst eine Kuh hermacht, nichts aber kann mich mit dem Gedanken vertraut machen, daß ein Weib sich von einem Esel den Bauch aufschlitzen läßt. Indessen lautet ein Vers des Levitikus[B]: »Welches Tier es auch sei.« Woraus deutlich erhellt, daß die Jüdinnen sich jeder Art von Tieren ohne Unterschied hingaben, und das ist unfaßbar.

Wie dem auch sein möge, es scheint gewiß, daß es Produkte von Ziegen und Menschenart gegeben hat. Die Satyre, Faune, all diese Fabelwesen sind eine sehr bemerkenswerte Folge davon. Satar heißt auf arabisch Ziegenbock. Und der Sündenbock wird von Moses nur angeordnet, um die Israeliten von der Vorliebe abzubringen, die sie für das geile Tier hatten[C]. Da im Exodus gesagt worden ist, daß man der Götter Antlitz nicht sehen könnte, waren die Israeliten überzeugt, daß sich die Dämonen unter ihrer Gestalt sichtbar machten[D]; und das ist der [Griechisch: Phasmaxsagon], von dem Jamblique spricht. Auch im Homer trifft man auf diese Erscheinungen. Manethon, Dionysius von Halikarnass und viele andere weisen sehr bemerkenswerte Spuren von diesen ungeheuerlichen Produktionen auf.

[Fußnote A: Exodus XXII, 19. Levitikus VII, 21; XVIII, 23.]

[Fußnote B: Levitikus XX, 15.]

[Fußnote C: Maimonides läßt sich in: der Mohr Nevochin, p. III. c. XLVI, über den Bockkultus aus.]

[Fußnote D: Levitikus XVII, 7. Exodus XXXIII, 20 und 23.]

Man hat später die Incubusse und Succubusse mit diesen wirklichen Produkten verwechselt. Jeremias spricht von beängstigenden Faunen[A], Heraklit hat Satyre beschrieben, die in den Wäldern[B] lebten und sich gemeinsam der Weiber erfreuten, deren sie sich bemächtigten. Eduard Tyson hat in gleicher Weise Pygmäen, Cynocephalen und Sphinxe behandelt, dann beschrieb er die Orangutangs und die Aigapithekoi, welche die Affenklasse bilden, die sich der menschlichen Art völlig nähert; denn ein schöner Orangutang zum Exempel ist schöner als ein häßlicher Hottentotte. Münster hat in seinem Werke über die Genesis und den Livitikus alle diese Monstren aus dem [Griechisch: dsagomosôr] gemacht und die Dinge sehr viel seltsamer gefunden als die Rabbiner. Endlich gibt Abraham Seba diesen Faunen[C] Seelen, woraus sich ergibt, daß man ihre Existenz nicht weiter ableugnen kann.

[Fußnote A: Jeremias L, 39. Faunis sicariis und nicht ficariis, denn Faune, die Feigen haben, will nichts heißen. Indessen übersetzt er Saci so; denn die Jansenisten prunkten mit der größten Sittenreinheit; Berruyer aber hält an sicarii fest und macht seine Faune sehr aktiv.]

[Fußnote B: In seiner Abhandlung: [Griechisch: peri a pisan], Kap. XXV.]

[Fußnote C: In seinem Tseror hammor (Fasciculus myrrhae) betitelten Werke.]

Über die Centauern und Minotauern liegen wahrlich keine ebenso genauen Nachrichten vor, aber die Unmöglichkeit besteht nicht mehr, daß es auch Produkte anderer Arten gegeben hat[A]. Im verflossenen Jahrhundert ist viel von einem gehörnten Manne die Rede gewesen, den man dem Hofe zeigte. Man kennt die Geschichte des wilden Mädchens, einer Nonne in Châlons, die noch lebt und sehr wohl in einem Verwandtschaftsverhältnisse mit den Waldbewohnern stehen könnte. Der verstorbene Herr Herzog hatte in Chantilly einen Orangutang, der Mädchen vergewaltigte; man mußte ihn töten. Jedermann hat gelesen, was Voltaire über die afrikanischen Ungeheuer schrieb. Allem Anscheine nach ist dieser Erdteil, den man recht wenig kennt, das übliche Theater dieser widernatürlichen Begattungen. Gewißlich muß man ihre Ursache in der Hitze suchen, die in diesen Gefilden übermäßiger ist als an jeder anderen Stelle des Erdglobusses, weil der Mittelpunkt Afrikas, der im Äquatorialgebiete ist, viel entfernter vom Meere liegt als die anderen Teile der Erde, die unter gleichen Breitengraden liegen. Die ungeheuerlichen Paarungen dürften dort also ziemlich üblich sein. Dort mag die wahre Schule der Veränderungen, der Herabwürdigungen[B] und vielleicht der physischen Vervollkommnung der Menschenart sein. Ich sage Vervollkommnung, denn was würde es Schöneres unter den beseelten Wesen geben als die Form der Centauern zum Exempel?

