Part 2
Alles war in diesen Gegenden ohne Pflege im Überfluß und derartig vorhanden, daß der Besitz dort ebenso nutzlos wie lästig geworden wäre. Man fühlt, daß, wo es keinen Besitz gibt, auch sehr wenige Ursachen zu Zwistigkeiten und Feindschaften vorliegen können, und daß die vollkommenste politische Gleichheit herrscht, vorausgesetzt, daß solche Wesen eines politischen Systems bedürfen. Ich weiß nicht, was ihre Ruhe trüben könnte, da ihre Bedürfnisse mehr im Vorbeugen als im Befriedigen liegen, wenn der Geschmack des Verlangens ihnen nicht abgeht und sie das Gift des Überdrusses nicht zu fürchten haben.
Auf dem Saturnringe übertragen sich die Kenntnisse durch die Luft auf sehr beträchtliche Entfernungen hin, auf demselben Wege, auf dem sich das Sonnenlicht fortpflanzt, das bekanntlich in sieben Minuten zu uns kommt. Eine Einatmung, oder anders ein gemäßigter Hauch genügt, um einen Gedanken mitzuteilen. Davon geht der bewunderungswürdige Wettstreit unter den unendlichen Völkern aus, die dieses Verständnisses und dieser auf dem ganzen Ringe allgemein verbreiteten Harmonie zufolge sich nur mit ihrer gemeinsamen Glückseligkeit beschäftigen, die niemals im Widerspruch mit der eines einzelnen Individuums gestanden hat.
Diese, besonders für die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die Geschicklichkeiten, die auf das Glück und die Erhaltung der Art abzielten, waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber wünschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Böse vermischt haben. Die großen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen, waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder künstlichen Vergnügungen herrschten dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die glückseligen Wesen mühelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, daß der wahre Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres Glück ist.
Das ist alles, was eine rasche Lektüre von Shackerleys Reise mir zu behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das Auseinanderfalten und die Übersetzung dieses kostbaren Manuskripts vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen, die Herr Auquetil ganz gewiß von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu können, wie er den Zent oder den Pelhvi versteht.
Die Anelytroide
Ohne Widerspruch ist die Bibel eines der ältesten und seltsamsten Bücher, das es auf Erden gibt.
Die meisten Einwände, auf die sich Leute stützen, die nicht zu glauben vermögen, daß Moses ein göttlicher Ausleger gewesen ist, scheinen mir sehr unzureichend. Nichts ist zum Beispiel mehr ins Lächerliche gezogen worden als das Sinnliche der heiligen Bücher, das einen tatsächlich als sehr mangelhaft anmutet. Aber man zieht den Zustand dieser Wissenschaft in den ersten Menschenaltern gar nicht in Erwägung, für die das Buch ja schließlich verständlich sein mußte. Das Sinnliche war damals das, was es noch heute sein würde, wenn der Mensch niemals die Natur erforscht hätte. Er sah den Himmel für ein Azurgewölbe an, auf welchem Sonne und Mond die wichtigsten Gestirne zu sein schienen; erstere brachte stets das Tageslicht, letzterer das der Nacht hervor. Man sah sie erscheinen oder sich auf einer Seite erheben und auf der anderen verschwinden oder untergehen, nachdem sie ihren Lauf vollendet und ihr Licht einen bestimmten Zeitabschnitt über hatten leuchten lassen. Das Meer schien von derselben Farbe wie das Azurgewölbe, und man glaubte, daß es den Himmel berühre, wenn man es von weitem betrachtete. Alle diesbezüglichen Gedanken des Volkes halten oder können sich nur an diese drei oder vier Eindrücke halten; und wie fehlerhaft sie auch sein mögen, man muß sich nach ihnen richten, um sich zu seinem Standpunkt herabzulassen.
Da das Meer sich in der Ferne mit dem Himmel zu vereinigen schien, mußte man sich natürlich einbilden, daß es obere und untere Gewässer gäbe, deren eine den Himmel anfüllten, die anderen das Meer. Und um die oberen Gewässer zu halten, gab es ein Firmament, will sagen, eine Stütze, eine starke und durchscheinende Wölbung, durch die man die azurnen oberen Gewässer erblickte.
