Ernst Koch's Gedichte Aus dessen Nachlasse gesammelt und herausgegeben von einem Freunde des Verstorbenen

Part 5

Chapter 53,618 wordsPublic domain

Verleb' ich die Ferien in Schwalbenweise? Versumm' ich sie einsam in Bienenmanier? Adieu, ihr Schwalben! und glückliche Reise! Meine Welt ist der Garten, ich bleibe hier.

III.

Der Schwalben Spott.

Wohl denn! rief auf diese Begrüßung Spottend die Schwalbe: Herr Professor, Ihre Entschließung Ist nur 'ne halbe.

Während Sie so mit der Biene summen, Welken die Blüthen, Und wenn Sie wieder in der Schule brummen, Sind wir im Süden.

Während Sie zur Verzweiflung bringt das Schneegewimmel, Lacht mir -- und wie anders klingt das! -- Blau der Himmel.

Und ihr Bienchen, von dem Sie prahlen, Seh' ich erstarren, Während der Sonne warme Strahlen Meiner harren.

Haben Sie Grüße nach Oestreich und Schwaben? Und nach Algirien? Bis die Gärten wieder Blüthen haben, Sind wir die Ihrigen.

Von der Luxemburger Mosel.

Eile durch die Blumenauen, Holde Mosel, nach dem Rhein, Laß mir meine deutschen Gauen Tausendmal gegrüßet sein! Trage mit dreifarb'ger Fahne Meiner Sehnsucht Schifflein fort, Sei behutsam mit dem Kahne, Bring' mir ihn zu sicherm Port!

Eilt, ja eilt, ihr grünen Wogen! Seid _noch nicht_ im deutschen Land, Wenn man's euch auch vorgelogen -- Längst zerrissen ist das Band. Glaubt es nicht dem Klang der Zungen, Der da rechts und links erklingt, Nicht dem Lied des Fischerjungen, Der am Ufer drüben singt!

Glaubt es nicht der deutschen Hütte, Die im Dorfe drüben steht; Glaubt es nicht der deutschen Sitte, Die in ihren Mauern weht; Dürft's auch nicht den deutschen Trauben, Nicht einmal dem Bettlerkind, Noch dem Meilenzeiger glauben, Daß wir hier in Deutschland sind.

Flieht, o flieht, ihr grünen Wogen, Thut's dem Vater Rheine kund, Was sie hier euch vorgelogen: Hat geträumt dem Deutschen Bund, Und im Schlaf, -- daß Gott erbarme! -- Stahlen sie ihm Land und Leut', Und Franzosen sind wir heut'.

Will es nicht gerad' verdammen: Wer sein Kind von Haus' entfernt, Gibt's hinaus zu welschen Ammen, Daß der Bub' französisch lernt. -- Aber daß das Kind, das deutsche, Man zu Schimpf und Spott verkehrt, Daß man's die Beamtenpeitsche Auf französisch tragen lehrt! --

Das in wilden Wellenschlägen, Das erzählt dem deutschen Land, Macht's von Vaterlandes wegen An dem ganzen Rhein bekannt! Und vergeßt mir nicht das eine: Meiner wärmsten Liebe Kahn, Legt mir ihn am schönen Rheine Bei dem schönsten Ufer an.

Es lag mir schon sehr lange nah', Der Welt eins aufzuspielen Von jener Himmelsmusica, Die ich wohl hört', doch nimmer sah, Und die die lieben Engelein An jedem Tag, Jahr aus, Jahr ein, In meinem Herzen singen. -- Nun mein' ich wohl, ich hätt's gethan, Erhalt auch Lob von Vielen, Doch hör' ich's recht genau mir an, So klingt's doch nimmermehr, nein, nein, Doch nimmer, wie die Engelein In meinem Herzen singen.

Die Fische.

In einer Kugel von Krystall Zwei gold'ne Fischlein wohnten, Die theilten ihre Schmerzen all Seit vielen vielen Monden.

Doch war dem kleinen gold'nen Paar Der Käfig nicht zum Leide, Denn weil so eins beim andern war, War's eine Welt für beide.

