Erinnerungen eines Achtundvierzigers

Part 15

Chapter 153,607 wordsPublic domain

„Wo ist der Syndic von Courlemont hingekommen?“ fragte man mit Besorgnis. Man suchte ihn an allen Orten, wo ein Mann unter den gegebenen Verhältnissen in tiefer Nacht zu suchen war. Verschwunden blieb er, Mann und Gewehr. „Er ist desertiert,“ erscholl es wie aus einem Munde. Und die fröhlichen Lieder, die uns bis dahin über den trägen Lauf der Stunden hinweggeholfen, verstummten. „Vor dem Feinde desertiert! Das muß furchtbar geahndet werden.“ Es wurde sofort ein Kriegsgericht ernannt und eröffnet. Der Ankläger erhob sich. Mit eindringlichen Worten stellte er die tiefe Verworfenheit des Beamten, des Bürgers, des Wehrmannes dar, der heimlich den ihm anvertrauten heiligen Posten verlassen hatte, auf welchem seine Kameraden mit den schwersten Opfern, mit Einsetzung ihres Lebens ausharrten. Er erinnerte an die vielerlei Zeichen bösen Willens, an das öfters verspätete Erscheinen des Angeklagten auf dem Sammelplatz, an die Unsauberkeit seiner Uniform und Waffe, an die üble Laune, die er zu allen Zeiten gezeigt und namentlich an den schmerzlichen Anstoß, den er so häufig bei seinen Vordermännern erregt hatte. Der Verteidiger erhob sich. In kunstvoll gesetzter Rede versuchte er es, die Richter zur Milde zu stimmen. Er schilderte den fleißigen Landmann, den sorglichen Hausvater, den redlichen Bürger, der seine Steuern stets pünktlich bezahlt, nie gegen einen Bettler ein verderbliches Mitleiden gezeigt, mit aller Welt in Eintracht gelebt hatte, mit dem Herrn Oberamtmann wie mit dem Pfarrer und dem Mönch; er führte in rührenden Bildern die Frau, die Söhne und namentlich die Töchter des Angeklagten vor, die Zierden und der Stolz ihres Dorfes, das niemals, seitdem die ersten Hütten dort gebaut worden, einen Verräter in ihrer Mitte gekannt. So sprach der wortreiche und gemütvolle Verteidiger. Aber das Gericht ließ sich nicht irre machen. Es folgte seiner männlichen, soldatischen Überzeugung und Pflicht; es verurteilte den Syndic von Courlemont zum Tode.

Am anderen Morgen erschien der Verurteilte beim Hauptmann. Er sei in dem furchtbaren Raume des Wachtlokals, erklärte er, von einer plötzlichen Übelkeit befallen worden und habe sich zu einem Arzt gerettet, der ihm dann auch ein Zeugnis über seine Krankheit mitgegeben hatte. Der Syndic von Courlemont wurde nicht hingerichtet.

An einem schönen Mittag befand ich mich auf Wache vor dem im Sonderbundskrieg schwer mitgenommenen Jesuitenkollegium. Von meinem hohen Standort aus, an der Zufahrtsstraße, konnte ich rechts hinabsehen gegen das Murtner Thor, links hinab gegen das Romonter Thor. Es war mir befohlen, jede Person, die dem Posten sich nahte, anzurufen. Die Disziplin ist die Mutter des Sieges, ich war selbstverständlich von dem festen Willen erfüllt, den mir gewordenen Befehl pünktlich auszuführen. Da nahte sich tief unten vom Murtner Thor her ein Schatten. Er nahm bestimmtere, er nahm menschliche Formen an. Mein Auge richtete sich immer schärfer auf die verdächtige Gestalt. Es war eine alte Frau, die mühsam ein Bündel Reisig auf dem Rücken, die Höhe hinaufklomm. „~Qui vive?~“ schrie ich sie an, daß es meilenweit zu hören war. „~Bah, bah,~“ schüttelte sie gleichmütig den Kopf. In demselben Augenblick vernahm ich am andern Abhang nach der Seite des Romonter Thors zu das helle Kommando: „~Canonniers, à vos pièces!~“ Das war die Antwort auf mein „~Qui vive?~“ -- Jetzt war die Alte oben. „~Passez au large!~“ rief ich ihr zu. Die Kanoniere standen kampfbereit an ihren Geschützen. Als sie die Alte nun auf sich zukommen sahen, brachen sie in ein Höllengelächter aus, daß man in der guten Stadt Freiburg meinte, die Murtner seien vom Teufel besessen. So wurde uns der Dienst der Freiheit und des Vaterlandes eine Quelle der unschuldigsten Freuden.

