Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden
Part 9
Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:
»Du verstellst dich, Kaja.«
»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«
»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«
»Ach -- so --«
»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.«
Sie verstand sofort:
»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern.
Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und Trotz.
»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.
-- Du große Frühlingsfrage!
Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligten Schwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. --
Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete.
Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort.
* * * * *
Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dies helle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.
»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!«
Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet?
Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.
Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen Wellen nahen und sich im Morgenrot auf den Strand werfen. Es roch nach Seetang und mir war, als schmeckte ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich die in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, auf deren Giebeln bräunliches Licht lag. Es war kein Segel am Horizont zu sehen, kein Inselland, nur fern vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen klein wie Spielzeug aus und bewegten sich träge.
Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins Wasser. Der kalte nasse Sand an meinen Füßen rann mit den kommenden und weichenden Wellen unter mir fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht mehr den Menschen, wo das Reich des fremden Elements begann. Ein Möwenschrei ließ mich den Kopf wenden, da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und bräunlichrot, noch stieg kein Rauch aus den Hütten.
Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe meiner Seele erschütterten mich so mächtig, daß ich aufsingen mußte, einen hilflosen, wilden, jauchzenden Gesang, voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, Gebet und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, mächtigen Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit mich gelehrt hatten, und die meiner schlafenden Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. Nun habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches weiß ich nun, und meine Lust und Trauer sind nicht mehr mein Teil allein. Aber mein Gesang von einst bleibt wie ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn fern höre, so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach sein wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, ein heiliges Kleid.
Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden Sonne, die aus dem Meer emporstieg und Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen miteinander vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, und erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, Wasser und Himmel voneinander.
Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes Boot, das umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die Morgensonne unter sein schwarzes Dach schien. Ich kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den Sand, um zu schlafen. Langsam nahmen die Musik der Wogen, das Morgensonnenlicht und der tragende Boden sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser Elemente und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. Aber im Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen Leben, und ich sah große Bilder und weite Landschaften von solcher Freiheit, daß ich schluchzte. Ein breiter ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt bestand aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst mich, wie im leeren Raum, der sonderbar wogte und spiegelte, auf der anderen lag bunt und deutlich die Fülle der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich sah beblühte Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und Baumgruppen, Quellen und Ströme. Und mitten darin, wie geboren und erblüht aus diesem lieblichen und mächtigen Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar funkelte, ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle Pflanzen im Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen der Bäume, das Flüstern der Gräser und der Vogelgesang. Schattige Gründe der Triften, Kelche und Früchte waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe zu bringen, was diese Schultern und Hüften trugen, die reinen Glieder und der unnennbare Grund und Wesenssinn des ganzen Leibes, den kein Name benennt und kein Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet. Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und diese betörende Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, Vergangenheit aber und Ewigkeit lagen, wie eine Einheit, auf meiner Seite der Welt, die erhaben und traurig war.
Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren und klaren Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, so nah, und doch von ihr geschieden, sprachen zu mir und waren ich. Geh hinüber -- bleibe hier. Und so fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich ein und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. --
Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, mochte es, dem Stand der Sonne nach, gegen elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich und alsbald völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen Bootmuschel hervor und taumelte vor Glück und Licht in der Sonne, die über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich schüttelte den Sand aus meinen Kleidern und brachte sie in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag der Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich im freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber klar, daß dieser Besuch stattfinden mußte, vermochte mir allerdings über die Art keine Vorstellung zu machen.
Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich nun nach allen Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame vorgestellt werde, die ich besser kenne, als alle, die ihr Leben von Anfang an mit ihr geteilt haben. Eine heiße Liebe zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie sollte ich nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich doch das Ungewöhnliche bestanden habe?
Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine zukünftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten einzurichten beschloß, und begab mich dann auf gut Glück in den Park zurück. Es war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und überall strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heißen Duft, und die Reiser der Büsche blühten. Auch sangen noch Vögel in der Kühle der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im Jahr.
Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten übergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte, grüne Bänke, manche waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt. Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herführte. Als sie näher kam, erkannte ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. Der Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich fröhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehüllt und trug einen breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen fielen schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen lächelte ein feines, zartes Angesicht von süßer Welkheit, aller Welt fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz ihres späten Lebenstages.
