Erinnerungen eines Achtundvierzigers

Part 3

Chapter 33,492 wordsPublic domain

Von meinen nächsten Stationen nenne ich Brüssel. Ich war in einem kleinen, von einem Deutschen geführten Gasthof eingekehrt. Meine Finanzen waren sehr auf die Neige gegangen und ich fragte den Wirt nach dem Preise der Fahrt nach Paris. Die Eisenbahn nach der französischen Hauptstadt war eben eröffnet worden. Er sagte mir, daß die Messagerie bei herabgesetzten Preisen noch bis zum Jahresschluß ihre Fahrten fortsetzen werde; wenn ich einen Platz auf der Imperiale, neben dem Kondukteur nähme, so käme ich noch billiger nach Paris als mit einem Billet dritter Klasse der Eisenbahn. Ich überzählte meine Reichtümer. Wenn ich bescheiden haushielt, so langte es. Wäre ich in Brüssel geblieben, so hätte ich sicher in der Stadt der Nachdrucker Beschäftigung gefunden und mir die Kosten einer Reise nach Paris leicht erarbeiten können. Doch das Verlangen, die berühmteste Stadt des modernen Europa zu erreichen, hatte sich bei mir bis zur Leidenschaft gesteigert. Ich wollte nicht bleiben. Leider war jedoch die Rechnung des biedern Landsmannes etwas größer ausgefallen, als ich erwartet hatte, und als ich mit verlegenem Gesicht mich doch anschickte, die Reise anzutreten, da trat der Sohn des edlen Vaters an mich heran und fragte mich, ob er mir nicht meinen kleinen Koffer tragen dürfe. Es war ein Junge von etwa dreizehn Jahren, ich nahm sein Anerbieten, das ich als den Ausfluß eines gutmütigen Herzens ansah, dankbar an. Der dienstfertige Junge forderte aber, als wir am Ziel angelangt waren, mit so großem Geschrei einen Franken Trägerlohn, daß ich, um keinen Skandal zu erregen, ihm die für mich in diesem Augenblick sehr kostbare Summe einhändigte. Es blieb mir noch ein Frank für die Reise von Brüssel bis Paris in der Tasche. Gegessen hatte ich zum Glück. An der Grenze gab es einen kleinen Halt. Ich hatte nichts Verzollbares. Ich opferte hier die Hälfte meines noch vorhandenen Geldes, also einen halben Franken für ein Glas warme Milch und ein Stück Brot. Das stärkte mich für die Weiterreise. „Was braucht man Vieles, um glücklich zu sein?“ Es war mitten im Winter und grimmig kalt. Der Kondukteur an meiner Seite hüllte sich in einen großen Schafpelz, ich existierte nicht für ihn. Er hätte mir wohl eine der Pferdedecken anbieten dürfen, die in seiner Nähe unter der Plane lagen; er dachte nicht daran, und ich bat ihn nicht darum, weil ich ihm schließlich ein Trinkgeld hätte geben müssen. So kam ich halb erfroren und mit 50 Centimes in der Tasche in dem ersehnten Paris an. Von Mäntel war mir ein Haus angegeben worden, in dem man mich gut aufnehmen werde: ~Rue du Temple No. 47.~

Ich nahm meinen kleinen Koffer und fragte mich bis zur ~Rue du Temple No. 47~ durch. In einer Viertelstunde war ich am Ziel. Der Portier erklärte mir, ich sei wohl nicht am rechten Ort, es sei hier kein Gasthaus. Ich war bei diesen Worten gewiß sehr erschrocken, denn der Portier, nachdem ich ihm den Namen dessen genannt, zu dem ich zu gehen gedachte, sagte mir tröstend, es sei vielleicht ~Rue vieille du Temple~, wo dieser wohne. Auch dort, wohin ich mich hoffnungsreich begab, wohnte der Mann nicht, den ich suchte. Man nannte mir ~Rue neuve du Temple~, und als ich herzklopfend, weil der Gesuchte wiederum sich nicht dort befand, nach einer andern Straße fragte, die etwa auf das Wort ~Temple~ ausging, schickte man mich ins ~Faubourg du Temple~ und schließlich, da auch dort das richtige Haus nicht war, nach dem ~Boulevard du Temple~. Da war ich endlich, nach zweistündigem, ängstlichem Suchen, erschöpft vor Müdigkeit und Hunger, im rettenden Hafen angelangt. Vertraute deutsche Laute drangen mir entgegen, man gab mir zu essen und zu trinken und wies mir ein kleines Zimmer an. An seinem Geburtstag, deshalb weiß ich noch das Datum, dem 28. Dezember 1846 landete der nun Zweiundzwanzigjährige in Paris, reich an Hoffnungen und -- einen halben Franken in der Tasche. Der angebliche Gesinnungsgenosse, an den ich von Berlin aus gewiesen war, ein gewisser Heidecker, der dies gleiche kleine ~Hôtel garni~ bewohnte, war nicht zu Hause. Als ich mich ein wenig erholt hatte, führte man mich noch in derselben Nacht zu ihm in ein Wirtshaus nahe dem ~Père la Chaise~, wo ich in einen deutschen Gesangverein trat und als ersten Lohn für meine Reiseausdauer meinen unerfahrenen Geist mit der wichtigen Entdeckung bereicherte, daß man in Paris auch den Wein aus Wassergläsern trinke.

Man sang, trank und politisierte, die sozialistische Note beherrschte die Unterhaltung. Auf dem Heimwege und in den nächsten Tagen wurde es mir immer klarer, daß schon in diesem engeren Kreise meiner Landsleute, worüber niemand sich allzusehr verwundern wird, eine große Einigkeit nicht herrschte. Störenfried war wie immer die Eitelkeit, der Ehrgeiz. Es fehlt niemals an Individuen, die es nicht erwarten können, bis sie kraft ihrer besonderen Fähigkeiten an die Spitze einer Vereinigung gelangen; gelingt ihnen das nicht so rasch, wie sie es wünschen, so säen sie Zwiespalt, sammeln ihre Anhänger zu einem Sonderbund, und aus einem Vereine werden zwei. Das geschieht häufig unter den deutschen Arbeitern im Auslande. Heidecker, wie es sich bald herausstellte, war seit kurzem einer sozialistischen Gruppe beigetreten, die sich unter Karl Grün gebildet hatte, und Karl Grün, der Übersetzer Proudhons, machte lebhafte Propaganda für dessen Evangelium, an dessen Spitze zwar die Worte standen: „~La propriété c’est le vol~,“ das jedoch der neu aufkommenden Marxischen Schule und den Programmen aller anderen kommunistischen Vereine den Krieg erklärte. Konnte Proudhon sich auf seine umfassenden nationalökonomischen Studien stützen, so stand seinem Übersetzer nur die Schablone Hegel’scher Dialektik zu Gebote. Karl Grün war, was ich bei unserer ersten Zusammenkunft sogleich bemerkte, eher ein Ästhetiker von der Sorte, welche Goethe mit den Worten gekennzeichnet: „Legt ihr nichts aus, so legt ihr doch was unter“. Er hat ein ungenießbares Buch über Schiller geschrieben. Er war ein „Belletrist“, um mich eines zu jener Zeit gebräuchlichen Ausdrucks zu bedienen, im übrigen ein liebenswürdiger Mann -- in keinem Falle ein Nationalökonom. So machte er denn keinen rechten Eindruck auf einen jungen Menschen, der wie ich, nach Aufklärung über die Probleme des Tages strebte, der die Wassersuppe der damaligen phrasenhaften Ästhetik entschieden verschmähte. Heidecker hatte mich zu ihm geführt. Es kam nun zwischen uns beiden bald zu einem Bruch. Ich verließ das ~Hôtel garni~ auf dem ~Boulevard du Temple~, nahm Wohnung in einem andern Stadtteil, so daß ich nicht allzuweit von dem Atelier war, in dem ich durch einen glücklichen Zufall bald Beschäftigung gefunden hatte. Von der Berührung mit Friedrich Engels hatten mich die Grünianer fern halten wollen. Ich machte ihn in wenigen Tagen ausfindig, schloß mich ihm mit jugendlichem Eifer an, und wir wurden eng befreundet. Darüber im nächsten Kapitel. Hier noch ein Wort über meine typographische Thätigkeit in Paris. Meine Aufgabe war, in einem für den Druck der neu gegründeten Nordbahn und Paris-Lyon-Mittelmeerbahn die einzelnen Teile der Aktien zusammenzusetzen und dann während des Druckes, von einer der zehn Handpressen zur andern gehend, die Nummern zu ändern. Das Atelier war in einem Nebengebäude eines dem Hause Rothschild gehörenden Palastes in der ~Rue Lafitte~ eingerichtet worden, Druckherr war -- der homöopathische Arzt der Frau Baronin Rothschild, dem man auf diese Weise einen hübschen Nebenverdienst zukommen ließ. Er hatte mit der Straßburger Buchdrucker-Firma Silbermann einen Vertrag abgeschlossen, die das Nötige besorgte. Er erschien von Zeit zu Zeit auf einige Minuten im Atelier, ~pour faire acte de présence~, grüßte und entfernte sich lächelnd. Die Arbeit ging bei dem damaligen Stande der Buchdrucker-Technik langsam genug von statten, und um so langsamer, als es hie und da dem Verwaltungsrat der beiden Bahnen, d. h. Herrn von Rothschild gefiel, ganze Partieen der fertig gewordenen Aktien, weil deren Farbe nicht zusagte, einstampfen zu lassen und sie durch neue Exemplare in anderer Farbe zu ersetzen. Daß der junge Sozialist zu der Verschwendung des assoziierten Großkapitals, deren Zeuge er war, seine stillen Glossen machte, daß er schon damals an das manchesterliche Dogma nicht glauben wollte, die Privatgesellschaften arbeiteten billiger als der Staat, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Die Verschwendung mit dem Gelde der Aktionäre, welche von den französischen Finanz-Mächten beim Bau der ihnen vom Staat überlassenen Eisenbahnen geübt wurde, machte sehr bald einer kleinlichen Sparsamkeit Platz, da die Inhaber der Aktien deren Kurs durch Erteilung möglichst hoher Dividenden zu heben suchten. Man muß bekanntlich in Frankreich Billets erster Klasse nehmen, will man dort nur die Bequemlichkeit der Reise genießen, die in Deutschland und der Schweiz in den Wagen zweiter Klasse geboten wird.

