Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 4
Ich war in Lyon angekündigt, ein freundlicher Empfang war mir dort wie überall gesichert, wo ich meine Mission zu erfüllen hatte. In wenigen Tagen konnte ich meine Reise nach Genf fortsetzen. Bis dahin hatte ich, wenn ich von dem Hügelland am Fuße des Riesengebirges absehe, in der Welt nur ebenes Flachland betreten. Auf der Fahrt von Lyon über St. Julien nach Genf eröffnete sich mir ein bis dahin ungekannter Reichtum landschaftlicher Schönheiten. Ich wollte nun nicht etwa ein maschinenhaft arbeitender Reiseprediger sein, ich suchte und fand Beschäftigung. Damit auf mich selbst gestellt, blieb ich mehrere Wochen in Genf. Die fremde Stadt mit ihrer damals noch wohl erhaltenen, auf große historische Erlebnisse hinweisenden, eigentümlichen Physiognomie, in der sich strenge Ehrbarkeit, herber Patriotismus mit französischer Frivolität paarten, der große, blaue See, eine meinem unerfahrenen Auge völlig neue Erscheinung, die Alpen, der Montblanc! -- warum sollte ich hier nicht länger verweilen? An den schönen Herbstabenden machte ich, mit meinen neuen Freunden spazieren gehend, sie mit meiner neuen Weisheit bekannt, es war dies ein peripatetischer Unterricht wie ein anderer. An Sonntagen bestiegen wir den Salève, ich war glücklicher als je vorher und so zog ich erst nach vier Wochen frohen Mutes in die Neuchâteler Berge nach la Chaux-de-Fonds, in das große, damals schon nahe an 20 000 Seelen zählende Uhrenmacherdorf.
Der Kanton Neuchâtel war damals noch durch Personalunion mit dem preußischen Königshause verbunden und besaß infolgedessen noch manche Institution, die an diese Union erinnerte. In keinem Teile der Schweiz wurde das Verhalten der Fremden, namentlich der deutschen Arbeiter, die nach dem Beispiel der französischen sich in sozialistischen Vereinen zusammenfanden, mit einem polizeilich so wachsamen Auge verfolgt wie dort. Das führte zu heimlichen, nächtlichen Zusammenkünften in den Schlüften des Jura. Etwa zwanzig Minuten von der Stadt biegt links von der bis St. Imier sich fortsetzenden Landstraße ein schmaler Pfad zu einem, erst in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmbaren Spalt im Gebirge. Tritt man hier ein und verfolgt zwischen zwei hohen Felswänden die geheimnisvolle Enge, so gelangt man nach einer Weile in einen fast kreisrunden, von steilen Wänden eingefaßten großen Saal, wo der Zugangsstelle gegenüber wiederum ein enger Pfad sich öffnet, der in einen zweiten Felsenrundbau führt; und so wiederholt sich diese eigentümliche Erscheinung bis an die Wasser des Frankreich vom Schweizerland trennenden, in vielen überraschenden Windungen seinen rauhen Weg sich suchenden, überaus malerischen Doubs.
In dem ersten oder zweiten jener abseits von jeder bewohnten Ortschaft liegenden, wenig bekannten Thalkessel versammelten sich die jungen Leute, die mich freundlich aufgenommen hatten, gern in hellen Mondnächten. Dort suchte sie kein Diener der staatlichen Ordnung, dort erbauten sie sich an dem Worte ihrer Führer, dort klang ihr männlicher Gesang, von Spähern ungehört, in die himmlisch reine Luft. Als ich nach einigen Tagen von ihnen Abschied nahm, begleiteten sie mich bis auf die Höhe des Mont des Loges, der das Thal von la Chaux-de-Fonds von dem ackerbautreibenden Val de Ruz trennt, und nachdem ich einige hundert Schritte abwärts gezogen, begrüßte mich ihr deutsches Lied von einem Felsenvorsprung herab, auf dem sie sich aufgestellt, zum letztenmal. Ich winkte in froher Überraschung ihnen meinen Dank zu und eilte den Fußpfad abwärts, der mich ins Thal, an das Schloß Valangin und nach Neuchâtel brachte.
