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Part 3

Chapter 33,640 wordsPublic domain

Nach dieser Erschaffung verstreicht eine beträchtliche Zeit, bevor das neue doppelgeschlechtliche Wesen den Lebensodem empfängt; erst in der siebenten Zeitspanne geschieht's. Adam hat lange in dem Zustande lauterer Natur existiert und besaß nur den Instinkt der Tiere. Als aber der Atem ihm eingeflößt worden war, sah sich Adam als den König der Erde, er machte sich seine Vernunft zunutze »und er gab allen Dingen einen Namen«.

Es sind also zwei verschiedene Schöpfungen; die des Menschen, die seines Geistes; und einzig hier erscheint das Weib. Sie ist nicht aus dem Nichts erschaffen, wie alles, was vorhergeht; sie entsteht aus dem Vollkommensten, was vorhanden ist. Es blieb nichts mehr zu schaffen. Gott zog aus Adam die höchste Reinheit seines Wesens heraus, um die Welt mit dem vollkommensten Wesen zu verschönen, das noch erschienen ist, mit dem er das göttliche Werk der Schöpfung vervollständigte.

Das Wort, dessen sich der hebräische Gesetzgeber bedient, um dies Wesen zu bezeichnen, erscheint noch einmal in virago[A] wieder, das sich im Französischen nicht übersetzen läßt, das das Wort Frau nicht wiedergibt, und das sich nur durch die Idee der männlichen Fähigkeit empfinden läßt. Denn vir heißt Mann, und ago ich handle. Früher sagte man vira[B] und nicht virago. Die Septuaginta aber erklärt, daß sich der Sinn des Hebräischen durch das Wort vira nicht wiedergeben ließe, sie hat ago[C] hinzugefügt.

[Fußnote A: Genesis, Kap. II, Vers 23.]

[Fußnote B: Vira von vir.]

[Fußnote C: Im Deutschen hat sich das Wort in Männin erhalten, das von Mann kommt. Männin ist vira und nicht virago. »Man wird sie Männin heißen« (Genesis II, Vers 23), Luther.]

Es erstaunt mich daher nicht, daß die Schürmann die Beschaffenheit des schönen Geschlechts so sehr herausstreicht und sich gegen die Sekten entrüstet, die es herabsetzen. Das Gleichnis, dessen sich die Schrift bedient, indem sie das Weib aus Adams Rippe formt, will nichts anderes dartun, als daß dies neue Geschöpf nur eins sein soll mit der Person seines Gatten, dessen Seele und Alles sie ist. Nur die Tyrannei des stärkeren Geschlechts hat die Gleichheitsbegriffe verändern können.

Im Heidentume wurden diese Begriffe durchaus unterschieden, da die Alten beide Geschlechter mit der Gottheit verbanden: das ist ohne Rücksicht auf das ganze System in der Mythologie genau dargetan worden. Wenn die Heiden den Menschen vom Augenblicke seiner Geburt an unter den Schutz der Macht, des Glückes, der Liebe und Notwendigkeit stellten, denn das wollen Dynamis, Tyche, Eros und Ananke besagen, so war das wahrscheinlich nur eine sinnreiche Allegorie, um unsere Stellung zu erklären, denn wir verbringen unser Leben mit Befehlen, Gehorchen, mit Wünschen und mit Nachstreben. In anderem Falle hätte es bedeutet, den Menschen recht ausschweifenden Führern anzuvertrauen, denn die Macht ist die Mutter der Ungerechtigkeiten, das Glück die der Launen; die Notwendigkeit bringt Freveltaten hervor und die Liebe steht selten in Übereinstimmung mit der Vernunft.

