Erinnerungen eines Achtundvierzigers

Part 6

Chapter 63,331 wordsPublic domain

Viktor Hugos ausgezeichneter Roman „~Notre Dame de Paris~“ ist dem modernen Geschlecht leider unbekannt. Sie wüßten sonst, was es heißen will, wenn ich sage, ich hätte lauter Gestalten aus der ~Cour des Miracles~ vor mir gesehen. Was eine ungeheure Stadt an menschlichem Bodensatz, an vollständig gescheiterten Existenzen besitzt, das kommt an Tagen eines Volksaufstandes, auch wenn er aus den sittlich gesundesten Kreisen der Bevölkerung hervorgegangen, an die Oberfläche, nicht um zu kämpfen und das Leben für den Sieg einer hohen Idee einzusetzen, sondern um auf den Augenblick zu warten, wo es ohne Gefahr etwas zu gewinnen giebt. Während des Kampfes wagt jenes „Lumpenproletariat“ -- der Ausdruck rührt von Marx her -- sich nicht hervor. Wenn die Kämpfenden ihre Pflicht erfüllt haben, Sieger und Besiegte sich todmüde hinlegen, dann ist die Stunde für die Niedrigsten der Niedern, für die unrettbar Verlorenen herangerückt, dann kommen die Schlachtenhyänen, wie man sie im ernsten Kriege genannt hat, und vollziehen ihr nächtliches Werk. Als die Tuilerien eingenommen waren, gab es natürlich ein arges Drunter und Drüber. Ein Teil derjenigen, welche den alten Königssitz gestürmt hatten, -- die jungen Idealisten nämlich -- blieb wohl die Nacht über auf dem eroberten Platz und schützte ihn. Am frühen Morgen schrieb man dann an alle Thüren das mahnende Wort „~Propriété nationale~.“ Aber es waren nach und nach doch wenig achtungswerte Elemente über den seines Gitters beraubten offnen Schloßhof durch die zertrümmerten Fenster in die unteren Räume des langgestreckten Gebäudes eingedrungen, und denjenigen, welche mit ihrer Beute nicht verschwanden, war es eine so wonnige Empfindung, einmal ihre Glieder auf zusammengetragenen Polstern im Königspalast auszustrecken. Viele von ihnen zogen freiwillig am andern Morgen wieder ab, abends aber waren die verführerischen Räume im Erdgeschoß wieder gefüllt. Es ging nicht gut an, die Leute erbarmungslos in die Nacht hinauszujagen. Endlich aber mußte Ordnung geschafft werden, und so wurde den Eindringlingen angekündigt, daß sie am nächsten Tage das Nationaleigentum der Tuilerien auf Nimmerwiederkehr zu verlassen hätten.

Und so befanden sie sich nun in zwei Gliedern aufgestellt im Schloßhof. Es waren fast alles Leute, die das kräftige Jugendalter überschritten und das, was man den redlichen Kampf ums Dasein zu nennen berechtigt ist, schon hinter sich hatten. Der Alkohol, den Zola in seinem Roman „~l’ Assommoir~“ mit allen seinen giftigen Wirkungen gewissermaßen als eine mystisch-diabolische Persönlichkeit uns dargestellt, hatte auf die meisten der blöden Gesichter seine Signatur eingegraben. In Fetzen gehüllt, standen die verlotterten Gesellen da, das Unzusammengehörendste an zerrissenen und schmutzigen Kleidungsstücken auf dem Leibe. Dazu waren sie noch mit einzelnen Waffenstücken aus allen Trödlerläden von Paris behängt. Ein ganzes Gewehr, mit dem man noch einen Schuß hätte abgeben können, hatte niemand aufzuweisen; der eine blickte stolz auf einen verbogenen Säbel, der andere wies ein Stück von einer Lanze auf, oder gar nur eine Säbelscheide, eine Patrontasche. Sehr imposant nahm sich einer der Tapfern mit einem Helm auf dem Kopfe als einziges Stück einer soldatischen Ausrüstung aus.