Mein Lebensgang wollte es, daß ich mehrere Jahre später nach la Chaux-de-Fonds in die Redaktion des „National Suisse“ eintrat, und dann, nach einer kurzen Lehrthätigkeit in Schaffhausen, nach Neuchâtel in ein Schulamt berufen wurde. Neuchâtel war damals ein unabhängiger Schweizer Kanton. Da geschah es eines Tages, daß ich mit Professor Desor, meinem Freunde und Kollegen an der Akademie, mich zum Mittagessen auf dem Landgute des Herrn Lardy, des Vaters des jetzigen schweizerischen Gesandten in Paris, befand. Herr Lardy, der in der alten preußisch-neuenburgischen Zeit Polizeioberster gewesen war und, obgleich politisch von der herrschenden radikalen Partei getrennt, doch einen herzlichen Umgang mit einzelnen, ihm sympathischen Mitgliedern dieser Partei pflegte, erzählte beim Nachtisch in erheiternder Weise von seiner Amtsthätigkeit gegenüber den rebellischen deutschen Arbeitern, die in den letzten Jahren vor 1848 im Jura sich eingenistet hatten und die er, getreu dem ihm von höchster Stelle erteilten Befehl eifrigst verfolgte. Ich war sein Gast und hörte ihm selbstverständlich zu, ohne den Vorhang zu lüften. Erst auf der Heimfahrt, mit Desor allein in dessen lustig dahin trottendem Einspänner, erzählte ich diesem von den geheimnisvollen Beziehungen, die vor etwa fünfzehn Jahren, von uns beiden unbewußt, zwischen mir und dem braven Herrn Lardy existiert hatten und in denen nichts von der Jugendromantik in den jurassischen Bergen steckte, von denen ich eben gesprochen. Jetzt hat sie längst der Tod abgerufen, Herrn Lardy und Freund Desor, und die Jugendromantik weht auch nur noch an seltenen Tagen beschwichtigend um mein schneeweißes Haupt.
Meine nächste Station war Bern. Der Sonderbundskrieg konnte in den nächsten Tagen ausbrechen und ich wollte doch mindestens dem Auszug der Truppen beiwohnen und dem Gang der Dinge, die mich so sehr interessierten, nahe sein. Ich sah kurz nach meiner Ankunft in der Bundesstadt die bernische Artillerie ins Feld ziehen. Ich erfreute mich an dem Anblick der langen Reihen von Geschützen, an der fröhlichen Mannschaft und der meist kräftigen Bespannung. Hie und da sah man den Bauer, der die Pferde gestellt, in seiner unkriegerischen gelben Kutte auf deren Rücken. Der Mann fürchtete die feindliche Kugel weniger als den Verlust seines Gauls, von dem er sich nicht trennen mochte. Auf den wohlgesinnten Zuschauer, und ein solcher war ich, machte dieses militärische Bild einen erhebenden Eindruck. Der Krieg war, Dank der weisen Führung des Generals Dufour, nicht blutig, die aufrührerischen, jesuitenfreundlichen Kantone wurden durch die gegen sie aufgebotene Übermacht rasch zur Kapitulation gezwungen. Das einzige Gefecht bei Gislikon forderte nur wenige Opfer, nach drei Wochen war alles beendet und der Landmann, der seine Zugtiere dem Feinde entgegengeführt, brachte sie wohlbehalten wieder heim und konnte jetzt sorglos den herbstlichen Acker mit ihnen bestellen.