Und weil Gelübd' und frommer Schwur Die kleinen Zungen banden, So haben, Aug' in Auge nur, Die Fischlein sich verstanden.

Und grüßte draußen froh und laut Das Vöglein in den Zweigen, Hat eins das and're angeschaut Mit wehmuthsvollem Schweigen.

Und schienen in's Krystall hinein Der Abendröthe Strahlen, That sich der Liebe heller Schein In Fischleins Auge malen.

Sie träumten wohl von Meeresgrund, Von ferner Wogen Schäumen, Doch keines that dem andern kund Sein Lieben und sein Träumen.

Und weil nun eins mit so viel Schmerz Um's and're hat geworben, Da ist gebrochen Fischleins Herz, Und Fischlein ist gestorben.

Und weil's mit Sprache nicht begabt, Muß still das and're klagen: »Ich hab' Dich doch so lieb gehabt, Und konnt's Dir doch nicht sagen.«

Morgenlied von dem Schäfchen.

Schlaf', Kindlein, schlaf', Der Vater hüt't die Schaf', Die Mutter schüttelt's Bäumelein, Da fällt herab ein Träumelein -- Schlaf', Kindlein, schlaf'.

Schlaf', Kindlein, schlaf', Am Himmel zieh'n die Schaf': Die Sternlein sind die Lämmelein, Der Mond, der ist das Schäferlein -- Schlaf', Kindlein, schlaf.

Schlaf', Kindlein, schlaf', Christkindlein hat ein Schaf', Ist selbst das liebe Gotteslamm, Das um uns all' zu Tode kam -- Schlaf', Kindlein, schlaf.

Schlaf', Kindlein, schlaf', So schenk ich Dir ein Schaf' Mit einer goldnen Schelle fein, Das soll Dein Spielgeselle sein -- Schlaf', Kindlein, schlaf.

Schlaf', Kindlein, schlaf', Und blöck' nicht wie ein Schaf', Sonst kommt des Schäfers Hündelein Und beißt mein böses Kindelein -- Schlaf', Kindlein, schlaf'.

Schlaf', Kindlein, schlaf'. Geh' fort und hüt' die Schaf', Geh' fort, du schwarzes Hündelein, Und weck' mir nicht mein Kindelein! Schlaf', Kindlein, schlaf'.

Maria und der Doctor.

Es ist Nacht. Die düst're Lampe scheint; Am Bettchen sitzet die Mutter und weint, Und das Fenster rasselt vom Wetter und Wind, Und im Bettchen liegt das kranke Kind, Und erzählt im Fieberbrande Vom Engel im weißen Gewande.

Und die Mutter ringt sich die Hände wund: Mach' heil'ge Maria mein Kind gesund; Wenn Du nur willst, hilft Dein Sohn geschwind, Ein Wort von Dir, es rettet das liebe Kind. Ich bau' auf Deinen Namen, So ist es gewißlich, Amen.

Kaum naht der Tag im Dämmerschein, Da trat der gelehrte Doctor herein. Der prüfet das Kind allüberall, Und schüttelt den Kopf: ein bedenklicher Fall, Den ich nimmer in Praxi erlebt. Und verschreibt ein großes Recept.

D'rauf standen allerhand Sprüchelein In Zeichen und Wörtern in Latein; Der Apotheker hat d'rüber zwei Stunden geschwitzt, Bis alles gestoßen, gemischt und gehitzt. Sogleich hat der Trank das Leben Dem Kinde zurückgegeben.

Die Mutter in freud'gem Herzensdrang Ruft: Dank euch, Herr Doctor, mein Leben lang, Ich kann euch nicht lohnen, was Ihr mir thut, Und daß Ihr gerettet mein liebstes Gut; Der Himmel in höheren Welten, Der mög' es euch reichlich vergelten!

Der Doctor streichelt sich stolz das Kinn, Entläßt die Mutter mit frohem Sinn. Die aber hurtig schließet sich ein In's heimliche Krankenkämmerlein, Und wirft sich mit Schluchzen und Weinen Auf die Knie beim Bette des Kleinen.

