Erotika Biblion

Part 4

Chapter 43,627 wordsPublic domain

Die braven Kasuistiker sind entgegenkommender. Lest unter so vielen anderen den Jesuiten Filliutius, der mit einem außerordentlichen Scharfsinn sich darüber ausläßt, bis zu welchem Punkte die wollüstigen Berührungen gehen dürfen, ohne strafbar zu werden. Er entscheidet zum Beispiel, ein Ehemann habe sich sehr viel weniger zu beklagen, wenn sich sein Weib einem Fremden in einer wider die Natur gehenden Weise hingibt, als wenn sie einfach mit ihm einen Ehebruch begeht und die Sünde tut, wie sie Gott befiehlt, »weil«, sagt Filliutius, »auf erstere Weise das legitime Gefäß, über welches der Ehemann ausschließliche Rechte hat, nicht berührt wird . . .«

O, welche köstliche Himmelsgabe ist ein friedsames Gemüt!

Die Thalaba

Eines der schönsten Denkmäler der Weisheit der Alten ist ihre Gymnastik. Besonders dadurch scheinen sie begieriger gewesen zu sein, vorzubeugen als zu strafen. Eine große Klugheit in politischer Beziehung! Die Feinde, sagten die Athener, sind dazu geschaffen, die Verbrechen zu bestrafen, die Bürger die Sitten hochzuhalten. Daher die voraussehende und heilsame Aufmerksamkeit der Jugenderziehung gegenüber. Der erste Ausbruch der Leidenschaften und ihr Ungestüm verursachen diesem heftigen Alter die stärksten Erschütterungen; es bedarf einer männlichen Erziehung, deren Strenge jedoch durch bestimmte Vergnügungen gemildert sein muß, die mit dem großen Gegenstande, Männer zu bilden, im Einklang stehen. Nun gab es dort nur körperliche Übungen, bei denen Arbeit und Freude glücklich vermischt waren, die zum Teil ständig den Körper und infolgedessen auch die Seele beschäftigten, erfreuten und kräftigten.

In Ländern, wo die Glücksgüter recht ungleich verteilt sind, werden stets die niedrigen Schichten der Gesellschaft einigermaßen von der Bedürftigkeit gequält, von der man nicht zu befürchten braucht, daß sie Betäubung durch Müßiggang und Verweichlichung zur Folge hat. Fast unvermeidlich fallen ihr aber die Reichen zum Opfer, wenn eine allgemeine und öffentliche Einrichtung sie nicht einer tätigen Erziehung unterwirft, die beständig zum Wetteifer anfeuert und ein Schutzwall gegen das ist, was im Reichtum, in seinem Genuß und seiner Entartung unaufhörlich zu entnerven sich bestrebt. Kräftige und edelmütige Gefühle können selten in geschwächten Körpern leben, und die Seele eines Spartiaten würde übel in einem Sybaritenleibe untergebracht sein. Alle Völker, die reich an Helden waren, sind ebenso die gewesen, deren kriegerische Erziehung, kräftige Einrichtungen, vollkommene, und gemäß den politischen Ansichten geleitete Gymnastik Kraft und Wetteifer stärkten.

Diese kostbaren Einrichtungen sind heute fast ins Vergessen geraten. In Paris zum Beispiel gibt es gut und gern vierzigtausend von der Polizei zur Erziehung der Jugend eingeschriebene Mädchen, aber es gibt in dieser ungeheuren Hauptstadt nicht eine einzige gute Reitschule, wo man lernen kann, wie man zu Pferde sitzen soll; keinerlei Übungen pflegt man da, wenn es sich nicht um Fechten, Tanzen, Ballspielen handelt, und die haben wir schädlich genug sich auswachsen lassen.

Daraus, und aus recht vielen anderen Dingen, die ich nicht alle anzuführen beabsichtige, folgt, daß unsere Leidenschaften oder vielmehr unsere Verlangen und Geschmäcker (denn wir haben keine Leidenschaften mehr) vor allem über jede moralische Tugend den Sieg davontragen.