V.

Friedrich Engels. Der Kommunistenbund. Heinrich Heine.

Friedrich Engels war in Paris vom Januar bis zum Herbst des Jahres 1847 mein einziger Umgang. Wir brachten die Abende fast ausschließlich zusammen zu und am Sonntag machten wir häufig gemeinsame Ausflüge in die Umgegend der französischen Hauptstadt. Er war um fünf Jahre älter als ich und nahm mich gewissermaßen in die Lehre. Ich hatte schon in Berlin sein Buch über die Lage der arbeitenden Klassen in England gelesen. Das bot Unterhaltungsstoff dar, er entwickelte vor mir die Grundzüge der Nationalökonomie, ich hörte ihn gern sprechen, ich war ein leicht fassender Schüler. Er führte mich in den Kommunistenbund ein. Engels und Marx glaubten an den Kommunismus. Bis zu den letzten Konsequenzen ihrer Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung vorgehend, sahen sie bei der zu erwartenden Aufhebung des Einzelbesitzes, der ihnen die Quelle aller Ungerechtigkeit auf Erden war, den Gesamtbesitz als die unausweichliche Folgerung ihrer Geschichtsauffassung und ihres daraus entstandenen sozialen Systems an. Ob die anderen Mitglieder des Kommunistenbundes an die Möglichkeit des Kommunismus glaubten? Die Frage klingt sonderbar genug, ich kann sie doch nicht bejahen, obgleich ich selber noch vor Ablauf eines Jahres den Kommunismus, wie wir später sehen werden, in einer von mir verfaßten Broschüre gegen einen seiner Angreifer verteidigte.

Was einen jungen Menschen meiner Natur für die Marx-Engels’sche Lehre zunächst einnahm, das war der wissenschaftliche Grund und Boden von dem sie ausgeht. Sie erkennt das historisch Gewordene als das Notwendige an, kennzeichnet in einleuchtender Weise die verschiedenen Produktionsformen, welche einander in der Kulturentwicklung der Menschheit ablösen und nach gewissen Zeitabschnitten immer weiteren Kreisen die Bahn zur Freiheit und materiellen Unabhängigkeit öffnen; sie weist darauf hin, wie in unserer Zeit die herrschende Produktionsform, die der freien Konkurrenz, schließlich zum Krieg aller gegen alle geworden und zweifellos einer neuen Produktionsform Platz machen müsse, welche die ungehinderte Ausbeutung des Privateigentums, die zum Massenelend führe, durch Begründung des ausschließlichen Kollektiveigentums und der kommunistischen Gesellschaft ablösen müsse, die gewissermaßen den Abschluß aller wirtschaftlichen Kämpfe ausmachen und die Aufhebung der Klassengegensätze herbeiführen werde. Ob wir nun im Jahre 1847 die Lehre von der unvermeidlichen Verelendung der Massen und besonders die kommunistische Schlußfolgerung, die uns gewissermaßen als eine Krönung der gesamten Kulturarbeit von Jahrtausenden erscheinen mußte, gläubig hinnahmen? Was mich betrifft, so arbeitete ich mich in das kommunistische Glaubensbekenntnis, nicht mit dem Verstande, aber mit ganzer Seele hinein, ich ließ keinen Widerspruch aufkommen, weil er mich in das Nichts zurückgeworfen hätte, mein ganzer Witz wurde der Bekämpfung der aufsteigenden Zweifel dienstbar gemacht. Es ging mir wie allen denen, welche im Glauben allein sich glücklich fühlen und denen dabei der Spott gegen die Nichtgläubigen nicht ausgeht. Von einer wirklichen Überzeugung aber, daß der Kommunismus allein den Abschluß der gewaltigen wirtschaftlichen Bewegung unserer Zeit, ja, aller Zeiten bilden müsse, war schon deshalb nicht die Rede, weil man sich gar nicht bestrebte, sie zu gewinnen. Man glaubte.

