Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden

Part 12

Chapter 123,912 wordsPublic domain

Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzücken und ohne Enttäuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen Stunden der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen an den trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall pfiff und rüttelte, dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines Betts, Hans tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.

»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die Regenzeit verbracht hätte. »Die Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. Tante Mimsey hat täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.«

Sie sah mich neugierig an.

»Ach, die Tante ...«, sagte ich.

»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten Weibern hast du die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Männern liegen, du bist ja selber einer.«

»Hast du Freundinnen, Kaja?«

»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.«

»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, daß du keine hast.«

»Ich hatte eine, damals vor ...«

»... vor Veit Geesten.«

»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich verlassen haben, wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Körper war wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen nach Hilfe zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, um zu verstehen, was sie verschwieg. Nachts blühte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der Waldwiese im Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, wie laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, dann ahnte ich mein Liebesgeschick, den schmerzlichen Frühling.«

»Ist sie auch tot?«

»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen du ihren Körper hättest formen können. Als wir uns wiedersahen, wandte sie sich ab. Sie ist also glücklich. -- Du nimmst alles so ernst.«

Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter ihrem Fenster gestanden habe, daß ich ruhlos durch die Wälder geirrt bin und am Meer dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte heimlich heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild mit sich fortträgt. Oder weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies ausgewählt und doch nicht emporgeworfen habe?

Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.

»Pflück' die Blume dort, Kaja!«

Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.

»Wozu? Was willst du damit?«

Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.

»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.

Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt hatte.

Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.

Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen vermag.

Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und nun -- ist es denn Wahrheit? -- würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.

»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen Schwester. -- Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«

»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«

»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.

»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«

»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«

»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«

»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich manchmal beneide?«

»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.

Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.

* * * * *

Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt, im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.

Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen war.

Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.

Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?

Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht, die in mir erwachte.

Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen blieben.

»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen und kraute Niko.

»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard.

Kaja sah mich an.

Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:

»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«

Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen können.

Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun erwacht.

»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«

»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten ihren Sinn versteht.«

Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:

»Warum lachen Sie?« fragte ich.

»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl.

Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?

Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.

Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.

»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.

Ich lehnte ab, ohne zu danken.

»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das zuviel gesagt?«

Ich sah ihn an und antwortete:

»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen wollten.«

»Wieso? -- Also Sie rauchen jetzt nicht ...«

Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdes Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und Sprechen zu verbergen trachtete.

Nun sah Kaja mich an und sagte:

»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am Strand, wie sonst?«

»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«

»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie vielleicht glauben.«

* * * * *

Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?

Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstunden fürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.

Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch schweigsamer geworden.

Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.

Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen blieb. --

Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte.

»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.

»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«

»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«

»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.«

»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.«

Sie sah sich um.

»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich wesentlich bewegte.

Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:

»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in Ruh.«

»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.«

»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«

Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer zu machen.

»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«

»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die Brauen.

»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«

»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern.

»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich, töricht.

»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.«

»Du bist klug wie Feuer.«

»Ist das Feuer klug?«

»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.«

»Leuchtet es nicht?«

»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was es hindert.«

»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«

»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die Jugend ...«

Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte:

»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.«

»Weshalb sagst du das?«

»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?«

»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«

Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld.