Ernst Koch's Gedichte Aus dessen Nachlasse gesammelt und herausgegeben von einem Freunde des Verstorbenen

Part 7

Chapter 73,510 wordsPublic domain

Verklungen sind die brausenden Accorde, Die durch den glanzerfüllten Saal getönt; Verhallt die Lieder, die gewalt'gen Worte, Und all der Pomp, der dieses Fest verschönt. Es schließt Athene ihres Tempels Pforte, Heim zieht die junge Welt, von ihr gekrönt, Und unter'm Jubel ist entzückter Wogen Das hohe Fürstenpaar dahin gezogen.

Wir fragen, ist es Täuschung nur gewesen? War's nur ein Traum aus dem romant'schen Land? Und haben wir ein Mährchen nur von Wesen, Die uns die Zauberwelt der Feen gesandt, Vom »Mädchen aus der Fremde« nur gelesen, Die den Geliebten ihres Herzens fand, Und nun beglückend Alles, die Beglückte, Mit Lorbern uns'rer Söhne Häupter schmückte?

Ach, so ist unser Dasein ein Entbehren, Daß Aug' und Herz sich selber nicht mehr trau'n, Wenn ungetrübt mit seligem Verklären Entzückungs-Stern' in uns're Thäler schau'n. Wer uns besucht, war nicht ein Prinz der Mähren, Nicht eine Königin der Elfenfrau'n -- Sie selber sind's, und uns're Herzen brennen, Vor Freude, daß wir sie die unsern nennen.

Und konnten wir nicht fesseln die Sekunden, Gebieten nicht dem Pendelschlag: halt ein! Soll darum die Erscheinung ganz verschwunden Und, wie ein Traumgebild, vergessen sein? Herbei ihr Künste, die den flücht'gen Stunden Unsterblich Leben bei der Nachwelt leih'n! Ihr Maler mit der Dichtung um die Wette, Herbei die Leinwand, Pinsel und Palette!

Malt mir ein Meisterbild -- euch wird zum Lohne Ein Ruhm, der durch's Jahrhundert wiederhallt -- Malt mir auf sammtgeschmücktem Blumenthrone Ein Wesen von ätherischer Gestalt, Ein fürstlich Weib, und aller Frauen Krone. Der Schönheit majestätische Gewalt Laßt mit der Anmuth Grazie sich vereinen, Und über sie der Jugend Frühling scheinen.

Malt ihr zur Seite, mit der bärt'gen Wange Im kriegerischen Schmuck den Heldensohn, Den Admiral von königlichem Range, Der uns're Flagge, wenn Gefahren droh'n, Vertheidigt in der Stürme wildem Drange, Zum Trotz den Wogen und dem Feind zum Hohn, Dann laßt sich über beide Huldgestalten Der Gattenliebe milden Glanz entfalten.

Malt mir das Paar von seinem Hof' umgeben, Und von der Würdenträger dichter Schaar -- Von Haus und Kirch' und Staat ein buntes Leben -- Mischt Krieg und Frieden, Feder und Altar. Laßt Sterne sich und Kreuze blitzend weben In Seid' und Sammt, auf Kriegskleid und Talar, Und legt in all die Augen und Gesichter Der patriotischen Begeist'rung Lichter.

Dann laßt die Wände beim Fanfarenschalle Aus Blumenflor und Fahnen sich erbau'n. Bevölkert mir die schön geschmückte Halle Mit einem Meer von Jünglingen und Frau'n, Mit tausend Köpfen, jung und frisch, die alle Entzückt hinauf zum Fürstenpaare schau'n -- Und über's Ganze laßt der Sonne Strahlen Durch's off'ne Fenster eine Glorie malen.

Doch jetzt -- verstummt sind die Orchesterklänge -- Die Palme winkt, um die die Jugend stritt -- Und siehe, zagend aus der bunten Menge Ein schmucker Jüngling nach dem andern tritt. Sein Auge glänzt, die Brust wird ihm zu enge, Zur Fürstin lenkt er ungewohnt den Schritt, Und dem Erglüh'nden reichen ihre Hände Mit Grazie der Athene Lorberspende.

