Erotika Biblion

Part 7

Chapter 73,385 wordsPublic domain

Wenn es wahr ist, daß in den ersten Zeiten der Welt Weiber vorhanden waren, die Unfruchtbarkeit vorgaben, wie aus einem angeblichen Fragmente eines angeblichen Buches Enoch hervorgeht, so können auch Männer dagewesen sein, die sich ebenso ein Geschäft daraus machten: die Anzeichen dazu sind aber nichts weniger als günstig. Damals war es vor allem nötig, die Welt zu bevölkern. Das Gebot Gottes und das der Natur legten beiden Arten von Personen die Verpflichtung auf, zur Vermehrung des Menschengeschlechtes beizutragen, und man hat allen Grund zur Annahme, daß die ersten Menschen es sich eine Hauptangelegenheit sein ließen, diesem Gebote Folge zu leisten. Alles, was uns die Bibel von den Patriarchen meldet, ist, daß sie Weiber nahmen und gaben, daß sie Söhne und Töchter in die Welt setzten, und dann starben, wenn sie nichts Wichtiges mehr zu tun hatten. Ehre, Ansehen, Macht bestanden damals in der Zahl der Kinder; man war sicher, sich durch Fruchtbarkeit große Hochachtung zu erwerben, sich bei seinen Nachbarn Geltung zu verschaffen, selbst einen Platz in der Geschichte zu haben. Weder die der Juden hat den Namen Jairs vergessen, der dreißig Söhne im Dienste des Vaterlandes stehen hatte, noch die der Griechen die Namen Danaus und Egyptus, berühmt durch ihre fünfzig Söhne und fünfzig Töchter. Unfruchtbarkeit galt damals für beide Geschlechter als eine Schande und für einen unzweideutigen Beweis des Fluches Gottes. Man sah es hingegen für einen authentischen Beweis seines Segens an, eine große Kinderschar um seinen Tisch herum zu versammeln. Die nicht heirateten, wurden als Sünder wider die Natur angesehen. Plato duldet sie bis zum Alter von fünfunddreißig Jahren, verweigert ihnen aber die Ämter und weist ihnen die letzten Plätze bei den öffentlichen Zeremonien an. Bei den Römern waren die Zensoren hauptsächlich damit beauftragt, diese einsame Lebensweise zu verhindern[A]. Die Zölibatäre konnten weder ein Testament machen noch Zeugenschaft ablegen[B]. Die Religion unterstützte darin die Politik. Die heidnischen Theologen belegten sie mit außergewöhnlichen Strafen im anderen Leben; und in ihrer Doktrin war es das größte der Übel, aus dieser Welt zu gehen, ohne Kinder zu hinterlassen, denn dann wurde man der grausamsten Dämonen Beute[C].

[Fußnote A: Coelibes esse prohibendos.]

[Fußnote B: Ex alii tui senta tu equum habes, tu uscorem habes? testa.]

[Fußnote C: Ex vitam calamitas et impietas accidit, illi qui ubsque filii a vita discedit, et daemonibus maximas dat poenas post obitum.]

Doch gibt es keine Gesetze, die einer vollendeten Ausschweifung Einhalt zu gebieten vermögen. Auch trotz der Einschärfungen der Gesetzgeber ging man im Altertum recht häufig den Zielen der Natur aus dem Wege. Die Geschichte sagt nicht, wie und durch wen die Liebe zu jungen Knaben entstanden ist, die so allgemein wurde. Aber eine so eigenartige und dem Scheine nach krause Geschmacksrichtung trug den Sieg über die Strafgesetze, die außerordentlichen Steuern, die Beschimpfungen und über die Moral und die gesunde Physis davon. Demnach muß dieser Reiz ja allgebietend gewesen sein. Diese krause Leidenschaft hat einen Ursprung, der mich sehr eigentümlich anmutet.