Das heftigste unter diesen Verlangen ist zweifellos das, welches ein Geschlecht nach dem anderen trägt. Diesen Hunger haben wir mit allem, was da beseelt oder unbeseelt erschaffen worden ist, gemein. Die Natur hat als zärtliche und fürsorgliche Mutter an die Erhaltung all dessen, was da ist, gedacht. Doch unter den Menschen, diesen Wesen der Wesen, die zu oft nur mit Vernunft begabt zu sein scheinen, um sie zu mißbrauchen, ist das eingetreten, was man niemals bei den anderen Tieren bemerkt hat: sie täuschen nämlich die Natur, indem sie sich der Lust erfreuen, die mit der Fortpflanzung der Art verbunden ist, und lassen dabei das Ziel dieses Reizes außer Acht. So haben wir den Zweck von den Mitteln getrennt; und der Drang der Natur, durch die Bemühungen unserer Einbildungskraft verlängert, lastet auf uns ohne Rücksicht auf Zeiten, Orte, Umstände, Gebräuche, Kult, Sitten, Gesetze, kurz alle Fesseln, die dem Menschen auferlegt sind. Er hat sich nicht länger um die Gewohnheit der Staaten und der Alter gekümmert; denn die Greise werden enthaltsam, doch selten keusch.

Die Art und Weise, die Zwecke der Natur zu vereiteln, hat verschiedene Gründe gehabt: den Aberglauben, der mit seiner häßlichen Maske fast alle unsere Laster und Narrheiten deckt, verschiedene moralische Ursachen, selbst die Philosophie.

Ketzer in Afrika enthielten sich ihrer Weiber und ihr unterschiedliches Verfahren bestand darin, keinen Handel mit ihnen zu haben. Sie stützten sich erstens darauf, daß Abel rein gestorben sei, und nannten sich Abelianer, und zweitens darauf, daß der Apostel Paulus predigte, man sollte mit seinem Weibe sein, wie wenn man keins hätte[A]. Ein abergläubischer Wahnsinn kann nicht weiter verwundern; der Mißbrauch der Philosophie in dieser Hinsicht aber ist sehr sonderbar und ein Werk der Zyniker.

Es ist seltsam, daß unterrichtete Menschen von geübtem Verstande, nachdem sie in der menschlichen Gesellschaft die Sitten des Naturzustandes haben einführen wollen, nicht bemerkt oder sich so wenig Sorge darum gemacht haben, wie lächerlich es ist, verdorbenen und schwachen Menschen die bäurische Grobheit der Jahrhunderte tierischen Lebens aufpfropfen zu wollen. Selbst durch eine so groteske Philosophie oder durch die Liebe, welche die Urheber dieser Doktrin einflößten, verführte Frauen opfern ihr die Schande und die Scham, die tausendmal tiefer im weiblichen Herzen wurzelt als die Keuschheit selber.

[Fußnote A: An die Korinther 6, 7, 8, 29.]

Solange als es sich um die eheliche Pflicht handelte, hatten die Zyniker immer noch einige Sophismen anzuführen. Als aber Diogenes, der wenigstens mit einiger Vernunft faselte, diese Moral auf den Grund seiner Tonne beförderte, was konnten da seine Sophismen sein? Der Hochmut, den Vorurteilen zu trotzen, die Art Ruhm -- der sklavische Mensch ist in allem und stets ein Freund der Unabhängigkeit --, die sich daran knüpfte, waren allem Anscheine nach die wirklichen Beweggründe. Der Makel des Geheimnisses, der Schande, der Finsternis, würde ihm beleidigende Namen und Nachstellungen eingetragen haben, seine Schamlosigkeit bewahrte ihn davor. Wie kann man sich einbilden, daß ein Mensch denkt, was er tue und am hellen Tage sagt, sei schlecht in Worten und in Werken? Wie kann man einen Menschen verfolgen, der kalt behauptet: »Es ist das ein sehr mächtiges Bedürfnis; ich aber bin glücklich in mir selber zu finden, was andere Menschen zu tausenderlei Ausgaben und Verbrechen veranlaßt. Wenn alle Welt wie ich wäre, würde weder Troja gefallen, noch Priamus auf Jupiters Altar die Kehle abgeschnitten worden sein!« Diese und sehr viele andere Gründe scheinen einige seiner Zeitgenossen verführt zu haben.