Mag dir dies Alles, Maler, wohl gelingen -- Ein and'res Reich gehört dem Sänger zu, Wo die Empfindung fleugt auf Adlerschwingen, Und nicht des Raumes Schranken kennt, wie du. Das Geisterreich, wo die Gefühle ringen, Ist uns'rer Brust geheimnißvolle Truh. Die Thräne kann kein Pinsel wiedergeben -- Was sie gebar, kann nur im Liede leben.

O diese Thrän', ich sah sie blitzend scheinen Aus deinem Auge, Jüngling, saphirblau; Und schlecht verbarg ein Tuch sie in den deinen, Als man ihn krönte, du glücksel'ge Frau. Verhüll' sie nicht, dich ehrt dein stilles Weinen -- Der stolzen Mutterliebe selt'ner Thau. Mit solchen Perlen mag sich keine messen, Die dir Tragödien durch die Wimper pressen.

Auch Vater du? o eine Manneszähre Trifft wie ein Schwert das Herz, das sie verstand. Zerdrück sie nicht, du würd'ger Greis, und wehre Dich nicht gewaltsam, wenn's dich übermannt, Und vom Empfindungs-Sturmwind gleich dem Meere, Das kein ohnmächtig Wort der Sitte bannt, Dein altes Herz, im Fundament erschüttert, Unter'm Ungestüm des Augenblicks erzittert.

Wie habt ihr, seit ihr an des Knaben Wiege Mit ihm gespielt und kummervoll gewacht, Um ihn gesorgt, gelitten, dann im Kriege Mit seiner Leidenschaften wilder Macht Ihn im Gebet begleitet bis zum Siege, Und nun -- nach all der Zweifel banger Nacht -- Die reiche Ernte mit den gold'nen Halmen, Und solch ein Sonnentag mit seinen Palmen!

Und wenn ich Dir, erhab'ne Fürstin, heute, Was uns're Seele hat so tief bewegt, In Deinen mütterlichen Klängen deute, Kühn will ich's sagen, was die mein'ge hegt: Wird Dir einst eine Bürgschaft Deiner Freude, Ein süßes Pfand der Lieb' an's Herz gelegt, Dann wird's darin mit Flötenstimmen tönen: Nur Elternfreude mag die Welt verschönen.

(Nach gegebenen Endreimen.)

Die Herzen knüpfen schneller ein Bündniß, als die _Staaten_. -- Ein junger Gärtner machte im Garten den _Besuch_, Und sah nach seinen Blumen, mit vorgebund'nem _Tuch_, Die Aermel aufgewickelt, und in der Hand den _Spaten_.

Die Rosentöpfe standen gereiht auf der _Estrade_ Nah' bei dem Strom -- da plötzlich, jenseits am andern _Strand_, Erschien ein lieblich Mägdlein, die bunte Kränze _wand_. Er warf ihr eine Rose hinüber an's _Gestade_.

Das Kind war schön -- so malet kein Pinsel, keine _Kreide_ -- Die feinste Huldgestalt, wie gewebt aus Blüthen_duft_. Er schwur in seinem Innern: ja, ja, ich bin ein _Schuft_, Sah ich in meinem Leben 'ne schön're Augen_weide_.

Sogleich umschlangen beide der Liebe seidne _Stricke_, Sie steckt' in ihre Flechten die Ros' aus seinem _Topf_, So ward der Bund geschlossen -- die Ros' in ihrem _Zopf_ Ward so der Liebe Sprache, der Liebe Pfand und _Brücke_.

An P. Klein's Grabe.

(15. Oktober 1855.)

Auch Du? so jung, so frisch, die Brust voll Lieder, Das Herz voll Hoffnung, das Gemüth so traut! Und nun erstarrt die Augen, die so bieder, So froh und gläubig in die Welt geschaut! Leb' wohl, o Freund -- schon rollt die Scholle nieder -- Leb' wohl! ach, mit der Scholle dumpfem Laut Hör' ich den letzten ird'schen Klang verschweben Von Deinem reichen und geliebten Leben!