Es ist Nacht, und die düst're Lampe scheint, Am Bettchen noch kniet die Mutter und weint. Warum weinst du Mutter noch himmelwärts, Der Doctor hat ja getröstet dein Herz? Doch nein, ich will dich nicht fragen: Nicht alle Dinge lassen sich sagen.

Des armen Kindes heiliger Christ.[10]

Die Nacht war kalt und schaurig -- Du arme kleine Marie! Sie wandert' allein und traurig, Und haucht' in die Händchen und schrie.

Und sinket ermattet nieder, Vom Froste starret das Blut. »O könnt' ich die bebenden Glieder Beleben in wärmender Gluth!

Wie blinket das schöne Gebäude, Erleuchtet vom Kerzenschein! Da kehrte mit köstlicher Freude Der heilige Christ wohl ein.

Er kam aus dem Feenlande, Mit goldener Kron' im Haar, Im prächtigen Purpurgewande, So herrlich und wunderbar.

Und bracht' ein flimmerndes Bäumchen, Und Aepfel und Nüsse daran. Ach! wer doch beim flimmernden Bäumchen Heut' Abend sich freuen kann!

Nichts bracht' er mir, nichts mir Armen! Wie stürmet der brausende Wind! Ach, wer, wer hat doch Erbarmen Mit dem armen Bettlerkind?«

Und wie sie die müden Glieder Nun ruhet auf kaltem Stein, Und senket die Augenlieder, Und schlummert ermattet ein:

Da kam er zu ihr im Traume, Mit goldener Kron' im Haar, Im Kleide mit purpurnem Saume, So herrlich und wunderbar.

Und schüttete köstliche Gaben, Und goldene Früchte aus: »Das Alles, Marie, sollst Du haben, Willst Du mit mir geh'n in mein Haus.

Ich geb' auch ein Bäumchen mit vielen Hell flimmernden Lichtern Dir, Und die Engel soll'n mit Dir spielen, Komm, liebliches Kind, mit mir.«

Da that das Kind Millionen Hell leuchtender Lichtchen seh'n, Und es denkt, dort muß er wohnen! Und es will mit dem Christe geh'n.

Und als nun die goldene Frühe Verscheuchet die schaurige Nacht, Da ist die kleine Marie Nicht wieder aufgewacht.

Des Schweizers Heimweh.

Ewig Bangen, ewig Sehnen Nach dem theuren Vaterland, Nie das Auge ohne Thränen Nach der Ferne hingewandt, O wer kühlt mein Gluthverlangen, Wer mein Sehnen, wer mein Bangen, Ach, mit jedem Morgen neu!

Bei des Tages erstem Schimmer, Bei der Sonne erstem Blick, Freud' und Leben kehrt doch nimmer In des Schweizers Brust zurück; Heerden blöcken, Glöcklein klingen, Vöglein, die im Walde singen, Ach, sie können fröhlich sein!

Wo die Alpenröschen blühen, Wo am Morgen, herrlich groß, Schreckhorn und die Jungfrau glühen, Ach! der Heimath stillen Schooß, Könnt' ich euch, geliebte Höhen, Nur noch einmal wiedersehen, Eh' das arme Herz mir bricht!

Wo der Aar in reinen Lüften Kühner seine Schwingen hebt, Ueber bodenlosen Klüften Ungewohnt der Wandrer bebt, Wo von friedlich stillen Matten, Bei des Abends kühlen Schatten, Läutend Heerden heimwärts zieh'n.

Wenn am Abend es sich röthet, Und im still geword'nen Hain Nur die Nachtigall noch flötet, O wie bin ich dann allein! Hör' ich ihre sanften Lieder, Kehret meine Sehnsucht wieder Und das Herz will mir vergeh'n.

Ja, nach Dir ruft mich mein Sehnen, Vaterland! Du bist gemeint, Land, wo die Schalmeien tönen, Wo mein Liesli um mich weint, Du mein Thal, geliebte Höhen, Könnt' ich euch noch einmal sehen, Eh' das arme Herz mir bricht!

Der Morgen im Garten.

Wie herrlich! Ach, so sah ich nimmer Die Blumen blüh'n, So sah ich nie im Rosenschimmer Den Garten glüh'n!