Galienus sucht ihn mehr zu rechtfertigen als zu verdammen. Wahr ist's, daß die Mythologie in gewisser Weise den Onanismus geheiligt hatte. Man erzählt, daß Merkur, da er Mitleid mit seinem. Sohne Pan hatte, der Tag und Nacht durchs Gebirge streifte, von heftiger Liebe zu seiner Geliebten[A] gepackt, deren er nicht froh werden konnte, ihm diese fade Erleichterung bezeichnete, die Pan dann die Hirten lehrte.

Noch merkwürdiger als des Galienus Duldsamkeit ist die der Lais, die an Diogenes, diesen Diogenes, der sich durch so viele ungeteilte Freuden befleckte, ihre Gunst verschwendete, die ganz Griechenland mit Gold aufgewogen haben würde, und um seinetwillen den liebenswürdigen und weisen Aristipp betrog. Würde Lais, wenn ihm dasselbe Abenteuer wie dem Mädchen zugestoßen wäre, die, nachdem sie den Zyniker allzu lange hatte warten lassen, merkte, daß er sie sich aus dem Kopf geschlagen hatte und ihrer nicht mehr bedurfte, sich dem Onanismus gegenüber etwa strenger bezeigt haben?

Woher das Wort Onanismus stammt, weiß man: In der heiligen Schrift läßt Onan seinen Samen auf die Erde fallen[B], seine Gründe jedoch dürften denen des Diogenes vorzuziehen sein. Juda hatte von Sua drei Söhne: Her, Onan und Sela. Er wollte Nachkommenschaft haben, führte sich seltsam dabei auf, kam aber zum Ziele. Seinen ältesten Sohn Her ließ er Thamar heiraten; als Her ohne Kinder gestorben war, wollte Juda, daß Onan seine Schwägerin beschlafe unter der Bedingung, daß er seinem Bruder Samen erwecke, der nach dem Namen des Ältesten Her genannt werde. Onan weigerte sich, und um den Zweck der Natur ein Schnippchen zu schlagen, hub er, jedesmal wenn er bei Thamar lag, an, sein Trankopfer beiseite zu schütten. Er starb. Juda ließ Thamar seinen dritten Sohn Sela heiraten, der auch kinderlos starb. Juda wurde halsstarrig und nahm das Geschäft, dessen er sehr würdig gewesen zu sein scheint, auf sich, denn er schwängerte seine Tochter »derartig, daß Zwillinge in ihrem Leibe erfunden wurden«. Der erste wies seine Hand vor, um welche die Wehenmutter einen roten Faden band, weil er der ältere sein mußte. Aber der kleine Arm zog sich wieder zurück und das andere Kind erschien zu erst und man nannte es Perez[C].

[Fußnote A: Das Echo.]

[Fußnote B: Genesis, Kapitel 38.]

[Fußnote C: Der, welcher das Band trug und als zweiter geboren ward, erhielt den Namen Zara, was so viel wie Osten heißt.]

Die Väter wollen Noah in Perez sehen, Noah das Bild Jesu Christi, der erschienen ist wie der kleine Arm und dessen Leib nur für das neue Gesetz geboren werden durfte. Was aber die Väter klarer als all das sahen, ist, daß durch die Begebenheit mit dem Samen, den Onan beiseite warf, Jesus Christus von der fremden Ruth, der Courtisane Rahab, der Ehebrecherin Bathseba und von Vater auf Tochter von der blutschänderischen Thamar abstammen muß[A]. Doch zur Sache zurück.

Man sieht, daß dem Onanismus, wenn er auch nicht geheiligt wurde, immerhin durch große und alte Beispiele das Wort geredet worden ist.

