Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 9
Das hier Mitgeteilte ist charakteristisch für meine damalige Denk- und Ausdrucksweise, und ich weiß es Herrn Franz Mehring Dank, daß er es in seinem Geschichtswerk angeführt hat. Der Satz „in die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft nicht hineinzwängen,“ beweist zugleich, welchen Eindruck das im Sommer 1848 erschienene „Kommunistische Manifest“ auf mich hat machen müssen. Das Manifest war freilich schon kurz vor der Februarrevolution als „ausführlich theoretisches und praktisches Parteiprogramm“ des Bundes der Kommunisten abgefaßt. War es nun praktisch, in jenen ersten Tagen der sozialen Bewegung von einem Ziel zu sprechen, das heute, nach fünfzig Jahren, noch niemandem in einem nur einigermaßen bestimmten Bilde sich darstellt? Ist überhaupt die Ersetzung des Privateigentums durch ein Gesamteigentum, oder wie man später sich ausdrückte, durch die „Verstaatlichung aller Arbeitsmittel“ die Lösung, die als unbestreitbares Ergebnis der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sich uns aufdrängt? Und angenommen, die wissenschaftliche Betrachtung der Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit hätte zu diesem nicht mehr abzuweisenden Ergebnis geführt, so konnte es sich dabei ja doch nur um ein aus dem Nebel weit entfernter Zukunft sich ankündigendes Resultat geschichts-philosophischer Forschung handeln, aber nicht um etwas, was mit den Bedürfnissen der Gegenwart irgend welchen Zusammenhang hatte. Engels hat in seinem Buch „die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ den Kommunismus, weil er ihn aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit als den Endpunkt der heutigen Bewegung zu erkennen glaubte, noch zu erleben gehofft. Er steckte als Beurteiler der Welt, in der er lebte, in großer Unklarheit. Von seinen wiederholten Prophezeiungen über den bevorstehenden Zusammenbruch dieser schnöden Welt ist auch keine in Erfüllung gegangen, wenngleich er den Termin für diesen Zusammenbruch von Zeit zu Zeit etwas hinausrückte. Was mich betrifft, so beschränkte sich im Lauf der Jahre mein Blick in die Zukunft auf die Erkenntnis, daß ohne Zweifel der bisherige Eigentumsbegriff wie in allen vergangenen Zeiten eine fortschreitende Wandlung in dem Sinne erfahren werde, daß durch den Willen des Volkes gewisse, nicht mehr aufrecht zu erhaltende, auf dem Kollektivbesitz von Aktiengesellschaften beruhende Unternehmungen, wenn die Notwendigkeit es dringend zum Besten der Gesamtheit erfordert, in den Besitz der Gesamtheit, d. h. des Staates, übergehen werden. Dieser Prozeß hat längst begonnen, in monarchischen, wie in republikanischen Staaten, und wie die Straßen und Brücken, die Posten und Telegraphen, die Schulen, die Museen und Bibliotheken, die städtische Beleuchtung, Parks und Erholungsanstalten, die Spitäler und mannigfaltigen Einrichtungen zum Besten des Gemeinwohls sich mehr und mehr im Geist unserer Zeit ausdehnen und vervollkommnen und immer neue Zweige der verschiedensten Einzelunternehmungen sich in Unternehmungen der Gemeinden oder Staaten umwandeln, wie man in der Schweiz Gemeindekäsereien und in Dorfgemeinden aller Länder gemeinsame Bäckereien besitzt, so werden sicher sehr viele andere der gemeinsamen Ausbeutung zugängliche Unternehmungen nach und nach in die Leitung einer größeren oder geringeren Gemeinsamkeit übergehen. Der Kampf aller gegen alle, wie er aus dem manchesterlichen Dogma des „freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte“ sich entwickelt hat, wird nicht ewig dauern, werden ihm ja doch schon von Jahr zu Jahr, sogar in der Bourgeois-Gesetzgebung Schranken gesetzt. Daß daraus aber in noch so entfernter Zeit sich die Aufhebung des bürgerlichen oder Privateigentums -- beide, sich nicht ganz deckende Ausdrücke wechseln im „kommunistischen Manifest“ ab, -- ergeben müsse, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Dieser Überzeugung sind, wie aus so vielen ihrer Kundgebungen hervorgeht, auch die meisten Führer der sozialdemokratischen Partei. Sie gehen deshalb mit Recht auf die Aufforderung nicht ein, doch mit einem klaren Bilde von ihrem Zukunftsstaat ihre Anhänger wie ihre Gegner zu erfreuen. Zur Zeichnung eines solchen Bildes, wenn sie dazu nicht die phantastischen Farben eines Romanschreibers wählen wollen, fehlt es an jeglichem positiven Material. Die sozialdemokratischen Führer haben sich auch nach manchen Schwankungen über die Frage, ob sie an der Reformarbeit sich beteiligen sollen, die auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung möglich ist, schließlich zur Beteiligung an derselben entschlossen. So werden sie schrittweise aus Sozialrevolutionären zu Sozialreformern.