Nun stand ich doch mit zweiundzwanzig Jahren auf einer Bildungsstufe, welche eher zur Skepsis geneigt macht. Wie sah es aber bei der Mehrzahl der Mitglieder des Kommunistenbundes aus? Wie Leute aus dem Volke die Predigt des Herrn Pfarrers, der ihnen persönlich Vertrauen einflößt und ja ein braver Mann ist, so nahmen auch die jungen Kommunisten die Lehre von der Aufhebung des Privateigentums und seine Ersetzung durch das Kollektiveigentum ohne viel Kopfzerbrechen hin. Für sie handelte es sich, und das beschäftigte sie vor allem andern, um eine Besserung ihres materiellen Daseins, die ja auf Grund der Entwicklungsgeschichte der Menschheit doch einmal kommen mußte. Daran glaubten sie und das mit Recht. Zu welchem letzten Ziel die ihnen vorgetragene Theorie führte, ob dies auch erreichbar sei, das machte ihnen keine Sorge. Anders sollte es werden und besser. Das leuchtete ihnen ein. Und dann übt ja, um es nicht zu vergessen, das Geheime, das Verbotene einen ganz besondern Reiz auf den Menschen aus, namentlich, wenn er allein steht und für sein Thun nicht das Wohl von Weib und Kind abzuwägen hat. Man vergesse auch nicht, welchen Einfluß die Atmosphäre in Paris auf uns ausüben mußte. Man atmete den Hauch der großen Revolution und des Juliaufstandes, deren Denksäule auf dem Platz errichtet worden war, auf dem die Bastille gestanden. Die Pariser Arbeiter bildeten damals schon, was in Deutschland nirgends der Fall war, einen ausgesprochenen Gegensatz zur herrschenden Bourgeoisie, den die Unvernunft Guizots, sie von allen politischen Rechten hartnäckig auszuschließen, aufs höchste trieb. Die Blindheit dieses gelehrten, jedoch allem Verständnis für seine Zeit unzugänglichen Ministers brachte denn auch die revolutionäre Gesinnung der Pariser Bevölkerung rasch zur Reife. Man fühlte, daß die Dinge einer Entscheidung entgegentrieben, und in weniger als einem Jahr war in der That der Thron Louis Philipps zusammengestürzt, und fast der ganze europäische Kontinent stand in Flammen. Das Vorgefühl der kommenden Ereignisse zog uns, wie leicht erklärlich von den Spekulationen über das letzte Ziel der Bewegung der arbeitenden Klassen um so mehr ab, als die Marx’sche Lehre entgegen derjenigen der Utopisten den politischen Sieg der Arbeiterpartei, ihre vor allen Dingen zu gewinnende politische Herrschaft als die Vorbedingung der wirtschaftlichen Umwälzung bezeichnete.

Der Kommunistenbund hatte keinen andern als einen propagandistischen Zweck. Er löste sich also während der politischen Umwälzung des Jahres 1848 auf. Wozu ein Geheimbund, sobald das Vereinsrecht und die Preßfreiheit als Grundrechte der Nation anerkannt wurden, und das allgemeine Stimmrecht, wenn auch im einzelnen mit gewissen Beschränkungen, zur Anwendung gelangte? Eines drängte sich mir schon mit greifbarer Deutlichkeit im Anfang meiner Beteiligung an politischen Dingen auf: das war die Erkenntnis, daß mit der Gleichberechtigung aller die Gleichheit noch lange nicht erreicht ist, daß sie überhaupt unerreichbar ist, weil die Menschen in ihrer Begabung, ihrem Temperament, ewig ungleich sind. Wie die Natur nicht zwei absolut gleiche Ähren in einem Kornfeld hervorbringt, so weisen auch die politisch-gleichberechtigten Mitglieder einer Gesellschaft nicht zwei gleiche Menschen auf.