Vor diese Spottgestalten trat nun ein General, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist. Er hatte den Auftrag, sie zum freiwilligen Aufgeben ihrer Schlafstellen in den Tuilerien zu bewegen. „Bürger,“ redete er sie an, „Ihr habt um das Vaterland Euch wohl verdient gemacht, und das Vaterland, das so viel Schmerzen zu stillen, so viel Wunden zu heilen hat, es gedenkt auch Eurer, der glorreichen Verteidiger seiner in blutigen Kämpfen errungenen und stets wieder bedrohten Freiheit, das Vaterland vergißt Euch nicht, Euch, die ärmsten seiner Söhne, die seiner Fürsorge Würdigsten. Ihr müßt dies Haus verlassen, das noch vor wenigen Tagen der Sitz eines stolzen Königs war, den Ihr vertrieben habt, weil er den Volkswillen nicht zu beachten verstand; dies Haus gehört jetzt der Nation. Sie allein hat jetzt darüber zu verfügen. Geht zurück in jenen Saal, aus dessen Fenstern unsere ruhmvolle Tricolore Euch grüßt. Dort harren Eurer mehrere Eurer Mitkämpfer. Lege ihnen jeder von Euch freimütig seine Wünsche dar, sie sollen Euch gewährt werden. Nicht Geld, das Ihr verachtet und dessen Annahme Euch peinlich wäre, bietet die Republik Euch an; doch möchte sie nicht, daß ihre Verteidiger, die ihren Leib dem Feinde entgegengeworfen, und dabei das eingebüßt haben, womit der Tapfere seine Blöße bedeckt, zerfetzt einhergehen. Was jeder von Euch an ehrbaren Kleidungsstücken braucht, das erkläre er ohne Scheu vor jenen dazu bestellten Männern. Es soll ihm gereicht werden. Euch alle aber fordere ich auf, angesichts des klaren Himmels, der auf unsere junge Freiheit herniederstrahlt, in den Ruf einzustimmen: „Es lebe die Republik!““

„~Vive la république!~“ erscholl es aus aller Munde. Die Schlacht war ohne Blutvergießen, ohne jede Gewaltanwendung, durch eine einfache Rede gewonnen. Die ungebetenen Gäste, nachdem sie ihre Wünsche hatten aufschreiben lassen -- nur wenige verlangten eine vollständige Kleidung, die meisten begnügten sich mit der Erneuerung des einen oder anderen Gegenstandes -- verließen ihre ihnen lieb gewordene Schlafstätte, und es wurde ohne Verzug für die Wiederherstellung der Tuilerien in ihren früheren Stand gesorgt.

Als ich in die Stadt zurückkehrte, begegnete ich einem Zuge der Pariser Wäscherinnen, die im Begriff waren, wie die ~Dames de la Halle~ es schon gethan, der provisorischen Regierung zu gratulieren. Auf ihrem ganzen Wege erklang wieder das ~Mourir pour la patrie~. Es war trotz dieses Hymnus auf den Schlachtentod ein heiterer Festzug, er wurde in den Straßen mit den lebhaftesten Zurufen begrüßt, alles kicherte, lachte, die Augen strahlten und flammten, und Witzpfeile flogen hin und her.

Von den fremden Nationalitäten hatten schon die Polen, die Amerikaner und die Italiener die provisorische Regierung in glänzendem Aufzug begrüßt. Die Deutschen, die zahlreichsten in Paris niedergelassenen Ausländer, brauchten längere Zeit, um sich zu einem gemeinsamen, politischen Akt zu organisieren. Endlich am 6. März, erklärten sie sich bereit, dem Beispiel der anderen Nationalitäten zu folgen.

X.

Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der Freischaarenzug nach dem badischen Oberland.

Die Deutschen bilden bekanntlich die zahlreichste Fremdenkolonie in Paris. Im Faubourg St. Antoine allein sollen in jener Zeit 20,000 deutsche Arbeiter gewohnt haben. Der Gedanke, an die provisorische Regierung eine Abordnung der Deutschen in Paris mit einer Adresse an das französische Volk zu senden, ist von Herrn Adalbert von Bornstedt, dem in einem früheren Kapitel dieser Erinnerungen erwähnten Herausgeber der Deutschen Brüsseler Zeitung ausgegangen. Dieser ehemalige preußische Offizier kam zu +Georg Herwegh+, dem Dichter der Lieder eines Lebendigen, der damals seinen Wohnsitz in der französischen Hauptstadt aufgeschlagen hatte, und forderte ihn auf, einen Adreßentwurf auszuarbeiten und ihn einer im Saal Valentino einzuberufenden Versammlung der deutschen Landsleute zur Annahme vorzulegen. Herwegh willigte ein. Es sei mir gestattet, diese Adresse hier im Auszug wiederzugeben.[A] Sie ist bezeichnend für die Stimmung, die in jenen Tagen selbst ungewöhnlich intelligente, aber nicht zu politischen Dingen berufene Menschen beherrschte. Die Adresse beginnt mit einem großen Irrtum:

„Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden, Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast Du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde. Du hast endlich den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht, die Licht und Wärme bis in die letzte Hütte verbreiten soll. Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen, und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfeld treffen sie zusammen, zu kämpfen den letzten unerbittlichen Kampf für die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen. Die Ideen der neuen französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine glorreiche Revolution die Weihe der That erteilt zu haben, u. s. w.“

Als eine ungeheure Selbsttäuschung erscheinen uns heute diese Sätze. Gewiß war der 24. Februar 1848 ein großes historisches Datum, gewiß hat die Erhebung der Stadt Paris, die Vertreibung der Dynastie Orleans, die Ausrufung der zweiten französischen Republik andere Völker Europas zur Empörung gegen die ihnen auferlegte absolutistische Gewalt geführt; gewiß hat Frankreich zum zweitenmal den Anstoß gegeben zu einer großen Bewegung, welche in ihrem vielfach durch vorherzusehende Hindernisse gehemmten Verlauf endlich zu weitgehenden politischen Veränderungen geführt haben. Den Widerstand, dem die Volkserhebung des Jahres 1848 begegnen mußte, hat jedoch der Verfasser jener Adresse nicht vorhergesehen, er scheint ihn kaum geahnt zu haben. In Preußen und in Österreich und den anderen deutschen Staaten ist die Republik nicht ausgerufen worden, weil die republikanische Idee nicht im Volke lebte; die Polen versuchten es nicht einmal, sich gegen den russischen Despotismus zu erheben, der Zar hielt das Land durch seine Truppenmacht so gefesselt, daß es sich nicht zu rühren wagte, er konnte sogar im Jahre 1849 die bis dahin siegreiche Revolution in Ungarn niederschlagen, welche Österreich nicht zu bewältigen vermochte. Und in Frankreich wählte das Volk, „das den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht,“ den Prinzen Louis Napoleon zum Präsidenten der Republik, der das junge, seiner Pflege anvertraute Kind in der Wiege erdrosselte.

Durch die Herwegh’sche Adresse ging ein kosmopolitischer Zug, der zu dem gesteigerten nationalen Bewußtsein, das in der Bewegung des Jahres 1848 bei allen Völkern Europas sich kundgab, in grellem Widerspruch stand. Der Kosmopolit ist stets der Düpierte. In der Adresse heißt es: „Die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf +einem+ Schlachtfelde treffen sie zusammen.“ Das Gegenteil ist eingetroffen, nicht die Völker, sondern die in ihrer Herrschaft bedrohten Dynastien, die über die militärischen Kräfte der Völker verfügten, traten vereint auf +einem+ Schlachtfelde gegen die Völker auf. Das war der erste Akt der mit dem Jahre 1848 begonnenen neuen Zeit. Langsam trat eine Wendung in freiheitlichem Sinne in dem großen Drama ein, das sich bis zum Frankfurter Frieden vor uns abspielte, nicht im Geiste der Völkerverbrüderung, die damals von Poeten aller Zungen um mindestens ein Jahrhundert zu früh besungen wurde, sondern in dem nationaler Ausschließlichkeit. Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn waren damals nichts anderes als geographische Begriffe. Die Völker, die sich verbrüdern sollten, mußten erst durch schwere Kämpfe ihr politisches Dasein sich erringen. Es hat ein Vierteljahrhundert und gewaltige Kriege gebraucht, ehe Deutschland und Italien selbständige Nationen wurden. Noch immer zittert der Boden, auf dem ihre Neugestaltung sich erhebt und ein zweites Vierteljahrhundert hat ihre ganze Fürsorge für das mit ihrem Blut Errungene gefordert. Noch immer sind es nationale Fragen, in Österreich-Ungarn, in Griechenland, auf der Balkanhalbinsel, im ganzen Orient, welche die Politik unserer Tage beherrschen. Noch immer sind wir weit entfernt von der Verwirklichung jener schon lange vor 1848 von Béranger und Alfred de Musset gesungenen Lieder zur Verherrlichung der Völkerverbrüderung. Ja, die Franzosen sind zur Stunde viel ausschließlicher national gesinnt als alle anderen Völker.