Hier ist nun, was der Text der Genesis sagt:
»Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel . . . Und alle unter der Feste versammelten Wasser nannte er Meer.«
Klar ist, daß man auf diese Ideen beziehen muß:
1. die Katarakte des Himmels, die Türen und Fenster des festen Firmaments, die sich auftun, wenn die oberen Gewässer auf die Erde fallen sollen, um sie zu überschwemmen,
2. den gemeinsamen Ursprung von Fischen und Vögeln, erstere durch die unteren Wasser hervorgebracht, die Vögel durch die oberen Gewässer, weil sie sich auf ihrem Fluge der Azurwölbung nähern, von welcher das Volk glaubt, daß sie nicht viel höher ist als die Wolken.
Ebenso glaubt dies Volk, daß die Sterne, die wie Nägel in die Wölbung geheftet, viel kleiner als der Mond, unendlich viel kleiner als die Sonne seien. Es unterscheidet die Planeten von den Fixsternen nur durch den Namen: die umherschweifenden Sterne. Zweifelsohne werden aus diesem Grunde die Planeten in der ganzen Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt. Alles dies ist in Rücksicht auf den gewöhnlichen Menschen dargestellt worden, bei dem es sich nicht darum handelt, ihm das wirkliche System der Natur zu erklären, sondern für den die Belehrung dessen hinreichte, was er dem höchsten Wesen schuldete, indem man ihm dessen Erzeugnisse als Wohltaten zeigte. All die erhabenen Wahrzeichen der Weltorganisation, wenn man so sagen kann, dürfen nur mit der Zeit sichtbar werden, und das oberste Wesen sparte sie sich vielleicht als das sicherste Mittel auf, den Menschen an sich zu gemahnen, wenn sein Glaube, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich vermindernd, kraftlos, schwankend und fast zunichte geworden wäre; wenn er entfernt von seinem Ursprung, ihn schließlich vergessen würde, wenn er an das große Schauspiel des Weltalls gewöhnt, aufhören sollte, dadurch gerührt zu sein und wagen würde, den Schöpfer nicht kennen zu wollen. Die großen aufeinander folgenden Entdeckungen festigten und vergrößerten den Gedanken an dies unendliche Wesen in dem Menschengeiste. Jeder Schritt, den man in der Natur tut, erzeugt diese Wirkung, indem er einen dem Schöpfer näher bringt. Eine neue Wahrheit wird ein großes Wunder, ein größeres Wunder zum höheren Ruhme des hohen Wesens als alle, die man uns aufführt, weil die, selbst wenn man sie gelten läßt, nur Glanzlichter sind, die Gott unmittelbar und selten aufsetzt. Statt wie bei den andern, bedient er sich des Menschen selbst, um die unbegreiflichen Wunder der Natur zu entdecken und kund zu tun, die in jedem Augenblick hervorgebracht, zu jeder Zeit und für alle Zeiten zu seiner Betrachtung aufgezählt, den Menschen unaufhörlich, nicht allein durch das gegenwärtige Schauspiel, sondern mehr noch durch die aufeinander folgenden Entwicklungen an seinen Schöpfer gemahnen müssen.
Das ist's, was unsere unwissenden und dünkelhaften Theologen uns lehren müßten. Die große Kunst besteht darin, immer die Kunde von der Natur mit der der Theologie zu vermischen, nicht darin, heilige Dinge und Vernunft, Glaubenstreue und Philosophie unaufhörlich gegeneinander auszuspielen.
Eine der Quellen des Mißkredits, in den die heiligen Bücher gerieten, sind die gewaltsamen Auslegungen, die unsere so hochfahrende, so abgeschmackte, mit unserem Elend so übereinstimmende Eigenliebe allen Stellen zu geben wußte, die wir uns nicht zu erklären vermögen. Von da sind die bildlichen Bedeutungen, die ungewöhnlichen und unschicklichen Gedanken, die abergläubischen Übungen, die seltsamen Gebräuche, die lächerlichen oder ungereimten Entscheidungen, ausgegangen, in denen wir untergehen. All die menschlichen Narrheiten stützen sich auf Stellen, die den Auslegern Widerstand entgegensetzen, die sich abplagen, hartnäckig sind und nichts wissen, wie wenn das höchste Wesen dem Menschen nicht die Wahrheiten zu geben vermocht hätte, die er nur in künftigen Jahrhunderten kennen lernen, wissen und ergründen sollte. In dem Augenblick, wo wir gelten lassen, daß die Bibel für den Weltkreis geschaffen worden ist, soll man erwägen, daß man heute sehr viel mehr Dinge tut, die man -- vierzig Jahrhunderte sind inzwischen verstrichen -- damals nicht kannte, und daß man in vierhundert weiteren Jahren Geschehnisse kennen wird, die wir nicht wissen. Warum also vorgreifend urteilen wollen! Kenntnisse erwirbt man stufenweise fortschreitend, und sie erschließen sich nur in unmerklichem Vorwärtsgehen, welches die Umwälzungen der Reiche und der Natur verzögern oder beschleunigen. Nun heischt das Verständnis der Bibel, die seit einer so großen Zahl von Jahrhunderten vorhanden ist -- gibt es doch wenige Dinge von einem ebenso hohen Alter anzuführen -- vielleicht noch eine lange Periode von Anstrengungen und Nachforschungen.