Als wir auf dem Weg einander näher gekommen waren, blieb ich stehen, verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so daß er einen großen Bogen machte und den Kies am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine große, schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre Augen. Ich trat näher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie sich stellte, und sagte mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an ihrem Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung bäte, ihn ohne Erlaubnis betreten zu haben.
Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner, gebrechlicher Stimme:
»Guten Morgen, guten Morgen.«
Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein wenig zurücktreten mußte, damit mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger ehrerbietig ausfiel.
Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig zögernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein merkwürdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten Germanen nach der Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer schneeweißen Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief, ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um meine Ehrfurcht kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen Dämmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer Demut gegen sein letztes Wirken.
Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das Tier ging, offenbar durch meinen Gruß irre gemacht, zum Angriff gegen mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen Seidenrock seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf aufklärte. Sie lächelte versöhnlich und sah mich an.
»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.
Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, die offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn erhoben worden und seine Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an.
Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: »Guten Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: »Was führt Sie zu uns?«
Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns auf mich gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.
»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame freundlich und zog mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen Umstand ausglich.
Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden Worte über meinen Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante Mimsey ließ ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.
»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen ja!«
Ich entschuldigte mich rasch:
»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.
Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:
»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas schwerhörig.«
Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.
Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gespräch bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick enttäuscht zu sein. Sie mußte von meinen Worten so viel verstanden haben, daß sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und daß meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die über eine kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.
»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.«
Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden.
»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, sagte ich rasch und schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß ich der Vorstellungswelt meiner prüfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein Student, ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise, es sind zugleich die Sommerferien.«
Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen mußte, wenn ich verstanden werden wollte.
»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander die Gartenwege entlang.
»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.
»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl auch Algen?«
Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung.
»Auch Algen!« rief ich.
»Wie?« fragte sie bestürzt.
»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.
»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja schon.«
Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin überschattet war. Die Büsche hatten hier unter den hohen Bäumen lange, hagere Triebe geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses Gestänge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.
Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die Fransen einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.
»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. »Nieder mit dir!«
Niko verkroch sich.
»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte Fräulein. Sie sah mich liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht abstoßend auf sie zu wirken.
»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete ich.
»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf Äußerlichkeiten sieht. Der Jugend ist kein Lager hart.«
»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß Haus und Park mit einer Armbewegung.
»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«
Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, der ihr entgehen möchte, oder der zu laut sein könnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt, dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit großem Aufwand von Lungenkraft auszustoßen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs Milde und Anstand zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu grübeln.
»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz,« erzählte mir Tante Mimsey, »ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes Kind. Ich ertrage die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich, und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah ich eine edle Taube -- mein Bruder hielt Tauben --, die in einen Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her und war außer sich! So fühle ich mich in der Großstadt. Meine Brüder bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese kleine Besitzung zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie lächelte nachsichtig.
Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu antworten brauchte, konnte ich überdenken, auf welche Art es mir am besten gelingen möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß war gefaßt, unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die natürliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So wählte ich unbewußt durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte, den besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestört mitzuteilen. Wie ich sie später kennenlernte, hätte ich kein geeigneteres Mittel ersinnen können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es schien ziemlich gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« gegen mich vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen überhörte. Einmal schien es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber sie schrie nur:
»Nieder Niko!«
Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen Augenblick die Geduld, denn ich wußte, worauf ich wartete. Immer begann die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzuträglichkeiten einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemütern, deren Herkommen mit der unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren, da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war für sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform heranreifenden Persönlichkeit, sie erklärte den Charakter und Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwänden sprach, die sie selber schüchtern wagte, mehr um für die hellen Tugenden einen Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des jungen Mädchens in Frage zu stellen.
»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich und sah mich streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen will, beim Baden in der See den üblichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, ist nachher gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren haben. -- Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und muß hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.«
Sie richtete ihr Horn auf mich.
»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.
»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die Befürchtung, ein unberufenes Auge möchte Zeuge dieser kindlichen Vorurteile sein. So pflege ich denn während ihres Bades hier im Park und auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wäre ja auch schrecklich!«
Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko, der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drängte auf das Haus zu.