Erinnerungen eines Achtundvierzigers

Part 2

Chapter 23,174 wordsPublic domain

Wenn Ebbe in der Kasse eingetreten war, und das geschah häufig genug, wurde man Vegetarianer bis der Postbote die heißersehnte, aber aus leicht erklärlicher Rücksicht auf die Eltern, niemals geforderte Hilfe aus der Heimat brachte. Und was that mir alle Entbehrung? Es gab für mich in jenen Jahren so viele „Geistesfreuden.“ Für die Erweiterung meiner Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sorgte die große Leihbibliothek von Berends. Von meinem studierenden Bruder erhielt ich täglich fördernde Anregung. Er riet mir, in freien Stunden als Hospitant gewisse Vorlesungen an der Universität mit anzuhören, und das that ich mit religiösem Eifer. Mittags von 12 bis 2 war die Druckerei geschlossen, die nicht weit vom Universitätsgebäude und nicht weit vom Hause des Professors Magnus sich befand, in welchem dieser seine Vorlesungen hielt. Wozu brauchte ich zwei Stunden zu meinem Mittagessen? Eine genügte vollkommen, die andere widmete ich den Studien. So hörte ich zunächst bei Magnus Physik, bei Werder Psychologie, bei Ranke Geschichte. Auch eine Abendstunde von 6 bis 7 war für die Universität bestimmt. Und dazu kam das Theater, das königliche Schauspielhaus, zu dem Herr v. Sommerfeld mir seine Freikarten häufig abtrat. Herr v. Sommerfeld, ein ehemaliger Offizier, war Herausgeber einer wöchentlich erscheinenden Theaterzeitung, die bei uns gedruckt wurde, und deren Satz ich in der Regel besorgte. Wir wurden bekannt, weil ich mir hie und da erlaubte, seinen nicht selten sehr holperigen Stil einigermaßen zu glätten. Das nahm der gute Mann gar nicht übel, er wußte mir vielmehr Dank dafür, ja er übertrug mir einigemale eine mit Freuden aufgenommene Stellvertretung als Rezensent. Man frage mich nicht, was ich als solcher geleistet. Ich zeichnete nicht, meine Sünden gingen also auf Rechnung des Herrn v. Sommerfeld. Selbstverständlich ist es, daß ich, ein unerfahrener Jüngling, ebenso wenig wie er zu dem Amte eines Theaterkritikers berufen war. Das hatte nichts zu sagen. Unsere Theaterzeitung spielte in Berlin keine Rolle, sie schlief auch sehr bald ein.

Aber ich hatte Blut geleckt, ich hatte mich gedruckt gesehen.