Die Schweiz war damals der Zufluchtsort vieler Verfolgter aus allen Ländern Europas, England ausgenommen. Zu den Charakterköpfen, die sie beherbergte, gehörte auch der deutsche, politische Schriftsteller Karl Heinzen. Der Mann hatte viel Bitteres erlebt. Von der Universität Bonn relegiert, hatte er sich nach Batavia anwerben lassen, von wo ihm indessen bald die Rückkehr ermöglicht wurde. Er fand eine Anstellung, erst im Steuerfach, dann bei der Aachener Feuerversicherungsgesellschaft und schrieb außerdem in die zu jener Zeit oppositionell redigierte „Leipziger Allgemeine Zeitung“, aber auch in die radikale „Rheinische Zeitung.“ Beide Blätter, obgleich sie wie alle deutschen Drucksachen unter Censur standen, wurden ihrer Haltung wegen unterdrückt, worauf Heinzen in einem Buch „die preußische Bureaukratie“, das schon bei seinem Erscheinen konfisziert wurde, seiner Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen Ausdruck gab. Mit einer Anklage bedroht, floh er in die Schweiz, von wo aus er eine Anzahl der grobkörnigsten Pamphlete nach Deutschland versandte. Heinzen schrieb über alles und jedes, was ihm mißfiel -- und was mußte seiner Freiheitsliebe damals nicht mißfallen? -- Er schrieb über alles, was ihm Gelegenheit zur Entfaltung eines rücksichtslosen Angriffs bot. Er fiel nicht bloß über die Monarchie her, wodurch er sich später in Amerika, wo er nach vielen harten Bedrängnissen sich schließlich niederließ und den „Pionier“ herausgab, den Übernamen „der Fürschtekiller“ zuzog; er wandte sich auch gegen die sozialistischen Arbeiterverbindungen und deren Führer, mit ganz besonderer Streitgier gegen die Kommunisten. Ich besitze keine Zeile mehr von dem, was dieser überhitzte Schriftsteller in die Welt gesandt; ich erinnere mich nur, daß eine von ihm ausgegangene Schrift gegen die Kommunisten mich sehr gegen ihn einnahm und zu einer ihm gewidmeten Antwort veranlaßte.
Ich hatte in der Buchdruckerei Reber Beschäftigung gefunden, ich setzte dort mit Zustimmung des „Herrn Prinzipals“ die von mir in den Abendstunden gegen Heinzen verfaßte Schrift. Herr Reber, obgleich ein ausgesprochener Konservativer, ließ sie auf seiner Presse gegen Entrichtung des gebräuchlichen Preises drucken, und ich versandte sie nach London zu weiterer Verbreitung. Ich habe kein Exemplar meines Opus für spätere Tage aufbewahrt. Nicht einmal der Titel dieser Verteidigungsschrift des Kommunismus ist mir im Gedächtnis geblieben. Einmal gedruckt, hatte sie für mich keinen Wert mehr. Heinzen hatte in seinem Angriff wahrscheinlich die bekannten Argumente gegen den Kommunismus angewendet. Er hatte in dem, was er sagte, eben so wahrscheinlich recht; doch da ihm alle von der Entwicklungsidee ausgehende Schulung fehlte, so bot er dem Angriff schwache Seiten genug dar, die ich dann ohne Zweifel mit Wonne gegen ihn ausbeutete, ohne deshalb in seinen hanebüchenen Stil zu verfallen, den ich eben so wenig bei ihm wie bei anderen jemals zu bewundern vermochte. So stelle ich mir jetzt, nach fünfzig Jahren, diesen litterarischen Waffengang vor, der mir in seinen Einzelheiten nicht mehr gegenwärtig ist. Heinzen, wie fast alle politischen Schriftsteller jener Zeit, hatte keine Ahnung von der Wendung im Volksleben, die mit dem Auftreten der arbeitenden Klassen als Partei in allernächster Zeit beginnen sollte. Ich, ohne alle Menschenkenntnis und ohne alle Erfahrung, schoß mit der Verteidigung des Kommunismus weit übers Ziel hinaus und war trotz der erworbenen historischen Weltanschauung, soweit es das supponierte Zukunftsbild betraf, noch tief in Wolkenkuckucksheim zu Hause.
