Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden

Part 14

Chapter 141,509 wordsPublic domain

Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, daß ich mein Bündel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus geirrt, um sie zu finden.

»Du gehst?« fragte sie.

»Ja, Kaja, ich gehe.«

»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«

Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe.

Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann damit, denn ich vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten.

»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen, nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer weiß ...«

»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über mich gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so, daß man über sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er selber spürt.«

»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.

Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien leicht zu frösteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer wie ein lebendiges Gut.

»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?«

Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen, unberührt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu warten.

»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drücken? Sie hat dich sehr ins Herz geschlossen.«

»Weiß sie denn, daß ich fort will?«

»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«

»Du hast es ihr gesagt ...«

»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«

»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen. Nein, das Meer ist es nicht.«

»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«

Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten.

»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.«

Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. --

Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!

Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler.

Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.

Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing mich in der Waldtiefe so mächtig, daß ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berührung meines ganzen Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war, als sänke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und das Moos kühlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, und die Augen schlossen sich.

Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die Luft um mich her sich wunderartig auf, so daß die Umrisse der Bäume und Büsche im Licht vergingen, das immer klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, als käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und als ihre Augen den meinen begegneten, erstrahlte mein Wesen durch und durch. Sie hob ihre Hand und rief laut:

»Stehe auf! Stehe auf!«

* * * * *

Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.

Stadt ist Aber ich werde welche beschaffen, das wird Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das wird

Windzug geraten und in ein Bereich, in dem es nicht zu Windzug geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu

und -borten, die in die Wände eingelassen und -borden, die in die Wände eingelassen

»Oh frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder »Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder

»Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es

»Geheiligt werde dein Name« in Opfern, Weihrauch und >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und

der Liebe, die um Licht. der Liebe, die um Licht.«

den naßen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im

Wind begrünen sich. Ich möchte über den naßen Acker Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker

Plätschern der Wassers, das nicht von der Strömung Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung

mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwand, mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwandt,

»Setzst du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn »Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn

dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey das dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey -- das

mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sein, und da mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da

die Möven waren blendend weiß und schwebten klar geschieden die Möwen waren blendend weiß und schwebten klar geschieden

»Ach, die Tante..«, sagte ich. »Ach, die Tante ...«, sagte ich.

schwieg und sah vor mir hin. Warum habe ich die Hand schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand

Plötzlich hätte ich lachen mögen und Beiden die Hände Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände

»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden« »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.«

»Also weißt du. Sieh ich möchte nicht ...« »Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«