Part 3
Sieh, darum lieb' ich dieses arme Leben, Weil's mir die Aussicht auf ein höh'res gibt, Ich dank' ihm, weil's die Ahnung ihm gegeben: Weiß ich doch nun, was meine Seele liebt. Mit Sonnenpracht wird sich die Schranke heben, Wenn jenes Fest des Lebens einst zerstiebt, Und klopf' ich heimlich an die Gruft der Väter Mit müdem Finger an die morschen Bretter.
Ach! Alles wird ja seinen schönen Lügen Zum Raub', es gibt Dir nichts an ihrer Statt; Trinkst Du aus seinem Kelch mit vollen Zügen, So macht es Dich noch ärmer, leer und satt; Nahst Du mit still bescheidenem Begnügen, Verspricht's Dir, was es nicht zu geben hat; Es läßt Dich arm mit seinen Herrlichkeiten: Sieh', darum möcht' ich gerne von ihm scheiden.
Und kommt sie einst, die ernste schöne Stunde, Wo los mein Geist sich von dem Leben reißt: Dann gebe Dir mein Engel davon Kunde, Damit Du, wenn ich scheide, bei mir seist, Mit einem Wort aus Deinem lieben Munde Der Seele, wenn sie zagt, den Aufschwung leih'st; Dann magst Du mir die müden Augen schließen, Aus denen nunmehr keine Thränen fließen.
Tröst' das gebeugte Haupt, wenn es im Jammer, Im Mutterschmerz an Deine Brust sich legt. Sag' meinen Schwestern, daß in stiller Kammer Der Bruder nun nicht einen Schmerz mehr trägt; Du aber schaudre nicht, wenn Tischlers Hammer Noch vor dem Herzen Deines Freundes schlägt, Sieh aus dem Fenster ohne Thrän' und Klagen, Mich still an Deinem Haus vorüber tragen.
Reliquie eines Verschollenen.
Es gibt geheime Schmerzen, Sie klaget nie der Mund, Getragen tief im Herzen, Sind sie der Welt nicht kund; Es gibt ein heimlich Sehnen, Es scheuet stets das Licht; Es gibt verborg'ne Thränen, Der Fremde sieht sie nicht.
Es gibt ein still Versinken In eine inn're Welt, Wo Friedensauen winken, Vom Sternenglanz erhellt; Wo auf gefall'ne Schranken Die Seele Hoffnung baut, Und jubelnd den Gedanken Den Lippen anvertraut.
Es gibt ein still Vergehen, Ein stummer öder Schmerz, Und Niemand darf es sehen, Das schwer gepreßte Herz. Es sagt nicht, was ihm fehlet, Und wenn's im Harme bricht, Verblutend und zerquälet, Der Fremde sieht es nicht.
Es gibt ein sanfter Schlummer, Wo süßer Frieden weilt, Wo stille Ruh' den Kummer Der müden Seele heilt. -- Doch gibt's ein schöner Hoffen, Das Welten überfliegt: Da, wo am Herzen offen Das Herz voll Liebe liegt.
* * * * *
Wenn draußen Baum und Strauch im Wetter wanken, Und durch die Nacht des Sturmwinds Flügel weh'n: Dann fühlt mein Herz geliebte Traumgedanken, Gleich Todten in Kapellen, aufersteh'n. Drin seh' ich Heil'ge, die mir längst versanken, Einher im Geisterlicht des Mondes geh'n; Drin mauert ungeschickt mit hellen Zähren Mein Engel an verfallenen Altären.
Ich höre Töne, lange nicht gekannte, So lieblich, Stimmen gleich im Paradies, Doch frag' ich, wer mir aus dem Zauberlande Die Himmelstöne wiederkehren ließ? Und frug ich jene Heil'ge, wer sie sandte? Und meinen Engel, wer ihn mauern hieß? Die Traumgedanken all', woher sie kamen? Nennt Traum und Ton und Engel Deinen Namen.