Mein Bruder hatte im Jahre 1843 seine Studien vollendet und sein Staatsexamen ehrenvoll bestanden. Er ließ sich als Arzt in einer Provinzialstadt nieder, und ich mußte von nun an, immer noch Lehrling in einer kleinen Buchdruckerei, seiner geistigen Führung entbehren. Er empfahl mich der Fürsorge seines studentischen Umgangskreises, dem ich auch treu blieb, bis der letzte der Freunde sich seinen Doktorhut erworben und sein eigenes Heim sich geschaffen hatte. Eines jungen Mediziners, der später sich um die Einrichtung von Vereins- und Armenärzten in Berlin ein Verdienst erwarb, erinnere ich mich besonders, weil er nach meines Bruders Abreise meine schriftstellerischen Versuche mit wachsamem Auge verfolgte. So holte er mich an einem Sonntag zu einem längeren Spaziergang ab, um mit mir mein jüngstes Opus, das ihm zu Gesicht gekommen, ernsthaft zu besprechen. Dickens war damals der geschätzteste Erzähler, und so hatte ich, wahrscheinlich von diesem großen Meister angeregt, eine Novelle, meiner Meinung nach in des beliebten Engländers Weise, verbrochen. Ich weiß von meiner Schöpfung nur noch, daß die Handlung dem Berliner Volksleben entnommen war. Sonderbarerweise hatte sie in einer Zeitschrift Aufnahme gefunden, deren Herausgeber, ein ~Dr.~ Julius Lasker, vielleicht ein Verwandter des späteren Abgeordneten dieses Namens, sie für würdig der Ehre des Drucks erachtete. Diese Zeitschrift, wenn ich nicht irre, hieß „Der Freimüthige“. Die Kritik meines Freundes richtete sich nun hauptsächlich gegen meine offenbare Unkenntnis des wirklichen Lebens; er machte mich darauf aufmerksam, daß die paar Leute, mit denen ich in den wenigen freien Stunden, über die ich verfügte, freundschaftlich verkehrte, mir vom Berliner Volksleben auch nicht die geringste Anschauung gaben und daß man wohl merke, daß ich meine ganze Weisheit nur aus meiner Lektüre geschöpft hatte. Das sah ich sofort ein und so zog ich aus dieser Unterhaltung mit einem wohlmeinenden Kritiker eine nützliche Belehrung. Von dem Inhalt meiner ersten und einzigen „Novelle“ weiß ich nichts mehr, nicht einmal ihres Titels erinnere ich mich. Ich habe nichts aufgehoben, nichts gesammelt von den jugendlichen Erzeugnissen meiner Feder, auch nicht eine Broschüre, die ich gegen das Ende meiner Lehrzeit geschrieben und die einen Zipfel der sozialen Frage lüftete. Ich hatte das Manuskript an Otto Wigand in Leipzig geschickt, der damals, zu Beginn der politischen Bewegung, eine große Anzahl Broschüren verlegte und mich nach wenigen Tagen mit einem gedruckten Exemplar meiner Arbeit überraschte. Auch von diesem Opus weiß ich nichts Näheres anzugeben. Daß es von einem Handwerker sei, sagte der Titel. Ich habe es seit dem Jahre seines Erscheinens nicht wieder gesehen. Daß es nicht Eitelkeit war, die mich zu schriftstellerischer Produktion antrieb, möchte ich aus dem Umstande schließen, daß ich mich als Autor nicht nannte, daß ich gar keinen Wert auf die Erhaltung jener auffallenderweise ohne alle Schwierigkeit untergebrachten Dokumente aus meinem Jugendleben legte. Es war wohl wesentlich der Drang nach Bethätigung der wogenden Jugendkraft, der mich zur Feder greifen ließ; eine gewisse bestechende Frische und Wärme der Darstellung mochte wohl die rasche Annahme der von mir angebotenen Arbeiten und ihre Drucklegung erklären.

Die von Otto Wigand gedruckte Broschüre brachte mir das erste Honorar ein, ein wichtiges Ereignis im Leben eines jungen Mannes. Mit jener Broschüre, deren Titel ich nicht einmal angeben kann, betrat ich zum erstenmale das Gebiet der sozialen Frage, damit aber auch das Gebiet einer ruhelosen Thätigkeit, die mich die nächsten Jahre beschäftigte, mir die Mitwirkung an dem Werden einer großen sozial-politischen Partei gestattete, meinen Namen in den Jahren 1848 und 1849 an die Oberfläche des öffentlichen Lebens brachte, mich ins Exil führte und mir schließlich nach langer Verschollenheit, aus der ich nicht hervortrat, zu diesen „Erinnerungen“ die Veranlassung gab. Lorenz von Steins Buch -- „der Sozialismus und Kommunismus in Frankreich“, auch dasjenige von Friedrich Engels über „die Lage der arbeitenden Klassen in England“ mochten mir den Anstoß zur Verfolgung dieser Richtung gegeben haben.

III.

Der Berliner Handwerkerverein. Das Rütli.

Friedrich Wilhelm IV. wollte das absolutistische Regiment, das er von seinem Vater geerbt hatte, nicht aufgeben. Er glaubte im Geiste des wohlwollenden Despotismus des achtzehnten Jahrhunderts regieren zu können. Dem von allen Seiten bis an seinen Thron dringenden Ruf nach einer Verfassung schenkte er kein Gehör. Kein Blatt Papier, so erklärte er, solle sich zwischen ihn und sein Volk drängen. Wollte er bei dieser Politik Herr der Situation bleiben, so mußte er seinen Standpunkt auf das energischste verteidigen, unerbittlich jede liberale Regung verfolgen. Dazu aber besaß er nicht Charakter genug. Der Revolution wäre seine Regierung in keinem Falle entgangen, doch wäre er männlich ihr erlegen. Dies sollte nicht sein. Er suchte dem kommenden Sturm auszuweichen, indem er zu halben Maßregeln griff, und so stärkte er die öffentliche Meinung in ihren weitest gehenden Forderungen. Er bewilligte Büchern von mindestens zwanzig Bogen Umfang die Censurfreiheit und erreichte damit nur, daß der Ruf nach vollständiger Abschaffung der Censur nur um so lauter ertönte. Er bewilligte statt der verlangten Volksvertretung mit beschließender Stimme provinzielle Vertretungen mit beratender Stimme; er mußte nachträglich einen Schritt weiter thun und aus den Provinzial-Landtagen den sogenannten vereinigten Landtag hervorgehen lassen.