Ich glaube, daß das Unvermögen, mit dem manchmal die Natur jemanden schlägt, sich mit zügellosen Temperamenten verbündete, um sich zu kräftigen und fortzupflanzen. Nichts ist einfacher.

Unvermögen ist immer ein sehr schimpflicher Makel gewesen. Bei den Orientalen hatten die mit diesem Stempel der Schande bezeichneten Männer den brandmarkenden Titel: Eunuchen des Himmels, Eunuchen der Sonne, von Gottes Hand erschaffene Eunuchen. Die Griechen nannten sie Invaliden. Die Gesetze, die ihnen Frauen zusprachen, erlaubten diesen Frauen auch, sie zu verlassen. Die zu diesem zweideutigen Zustande, der in seinen Anfängen sehr selten aufgetreten sein muß, verdammten Männer, die von beiden Geschlechtern in gleicher Weise verachtet wurden, sahen sich verschiedenen Demütigungen ausgesetzt, die sie zu einem finsteren und zurückgezogenen Leben zwangen. Die Notwendigkeit gab ihnen mancherlei Mittel ein, all die zu beseitigen und sich schätzenswert zu machen. Losgelöst von den unruhigen Regungen der fremden Liebe, der Physis, der Selbstachtung, unterwarfen sie sich dem Willen anderer und wurden als so ergeben, so bequem erfunden, daß jedermann sie haben wollte. Der wütendste der Despotismen vermehrte ihre Zahl sehr bald; Väter, Herren, Herrscher maßten sich das Recht an, ihre Kinder, ihre Sklaven, ihre Untertanen diesem zweideutigen Stande zuzuführen. Und die ganze Welt, die seit Anbeginn nur zwei Geschlechter kannte, sah die zu ihrem Erstaunen unmerklich in drei beinahe gleiche Teile geteilt.

Wunderlichkeit, Überdruß, Ausschweifung, Gewohnheit, besondere Gründe, eine geheuchelte oder kühne Philosophie, Armut, Habsucht, Eifersucht, Aberglaube wirkten bei dieser ungewöhnlichen Umwälzung mit. Aberglaube, sage ich, weil die herabwürdigendsten, lächerlichsten, grausamsten Handlungen stets von gallsüchtigen Fanatikern ausgedacht sind, die traurige, düstere, unbillige Gesetze diktieren, bei denen Beraubung Tugend und Verstümmelung Verdienst ausmacht.

Bei den Römern wimmelte es von Eunuchen. In Asien und Afrika bedient man sich ihrer noch heute zur Bewachung der Weiber; in Italien hat diese Scheußlichkeit die Vollendung eines eitlen Talents zum Gegenstande. Am Kap schneiden die Hottentotten nur eine Testikel aus, um, wie sie sagen, Zwillinge zu vermeiden. In vielen Ländern verstümmeln die Armen sich, um keine Nachkommenschaft zu haben, damit ihre unglücklichen Kinder nicht eines Tages das doppelte Elend verspüren: des Hungertodes zu sterben oder die Ihrigen ihn sterben zu sehen. Es gibt so viele Arten von Eunuchen!

Wenn man nur die Vollkommenheit der Stimme in Betracht zieht, entfernt man lediglich die Testikeln; die Eifersucht aber in ihrem grausamen Mißtrauen schneidet alle zur Fortpflanzung dienenden Teile fort. Mit ziemlich sicherem, gutem Ausgange kann man das nur vor der Geschlechtsreife tun; dabei gibt's doch noch viele Gefahren. Nach dem fünfzehnten Lebensjahre kommt kaum der vierte Teil mit dem Leben davon. Welch schreckliche Wunde hat man der Menschheit beigebracht! Die berühmtesten sind Aetiopier; sie sind so häßlich, daß Eifersüchtige sie mit Gold aufwiegen. Die vollkommen Unfähigen nennen sich Kanaleunuchen, weil sie, ihrer Rute beraubt, die den Wasserstrahl nach draußen führt, sich genötigt sehen, sich einer Ergänzungsröhre zu bedienen, da sie den Strahl nicht wie die Weiber loslassen können, deren Vulva im Besitz ihrer vollen Spannkraft ist. Die hingegen nur ihrer Testikeln beraubt sind, erfreuen sich jeglicher Heizung, die die Begierde entflammt, und können sich in gewissem Sinne sehr fähig nennen (besonders wenn man sie erst operiert, nachdem ihr Organ sich vollkommen entwickelt hat)[A], doch mit der betrüblichen Nebenerscheinung, daß, da sie sich niemals befriedigen können, die venerische Hitze bei ihnen in eine Art Wut ausartet; sie beißen die Weiber, die sie mit kostbarer Beständigkeit lieben.