Unser berühmter Buffon hat in dieser Beziehung alles getan, was ein Privatmann, der über keine großen Mittel verfügt, sich gestatten kann. Wir haben die Folge dieser Verschiedenheiten bei den Hundearten, der Paarung verschiedener Tierarten, in der Geschichte der Produkte der Maulesel, einer ganz neuen Entdeckung, usw. Aber der große Forscher hat uns seine Erfahrungen über die Vermischungen der Menschen mit Tieren nicht mitgeteilt, und sie müßten gedruckt werden, damit die Möglichkeit bestünde, seine erhabenen Ansichten zu verfolgen, und damit wir, wenn wir ein so herrliches Genie verlieren, nicht der Früchte seiner Ideen verlustig gingen.

[Fußnote A: Indessen paßt sich zum Beispiel die Vulva der Kühe weniger dem männlichen Gliede an als die der Ziege oder der Äffin. Auch werden die großen Tiere weniger leicht trächtig.]

[Fußnote B: Wenn der König von Loango in Afrika auf seinem Throne sitzt, ist er von einer großen Schar Zwerge umgeben, die durch ihre Unförmigkeit bemerkenswert sind. Sie kommen in seinen Staaten sehr häufig vor. Sie sind nur halb so groß wie die gewöhnlichen Menschen, haben einen sehr dicken Kopf und sind nur mit Tierhäuten bekleidet. Man nennt sie Mimos oder Bakkebakke. Wenn sie um den König sind, mischt man weiße Neger der Kontrastwirkung wegen unter sie. Das muß ein sehr seltsames Schauspiel abgeben, das zu nichts nutze ist; wenn aber der König von Loango diese Rassen mischte, würde man vielleicht sehr merkwürdige Resultate erzielen.]

Unzucht mit Tieren ist weiter in Frankreich verbreitet, als man annimmt, glücklicherweise nicht aus Neigung, sondern aus Bedürfnis. Alle Hirten in den Pyrenäen sind Tierschänder. Einer ihrer kostbarsten Genüsse ist es, sich der Nasenlöcher einer jungen Kuh zu bedienen, die zu gleicher Zeit ihre Testikeln beleckt. In diesen wenig begangenen Gebirgsteilen hat jeder Hirt seine Lieblingsziege. Man weiß das durch die baskischen Priester. Und wahrlich gerade durch diese Priester müßte man die geschwängerten Ziegen überwachen und ihre Produkte sammeln lassen. Der Intendant von Auch könnte leicht zu diesem Ziele gelangen, ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen[A] (ein böser Religionsfrevel auf alle Fälle), er könnte sich diese ungeheuerlichen Produkte durch seine Priester verschaffen. Der Priester würde seinem Beichtkinde seine Geliebte abverlangen, die er dem Unterabgeordneten einhändigen würde, ohne den Namen des Liebhabers zu nennen. Ich sehe keine Unannehmlichkeit daraus entstehen, ein Übel, das man nicht mehr zu verhindern wüßte, zum Nutzen der Fortschritte der Kenntnis der Menschen auszubeuten.

[Fußnote A: Schade ist es, daß die Römer nicht wie wir die Ohrenbeichte hatten; sonst würden wir alle ihre kleinen häuslichen Geheimnisse wissen, wie man unsere weiß. Man würde wissen, ob die Römer ebenso roh die Ehe entehrten, wie wir es tun. Kurz, wir wissen nicht einmal Einzelheiten über Unterhaltungen in Bürgerkreisen. Nichts müßte lustiger sein als die Gespräche einer Familie, die am Morgen dem Priapus geopfert hat. Die jungen Mädchen und Burschen der Familie müssen den Rest des Tages über merkwürdige Gedanken gehabt haben.]