Lauter halbe Zugeständnisse, für die er statt Dankes nur immer heftigere Angriffe und Erbitterung erntete. Die theologische Richtung, der er huldigte, die theologisierende Diplomatie und Generalität, von der er umgeben war, machte ihn vollends in hohem Grade unpopulär. Es wehte ein pietistischer Wind bei Hofe und ermutigte die protestantischen Synodalbehörden zu strengerer Ausübung der ihnen zustehenden Disziplinargewalt. Damit wurde Öl ins Feuer gegossen. Bei alledem wurde, weil man nicht für bildungsfeindlich gelten wollte, in vollständiger Verkennung aller Verhältnisse die Eröffnung von Arbeiter-Bildungsvereinen gestattet, die natürlich zu Sammelpunkten für alle Nüancen des damaligen Liberalismus sich gestalteten. Der Berliner Handwerkerverein in der Sophienstraße, der im Jahre 1843 gegründet wurde, war eine Bildungsstätte für heranwachsende Revolutionäre, nicht bloß des Arbeiterstandes, sondern aller Berliner Gesellschaftskreise. So wie ich im Sommer des Jahres 1845, zwanzigjährig, von meiner fünfjährigen Knechtschaft losgesprochen wurde, trat ich in den Handwerkerverein ein und während anderthalb Jahren war ich nun eines seiner rührigsten Mitglieder. In dem Vereine wurden belehrende Vorträge gehalten. Die Beantwortung der eingelaufenen Fragen gab zu Diskussionsübungen Gelegenheit. Der Verein hatte seinen Männerchor, sogar einen Kreis junger Poeten aus dem Handwerkerstande. Mein erstes Auftreten mit einem Liede „der Bettelmann“, zu dessen sentimentaler Melodie ich den Text gedichtet hatte, war, wie alles, was der politischen Stimmung der Zeit Ausdruck gab, von ungeheurem Erfolg. Der vor der Pforte des Palastes singende Bettelmann war das Volk, dem in der letzten Strophe zugerufen wurde, um die Freiheit dürfe man nicht betteln, man müsse sie sich erkämpfen. Das Gedicht war recht gering, seine Wirkung aus dem angegebenen Grunde trotzdem sehr groß. Etwas besser, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, waren die Verse, mit denen ich einige Monate später Berthold Auerbach im Handwerkerverein begrüßte. Dem Bettelmann wäre damals in keinem Falle vom Censor das „~imprimatur~“ erteilt worden, der Gruß an Berthold Auerbach erschien Ende 1845 in den poetischen Jahresheften des Handwerkervereins. Er ist nicht in meinem Besitz. Der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“, dem ich zwanzig Jahre später im Bade Tarasp begegnete, erinnerte sich noch wohl des Huldigungsabends, der ihm im Handwerkerverein bereitet worden war, als höflicher Mann natürlich auch meiner poetischen Ansprache.