Ach, jene Tön', aus Aether zart gewoben, Belauscht' ich einst mit hochentzücktem Ohr; Von Ahnung ihrer Göttlichkeit gehoben, Schwang meine Psyche selig sich empor: Da griff mich eine Riesenfaust von Oben, Hinab mich schleudernd, den verweg'nen Thor, Hinunter, wo sich ächzend und erblindet, Tellurisches Gewürm im Staube windet.
Du sollst verflucht sein und verdammt Dein Wesen, Und Bettler sollen auf Dich niederseh'n, Sollst keuchend Deinen Schritt, den schulgemäßen, Im Kreis des menschlichen Getriebes geh'n, Und nimmer in dem gold'nen Buche lesen, Wo Deiner Träume süße Bilder steh'n; Was Du gesä't mit kindischem Begreifen, Soll nicht im Staube Deiner Erde reifen.
Da faßte mich wahnsinniges Verirren, Der Geist vergaß die knechtische Geduld, Ich warf mich in der Sinne süßes Wirren, Verhöhnte Menschenwitz und Götterhuld; Ich warf mich in der Schwerter wildes Klirren, Von Tod und Leben fordert' ich die Schuld: Sie blieben Schulden, weder Tod noch Leben Hat meine Traumwelt mir zurückgegeben.
So kehrt' ich denn zur fernen Heimath wieder, Und fragte nach dem früh verlor'nen Pfad, Da, wo im Kindergarten fromme Lieder Sein erst' Gefühl mein Herz gestammelt hat, Bückt' mich zum Sande, wo ich spielte, nieder, Und zu den Blumen, die mein Fuß zertrat, Und sucht' aus Asche von erstorb'nen Flammen Mit warmen Thränen meine Welt zusammen.
Da trat'st Du zu mir, nach so langem Meiden Erschienst Du mir wie aus dem Zauberland, Gabst mir die Klänge, die den Knaben weihten, Und meinen Heiligen ihr Meßgewand, Gabst mir das alte Spiel der gold'nen Saiten, Die Kelle meinem Engel in die Hand, Und gabst mir Alles, Alles freundlich wieder, Und neue Ahnung zeugte neue Lieder.
* * * * *
Was treibt mich hin zu Dir mit Macht? Was gab mich Dir zu eigen? Was hast Du in mir angefacht, Das ich Dir muß verschweigen? Ach, was zu Dir mich zieht, Kein Name nennt's, kein Lied, Und Töne können's nicht bekunden, Doch ewig hat's mich Dir verbunden.
Und Deiner Stimm' und Deinem Wort, Wer gab ihm die Gewalten, An meines Herzens tiefsten Ort Gebieterisch zu schalten? -- Mich reißt's mit trunk'nem Sinn Zu Deinen Füßen hin. Darf's auch mein Auge nicht bekunden, Doch ewig hat mich's Dir verbunden.
Ich wünsch' es mit geheimer Lust, Und fürcht' es doch zu sagen, Wie lieb ich Dich in meiner Brust Seit Monden schon getragen. Verschmähtest Du mein Herz, Verging's im stummen Schmerz, Es liebte Dich mit tausend Wunden, Und ewig blieb es Dir verbunden.
Im Namen eines dreijährigen Kindes am Geburtstage seines Vaters.
Ich habe geschlafen, Ein Kindlein süß, Und habe geträumt Vom Paradies, Und habe geträumt Vom himmlischen Spiel, Und habe geseh'n Der Engel viel.
Und einen mit langem Gelockten Haar, Der nahe dem Vater Zur Rechten war. Der hatte ein Auge So mild und fromm, Und sprach so freundlich: »Mein Kindlein komm!«
Es sind die Kindlein Mir immer fern, Für wen Du bittest, Den segn' ich gern! Ich schlug in die Hände Und bat: Papa! Und darauf erwacht' ich, Und Du warst da.
Die Waldmühle.
Was rauschet dort unter des Waldes Eichen? Ein Gießbach ist's mit geschwätzigem Mund, Und unten, da liegt, umschirmet von Zweigen, Die Mühl' im blumigen Wiesengrund. Da treibet des Wassers Stärke Bei Tag und bei Nacht die Gewerke; Es wälzt, von der tobenden Welle gefaßt, Schwerfällig das Mühlrad seine Last.