Ich sage „des Vaterlandes“. Die Schweiz hatte ich schon liebgewonnen, als ich im Sommer des Jahres 1847 zum erstenmal ihren Boden betrat. Jetzt, drei inhaltsreiche Jahre später, wollte ich mir das Schweizer Bürgerrecht erwerben. Es wurde mir von der Gemeinde Montelier, einem Dorfe dicht bei Murten, zugesagt; die Freiburger Regierung hatte ihre Zustimmung gegeben, der Bundesrat aber versagte die seine.

Als nun meinem Naturalisationsgesuch durch bundesrätlichen Einspruch so unerwartete Schwierigkeiten entgegentraten, suchte ich den großen Berner Politiker Herrn Jakob Stämpfli auf, den ich kurz vorher auf einer Hochzeit im Kanton Bern kennen gelernt hatte, und der mir da mit großer Freundlichkeit entgegengekommen war. Ich besuchte ihn im Gefängnis, wo er eine Strafe für ein Preßvergehen abzusitzen hatte, die er sich mit einer Behauptung über das Verschwinden des Berner Schatzes während der französischen Revolutionszeit zugezogen hatte. Als Gefängnis war ihm ein anständiges Zimmer im Burgerspital, nahe beim jetzigen Bahnhof, angewiesen. Ich traf seine hübsche Frau bei ihm, sie war mit einer Handarbeit beschäftigt und verkürzte ihm plaudernd die Zeit. Herr und Frau Stämpfli nahmen mich sehr freundlich auf. Er schrieb mir einen Empfehlungsbrief an seinen Freund, den Bundesrat Furrer und riet mir, auch einen Besuch bei Herrn Druey zu wagen. Ich ging zu Herrn Bundesrat Furrer. Ich überreichte ihm den Brief des Herrn Stämpfli und trug ihm mein Gesuch vor. Er machte mir auch nicht die geringste Hoffnung auf die Erfüllung meines Wunsches, seine Antwort war ein unzweideutiges, rundes Nein. Der Bundesrat hatte den Beschluß gefaßt, denjenigen Flüchtlingen, welche in ihrer Heimat eine Führerrolle gespielt, eine Einbürgerung in der Schweiz nicht zu gestatten. Mitglieder provisorischer Regierungen waren sogar ausgewiesen worden. Der Mann, der mir ohne alle Umschweife „Nein“ sagte, gefiel mir; er hätte ja sein Nein in ein paar versüßende Phrasen wickeln können, die mich vielleicht verleitet hätten, doch noch, was meine Person betraf, an eine Änderung des gefaßten Beschlusses zu glauben. Er that es nicht, obgleich seine Frau, die zugegen war, mir einen teilnehmenden Blick zuwarf. Und er hatte recht.

Ganz anders benahm sich Herr Druey. Im Gegensatz zu einem ersten, von mir nicht gesuchten Zusammentreffen, nahm er mich mit ausgesuchter Freundlichkeit auf -- ich hatte ihn während der Aufführung des „Marcel“ im Theater gesehen, ich war also für ihn ein Stück Poet, also doch immer etwas, wenn auch wenig genug -- er drückte mich auf das Sofa, schüttelte mir die Hand, sprach mit mir über die Quellen, aus denen ich mein Drama geschöpft, über die Chronik des Froissart, die er vor Jahren mit Interesse gelesen, und schließlich sagte er mir: was mein Naturalisationsgesuch betreffe, so solle ich mir für den Augenblick die Sache aus dem Kopfe schlagen, der Bundesrat könne einen noch so neuen Beschluß nicht jetzt schon zurücknehmen. Die Zeit werde Rat bringen, in einem Jahre, vielleicht schon früher, werde die Geschichte eingeschlafen sein. Dann werde sich alles machen lassen. Er begleitete mich beim Abschied bis an die Thür. Ich war ganz entzückt von dem würdigen und dabei so humanen Manne.