Begründer und Präsident des Vereins war damals ein städtischer höherer Beamter, ein wohlwollender Mann, gemäßigter Liberaler, der sein Hauptaugenmerk darauf richtete, daß der politisch oppositionelle Geist, der unter uns herrschte, nicht in zu hellen Flammen aufschlug und die Regierung zum Einschreiten veranlaßte. Die eigentliche Seele des Handwerkervereins aber war Julius Berends, ein junger Theologe, der nach seinem ersten Auftreten auf der Kanzel wegen seiner bei den geistlichen Vorgesetzten mißliebig aufgenommenen Betrachtungen über die Bergpredigt kalt gestellt worden war und nun mit seinem Freunde Krause eine kleine Buchdruckerei betrieb, in welcher er selbst am Preßbengel stand. Diese Association war nicht von langer Dauer. Krause druckte vom Jahre 1848 an die damals entstandene „Nationalzeitung“, welcher Schöpfung mehrere Mitglieder des Handwerkervereins, wie Ehrenreich Eichholz, Hermann Lessing und der Assessor Volkmar nahe standen. Die Redaktion übernahm ~Dr.~ Zabel, den ich als Oberrevisor mancher von mir gesetzten Doktordissertation kennen gelernt, die er auf Anordnung der Universität auf die Korrektheit ihres Lateins zu prüfen und eventuell zu korrigieren hatte, ein Liebesdienst, der von den Studenten nicht, wie er es verdiente, dankbar aufgenommen wurde; denn die armen Jungen hatten dafür zwei Thaler für den Druckbogen zu entrichten. Herr Zabel aber erwies sich an der „Nationalzeitung“ als ein eben so gewandter Redakteur wie er in seiner früheren Stellung ein tüchtiger Lateiner gewesen war.

Durch Berends wurde ich in die damaligen litterarischen Berliner Kreise eingeführt. In der Hinterstube eines Cafés am Gendarmenmarkt machte ich die Bekanntschaft Hoffmanns von Fallersleben, des unverwüstlichen Liedersängers; in einem Restaurant an der Spittelbrücke wurde ich in das „Rütli“ aufgenommen, das eine Anzahl junger Poeten, Journalisten und Künstler in geselligem Verein zusammenfaßte. Da kamen Titus Ulrich, ein Epigone der Weltschmerzdichtung, Ernst Dohm und Rudolph Löwenstein, einige Jahre später Redakteure des „Kladderadatsch“, der Komponist Truhn, der Bildhauer Tod, der Karikaturenzeichner Scholz, der lange Saß und verschiedene andere zusammen, deren Namen mir nicht mehr gegenwärtig sind, weil sie im Strom der bald eingetretenen politischen Bewegung versanken und dann nicht mehr ans Tageslicht gelangten.

Es ist überhaupt auffallend, wie gering die Zahl derjenigen war, die, obgleich sie vor 1848 als Führer der litterarischen Opposition die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten und als kommende Männer angesehen wurden, im Revolutionsjahre sich in irgend welcher Weise hervorthaten. Ich erinnere an Bruno Bauer, an Max Stirner und den Kreis lärmender Persönlichkeiten in ihrer Umgebung, die durch ihren offenen Umgang mit emanzipierten Weibern die Blicke auf sich zogen. Nur Edgar Bauer sah man noch in den ersten Monaten des Revolutionsjahres. Er suchte den enthusiastischen Jüngling Schlöffel an sich heranzuziehen, der berufen schien, einst einen Camille Desmoulins zu spielen, sein junges Leben aber bald im Großherzogtum Baden im ersten Gefecht der Aufständischen gegen die preußischen Truppen verlor. Jener Edgar Bauer gab zu Anfang der vierziger Jahre gemeinsam mit dem Elsässer Alexander Weill, der damals Berlin besucht hatte, einen Band Novellen heraus. Sie wurden bei meinem Lehrherrn gedruckt, deshalb hatte ich Bauer einigemal die Korrektur zu bringen. Schon beim Eintritt in sein Zimmer wurde ich durch die obszönen Lithographien verblüfft, die er an die Wand geklebt hatte; auch die Unterhaltung, die er mit mir während des Lesens der Korrektur begann, hatte einen widerwärtigen Charakter. Ich faßte von da ab eine unüberwindliche Antipathie gegen den Menschen, der denn auch, wie ich nachher erfahren, in einem Sumpf versunken ist. Aber auch die Männer im Handwerkerverein, welche berufen schienen, beim Eintritt einer Umwälzung auf der politischen Bühne eine Rolle zu spielen, gelangten zu dieser Ehre nicht. Berends, der wohl mit Glanz in die Nationalversammlung gewählt wurde, blieb ohne Einfluß und fast unbeachtet als parlamentarischer Volksvertreter. Alle diese freisinnigen Vereinsredner, die so großes Verdienst um die Vorbereitung der Ereignisse von 1848 sich erworben hatten, waren eben doch nur Gefühlspolitiker, zur Lösung praktischer Aufgaben fehlte ihnen die Vorschule und der politische Blick. Runge allein machte unter ihnen eine Ausnahme, er war später ein vorzüglicher Verwalter der Finanzen der Stadt Berlin.