Und kommt des Weges, bei nächtlicher Weile, Der Wandrer gegangen, so hört er alsbald Die Wasser schon rauschen in flüchtiger Eile, Und höret der klopfenden Hämmer Gewalt, Und sieht im Mondschein die Wogen Zerstieben in glänzendem Bogen. Doch kommt er näher, da faßt's ihn an, Ein leises Grauen den Wandersmann.
Denn, wo sich die tosenden Räder schwingen Und wühlen im gährenden Wasserschlund, Da hört' er mit lieblicher Stimme singen, Wie Geister tief unten im feuchten Grund. Drauf sieht er mit eignen Augen Einen Arm aus den Wellen tauchen. Und ziehet heim, von Gedanken schwer, Und erzählet Niemand die schaurige Mähr'.
Ein Töchterlein einst von wenig Jahren, Das hatte der Müller mit Liebe gepflegt, Er mochte das Kind als sein Kleinod bewahren, Es war ihm vom Himmel an's Herz gelegt. Das spielt' einst in friedlichen Träumen Ganz nah, wo die Wogen schäumen, Und pflückte sich duftende Blümchen ab Am Rande vom tobenden Wellengrab.
Und wie es sich bückt, zieh'n fremde Gewalten Das Kind tief hinab, wo die Strudel geh'n, Und die Himmlischen können's nicht mehr halten, Und es sinket hinab, und es ist gescheh'n! Schon wälzet das Mühlrad die Speiche Zermalmend über der Leiche, Und siehe, des Kindes purpurnes Blut Färbt röthlich die schneeweiße Wasserfluth.
Dort, wo sich die Räder brausend schwingen, Und wühlen im gährenden Wasserschlund, Wo's der Wandrer höret so lieblich singen, Wie Geister tief unten im feuchten Grund, Ist des Waldmüllers Kind begraben, Das die Räder zermalmet haben, Und spät, wenn die Wasser noch rauschen mit Macht, Da klinget die Stimme ganz hell durch die Nacht.
Und es winket das Aermchen mit Liebesgeberde: »Lieb' Vater, lieb' Mutter, was weinst Du so sehr? »Hier unten ist's freundlich, ist kühler wie Erde, »Lieb' Vater, lieb' Mutter, o weine nicht mehr!« Den Müller faßt es mit Grausen, Wenn er höret die Stimme draußen. In nächtlicher Stunde, bei Wetter und Wind, Da singt das ertrunkene Müllerkind.
Schweizers Sehnsucht.
O wer kühlt dies bange Sehnen, Das mich glühend heiß erfüllt, Und in stille warme Thränen Meine matten Augen hüllt? Nicht mehr kann ich sie verhehlen Diese Schmerzen, die mich quälen, Die sich ewig mir erneu'n.
Wenn die junge Morgenröthe Freundlich von dem Himmel lacht, Hab' ich einsam, still und öde, Eine bange Nacht durchwacht, Und der erste Purpurschimmer Hat den süßen Frieden nimmer In des Schweizers Brust gesandt.
Ach, ein Land nenn' ich mit Zähren, Wo der Morgen schöner brennt, Auf der Alpen Hochaltären, Am entflammten Firmament; Wo die Andacht Blicke feuchtet, Wenn die große Fackel leuchtet, In der Morgenröthe Gluth.
Jene Höh'n, wo seit Aeonen In der Ewigkeiten Schooß', Jungfrau und Sanct Gotthard thronen, Der am Morgen, herrlich groß, Es der Erde froh verkündet, Daß die Opfer angezündet Frommen Dankes für den Herrn.
Wo der Aar in reinern Lüften Kühner seine Schwingen hebt, Ueber bodenlosen Klüften Ungewohnt der Wandrer bebt, Wo von friedlich stillen Matten, Bei des Abends kühlem Schatten, Heerden mit Geläute zieh'n.
Am Geburtsfeste Seiner Hoheit des Kurprinzen
(von Hessen-Kassel).
1838.