Einer der Artikel der Genesis, die dem Menschenverstande ungewöhnlich zugesetzt hat, ist der Vers siebenundzwanzig des ersten Kapitels:
»Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.«
Es ist sehr klar, und es ist sehr augenscheinlich, daß Gott Adam als Zwitter geschaffen hat; denn nach dem folgenden Verse sagt er zu Adam:
»Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde.«
Dies wurde am sechsten Tage bewerkstelligt. Erst am siebenten Tage schuf Gott das Weib. Ungeheures tat Gott zwischen der Erschaffung des Mannes und der des Weibes. Er ließ Adam alles kennen lernen, was er geschaffen hatte: Tiere, Pflanzen usw. Alle Tiere erschienen vor Adam.
»Adam[A] bemerkte sie alle; und der Name, den Adam jedem der Tiere gegeben hat, ist sein wirklicher Name.«
»Adam[B] gab also einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen usw.«
Bis dahin ist das Weib noch nicht erschienen; es ist unerschaffen. Adam ist immer Zwitter. Er hat allein fruchtbar sein und sich vermehren können.
Und um die Zeit zu verstehen, während welcher Adam die beiden Geschlechter in sich hat vereinigen können, genügt es, darüber nachzudenken, was diese Tage, von denen die Schrift spricht, sein können, diese sechs Tage der Schöpfung, dieser _siebente_ Tag der Ruhe usw.
[Fußnote A: Kapitel II, Vers 19.]
[Fußnote B: Kapitel II, Vers 20.]
Es kann wirklich nur niederschmetternd wirken, daß beinahe alle unsere Theologen, alle unsere Mucker den großen, den heiligen Namen Gottes mißbrauchen; jedesmal ist man verletzt, daß der Mensch ihn herabwürdigt, daß er die Idee des ersten Wesens schändet, indem er ihr die des Hirngespinsts seiner Meinungen unterschiebt. Je tiefer man in den Busen der Natur eindringt, desto höher ehrt man ihren Schöpfer.
Eine blinde Ehrfurcht aber ist Aberglaube; einzig eine aufgeklärte Ehrfurcht gebührt der wahren Religion. Um in lauterer Weise die ersten Taten zu verstehen, die uns der göttliche Interpret hat zuteil werden lassen, muß man, wie es der beredte Buffon tut, mit Sorgfalt die Strahlen auffangen, die von dem himmlischen Lichte ausgegangen sind. Anstatt die Wahrheit zu verdunkeln, kann ihr das nur einen neuen Grad von Glanz hinzufügen.
Worauf kann man, wenn man dies voraussetzt, aus den sechs Tagen, die Moses so genau bezeichnet, indem er sie einen nach dem anderen zählt, schließen, wenn nicht auf sechs Zeitspannen, sechs dauernde Zwischenräume? Diese mangels anderer Ausdrücke durch den Namen Tag angezeigten Zeitspannen können nicht mit unseren wirklichen Tagen in Verbindung gebracht werden, da drei dieser Tage nacheinander verstrichen sind, bevor die Sonne erschaffen worden ist. Diese Tage waren demnach unseren nicht ähnlich, und Moses zeigt das klar an, indem er sie von Abend bis Morgen rechnet, während man die Sonnentage von Morgen bis Abend rechnet und rechnen muß. Diese sechs Tage waren also weder den unsrigen ähnlich, noch untereinander gleich, sie waren der Arbeit angemessen. Es waren demnach nur sechs Zeitspannen. Wenn also Adam den sechsten Tag als Zwitter erschaffen und das Weib erst am Ende des siebenten hervorgebracht worden ist, so hat Adam all die Zeit über, die es Gott gefallen hat, zwischen diese beiden Zeitpunkte zu legen, in sich selber und durch sich selber erzeugen können.