[Fußnote A: Ergo expectatos: ac jussos crescere primium. Testiculos, postquam coeperunt esse bilibres, Tonsoris ducimo tantum capit Heliodorus. (Iuv. I, 2).

Man möge im 365. bis 379. Verse dieser Satyre über den Vorzug nachlesen, den die römischen Damen den Eunuchen gaben, und welchen Vorteil sie aus ihnen zogen.]

Wie man sieht, hat diese Eunuchenart den doppelten Vorteil, ohne Gefahr den Freuden der Weiber und den entarteten Geschmacksrichtungen der Männer zu dienen. Ehedem wurden alle Knaben Georgiens an Griechen verkauft und die Mädchen bevölkerten die Serails. Man versteht, daß man in diesem schönen Klima ebenso viele Ganymede wie Venusse findet; und wenn irgend etwas diese Leidenschaft in den Augen derer, die ihr nicht frönen, entschuldigt, wird es zweifelsohne die unvergleichliche Schönheit dieser Modelle sein.

Bekanntlich versteht man heute unter dem Worte: die Sünde wider die Natur alles, was auf die Nichtfortpflanzung der Art Bezug nimmt, und das ist weder richtig noch gut gesehen. Sodomie, in ihrer Übereinstimmung mit der Stadt der heiligen Schrift, zum Exempel ist sehr verschieden von einer einfachen Pollution. Obwohl dieser seltsame Geschmack, den man gleich vielen anderen mit dem Worte: Entartung bezeichnet, hauptsächlich in den zivilisiertesten Ländern verbreitet gewesen ist, bringt die Geschichte nichts Stärkeres vor, als in der heiligen Schrift berichtet worden ist. Alle die Städte der Pentapolis wurden derartig unsicher von ihm gemacht, daß kein Fremdling dort erscheinen konnte, der nicht seinen Begierden zur Beute fiel. Die beiden Engel, welche Loth besuchen wollten, wurden augenblicks von einer Volksmenge überfallen[A]. Vergebens gab Loth ihr seine Töchter preis. Diese ungewöhnliche Handlung gastfreundschaftlicher Tugend hatte keinen Erfolg. Die Sodomisten hatten Männerhinterteile nötig[B] und die Engel entrannen ihnen nur der plötzlichen Finsternis zufolge, welche die Zuchtlosen daran hinderte, einander zu erkennen.

[Fußnote A: Genesis XIX, 4. Aber ehe sie sich legten, kamen die Leute der Stadt Sodom, und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen Enden . . . 4 . . . Ut cognoscamus eos.]