In einem Lande wie die Schweiz, wo nahezu die letzten Konsequenzen demokratischen Staatslebens gezogen worden sind, wo zum allgemeinen, geheimen Stimmrecht die Wahl der Regierenden und der Richter durch das Volk gekommen ist, die Volksabstimmung über neue Gesetze und die Volksinitiative in der Gesetzgebung Regel geworden, fällt es der sozialdemokratischen Partei gar nicht ein, sich als eine revolutionäre Partei auszuspielen. Hier regiert das mehr oder weniger gut informierte, durch den Stimmzettel seinen Willen kundgebende Volk. Vor einigen Jahren erklärte ich in einem in Basel gehaltenen Vortrag über die soziale Bewegung, daß, wenn jemals die Gefahr eintreten sollte, daß die Weissagung von der allgemeinen Verelendung d. h. von der schließlichen Aufsaugung des gesamten Besitztums der mittleren Volksschichten durch Millionen besitzende Kapitalisten sich zu erfüllen drohte, so daß es im Lande schließlich nur Krösusse und Bettler gäbe, wir zuverlässig die Mittel finden würden, solcher Kalamität durch unsere Gesetzgebung vorzubeugen. Ich fühlte, als ich diesen Satz aussprach, daß die Versammlung mit mir in vollstem Einverständnis sich befand. Der letzten Konsequenz der Lehre vom „freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“ würde jedes Volk, auch wenn es nicht im Besitz des Referendums und der Initiative ist, durch gesetzliche Maßregeln vorzubeugen wissen. In den nordamerikanischen Freistaaten, wo die ganze Bevölkerung fieberhaft dem Gotte Dollar nachjagt, und wo es der Association der Geldmächte, den das ganze wirtschaftliche Leben der Nation umklammernden Ringen des Großkapitals gelungen ist, den Staat und die ihrer Ausbeutung überlieferten arbeitenden Klassen ihren Zwecken dienstbar zu machen, kann und wird diesen Ringen durch die Reform der Gesetzgebung das Handwerk gelegt werden. Wer aber möchte behaupten, daß der trockne, alle Ideologie verachtende Amerikaner deshalb bis zur Aufhebung des Privateigentums vorgehen werde?
Jedem unbefangenen Beobachter drängt sich die Wahrnehmung auf, daß seit dem jetzt verflossenen halben Jahrhundert ein neuer Geist die Herrschaft über die Bevölkerung aller europäischen Staaten gewonnen hat. Der „um seine Emanzipation kämpfende vierte Stand,“ wie der Exminister Herr von Berlepsch sich kürzlich ausdrückte, ist zu einer Macht geworden, die von Jahr zu Jahr an Stärke zunimmt, damit aber an revolutionärem Charakter verlieren muß. Revolutionär sind nur diejenigen, die noch um die ersten elementaren Rechte des Staatsbürgers kämpfen müssen. Revolutionär waren die mit dem allgemeinen Stimmrecht noch nicht ausgestatteten Barrikadenkämpfer des 24. Februar, des 13. und 18. März 1848, revolutionär die Arbeiter, welche gemeinsam mit der Bourgeoisie für die Einheit Deutschlands kämpften. Mit jedem Stück, das erreicht worden, mußte sich der revolutionäre Charakter der Bewegung abschwächen. Reden in dem Ton, wie sie einst Hasenclever und andere vor einigen Jahrzehnten noch gehalten, sind für Deutschland heute vollständig veraltet. Diejenigen politischen Rechte, die dem „vierten Stand“ noch vorenthalten sind, wird er auf friedlichem Wege und in nicht allzu langer Zeit besitzen; darüber erhitzt sich