Wie jubelt's in den blauen Lüften! Der Freude Hauch, Er weht in tausend Balsamdüften Vom Blüthenstrauch.

Wohl saß ich oft in jener Hütte; Wenngleich allein, Konnt' ich in meiner Blumen Mitte So glücklich sein.

Und was des Abends stille Feier Zum Herzen sprach, Wehmüthig tönte meine Leier Das Echo nach.

Jetzt weint die Seele vor Entzücken, Zum Himmel steigt Sie mit der Rührung feuchten Blicken, Die Lyra schweigt.

O gold'ner Morgen, Blick der Liebe Im Lenzgewand, Vom Auge ew'ger Huld und Güte Herabgesandt!

Wie will der Sterbliche Dich singen, Der betend kniet? Wenn Weltenharmonie'n erklingen, Dann schweigt mein Lied!

Am Abend.

Senke Deine gold'nen Flügel, Holder Abend Du, Send' auf Fluren und auf Hügel Stille süße Ruh'!

Milden Trost auf herbe Thränen, Guter Genius; Schlägt mein Herz in bangem Sehnen, Deinen Friedenskuß!

Alles ruht in Wonneträumen, Jedes Auge blickt Dankbar zu des Himmels Räumen, Der den Frieden schickt.

Hüll' auch mich in Deinen Schleier, Seel'ger Abend ein, Laß auch mich von Deiner Feier Still gegrüßet sein!

Dann bring' ich Dir meine Gabe, Tief von Dank durchglüht, Bringe freudig, was ich habe, Dir ein sanftes Lied.

Nach Durchlesung

_des vom Herrn Bischof zu Chersones und apostolischen Vikar, Johann Theodor Laurent, bei seinem Amtsantritte in Luxemburg erlassenen Hirtenbriefes._

1842.

Was fühl' ich leis' in meiner Seele beben? Ist's Deines Briefes kräft'ger Redefluß? Ist's Deiner Worte prächt'ges Bilderleben? Der Sprache, meiner liebsten, eh'rner Guß? Ist's die Bewund'rung, die ich Deinem Streben? Die Deinem Herzen mein Herz zollen muß? Das Alles sagen Dir wohl tausend Zungen, Mit Höherm aber hast Du mich durchdrungen.

Hoch auf den Bergen steht, auf grünen Matten, Dem Himmel nahe, und die Seele frei, So steht der Hirt im Wetterwolkenschatten, Und fernhin klingt die liebliche Schalmei. Da kommen, die sich früh verloren hatten, Verirrte Lämmer aus dem Thal herbei. Das sind die Töne, jene freien, süßen, Die mich aus Deinem Hirtenbriefe grüßen.

Als ich ihn las, da glaubt' ich weh'n zu hören, Den warmen Hauch, der von dem Himmel dringt, Den ächten Geist, der wie mit Engelchören Durch jedes Deiner frommen Worte klingt, Den Silberquell, der aus den gold'nen Röhren Melodisch in das ew'ge Leben springt[11], -- Des Hirten Töne, die zu heil'gen Stufen Verirrte Kinder seiner Heerde rufen.

Du fragst, ob ich bekannt mit jenen Tönen? Kann ich verleugnen, was in's Herz mir tief Die Ladung, meinem Herrn mich zu versöhnen, Einst an dem heil'gen Ostertage rief? Und was mit ew'gem Heile mich zu krönen, Mich auferweckte, als mein Leben schlief? Nun ich die Töne hab' von Dir vernommen, Ist Dir zu danken dieses Lied gekommen.

Der Katholik.