Wie verhüllt auch die Dogmen des Heidentums sein mögen, keine Zweifel bestehen über die Wirklichkeit des Kults der Hauptgottheiten; und der der Juno, der Frau und Schwester des Götterobersten, war einer der allgemeinsten und geschätztesten. Das Epitheton Weib und Schwester zeigt ihre Allmacht zur Genüge: wer die Gesetze gibt, kann sie übertreten. Das berühmte und nicht minder bequeme geheime Mittel, seine Jungfernschaft wiederzugewinnen, indem man sich in der Quelle Canathus auf dem Peloponnes badete, war einer der schlagendsten Beweise von dieser Macht, die alles bei den Göttern wie bei den Menschen rechtfertigt. Das Bild von der Rachsucht der Juno, unaufhörlich auf den Theatern dargestellt, verbreitete den Schrecken, den diese furchtbare Göttin einflößte. Europa, Asien, Afrika, zivilisierte wie barbarische[A] Völker verehrten und fürchteten sie um die Wette. Man sah in ihr eine ehrsüchtige, stolze, eifersüchtige Königin, welche die Weltherrschaft mit ihrem Gatten teilte, all seinen Beratungen beiwohnend und von ihm selber gefürchtet.

Eine so allgemeine demütige Verehrung, die zweifelsohne nichts mit der sehr viel schmeichelhafteren zu tun hat, die man der Schönheit darbrachte, die geschaffen war, zu verführen und nicht zu erschrecken, beweist zum wenigsten, daß in den Gedanken der ersten Menschen der Weltenthron von beiden Geschlechtern geteilt wurde[B]. Ein berühmter Schriftsteller des verflossenen Jahrhunderts ist noch weiter gegangen; es hat ihm keine Schwierigkeit bereitet zu sagen, dieser Vorrang der Juno vor den anderen Göttern war die wirkliche Macht, aus der die übermäßige Verehrung der heiligen Jungfrau hervorging, auf die die Christen verfallen sind. Erasmus selber hat behauptet, daß der Brauch, die Jungfrau nach Predigtbeginn auf der Kanzel zu grüßen, von den Alten herrühre[C]. Gewöhnlich suchen die Menschen mit den geistigen Ideen des Kults sinnliche Ideen zu verbinden, die sie rühren und bald hernach erstere unterdrücken. Sie beziehen, und sind wohl gezwungen, alles auf ihre Ideen zu beziehen. Nun wissen sie, daß man aus der Niedrigkeit wie aus dem Wohlwollen der Könige nichts anderes gewinnt, als was deren Minister beschlossen haben; sie halten Gott für gut, aber hinhaltend und bilden sich nach den irdischen Höfen den Himmelshof. Danach ist der Kult der Jungfrau leichter zu fassen für den Menschenverstand als der des Allmächtigen, der ebenso unerklärlich wie unfaßbar ist.

[Fußnote A: Sie wurde besonders in Gallien und in Germanien unter dem Titel Göttin-Mutter verehrt.]

[Fußnote B: Man wird im Altertume viele Gebräuche finden, die diese Meinung erhärten. In Lacedaemonien zum Beispiel legte, wenn man die Ehe vollzog, das Weib ein Männerkleid an, weil das Weib es ist, die die Männer zur Welt bringt.]

[Fußnote C: In Aegypten hatte in den Heiratsverträgen zwischen Königen die Frau das Ansehen des Gatten. (Diod. d. Sic. I, I. Kap. XXVII usw.).]

Sobald das Volk von Ephesus erfahren hatte, daß die Väter des Konzils entschieden hätten, daß man die Jungfrau die Heilige nennen durfte, gerieten sie vor Freude außer sich. Seitdem hat man der Mutter Gottes einzige Verehrungen gezollt; alle Almosen fließen ihr zu, und Jesus Christus bekommt keine Opfergaben mehr. Diese Inbrunst hat niemals völlig aufgehört. Es gibt in Frankreich dreiunddreißig Kathedralen und drei erzbischöfliche Kirchen, die der Jungfrau geweiht sind. Ludwig der Dreizehnte weihte ihr seine Person, seine Familie und sein Königreich. Bei der Geburt Ludwigs des Vierzehnten sandte er das Gewicht des Kindes in Gold an Unsere Frau von Loretto, die, wie man ohne gottlos zu sein, glauben darf, sich sehr wenig in Anna von Österreichs Schwangerschaft hineingemischt hat.