Unter den Arbeitern, die zu den Zierden des Handwerkervereins gehörten, ist mein unvergeßlicher Freund, der Goldschmied Bisky als erster zu nennen. Wir schlossen uns eng zusammen. Er war nur wenige Jahre älter als ich, auch ein Stück Poet, seine Freiheitslieder wurden wegen ihres markigen Tons gern gehört und im Album des Handwerkervereins abgedruckt. Er war eine schöne, männliche Erscheinung, mehr als dies: ein goldner Charakter, ein ganzer Mann. In den Verein kam auch ein später in einen politischen Prozeß verwickelter junger Kaufmann Neo mit seinen geistvollen Schwestern, wie denn Frauen und Mädchen an den Vortrags- und Vergnügungsabenden reich vertreten waren. Da wurde manche Blume umflattert, die infolge der nun kommenden politischen Ereignisse einsam verblühen sollte.

In dem Berliner Handwerkerverein atmete man in jenen Tagen den Lebensodem einer für Deutschland nahenden neuen Geschichtsepoche.

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, nach den Kriegen gegen Napoleon, trat eine Wandlung im öffentlichen Geiste ein. Die besten Männer der Nation erstrebten eine stärkere Einheit als sie der deutsche Bundestag darbot, eine Volksvertretung und die Verantwortlichkeit der Regierungen in den bisher absolutistisch beherrschten Ländern. War es damals die studierende Jugend, welche in vorderster Reihe in der freiheitlichen Bewegung stand, so wurde sie im Jahre 1848 durch die vorwärts drängende Jugend der arbeitenden Klassen in die zweite Reihe gedrängt, um teilweise ihren Standesinteressen sich gefangen zu geben und in deren Dienste die Reaktion zu unterstützen. Als charakteristisches Merkmal des Jahres 1848 ist für Deutschland der Eintritt der arbeitenden Klassen in die politische Welt zu betrachten. Das wurde anfangs von dem für Erlangung der Bundeseinheit und eines modernen Verfassungslebens eintretenden bürgerlichen Ständen nicht klar erkannt, es kam diesen erst nach und nach zu vollem Bewußtsein, nachdem aus den anscheinend harmlosen Arbeiter-Bildungsvereinen eigentliche Arbeitervereine hervorgegangen waren, die als ihre Aufgabe die Verteidigung spezieller Arbeiterinteressen darlegten. Diese Interessen gelangten in den neu gebildeten Vereinen nicht von vornherein zu vollem Verständnis der Beteiligten. Eine von der Wissenschaft längst überholte Zunftmeierei, verführte noch viele junge Köpfe zu Forderungen, die sich in den meist sehr der Zeit vorauseilenden sozial-politischen Programmen sonderbar genug ausnahmen. Doch genügten wenige Jahre zur Klärung der Geister, es entstand die sozialdemokratische Arbeiterpartei.

Dieser Entwicklungsgang konnte schon in den Jahren 1845 und 1846 in dem Berliner Handwerkerverein von schärferen Beobachtern vorausgesehen werden. Von Paris in die deutsche Heimat zurückkehrende, wandernde Handwerksburschen, wurden die Apostel einer neuen, der sozialistischen Lehre. Der Handwerkerverein konnte ihnen nicht verschlossen werden. Vorsichtig tastend, suchte ein solcher Sendling, namens Mäntel, Mitglieder für seine geheime Verbindung anzuwerben. Man warnte vor ihm, man hielt ihn für einen Lockspitzel. Damit that man ihm unrecht. Er wandte sich namentlich an die jüngeren, nicht viel über zwanzig Jahre zählenden Vereinsmitglieder. Durch den Schuhmacher Hetzel, einen unruhigen Kopf, den er gewonnen hatte, wurde ich in seine Geheimnisse eingeweiht. Er gehörte nicht der Richtung des in der Schweiz aufgetretenen Schneiders Weitling an, welcher in verschiedenen Schriften die Grundlinien zu einem ihm vorschwebenden utopistischen Gleichheitsstaat gezeichnet hatte, der mir als ein pures Luftgebilde durchaus nicht imponierte; er sprach vielmehr von einer geheimen Arbeiterverbindung, welche auf dem Boden der zunächst zu erlangenden politischen Freiheit die Befreiung des Proletariats von den Fesseln des Kapitalismus sich zur Aufgabe gestellt habe. Ich fühlte aus dem, was Mäntel ziemlich verworren darlegte, den Grundgedanken heraus, daß er die Ansicht vertrat, der historische Werdegang einer sich ankündenden neuen Zeit solle im Auge behalten werden, es handle sich nicht um einen aus dem Haupte eines Schneidergesellen, wie Weitling hervorgegangenen neuen Staat, sondern um die Unterstützung einer aus den gegebenen Verhältnissen mit historischer Notwendigkeit entstehenden Partei, welche in ihrer Weltanschauung den Alltags-Liberalismus nur als eine zu überwindende Zwischenstufe ansah und ihn theoretisch überholt hatte.