Ich bin ein wahrer Katholik, Ich sag' es frei mit kühnem Blick, Ich bin's nicht blos im Gotteshaus, Ich bin es auch im Weltgebraus'; Ich leugn' es nie und nimmermehr, Und wär' der Teufel hinterher: Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik, Zum Lügen hab' ich kein Geschick; Bin ich im Gotteshaus gekniet, Was kümmert's mich, ob's einer sieht; Schwätz' ich nicht Jedem nach dem Bart, Was thut's? Ist Katholikenart: Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik, D'rauf thu' ich mir von Herzen dick; Der Priester hat's mich früh gelehrt: Daß sich im Sturm der Christ bewährt, D'rum, tret' ich aus dem Gotteshaus, Dann ford'r' ich kühn die Welt heraus: Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik In Freud' und Leid, in Schmerz und Glück, Ich bin's im Friede und im Streit; Und wenn der Teufel Feuer speit, Und wenn die Welt in Trümmer bricht -- Ich wanke nicht und weiche nicht: Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik, Nicht blos für einen Augenblick; Es geh' uns gut, es geh' uns schlecht, Ich halte bei katholisch Recht; Sag's jedem Heuchler in's Gesicht, Ein Sohn der Kirche bist du nicht: Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik, Ich bin kein eigennütz'ger Strick, Der, wenn der Wind von Norden weht, Für Gott und seine Kirche steht, Doch wenn der Wind von Süden bläst, Gott und die Kirch' im Stiche läßt: Bei Gott ist meine Hülfe.

In einer protestantischen Kirche.[12]

(Bruchstück aus einem ungedruckten Drama: »Der Katholik«.)

Kind.

Sieh Vater, offen ist die Thüre, laß Zum erstenmal mich eine Kirche sehen. Wie herrlich muß es sein in Gottes Hause!

(Sie treten ein.)

O Vater, sieh wie hoch die Bogen dort Sich wölben und sich himmelaufwärts heben! Sieh, wie die riesig großen Pfeiler streben. Man sieht wohl gleich, daß hier ein heil'ger Ort. 's ist schauerlich so hoch hinauf zu schauen. Wer mochte, Vater, doch die Kirche bauen?

Vater.

O, das Gebäude ist schon alt, mein Sohn! In finstern Zeiten, vor dreihundert Jahren, Als überall noch Aberglauben herrschte, Und alle Leute noch katholisch waren. Da hat dies Gotteshaus schon hier gestanden, Das sie »zu Uns'rer Lieben Frauen« nannten.

Kind.

Da waren's wohl die Heiden, die's gebaut?

Vater.

Nein, Katholiken haben's aufgeführt.

Kind.

Hu, Katholiken! Später, wie ich denke, Erhielten wir's von denen zum Geschenke?

Vater.

Nein, Kind, wir haben's ihnen weggenommen. So ist die Kirche nun auf uns gekommen.

Kind.

Oh! und wer ist denn Uns're Liebe Frau?

Vater.

Das ist die heilige Maria, Kind, Die Jesum Christum unsern Herrn geboren. Die Katholiken glaubten auch an _die_, Und warfen sich vor ihrem Bild' auf's Knie.

Kind.

Maria? Ei so hieß auch meine Mutter, D'rum war sie auch so eine liebe Frau, Wie ich's noch heut' in ihrem Bilde schau'. Sie hatte mich so lieb, sie war so milde, Und d'rum, Papa, hast du vor ihrem Bilde Oft selbst geweint und auf den Knie'n gelegen. Doch was mir, Vater, nicht gefällt, das ist, Daß hier kein Schmuck und keine Bilder sind.

Vater.

Wir sind ja keine Katholiken, Kind! Wir beten nur zu unserm Gott allein, Zu keinem Bild, das würde Sünde sein.

Kind.

Es wär' auch gar zu dumm, zu Bildern beten, Ein Bild kann ja nicht hören und nicht reden. Und dennoch ist's so schön in deiner Stube, Wo du die hohen Gäste gern empfängst, Auch einsam wohl an meine Mutter denkst. Ich weiß, obgleich ich noch ein kleiner Bube, Daß mir's einmal gelang, hinein zu schauen. D'rin hängen Bilder, viel, mit gold'nen Rahmen. Auch sah ich d'rinnen Uns're Liebe Frauen, Und wie sie Jesus von dem Kreuze nahmen. Von allen Häusern hätt' ich auf der Welt Mir Gottes Haus am schönsten vorgestellt.

Vater.

Du mußt nicht denken, daß hier Gottes Wohnung. Gott ist an jedem Orte, kein Revier, Kein Raum und keine Mauer schließt ihn ein. Er ist sowohl in meiner Stub' als hier.