Zur näheren Charakteristik Karl Heinzens sei es mir übrigens gestattet, folgende Anekdote aus den von mir herausgegebenen „Erinnerungen v. I. D. H. Temme“ (Leipzig, Ernst Keil 1883) hier mitzuteilen: „Einmal brachte hier in Zürich,“ erzählt Temme, „ein Freund mir eine Nummer der Zeitschrift, „der Pionier,“ die Heinzen in Boston herausgab. Lesen Sie, sagte mein Freund, zunächst die erste Seite, und schlagen Sie erst dann das Blatt um. Ich las die erste Seite. Sie war ganz angefüllt mit einem offnen Brief an mich. Die New-Yorker Staatszeitung brachte damals gerade einen Roman von mir. Das hatte den höchsten Zorn Heinzens erregt, da die New-Yorker Staatszeitung eine andere Politik verfolgte, als er. Der offene Brief war eine donnernde Philippika gegen mich und schloß mit folgendem Rat: Ich höre, daß Sie, um mit den Ihrigen leben zu können, auf Romanschreiben angewiesen sind. Aber ehe Sie Ihre Produkte einem Schandblatte, wie die New-Yorker Staatszeitung überlassen, sollten Sie sich eine Kugel durch den Kopf schießen. -- Ich mußte herzlich lachen über den Zorn, der diesen liebenswürdigen Rat eingegeben hatte, und über die wunderliche Logik, die er enthielt. Und nun, sagte mein Freund, schlagen Sie das Blatt um! Ich schlug um, und auf der zweiten Seite druckte Heinzen eine meiner Novellen nach.“
Ich habe seit jener Verteidigung des Kommunismus gegenüber einem originellen Schriftsteller, der in einem Bilde jener Zeit nicht übergangen werden darf, nichts mehr über dieses Thema geschrieben. War mit diesem Glaubensmanifest auch mein Glaube erschöpft? Durch die Widerlegung der erhobenen Einwürfe war ich denn doch wohl mehr oder weniger zu der Einsicht gelangt, daß der Gedanke, es müsse die eingetretene Bewegung gegen die Herrschaft des Kapitals notwendig zur Aufhebung des Privateigentums und seiner Umwandlung in gemeinsames Eigentum führen, nicht so ganz selbstverständlich sein könne, wie ich angenommen und gepredigt hatte. Viele Fragen wurden nun in meinem Geiste angeregt, aber ich kam mit ihnen noch nicht zu einem Abschluß. Entwickelte die Menschheit sich in der That ausschließlich nach rein mechanischen Gesetzen, die ihr mit Naturnotwendigkeit den nicht zu vermeidenden Weg vorschrieben? Sind mit der materialistischen Weltanschauung allein alle welthistorischen Erscheinungen zu erklären? Ist ein so kompliziertes Wesen wie der Mensch, mit seinen teils auf Vererbung, teils auf Erziehung und dem Milieu beruhenden Tugenden und Lastern, mit seinem Individualismus und seinem Herdensinn, ein Wesen, in welchem sich die widersprechendsten Anlagen und Eigenschaften zu einem persönlichen Charakter einigen, der es von seinem Nachbar so auffallend unterscheidet -- ist angesichts der sich unserer Beobachtung aufdrängenden Thatsache der unendlichen Teilung der Arbeit, welche die Natur den Menschen in deren gesellschaftlichem Zusammenschluß ohne Vernichtung ihres Einzelcharakters auferlegt hat, eine mathematische Formel angebracht, an der man nicht zu mäkeln hat? Weil der Starke dem Schwachen +sein+ Gesetz auferlegte, ihn zum Zweck der Häufung seines Privateigentums ausbeutete und so die Klassengegensätze schuf, müßte deshalb das Privateigentum aufgehoben werden? Suchte die Menschheit nicht vielmehr einen Weg, der zur Verminderung, schließlich zur Aufhebung aller den Schwachen beeinträchtigenden Gegensätze führte, ohne die persönliche Freiheit der Idee der Gleichheit zu opfern?
