Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden

Part 13

Chapter 133,863 wordsPublic domain

»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«

»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner Tugend oder Untugend.«

»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem Bestand.«

Sie sah mich unruhig und böse an.

»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig.

»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf unser Geheiß von uns.

Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt.

Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wie jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde berührt.

Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht allein sein würde.

Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglücks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und Traurigkeit.

So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen.

Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden.

Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann, -- ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! -- _um so mächtiger_ blüht ihr Glanz _über_ der Welt auf. Weil es auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?

* * * * *

Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.

Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und Funken.

Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige Feuer der Lüsternheit entzündet hat.

Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.

Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit des Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer.

Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie ---- wie einst mich. War ich nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten singen müssen.

Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir und Kaja entstanden, für immer.

Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler blieben.

So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob und zitternd vor mir stand.

»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend.

Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.

»Geh, Han, und schlaf.«

Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren Knieen.

»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frühlicht auf deinem Scheitel, der hell schimmert.«

»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist traurig ...«

»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch traurig wird man zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.«

»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so iß doch, stärke dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht warum.«

So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. Ich sah sie an und hörte ihre Worte, und es lief mir aus den Augen über mein Gesicht und tropfte auf den Boden in der Stille, so daß ich es hörte. --

Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre Strahlen sanken schräg an meinem Fenster vorüber und streiften die Hauswand, an der farbige Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer beweglichen Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme Lüdersens und verstummte, es herrschte draußen wieder die große Sonnenstille des Sommers.

Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und duftete so stark, daß sein Hauch mich wie eine Glutwelle überfiel. Das Wasser flüsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein nacheinander heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber und erblickte fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigürchen war die Weite lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende.

Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten arbeitete.

»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern eintrat, »ich wollte nur ...«

»Hast du Geld, Han?«

»Geld?«

»Antworte.«

»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.«

»Und anderswo?«

»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.«

»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«

Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins Zimmer.

»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen Lächeln ihre von der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. »Gleich, sogleich, aber geh derweil nicht fort.«

Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das schmale Heft gab, das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bändchen verschnürt war.

»Kommst du wieder?« fragte sie.

Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.

Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, es ging zwischen Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder, auch hier und da durch Wald. Ich sah Windmühlen munter am Werk, und hörte die Stimmen der Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs sagte ich mir, daß ich Hans erspartes Geld nicht nehmen dürfte, aber woher sollte ich die Mittel erlangen, um den Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne eines Bauernhauses unter den Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht wußte, was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht hätte vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine gnädige Führung meines Geschicks ließ mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und einfältiges Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer Untat zu bewahren, die mich hätte verderben können.

Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der äußeren Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak, als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut. Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besaß ich und einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und bemerkte plötzlich, daß ich weinte. Darüber mußte ich lachen, und ich bemühte mich, diesen Umstand der Tränen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich auffiel. Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden über diesen Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, und ich würde es wohl verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schützling, an den mich eine beiläufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert einem wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht?

Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich der Staub der Straße, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate anlangte, er war zum Fischfang draußen und Han empfing mich unter der offenen Tür des Hauses.

»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die Hände zusammen und wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.

»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug ihre Augen nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.

Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, ich fürchtete ihre Zustimmung und Freude und mir graute davor, daß ein Trostschimmer in mir aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als gäbe es im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber schon ein einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte führen können, erschütterte mich grausam, da er mich an die Abgründe der heimlichen Gewißheit führte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte ich vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken töten sollte.

Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern.

* * * * *

Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres Daseins.

Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was er sah. --

So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile schützten.

Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.

»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? -- Wo warst du?«

Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah.

Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung.

»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...«

Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über die Schulter ... wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich. Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen nieder, umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und heiß darauf.

»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor.

»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete er, »wir wollen im Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!«

Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend, daß ihr das Gehen beinahe unmöglich war, aber so schien es ihm recht zu sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr herab, verächtlich und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot, sah ich ihn doch als einen gefügigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. »Das willst du! Und das ...« klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines Steins im zerspringenden Glas nachklingt. --

* * * * *