niemand mehr. Auf dem politischen Gebiet ist ein großes Terrain gewonnen worden. Nicht den geringsten Fortschritt hingegen in der Eroberung der Geister haben die kommunistischen Ideen gemacht, wie sie das von Marx und Engels unterzeichnete Manifest vom Ende des Jahres 1847 entwickelt. Verfolgt man übrigens die Vorreden zu diesem Manifest, (die erste ist vom Jahre 1872, die letzte vom Jahre 1890) so erkennt man darin auch, daß die Verfasser dieses historisch hochinteressanten und wichtigen Aktenstückes, zuletzt der Marx überlebende Engels, an dem ursprünglich gewählten Ausdruck „kommunistisch“ selbst nicht mehr absolut festhalten. In jener Vorrede des Jahres 1890 heißt es: „Derjenige Teil der Arbeiter, der von der Unzulänglichkeit bloßer politischer Umwälzungen überzeugt, eine gründliche Umgestaltung der Gesellschaft forderte, nannte sich damals (1847) +kommunistisch+. Es war ein nur im Rauhen gearbeiteter, nur instinktiver, manchmal etwas roher Kommunismus, aber er war mächtig genug, um zwei Systeme des utopistischen Kommunismus zu erzeugen, in Frankreich den „ikarischen Cabets“, in Deutschland den von Weitling. Sozialismus bedeutete 1847 eine Bourgeois-Bewegung, Kommunismus eine Arbeiter-Bewegung: Der Sozialismus war, auf dem Kontinent wenigstens, salonfähig, der Kommunismus war das gerade Gegenteil. Und da wir schon damals sehr entschieden der Ansicht waren, daß „die Emanzipation der Arbeiter das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muß,“ so konnten wir keinen Augenblick im Zweifel sein, welchen der beiden Namen zu wählen. Auch seitdem ist es uns nie eingefallen, ihn zurückzuweisen.“
So schrieb Engels am 1. Mai 1890. „Kommunistisch“ nannte er also das von ihm und Marx 1847 verfaßte Manifest, weil der Sozialismus angeblich damals schon salonfähig in der Bourgeoisie war. Wir können die eben zitierten Worte nicht ohne weiteres hingehen lassen. Der „utopische Kommunismus“ war weder in Frankreich noch in Deutschland vor 1848 so verbreitet, daß er dort die Aufstände von 1834 in Lyon und die Februarrevolution von 1848 in Paris, in Berlin den Aufstand vom 18. März 1848 hätte hervorrufen können. Die kleine Sekte der Cabetisten kam gar nicht in Betracht in einem Lande, wo der Arbeiter seit der großen französischen Revolution, gewissermaßen von der Tradition geleitet, um seine politische Gleichberechtigung und um eine Erhöhung seines gesamten Lebensstandes in den Kampf ging; von Weitling war kaum der Name in die Arbeiterkreise Deutschlands gedrungen. Als er 1848 in Berlin erschien und dort eine Rolle zu spielen versuchte, wurde er kaum beachtet. Nicht die Urheber kommunistischer Systeme, die mit ihren Ideen über einen kleinen Kreis von ein paar hundert Menschen nicht hinausgedrungen waren, haben 1848 die Arbeiter-Bewegung gemacht, sondern, wie es in der eben zitierten Vorrede verlangt wurde, so geschah es in Wirklichkeit: Die Emanzipation der Arbeiter, ohne Anerkennung, ja ohne Kenntnis irgend eines in festen Formen vorhandenen sozialistischen Systems, war das Werk der Arbeiter selbst, sie wird auch ihr Werk bleiben. Die Anschauung stimmt ja auch zu der im Manifest dargelegten historischen Entwickelung des Klassenkampfes.
