Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden
Part 3
Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so fremdartig, daß ich lächeln mußte, es war gewissermaßen notwendig, daß ich mich allen Einrichtungsgegenständen erneut vorstellen mußte, was nicht lange dauerte. Ich warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, und sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht her noch aufgeschlagen neben der Kerze lag. Dies alles steht jenseits, dachte ich, eine neue Welt beginnt, es hat sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den Weg. Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein plötzlich erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles dessen, was ich bisher zur Erhaltung meines Daseins begonnen hatte, überfiel mich und füllte mich mit Zweifeln am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst bist die Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden meine Kämpfe nicht enden.
Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich nach mir zu erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß ich nicht mehr käme, siegelte den Brief mit dem Wachs der Kerze und war sicher, daß man mich in Ruhe lassen würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß ich mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich nachdenklich und ich nahm den Spiegel von der Wand. Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, aber der andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen ausdauernden Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff Stock und Hut und ging davon. Das Tuch machte mich fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein Bruder, dachte ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, in Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich von ganzem Herzen glaube, daß deine Augen es nicht einmal sehen würden, es sei denn aus Erbarmen? Ist es wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg und Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn es ist?
Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die ich bei mir trug, wie man auf einem Feldweg die Straßen der Stadt vergißt. Auch als ich zu Asja kam, dachte ich lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem Bett niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir fremd war, und ich atmete tief auf und mußte seufzen, ohne daß ich Kummer hatte.
Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem aus, was dir bisher schwer gewesen ist, weil du allein warst, deshalb bist du jetzt müde.« Da verlor ich unter dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber sie schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres Wesens nicht zu verkleinern.
Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog und vor ihr auf die Decke des Betts legte:
»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst dieses dunkle Zimmer gegen ein helles mit Sonne vertauschen, die Stadt gegen das Land. Du wirst gesund werden.«
In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr Lächeln verschwand, ihre Augen sahen mich forschend an und sie unterbrach mich ängstlich:
»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«
Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie störte meinen Bericht durch kein Wort und keine Frage, und schwieg auch noch, als ich am Ende war und, unsicher mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet, eine Zustimmung von ihr zu hören.
»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.
Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich kaum, sondern schien nun vielmehr durch etwas anderes beschäftigt und bewegt; sie fragte unvermutet:
»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur deshalb bekommen, weil du mit ihm gesprochen hast, hast du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur durch den Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt hast?«
»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, was es für dich tun soll.«
»Ach, es war so, wie du gesagt hast! -- Ich denke nicht an das Geld, ich denke an dich.«
Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren Zügen auf und sie bat noch einmal:
»So nimm es und bring es wieder fort.«
»Du weist das Geld zurück, Asja?«
»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. Ja, ich weise das Geld zurück.«
»Du wirst sterben, Asja.«
»Wie wir alle«, sagte sie einfach.
»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben sollst, die Tugend, daß du sterben willst.«
Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, daß sie nicht über den Sinn meiner Worte nachdachte, sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, die hinter ihnen stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem Ergebnis der Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, die zwischen uns geherrscht hatten, und die nicht zu beugen waren. Ist es dies, dachte ich, und ward abgelenkt, liegt der Grund aller Mißverständnisse und der Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen oder bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung nicht zu ermessen vermögen, und sich daher an das unredliche und mißbrauchte Gezücht der Worte halten, die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die Befangenheit eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte darüber hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- und Tatsachenwelt des Lebens fortzublicken schien -- wohin nur? Ich wußte es noch nicht, aber ich fühlte, daß ich ihre Freiheit bedroht hatte.
»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand und, wie meistens, mit einem beinahe schmerzlichen Zögern, »ich mache aus keiner Not eine Tugend, aber es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie könnte ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu recht bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du bist so jung, wie willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? Du kennst dich nicht, und nun sollte ich dieses Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du. -- Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es so gut ist, und daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit Willen.«
»Liebst du das Leben nicht, Asja?«
»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, »aber ich denke anders darüber als du. Laß uns doch nicht von diesen Dingen sprechen. Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich schweige.«
»Wie meinst du das?«
»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin, wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, und nachher wird dir sein, als hätte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand und öffne dein Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du bald empfinden, wie gut und groß du bist.«
»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, wie sehr du das Leben liebst, Asja.«
»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir nichts erklärt.«
Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit ihres Lächelns war von einer Bescheidung, daß ich sie empfand, als stünde ich über und über in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch bisher, ihr und ich!
Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun vermögen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. Ich empfand, daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen Opfers wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! So sprach ich denn aufs neue und bat von Herzen darum, sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.