Dies leuchtete mir vollkommen ein. Ich hörte Mäntel ruhig an, ohne mich des Weiteren ihm gegenüber zu etwas anderem als zur Diskretion, zu verpflichten, woraus sich die Thatsache erklärt, daß ich selbst meinem Freunde Bisky von dem Gehörten keine Mitteilung machte. Schon seit einiger Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, mir die Welt anzusehen: Ich hatte eine unwiderstehliche Sehnsucht, Paris kennen zu lernen. Schon seit Monaten hatte ich mir von meinem wöchentlichen Verdienst etwas für die Reise zurückgelegt. Meine zwei älteren Brüder, der älteste hatte sich bald nach der Abreise des zweiten, der als Arzt in die Provinz gegangen war, in Berlin niedergelassen, trugen das Ihre zu den Kosten der Reise bei und so durfte ich mich auf den Weg machen.

IV.

Wanderschaft. Robert Blum in Leipzig. Reise nach Brüssel und Paris.

Ich war frohen Mutes. Die Freunde im Rütli hatten mir einige Empfehlungen mitgegeben, unter anderen eine solche an Friedrich Engels in Paris. Der Sängerchor des Handwerkervereins hatte mir am Abend vorher ein Abschiedsständchen gebracht. Wie konnte es mir nun anders als gut gehen? Und es ging nicht schlecht. War ich doch kein verwöhntes Muttersöhnchen. Das damals noch neue Lied „Was braucht man Vieles, um glücklich zu sein“? war mein Leiblied geworden; ich stand ohne jede Anstrengung auf der Höhe der Lebensweisheit seines Verfassers. Das will sagen, daß ich das Leben in keiner Weise kannte und das, was ich als Weisheit ansah, nur die Unerfahrenheit eines eben aus dem Neste fliegenden jungen Zeisigs war. Nur eine wertvolle Eigenschaft war mir für die angetretene Fahrt von der gütigen Natur mitgegeben: die Lust und die Kunst zu lernen. Diese habe ich bis in mein hohes Alter nicht eingebüßt.

Nach Leipzig, wo ich zuerst Rast machte, war mir eine Empfehlung an Robert Blum mitgegeben worden, der sich in weitern Kreisen durch seine politischen Reden bekannt gemacht, auch nach außen hin als Präsident eines sogenannten Redevereins viele Beziehungen angeknüpft hatte und allgemeiner Verehrung sich erfreute. Ich würde ihn abends an der Theaterkasse finden, hatte man mir gesagt. Robert Blum war Kassierer am Leipziger Stadttheater. Er nahm meine Empfehlung freundlich auf, musterte mit wohlwollendem Blick meine jugendliche Gestalt, erkundigte sich nach seinen Berliner Freunden und lud mich ein, mir das Stück anzusehen, das eben gegeben werden sollte. Von dem Stück weiß ich nichts mehr, doch ist mir das joviale Gesicht des Theaterkassierers, aus dessen hellen Augen männliche Energie leuchtete, nicht mehr aus der Erinnerung verschwunden. Wenige Jahre später, und der tapfere deutsche Volksmann fiel als Märtyrer des ersten Freiheitstraumes, den er mitgeträumt. Ich habe seine Witwe in Wabern bei Bern gekannt und sein Söhnchen Hans Blum hat damals auf meinen Knieen sich geschaukelt.