Es zieht die Welt in schimmernden Gestalten Mit Freude bald, und bald mit Nacht und Grau'n, Durch eine Brust, wo höhere Gewalten Der Poesie die lust'gen Zelte bau'n. Und wenn des Schicksals Händ' ein Herz zerspalten, Und wenn die Engel d'rin im Fenster schau'n, Ist's allemal ein Herz, das unter Bangen Das Schmerzgeschenk von der Natur empfangen.
Doch was ergreift das Lied mit mächtiger'm Tone, Als jene weithin leuchtende Gewalt, Die majestätisch stolz dem Fürstensohne Mit Purpurstrahlen um die Schultern wallt? Als jenes Wort, das von erhab'nem Throne Wie Blitz durch Vaterlandes Thäler hallt? Als jene Hand, von deren sanftem Winken Die Segnungen des Friedens niedersinken?
Denn Engel in den lichten Bäumen weben Mit frommen Händen eines Königs Kleid, Und droben, über allem ird'schen Leben, Wird von dem Herrn der Fürsten Haupt geweiht. Um ihren Scheitel, hellumleuchtet, schweben Wie Genien die Ideen der Heiligkeit, Und Gott, damit des Frevlers Blick entkräftet, Hat seinen Stern auf ihre Brust geheftet.
Doch Du, den schüchtern meine Worte nennen, So nah' mein Herz auch Deinem Throne ist, Wie muß für Dich nicht die Begeist'rung brennen, Daß Du mein Fürst und mein Gebieter bist; Ein Land, das meine Kinderspiele kennen, Ein Volk, das seine Treue nicht vergißt, Und Thäler blüh'n um Deines Thrones Stufen, Wohin mich Lieb' und Pflicht zurückgerufen? --
Vom Baierland, der hohen Röhn entwunden, Zieht stolz die Woge Deinem Schloß vorbei, Und wieder, mir der Schwester treu verbunden, Als ob es Beiden leid zu scheiden sei, Hat sie alsbald Dein schönes Land gefunden, Und üpp'ger Segen, wie ein stolzer Mai, Begleitet sie, wo auf die reichen Auen Der Pagenburg Ruinen niederschauen.
Die rasche Schwester, die ihr Sachsen sandte, Und der Kastal'sche Quell, der Marburg grüßt, Der sanfte Strom aus nahem Bruderlande, Die Welle, die auf gold'nem Grunde fließt, Und jener Strom, an dessen Blüthenstrande Die Winzer singen und die Rebe sprießt, Sie zieh'n dahin mit träumerischen Grüßen, Und winden schmeichelnd sich zu Deinen Füßen.
Aus Deinen waldigen Gebirgen dröhnen Sturmwinde tausendjährigen Gesang, Der seit den kräftigen Cheruskersöhnen Durch alle vaterländ'schen Wälder drang. Du neigst Dein Ohr, Du lauschest jenen Tönen, -- Es ist der Volkesliebe mächt'ger Klang, Von dessen weithin brausenden Chorälen Sie jetzt noch drüben über'm Rhein erzählen.
Wie Du da stehst in kräft'ger Jugendfülle, Von sechs und dreißig Lenzen ausgeschmückt, Von denen jeder in geweihter Stille Mit einer Tugend Deinen Geist beglückt, Und jeder seiner jugendlichen Hülle Sanft eine neue Schönheit aufgedrückt! Und so erhalte Dich in langen Jahren, Der hoch gebietet über heil'ge Schaaren.
Wie du mit Weisheit sätest, also mächtig Entsprieße nun die dunkel gold'ne Saat, Und fruchtbeladen schatte segenskräftig Der Baum, den Du gepflanzt auf Deinem Pfad! So oft durch Deine Berg' und Thäler prächtig Der Lenz mit seinem neuen Jubel naht, So bring' er, wie des Orients Gesandten, Des Glückes Gaben Dir aus Himmelslanden!
Und könnt' ein Irrthum Dir die Liebe rauben, Dir sagt's Dein Muth, daß Du gefürchtet wirst. Stolz auf dem Wagen, wenn die Rosse schnauben, Stehst Du ein jugendlicher Trojafürst. Doch wenn Du Liebe und Vertrau'n als Tauben An Deinen königlichen Wagen schirrst, So wirst Du unter siebenfarb'nem Bogen, Ein Friedensgott, von Deinem Volk gezogen.