Kind.

Wenn ich Gott wär', ich wär' am liebsten hier, Und prächtig schmücken ließ' ich Alles mir. Weißt du noch Vater, als du meiner Mutter Die schöne neue Laub' im Garten bautest, Die wir so gern nach ihrem Namen nennen, Und die ihr so gefiel, weil du sie _ihr_ Gewidmet und geschmückt; wo sie am liebsten An jedem Abend mit uns Kindern weilte? Da weilst du auch nun stets am liebsten, da, So sagst du, ist sie dir noch immer nah. Ja, wenn ich Gott wär', unter allen Zonen Thät' ich am liebsten in der Kirche wohnen. Da müßten an der Wand und in den Gängen, Wie bei'm Papa, die schönsten Bilder hängen, Und meine Mutter müßte bei mir sein. Doch was bedeutet das Gefäß von Stein, Dicht bei der Thüre zierlich eingemauert? Ein Becken scheint's, um Wasser zu bewahren, Doch ist es nicht benutzt seit vielen Jahren, Denn siehe, einsam haben Spinnen oben Die grauen Schleier d'rüber her gewoben.

Vater.

's ist ein Gefäß, aus dem sie Wasser nahmen, Benetzend sich, wenn sie zur Kirche kamen, In Vaters, Sohns und heil'gen Geistes Namen.

Kind.

Warum?

Vater.

Ich weiß nicht, 's war so hergebracht, Und darum haben wir's nicht nachgemacht.

Kind.

Sieh, Vater, hier das große Eisengitter, Dahinter seh' ich der Verwüstung Spuren, Und Mörtel, Steine, Bretter und Figuren, Im Wirrwarr liegt's vergessen und verlassen. Unheimlich dämmrig ist's an diesem Orte, Wär' ich allein, mich würde Furcht erfassen.

Vater.

Mein Kind, da stand der alte Hochaltar, Nebst Tabernakel, wie's gebräuchlich war. Auf eines Heil'gen Grab ein großer Stein, Geweiht zum Dienst des heil'gen Opfers ein. Mit Blumen reich geschmückt von frommen Händen, Und Bildern, Crucifix und Ornamenten; Im gold'nen Meßgewand und Cingulum Beging der Priester das Mysterium, Und Alles büßend sich zur Erde neigte, Wenn er die Hostie dem Volke zeigte. Nun liegt das Ding zerbrochen und zerschlagen, Ein traurig Denkmal aus vergang'nen Tagen.

Kind.

Sieh, ein zerschlag'ner Arm ist noch zu schauen, Von Stein, zwei große Schlüssel in der Hand. Wer that das, Vater? Immer sagtest du, Altäre seien heilig, und in Ruh' Soll man die Gräber und Altäre lassen. Du lehrtest mich tief in der Seele grauen, Als du erzähltest, wie das Römervolk Die christlichen Altäre einst zerschlagen, An denen fromme Menschen betend lagen. O sicher stürzten dieses Heiligthum Die Katholiken oder Römer um.

Vater.

Wir selber, Kind, die Protestanten thaten's, Und der Altar war ein katholischer.

Kind.

Wie Schade! da erblick' ich unter Trümmern Ein schönes Antlitz, fein aus Holz geschnitzt. Wie lieblich seine sanften Züge schimmern! Auch Brust und Arm, und auf dem Arme sitzt Ein kleines Kind, dem sie die Hand zerschlagen. Was ist das für ein Bild, es gleicht der Mutter?

Vater.

Das ist das Bildniß Uns'rer Lieben Frauen. Nun komm! daß wir den Küster nicht verdrießen.

Kind.

Laß mich noch einmal dieses Bild beschauen, Dann mag der Küster seine Kirche schließen. Bei diesem Bilde schwindet alles Grauen. Wie blickt es mich so wunderlieblich an! Du liebe Frau, was hast du denn gethan, Daß sie dich brachen, und dein Kind zerstießen? Gern nähm' ich's mit in unser Haus, und träumte: Ich sähe meine Mutter, und ich leimte Dem Jesuskind' ein and'res Händchen an.