Die moralischen Gründe, die ihn am häufigsten herausfordern, sind entweder die Furcht, Wesen, die der besonderen Umstände halber unglücklich werden würden, das Leben zu geben, oder die Angst vor Seuchen erzeugenden Berührungen. Denn ohne daß es durchaus bewiesen ist, meint man, daß das Gift auf die Teile des Körpers, die vollkommen mit der Haut bekleidet sind, nicht, sondern nur auf die von ihr entblößten, einwirkt.

[Fußnote A: Sacy, Seite 817, Ausgabe in 8°.]

Diese und viele andere Umstände verleiten dazu, dem so lebhaften Triebe, der den Menschen zur Fortpflanzung seines Ichs drängt, nur nachzugeben, indem er die Absicht der Natur außer Acht läßt; und die Mittel sie zu täuschen, sind bei den einen zur Leidenschaft, bei vielen anderen zum Bedürfnis geworden. Der Schlaf erregt in den Zölibatären die wollüstigsten Träume. Die Einbildung, geschärft und geschmeichelt durch diese trügerischen Illusionen, die zu einer verstümmelten Wirklichkeit führen, die aber wieder der Unannehmlichkeiten entbehrt, welche ein vollkommeneres Glück oft so gefährlich machen, hat eifrig nach dieser Weise gegriffen, ihr Begehren hinters Licht zu führen. Beide Geschlechter, auf solche Art die Bande der Gemeinschaft zerreißend, haben diese Vergnügungen nachgeahmt, die sie sich ungern versagen und indem sie sie durch ihre eigenen Anstrengungen ersetzten, haben sie gelernt, sich selbst zu genügen.

Diese einzelnen und erzwungenen Vergnügungen sind dank der Bequemlichkeit, sie zu stillen, zur heftigen Leidenschaft geworden, welche die Macht der der Menschheit so gebietenden Gewohnheit zu ihrem Nutzen ausgebeutet hat. Dann sind sie sehr gefährlich geworden, gefährlicher als so lange sie nur durch das Bedürfnis geregelt wurden, da sie eine mehr wollüstige als hitzige Einbildungskraft erzeugt haben. Kein Unfall ist die Folge gewesen, kein physisches Leiden hat dieser Hang gezeitigt, und die Moral würde ihm gegenüber in gewissen Fällen einige Duldsamkeit obwalten lassen können[A]. Die alten Richter, vielleicht weniger ängstlichen, aber philosophischen Richter, dachten, wenn man ihm in diesen Grenzen genüge täte, würde man die Enthaltsamkeit nicht verletzen. Galienus behauptet, wie man gesehen hat, daß Diogenes, der öffentlich seine Zuflucht zu diesem Hilfsmittel nahm, sehr keusch wäre; er wendete dies Verfahren nur an, sagt er, um den Übelständen der Samenverhaltung zu entgehen.

Doch kommt es wohl sehr selten vor, daß man in dem, was man den Sinnen einräumt, das richtige Maß einhält. Je mehr man sich seinem Verlangen überläßt, desto mehr schärft man es; je mehr man ihm gehorcht, desto mehr reizt man es. Dann bestimmt die von Schwäche vergiftete und ständig in wollüstige Gedanken versunkene Seele die tierischen Triebe, sich der Ausschweifung hinzugeben. Die Organe, die das Vergnügen hervorrufen, werden durch die wiederholten Berührungen beweglicher, den Abschweifungen der Einbildung gegenüber gelehriger; ständige Erektionen, häufige Pollutionen und die Folgen eines unmäßigen Lebens stellen sich ein.