»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das kleine Maß deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«
»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, daß meine Liebe sich wünscht, daß du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute gefunden.«
»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was über mich hin zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht nicht zugewandt wäre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit du fröhlich sein kannst.«
»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als habe ich nur diesen Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische Neugier bewegte mich, ich zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, das Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht.
So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:
»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, um zu gehen.
In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der kühnste Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war mächtiger als alles andere in mir, und ich sagte:
»Nein, Asja!«
Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und böse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und erschütterte mich so mächtig, als hätte ich den schwachen Körper vor mir durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, voll Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und küßte sie. Es war kein Kuß der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und innig, ein herzliches Tun.
* * * * *
Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, für ihr Glück zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das Bedürfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr scheut sie sich vor frühzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung. So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es häufig denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen überzeugt sind, sondern es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst bereitet, und manche Herzen suchen es.
So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem Wesen Asjas schwankte, in Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage führen, daß ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.
Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wäre unrichtig zu sagen, daß sie es nur verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich gut, daß zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es waren die Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die Scham. Ich schämte mich ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer Tränen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen, von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu meiden und meine Ansprüche nicht preiszugeben.
Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der ich am Tage darauf meinem vornehmen Freund in der Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er empfing mich freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ ihn eilig, da es mir widerstand, etwas zu erklären, unter dessen Walten ich selber noch litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn von den Beweggründen meiner Handlungsweise überzeugen zu können. Es mag ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball einer Laune entwürdigt worden, vielleicht auch, daß eine Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich gehorsam war.
»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.
Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte, wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und ließ die Stunden verstreichen. Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, über Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser mich lebendig begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne über der Landschaft vergessen, den glitzernden März, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten, Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es längst in mir glimmt. --
So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer Not, unter ihren Liebesgruß.
»Asja, glaubst du an Gott?«
»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.
»Antworte mir!«
»O Freund, ich kann nicht sprechen.«
»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.«
»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was du ersehnst!«
»Du bist es. Sieh mich an.«
»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als habe sie mich vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen sondern sie hat uns erwählt.«
»O Asja, du machst das Herz froh.«
»Ich tue nichts.«
»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«
»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt, sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen erwählt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann ist es, als sähest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die Liebe sei? Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne übermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die Quelle.«
»Der Vater, Asja?«
»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«
»Was nennst du Gehorsam?«
»Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spät, ich aber möchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen Gehorsam.«
»Und alle Gesetze, die Kirche?«
»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf, quälte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drängst mich in meine Armut.«
»Oh, sprich weiter, Asja.«
»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir. Immer wieder drängt es sich noch herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne mich. Komm, sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie du bei mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und glücklich machen, denn unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du durstig bist.«
»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade, der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr Sinn?«
Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, neigte sich mir zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und still war. Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg und wußte, daß ich nie mehr im Leben diese Frage stellen würde.
* * * * *
Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem Erleben und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne Ende, und wußte es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorüber, ich beachtete sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß ich mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich empfand sie nicht, merkwürdige Umstände traten ein, die mir alles erleichterten und möglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie selbstverständlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute zurückdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen kaum Beachtung schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich Zufälle nannte, ohne mehr als einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch vergaß und ohne Dank hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schützten. Heute erkenne ich das Gesetz, das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles, was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name.
Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben, der Schrank stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, die aber wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf dem Tisch umhergesucht zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis auf ihren Zügen, sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.
»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.
Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu stören und sagte eifrig:
»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«
»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«
»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«
»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich geraten sind,« sagte sie, »aber Abwege sind es nicht.«
Ich schwieg.
»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an der Wand an.
»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.«
»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben Sie mir von ihrer neuen Freundin erzählt, von der Kranken. Wie geht es ihr?«
»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete auf ihre Frage.
Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur deshalb, weil in seinen Zügen einst ein Widerschein meines inneren Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:
»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen erzählt. Wie war doch ihr Name?«
»Asja.«
»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich damit. Ich wollte Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; meine Bitte geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so dies und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«
»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«
»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt sind Sie ärmer als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. Nicht daß Sie lachten oder scherzten, aber man spürt es und weiß nicht wie, es bleibt im Zimmer zurück, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen herauf, wenn Ihr Schritt klingt.«
Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schäme sie sich, oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine ja nur so,« sagte sie und lächelte ausgleichend, »nehmen Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche Dinge, wie Sie erzählt haben. Daß einer glücklich ist in seiner Lebensnot, wie dies Mädchen ... Sie werden schon verstehen.«
Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im spätherbstlichen Dämmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Geräusche und Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lärm der Fuhrwerke drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und wehmütig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben ihrer Käfige.
Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum verständlichen Bitte noch etwas schuldig.
»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« sagte sie, »wer entbehrt denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend mit der Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie damals, aus der Seele und froh, so soll es gut sein.«
Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich, wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. --