Doch wen beklag' ich? Wenn _uns_ Todesmahnen Und Klagelieder hier am Grab' umweh'n; Wenn Deine Schüler mit beflorten Fahnen, Mit Thränen Deine Freunde Dich umsteh'n -- Sieht unser Glaube Dich auf Sonnenbahnen, Ein freud'ger Held, dem Ziel entgegengeh'n. Und rein die Freude droben zu erfassen, Hast Du der Erde Leib und Schmerz gelassen.

Dort ist erfüllt Dein Sehnen und Verlangen. Was Du hier unten träumtest halbbewußt, Ist Dir im Lichte Gottes aufgegangen. Und Kindern gleich umspielen Dich mit Lust, Die hier nur unverständlich in Dir klangen, Die Ideale Deiner Dichterbrust. Ein jedes Leiden, jeder Schmerz hienieden, Wird eine Krone Dir im ewg'en Frieden.

Leb' wohl! Wir seh'n Dich -- wenn im finstern Thale Auch uns der Engel einst zur Ruhe winkt -- Wir seh'n Dich wieder, wenn im Abendstrahle, Wie jetzt Dein Sarg, der unsre niedersinkt. Vielleicht ist's bald, vielleicht zum nächsten Male! O wohl uns, wenn dann auch der Lobspruch klingt: Daß wir wie Du gerungen und geworben, Daß wir wie Du gelebt, wie Du gestorben.

Die Schutzengel.

Vor einem Muttergottes-Bilde Lag im Gebet ein frommer Mann, Empfehlend ihrer Lieb' und Milde Vor Allem seine Kinder an. Du Quell so vieler Gnadengaben, Sprach er, sei ihre Helferin, Und nimm die beiden kleinen Knaben Als Deine eig'nen Kinder hin.

Daß ihnen nichts zu Leid geschehe, Erleuchte sie mit Deinem Strahl. Bewahre sie vor Schmerz und Wehe, Vor Fall und Krankheit allzumal. Vor Allem aber ihre Seele Laß, Heilge, Dir empfohlen sein. Bewahre sie vor jeder Fehle, Flöß' ihnen Deine Liebe ein,

Maria hört die fromme Bitte, Die ihr ein Engel übergab, Und ordnet aus der Engel Mitte Zwei himmlische Gesandten ab. Geht hin und thut, wie ich euch heiße, Damit erfüllt die Bitte sei. Gesellt euch still in eurer Weise Den Geistern jener Knaben bei.

Nun höret, was darauf geschehen, Der Kindlein Vater hat's geschaut, Ein And'rer hätt's auch nicht gesehen, Der nicht auf sein Gebet vertraut, -- All überall, wo die Knaben waren, Da standen ihnen Engel nah'. Und immer waren in Gefahren Zwei unsichtbare Hände da.

Der Kleinste baut sich Kartenhäuser, Und siehe keines fällt ihm ein; Der Aelt'ste, schon ein wenig weiser, Baut ein Kapellchen sich von Stein. Als hälfen Meister und Gesellen, So hurtig war das Werk gethan. Er klebt' in Mitten der Kapellen Ein Muttergottes-Bildchen an.

Mit Steinen spielen sie, und stellen Die bunten Steinchen in die Reih' -- Die schönsten Kiesel aus den Wellen, Sie kommen wie von selbst herbei. Der Ball fliegt an die hohen Wände, Und in die Bäum' auf gutes Glück -- Doch werfen unsichtbare Hände Den Knaben ihren Ball zurück.

Sie spielen Reiter und sie jagen In's Feld und über Stock und Stein, Als würden sie im Flug getragen -- Ein And'rer bräche Hals und Bein. Der eine fiel auf Fels herunter, Und gab sich einen Todesstreich, Ein Engel hielt seine Händchen d'runter, Das Kind fiel wie auf Moos, so weich.

Ja, wenn die beiden Knaben spielten, So war's, als wären ihrer vier, Zwei Brüder schützten sie und hielten Den einen dort, den andern hier, Und als der and're, dem's gerathen, Ein Zündholz strich, allein im Haus, Da bliesen ihm die Kameraden Ein jedesmal die Flamme aus.

