Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 8
Der eben geschilderte Lohnkampf der Buchdrucker, an dessen Spitze ich gestanden hatte, bildete übrigens für mich nur eine Episode in jenem Bewegungsjahr. Wie es gekommen ist, daß ich überall so rasch ins Vordertreffen, an die exponiertesten Stellen kam, das kann ich heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur, daß ich von vielen Gewerkschaften ersucht wurde, den Vorsitz in ihren konstituierenden Versammlungen zu übernehmen, daß ich in vielen freisinnigen politischen Klubs freiwillig oder auf Verlangen der Anwesenden das Wort ergriff, sodaß ich wohl eine gewisse Gewandtheit als Redner besessen haben mochte. Im konstitutionellen Klub, an dessen Spitze die Herren Crelinger und Wilhelm Jordan standen, erachtete man es in der Anfangszeit für angemessen, mich mit einigen anderen Personen meiner sozialpolitischen Richtung zu einer Sitzung einzuladen, zu der ich mich denn auch einfand und wo ich zu meiner Überraschung vom Präsidenten mit einer feierlichen Anrede empfangen wurde, die ich, ohne meinem Standpunkt etwas zu vergeben, geschickt genug beantwortete. Von derselben Seite wollte man mich auch auf die Liste der Kandidaten für das Frankfurter Parlament setzen, was ich mit der Begründung ablehnte, daß ich das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht hätte. Ich erwähne dies nur, um darauf hinzuweisen, daß man bei aller Unklarheit, die noch in den Köpfen herrschte, doch schon die Ahnung von der Macht hatte, welche in der arbeitenden Klasse lag, und sich deshalb früh bemühte, diese für sich zu gewinnen. Als ich dann wenige Wochen darauf nach dem Polizeipräsidium geladen wurde, wo man mir in höflicher Weise die Mitteilung machte, daß ich binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt Berlin zu verlassen hätte, und diese Neuigkeit sich wie ein Lauffeuer in den Abendversammlungen verbreitete, ergriffen alle Parteien sofort Partei für mich, Gemäßigte wie Demokraten sandten noch vor Mitternacht Abordnungen an den Polizeipräsidenten v. Minutoli, um gegen diese offenkundige Erneuerung der alten Willkürherrschaft, die man mit dem 18. März begraben zu haben glaubte, einen lebhaften Protest zu erheben. Herr v. Minutoli that, als wisse er von dieser Maßregel nicht das geringste. Er erklärte mich sogar für ein sehr nützliches Mitglied der Berliner Bevölkerung in einer Zeit, wo man nicht allzuviel Leute besitze, die einen glücklichen Einfluß auf die beschäftigungslosen Arbeiter auszuüben vermöchten; es verstände sich ganz von selbst, daß meine Ausweisung sofort rückgängig gemacht werde. Das Ergebnis der nächtlichen Intervention der Berliner politischen Klubs beim Polizeipräsidenten wurde mir auch ohne Verzug mitgeteilt. Ich war keinen Augenblick um den Ausgang dieses polizeilichen Reaktionsversuches in Sorge gewesen. In der That wurde ich bald mit meinem Freunde Bisky, der sich wieder in Berlin eingefunden hatte, nachdem er sich von einer im Barrikadenkampf erhaltenen Wunde in seiner Pommer’schen Heimat erholt hatte, zu einer vom Minister v. Patow mit Mitgliedern des Berliner Stadtrats berufenen besonderen Sitzung eingeladen, in welcher über Aufhebung der nach dem Muster von Paris eingerichteten sogenannten Nationalwerkstätten beraten wurde. Man hatte nämlich mehrere tausend Arbeitslose auf Kosten des Staates und der Stadt in der Nähe von Berlin damit beschäftigt, daß man sie eine Anzahl Sandhügel abtragen und an anderer Stelle aufschütten ließ, ein in keiner Weise durch irgend ein Bedürfnis gebotenes Unternehmen, auf das man eben nur gefallen war, weil man nichts Gescheiteres wußte. Daß das Ganze nur eine Komödie war, hatten die Arbeiter bald bemerkt. Sie thaten deshalb so gut wie nichts, schaufelten so wenig wie möglich, eben nur etwas zu ihrer Belustigung, nahmen jedoch vergnügt den Lohn für ihre scheinbare Arbeit in Empfang. Es wurde deshalb beschlossen, da man das Geld der Steuerzahler nicht geradezu vergeuden durfte, sich nach einer einigermaßen nutzenbringenden Beschäftigung für die „Rehberger“ umzusehen. Die Änderungen, die hier vorgenommen werden mußten, waren natürlich ohne Unruhen nicht durchzusetzen.