Ist überhaupt die Gleichheit jemals erreichbar, ohne der Natur des Menschen Gewalt anzuthun? Und gelänge es wirklich, das Privateigentum völlig aufzuheben und die absolute Gleichheit einzuführen, würde die Natur des Menschen sich dann nicht nach erlittenem Zwange rächen und eine furchtbare Revolution herbeiführen?
Diese Fragen fingen an, mich gerade damals zu beschäftigen, wo ich in die Nähe von Karl Marx gelangen sollte, und durch des Meisters Ideen mich meiner Zweifel siegreich zu entledigen gedachte. Doch -- Marx sprach damals mehr von der sich ankündigenden politischen Umwälzung, die er ganz richtig als die Vorbedingung der sozialen Umwälzung erkannt hatte, denn von dieser selbst.
VII.
Ein Winter in Brüssel. Karl Marx.
Ich kam wieder durch deutsche Lande. Ich ging von Bern ohne Aufenthalt über Basel nach Straßburg, von dort mit dem Dampfschiff, das zu jener Zeit in Straßburg seinen Ausgangspunkt hatte, nach Köln und dann weiter nach Brüssel, das gewissermaßen das geistige Centrum der kommunistischen Verbindung bildete. Dort lebte Karl Marx. Ich war gespannt darauf, ihn kennen zu lernen. Ich fand ihn in einer höchst bescheiden, man darf wohl sagen ärmlich ausgestatteten kleinen Wohnung in einer Vorstadt Brüssels. Er nahm mich freundlich auf, befragte mich über den Erfolg meiner propagandistischen Reise, machte mir ein Kompliment über meine Broschüre gegen Heinzen, in welches seine Frau einstimmte, die mich freundlich willkommen hieß, und wie sie ihr Lebenlang den innigsten Anteil an allem nahm, was ihren Mann interessierte und beschäftigte, so war sie auch nicht ohne besonderes Interesse für mich, der ich ja für einen hoffnungsvollen Jünger der Lehre ihres Mannes angesehen wurde.
Marx, so wurde mir später erzählt, hatte als Bonner Student seine Frau auf einem Ball kennen gelernt; Fräulein von Westphalen, dies war ihr Mädchenname, gehörte einer preußischen, finanziell etwas zurückgekommenen Junkerfamilie an. Marx liebte sie und sie teilte seine Leidenschaft. Sie heirateten sich, gewiß nicht ohne Überwindung mancher Schwierigkeiten seitens der Familie von Westphalen. Diese Liebe bestand alle Proben eines ununterbrochenen Lebenskampfes. Ich habe selten eine so glückliche Ehe gekannt, in welcher Freud’ und Leid, das letztere in reichlichstem Maße, geteilt, und aller Schmerz in dem Bewußtsein vollster, gegenseitiger Angehörigkeit überwunden wurde. Ich habe auch selten eine in ihrer äußern Erscheinung wie in ihrem Herzen und Geiste so harmonisch gestaltete Frau gekannt, die bei der ersten Begegnung so sehr für sich eingenommen hätte wie Frau Marx. Sie war blond, ihre Kinder, damals noch klein, waren dunkelhaarig und dunkeläugig wie ihr Vater. Des letzteren in Trier lebende Mutter gab einen Beitrag zu den Bedürfnissen des Haushaltes, die Feder des Schriftstellers mußte wahrscheinlich für die Haupteinnahme sorgen. Marx hatte wohl die Bekanntschaft einiger freisinniger Politiker in Brüssel gemacht, doch kam es zwischen ihm und seinen Freunden, meist Ausländern, nicht zu einem wirklich geselligen Verkehr, und weder er noch seine Frau schienen einen solchen zu vermissen. Frau Marx lebte in den Ideen ihres Mannes, sie ging dabei ganz und gar in der Sorge für die Ihrigen auf und war doch so himmelweit von der strumpfstrickenden, den Kochlöffel rührenden deutschen Hausfrau entfernt. Mehrere Jahre später fügte sie am Schluß eines Briefes, den sie mir aus London geschrieben hatte, die Trauernachricht hinzu, durch welche innere Entrüstung ein wenig hindurchklang, daß ihre so treue und unverdrossene Magd, die gewissermaßen als ein Mitglied der Familie betrachtet wurde, sie verlassen habe.