Sie wurden nicht gelehrt, die Jungen, Doch sieh, ich weiß nicht, wie's geschah -- Das erste Wort von ihren Zungen, Das war der Name Maria. Vermuthlich haben die Kameraden Sie auch dies erste Wort gelehrt, Und so der Mutter Gottes Gnaden An diesen Kindern neu bewährt.

Der Cölibat.

Also gefällst Du mir, wenn die Soutane, Das Kleid der Demuth, Deinen Leib umschmiegt, Und wenn Dein Auge strahlt, als wenn es ahne Den Himmel, der in Deiner Zukunft liegt, Und wenn Dein Blick begeist'rungsvoll der Fahne, Die der Erlöser schwingt, entgegenfliegt; Wenn Deine Seele schmachtet in Verlangen, Zum Dienst des Heil'gen dorthin zu gelangen.

Freund, eine Welt liegt vor Dir ausgebreitet, Doch nicht die Welt, an die die Welt gewöhnt, Zu heil'gen Bergen wirst Du hingeleitet, Die kein Pallast der Residenz verschönt; Hoch auf die Alpe, wo der Hirte weidet, Und wo sein Horn das Thal herniedertönt; Dort steig' hinauf, in's freie Reich der Geister, Ein treuer Diener ihrem Herrn und Meister.

Denn auf der Höh' des Lebens steht der Priester; Um seinen Scheitel glänzt des Frühroths Strahl; Den Schrein des Himmels öffnet und erschließt er, Und speis't die Gläub'gen mit dem Opfermahl, Und wie der frische Thau des Morgens gießt er Des Himmels Gnade hoch herab in dieses Thal, Und alle Gläub'gen sich verneigend beben, Wenn seine Händ' empor die Hostie heben.

Und weil Du nun bereit, hinaufzusteigen, Legst Du darum dein menschlich Herz nicht ab; Es mag sich ferner zu der Liebe neigen, Der Gott die Heiligung in Christo gab, Und was wir lieben, blieb auch Dir treu eigen, Das Priesterkleid ist nicht der Freuden Grab: Ein einz'ges nur von allen schönen Loosen Mußt Du zurück in die Entsagung stoßen.

Und doch dies Eine hat der Herr gesegnet, Zum Sakramente hat's sein Wort gemacht, Es ist ein Band, auf das die Gnade regnet, Wenn's fromm im Geiste Gottes wird vollbracht; Ein süßer Reiz, dem schon Dein Blick begegnet, Als Du zum ersten Mal der Welt gelacht; Den stärksten Fürsten irdischer Gewalten Sollst Du mit stärkerm Fuß im Staube halten.

Die milde Liebe sollst Du stumm verachten, Auf ihre Zauber stolz herniederseh'n; Vergeblich soll mit ihrem süßen Schmachten, Sie an der Pforte Deiner Seele steh'n; Ein ros'ges Glück sollst Du im Herzen schlachten, An seiner Wonne kalt vorübergeh'n; Und, wie den Weihrauch am Altar, verbrennen, Was wir der Erde höchste Schätze nennen.

Kein schönes Auge soll Dein Herz durchdringen, Kein süßer Traum, der Deine Seel' umspinnt; Kein schöner Arm sich um den Dein'gen schlingen, Kein Weib Dich lieben, das Dich selbst gewinnt, Von keiner Lippe Dir melodisch klingen Das Wort mit dem des Herrn Gebet beginnt, Und Deine Seele, Freund, bleibt unbetheiligt An einem Glück, das uns entzückt und heiligt.

Denn wie der Herr vom Himmel ist gestiegen, So sollst auch Du, ein jungfräulicher Mann, Hinauf zu seinem heil'gen Dienste fliegen, Ein freier Jüngling, den kein Weib gewann, Dem nie die Sehnsucht nach verbot'nen Siegen In feigen Thränen vom Gesichte rann, Der, was dem Herrn geweiht ist, Dienst und Leben, Nicht allzufrüh der Creatur gegeben.

Nur eine Jungfrau hat der Christ erkoren, Ein jungfräuliches Weib der Perle gleich; Aus einer Jungfrau ist der Herr geboren, Gleichwie die Lotosblum' auf Hesper's Teich. Hast Du dem Geiste Deinen Dienst geschworen, Bekriegst das Fleisch und seiner Lüste Reich, Schmückst Deine Seele mit den Myrthenzweigen: So magst Du auf zu jenen Höhen steigen.

Mehr als vom Laien wird von Dir gefordert: So lang' Dein Puls dem Weib entgegenschlägt, So lang' die Flamm' in Deinem Blute lodert, Die losgelassen Dich in Asche legt, So lang' die gift'ge Lust noch unvermodert Mit Angst und Sehnsucht Deine Brust bewegt: Magst Du mit Laien sein und beten, Doch nimmermehr zum Tabernakel treten.

Zwar sind's nur wenige, die so hoch berufen, Doch wenn auch _einer_ nur, der also denkt, Ein einz'ger Priester, der an heil'gen Stufen Die ird'sche Liebe hinter sich versenkt, Den frei von Schuld die Hände Gottes schufen, Zu Gott die jungfräuliche Seele lenkt: Sie sollen strömen aus entfernten Zonen, Um seinem reinen Opfer beizuwohnen.

Wohl soll ein schönes Auge Dich durchdringen, Und eine Sehnsucht, die Dein Herz umspinnt, Ein schönes Weib soll Deine Seel' umschlingen, Ein Weib Dich lieben, das Dich selbst gewinnt, Von ihren Lippen wird's melodisch klingen: Du bist mein Bräutigam, mein Kind! Um _diese_ Heil'ge sollst Du frei'n und werben, Dann wird Dein Herz in Wonn' und Liebe sterben.

Auch jene Worte sollen Dich entzücken, Die mir der Knab' auf meinen Knien lallt: Denk Dir die Seele, die sich ließ berücken, Die sich von Gott gewendet, todt und kalt -- Du kannst mit neuem Leben sie beglücken, Und im Triumph, mit geistiger Gewalt, Aus ihrer Nacht zu jenen gold'nen Thüren Der Gnade und des Lichts zurückeführen.

Und wenn dann jene Seel' in sanftem Weinen, Ein dankbar Kind, sich an Maria schmiegt, Und vor dem Bilde Deiner Braut, der Reinen, Entzückt in jubelndem Gebete liegt: Schau hin, mein Priester, das ist eins der Deinen, Das ist ein Kind, das Gott entgegenfliegt, Dein neugebor'nes Kind, dem Du das Leben, Dein Sohn, dem Du die Mutter hast gegeben.

Kennst Du die Jungfrau in dem Schweizerlande, Den Berg, den ehrfurchtsvoll der Führer zeigt? Früh morgens, eh' noch hinterm Alpenrande Empor die schöne Fackel Gottes steigt; Wenn rings noch still, in nächtlichem Gewande, Die Gletscher schlafen und die Erde schweigt, Glüht still und einsam, wie in Andachtwonne Die Jungfrau dort im frühen Kuß der Sonne.

Also dort oben, auf der Menschheit Höhen, Wenn Nacht im Thal und rings die Erde schweigt, Dort oben, wo die rein'ren Lüfte wehen, Und wo sich keine Sorge hin versteigt, Sollst Du ein _jungfräulicher_ Priester stehen, Der hoch herab uns Gottes Fackel zeigt; Wie jene Alpe soll in heil'gen Frühen Ein jungfräulicher Glanz Dein Haupt umglühen.

Arion.

1850.

Es rauschet das Meer, es schlagen die Wogen, Stolz kommen die Segel einhergezogen Mit herrlicher Fracht von Hesperiens Strand. Sie bringen den Freund dem Freunde wieder, Dem König den Sänger der göttlichen Lieder, Sie führen Arion zum Heimathland.