Die Anoscopie

Bekanntlich haben in allen Jahrhunderten die Gaukler, Charlatane, Wahrsager, Politiker oder Philosophen (denn alle Sorten sind darunter vertreten) mehr oder minder Einfluß ausgeübt. Die unaufhörlich zwischen Furcht und Verlangen hin- und her geworfene Menschennatur bietet so viele Fallen für den Gebrauch derer, die ihr Ansehen oder ihr Glück auf der Leichtgläubigkeit von ihresgleichen aufbauen, daß es stets für sie im uferlosen Ozeane der menschlichen Narrheiten einige glückliche Entdeckungen zu machen gegeben hat. Und wenn man es dabei bewenden lassen wollte, die alten Zaubereien, die verjährten Torheiten in ein neues Gewand zu kleiden -- dieser Köder steht so herrlich in Einklang mit der unwissenden und dummen Habgier des Volkes, für das er besonders bestimmt ist, da seine Wirkung unfehlbar ist --, könnten einige Nichtswisser und Halunken die Ausüber einer Kunst sein, durch die die Menschen so leicht zu betrügen sind. Philosophie und eine etwas mehr gepflegte Experimentalphysik reißen zweifelsohne eine große Anzahl aus ihrem Irrtum, doch stets wird nur ein kleiner Teil sein, wer sie oder den Fortschritt der Kenntnisse vom Menschen durchdringen kann.

Das Wort Wahrsager findet man sehr häufig in der Bibel, was die alte Bemerkung rechtfertigt, daß es unter den heiligen Schriftstellern wenige oder keine Philosophen gegeben hat. Moses verbietet es strengstens, die Wahrsager zu befragen. »Wer«, sagt er, »sich nach den Wahrsagern und Zauberern umsehen wird, indem er Unzucht mit ihnen treibt, dem werde ich meinen Kopf gegen seinen stoßen!« Es gibt mehrere Arten von Zauberern, die in der Bibel angezeigt sind.

Chaurnien heißt im Hebräischen so viel wie die Weisen. Dieser Ausdruck aber war sehr doppelsinnig und ließ verschiedene Bedeutungen von wahrer Klugheit, falscher, böser, gefährlicher, verstellter Klugheit zu. So gab es zu allen Zeiten Menschen, die weltklug und geschickt genug waren, um sich Anzeichen von Weisheit zu ihrem Nutzen, zum Durchsetzen ihrer Leidenschaften zu geben, um Studium, Wissenschaft und Talent die einzige Anwendung zu nehmen, die sie ehrt, will sagen zur Erforschung und Fortpflanzung der Wahrheit.

Die Mescuphinen waren die, welche in geschriebenen Dingen die verborgensten Geheimnisse errieten; Horoskopsteller, Traumdeuter, Wahrsager gingen ebenso zu Werke.

Die Carthuminen waren die Zauberer; durch ihre Kunst blendeten sie die Augen und riefen scheinbar phantastische oder wirkliche Veränderungen bei den Gegenständen oder in den Sinnen hervor.

Die Asaphinen benutzten Kräuter, besondere Apothekerwaren und Opferblut für ihre abergläubischen Handlungen.

Die Casdinen lasen die Zukunft aus den Gestirnen; sie waren die Astrologen jener Zeiten.

Diese ehrenwerten Leute, die sicherlich unsere Comus nicht aufwogen, waren in sehr großer Anzahl vorhanden. Sie hatten an den Höfen der größten Könige der Welt einen ungeheuren Einfluß. Denn der Aberglaube, der den Despotismus so gut bediente, hat sich immer seinen Gesetzen unterworfen, und am Busen dieses schrecklichen Bundes, der alle Leiden der Menschheit mit sich brachte, hat der Triumph des Aberglaubens stets geblüht. Die Diener der Religion waren zu geschickt, als daß sie den geringsten Teil ihrer Macht aus den Händen gegeben hätten: mit Sorgfalt wachten sie über alles, was Bezug auf das Wahrsagen hatte, sie gaben sich in jeder Beziehung für die Vertrauten der Götter aus und umgürteten sich leicht das Stirnband der Meinung der Menschen, die nichts wissen, ja nichts von der Weisheit ahnen, die beinahe das letzte ist, worauf des Menschen Eifer sich stürzt.