In Brüssel wurde alljährlich am 29. November der Jahrestag der polnischen Revolution des Jahres 1830 von den dort lebenden polnischen Emigranten festlich begangen. Die städtische Verwaltung hatte dazu regelmäßig einen Saal im Rathause hergegeben. Diesesmal -- geschah es im Vorgefühl der großen politischen Ereignisse, welche, von Frankreich ausgehend, sich über einen beträchtlichen Teil Europas verbreiten sollte? -- waren für den 29. November besondere Festlichkeiten vorhergesehen, und deshalb lud man auch Vertreter anderer Nationalitäten als nur der polnischen, zu dem öffentlichen Akt auf dem Rathause ein. Unter den französischen Flüchtlingen war es ein Blanquist aus Marseille, Namens Imbert, der mit einer Rede auftreten sollte; unter den Deutschen war Marx dazu berufen. Er wollte der Einladung sich entziehen, wahrscheinlich wohl, weil er in einer zu bunten Gesellschaft hätte auftreten müssen -- Graf Merode, ein bekannter Führer der belgischen Ultramontanen, hatte den Vorsitz bei der Feier -- dann stimmte auch seine ganze politische Anschauung nicht recht zu dem Geiste, der in der polnischen Kolonie herrschte. Engels, der seit kurzem von Paris nach Brüssel übergesiedelt war, hätte ihn wohl ersetzt, aber -- er war aus Paris ausgewiesen worden, und als die Regierung deshalb von einem Mitgliede der äußersten Linken interpelliert worden war, antwortete der Minister, es seien keine politischen Gründe gewesen, die zu dieser Ausweisung geführt hätten. Die Sache war durch alle Zeitungen gegangen, und Engels weigerte sich, mit seinem Namen jetzt hervorzutreten. Was zu seiner Ausweisung geführt hatte, war in der That nicht politischer Natur. Er hatte, von dem oben genannten Maler Ritter davon unterrichtet, daß ein französischer Graf X. sich von seiner Maitresse getrennt, ohne in irgend einer Weise für sie zu sorgen, diesem Grafen gedroht, die ganze Sache an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn er seine Menschenpflicht gegen die Verlassene nicht zu erfüllen gedenke. Der Graf wandte sich mit einer Beschwerde an den Minister, und der Minister wies den Fremden mit seinem Freunde Ritter aus.
Eine ganz ablehnende Antwort sollte aber dem polnischen Festkomitee nicht gegeben werden, und so forderte Marx mich auf, an seine Stelle zu treten. Ich war über diesen Vorschlag nicht wenig bestürzt; ich stellte ihm vor, daß ich dazu wohl zu jung sei. Das half nichts, und ich hielt die obligate Rede. Sie erregte nicht geringes Aufsehen. Keine Seele war auf die Idee gekommen, daß jemand bei einer solchen Gelegenheit, an dem der polnischen Revolution gewidmeten Gedenktage, im Brüsseler Rathaus eine Rede halten könnte, in welcher der nicht allzuweit entfernte Übergang von der politischen zur sozialen Revolution schließlich angedeutet wurde. Die äußerste Linke im Saal -- auch hier gab es eine solche -- klatschte stürmischen Beifall, die vornehme Gesellschaft auf den vorderen Stuhlreihen und auf den Präsidialsitzen war verschnupft, die Zeitungen suchten die Sache zu vertuschen, doch hatte ein Brüsseler Korrespondent in deutschen Zeitungen einen Alarmruf ausgestoßen, so daß selbst mein braver Freund Bisky mir erschrocken schrieb, ob ich denn die Absicht habe, mir den Rückweg ins Vaterland geradezu abzuschneiden? -- Diese Befürchtung war nun freilich ganz grundlos. Nur noch wenige Monate, und die Welt hatte ein ganz anderes Aussehen.