Hoch steht er am Bord im Abendglanze, Sein Blick folgt träumend dem Wellentanze, Schon seit zwei Tagen verließ er Tarent. »O Freund! daß dich nicht mehr die Sorge berücke! Nun kehr' ich dir wieder im größten Glücke, Mit Schätzen, wie sie kein König kennt.«

Da sieht er die Wolken den Himmel umdüstern, Und höret der Schiffer heimliches Flüstern. In die grollenden Fluthen ruft er hinab: »Poseidon, schütz' uns, du Wogendränger! Poseidon, du mächtiger, schütze den Sänger, Und laß mir in heiliger Erde mein Grab!«

Jetzt plötzlich heran tritt der Schiffer Rotte: »Und willst du erhört sein vom nahenden Gotte, So tödte dich selbst an des Schiffes Bord. Uns verlangt nach den Schätzen, die wir geladen, Lebendig wirst du uns dem König verrathen, Den Leichnam bringen wir sicher in Port.«

Und jener bittet und flehet vergebens. »Erbarmet sich Niemand des jungen Lebens? Und soll ich verderben auf einsamer Fluth? So gebt mir mein Festgewand, laßt mich mit Tönen Begrüßen den Tod und den Hades versöhnen, Und wenn ich gesungen, dann ströme mein Blut.«

Die eben noch unerbittlich waren -- Arion zu hören, reizt die Barbaren. Er kleidet sich d'rauf in köstlich Gewand. Den Kranz auf dem Haupte, im Purpurtalare, Mit goldenen Spangen, mit fliegendem Haare, So steht er, die Cither in seiner Hand.

»Rauschet meine letzten Klänge! Rauschet wie Triumphgesänge Meiner Lieder schönstes Lied! Kühn, wie zu des Himmels Bogen Sturmbewegt die Welle flieht, Schlage deine großen Wogen, Jubelharmonienmeer, Majestätisch um mich her!

Denn ich geh' zu meinen Göttern. In des Sturmes Donnerwettern Grüßen sie Arion schon. Durch der Wogen wildes Brausen Hör' ich Orpheus süßen Ton. Hin, wo uns're Helden hausen, Sink' ich, hellumstrahlt vom Ruhm, Selig in's Elysium.

Rauschet, meiner Cither Klänge, Rauschet, wie Triumphgesänge, Meiner Lieder letztes Lied! Du Thalassa, die den Bogen Um der Menschen Länder zieht, Schlage deine großen Wogen, Wie ein Harmonienmeer, Majestätisch um mich her!«

Nun springt er hinaus in der Wellen Toben, Die sich bei dem Klange des Liedes erhoben. Und, gelockt von seinem erhabenem Spiel', Umschwimmen erstaunt, und umhüpfen munter Der bläulichen See lebendige Wunder, Nereiden, Tritonen und Fische, den Kiel.

Und sieh! ein Delphin beut Arion den Rücken, So zieht er dahin; mit Gesang zum Entzücken Durchrudert er stolz die beruhigte Fluch. Als der Fährmann kommt zu Tänaros Strande, Da steiget Arion gerettet zum Lande. -- Der Sänger steht in der Götter Hut.

Militär-Toast.

1850.

Wie glänzt der Tisch im festlichen Gepränge, Geschütz erschallt, das Echo hallt, Das Herzblut wallt, der Pfropfen knallt, Und vom Orchester strömen lust'ge Klänge, Wer sagt's noch, daß das Herz ihm schwer und enge? Wer sagt's, wer wagt's? Hurrah, die Augen blinken! Reicht ihm das Glas mit dem goldenen Winken, Und laßt's ihn aus bis auf den Boden trinken!

Kennt ihr das Bild dort aus dem Lorberkranze? Ihm klingt das Mahl, klingt der Pokal, Und allzumal die Lust im Saal. Wer beugt sich nicht vor seinem hohen Glanze? Wer schlägt für ihn sein Blut nicht in die Schanze? Wer sagt's, wer wagt's? Hurrah, auf von den Sitzen, Und füllt die Gläser mit den gold'nen Blitzen, Gebt das Signal den donnernden Geschützen.

Gott grüß dich, Vaterland, du uns're Wiege! Das Auge glüht, die Seele sprüht, Das Herz durchzieht ein heilig Lied! Gott schütze dich im Frieden und im Kriege! Wer schmäht dich, deinen Ruhm und deine Siege? Wer sagt's, wer wagt's? Hurrah, die Hand zum Stahle! Und füllt mit schaum'gen Regen die Pokale, Hoch lebe Preußen, hoch! im Siegesstrahle!

Und wenn du rufst mit feierlichem Mahnen Vom Memelstrand bis hier in's Land, Ein einiges Band, 'ne einz'ge Hand -- So steh'n wir auf, werth uns'rer tapfern Ahnen! Wem ist sein Blut noch lieb für deine Fahnen? Wer sagt's, wer wagt's? Hurrah, Tod sei der Schande, Und laßt die Gläser schäumen bis zum Rande: Treu unserm König und dem Vaterlande!

Ja treu! das ist der Wahlspruch, den wir wählen; Vom Feind bedroht, vom Brand umloh't, In Sturm und Noth, bis in den Tod, Soll Fürst und Land auf seine Söhne zählen. Wer zweifelt an dem Schwur von Männerseelen! Wer sagt's, wer wagt's? Wer will uns dort verdammen? Reicht mir den Becher mit den gold'nen Flammen; Wir bleiben treu, und bräch' die Welt zusammen.

Ein Geister-Ständchen.

Zum sechzigjährigen Dienstjubiläum Sr. Exc. des Herrn Militär-Gouverneurs, Generals der Cavallerie, _von Wedell_, zu Luxemburg, am 15. April 1856.

Die Nacht war still, kein Lüftchen ging, Es war zwölf Uhr, und am Himmel hing Der Mond wie eine bleiche Laterne. Die Welt schlief fest, kein Laut war wach, Als die knarrende Fahne vom Kirchendach Und der Posten Ruf in der Ferne.

Da plötzlich tönt von der Schloßwacht her Ein lautes Werda, sie tritt in's Gewehr -- D'rauf ein Rasseln und Rauschen ohn' Ende -- Ein blut'ges Regiment, ein bleiches Corps, Als kämen sie just aus den Gräbern hervor, Dringt über den Fischmarkt behende.

Mit Büchsen und Flinten, mit Lanz' und mit Schwert Das trippelt und trappelt, zu Fuß und zu Pferd, Und stehet nicht Antwort und Rede. Sie drängen sich links, sie wissen wohin, Und schwenken sich auf vor St. Maximin, Ein junger Major an der Tete.

Sie tragen von allerhand Farben Gewand, Und Keinem ist die Montirung bekannt Der blutigen Geisterschaaren. Auf Manchen hängt sie in Fetzen nur -- Doch trägt der Major die Parade-Montur Der brandenburg'schen Husaren --

Und trägt auf der Brust, wie als er noch stritt, Das stattliche Ordenskreuz _pour le mérite_, Mit der kleinen Krone von Perlen. D'ran haben sie den Feldherrn wieder erkannt, Als er todt da lag am Ostseestrand, Zerfetzt von den dänischen Kerlen.

Und er winkt, der Trompeter bläst zum Appell, Compagnien und Schwadronen sie ordnen sich schnell, Und erheben die blut'ge Standarte. Der Feldherr ruft die Schlachtfelder auf, Und es treten hervor aus dem düstern Hauf, Die man dort im Sande verscharrte.

Beim Ruf _Dodendorf_ vor die Fronte tritt Diezelsky, geschmückt mit dem Kreuz du mérite, Auch Stössel und Voigt auf den Rossen, Und Kettenburg, Stankar, auch Stock der Lieutenant, Mit dem Parlamentärtuch in seiner Hand, Den sie meuchlerisch todt geschossen.

Auch siebenzig Gemeine folgen dem Ruf, Sie reiten herbei auf leichtem Huf -- Zerhau'ne, verweg'ne Gesichter. D'rauf von _Dömitz_ und _Dammgarten_ rückt's herbei, Was dorten durchbohret vom Schwert und vom Blei, Und der Haufen wird immer dichter.

Da öffnet der Feldherr wieder den Mund, Und schwingt den Säbel und ruft: _Stralsund!_ Und es melden sich tausend Männer. Voran ein wilder Husarenschwarm, Ohne Rosse, mit Binden am rechten Arm, Die Andern auf luftigem Renner.