Engels, der mir mein selbständiges Auftreten in Berlin im Jahre 1848 nie vergeben hat, machte mir den Vorwurf, ich hätte es im Revolutionsjahre „mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu eilig gehabt.“ Ich werde später auf diese ganz ungerechtfertigte Beschuldigung zurückkommen. Im Jahre 1847, als wir in Paris als die besten Freunde lebten, hatte er wohl bemerkt, daß er selber auf die eigentlichen Arbeiterkreise keinen Einfluß auszuüben vermochte. Er war denn doch der reiche Bourgeoissohn, der allmonatlich seinen Wechsel von seinem Vater, dem großen Fabrikherrn in Barmen erhielt; die Sorge des Lebens trat nie an ihn heran, er hatte nichts von einem Arbeiter an sich und war vollkommen in seinem Recht, wenn er eine Maske nicht anlegte, die ihm schlecht gestanden hätte. Als es sich in einer Sitzung des Geheimbundes darum handelte, einen Abgeordneten zum Centralkomitee in London zu ernennen, machte man mich zum Vorsitzenden. Ich merkte, daß es sehr schwer fallen würde, Engels, der seine Ernennung wünschte, durchzubringen; es regte sich eine starke Opposition gegen ihn. Ich erlangte nur seine Wahl, indem ich der Regel zuwider, nicht diejenigen, welche für den Vorgeschlagenen, sondern diejenigen, welche gegen ihn waren, zum Erheben der Hand aufforderte. Dieses Präsidial-Kunststück erscheint mir heute als ein Greuel. „Das hast Du gut gemacht,“ sagte Engels, als wir heimgingen. Ich aber hatte an jenem Abend zum erstenmale die Erfahrung gemacht, daß die Ungleichheit der Menschen nicht bloß in der Ausübung der Gewalt der Starken über die Schwachen, in den staatlichen Einrichtungen zu suchen ist, sondern auch in den Menschen selber liegt, daß die Ungleichheit zwar mit der steigenden Kultur immer mehr von ihrer Schärfe verlieren muß, nie aber ganz verschwinden wird. Ein ähnlicher Abstimmungsmodus wie der, von welchem ich eben erzählte, wird heute zwar von keinem Arbeiterverein zugelassen werden. Die Macht der Begabteren oder auch der Rührigeren über die minder Begabten und minder Rührigen bleibt deshalb doch eine ungeheure -- nicht bloß bei den Arbeitern, sondern bei +allen+ politischen Verbindungen. Wir in der Schweiz wissen etwas davon zu erzählen, wie z. B. die Namen der für diese und jene Wahl aufzustellenden Kandidaten im stillen Hinterzimmer eines Cafés von wenigen Parteiführern gewogen, erlesen, auf die Liste gebracht und schließlich in öffentlicher Versammlung durch Mehrheitsbeschluß durchgesetzt werden. Ein anderer Modus ist nicht zu finden, woraus nur zu folgern ist, was ich oben gesagt, daß die Gleichberechtigung noch lange nicht die Gleichheit in der Praxis ist. Man kann seine Glossen darüber machen, wenn die Männer im Hinterstübchen, welche die Partei-Vorsehung spielen, sich einmal auffallend geirrt haben; ändern kann man es nicht, daß sie die Macht an sich reißen und ausüben und daß die andern sie gewähren lassen.

Erfahrungen solcher Art führten natürlich nicht sogleich zu einer folgerichtigen Anwendung, doch blieben sie in meinem Gedächtnis haften und waren in späterer Zeit nicht ohne Einfluß auf meine Stellung zu jeder Parteipolitik. Der Knecht einer solchen bin ich niemals gewesen. Dazu war ich viel zu sehr Idealist und Individualist.