[Fußnote B: Die Sodomiter dachten wahrscheinlich wie ein moderner hoher Herr. Ein vertrauter Kammerdiener teilte ihm mit, daß auf der Seite, die er bevorzuge, seine Geliebte genau so aussähe wie seines Herrn Ganymede . . . was man für Lasten Goldes nicht haben könnte; er könnte . . . die Weiber . . . »Weiber,« rief der Herr, »das ist gerade so wie wenn du mir eine Hammelkeule ohne Knochen auftragen wolltest!«]

Dieser Zustand hielt nicht lange an. Denn zwölf Stunden später ging alles in einem Schwefelregen unter, bis auf Loth und seine Töchter, die, in einer Höhle verborgen, glaubten, daß die Welt im Feuer vergehen wollte, wie sie bei der Sintflut in Wasser ersäuft worden war. Und die Furcht, keine Nachkommenschaft zu haben, bestimmte die Töchter, die anscheinend nicht auf die Folgen ihrer frischen Schändung rechneten, so schnell wie möglich von ihrem Vater welche zu erlangen. Die Ältere widmete sich als erste diesem frommen Opfer; sie legte sich auf den Biedermann Loth, den sie berauscht gemacht hatte, ersparte ihm alle Mühe bei diesem von der Liebe zur Menschheit dargebrachten Opfer und gebrauchte ihn, ohne daß er etwas davon merkte[A]. In folgender Nacht tat ihre Schwester desgleichen; und der gute Loth, der ebenso leicht zu täuschen wie schwer zu erwecken gewesen zu sein scheint, hatte mit diesen unfreiwilligen Handlungen so großen Erfolg, daß seine Töchter neun Monate nach diesem Erlebnisse zwei Knaben zur Welt brachten, Moab, den Gebieter des Moabiterstammes[B], und Ammon, den der Ammoniter.

Unabhängig von der ausdrücklichen Zeugenschaft des Apostel Paulus[C] weiß man, daß die Römer sehr weit gingen in den Ausschweifungen der Päderastie. Bemerkenswert aber ist, daß nach den Worten des großen Apostels die Weiber dem Vergnügen wider die Natur größeren Vorzug einräumten als dem, das sie herausfordern. -- Et feminae imitaverunt naturalem usum in eum usum qui est contra naturam: Im zweiundzwanzigsten Verse des siebenten Kapitels unten auf der Seite liest man diese Worte. Und der folgende Vers hat Caravaggio den Gedanken zu seinem Rosenkranz eingegeben, der sich im Museum des Großherzogs von Toskana befindet. Man sieht da etwa dreißig eng verschlungene Männer (turpiter ligati) im Kreise, die sich mit der wollüstigen Glut umarmen, welche der Maler seinen zügellosen Kompositionen zu geben wußte.

[Fußnote A: Genesis XIX, 33: Dormivit cum patre, at ille non sensit ne quando accubuit filia, nec quando surrexit.]

[Fußnote B: Moab war der Sohn der ersteren, Ammon wurde von der zweiten geboren.]

[Fußnote C: Apostel Paulus an die Römer I, 27: Masculi, delicto naturali usu faeminae as exarserunt in desiriis suis in invicem, masculi in masculos, turpitudinem operantes let mercidem quam oportuit erroris sui in somatipsis recipientes.]

Im übrigen ist die Päderastie auf dem ganzen Erdball bekannt gewesen: Reisende und Missionare beglaubigen es. Letztere berichten sogar einen Fall dreifacher Sodomie, der Doktor Sanchez' Scharfsinn in Verwirrung gesetzt und gewetzt hat. Hier ist er:

Marco Polo hat in seiner geographischen Beschreibung, die 1566 gedruckt worden ist, die Schwanzmenschen des Königreichs Lambri beschrieben. Struys hatte von denen der Insel Formosa und Gemelli Carreri von denen der Insel Mindors, in der Nähe von Manilla, gesprochen. So viele Autoritäten waren mehr als hinreichend, um die jesuitischen Missionare zu bestimmen, vorzugsweise in diesem Lande Bekehrungen zu unternehmen. Tatsächlich brachten sie welche von diesen Schwanzmenschen mit, die infolge einer Verlängerung des Steißbeins wirklich Schwänze von sieben, acht und zehn Zoll trugen, die empfindlich waren und, was ihre Beweglichkeit anlangte, alle Bewegungen machten, die man einen Elefantenrüssel vollführen sieht. Nun legte sich einer dieser Schwanzmänner zwischen zwei Weiber schlafen, von denen eine, die im Besitz einer großen Clitoris war, es so einrichtete, daß sie ihre Clitoris päderastisch unterbrachte, während der Schwanz des Insulaners sieben Zoll in das legitime Gefäß ragte. Der Insulaner -- er war recht gefällig -- ließ es geschehen und näherte sich, um alle seine Fähigkeiten in Wirksamkeit zu bringen, der anderen Frau, und erfreute sich ihrer, wo die Natur dazu einladet . . . Das war gewißlich eine herrliche Gelegenheit zur Übung seiner Talente für den Fürsten der Kasuistiker.