Es ist meiner bescheidenen Ansicht nach ein großer Widerspruch in der Marx’schen Theorie, daß diese auf dem im vorigen Jahrhundert zuerst aufgetretenen, heutzutage in das Bewußtsein aller Mitlebenden übergegangenen Entwicklungsgedanken beruht und dennoch dem geschichtlichen Werdegang nicht die Gestaltung der Zukunft anheimstellt, sondern schon vor fünfzig Jahren von einer unausbleiblichen kommunistischen Gesellschaft spricht, in welcher, weil dann die Klasse der Lohnarbeiter zur Herrschaft gelangt wäre, aller Klassenkampf überhaupt aufhören würde. Dieser Gedanke, er mag von nationalökonomischem Gesichtspunkte aus noch so geistreich begründet worden sein, lebt heute ebensowenig wie vor fünfzig Jahren im Bewußtsein des Volkes. Der Glaube, den Entwicklungsgang der Menschheit, als unterliege er wie der Gang der Gestirne unfehlbaren mathematischen Gesetzen, in mehr als allgemeinen Linien vorausbestimmen zu können, ist sicher ein Irrtum. Wo man es mit dem Menschen zu thun hat, da ist man niemals im Besitz aller Faktoren, die in Rechnung gezogen werden müßten, wollte man ein genaues Ergebnis aus der Betrachtung seiner individuellen und seiner nationalen Rolle im Haushalt der Natur ziehen. Gewisse, das Gesamtergebnis beeinflussende Faktoren wird man immer übersehen oder man wird als konstantes Element das angesehen haben, was nur eine vorübergehende Erscheinung war. Wie bestechend auch die Marx’sche Weltbetrachtung sein mag, die alles was ist, aus wirtschaftlichen Ursachen erklärt, so ist sie sicher nicht das letzte Wort der Philosophie der Geschichte. Die den Entwicklungsgang der Menschheit bestimmenden Impulse und Ideen entspringen wohl aus dem materiell gebundenen menschlichen Organismus, aber einmal in der Welt wirksam, setzen sie ihr eigenes, unvergängliches Leben Jahrhunderte hindurch fort, bis sie modifiziert oder von anderen Ideen abgelöst werden, die wiederum Kinder der Not und des Zeitbedürfnisses, die Herrschaft mit dem rein stofflichen Alltagszwang teilen, ja, in großen Entwicklungsmomenten sie vorübergehend ganz allein übernehmen.
XIV.
Der erste deutsche Arbeiterkongreß. „Die Verbrüderung.“
Auf den 6. April 1848 berief ich mit einigen Freunden in Berlin eine Arbeiterversammlung, deren Vorsitz zu übernehmen ich ersucht wurde. Die Berliner Zeitungen rühmten die große Ordnung, die bei aller Lebendigkeit und Frische der Verhandlungen in dieser Versammlung waltete. Gegenüber einigen in Hamburg und Mainz verunglückten Versuchen, sich über ein Programm zu verständigen, gelangte man zu dem, was zunächst notwendig war, zum Beginn einer Organisation.
Die Deputierten der verschiedenen Gewerke bildeten auf meine Anregung aus sich heraus ein Centralkomitee, das seinerseits einen Ausschuß von fünf Mitgliedern zur Ausarbeitung von Vorlagen an jenes Centralkomitee wählte. Erst die von diesem genehmigten oder modifizierten Vorlagen sollten an die Deputationsversammlungen und von diesen an die einzelnen Gewerke und Arbeiterklubs gehen. Jeder Versuch, diesen Beginn einer Organisation zu stören, wurde abgewiesen, auch ein solcher des wohlmeinenden Geheimrats Lette, der an der Spitze eines „Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen“ gestanden und in humanitären Unternehmungen manches Gute geleistet hat. Er wollte uns überreden, die beabsichtigte Organisation in Verbindung mit den Unternehmern auszugestalten. Nachdem er schon -- ich folge hier dem Buche Dr. Georg Adlers[B] -- durch ein Flugblatt hierauf hinzuwirken gesucht, erschien er persönlich in einer der Deputationsversammlungen der Arbeiter und trug seine Ansichten vor. Er wurde aber von mir in die Minderheit gebracht, indem ich darauf hinwies, daß eine im Interesse der Arbeiter liegende Verständigung mit den Unternehmern nur dann möglich sei, wenn die ersteren zuvor gesondert ihre Interessen gewahrt hätten, da sonst der Einfluß der Unternehmer dominieren oder mangels Einigung gar keine Beschlußfassung zustande käme: „Gründe“, sagt Dr. Adler, „deren Berechtigung viele Jahre später noch im Reichstage vom preußischen Staatsminister von Bötticher anerkannt wurden (gelegentlich der Beratung der im Unfallversicherungs-Gesetzentwurf vorgesehenen Arbeiterausschüsse.)“ Diese Gründe leuchteten auch den Arbeitern ein und sie verwarfen demgemäß Lettes Vorschläge.