Dieser Zustand der Androgeneität ist weder den Philosophen des Heidentums und seinen Mythologien, noch den Rabbinern unbekannt gewesen. Die einen haben behauptet, Adam sei auf der einen Seite als Mann, auf der anderen als Weib erschaffen worden, aus zwei Körpern zusammengesetzt, die Gott nur zu trennen hatte. Die anderen, wie Plato, haben ihm eine runde Figur von ungewöhnlicher Kraft gegeben; so wollte denn auch das Geschlecht, das von ihm ausging, den Göttern den Krieg erklären. -- Jupiter in seinem Zorn wollte es vernichten. -- Gab sich aber damit zufrieden, den Menschen zu schwächen, indem er ihn spaltete, und Apollo dehnte die Haut aus, die er am Nabel zusammenband. Davon geht die Neigung aus, die ein Geschlecht nach dem anderen hinzieht, dank dem sehnsüchtigen Wunsche sich zu vereinigen, den beide Hälften verspüren, und die menschliche Unbeständigkeit infolge der Schwierigkeit, die jede Hälfte empfindet, seinem ihm entsprechenden Teile zu begegnen. Erscheint uns ein Weib liebenswürdig, so halten wir es für die Hälfte, mit der wir erst ein Ganzes ausmachen. Der Herr sagt uns: die da, die ist's; bei der Prüfung aber, wehe, ist sie's zu oft nicht.
Zweifelsohne behaupten auf Grund einiger dieser Ideen die Basilitier und die Carpocratier, daß wir in dem Zustande der unschuldigen Natur so wie Adam im Augenblicke der Schöpfung geboren werden und infolgedessen seine Blöße nachahmen müssen. Sie verabscheuen die Ehe, behaupten, die eheliche Vereinigung würde ohne die Sünde niemals auf Erden stattgefunden haben, halten den gemeinsamen Genuß des Weibes für ein Vorrecht ihrer Wiedereinsetzung in die ursprüngliche Unschuld, und setzen ihre Dogmen in einem köstlichen, unterirdischen Tempel in die Tat um, der durch Öfen erwärmt ist, und den sie, Männer und Weiber, ganz nackt betreten. Da war ihnen alles bis zu Vereinigungen erlaubt, die wir Ehebruch und Blutschande nennen, sobald der Älteste oder das Haupt ihrer Gemeinde die Worte der Genesis: »seid fruchtbar und vermehret euch« ausgesprochen hatte.
Tranchelin erneuerte diese Sekte im zwölften Jahrhundert; er predigte offen, Hurerei und Ehebruch wären verdienstvolle Handlungen; und die berühmtesten dieser Sektierer wurden in Savoyen die Turlupins genannt. Mehrere Gelehrte leiten den Ursprung dieser Sekten von Muacha her, der Mutter Afas, des Königs von Juda, der Hohenpriesterin des Priapus: wie man sieht, heißt das zu weit zurückgreifen.
Diese doppelte Kraft Adams scheint noch in der Fabel vom Narziß angedeutet zu sein, der, von Liebe zu sich selber trunken, sich seines Bildes erfreuen will und schließlich einschlummert, da er bei dem Werke scheitert[A].
[Fußnote A: Das zeigt sogar der Ursprung des Wortes: Narziß, das von [Griechisch: Narchê] = Schlummer abstammt. Um deswillen wurde die Narzisse die den unterirdischen Gottheiten heilige Blume. Daher kommt's auch, daß man vor Alters den Furien Narzissengirlanden darbot, weil sie die Verbrecher lähmten, einschläferten.]
