Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden

Part 5

Chapter 53,765 wordsPublic domain

Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß ich nicht eine leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil ihren Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil sie die Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie leugneten und verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den Quellen des Glücks dieser Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr Genügen guthieß, und war darin um so stürmischer und ungerechter, als ich die meinen noch nicht kannte.

Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkündigung mich überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwünschend meine Zweifel ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt als nachsichtig.

»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem Licht widerstanden wird«, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner Gedanken zu führen. Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme Gebärde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach, gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern der Welt, die nie ein Mensch betritt.

Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist weit lebendiger anzieht und mächtiger fesselt, als alle, noch so leidenschaftlich und glühend ins Feld geführte Überredung, so erwachte und entflammte meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber Zurückhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden wäre.

Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört hatte, Asjas Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und Aussprüche sie oft in so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen Auffassung willen, fast praktisch und ins tägliche Dasein verwoben, dann wieder von solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und großen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab.

Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und durch keinerlei Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände fremder Menschen überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemüt hervorbringt.

Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, ein fruchtbares Leben in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschloß mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, die die erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. Es mochte hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung den Anschein vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den großen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu bemänteln.

Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit sich, daß ich meine heißen Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war, zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu endgültige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben.

Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Züge nahmen an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend:

»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue meinen Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann, als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es längst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstünde nicht durch mich, sondern käme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil, den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu entstellen. Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein wird, glücklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh, wer nicht zu glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von seiner Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhängig, von einem Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben müssen.

Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, so sagen sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der Sinne zum Bogen, um die Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung gibt, vor Kühnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit?

Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten Geist befällt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich glaube nicht, daß die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers fragen, auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen, nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat noch kein bleibendes Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, und der Empfangende, der erwählte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.

Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? Die Erwählten sind der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen Erkenntnis Erlösung ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich dort bewähren, wie soll dort trösten, was der Erlösung gilt?

Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, den ich eben in meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und morgen, überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt und zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.

Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, allein um der Wahrheit willen. Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß in der großen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?

Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkür und ohne Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden. Ihr Schein ist von _einer_ Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten wissen voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat nichts mit jener Wärme und Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwärmen, sie richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie fürchtet die Berührung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das bedeutet es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne, ist der Tod überwunden, sie überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod mächtiger und er fürchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht erfüllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle, trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hülle, die längst nicht mehr ich ist?

Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das große, das eine Wort des Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in der Höhe, nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein, das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine andere Erlösung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die zur Gemeinschaft führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und wahrhaftig, unaussprechlich gewiß.«

Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?«

»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? -- Er wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.

Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt.

Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.«

* * * * *

Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.

Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird und des Menschen Sohn?

Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.

So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine Liebe.

So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr gewesen:

»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, oder ich gäbe dir Ratschläge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Kräften, die längst zurückliegen, ein Ende, auf daß begonnen werde.

Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben die Liebe dadurch entheiligt. So möchten sie sie nun überall finden -- bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen und Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten, und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.

Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst. Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden ...«

Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, mir war, als erblickten diese Augen nichts mehr um sich her. Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte, wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt, deren Wege voll Steine sind.

Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Tränen ausbrechen, weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja, weinst nicht deshalb, denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber das Reich ist nicht unser. --

Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, daß jenes geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten handelt, wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken der Nächstenliebe durchtränkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht haben, als daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir war, als läge viel Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewißheit. Wo blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt waren? Mein Sinn empörte sich oft bis zum Haß, wenn ich lange allein war, aber ich schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen Genuß einer vermeintlichen heimlichen Überlegenheit. Du liegst auf deinem weißen, stillen Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert dich das große, allmächtige Leben, der heiße Strom, der unter dem Lichthorst deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nächster, den du lieben sollst, wie dich selbst?

Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nächster sei der, welcher dir, Körper an Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu befreien vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, so verhöhnt ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. Wenn der Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, so fragt ihr den Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug über den Wäldern? Dein Nächster ist nicht der, welcher dir örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen Wesen deinem Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen, und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber, den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn ist auch dein Nächster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen Nächsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen im Leben des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde zu der wahrsagerischen Verkündigung, daß der Erwählte Vater und Mutter verlassen würde, wenn sein Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn wer steht dem Menschen näher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nächsten sind, um deinen Nächsten zu suchen.

Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermißt, eine Liebesforderung sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume eines schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des Abendhimmels meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir haben alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, und ihr einfaches Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete mir auf einem verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze und so auf die Vorstadt zurückführte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte, bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich anmerkte, daß er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder Kleidung für uns beide deutlich festzustellen gewesen wäre, bevor wir uns einander nicht ganz genähert hatten, und ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir schien, als gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. So wurde seine Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe kameradschaftlicher Mitteilung gehoben.

»Hast du Geld?«

Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, und um sie zu verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich ein paar Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte mir ab.

»Hast du mehr?« fragte er.

»Nein«, sagte ich.

»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.

»Ja.«

»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.

Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen, aber als ich die Münzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich nicht die Kraft dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.

Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem Asja wohnte, und sah, daß Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte, durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße aus sehen. Der Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung hatte, öffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.

»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes Eindringen ein Wort zu verlieren.

Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, wie ungewiß meine Vorstellungen von ihrem körperlichen Zustand waren.