Der erste deutsche Arbeiterkongreß, der nach mehrtägigen ernsten Beratungen ein im wesentlichen den Anforderungen jener Zeit entsprechendes Programm aufstellte und dessen Organisationsplan nach und nach in einem beträchtlichen Teil Deutschlands angenommen wurde und die Grundlage für die späteren Parteiverbindungen abgab, wurde von mir am 23. August eröffnet. Auf meinen Antrag wählte die Versammlung ein Mitglied der Nationalversammlung, den ehrwürdigen Professor Nees v. Esenbeck, Delegierten des Breslauer Arbeiter-Vereins, zum ersten Präsidenten. Zum zweiten Präsidenten wurde ich, zum Protokollführer Bisky gewählt. Die Arbeiten dieses Kongresses dauerten bis zum 3. September. Das Ergebnis derselben umfaßt eine Broschüre, die unter den aus jener Zeit erhaltenen Dokumenten ohne Zweifel noch in einigen Exemplaren sich vorfindet. Sie enthält die Statuten der von dem Kongreß gegründeten Arbeiter-Verbrüderung, zugleich die Forderungen jenes Kongresses, sein Programm. Es kann nicht auffallen, daß in diesem ersten Kongreß einige Gedanken, die vor einer strengen Kritik nicht bestehen können, trotz lebendigster Redekämpfe schließlich um des lieben Friedens willen in dem Aktenstück stehen geblieben sind, das dennoch, alles in allem, für jene Zeit einen großen Sieg über säkuläre, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Vorurteile bedeutet. Schon der einzige Abschnitt über Volkserziehung und Schule zeigt, wie sehr der Horizont des arbeitenden Volkes sich nach jenen Gewittertagen des März geklärt hat. Gar manche der in diesem Abschnitt damals aufgestellten Forderungen warten in dem einen und andern deutschen Staat noch heute ihrer Verwirklichung. Wirtschaftlich weist das Programm mit Nachdruck auf die Gründung von Konsum- und Produktivgenossenschaften und auf Beteiligung des Arbeiters am Gewinn des Unternehmers hin. Im Gegensatz zu Schulze-Delitzsch, der allein auf Selbsthilfe rechnete, wird in der „Verbrüderung“ die Staatshilfe in Aussicht genommen. Gewiß, weder die Selbsthilfler noch die Staatshilfler haben bis zur Stunde an Stelle der alten Gesellschaft eine ganz neue Gesellschaft mit ausschließlich kollektivistischer Produktionsform gesetzt. Das beweist nur, daß bis zur Stunde die Bedingungen zur Herstellung einer die Produktionsform der freien Konkurrenz ablösenden anderen Produktionsform nicht vorhanden waren, daß eine so ungeheure wirtschaftliche Wandlung, wie sie von einer Seite gefordert wird, eine vollständige Wandlung menschlicher Geistesrichtung, um nicht zu sagen der menschlichen Natur voraussetzt, und deshalb, wenn sie überhaupt stattfinden soll, einen sehr großen Zeitraum zu ihrem Vollzuge voraussetzt. Bei solchen Kongreßbeschlüssen kann es sich ja selbstverständlich nur um praktische, in absehbarer Zeit zu verwirklichende Aufgaben einer Partei handeln. Die Zeit selber, welche stets mit unerwarteten neuen Faktoren auftritt, wirkt nach und nach mit einem gebieterischen „Du mußt!“ ihrerseits mit und führt nur zu häufig allzu kühne Vorausberechnungen ~ad absurdum~. Das wichtigste Resultat des Kongresses war jedenfalls die aus ihm hervorgegangene, sich ziemlich rasch aufbauende Organisation des vierten Standes.