Alle diese Zweifel, alle diese Untersuchungen über Genüsse, die unserer wirklichen Natur zuwiderlaufen, haben zu einer großen Frage Veranlassung gegeben, zu wissen: an imperforata mulier possit concipere? »ob ein verschlossenes Mädchen heiraten kann?«
Man kann sich denken, daß gelehrte Jesuiten, wie die Patres Cucufa und Tournemine, dieser Frage auf den Grund gegangen, und daß sie für die Bejahung gewesen sind. »Gottes Werk,« sagen sie, »kann auf keinen Fall in einer Weise vorhanden sein, die jenseits der Grenzen der Natur steht; ein scheinbar der Vulva beraubtes Mädchen muß also im Anus Mittel und Wege finden, um dem Triebe der Fortpflanzung, der ersten und unzertrennlichsten der Funktionen unserer Existenz, genug zu tun.«
Cucufa und Tournemine sind angegriffen worden; das mußte sein. Der Spanier Sanchez aber, der »auf einem Marmorstuhle sitzend« dreißig Jahre seines Lebens über diese Fragen nachgedacht hat, der niemals weder Pfeffer noch Salz noch Essig zu sich nahm, der, wenn er zu Tische saß, stets seine Füße in die Luft streckte[A], Sanchez hat seinen Mitbrüdern mit einer Beredtsamkeit, die man nicht glauben möchte, das Nachdenken über eine derartig empfindliche Materie verboten. Nichtsdestoweniger ist die Eifersucht gegen die Jesuiten so mächtig gewesen, daß die Päpste einen für junge Mädchen, die diesen Weg in Ermangelung eines anderen betreten lassen wollten, aufgesparten Fall daraus gemacht haben. Bis Benedikt XIV., aufgeklärt durch die Entdeckungen der Pariser Fakultät, den aufgesparten Fall aufgehoben und den Gebrauch der »Hinterpost« im Sinne der Patres Cucufa und Tournemine erlaubt hat.
[Fußnote A: Salem, piper, acorem respuchat. Mensae vero accumbebat alternis semper pedibus sublatis. Siehe: Elogium thom. Sanchez; gedruckt am Anfang des Werkes: De Miatrimonio. Antwerpen bei Murss 1652 in folio. Und wenn man sich einen Begriff machen will von den erbaulichen Fragen, die dieser Theologe und viele andere aufgeworfen haben, mag man im einundzwanzigsten Disput seines zweiten Buches nachlesen.]
Tatsächlich hat Herr Louis, ständiger Sekretär der chirurgischen Akademie, im Jahre 1755 die Frage über die Verschlossenen behandelt; er hat bewiesen, daß die Anelytroiden empfangen könnten, und die in seiner mit Vorrecht gedruckten These angeführten Fälle beweisen es. Trotz dieser Urkundlichkeit unterließ es das Parlament nicht, die These des Herrn Louis als gegen die guten Sitten verstoßend anzugreifen. Der große und nicht minder scharfsinnige und boshafte Chirurg mußte seine Zuflucht zur Sorbonne nehmen; und bewies dann leichtlich, daß das Parlament eine Frage beurteile, die seine Zuständigkeit ebensowenig angehe wie die Beurteilung eines Brechmittels. Und auf diese Erklärung hin gab das Parlament keinerlei Antwort.
Aus all diesem ergibt sich eine für die Fortpflanzung der menschlichen Art sehr wichtige und nicht weniger eigentümliche Wahrheit für den großen Haufen der Leser: daß nämlich viele junge unfruchtbare Frauen darauf angewiesen sind und sogar nach bestem Wissen und Gewissen beide Wege versuchen dürfen, bis sie sich der wahren Straße, die der Schöpfer in sie hineingeführt hat, vergewissert haben.
Die Ischa
Marie Schürmann hat das Problem bearbeitet: Eignet sich das Literaturstudium für das Weib?
Die Schürmann beantwortet es mit einem Ja, will, daß das Weib keine Wissenschaft, selbst die Theologie nicht, ausschließt, und fordert, daß das schöne Geschlecht sich der universellen Wissenschaft widmen müsse, weil das Studium eine Gelehrsamkeit verleihe, welche man nicht durch die gefährliche Hilfe der Erfahrung erwerben könne, und selbst wenn dabei etwas Unberührtheit verloren gehe, würde es recht sein, über gewisse Zurückhaltungen hinwegzukommen zugunsten dieser frühreifen Klugheit, die außerdem von dem Studium befruchtet würde, dessen Überlegungen lasterhafte Gedanken abschwächten und ablehnten und die Gefahr der Gelegenheiten verringerte.