Sanchez urteilt: »Was den ersten Fall anlangt,« sagte er, »die doppelte, wenngleich in ihren Endzwecken unvollständige Sodomie, weil weder Schwanz noch Clitoris das Trankopfer vollziehen konnten, so handelten sie in nichts wider den Willen Gottes und die Stimme der Natur; im zweiten Falle handelte es sich um einfache Hurerei.«

Ich denke mir, ähnliche Schwänze würden mehr als einem ersprießlichen Zwecke in Paris dienen, wo die Verbreitung der Päderasten beträchtliche Fortschritte macht, wenn sie auch weniger blüht als zu Zeiten Heinrichs III., unter dessen Herrschaft Männer sich gegenseitig unter den Portiken des Louvre herausforderten. Bekanntlich ist diese Stadt ein Muster der Polizeiverwaltung. Infolgedessen gibt es öffentliche Orte, die zu diesem Treiben bestimmt sind. Die jungen Männer, die sich dieser Profession widmen, sind sorgfältig in Klassen geteilt; denn die reglementarischen Systeme erstrecken sich auch bis dahin. Man prüft sie. Die zu handeln und leiden verstehen, die schön, rosig, wohlgebaut, fleischig sind, werden den großen Herren aufgespart, oder sie lassen sich teuer von Bischöfen und Finanzmännern bezahlen. Die, welche ihrer Testikeln beraubt sind, oder wie der Kunstausdruck lautet (denn unsere Sprache ist keuscher als unsere Sitten), die kein Webergewicht haben, aber geben und empfangen, bilden die zweite Klasse. Sie sind ebenfalls teuer, weil sich die Weiber ihrer bedienen, während sie den Männern dienen. Die keiner Erektion mehr fähig, weil sie zu verbraucht sind, obwohl sie alle zum Vergnügen notwendigen Organe haben, schreiben sich als Nur-Patienten ein, und aus ihnen setzt sich die dritte Klasse zusammen. Wer ihren Vergnügungen vorsitzt, tritt den Wahrheitsbeweis ihrer Ohnmacht an. Zu diesem Zwecke legt man sie ganz nackt auf eine am unteren Ende offene Matratze, zwei Mädchen liebkosen sie nach bestem Können, während eine dritte den Sitz des venerischen Verlangens mit frischen Brennesseln schlägt. Nach viertelstündigen derartigen Versuchen führt man in ihren Anus roten spanischen Pfeffer ein, der eine beträchtliche Reizung ausübt. Auf die durch die Brennesseln hervorgerufenen Hitzblattern streicht man scharfen Caudebecer Senf und hält die Eichel in Kampfer. Die all diesen Prüfungen widerstehen und keine Spur von Erektion aufzuweisen haben, dienen als Patienten für dreifachen Preis. O, wie recht tut man, die Aufklärungsfortschritte unseres philosophischen Jahrhunderts zu rühmen!