Nur klingend ist mein Lied dahin geflossen, Die Worte hat der Sänger nicht bewacht, Ein treu Gedächtniß hat er's unverdrossen Mit zagendem Gemüthe dargebracht; Hat's willenlos sich aus der Brust ergossen: So zieh es hin, wo Deine Sonne lacht. Mein Fürst! frag' nicht, woher die Töne kamen, Ich schrieb sie stolz in Deines Volkes Namen.
Mein Wunsch.
Ich wollte, ich hätte ein Häuschen im Thal, Und nahe dabei eine Mühle, Wo heimlich rauschet der Wasserstrahl, Mit kreisendem Rade im Spiele, Ein Gärtchen mit Bäumen und Blumen dazu, Mit Tischen und Bank eine Laube, Und vor mir die Birnen im Abendroth Beim göttlichen Nectar der Traube. Dann neben mir Rosen und, vernünftig und treu, Einen Freund an der traulichen Stätte, Ein lauschendes strickendes Weibchen dabei, Das wäre, so wie ich's gern hätte.
Die letzte Rose.
Wo sind sie, meine Schwestern, meine Brüder? So strahlend, hell in jugendlichem Roth? Die Erde nahm zurück die stolzen Güter, Die Blume sank, weil sie der Sturm bedroht. Wird doch mein eig'nes Haupt zur Stunde müder, Um meine Wange haucht der frühe Tod. Was mit mir lebt' und blühte, sank darnieder, Hin ist der Lenz, gestorben sind die Lieder.
Wo bist Du, schöner Zephyr, der die Wangen So oft beim frühen Strahle mir geküßt? Bist Du zu fernen Thälern hingegangen, Wo nicht Dein Kuß die Trauernde vermißt? Und wo bei Rosen, welche schöner prangen, Dein leichter Sinn die Sterbende vergißt? Komm einmal noch, eh' meine Blätter sinken, Die letzte Lieb' aus meinem Kelch zu trinken.
Wo bist Du schnee'ge Jungfrau, Nievermählte, Du schwesterliche Lilie, schönes Bild, Der ich so oft in stiller Nacht erzählte, Was tief mir im geheimen Busen quillt? O wenn die Blume keine Freundin wählte, Gäb's Jemand, welcher ihre Sehnsucht stillt? Gäb's Jemand, welcher ihr Entzücken theilte, Wenn Lieb' und Freud' in ihrem Kelche weilte?
Wo bist Du süßes Lied der Nachtigallen, Das schmerzlich einst die Töne mir gereiht? Ich lauschte Dir, und in den Laubenhallen Verstandest Du mein Lieben und mein Leid. Komm, traute Sängerin, die Blätter fallen, Der Sturm raubt mir das bräutliche Geschmeid'. Soll ich vergehen, einsam, unbesungen. Und ist Dein Lied auf ewig mir verklungen?
Euch sei die letzte Thräne hingegossen, Die auf dem welken Blatte sich noch hält, Mein Kelch ist unentfaltet, kaum entsprossen, In meinem Innern trag' ich eine Welt, Die unentweiht, geheimnißvoll verschlossen, Mit mir hinab in's Reich des Todes fällt. Die Rose mag, von Lieb' und Lied verlassen, Mit unentweihtem Herzen früh erblassen.
Weh mir! der Sturm mit mächtigem Getose, Er bricht hervor in unbarmherz'ger Wuth. Umsonst umhüllen mich die weichen Moose, Der Paladin, in dem die Rose ruht. Wie? stamm' ich nicht aus königlichem Schooße? Und fließt nicht tausendfach ein fürstlich Blut In meiner Adern zierlichen Geweben, Die noch kein Vater wieder hat gegeben?
Drum, die Du wandelst dort auf grünen Wegen, Die schlanke Huldgestalt, mir selbst verwandt! Eh' grausam mich entblättert Sturm und Regen, Komm, pflücke mich mit Deiner schönen Hand! So wird entzückend mich der Traum bewegen, Daß ich die schwesterliche Lilie fand. Dem Dichter gib die welke dann zum Erbe, Daß unbesungen nicht die Rose sterbe.