Die Frauenerziehung ist bei allen Völkern, selbst bei denen, die für die gebildeten durchgehen, so vernachlässigt worden, daß es sehr erstaunlich ist, wenn man trotzdem ihrer eine so große Zahl, die durch ihre Gelehrsamkeit und ihre Werke berühmt sind, kennt. Seit Boccaccios Buche von den berühmten Frauen bis zu den dicken Quartwälzern des Mönchs Hilerion Coste, haben wir eine große Zahl Namenregister von dieser Art; und Wolf hat uns einen Katalog der berühmten Frauen geschenkt, im Anhange der Fragmente hervorragender Griechinnen, die in Prosa geschrieben haben[A]. Juden, Griechen, Römer und alle Völker des modernen Europas haben berühmte Frauen gehabt.
[Fußnote A: Er hat die Fragmente der Sappho und das Lob, das ihr gezollt wurde, einzeln veröffentlicht.]
Es ist daher erstaunlich, daß bei der angeblichen Übereinstimmung der Vortrefflichkeit des Mannes und des Weibes verschiedene Vorurteile der Vervollkommnungsfähigkeit der Frauen gegenüber entstanden sind. Je mehr man diese so ungewöhnliche (denn das ist sie doch so unendlich, weil der Gegenstand der Anbetung der Männer durchaus ihre Sklavin sein soll) Sache erforscht, desto klarer wird es einem, daß sie sich hauptsächlich auf das Recht des Stärkeren, den Einfluß der politischen Systeme und besonders auf den der Religionen stützt, denn das Christentum ist die einzige, die dem Weibe in genauer und klarer Weise alle Rechte der Gleichheit einräumt.
Ich habe keine Lust, die Erörterungen wieder aufzunehmen, die Pozzo in seinem Werke »Das Weib besser als der Mann« wenig galant »Paradoxe« genannt hat. Doch ist es so natürlich, daß man, wenn man den Wert dieser Himmelsgabe, die man die Schönheit nennt, überlegt, sich dieses lebhafte und rührende Bild so tief einprägt, daß man bald begeistert wird; und wenn man dann die heiligen Bücher liest, ist man nicht weiter erstaunt, daß das Weib die Ergänzung der Werke Gottes ist, welches er erst nach allem, was da ist, erschaffen hat, wie wenn er hätte anzeigen wollen, daß er sein erhabenes Werk durch das Meisterwerk der Schöpfung beschließe. Von diesem vielleicht religiöseren als philosophischen Gesichtspunkt aus will ich das Weib betrachten.
Nicht in Hitze ist das Weltall erschaffen worden. Es ist in mehreren Malen geschehen, damit seine wunderbare Gesamtheit bewiese, daß, wenn der alleinige Wille des höchsten Wesens Vorbild ist, er der Herr des Stoffs, der Zeit, des Handelns und der Untersuchung war. Der ewige Geometer handelt ohne Notwendigkeit wie ohne Bedürfnis; er ist niemals weder beengt noch behindert gewesen. Man sieht, wie er während der sechs Zeitspannen der Schöpfung die Materie ohne Mühe, ohne Anstrengung formt, gestaltet, bewegt, und wenn eine Sache von der anderen abhängt, wenn zum Beispiel das Entstehen und Gedeihen der Pflanzen von der Sonnenwärme abhängt, es nur geschieht, um den Zusammenhang aller Teile des Weltalls anzuzeigen und seine Weisheit durch diese wunderbare Verkettung zu enthüllen.
Alles jedoch, was die Bibel von der Schöpfung des Weltalls kündet, ist nichts im Vergleich mit dem, was sie über die Erschaffung des ersten vernunftbegabten Wesens sagt. Bis dahin ist alles auf Befehl geschehen; als es sich aber darum handelte, den Menschen zu schaffen, wechselt das System und die Sprache mit ihm. Da gibt's nicht mehr das gebieterische und plötzliche, da ertönt ein abgewogenes und süßeres, obwohl nicht minder kräftiges Wort. Gott hält mit sich selbst Rat, wie um sehen zu lassen, daß er ein Werk hervorbringen will, welches alles überbieten soll, was er bis dahin ins Leben erweckt hat. »Laßt uns den Menschen machen«, sagt er. Es ist klar, daß Gott mit sich selbst spricht. Es ist ein Unerhörtes in der ganzen Bibel, kein anderer wie Gott hat von sich selber in der Mehrheit gesprochen: »Laßt uns machen.« In der ganzen Schrift spricht Gott nur zwei- oder dreimal so, und diese außergewöhnliche Sprache hebt nur an sich kundzutun, als es sich um den Menschen handelt.