Bei dieser Gelegenheit ging mir eine Aufklärung über die Lehre auf, daß nach der Ablösung des dritten Standes der vierte, derjenige der Arbeiter, zur Herrschaft gelangen solle, und daß damit alle Klassengegensätze endgiltig aufhören würden. Es zeigte sich nun aber schon der fünfte Stand hinter dem vierten, derjenige der nicht gelernten Arbeiter, der bloßen Handlanger oder Tagelöhner, denen gegenüber die gelernten eine Art Aristokratie bildeten. Erst hinter diesem fünften Stande kam das Lumpenproletariat als sechster. Und Marx hatte gemeint, das Lumpenproletariat werde man eben erbarmungslos ausrotten müssen. Das schien mir leichter gesagt als gethan, es war auch nicht sein Ernst, wie es denn auch nicht mit der humanen Weltanschauung in Einklang zu bringen war, die schließlich doch mehr oder weniger in allen Gesellschaftsklassen herrschte. Die Humanität war aber schwerlich als eine aus der herrschenden Produktionsform zu erklärende ideologische Form anzuschauen.
Ob nun die materialistische Weltanschauung, der zufolge die gesamte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nur von der Magenfrage abhänge, ob die Meinung, daß alle von dieser Gesellschaft ausgegangenen geistigen Schöpfungen nur ein Ausfluß materiellen Bedürfnisses der herrschenden Klasse seien, wirklich auf Wahrheit beruhte? Jene Behauptung erschien mir jetzt nicht mehr als ganz und gar unanfechtbar. Doch hinderte die Einsicht, daß hinter der vierten aufstrebenden Klasse schon eine fünfte stehe, und auch der entstehende Zweifel an der Richtigkeit der materialistischen Weltanschauung mich nicht, an der Organisation des vierten Standes mitzuarbeiten, ohne dabei die Thatsache aus den Augen zu verlieren, daß der Sieg des dritten Standes, dessen liberales Programm erst dem vierten die Wege bahnen konnte, allem vorangehen müsse. Deshalb enthielt ich mich möglichst aller heftigen Ausfälle gegen die Bourgeoisie, als geschlossene Klasse existierte sie ja in Berlin und in ganz Ostdeutschland noch nicht, wo die moderne, gewerbliche Entwicklung eine diesen Namen verdienende Großindustrie noch nicht geschaffen hatte.
Das Wort „Klassengegensätze“ hatte damals, an den wirklichen Zuständen Deutschlands gemessen, kaum eine Berechtigung. Wenn man wenige Gewerbe, die der Maschinenbauer, der Buchdrucker und noch einige andere ausnahm, so gab es wohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Meister aber war in der Regel nichts anderes als ein ehemaliger Geselle. Es waren zwei Altersstufen vorhanden, keine zwei Klassen. In den Köpfen herrschten dabei noch die Vorstellungen von den verschiedenen Standesstufen, die aus dem Zunftwesen in die Zeit der Gewerbefreiheit sich hinübergerettet hatten, der Geselle war, wie oben schon gesagt, dem Meister nach dessen patriarchalischen Anschauungen untergeordnet, doch war ihm der Weg zur Meisterschaft, solange das Handwerk nicht fabrikmäßig betrieben wurde, nicht verschlossen. Vorherrschend war in den Städten Deutschlands im Jahre 1848 -- einige Punkte im Rheinland ausgenommen -- das Kleinbürgertum, das sich aus Handwerkern und Krämern zusammensetzte, und den breiten Mittelstand bildete. Dieser kleinbürgerliche Mittelstand war durchwegs liberal und schloß sich in liberaler Gesinnung den sogenannten Honoratioren, Kaufleuten und Beamten an, deren Bildung sich mit einer längeren Herrschaft des Absolutismus nicht vertrug und deshalb mit dem eigentlichen Volk des Mittelstandes die Umwälzung des 18. März als eine Erlösung aufnahm. Deutschland wäre noch eine kurze Zeit im Stande der vertrauensseligen politischen Unschuld geblieben, in welchem es sich vor dem 18. März und auch in den nächsten Tagen befand, wenn nicht die „kleine, aber mächtige Partei“ der Junker sofort mit entschiedenem Klassenbewußtsein aufgetreten wäre und rücksichtslos die Reaktion in Szene gesetzt hätte. Der feudale Adel sah seine Interessen bedroht und er wartete keinen Tag, um sich zu einer festen Phalanx zusammenzuschließen. Die absolute Monarchie gab er als unhaltbar auf, in der konstitutionellen Monarchie aber, die nicht mehr zu umgehen war, wollte er seinen maßgebenden privilegierten Platz behaupten. Das ist ihm, genau genommen, bis zur heutigen Stunde gelungen.