Noch ungewöhnlicher als all das ist, daß man im zweiten Jahrhundert der Kirche dem heiligen Geiste weibliches Geschlecht gegeben hat. Tatsächlich ist ruats tuach, was auf Hebräisch Geist heißt, weiblichen Geschlechts, und die, welche dieser Meinung waren, nannten sich Eliesaiten.

Ohne dieser unrichtigen Meinung irgendwelchen Wert beizumessen, muß ich bemerken, daß die Juden keine Begriffe von dem Mysterium der Dreieinigkeit gehabt haben. Selbst die Apostel sind von dem Dogma der Einheit Gottes ohne Abänderungen fest überzeugt gewesen; nur in den letzten Augenblicken hat Jesus Christus dies Mysterium offenbart. Wenn nun Gott eine der drei Personen der Dreieinigkeit auf die Erde schicken wollte, konnte er sie senden, ohne sie in Fleisch und Blut zu verwandeln; er konnte die Person des Vaters oder des heiligen Geistes wie des Sohnes senden; er konnte sie in einem Manne wie in einem Weibe Mensch werden lassen. Die göttliche Wahl traf eine Art Aufmerksamkeit oder Vorzug für das Weib. Jesus Christus hat eine Mutter gehabt, er hat keinen Vater gehabt. Die erste Person, mit welcher er sprach, war die Samaritanerin, die erste, der er sich nach seiner Wiederauferstehung zeigte, war Maria Magdalena usw. Kurz, der Heiland hat stets eine für ihr Geschlecht sehr ehrenvolle Vorliebe für die Frauen gehabt.

Eine wahrhaft schmeichelhafte Huldigung aber für ihn, eine wahrhaft segensreiche Erfindung für die menschliche Gesellschaft würde es sein, wenn man die geeigneten Mittel fände, der Schönheit den Lohn der Tugend zu verleihen, sie selber dazu anzufeuern, auf daß alle Menschen angespornt würden, ihren Brüdern Gutes zu tun, sowohl durch die Freuden der Seele, als auch durch die der Sinne, damit alle Fähigkeiten, mit denen das höchste Wesen unsere Art begabt hat, wetteiferten, uns gerechte und wohltätige Gesetze lieben zu lassen. Unmöglich ist es nicht, dies vom Patriotismus, der Weisheit und der Vernunft so lebhaft ersehnte Ziel eines Tages zu erreichen; aber, ach Gott, wie weit sind wir noch davon entfernt!

Die Tropoide

Die Verderbnis der Sitten, die Bestechlichkeit des menschlichen Herzens, die Verirrungen des Menschengeistes sind von unseren Sittenrichtern derartig abgedroschene Gegenstände der Behandlung, daß man meinen sollte, das augenblickliche Jahrhundert sei ein Greuel der Verwüstung, denn die französische Sprache besitzt keinen noch so kräftigen Ausdruck, dessen sich Nörgler nicht bedienten. Wenn man indessen einen flüchtigen Blick auf die vergangenen Jahrhunderte tun will, auf eben die, welche man uns als Beispiele anpreist, so wird man, daran zweifle ich nicht, viel Beklagenswertes finden. Unsere Aufführung und unsere Sitten zum Beispiel taugen mehr als die des Volkes Gottes. Ich weiß nicht, was unsere Salbaderer sagen würden, wenn sie unter uns eine so schmutzige Verderbtheit sähen, wie die, welche mit dem schönen Jahrhundert der Patriarchen in Einklang steht.

Ich sage nichts darwider, daß Moses Gesetze weise, billig, wohltätig gewesen seien, aber diese an der Stiftshütte angebrachten Gesetze, deren Zweck es anscheinend gewesen ist, den Bund der Hebräer unter sich durch den Bund der Menschen mit Gott zu verknüpfen, beweisen unwiderleglich, daß dies auserwählte, geliebte und bevorzugte Volk sehr viel bresthafter als jedes andere gewesen ist, wie wir in der Folge dieses Aufsatzes beweisen wollen.