Von allen Völkern, die sich unter das Joch des Aberglaubens erniedrigt haben, ist keines ihm mehr zugetan gewesen als das der Juden. In ihrer Geschichte würde man eine unendliche Fülle von Einzelheiten über ihre närrischen und frevelhaften Verfahren zusammenstellen können. Die Gnade, die Gott ihnen erwies, indem er ihnen Propheten sandte, um sie seinen Willen zu lehren, wurde für diese plumpen und neugierigen Menschen eine Falle, der sie nimmer entgingen. Das Ansehen der Propheten, ihre Wunder, der freie Zutritt, den sie bei den Königen hatten, ihr Einfluß auf öffentliche Entscheidungen und Angelegenheiten stellten sie dermaßen hoch in der Menge, daß die Begier, teilzuhaben an diesen Auszeichnungen, indem man sich die Gabe der Weissagung anmaßte, zu einer so verheerenden Leidenschaft sich auswuchs, daß, wenn man von Ägypten gesagt hat, dort sei alles Gott, es eine Zeit gab, wo man von Palästina sagen konnte, alles dort sei Prophet gewesen. Zweifelsohne gab es mehr falsche als wahre; man weiß sogar mit aller Bestimmtheit, daß die Juden besondere Zauber und Zaubertränke hatten, um die Prophetengabe einzuflößen, zu denen sie menschliches Sperma, Menstrualblut und eine wahre Musterkarte anderer ebenso nutzlos wie ekelhaft zu verschlingender Dinge benutzten. Wunder aber sind in den Augen des Volkes eine so leicht zu handhabende Sache, und die fromme Dunkelheit der Reden, der apokalyptische Ton, der schwärmerische Akzent wirken so mächtig, daß die Erfolge der wahren und falschen Propheten, die ihre Zuflucht zu den Künsten und okkulten Wissenschaften nahmen, sich die Wage hielten. Aus allem schöpften sie Hilfsquellen, und es gelang ihnen, Altar gegen Altar zu errichten.

Moses selber sagt uns im Exodus, daß Pharaos Zauberer wahre oder falsche Wunder bewirkt hätten, daß aber er, der Abgesandte des lebenden Gottes und von dessen Allmacht unterstützt, ihrer sehr viel wirksamere ins Werk gesetzt hätte, die Ägypten schwer zu Boden gedrückt haben, weil das Herz seines Königs verhärtet war. Wir müssen sie fromm glauben und uns vor allem beglückwünschen, nicht Zuschauer dabei gewesen zu sein. Heute, wo die Illusion derer, die da Taschenspielerkünste machen, alles, was die Mechanik vorweist und was sehr geeignet ist, zu überraschen und irrezuführen, die erstaunlichen Geheimnisse der Chemie, die zahllosen Wunder, die das Studium der Natur und die schönen Versuche bewirkt haben, die tagtäglich einen kleinen Teil des Schleiers lüften, der ihre geheimsten Handlungen bedeckt, heute sage ich, wo wir von all dem bis zu einem bestimmten Grade unterrichtet sind, stünde es zu befürchten, daß unser Herz sich verhärtete wie das des Pharao; denn wir kennen unendlich viel weniger den Dämon als die Geheimnisse der Physik, und wie man bemerkt hat, scheint es, daß dank dem Geschmack an der Philosophie, der uns nach und nach die selbst bisher unübersteigbarsten Schranken berennen und überwinden ließ, das Reich des Dämons alle Tage mehr zusammensinkt.

Vielleicht würde die möglichst detaillierte Geschichte der Seher, Ränkeschmiede, Propheten und ihrer Aufführung und Wahrsagereien jeder Art, beschrieben oder durch das strenge und scharfsichtige Auge eines Philosophen enthüllt, ein sehr seltsames Buch ergeben. Doch unter allen denen, die er den geöffneten Augen der Nationen vorführen könnte, würde es keine wunderlichere als die geben, die vor einer traurigen Katastrophe eine Gesellschaft bewahrte, welche ihres Eifers für die Verbreitung des Glaubens wegen berühmt ist und die, zu überzeugt, daß dieser Glaube genüge, um das Dunkel der Zukunft zu durchdringen, mit einem sehr unklugen Leichtsinn in eine Verpflichtung einging, die sie ohne die unvermutete Hilfe eines sehr seltsamen Horoskopes nicht würde erfüllt haben können.

Eine nach China gesandte Jesuitenschar predigte dort die wahre Religion, als eine furchtbare Dürre das Kaiserreich in ein ungeheures Grab verwandeln zu wollen schien. Die Chinesen sollten umkommen; und mit ihnen die Jesuiten, die vergebens von dem Despoten angerufen wurden, hätten sie nicht ein Wunder, das sie mit erstaunlichem Scharfsinn voraussagten und das die Gesellschaft Jesu in diesen trostlosen Gefilden für immer berühmt gemacht hat, bewirkt. Ein moderner Dichter hat diese Anekdote in einer reizvolleren Weise, als wir es tun könnten, erzählt, und wir beschränken uns darauf, seine Verse abzudrucken, ohne seine Ungebundenheiten zu billigen: