Erotika Biblion

Part 10

Chapter 101,760 wordsPublic domain

Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten entweder Mädchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hießen Jatraliptae. Die Unctores schütteten darauf Essenzen über sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Körper und brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle Leibesöffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. säuberten. Die Picatrices waren junge Mädchen, die dafür zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur über den Körper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern, das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten wollüstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz der Schönheit durchschimmern ließen. Sie schritt ins Gemach der Wohlgerüche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art Wollust in ihre Seele gossen, dem Überschwange der Liebe hingab. Erstrecken sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem Übermaße von Gesuchtheiten[A]?

[Fußnote A: Eine bescheidene Nomenklatur eines sehr kleinen Teils ihres Lexikons der Wollust, wenn ich so sagen darf, mag diese Frage entscheiden:

Die Coricobole, war eine Sackträgerin. Die Jatraliptes, die Schwanenpelzabtrockner. Die Unctores, die Wohlgeruchspenderinnen. Die Fricatores, die Frottiererinnen. Die Aractatrices, die Walkerinnen oder Kneterinnen. Die Dropacistae, die Schwielenentfernerinnen. Die Alipsiaires, die Haarauszieher. Die Paratiltres, die Vulvareiniger. Die Picatrices, Auszupferinnen der Vulvahaare. Die Samiane, das Parterre der Natur (siehe weiter unten). Die Hircisse, der Verkauf an die Alten. Die Clitoride, die Zusammenziehung der Clitoris. Die Korintherin, die Beweglichkeit der Gewinde. Die Lesbierin, die den Cunnilingus vollzieht. Die Sphnissidienne, die Vorreiterin. Die Phicidissienne, die Pollution der Kinder. Sardanapalizein, Liebe zwischen Eunuchen und Mädchen. Die Conrobole [Griechisch: chuiropôlô] (wenn man etwas Griechisch kennt, versteht man mich). Chalcidizein, Lecken der Testikeln. Fellatrizein, Saugen am Eichel.

Ein Beweis, daß sie viel abgebrühter als wir waren, ist, daß es fast nicht eines dieser Wörter gibt, das wir nicht gezwungen sind durch Umschreibung wiederzugeben.]

Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wäre es möglich, durch Anführung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen würden. Wir haben schon in einem Stück dieser Ausführungen im Abriß gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand[A]. Erasmus hat in griechischen und römischen Autoren eine Menge Anekdoten und Sprichwörter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die kühnste Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anführen.

[Fußnote A: Man lese in der Tropoide nach, wo ich eine sehr große Zahl anderer Bibelstellen noch hätte anführen können. Man findet zum Exempel im Buche der Weisheit Salomonis (Kap. XIV, Vers 26) mehrere Tadel wegen Unzucht, sträflicher Fehlgeburten, Schamlosigkeiten, Ehebruchs usw. Jeremias (Kap. V, Vers 13) predigt gegen die Liebe zu jungen Knaben. Ezechiel spricht von üblen Häusern und Prostitutionsmerkmalen an den Straßeneingängen (Kap. XXVI, Vers 24--27) usw.]

Wir haben zum Beispiel keine üblen Orte, die uns eine Idee von dem geben könnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren öffentliche Häuser, wo sich Männer und Weiber durcheinander allen Arten von Ausschweifungen überließen: denn das würde prostituieren heißen, das Wort der Wollust, das sich hier anwenden ließe. Beide Geschlechter boten hier Modelle der Schönheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur[A]. Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten nützlich an. Sie waren derartig schamlos, daß man sie mit Tieren verglich, die den Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenböcke besaßen[B].

. . . Verum noverat Anus caprissantis vocare viatica.

[Fußnote A: Erasmus, Seite 553. -- Samiorum flores. -- Ubi extremam voluptatum decerperet. -- [Griechisch: Xamiônchodê], die Samionante. -- Puellae veluti flores arridantes da libidinem invitabant.]

[Fußnote B: Ani hircassantes. [Griechisch: Graus chaprasa]. Erasmus 269. De juvente, cuianus libidinosa omnia suppeditabat, quo vicissim ab illo voluptatem cui feret. Nota et hircorum libido, odorque qui et subantes consequitur.]

Auf der Insel Sardinien, die weder jemals ein sehr blühendes noch sehr volkreiches Land gewesen ist, leitete der Name des Ancon genannten Ortes sich von dem der Königin Omphale ab, die ihre Frauen miteinander tribadieren ließ, sie dann ohne Unterschied mit Männern zusammensperrte, die auserlesen waren, um in allen Arten von Kämpfen zu glänzen[A]. Man weiß, was der orientalische Despotismus die Menschlichkeit und die Liebe gekostet hat; in allen Zeiten hat er die bedrückt und jene herabgewürdigt. Sardanapal[B] ist einer der elendesten Tyrannen jener Gefilde, von dem der Gedanke und der Brauch kam, die Prostitution der Mädchen und Knaben zu vereinigen.

[Fußnote A: [Griechisch: Gluchun agchôna]. Ancon. Erasmus 335. Omphalem regina per vim virgines dominorum cum eorum servis inclusisse ad stuprum, in sola haberetur impudica. Lydia antem eum locum, in quo faeminae constuprabantur [Griechisch: gluchun agchôna] appelasse, sceleris atrocitatem mitigantes verbo.

Man sieht, daß selbst in solchen Dingen der Despotismus nichts mehr hat erfinden können.]

[Fußnote B: [Griechisch: Sardanapapalos]. Erasmus 723. Caeterum deliciis usque adeo effaeminatus, ut inter eunuchos et puellas ipse puellari cultu desidere sit solitus.]

Korinth konnte Samos den Vorrang streitig machen in der Vervollkommnung der öffentlichen Prostitution; sie war dort derartig hochgeschätzt, daß es dort Tempel gab, in denen man unaufhörlich Gebete an die Götter zur Vermehrung der Prostituiertenzahl richtete[A]. Man behauptete, daß sie die Stadt gerettet hätten. Im allgemeinen aber gingen die Korinther dafür durch, beinahe ausschließlich die Kunst der Biegsamkeit und der wollüstigen Bewegungen zu beherrschen[B]. Man erkannte sie an einer bestimmten Körperhaltung und ihrer besonders zierlichen Figur.

Die Lesbierinnen werden bei der Erfindung oder der Sitte genannt, den Mund zu dem häufigst angewandten Wollustorgan gemacht zu haben[C].

Verschiedene Völker zeichneten sich ebenfalls durch sehr merkwürdige Sitten aus, die bei ihnen häufiger vorkamen als bei allen anderen, dergestalt daß das, was heute nur das Laster dieses oder jenes Individuums ist, damals das bestimmte Merkmal eines ganzen Volkes war.

[Fußnote A: Erasmus 827. Ut dii augerent meretricum nummerum. Erasmus fügt hinzu, daß die Venetianerinnen zu seiner Zeit unzüchtige Mädchen per excellence wären. Nusquam uberior quam apud Venetos.]

[Fußnote B: [Griechisch: Kuiropôlis] die Canabole mit [Griechisch: choiros]. Erasmus 737. Corinthia videris corpore questum factura. In mulierem intempertivius libidinantem. De mulieribus Corinthi prostantibus dictum et alibi. Dictum et autem [Griechisch: choiropôlô], novo quidem verbo, quod nobis indicat quaestum facere corpore.]

[Fußnote C: [Griechisch: Lesbiazein]. Lesbiari, die Lesbierin. Antiquitus polluere dicebant. Erasmus 731. [Griechisch: choiros] enim cunnum significat (quae combibones jam suos contaminet Aristophanes in Vespis) Erasmus 731. Aiunt turpitudmem quae per cos agitur, fellationes opitur, aut irrumationis primum iomnium faeminum fuisse profestam: et apud illas primum omnium faeminarum tale quiddam passam esse. Das charakteristische Talent der Lesbierinnen war am weiblichen Geschlechtsteil saugen, daher: mihi at videre labda juxta Lesbios (Aristophanes [Griechisch: lasbalesbiour], fellatrix). Die Fellatrix, die am Eichel saugt, war noch ein Beiwort der Lesbierinnen, wo es üblich war, mit dieser Zeremonie zu beginnen. Erasmus 800. Fallatrium indicat . . . quae communis Lesbiis quod ei tribuitur genti etc. NB. Es gab -- einige Jahre mag es her sein -- ein reizendes Mädchen in Paris, das ohne Zunge geboren war und mit erstaunlicher Geschicklichkeit durch Zeichen sprach; sie hatte sich dieser Prostitutionsart gewidmet. Herr Louis hat sie in dem Buche über Aglossoftomographie beschrieben.]