Behemah

Unzucht mit Tieren, -- Dieser Titel ist dem Geiste zuwider und beschimpft die Seele. Wie ist's möglich, sich ohne Abscheu vorzustellen, daß es einen so verderbten Geschmack in der menschlichen Natur geben kann, wenn man bedenkt, wie sehr sie sich über alle Lebewesen zu erheben vermag? Wie sich klar machen, daß ein Mensch sich so hat wegwerfen können? Was, alle Reize, alle Wonnen der Liebe, all ihren Überschwang . . . hat er einem verächtlichen Tiere vor die Füße legen können! Und der Physis dieser Leidenschaft, diesem begehrenden Fieber, das auf solche Abwege geraten kann, haben die Philosophen ohne jegliches Schamerröten die Moral der Liebe unterordnen können! »Allein ihre Physis ist gut«, haben sie gesagt[A]. -- Nun, schön, lest Tibull und lauft dann und schaut euch diese Physis in den Pyrenäen an, wo jeder Hirt seine begünstigte Ziege hat, und wenn ihr die scheußlichen Vergnügungen des rohen Bergbewohners genugsam betrachtet habt, wiederholt noch einmal: »In der Liebe ist einzig die Physis gut.«

Ein sehr philosophisches Gefühl nur kann einen verpflichten, seine Augen einen Augenblick auf einem so seltsamen Gegenstande ruhen zu lassen, weil dies Gefühl, indem es Kraft gibt, alle Gedanken sich aus dem Kopf zu schlagen, welche Erziehung, Vorurteile und Gewohnheit uns Zug für Zug einprägen, mehr als eine Ansicht, nach der man sich richten kann, mehr als eine Erfahrung gibt, deren Ergebnisse nützlich und seltsam werden können.

[Fußnote A: Buffon.]

Die besondere Form, durch welche die Natur Mann und Weib charakterisiert hat, beweist, daß der Geschlechtsunterschied nicht von einigen oberflächlichen Verschiedenheiten abhängt, sondern daß jedes Geschlecht das Resultat vielleicht so vieler Verschiedenheiten ist, wie es Organe im Menschenleibe gibt, wennschon sie nicht alle in gleicher Weise sinnlich wahrnehmbar sind. Unter denen, die auffallend genug sind, um sich bemerkbar zu machen, gibt es welche, deren Nutzen und Zweck nicht genau festgestellt worden ist. Hängen sie im wesentlichen vom Geschlechte ab, oder sind sie eine notwendige Folge der Anlage der Hauptbestandteile[A]?

Das Leben heftet sich an alle Formen, behauptet sich jedoch mehr in den einen als in den anderen. Die widernatürlichen menschlichen Produkte haben mehr oder weniger Leben, die aber, die es in allzu ungewöhnlicher Weise sind, gehen bald zugrunde. So wird die so weit wie möglich aufgeklärte Anatomie entscheiden können, bis zu welchem Punkte man Ungeheuer sein, will sagen, von der seiner Art angemessenen Gestaltung sich entfernen kann, ohne die Fortpflanzungsfähigkeit zu verlieren, und bis zu welchem Punkte man es sein kann, ohne die, sich selbst zu erhalten, zu verlieren. Das Studium der Anatomie ist selbst noch nicht auf dieses Feld gelenkt worden, wozu man diesen Irrtum der Natur oder vielmehr diesen Mißbrauch seiner Begierden und Fähigkeiten, die viehische Handlungen veranlassen, benutzen könnte.

[Fußnote A: Die Krümmung des Rückgrats zum Exempel bei einem Buckligen zieht die Unordnung der anderen Teile nach sich, was ihnen allen eine Art von Ähnlichkeit gibt, die man Familienähnlichkeit nennen könnte.]

Die widernatürlichen Produkte verschiedener Tiere bewahren eine besondere Übereinstimmung mit beiden Arten, indem sie allmählich die Fortpflanzungsfähigkeit verlieren. Die widernatürlichen Produkte der Menschheit sollten uns überdies lehren, bis zu welchem Punkte die vernunftbegabte Seele sich, wenn man so sagen kann, auf die sinnliche Seele überträgt oder sich in ihr entwickelt. Es ist merkwürdig, daß die Wissenschaft solche Nachforschungen außer Acht gelassen hat.