Die Stadt Berlin hatte nach dem 18. März nur noch +einen+ großen Tag, denjenigen, an welchem die gesamte Bevölkerung sich zu einer Huldigung für die Opfer des Freiheitskampfes einmütig zusammenfand. Es war am 4. Juni. Endlos war der Zug, der auf dem Gendarmenmarkt und den benachbarten Straßen sich ordnete, um nach dem Friedrichshain zum Grabe der Kämpfer des 18. März zu ziehen. In warmen Worten wurde denen, welchen das Morgenrot einer neuen Zeit in das brechende Auge geleuchtet, der Dank des Vaterlandes dargebracht. Mit mehreren andern war ich an jenem denkwürdigen Tage zum Sprecher bei dem feierlichen Akt bestimmt worden. Für den Studentenverein sprach Gaudenz von Salis, ein Enkel des Dichters, mit hinreißender Glut. Ich habe ihn in der Schweiz einige Jahre darauf wiedergesehen. Die Flügel schienen ihm beschnitten. Er ist früh gestorben. Es haben manche von uns nach den schönen Tagen heißen Kampfes sich in die darauf folgenden Jahre stillen Furchenziehens im Gleichmaß des Alltagslebens nur schwer gefunden.
Daß die von der junkerlichen Partei organisierte Reaktion früh in Thätigkeit trat und ihr jedes Mittel, das zum Ziele führte, recht war, davon gab der Sturm auf das Zeughaus, der zu einer Zeit sich vollzog, wo auch nicht das geringste Anzeichen das Herannahen eines revolutionären Ereignisses ankündigte, den vollen Beweis. Bei eintretender Nacht verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, daß einige hundert Leute aus der untersten Schicht der Bevölkerung in das Zeughaus eingebrochen seien und dasselbe plünderten. Der Kommandant der Bürgerwehr, Herr Rimpler, ließ den Generalmarsch schlagen, rasch waren die Bataillone zusammen getrommelt, ich schloß mich dem des Handwerkervereins an, das ohne Verzug zum Zeughaus marschierte und vor dessen Thor in der Gießhausgasse und auf einem Platz in der Nähe des Gießhauses aufgestellt wurde. Aus dem Thore des Zeughauses und aus dessen niederen Fenstern flohen die Plünderer mit Waffen bepackt, die ihnen von unserer Seite abgenommen und aufgeschichtet wurden. Es waren darunter auch neuerfundene Zündnadelgewehre, die damals noch als Staatsgeheimnis betrachtet wurden. An der Stelle, wo unser Bataillon Wache hielt, konnte keines dieser Gewehre fortgeschleppt werden. Unsere Wirksamkeit beschränkte sich darauf, dem Gesindel seinen Raub abzunehmen. War das geschehen, so ließen wir die Burschen laufen. Sie gefangen zu nehmen, hielten wir nicht für unsere Aufgabe, sondern für diejenige der Polizei, die ja im Hintergrunde des Schauplatzes zahlreich genug vertreten war. Sie mochte unter den scheu Abziehenden manches Individuum erkennen, das schon durch ihre Hände gegangen war. Als das Bataillon spät in der Nacht entlassen wurde und ich auf dem Heimweg alles, was ich bei diesem Zeughaussturm beobachtet hatte, einer Prüfung unterzog, konnte ich mich des Verdachtes nicht erwehren, daß ich hier einem von der Reaktion ausgeheckten und in Szene gesetzten politischen Schachzug beigewohnt hatte. Daß die Leute, welche die Thore des Zeughauses mit Balken eingerammt hatten, oder durch die eingeschlagenen Fenster eingestiegen waren, und darauf mit Beute beladen abzogen, hier nicht aus freiheitlicher Begeisterung gehandelt hatten, etwa in der Absicht, die Revolution, die zu versumpfen drohte, zu Ende zu führen, davon überzeugte man sich auf den ersten Blick. Wer allein konnte aus diesem fatalen Ereignis Nutzen ziehen? Die von allen Seiten sich ankündende Reaktion. In der That erhob sich am nächsten Tage der Vertreter des Kriegsministeriums zu einer nicht ohne Eindruck bleibenden Rede, in welcher er auf die aus den Märzereignissen hervorgegangene Zügellosigkeit der Massen hinwies, die am Staatsgut sich vergriffen hätten, und sogar die Geheimnisse des Staates dem Auslande zugänglich machten. Er wies auf die Notwendigkeit der Rückkehr zu strengeren Regierungsmaßregeln hin.