Vater.

So willst du dennoch, Karl, ein Schreiner werden?

(Der Küster zieht die Thurmglocke.)

Kind.

Noch eins! sag', warum, wenn die Sonne scheidet, Die Glocke dreimal drei vom Thurme läutet. Es weiß es Niemand, was der Gruß bedeutet.

Vater.

Das schreibt sich auch noch her aus alter Zeit. Als nämlich Alles noch katholisch war, Da hat man so das Angelus geläut. Und wenn die Glocke dreimal drei erklungen, Dann nahmen alle Leut' von jedem Stande, Der Städter, wie der Bauer auf dem Lande, Der Bettler auf dem Feld, der Prinz im Schlosse, Der arme Pilger, wie der Graf zu Rosse, Von ihrem Haupt den Hut, und beteten Ein still Gebet zu Uns'rer Lieben Frauen.

(Das Kind sinkt auf die Knie.)

Was bet'st du Junge, bist du nicht gescheid? Ein protestantisch Kind hier auf den Knien?

Kind.

O, laß mich beten wie kathol'sche Leut'. Lagst du doch vor der Mutter auf den Knien. Laß mich bei Uns'rer Lieben Frauen beten! Das Schreinerhandwerk will ich nicht betreten, Doch bitt' ich, Vater, daß ich auf der Erden Weit lieber noch ein Katholik soll werden.

Vater.

Nun komm, die Nacht bricht ein, hier ist kein Zaudern. Du plauderst grade, wie die Kinder plaudern.

(Sie verlassen die Kirche.)

Maria![13]

O Du süßester von allen Namen! Wie so sanft durch meiner Harfe Saiten, So melodisch, Deine Töne gleiten! Wie Accorde, die von jenseits kamen, Die aus unbekannten Herrlichkeiten Leise Lüfte zu mir her geleiten, -- Lieblich, wie ein fernes sel'ges Amen, Tönst Du, Name der Gebenedeiten: Maria.

Dunkel ist die Nacht. Verirrt und müde Hebt empor der Pilger seine Hände, Daß ein Stern ihm Licht und Tröstung sende. Da, wie wenn der Osten Purpur sprühte, Wie wenn die Natur in Lieb' entbrennte, Wie das Morgenroth am Firmamente, -- Also flammt Dein Nam' in mein Gemüthe, Und ich nenn' ihn tausendmal ohn' Ende: Maria.

Ja, den Morgen fühl' ich in mir tagen, Meine Seele glüht in heil'ger Freude, Wenn Du einziehst, lieblichste der Bräute, Wie ein Königsweib auf gold'nem Wagen. Meine Blumen steh'n im Festgeschmeide, Alle Berge steh'n in ros'gem Kleide, Und die Glocken meines Innern schlagen Ein unendlich liebliches Geläute: Maria!

O Du Heil'ge! Sieh in anderm Bilde (Denn wie Du bist, singen keine Lieder) Nahst Du schöner meiner Seele wieder. Nacht und Graus bedecken die Gefilde, Mit dem Racheschwert aus Blitzen zieht er Hoch einher der Herr und Weltgebieter, -- Plötzlich unter Donnerwetter, milde, Blickst Du, Mond der Liebe, auf mich nieder, Maria!

Wenn ich so die alten Lieder zähle, Die ich frisch, von Melodien durchdrungen, Froh und weinend in die Welt gesungen, Fühl' ich schmerzlich eine schwere Fehle. Wo ein Kranz mir rund und schön gelungen, Für die Welt nur hatt' ich ihn geschlungen; Keiner hat geheiligt meine Seele, Kein Lied, keines ist für Dich erklungen, Maria!

Sieh, mein Götze war ein ird'sches Lieben, Ruhm und Ehre meine gold'nen Sterne, All mein Dichten, Blüthen ohne Kerne, Mein Talent im Dienst von eiteln Trieben. Deine Bilder hatt' ich lieb' und gerne, Doch Du selber bliebst mir ewig ferne. Ferne? Nein, Du bist mir nah' geblieben: Meine Harfe tönt', ich lausch', ich lerne: Maria!