Oft kommt es vor, daß die Leidenschaft in Wut ausartet. Die Gegenstände, die ihr gleichartig sind und sie nähren, bieten sich unaufhörlich dem Geiste dar; nun, man kann sich nicht vorstellen, bis zu welchem Grade dieses Achten auf einen einzigen Gegenstand entnervt, schwächt. Übrigens zieht die Lage der Geschlechtsteile, selbst ohne Pollution, eine große Verschwendung der animalischen Triebe nach sich. Pollutionen treten zu häufig auf; selbst wenn ihnen keine Samenentleerungen folgen, schwächen sie unendlich. Es gibt auffallende und unbestreitbare Beispiele dieser Art. Zu beachten ist noch, daß das Verhalten der Onanisten nicht wenig zur Schwächung, die sich aus ihren ungeteilten Handlungen ergibt, und zur Reizbarkeit ihrer Organe beiträgt. Die Natur kann nimmer weder ihrer Rechte verlustig gehen noch ihre Gesetze unbestraft verletzen lassen. Geteilte Freuden werden selbst im Übermaß eher von ihr ertragen als eine unfruchtbare List, durch welche man ihrer Herr zu werden sucht. Die Befriedigung des Geistes und des Herzens hilft zu einer schnelleren Wiedergutmachung der Verluste als die, welche die Räusche der Einbildungskraft verursachen und niemals ersetzen können.

[Fußnote A: Der Marquis von Santa Crux, zum Beispiel, beginnt sein Buch über die Kriegskunst mit den Worten, daß es die erste, für einen großen General durchaus notwendige Eigenschaft sei, zu . . . weil das einer Armee und besonders in einer Kriegsstadt alle Klatschereien und Seuchen erspare.]

Die Moral ist aber stets der Leidenschaft gegenüber schwach. Wenn dieser seltsame Geschmack bekannt ist, ist man mehr damit beschäftigt, ins Werk zu setzen, was ihn befriedigen kann, als darüber nachzudenken, was ihn zurückdrängen könnte; und man hat herausgefunden, daß beide Geschlechter, sich gegenseitig bedienend, den einzelnen Genuß den Reizen eines gegenseitigen Genusses vorziehen müßten.

Diese seltsame Kunst wurde zu allen Zeiten und wird noch in Griechenland gepflegt. Es ist dort üblich, sich nach dem Mahle zu versammeln. Man legt sich im Kreise auf einen Teppich, alle Füße sind nach dem Mittelpunkte gerichtet, wo man in der kalten Jahreszeit einen Dreifuß aufstellt, der eine Kohlenpfanne trägt. Ein zweiter Teppich deckt euch bis an die Schultern zu: da finden die jungen Griechinnen das Mittel, sich, ohne daß man's merkt, die Schuhe auszuziehen und den Männern mit ihren Füßen einen Dienst zu leisten, zu dem sich viele Weiber sehr unbeholfen ihrer Hände bedienen.

Tatsächlich ist solch eine Gabe nicht allen verliehen. In Paris haben einige Leute nach einer vollendeten Erfahrung und einer Menge Versuchen ein besonderes Studium daraus gemacht. Auch die jungen Mädchen, die vom edlen Wetteifer beseelt sind, nach einem Rufe dieser Art zu trachten, tragen eifrig Sorge, Unterricht zu nehmen; doch sind sie nicht alle mit Erfolg gekrönt. Sicher ist es, daß sich hier Schwierigkeiten von mehr als einer Art in den Weg stellen.

Es handelt sich nicht um ein Gefühl, das sich auf das Wesen des Mädchens überträgt, welches nichts tut als es hervorzurufen. Es ist nur eine Sensation, die sie durch den Stoß ihres Körpers mitteilt, es ist eine Sensation, die der Mann in sich selber durch die Einbildungskraft dieses Mädchens genießen und die um so köstlicher werden muß, als sie durch ihre Kunst den Genuß verlängern kann. Diese Wonne erlischt mit dem Akt, weil sie der Mann allein fühlt. Die Köstlichkeiten des natürlichen Vergnügens dagegen gehen voraus und folgen dem innigen Verein der Liebenden. Das Mädchen, die den teilweisen Genuß leitet, darf sich also nur damit befassen, eine Situation, die ihr fremd ist, zu führen, reizen, unterhalten, dann einstweilen aufzuheben, die Wirkung mehr hinauszuschieben als zu beschleunigen und noch sehr viel weniger sie hervorzurufen. Alle diese Zärtlichkeiten müssen mit unsäglich zarten Nuancen abgestimmt sein; die gefällige Priesterin darf sich nicht dem hitzigen Überschwange überlassen, der ihr freistünde, wenn sie mit dem Opferer vereinigt wäre.