So stammt von der Bevölkerung der Insel Euboea, die nur Kinder liebte und sie in jeder Weise prostituierte, der Ausdruck chalcidieren[A]. Ebenso schuf man den Ausdruck phicidissieren, um eine recht ekelhafte Laune zu bezeichnen[B]. Man drückte die Gewohnheit, welche die Bewohner von Sylphos, einer Insel der Cykladen, hatten, die natürlichen Freuden durch die des Anus zu unterstützen, mittels des Wortes siphiniassieren aus[C].

[Fußnote A: [Griechisch: Kalchidizein], Chalcidissare. Erasmus: Gens (Chalcidicenses) male audisse ob foedos puerum amores.]

[Fußnote B: [Griechisch: Phichidizein], Phicidissare. Sich die Testikeln von jungen Hunden lecken lassen (Sueton).]

[Fußnote C: [Griechisch: Siphiniazein], Siphiniassare (Plein. I, IV, 12). Erasmus 690. Pro eo quod et tannum admovere postico, sumptum esse a moribus siphuiorum.]

So fand man in den Jahrhunderten des Verderbnisses, wo man alles erprobte, Worte, um alles auszumalen. Daher das cleitoriazein[A] oder die Verschmelzung von zwei Clitoris, eine Handlung, die Hesychtus und Suida sich die Mühe gemacht haben uns zu erklären, indem sie uns lehren, daß diese Handlung wie das Laichen des Karpfens mit seinesgleichen vor sich geht: eine ist in Bewegung, während die andere anhält und umgekehrt (darum das Sprichwort non satis liques), daher der Ausdruck cunnilinguus, den Seneca so ableitet. Die Phönizier unterschieden sich von den Lesbiern, indem erstere sich die Lippen rot färbten, um den Eingang in das wahre Heiligtum der Liebe vollkommener nachzuahmen, während die Lesbier, die nur Schminke in der Farbe der Spuren der Liebesopfer auflegten, weiße hatten[B]. Und das ist nicht die ungewöhnlichste Weise, auf die man die Lippen geschmückt hat, denn Sueton berichtet, daß der Sohn des Vitellius sie mit Honig bestrichen habe, um zur Vermehrung seiner Lust die Eichel seines Lieblings zu saugen, indem er so die zarte Haut, die diesen Körperteil umgibt, schlüpfrig machte, sollte der Speichel des mit Honig bestrichenen Handelnden den Liebeserguß anziehen. Das war ein bekanntes und auf erschöpfte Männer wirkendes Aphrodisiaticum[C]. Aber Vitellius nahm diese Zeremonie alle Tage öffentlich an denen vor, die sich dazu hergaben[D], was nicht seltsamer ist, als die Trankopfer (semen et menstruum), die laut Epiphanius gewisse Weiber, ehe sie sie hinterschluckten, den Göttern darboten[E].

Ich endige diese merkwürdige Rekapitulation, um die Moralisten zu fragen, ob die Alten sehr viel besser waren als wir, und die Gelehrten, welche Dienste sie den Männern und den Gebildeten geleistet zu haben glauben, wenn sie diese und so viele ähnliche Anekdoten in den Archiven des Altertums ausgegraben haben?

[Fußnote A: [Griechisch: Kleitoriazein]. Erasmus 619. De immondica libidine. Unde natum proverbium, non satis liquet, libidinosa contractatio.]

[Fußnote B: Phoenicissantes labra rubicunda sibi reddebant; sie Lesbiassantes alba labra semene.

Martial Lib. I. Cunnum carinus linguis estamen pallet. Cattulus ad Gellicum. -- Nescio quid certe est, an vere fama susurrat.

Grandia te remedii tenta vorare viri.

Sic certe est. Clamant virronis rupta miselli Lilia, demulso labra notata sero.]

[Fußnote C: Hier. Mercurial.]

[Fußnote D: Quotidie ac palam. -- Arterias et fauces pro remedio fovebat.]

[Fußnote E: Hier. Merc. liber IV, pg. 93. -- Scribit Epiphanius faeminas semen et menstruum libare Deo et deinde potare solitas.]

_Finis_.

Das Erotika Biblion des Grafen Mirabeau wurde ins Deutsche übertragen von Paul Hansmann. Gedruckt wurde diese Ausgabe für den Hyperionverlag, Berlin, von der Buchdruckerei Imberg & Lefson G. m. b. H., Berlin, in zwölfhundert numerierten Exemplaren: die Exemplare 1 bis 100 wurden auf echtes Bütten, die Exemplare 101 bis 1200 auf feinstes Velinpapier abgezogen. Das Titelblatt zeichnete Erich Hoffmeister, den Einband Emil Preetorius. Dies ist Exemplar

No. 928

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.