Sonett.
Wenn ein Sonett auf Dich doch Jemand schriebe? Wohl, _Dir allein_ gehören diese Zeilen. Vertrau' ich gern doch dem Sonett zuweilen Die heimlichen und die enthüllten Triebe.
Doch mein' ich, daß es unvollkommen bliebe, Je mehr ich auch an dem Sonette feile. -- Daß ich Dir lieber in die Arme eile Mit einem Kusse meiner Bruderliebe.
Wohl geht's mir öfters so mit solchen Dingen, Die ich im Liede nimmer sagen mag, Obwohl sie seit des Lebens erstem Tag
Wie angeboren meine Brust durchdringen. Sie klingen ewig mir im Herzen nach, Und doch kann ich sie nicht im Liede singen.
Sonett.
So eilst Du denn der Königsstadt entgegen, Wird sich, wenn ihre Reize Dich umzweigen, Zur Heimath liebend dein Gedanke neigen, Und wirst Du deutschen Sinn im Busen pflegen?
Wo die Empfindung fremde Stempel prägen, Wo Deines Vaterlandes Klänge schweigen, Wird sich Dein Herz empfänglich für sie zeigen? Und bleibt es treu den heimathlichen Schlägen?
O lebe wohl, viel hast Du hier erfahren, Und trübe war, was auch Dir blühen mag, Ich weiß es, Deiner Jugend Frühlingstag.
Doch Deiner Freunde Liebe folgt Dir nach, Und bitten zu des Himmels heil'gen Schaaren, Daß sie Dein Herz Dir und sich selbst bewahren.
Die Johannisblume.
Mein Leben glich einer Blume, Dran hing manch schöner Tag, Und jeder Tag war ein Blättchen, -- Bis das Schicksal die Blume brach. Es pflückte meine Blättchen Eins nach dem andern ab. »Sieh her, ob Dir Dein Mädchen »Die Liebe wieder gab: »Sie liebt Dich, »Sie liebt Dich nicht, »Sie liebt Dich, »Sie liebt Dich nicht, »Sie liebt Dich doch.« O mein Geschick, wie dank ich Dir! Doch ach, warum spielst Du so grausam mit mir? Nun steht mein Leben kahl und leer, Kein Blättchen hat meine Blume mehr.
In der Ferne Wohnt mein Glück, Wie der Sterne Gold'ner Blick. In der Ferne Wohnt mein Schmerz, Ringt zum Sterne Himmelwärts.
In der Ferne Wohnt ihr Bild, Und die Sterne Grüßen's mild. In der Ferne Wohnt mein Leid, Sagt's ihr, Sterne: Lieb' verzeiht.
In die Ferne Schaut' ich oft, Hab' zum Sterne Treu gehofft. Weit und ferne Wohnest Du, Ueber'm Sterne, Meine Ruh'.
In der Ferne, Dort und hier Lieb und gerne Bist Du mir. Lieb und gerne Du allein, Ueber'm Sterne, Wirst Du mein.
Ihrer Erlaucht der Gräfin von Schaumburg,
am 18. Mai 1839.
An Deiner Wiege standen höh're Boten, Ein jeder mit Geschenken für Dein Leben. Sie schürzten den geheimnißvollen Knoten; Dich sanft berührend mit den Zauberstäben, Befahlen sie dem Glanz, dem morgenrothen, Mit Schönheit Deine Glieder zu umschweben, Und jeder hat die Tiefen Deiner Seele Geschmückt mit einem himmlischen Juwele.