Man begreift wohl, daß dies Vorgehen hitzigen jungen Leuten gegenüber nicht am Platze ist, die ihr Ungestüm leitet und die in dieser Art Lüsten nur die Verzückung der Wonne suchen; man kann sie nur mit denen ausüben, bei denen in einem reiferen Alter das lebhafte Feuer des Temperaments abgeschwächt und die Einbildungskraft geübter ist: sie wollen sich des Vergnügens mit allen Sensationen und den Schattierungen erfreuen, die diese Art von Lust bietet.

Unter den Männern, ebenso auch unter den Weibern, besteht eine sehr große Temperamentsverschiedenheit; manche sind von einer Geilheit, für die man keine Worte findet. Die, welche sich mit Temperament zu, begnügen wissen und eine bedeckte Eichel haben, bewahren eine der alten Satire würdige Geilheit. Der Grund davon ist sehr einfach: die Eichel, die der Sitz der Wollust ist, erhält sich dank dem ständigen Verharren in der lymphatischen Flüssigkeit, die sie schlüpfrig macht, ihre kostbare Empfindlichkeit, statt daß sie, wie bei denen, die sie entblößt tragen, die man beschnitten hat, oder bei denen die Vorhaut von Natur aus zu kurz ist, mit dem Alter hart und schwielig wird, denn bei denen ist die vorbereitende Flüssigkeit, die sie absondert, ganz umsonst da.

Nun wird aber ein in der Kunst des Thalaba bewandertes Mädchen sich einem Manne dieser Klasse gegenüber nicht wie mit einem anderen aufführen. Stellt euch die beiden Handelnden nackt in einem mit Spiegeln umgebenen Alkoven und auf einem Lager mit einem Himmelbett vor. Das eingeweihte Mädchen vermeidet es zuerst mit größter Sorgfalt, die Zeugungsteile zu berühren: ihre Annäherungen sind zart, ihre Umarmungen süß, die Küsse mehr zärtlich als lasziv, die Zungenbewegungen abgemessen, der Blick wollüstig, die Umschlingungen der Glieder voll Anmut und Weichheit; sie kitzelt mit den Fingern leicht die Brustwarzen, bald merkt sie, daß das Auge feucht wird, fühlt, daß sich die völlige Erektion eingestellt hat, dann legt sie den Daumen leicht auf das äußere Ende der Eichel, die sie in ihrer lymphatischen Flüssigkeit gebadet findet, mit der Daumenspitze fährt sie leise zu ihrer Wurzel hinab, kommt zurück, fährt wieder hinunter, fährt um den Kranz. Sie hält ein, wenn sie merkt, daß die Sensationen sich mit allzu großer Schnelligkeit vermehren. Sie wendet dann nur allgemeine Berührungen an, und das nur nach gleichzeitigen und unmittelbaren Berührungen der Hand, dann mit beiden und dem Nähern ihres ganzen Körpers; daß die Erektion zu hitzig geworden, merkt sie in dem Augenblick, in welchem man die Natur handeln lassen oder ihr helfen oder sie reizen muß, um zum Ziel zu gelangen, weil der Krampf, der den Mann überkommt, so lebhaft und der Empfindungshunger so heftig ist, daß er zur Ohnmacht führen würde, wenn man ihm nicht ein Ende machte.

Um aber diese Weise der Vollendung, diese Kraft des Genusses zu erlangen, muß das Mädchen sich aus dem Spiele lassen, um alle Nuancen der Wollust, die die Seele des Thalaba durchläuft, studieren, befolgen und verstehen, um die aufeinander folgenden Verfeinerungen anwenden zu können, die diese Genußsteigerungen, die sie erzeugt, verlangen. Man gelangt in dieser Kunst gewöhnlich nur bis zu einer Stufe der Vollendung, teils durch ein feines Gefühl, teils durch eine genaue Berührung, die bei diesen Gelegenheiten die einzigen und wirklichen Richter sind . . . Was aber wird das Resultat dieses Werkes der Wollust sein . . . Wird es Martial, der ausgelassene Martial? . . . Ich höre ihn rufen:

Ipsam crede tibi naturam dicere rerum, Istud quod digitis, Pontice, perdis, homo est[A]. Und es ruft dir zu die Natur, sie selbst: Halte ein; Was deine Hand vergießt, verdiente ein Mensch zu sein!