Man denkt nicht genug daran, daß alles relativ ist. Keine Gründung kann gemäß dem Geiste ihrer Einrichtung geführt werden, wenn er nicht nach dem Gesetz der Schuldigkeit gelenkt wird, das nichts anderes wie das Gefühl dieser Schuldigkeit ist. Die wirkliche Kraft der Autorität ruht in der Meinung und im Herzen des Untertanen, woraus folgt, daß für die Handhabung der Herrschaft nichts die Sitten ergänzen kann: es gibt nur gute Leute, die die Gesetze handhaben können, aber es gibt nur ehrliche Leute, die ihnen wahrhaft zu gehorchen wissen. Denn außer, daß es sehr leicht ist, ihnen auszuweichen, außer daß die, deren einziges Gewissen sie bilden, der Tugend und selbst der Billigkeit recht fernstehen, weiß der, der Gewissensbissen trotzt, auch den Strafen Trotz zu bieten, die eine sehr viel weniger lange Züchtigung als erstere sind, denen zu entgehen man ja auch immer hoffen kann. Wenn aber die Hoffnung auf Straflosigkeit zur Anfeuerung zu Gesetzesübertretungen genügt, oder wenn man zufrieden ist, wofern man es nur übertreten hat, ist das Hauptinteresse nicht mehr persönlich und alle einzelnen Interessen vereinigen sich gegen es: dann haben die Leiter unendlich viel mehr Macht, die Gesetze zu schwächen, als die Gesetze, die Laster zu unterdrücken. Und es endigt damit, daß man dem Gesetzgeber nur noch scheinbar gehorcht. Zu dem Zeitpunkte sind die besten Gesetze die unseligsten, da sie nicht mehr vorhanden sind, sie würden eine Zuflucht sein, wenn man sie noch befolgte. Ein schwacher Schutz indessen! Denn die vermehrten Gesetze sind die verachteteren, und neue Aufseher werden ebenso viele neue Übertreter.

Der Einfluß der Gesetze steht daher stets im Verhältnis zu dem der Sitten, das ist eine bekannte und unwiderlegbare Wahrheit, das Wort Sitten aber ist recht unbegrenzt und verlangt nach einer Erklärung.

Sitten sind und müssen in der einen Gegend ganz anders als in der anderen, und bezugnehmend auf den Nationalgeist und die Natur der Herrschaft sein. Der Charakter der Verweser hat auch großen Einfluß auf sie, und auf all diese Beziehungen Rücksicht nehmend, muß man sie betrachten. Wenn der Preis der Tugend zum Beispiel dem Raube zuerkannt wird, wenn gemeine Menschen wohlangesehen sind, die Würde unter die Füße getreten, die Macht von ihren Austeilern herabgesetzt, die Ehren entehrt, wird die Pest sicherlich alle Tage zunehmen, das Volk seufzend schreien: »Meine Leiden rühren nur von denen her, die ich bezahle, um mich davor zu bewahren!« und zu seiner Betäubung wird man sich in die Verderbnis stürzen, die man überall ans Licht zerren wird, um das Gemurmel zu übertönen.

Wenn dagegen die Verwahrer des Ansehens den dunklen Kunstgriff der Verderbtheit verschmähen und einen Erfolg nur von ihren Bemühungen erwarten und die öffentliche Gunst nur von ihren Erfolgen, dann werden die Sitten gut sein und einen Ersatz für das Genie des Oberhaupt es bilden; denn je mehr Spannkraft die öffentliche Meinung hat, desto weniger bedarf es der Talente. Selbst Ruhmsucht wird mehr durch Pflicht als durch widerrechtliche Besitznahme gefördert, und das Volk, überzeugt, daß seine Oberen nur für sein Glück wirken, entschädigt sie durch seinen Eifer, für die Befestigung der Macht zu arbeiten.

Ich habe gesagt, die Sitten müßten im Verhältnis zur Natur der Regierung stehen; von diesem Gesichtspunkt aus muß man sie also auch beurteilen. Tatsächlich muß in einer Republik, die nur durch Sparsamkeit bestehen kann, Einfachheit, Genügsamkeit, Nachsicht, der Geist der Ordnung, des Eigennutzes, selbst des Geizes die Oberhand haben, und der Staat muß in Fährnis geraten, wenn der Luxus die Sitten verfeinern und verderben wird.