Daß der Zeughaussturm von der Regierung zu ihren Zwecken ausgebeutet werden würde, war ja vorauszusehen. Fern lag mir jedoch der Gedanke, daß das Ministerium selber von den Machinationen etwas wußte, die eine Gruppe entschlossener Reaktionäre auf eigene Faust gesponnen hatte. Den Verdacht, daß man es hier mit einem bestellten und bezahlten politischen Streich zu thun gehabt, konnte ich nicht mehr unterdrücken, und so sprach ich ihn auch in meinem Blatte, „Das Volk“, ungescheut aus.
Einige meiner ältesten Freunde, wie z. B. Ehrenreich Eichholz, der später die Redaktion der Weserzeitung übernahm, machten mir bittere Vorwürfe über meinen, die politischen Gegner einer so unerhörten Handlung bezichtigenden Artikel; das betrübte mich, aber ich hatte doch richtig beobachtet. Denn als ich einige Jahre später in Zürich lebte, und dort mit dem Historiker, Professor Adolph Schmidt, der alsdann von Zürich nach Jena berufen wurde, in Freundschaft verbunden war, kam eines Tages zufällig die Rede auf den Zeughaussturm. Ich erzählte ihm, daß ich wegen meiner Beurteilung dieses Zwischenfalls manche brave Seele verletzt hatte. „Lassen Sie es gut sein,“ erwiderte Professor Schmidt, „Sie hatten vollkommen recht. Der Bürgerwehrkommandant Rimpler, der nach jenem Zeughaussturm seine Entlassung nahm, hat mir die Dokumente über diesen Fall zu späterer, eventueller Benutzung übergeben, sie sind noch in meinem Verwahrsam. Der Zeughaussturm war ein von der Reaktion eingefädeltes Manöver. Die den Beweis hierfür abgebenden Dokumente sollen der Öffentlichkeit nicht vorenthalten bleiben.“
XIII.
Praktische Sozialpolitik.
Die Organisation der Arbeiter zu einer starken, geschlossenen Partei, so verstand ich meine Aufgabe, mußte der Organisation der Arbeit, zu welcher auch der vageste Plan nicht vorhanden war und auch nicht vorhanden sein konnte, vorausgehen. Zu jener Organisation habe ich durch Berufung des ersten deutschen Arbeiterkongresses nach Berlin den Grundstein gelegt. Diesem Kongreß ging die Bildung eines Centralkomitees voraus, in welchem ich zum Vorsitzenden ernannt wurde und das dazu bestimmt war, den Mittelpunkt einer über ganz Deutschland sich ausbreitenden Arbeiter-Verbindung zu bilden. In dem Statut hieß es: „Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand, und niemand soll sie uns wieder entreißen.“ Organ des Centralkomitees war die von mir gegründete, weiter oben genannte sozialpolitische Zeitschrift: „Das Volk“, die dreimal wöchentlich seit dem 1. Juni erschien. Meine Einsicht in die wirkliche Lage und die Mittel, welche dem Sieger über das absolutistische Regiment nach dessen Beseitigung zu Gebote standen, hinderte mich, Politik ins Blaue hinein zu treiben, wie soviele andere es thaten. Der Vorschlag des jungen Schlöffel, auf revolutionärem Wege eine Änderung des oktroyierten Wahlgesetzes zu erringen, wurde von mir bekämpft, weil ich eingesehen hatte, daß die Reaktion, die ihre Streitmittel mit überraschender Schnelligkeit gesammelt hatte, nur auf den Versuch einer neuen Erhebung wartete, um sie mit den in der Nähe von Berlin zusammengezogenen militärischen Kräften niederzuschlagen und das für die Freiheit Errungene wieder zu vernichten. Der Schlöffel’sche Plan kam infolge der Opposition, die er von mir und meinen Freunden erfuhr, nicht zur Ausführung. Zur Kennzeichnung meiner Auffassung der damaligen Lage mögen übrigens einige Zeilen aus dem Programm meiner Zeitschrift dienen. „Das Volk“, so erklärte ich in seiner ersten Nummer, habe den Zweck, einerseits das Bürgertum zu unterstützen im Widerstand gegen die Aristokratie, im Kampfe gegen die noch aufrecht gebliebenen Institutionen des Mittelalters, gegen die Mächte von Gottes Gnaden, andererseits dem kleinen Gewerbetreibenden wie dem Arbeiter beizustehen gegen die Macht des Kapitals und immer voran zu schreiten, wo es gelte, dem Volke ein irgend noch vorenthaltenes politisches Recht zu erkämpfen, damit es die Mittel erhalte, sich die soziale Freiheit, die unabhängige Existenz um so schneller zu erringen.