Der Engel Gaben sind Dir treu geblieben, Sie strahlen hell, gleich Sternen in den Nächten; Doch einer weihte Dich mit zarten Trieben, Und eine Vollmacht trug er in der Rechten, D'rin war Dein künftiger Beruf geschrieben: In eine Krone Blumen einzuflechten. Die Vollmacht schloß er sammt dem heil'gen Worte Still ein an Deines Herzens tiefstem Orte. --
Einst gab ein Fürst, umbraust von Sturm und Wetter, Die Zügel seinem jugendlichen Sohne, Und stolz, wie zum Olymp der Sohn der Götter, Stieg er empor zum väterlichen Throne. Er ward mit Weisheit seines Volkes Retter, Lieb' und Bewund'rung wurden ihm zum Lohne, -- Doch einsam, unter'm Fürstenstern verborgen, Trug er sein Glück, sein Lieben und sein Sorgen.
Da kamen still in Deines Herzens Grunde Die Engel, Deine Vollmacht zu entfalten, Sie gaben Dir von Deinem Loose Kunde: An uns'res Fürsten Seite mild zu walten, Mit ihm vereinigt zu dem ew'gen Bunde, In Liebe neu sein Leben zu gestalten. Du folgtest muthig jenem heil'gen Rufe, Trat'st gottvertrauend zu des Altars Stufe.
Nun, wenn das Wort vom Throne niederrauschet, Schnell wie ein Wetterstahl aus Himmelsweiten, Und still gewärtig jedes Ohr ihm lauschet, Sind's Deine Blicke, die es sanft begleiten; Und wenn das Volk vom Fürsten Liebe lauschet, Dann bist Du freudelächelnd nahe Beiden, Dein Beruf, Dein Wirken und Dein Lieben, Stand in den Sternen, als Du wardst, geschrieben.
Und heute wieder ist der Tag erschienen, Wo einst zuerst Dich Lenz und Leben fanden. Wie einst an Deiner Wiege, Dir zu dienen, Die hehren Boten aus dem Himmel standen: So grüßen jetzt Dich mit holdsel'gen Mienen Geliebte Pfänder segensvoller Banden, Und über dem erlauchten Haupte weben Wie einst Gestirne Dein zukünft'ges Leben.
D'rin ist kein Schmerz, d'rin waltet keine Klage, Ein Ton der Freude wird es hell durchklingen. Wenn um des Fürsten Bild doch späte Tage Die Lorber seines Ruhmes prächtig schlingen, Wird in dem Vaterland der Enkel Sage Das fromme Lied von Deinem Namen singen. Denn was da lebt in eines Volks Gemüthe, Das lebt unsterblich fort in seinem Liede.
Und wenn bei Deines Tages Freudenkerzen Mein Lied es wagt, sich vor Dir hin zu gießen, So wehr' ihm nicht (es kam aus tiefem Herzen) Das anspruchlose Spiel zu Deinen Füßen. Doch frag' die Töne nicht nach meinen Schmerzen, Wenn sie Dich huldigend, bescheiden grüßen. Mein Lied darf kühn um Deine Blicke werben, -- Des Dichters Leid muß mit dem Dichter sterben.
An Betty
nach der Flucht ihres Kanarienvogels.
O gebiete Deinen Thränen Und erheit're Deinen Blick, Denn es führt kein banges Sehnen Deinen Flüchtling Dir zurück.
Deine Liebe so zu lohnen, Mochte freilich treulos sein, Doch die Schuld wird dem Entfloh'nen Gern Dein Edelmuth verzeih'n.
Sieh', wie's draußen in den Auen Dort und dort so freundlich wird, Und wie lieblich in den blauen Höhen schon die Lerche schwirrt.
Sieh nur, wie die Knospen schwellen, Wie das Leben neu erwacht, Wie aus den enteisten Wellen Uns der Lenz entgegen lacht.
Hat Dir nie in solchen Tagen, Wenn der Frühling aufgeblüht, Schneller auch Dein Herz geschlagen, Wärmer Deine Brust geglüht?
O dann richte nicht zu strenge, Denn auch ein Kanarienherz, Glaube mir, ist nicht zu enge Für der Sehnsucht bangen Schmerz.
Denke Dir den armen Kleinen, Male Dir sein hartes Loos: Fern von den geliebten Seinen, Schmachtend, seufzend, hoffnungslos!
Und nun schwebt der Lenz hernieder; Draußen in der freien Welt Rufen tausend frohe Brüder, Die kein enger Käfig hält.