In einer begrenzten Monarchie dagegen wird die Freiheit für ein so großes und für ein stets so bedrohtes Gut angesehen werden, daß jeder Krieg, jede zu ihrer Erhaltung, zur Verbreitung oder Verteidigung des Nationalruhmes unternommene Handlung nur wenige Widersprecher finden wird. Das Volk wird stolz, edelmütig, hartnäckig sein, und Ausschweifung und die zügelloseste Üppigkeit werden die Allgemeinheit nicht entnerven.

In einer ganz absoluten Monarchie würde der strengste und vollkommenste Despotismus herrschen, wenn das schöne Geschlecht dort nicht den Ton angäbe. Galanterie, Gefallen an allen Freuden, allen Frivolitäten ist ganz natürlich und ohne Gefahr Nationaleigenschaft, und vage Redereien über diese moralischen Unvollkommenheiten sind sinnlos.

Unter solcher Voraussetzung wollen wir im Fluge prüfen, ob unsere Sitten und einige unserer Gebräuche, nach einem Vergleiche mit denen mehrerer berühmter Völker, noch als so abscheulich erscheinen müssen[A].

Auf den ersten Blick in den Levitikus sieht man, bis zu welchem Maße das jüdische Volk verderbt gewesen ist. Bekanntlich stammt das Wort Levitikus von Levi ab, welches der Name eines von den übrigen getrennten Stammes war, da er hauptsächlich sich dem Kult widmete. Von ihm kommen die Leviten oder Priester und das heutige Kleidungsstück her, welches diesen Namen trägt, ohne ein sehr authentisches Denkmal unserer Ehrerbietung zu sein. Moses behandelt in diesem Buche die Weihen, die Opfer, die Unreinheit des Volkes, den Kult, die Gelübde usw.

[Fußnote A: Man soll weiter unten in der Linguanmanie noch auffallendere Dinge als die Sitten des Volkes Gottes sehen, die wir darlegen wollen.]

Ich will im Vorübergehen bemerken, daß die Form der Weihen bei den Hebräern sonderbar war. Moses machte seinen Bruder Aaron zum Hohenpriester. Dazu entkehlte er einen Widder, tauchte seinen Finger in das Blut und fuhr mit ihm über Aarons rechte Ohrmuschel und über seinen rechten Daumen.

Wenn man heutigentags den Kardinal Rohan, den Bischof von Senlis in der Kapelle weihen und ihn mit dem Finger ganz warmes Blut auf das Ohrläppchen streichen sieht[A], kann man nicht mehr umhin, sich die Gravüre des Abbé Dubois zur Zeit der Regentschaft ins Gedächtnis zurückzurufen, man sieht ihn zu Füßen eines Mädchens knien, die von dem unreinen Ausfluß nimmt, der die Weiber alle Monate quält, um ihm damit die Priestermütze rot anzustreichen und ihn zum Kardinal zu machen.

Das ganze fünfzehnte Kapitel des Levitikus handelt von nichts anderem wie der Gonorrhoe, unter der die Hebräer sehr zu leiden hatten. Gonorrhoe und Lepra waren ihre minder unangenehmen Unreinheiten; und sie hatten ihrer wirklich mehr als genug, als daß sie sich noch so viele zu erdenken gebraucht hätten. Ein Weib war zum Beispiel unreiner, wenn sie ein Mädchen zur Welt gebracht hatte als einen Jungen[B]. Das ist eine ebensowenig vernünftige wie seltsame Eigentümlichkeit.

Die Hebräer trieben mit Dämonen unter Ziegengestalt[C] Hurerei; diese ungehobelten Dämonen machten da von einer elenden Verwandlung Gebrauch.

[Fußnote A: Levitikus, Kap. 8, Vers 24.]

[Fußnote B: Levitikus, Kap. 12, Vers 5.]

[Fußnote C: Levitikus, Kap. 17, Vers 7.]

Ein Sohn lag bei seiner Mutter und leistete seinem Vater Beistand[A]; wir befinden uns noch nicht auf dieser Stufe der Sohnesliebe. Ein Bruder sah ohne Gewissensbisse seine Schwester in der tiefsten Vertraulichkeit[B].