Der Stubengelehrte wird immer leicht zum Doktrinär und als solcher sieht er nur einen einzigen Weg, der zu dem vermeintlichen Ziele führt. Die Sorge um ein letztes ideales Ziel überließ ich kommenden Jahrhunderten; mein Ziel ging nicht über das zunächst zu Erringende hinaus, nämlich, ich habe es oben angegeben, aus der formlosen, ungefügen Masse nach Überwindung der zunächst sich entgegenstellenden Schwierigkeiten eine geordnete Armee zu bilden, welche einem aller Welt verständlichen und ausführbaren Programm gehorchte. Engels hat gegen mich den Vorwurf erhoben, „in den Veröffentlichungen der von mir begründeten Organisation seien die Auffassungen des kommunistischen Manifestes mit Zunfterinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von Louis Blanc und Proudhon, Schutzzöllnerei u. s. w. durcheinander geworfen.“ Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Ich konnte es nicht verhindern, daß sich in der allerersten Zeit auch solche Stimmen in unseren Versammlungen vernehmen ließen, die, nach dem Beispiel der Kleinmeister, die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit als die Quelle alles Unheils betrachteten und ihre sehnsüchtigen Blicke nach dem wirtschaftlich überwundenen Zunftwesen zurückwandten. Giebt es ja heute, nach einem halben Jahrhundert, noch eine Partei, die dasselbe anstrebt. Weder im „Volk“ noch in der „Verbrüderung“, die ich herausgab, und über deren Inhalt ich allein zu bestimmen hatte, findet sich jedoch eine Zeile mit wirtschaftlich reaktionärer Tendenz. Engels, der es mir nicht verzeihen konnte, daß ich arbeitete, ohne vorher bei ihm, dem päpstlichen Staatssekretär in Köln, Verhaltungsbefehle einzuholen, hat mich zu jener Zeit ruhig gewähren lassen, nicht mit einem Wink mir ein Zeichen seines Mißfallens kund gegeben. Erst viele Jahre später, als die persönlichen Verbindungen aufgehört hatten, rückte er mit dem weiteren Vorwurf heraus, „ich habe es mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu eilig gehabt und mich mit den verschiedenartigsten Krethi und Plethi verbündet, um nur einen Haufen zusammen zu bekommen.“ Ich sehe aus diesen Worten, daß er mich trotz langen persönlichen Verkehrs sehr schlecht gekannt hat. Ich hatte damals, mit dreiundzwanzig Jahren, auch nicht entfernt die Absicht, mich „in eine politische Größe“ zu verwandeln. Was ich that, geschah auf den Impuls meines jugendlichen Idealismus hin, der mich freilich nicht hinderte, die Dinge und die Menschen zu sehen, wie sie in Wirklichkeit waren, sodaß ich meinen Mitarbeitern nichts zumutete, was sie nicht zu leisten vermochten. Mit ehrenwerter Unparteilichkeit nimmt Franz Mehring in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ mich gegen die Engels’schen Beschuldigungen in Schutz. „Wollte Born,“ sagt er, „die Arbeiter als Klasse organisieren, so mußte er mit dem Gedankenkreise rechnen, in dem sie sich vorläufig erst bewegen konnten, und er hat es wenigstens nicht an Eifer fehlen lassen, sie über ihren Horizont hinauszuführen ... Entschieden trat Born aller Zünftelei entgegen; er sagte, es sei keinem Staat, der einmal die Großindustrie eingeführt habe, mehr möglich, zu einer schon niedergegangenen Produktionsweise zurückzukehren, ohne sich zu ruinieren oder eine ganz untergeordnete Stellung in der Reihe der europäischen Staaten einzunehmen.