In Brüssel existierte damals ein deutscher Verein, der sich zumeist aus Arbeitern und jungen Angestellten in Fabriken und Handelshäusern zusammensetzte. Er war von Mitgliedern des Kommunistenbundes ziemlich stark durchsetzt. Kommunismus und Kommunisten waren übrigens nur Worte, die niemand banden, über die man thatsächlich kaum sprach. Viel näher lag die in Frankreich immer entschiedener sich geltend machende Bewegung für die Reform des Wahlgesetzes. Mit Spannung verfolgte man die dortige Entwicklung der Dinge, man ahnte einen entscheidenden Schlag. Die Tagespolitik war also der Gegenstand unseres ausschließlichen Interesses. Nebenher sorgte jener Verein für etwas Unterhaltung. Karl Wallau, mit dem ich die von Herrn von Bornstedt herausgegebene Brüsseler Deutsche Zeitung setzte -- er gehörte auch zum engern Bund --, besaß eine schöne Baritonstimme und sang an den Vereinsabenden gern gehörte, deutsche Lieder; andere musikalische Beiträge blieben nicht aus, es fehlte natürlich auch nicht an Deklamatoren, auch junge deutsche Damen wurden eingeführt, und man tanzte bisweilen. An der Schwelle des sturmerfüllten, geschichtlich so inhaltschweren Jahres 1848 versammelte man sich sogar zu einem gemeinsamen Abendessen. Ein von mir verfaßtes, ich brauche es nicht erst zu sagen, sozial-politisches Festspiel wurde aufgeführt. Unter den Anwesenden befand sich Marx mit seiner Frau und Engels mit seiner -- Dame. Die beiden Paare waren durch einen großen Raum von einander getrennt. Als ich zu Marx herankam, um ihn und seine Frau zu begrüßen, gab er mir durch einen Blick und ein vielsagendes Lächeln zu verstehen, daß seine Frau eine Bekanntschaft mit jener -- Dame auf das strengste ablehne. In Fragen der Ehre und Reinheit der Sitten war die edle Frau intransigent. Die Zumutung, auf diesem Gebiet ein Zugeständnis zu machen, wenn eine solche an sie gestellt worden wäre, hätte sie mit Entrüstung zurückgewiesen. Die Hochachtung, die ich für sie gehegt, wurde durch dieses Intermezzo sehr gesteigert. Es war jedenfalls überkühn von Engels, durch die Einführung seiner Maitresse in diesen meist von Arbeitern besuchten Kreis an einen, den reichen Fabrikantensöhnen so oft gemachten Vorwurf zu erinnern, daß sie die Töchter des Volkes in den Dienst ihrer Freuden zu ziehen wissen. ~Noblesse oblige.~ Engels hat für das arbeitende Volk so Bedeutendes geleistet als Schriftsteller und als Führer, sein Name steht so fest auf den Gedenktafeln seiner Partei, daß die Achtung vor denen, deren Sachwalter er bis dahin und dann sein Leben lang mit großem Ernst und vielem Erfolg gewesen ist, ihm hier eine durch alle Umstände gebotene Zurückhaltung hätte auferlegen sollen. In Fragen des Ewig-Weiblichen oder Unweiblichen war er jedoch sehr sterblich.
VIII.
1848. Die Februarrevolution in Paris. Aufstandsversuche in Brüssel. Frau Marx. Reise nach Paris.