Ein Großvater wohnte seiner Enkeltochter bei[C]; das war nicht sehr anakreontisch.

Man schlief bei seiner Tante[D], bei seiner Schwieger[E], seiner Stiefschwester[F], was da nur kleine Sünden waren; endlich erfreute man sich seiner eigenen Tochter[G].

Die Männer befleckten sich selber vor dem Molochstandbild[H]; später fand man, daß dieser leblose Samen der Statue unwürdig sei; man machte ein Ende damit, indem man ihr ein neugeborenes Kind als Opfer darbot.

Wie die Pagen der Regentschaft dienten die Männer sich untereinander als Weiber[I].

Sie benutzten alle Tiere [J], und das schöne Geschlecht ließ sich von Esel, Maultieren usw.[K] befriedigen. Was um so unsittlicher war, als man den Priesterstamm dahin entwickelt zu haben schien, daß er die schlecht versorgten Weiber für sich einnehmen mußte. Man nahm unter die Leviten keine Hinkenden, Verwachsenen, Triefäugigen, Leprösen auf, ebenso keine Menschen, die eine zu kleine, schiefe Nase hatten, man mußte eine schöne Nase besitzen[L].

[Fußnote A: Levitikus, Kap. 18, Vers 7.]

[Fußnote B: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.]

[Fußnote C: Levitikus, Kap. 18, Vers 10.]

[Fußnote D: Levitikus, Kap. 18, Vers 12.]

[Fußnote E: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.]

[Fußnote F: Levitikus, Kap. 18, Vers 15.]

[Fußnote G: Levitikus, Kap. 18, Vers 16.]

[Fußnote H: Levitikus, Kap. 18, Vers 21: De semine tuo non dabis idolo Moloch; und Kap. 20, Vers 3: Qui polluerit sanctuarium.]

[Fußnote I: Levitikus, Kap. 18, Vers 22: Cum masculo coitu faemino.]

[Fußnote J: Levitikus, Kap. 18, Vers 23: Omni pecore.]

[Fußnote K: Mulier jumento. Bekanntlich heißt in der heiligen Schrift jumentum = Hilfstiere: adjuvantes von daher abgeleitet, französisch jument, die Stute.]

[Fußnote L: Levitikus, Kap. 20, Vers 18.]

An dieser Musterkarte sieht man, wie es um die Sitten des Volkes Gottes bestellt war; gewißlich kann man sie nicht mit unserem Lebenswandel vergleichen. Meines Bedünkens kann man nach dieser Skizze einer Parallele, die sich noch weiterführen ließe, keinen allzu lauten Einspruch gegen die Vorgänge heutiger Tage erheben.

Die Freigeister übertreiben nicht gerade viel weniger, wenn sie von unseren abergläubischen Gebräuchen reden, als die Priester, wenn sie gegen unsere Laster zu Felde ziehen.

Wir haben den traurigen Vorteil, was die Wut des Fanatismus anlangt, von keiner anderen Nation übertroffen zu werden; der Wahnsinn des Aberglaubens jedoch hat in anderen Religionen noch weiter um sich gegriffen.

Bei uns sieht man keine Menschen, die beschaulich auf einer Matte sitzend ins Blaue hinein warten, bis das himmlische Feuer ihre Seele überkommt. Man sieht keine vom Teufel Besessenen, die niederknien und die Stirn gegen die Erde schlagen, um den Überfluß aus ihr hervorzulocken, keine unbeweglichen Büßer, die stumm sind wie die Statue, vor der sie sich demütigen. Man sieht hier nicht vorzeigen, was die Scham verbirgt, unter dem Vorwande, daß Gott sich seines Ebenbildes nicht schäme; oder sich bis zum Gesichte verschleiern, wie wenn der Schöpfer Abscheu vor seinem Werke hätte. Wir drehen uns nicht mit dem Rücken gen Mittag, um des Teufelswindes willen; wir breiten nicht die Arme nach Osten aus, um dort das Strahlenantlitz der Gottheit zu entdecken. Wir sehen, wenigstens in der Öffentlichkeit, keine jungen Mädchen unter Tränen ihre unschuldigen weiblichen Reize zerstören, um die böse Lust durch Mittel zu besänftigen, die sie zu oft nur noch mehr herausfordern. Wieder andere, ihre geheimsten Reize zur Schau stellend, warten und fordern in der wollüstigsten Stellung die Annäherung der Gottheit heraus. Um ihre Sinne abzuschwächen, heften sich junge Leute einen Ring, der im Verhältnis zu ihren Kräften steht, an ihre Geschlechtsteile. Wieder andere wollen der Versuchung durch die Operation des Origines entgehen und hängen die Beute dieses gräßlichen Opfers am Altar auf . . .