Ein ausgesprochener Individualist trotz seiner kommunistischen Lehre war auch Engels. Wir konnten deshalb doch sehr leicht mit einander verkehren, weil wir beide ganz unabhängig von einander waren, ich mit meinem bescheidenen, doch für meine Bedürfnisse ausreichenden, er mit seinem bei weitem größeren Einkommen. Für die schönen Künste, besonders für Musik, hatte er keinen Sinn, er glich in dieser Beziehung meinem spätern Freunde Rüstow, der die Trommel als das einzige musikalische Instrument bezeichnete, das er verstehen und das ihn erfreuen könne. Es kam Engels niemals der Gedanke, mir die Kunstschätze von Paris zu zeigen; ich besuchte ohne ihn die Galerieen des Louvre; er sah sich im Theater des Palais Royal die tollsten Possen an, ich bewunderte im ~Théâtre français~ die Rachel als Phèdre. Das hielt er wahrscheinlich für abgeschmackt. Er beschäftigte sich damals ausschließlich mit historischen Studien, deren Ergebnisse er in seinen späteren Schriften glücklich verwertete. Seinen näheren Umgang bildete noch in jenem Jahre ein im Quartier Breda wohnender Maler aus der rheinischen Heimat, Namens Ritter, der in Paris für einen dortigen Bilderhändler echte Niederländer malte, dabei aber natürlich kein Krösus wurde, jedoch mit der lustigen Picarde, die sich zeitweise an ihn gefesselt, ein vergnügtes Dasein führte.

Der zeitgenössischen Litteratur zu folgen, bot mir ein ~Cabinet de lecture~ im Palais Royal die Mittel, das neben französischen und englischen auch die wichtigsten deutschen Zeitungen hielt und über eine ziemlich große Bibliothek verfügte. Dort saß ich eines Tages, tief versunken in die Weisheit eines Journalisten, als plötzlich in dem stillen Saal eine ungewöhnliche Bewegung sich kund gab. Ein Mann in vorgeschrittenen Jahren war eingetreten, bei dessen Erscheinen ein halbes Dutzend Leute dienstfertig ihm entgegen eilten. Man reichte ihm den Arm, man führte ihn zu einem bequemen Sessel, in den er sich niederließ, man gab ihm die Augsburger Allgemeine Zeitung. Ich betrachtete ihn staunend und teilnehmend. Das eine Auge war geschlossen, das andere schien unbeweglich, es folgte nicht den Worten des Zeitungsblattes, sondern dieses wurde vor dem Auge hin- und hergeschoben. Über dem blassen Angesicht lag der Zauber still getragenen Leidens und geistiger Verklärung. Ist das, was ihn unter so viel Schwierigkeiten zum Lesen jenes Blattes geführt, wohl die Anstrengung wert, die er dabei sich auferlegt? mußte ich unwillkürlich mich fragen. Er legte jetzt das Blatt beiseite und erhob sich. Wieder trat eine allgemeine Bewegung im Saale ein. Einer der Herren reichte ihm den Arm und begleitete ihn hinaus, andere folgten bis an den Ausgang des Saales, er nickte dankend, sie verbeugten sich, er verschwand. Wer mochte der Mann sein? Diese Frage beschäftigte, beunruhigte mich lange. Ich entschloß mich endlich, den Saaldiener nach dem Namen jenes kranken Besuchers zu fragen. ~C’était Monsieur Henri Heine~, raunte er mir ins Ohr. Ich war todeserschrocken. Heine fuhr damals noch aus, er war noch nicht an die „Matratzengruft“ gefesselt, von der aus er uns mit seinen erschütternden Lazarusliedern beschenken sollte.

VI.

Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen.

Im Oktober desselben Jahres erhielt ich vom Centralkomitee in London den Auftrag, die „Gemeinden“ in Lyon und der Schweiz zu besuchen und sie durch einige Vorträge in die neue Phase der sozialen Entwicklung einzuführen und auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten. Am Himmel kündigten dunkle Wolken den Sturm des heraufziehenden Sonderbundskrieges an. Die Eisenbahn reichte bis Orleans. In einem Hofe des Börsenviertels zu Paris drückte ich Engels zum Abschied die Hand, ich nahm einen der vier Plätze in der hinteren Abteilung der großen fünfspännigen Diligence ein; sie fuhr auf den Bahnhof, dort wurde unser, von seinen Rädern befreiter Wagen, den wir deshalb nicht zu verlassen hatten, auf die Plattform eines Eisenbahnwagens durch eine Winde gehoben, an den Zug angehängt, und fort ging es nach der berühmten Stadt an der Loire. Im Nu wurde dort unsere Diligence samt ihrem lebendigen Inhalt wieder auf ihre vier Räder gebracht und das bereit stehende Gespann eingehängt; im Galopp ging es über den Marktplatz, wo ich einen Blick auf das Standbild der Jungfrau werfen konnte, und nun rollten wir durch das gesegnete Burgund der volkreichen Stadt am Zusammenfluß der Saone und Rhone zu.