Das ist schön und wahr; indessen sind Dichter nicht in Dingen maßgebend, die von der Vernunft entschieden werden müssen.

Der Haupt- und vielleicht der einzige Grundsatz der Natur ist: schlecht ist, was schadet. Der Ehebruch steht der Natur nicht so fern und ist ein sehr viel größeres Übel als der Onanismus. Der könnte nur der Jugend Gefahr bringen, wenn er ihre Gesundheit angreift; aber für die Moral kann er oft sehr nützlich sein. Der Verlust von etwas Samen an sich ist kein sehr großes Übel, er ist nicht einmal ein so großes wie der von etwas Dünger, der einen Kohlkopf hätte hervorbringen können. Sein größter Teil ist von der Natur selber dazu bestimmt, verloren zu gehen. Wenn alle Eicheln Eichen werden wollten, würde die Welt ein Wald werden, in dem man sich nicht bewegen könnte. Kurz, ich sage mit Martial: »Ihr sollt euch also eurem Weibe nicht nähern, wenn sie hohen Leibes ist, denn: Istud, quod vagina, Pontice perdis, homo est.« Wenn ihr sie so fasten laßt, seid ihr ein rechter Dummkopf und werdet ihr gar viel Verdruß bereiten, was vom Übel ist. Überdies werdet ihr, bevor sie niederkommt, alles sein, was ein Ehemann werden kann, was im Vergleich damit etwas wenig ist.

[Fußnote A: Epigramme 42, Buch 9.]

Die Anandrine

Die berühmtesten Rabbiner sind der Meinung gewesen, daß unsere ersten Väter beide Geschlechter in sich vereinigten und als Zwitter geboren wurden, um die Fortpflanzung zu beschleunigen. Doch nachdem eine gewisse Zeit verstrichen, hörte die Natur auf, so fruchtbar zu sein, zu der Zeit, wo die Pflanzenstoffe nicht mehr für unsere Nahrung ausreichten und die Menschen anfingen, sich des Fleisches zu bedienen.

Im Anfange war es sicher so, und wir haben in diesen Ausführungen[A] gesehen, daß Adam zweigeschlechtlich erschaffen worden ist. Gott gab ihm eine Gefährtin; doch die Schrift sagt nicht, ob Adam bei diesem Wunder eine seiner Eigenschaften verlor. Da die Genesis sich also in keiner genauen Weise über diesen Gegenstand äußert, hat das System der Rabbiner lange Zeit eine große Anhängerschaft gehabt.

Man hat ein gemäßigteres System aufgestellt, das einigen Leuten wahrscheinlicher vorgekommen ist. Daß es nämlich drei Arten von Wesen in dem ersten Zeitraum gegeben habe, die einen männlich, die anderen weiblich, andere männlich und weiblich in einem; daß aber alle Individuen dieser drei Arten jedes vier Arme und vier Beine, zwei Gesichter, eines gegen das andere gekehrt und auf einem einzigen Halse ruhend, vier Ohren, zwei Geschlechtsteile usw. gehabt hätten. Sie gingen aufrecht; wenn sie aber laufen wollten, schossen sie Purzelbaum. In ihre Ausschweifungen, ihre Keckheit, ihren Mut teilten sie sich; daraus aber ergab sich ein großer Übelstand: jede Hälfte versuchte unaufhörlich sich mit der anderen zu vereinigen, und wenn sie sich trafen, umarmten sie sich so eng, so zärtlich mit einem so köstlichen Vergnügen, daß sie sich zu keiner Trennung mehr entschließen konnten. Ehe sie sich voneinander rissen, starben sie lieber Hungers.

[Fußnote A: Siehe die Analytroide.]