Mit all diesen Verirrungen haben wir wirklich nichts zu tun.

Was würden unsere Salbaderer sagen, wenn die, wie um ihre Tempel, um unsere Kirchen gepflanzten heiligen Haine das Theater aller Ausschweifungen wären? Wenn man unsere Frauen verpflichtete, sich preiszugeben, wenigstens einmal, zu Ehren der Gottheit? Und man könnte ja sehen, ob die dem schönen Geschlechte natürliche Frömmigkeit ihm erlaubte, zu Zeiten, wo es der Brauch verlangte, sich dort ihm zu fügen.

Der heilige Augustin berichtet in seiner Gott-Stadt[A], daß man auf dem Kapitol Frauen erblicke, die sich den Freuden der Gottheit weihten, von denen sie gemeiniglich schwanger würden. Es ist möglich, daß auch bei uns mehr als ein Priester mehr als einen Altar schändet; aber er verkleidet sich wenigstens nicht als Gott. Der berühmte Kirchenvater, den ich eben anführte, fügt in demselben Werke mehrere Einzelheiten an, die beweisen, daß, wenn die Religionen bei den Modernen viele Verführungen bemänteln, der Kult der Alten wenigstens nicht im mindesten so anständig war wie der unsrige. In Italien, sagt er, und besonders in Lavinium, trug man bei den Bacchusfesten männliche Glieder, denen die angesehenste Matrone einen Kranz aufsetzte, in feierlichem Zuge herum. Die Isisfeste waren genau so anständig.

[Fußnote A: Buch 6, Kapitel 9.]

An gleicher Stelle führt der heilige Augustinus in langer Reihe die Gottheiten auf, die bei der Hochzeit den Vorsitz führen. Wenn das Mädchen sein Versprechen gegeben hatte, führten die Matronen sie zum Gotte Priapus[A], dessen übernatürliche Eigenschaften man kennt. Man ließ die junge Verheiratete sich auf das ungeheure Glied des Gottes setzen, dort nahm man ihr den Gürtel ab und rief die dea virginiensis an. Der Gott Subigus unterwarf das Mädchen dem Entzücken des Gatten. Die Göttin Prema befriedigte sie unter ihm, um zu verhindern, daß sie sich allzu viel bewegte. (Wie man sieht, war alles vorgesehen, und die römischen Mädchen wurden gut vorbereitet.) Schließlich kam die Göttin Pertunda, was soviel wie die Durchbohrerin heißt, deren Geschäft war es, sagt Sankt Augustinus, dem Manne den Pfad der Wollust zu öffnen. Glücklicherweise war dieses Amt einer weiblichen Gottheit eingeräumt worden, denn, wie der Bischof von Hippona sehr gescheit bemerkt, würde der Ehemann nicht gern geduldet haben, daß ein Gott ihm diesen Dienst erweise und ihm an einem Orte Hilfe zuteil werden ließe, wo man ihrer nur allzu häufig nicht bedarf.

[Fußnote A: Buch 6, Kapitel 9.]

Noch einmal: sind unsere Sitten minder anständig als die da? Und warum dann unsere Fehler und unsere Schwächen übertreiben? Warum Schrecken in die Seele der jungen Mädchen und Mißtrauen in die der Ehemänner pflanzen? Wäre es nicht besser, wenn man alles milderte, alles aussöhnte?