Sie waren im Jahre 1848 nichts weniger als kosmopolitisch gesinnt. Das konnte man schon aus der Antwort erkennen, welche Crémieux im Namen der provisorischen Regierung auf die ihr am 8. März von den Deutschen überreichte Adresse erteilte. Nach einer Angabe des Moniteur, der jene Adresse in ihrem Wortlaut veröffentlichte, waren es 6000 Deutsche gewesen, welche an dem Zuge zum Stadthause teilgenommen hatten. Ich war natürlich auch dabei. In seiner Antwort auf die Adresse sagte Crémieux: „Ein Vaterland der Philosophie und der hohen Studien, kennt euer Deutschland sehr wohl den Wert der Freiheit, und wir sind versichert, daß es sie aus eigener Kraft und ohne andere fremde Hilfe zu erobern wissen wird, als diejenige des lebendigen Beispiels, das wir dem Volke geben.“ Schon in diesen Worten lag die leicht verständliche Andeutung, daß die junge Republik alles vermeiden wollte, was sie in den Augen der Monarchen kompromittieren und eine Koalition gegen Frankreich herbeiführen konnte. An eine solche Koalition war fürs erste nun freilich nicht zu denken, denn die Monarchen hatten bald im eigenen Hause genug zu thun. Der Friedensgedanke aber herrschte vor. Im Schoße der provisorischen Regierung wurde er mit Entschiedenheit von Lamartine vertreten, und sogar viel weiter nach links stehende Mitglieder derselben, wie Louis Blanc und der Arbeiter Albert, achteten einzig und allein auf die Stürme, die im Innern der Republik aus sozialistischen Kreisen sich ankündigten, infolge der eingetretenen Arbeitslosigkeit von Woche zu Woche sich drohender näherten, so daß selbst die Eröffnung der Nationalwerkstätten den gegen die Bourgeois-Republik gerichteten blutigen Juni-Aufstand nicht verhindern konnte, der den Untergang der Republik überhaupt nach sich ziehen sollte.

Unter dem allgemeinen Stillstand der Geschäfte, der in Frankreich eingetreten war und namentlich die arbeitende Bevölkerung von Paris schwer heimsuchte, litten besonders die deutschen Arbeiter, die man eher als die einheimischen aus den Werkstätten entließ. Die Begeisterung, welche die nun einander folgenden Aufstände in Wien und Berlin sowie im Großherzogtum Baden hervorriefen, führte zu dem unglückseligen Gedanken, der von Herrn Adalbert von Bornstedt ausgehend, an Herwegh herantrat, eine deutsche demokratische Legion zu sammeln und sie zur Unterstützung Heckers nach Baden zu führen. Herwegh widerstand anfangs dieser Zumutung, doch ging er schließlich auf den Vorschlag ein, indem er die militärische Führung sachverständigen Personen, ehemaligen Offizieren überließ und die 850 Mann zählende Legion nur als politischer Berater begleitete. Vergebens, daß er sich später auf diese Thatsache berief. Die Unternehmer des Zuges brauchten einen bekannten und populären Namen und dazu mußte derjenige des mit dem Lorbeer geschmückten Dichters ihnen dienen. Dieser Zug an der Spitze der deutschen demokratischen Legion von Paris bis nach dem badischen Oberland, wo das Gefecht bei Dossenbach dem Abenteuer ein Ende machte, wurde geradezu verhängnisvoll für Herwegh, denn die durch Augenzeugen und die gerichtlichen Verhandlungen gründlich widerlegte Fabel, daß er in einem von seiner mutigen Frau über die Schweizergrenze geführten Einspänner unter dem Spritzleder sich versteckt gehalten, wurde geflissentlich von der Reaktion und gedankenlos von der indifferenten Menge verbreitet, sogar von gelehrten Historikern ohne Kritik, ohne Quellenangabe in ihren Schriften festgenagelt.