Der wesentlich begründende Teil unseres Seins, der uns in der Hauptsache vom Tier unterscheidet, ist, was wir Seele nennen. Ihr Ursprung, ihre Natur, ihre Bestimmung, der Ort, wo sie ihren Sitz hat, sind ein unerschöpflicher Quell für Probleme und Meinungen. Die einen lassen sie beim Tode zugrunde gehen, andere trennen sie von einem Ganzen, mit dem sie durch Ausgießung vereinigt, wie das Wasser einer schwimmenden Flasche, deren Inhalt, wenn man sie zerbricht, sich mit der Wassermenge vereinigen wird. Diese Ideen sind ins Unendliche abgeändert worden. Die Pythagoräer gaben die Ausgießung nur nach den Wanderungen zu; die Platoniker vereinigten die lauteren Seelen und reinigten die anderen in neuen Körpern. Von da gehen die beiden Seelenwanderungsarten aus, die diese Philosophen lehren.

Was die Streitigkeiten über die Natur der Seele anlangt, so sind sie ein weites Feld der menschlichen Narrheiten; Narrheiten, die selbst ihren eigenen Autoren unverständlich sind. Thales behauptet, die Seele bewege sich in sich selber, Pythagoras, sie sei ein Schatten, der mit der Möglichkeit des in sich selbst Bewegens begabt sei. Plato hält sie für eine geistige Substanz, die sich mit harmonischer Regelmäßigkeit bewege. Aristoteles, mit seinem barbarischen Worte Entelechie bewaffnet, erzählt uns von dem Einklang der Gefühle insgesamt. Heraklit hält sie für eine Ausdünstung, Pythagoras für eine Absonderung der Luft, Empedokles für ein Gemisch der Elemente, Demokrit, Leukipp, Epikur für eine Mischung von, ich weiß nicht welchem Feuer, ich weiß nicht welcher Luft, von, ich weiß nicht welchem Wind und einem anderen Vierten, dessen Name mir nicht bewußt ist. Anaxagoras, Anaximenes, Archelaus setzten sie aus dünner Luft zusammen. Hippones aus Wasser, Xenophon aus Wasser und Erde, Parmenides aus Feuer und Erde, Boetius aus Feuer und Luft, Critius brachte sie ganz einfach im Blute unter, Hippokrates sah in ihr nur den im ganzen Körper ausgedehnten Geist, Mark-Antonin hielt sie für Wind, und Kritolaus, durchschneidend, was er nicht auflösen konnte, nahm eine fünfte Substanz an.

Man muß zugeben, daß eine derartige Nomenklatur nach Parodie aussieht, und möchte beinahe glauben, daß diese großen Geister sich über die Majestät ihres Stoffes lustig machten, wenn man sieht, daß das Resultat ihres Nachdenkens so lächerliche Definitionen waren, wenn man, nur die berühmtesten Modernen lesend, hinsichtlich dieser Materie klarer sähe als durch die Träumereien der Alten. Das bemerkenswerteste Resultat ihrer Meinungen in dieser Art ist, daß man bis auf unsere modernen Dogmen niemals die geringste Idee von der Geistigkeit der Seele gehabt hat, ob man sie gleich aus unsäglich zarten Bestandteilen zusammensetzte[A]. Alle Philosophen haben sie für materiell gehalten, und man weiß, was beinahe alle über ihre Bestimmung dachten. Wie dem auch sein möge, theoretische Narrheiten, selbst geistvolle Hypothesen werden uns nimmer ebensogut unterrichten wie gut geleitete physische Experimente.

Damit will ich noch nicht glauben, daß sie uns lehren können, welches die Natur der Seele oder der Ort ist, wo sie haust; aber die Abstufungen ihrer Schattierungen können unsäglich seltsam sein, und das ist das einzige Kapitel ihrer Geschichte, das uns zugänglich zu sein scheint.