Sonderbar erscheint mir heute der vom Geometer Schweninger formulierte und wider alles Erwarten durchgegangene Vorschlag der Wahl besonderer Komitees in den Bezirks-Vereinen, welche den Minimallohn bestimmen, die Löhne der Arbeiter von den Unternehmern einkassieren und an die Arbeiter zur Auszahlung bringen sollten. Letzteres bezweckte die Möglichkeit eines zehnprozentigen Abzuges vom Lohne zur Gründung einer Kreditbank, aus deren Mitteln der Bund Häuser und Äcker zur Benutzung für die Arbeiter zu erwerben gedachte. Dieser Vorschlag gründete sich auf ein Experiment, das nach Schweningers Bericht bei einem Unternehmen in Westfalen auf dem Wege der Ausführung sich befand. Im Grunde schwebte dem Kongreß die Gründung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe als das Nächstliegende vor. Solche Genossenschaften, so rationell sie erscheinen, werden der Staatshilfe noch lange entbehren, es sei denn, daß sie durch ihre geschäftliche Führung und ihre Leistungen ein Vertrauen sich erworben haben, welches freilich an sich schon ihnen den Kredit einer Bank sichern sollte, so daß sie, wie daraus zu schließen wäre, auch ohne Staatshilfe bestehen könnten. Diesen Genossenschaften fehlte es bis jetzt in der Regel an der höheren kaufmännischen Leitung. Man sollte meinen, daß sie diese unschwer erlangen müßten, sobald sie auf die gleiche Besoldung aller Beteiligten verzichten und die unentbehrliche höhere Leistung auch höher honorieren. Dann dürfte sich auch dem Mangel an Betriebskapital abhelfen lassen. In England haben eine beträchtliche Anzahl von Produktivgenossenschaften zu den schönsten Ergebnissen geführt. Dabei stellte sich mehr und mehr die Thatsache heraus, daß im vierten Stande selber eine Scheidung seiner mannigfaltigen Elemente zu Tage tritt, sodaß die nicht den Genossenschaften angehörenden, auf einer unteren Stufe stehenden Arbeiter an den Besserungen im Lebensstand nicht teilnehmen und die Zahl der Paupers vermehren, aus denen nach Ablauf einer geraumen Zeit ein fünfter, nach Erlösung trachtender Stand sich gestalten wird. So will es augenscheinlich die Entwicklung der Menschheit. Utopistisch erscheint bei dieser Erfahrung jedes System, welches darauf ausgeht, die ganze leidende Menschheit auf einmal zu vollkommener materieller Unabhängigkeit zu führen. Soweit man in die Zukunft zu blicken vermag, bleibt immer ein großer Rest übrig, der nach unsäglichen Anstrengungen sich endlich zur Freiheit durchringt, und dieser Rest ist niemals der letzte.
Der Kongreß ernannte zum Schluß ein Centralkomitee für die deutschen Arbeiter, welches die Aufgabe hatte, die beschlossene Organisation überall da ins Leben zu rufen, wo sie Schwierigkeiten begegnete, und da, wo sie begonnen hatte sie kräftigst zu unterstützen. Zu diesem Zwecke sollte dem Centralkomitee eine zunächst zweimal wöchentlich erscheinende Zeitschrift, „Die Verbrüderung“ dienen, welche die Prinzipien der großen Arbeiterverbindung zu erläutern und zugleich einen Sprechsaal für die arbeitende Klasse abzugeben hatte. Diese Zeitschrift, von Anfang Oktober 1848 bis Anfang Mai 1849 von mir redigiert, ist das einzige Dokument aus meiner Jugendzeit, das sich in meinem Besitz erhalten hat. Indem ich es heute betrachte und durchgehe, kann ich mich einer gewissen inneren Bewegung nicht erwehren. Ein Jugendtraum voll warmer Hoffnungen und verlockender erster Blütenansätze, eine Zeit raschen Entschließens und begeisterten Handelns wird mit diesen vergilbten Blättern wieder lebendig für mich, und sie enthalten weniges, das ich nicht geschrieben haben möchte in jenen schönen Tagen reinster Selbstlosigkeit und gesegneter Rücksichtslosigkeit, wo einem der Gedanke fern liegt, was wohl die andern zu unserem Thun sagen mögen, wo wir, auf uns allein gestellt, nur von dem einen Drang bestimmt werden, unsere Pflicht zu erfüllen und alles übrige zu verachten.
Ich war mit zwei anderen Mitgliedern des Berliner Kongresses, Schweninger und Kick, in das Centralkomitee gewählt worden, das seinen Sitz in Leipzig aufzuschlagen hatte. Das Geschäftliche des von mir redigierten Parteiorgans „Die Verbrüderung“ übernahm der Buchhändler Ludwig Schreck, er ließ das Blatt bis zum 1. Januar, wo unsere erste Assoziation, die Vereinsdruckerei, ins Leben trat, bei Brockhaus drucken. Der vornehmste Leipziger Buchdrucker lieh seine Lettern und seine Pressen zur Herstellung eines Arbeiterblattes her, das auf jeder Seite seinen revolutionären Ursprung bekundete. Auch darin ist das bald erloschene Frührot jener neuen Zeit zu erkennen.
[B] Die Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland. Breslau 1885. S. 160.
XV.
In Leipzig. Bakunin.