“ Daß der Gedanke Louis Blancs, durch die Gründung von Produktiv-Genossenschaften und staatliche Unterstützung derselben einer neuen Produktionsform vorzuarbeiten, als das Nächstliegende bei vielen Leuten und auch bei uns Anklang fand, kann niemand auffallen. Dieser Gedanke drängte sich zunächst allen auf, die sich mit sozialen Fragen beschäftigten. Er wurde von der „Verbrüderung“ nicht bekämpft, es geschah von meiner Seite sogar vieles, um die Gründung solcher Genossenschaften zu empfehlen. Und schließlich hat Lassalle diesen Gedanken wieder mit Eifer aufgenommen. Er hat freilich deshalb auch von Marx’scher Seite harte Angriffe erfahren müssen.
Dies, was Louis Blanc betrifft.
Wie ich damals über Proudhon dachte, davon möge ein Artikel Zeugnis ablegen, den ich bei dem Scheitern der von ihm gegründeten Volksbank veröffentlichte. „Wir haben diesem Unternehmen“, sagte ich, „durchaus keinen Beifall zugeklatscht, und wenn sein Untergang uns auch betrübt, so überrascht er uns doch nicht, denn wir haben diesen Ausgang fast mit Sicherheit erwartet, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine Idee, sie mag noch so groß und wahr sein, niemals da ohne weiteres zur Ausführung gebracht werden kann, wo die Elemente zur Ausführung nicht in hinreichendem Maße vorhanden sind. Wir haben immer die Organisation der Arbeiter über die Organisation der Arbeit gestellt, immer die politische Emanzipation der arbeitenden Klasse vorausgesetzt, ehe wir eine größere, in alle Gesellschaftskreise greifende Ausführung sozialer Ideen für möglich hielten... In die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft, dieser stets lebendige, stets sich erneuernde, schöpferische Organismus ebensowenig hineinzwängen, wie man einer um sich greifenden Verarmung mit Volksbanken entgegenwirken kann, die ihre Fonds aus den Taschen der Armen nehmen müssen. Wir fragen, welche Zukunft, welche Lebensfähigkeit hatte die Volksbank, wenn sie zu Grunde gehen mußte -- wegen eines Prozesses des Herrn Proudhon? Mit der Volksbank wollte Proudhon die neue Welt aufbauen, in der Volksbank ruhte seine Lösung der sozialen Frage, und wegen sechs Monate Gefängnis und einiger tausend Franken Strafe, wozu Bürger Proudhon verurteilt wurde, ist die Welt wieder um ihren Heiland und ihren Erlöser geprellt. Wir können ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, denken wir an die kleinen Eitelkeiten, die der großen Volksbewegung die Wege lichten wollten, ihr als die Josuas der Neuzeit im Prophetengewande voranziehen, nicht aber, um selbst mit dreinzuschlagen, das zackige Schwert zu führen, nein -- um sich bewundern zu lassen. Da kommt Herr Considérant, ein Prophet zweiten Ranges, und will Herrn Proudhon die Erfindung der Volksbank streitig machen. Wie erbärmlich dieser kleine Krieg zwischen zwei Persönlichkeiten zu einer Zeit, wo die ganze Welt mit Entwürfen schwanger ist, die Erde bebt von den Tritten zweier großen Heeresmassen, die mit rasender Kampflust einander näher rücken und sich bald das Weiße der Augen zeigen werden, zu einer Zeit, wo eine in Ungarn von Dembinski oder Bem gewonnene Schlacht mehr wert ist als sämtliche gedruckten und ungedruckten Werke der Bürger Proudhon und Considérant zusammen, in einer Zeit, in welcher die größten Berühmtheiten sich an einem einzigen Tage abnützen.“