Verhängnisvoll sagte ich, wurde dieser Zug mit der Pariser deutschen Legion, die über dem Rhein das republikanische Banner entfalten sollte, für den hochbegabten Dichter. Die über seine Flucht nach der Schweiz verbreitete Fabel, die zu widerlegen er zu stolz war, versetzte sein Gemüt in tiefe Verbitterung und drängte ihn mehr und mehr von seiner Heimat, drängte den Dichter von seinem Urquell ab. Hieraus erklärt sich seine lange Unproduktivität. Mir war es manchmal -- ich stand in Zürich in freundlichstem Verhältnis zu ihm und seiner Familie -- als suchte er Vergessen in dem unausgesetzten Studium von Werken aus den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten. Das ewige Lesen und Lesen ließ ihn nicht zur Produktion gelangen, und er hatte doch in seiner Nähe das schönste Beispiel fortgesetzter Produktivität an Richard Wagner, den er nicht selten sah. Der langjährige, fast ausschließliche Verkehr mit Italienern, Franzosen und Russen konnte auch nicht befruchtend auf den versiegenden Quell poetischer Schöpfung wirken. Es vergingen Jahre, bis er durch die Übersetzung der Lustspiele Shakespeares für die vortreffliche Bodenstedt’sche Ausgabe des britischen Dichters aus seiner nur durch einzelne Zeitgedichte unterbrochenen Passivität heraustrat. Da aber setzte ein früher Tod seinem neu erstandenen Schaffen ein nur zu rasches Ende.

Noch einige Worte über Herwegh: Er hielt es für möglich, in Deutschland die Republik herzustellen. „Ihr habt ein paar gute Tage gehabt in Berlin,“ schreibt er einem seiner dortigen Freunde, „aber bei allem Heroismus echt +deutsche+ Tage. Ihr habt zu kämpfen aufgehört in einem Augenblick, wo ein Ruf „~au château!~“ für euch und Deutschland alles entschieden hätte; man macht allerdings die Republik, ein Dutzend Menschen reicht dazu hin, und wenn sie nur eine Viertelstunde von diesen aufrecht erhalten wird, so wird sie von Millionen für lange Zeiten aufgenommen. Die Bourgeoisie fügt sich in alles.“

Für Frankreich mochte die Bemerkung richtig sein, daß man die Republik machen könne. Das ist in der That in der Februar-Revolution geschehen. Einige geheime Gesellschaften haben die ihnen durch den Doktrinarismus und die Verkehrtheiten eines Guizot geschaffene Gelegenheit benutzt, um Louis-Philippe mitsamt seinen Ministern aus Frankreich zu vertreiben. Wie lange aber hat die zweite Republik gedauert? Wenn die dritte sich seit dem September 1870 bis heute erhalten hat, so ist dies wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß die alten Dynastien in Frankreich keinen einzigen zugkräftigen Prätendenten mehr stellen konnten. Der französischen Bourgeoisie und dem Landvolk ist aber auch die Staatsform sehr gleichgültig geworden, sie haben sich beide in die Republik jetzt eingelebt, die Bourgeoisie, weil sie in der Republik wie in der Monarchie ihre Interessenherrschaft zu wahren vermag, der Bauer, weil er seiner Natur nach sich stets in die gegebenen Verhältnisse schickt. Sollte die sozialistische Arbeiterpartei, was übrigens durchaus nicht wahrscheinlich ist, noch einmal einen Massenaufstand für ihren Idealstaat wagen, so würde sie wieder eine furchtbare Niederlage erleiden. Das morsche Königtum konnte in Frankreich durch eine Handvoll entschlossener Männer vernichtet werden, das wird aber nicht das Schicksal der Bourgeois-Republik sein. Sie wird nicht durch das Schwert beseitigt werden, es sei denn nach einem unglücklichen Kriege, sie geht durch die sozialen Reformen, zu denen sie sich nach und nach herbeilassen muß, einer Umwandlung entgegen, durch welche der heutige schroffe Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Arbeiterbevölkerung sich fortschreitend abschwächt, so daß auf dem natürlichen Wege der Entwicklung eine neue Gesellschaft entsteht, die zwar, soweit Menschen blicken können, niemals dem Ideal des Sozialphilosophen, jedoch den jeweiligen Bedürfnissen der Zeit und den vorhandenen Mitteln zur Befriedigung dieser Bedürfnisse entsprechen wird. Welche Gestalt diese Gesellschaft erhält, das kann uns heute wenig kümmern, denn es wäre thöricht, entfernten Geschlechtern ihre Aufgabe heute abnehmen zu wollen. In Deutschland aber, um zu dem Ausgangspunkt dieser Betrachtung zurückzukehren, denkt heute, ein halbes Jahrhundert nach den Umwälzungen des Jahres 1848, keine revolutionäre Partei daran, die Republik durch einen Handstreich zu „machen“.

Ein anderer großer Irrtum Herweghs und der damaligen demokratischen Partei geht aus demselben, kurz nach dem verunglückten Feldzug der Pariser deutschen Legion an einen Berliner Freund geschriebenen Briefe hervor. Da heißt es: „Ihr bildet Euch doch nicht ein, mit dem König von Preußen einen Krieg gegen Rußland zu führen!“ Kein politisch denkender Mensch in Deutschland hat vernünftigerweise nach der Märzrevolution an einen Krieg mit Rußland gedacht. -- „Ihr bildet Euch doch nicht ein, ohne Polen, auch das wenige, was Ihr errungen, zu erhalten? Ihr verratet Polen oder Ihr werdet Republikaner! Frankreich wird nicht ruhig zusehen, es wird Polen zu Hilfe eilen, aber es wird nicht bis dahin gelangen, es wird in Deutschland hängen bleiben, in dem alsdann feindlichen Deutschland, und die alte Geschichte geht wieder los, Frankreich ist verloren, Ihr seid verloren, Polen ist verloren, und die Geschichte wird endlich gerecht sein und Euch von den Kosaken fressen lassen.“

Ist es möglich, mehr falsche Prophezeiungen in einem Zug aneinander zu häufen, als in diesen wenigen Zeilen ausgesprochen sind? Frankreich hat während der abgelaufenen letzten fünfzig Jahre keinen Schritt gethan, um Polen zu befreien, und wir sehen am Ende dieses Jahrhunderts den Präsidenten der französischen Republik und den Selbstherrscher aller Reußen sich brüderlich umarmen, wir sehen die Pariser die glänzendsten Feste zu Ehren der Allianz der demokratischen Republik mit der absolutesten aller Monarchien veranstalten, weil sie sich mit der Hoffnung tragen, unter gewissen, eines Tages vielleicht eintretenden Verhältnissen dem neu erstandenen deutschen Reich die Provinzen Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, ja vielleicht die alte, von dem ersten Napoleon erworbene Rheingrenze bis zur Mündung des deutschen Stromes zu gewinnen.

Ich habe niemals mich aufs Prophezeien eingelassen, ich habe auch niemals in den Fesseln der Erinnerung an die erste französische Revolution gelegen, einer Erinnerung, die in jenen Tagen noch viele Köpfe beherrschte und sie zu dem Glauben verleitete, die Dinge müßten genau so wiederkehren, wie sie von 1789 bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts sich gestaltet haben. Das Kleben an den Ereignissen jener Zeit, die das Mittelalter bis auf wenige Überreste begraben, Europa eine neue Gestalt und einen neuen Inhalt gegeben haben, hat, wie ich nur zu häufig beobachtet habe, viele ihrer Meinung nach am weitesten vorgeschrittene, von allen Vorurteilen sich frei dünkende Leute dazu geführt, daß sie stets nach rückwärts blickten, statt nach vorwärts, daß sie von der angelernten Bewunderung für die Gewaltmenschen der Schreckenszeit sich nicht frei machen konnten, von denen die meisten mir stets als recht feige Gesellen erschienen sind, weil sie aus Angst, für gemäßigt zu gelten und deshalb abgeschlachtet zu werden, den Nachbar abschlachten ließen. Neue historische Ereignisse beschäftigen die Gemüter jetzt, man ist im Besitz der großen Errungenschaften der französischen Revolution, denkt aber nicht mehr daran, die Danton und Robespierre, die Schurken des ~tribunal révolutionnaire~, die für ein lumpiges Taggeld jeden Angeschuldigten zum Tode verurteilten, denkt nicht daran, die Marat, Fouquier-Tinville und Henriot als Lehrmeister der Weltgeschichte zu betrachten.

[A] Briefe von und an Georg Herwegh. Herausgegeben von Marcel Herwegh. Paris, Leipzig, München, Albert Langen.

XI.

Heimkehr nach Berlin. Die Berliner nach dem 18. März.