Wir werden bald sehen, wie weit auf dieses Mannes Herzlichkeit zu rechnen war.

Ich habe mich oben lange bei der ~Garde civique~ aufgehalten; sie spielte indessen nur die angenehme Rolle der Abwechslung in dem idyllischen Alltagsdasein der kleinen Stadt. Welch gute Menschen! muß ich noch heute mir sagen, wenn ich an alle die Personen denke, denen ich während meines zweijährigen Aufenthaltes in Murten näher getreten bin. Es waren nicht die banalen Leute, denen man überall und allerwegen begegnet. Wie die Mauern und Türme dem Orte selbst einen individuellen Stempel aufdrücken, so haben seine historischen Zeugen und Denkmäler auch auf die Natur und die Physiognomie des einzelnen Bewohners gewirkt. Es leben so manche liebe und dabei originelle Gestalten aus jener Zeit in meiner Erinnerung fort. Ich darf sie nicht ins Leben rufen, weil an ihre Namen leider sich tragische Ereignisse knüpfen. Wenn man einen noch so kleinen Ort während eines so langen Zeitraums wie nahezu fünfzig Jahre zu überblicken vermag -- wie viel schwere Schicksalsschläge haben da sich indessen vollzogen! Auch auf dem engsten Raume findet die Welttragödie ihre Helden und Opfer.

Herr Druey, der Chef des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, hatte sein liebendes Auge nicht von mir abgewendet. Eines Morgens überraschte mich der mir wohlgesinnte Oberamtmann des Seekreises, Herr Chatoney, in Begleitung des Oberamtsschreibers, um auf Grund eines ihm von Freiburg zugegangenen Befehls Haussuchung in meiner Druckerei und Wohnung zu halten. Ich stand bei der obersten eidgenössischen Behörde in Verdacht, revolutionäre Schriften zu drucken. Dieser Verdacht war vollkommen unbegründet und die Haussuchung brachte in der That nichts gegen mich zum Vorschein. Doch hätte es mir leicht schlimm ergehen können. In meinem Schreibtisch lagen verschiedene Briefschaften; der Herr Oberamtmann öffnete einige, diskret nur nach der Unterschrift blickend, und war beruhigt. Mir klopfte das Herz dabei. Hätte er weiter gesucht, so wäre ihm ein Brief in die Hände geraten, in welchem ein Mann, der seither von der Weltbühne verschwunden ist, bei mir anfragte, ob ich geneigt sei, etwas Politisches für Deutschland zu drucken. Ich hatte abgelehnt. Wie aber hätte ich dies beweisen können, und hätte man überhaupt meinen Beweis abgewartet? Kaum war der Herr Oberamtmann mit seinem Schreiber aus meinem Zimmer, als ich rasch jenen unglückseligen Brief hervorholte, ihn anzündete und in den Ofen warf. In diesem Augenblicke kam der Schreiber wieder herein. Ich war sehr erschrocken. Er hätte merken können, was vorgefallen war, er hätte das verbrannte Papier riechen können. Der Mann hatte keine Nase. Er hatte seinen Regenschirm vergessen, deshalb war er zurückgekehrt.

Einige Tage darauf erfuhr ich aus dem Munde des Herrn Oberamtmanns, daß er, um kein Aufsehen zu erregen, die Morgenstunde des Sonntags gewählt, wo alle Welt sich in der Kirche, keine Seele sich auf der Straße befand, daß er übrigens sich geweigert hatte, den Befehl auszuführen, weil nach freiburgischem Gesetz eine Haussuchung nur auf richterlichen Befehl gestattet sei, daß der Freiburger Staatsrat Herrn Druey gegenüber denselben Einwand erhoben, jedoch mit der Antwort abgefertigt worden sei, er habe einfach dem Befehle zu gehorchen. Das that er schließlich, und ich mache ihm daraus keinen Vorwurf. Die Schweiz kann nicht wegen eines kleinen Buchdruckers in Murten den äußersten Widerstand gegen ausländische Zumutungen fortsetzen, wie sie es zu Gunsten des Prinzen Napoleon Bonaparte gethan. Und dieser entschloß sich zu gehen, als er merkte, daß es um seinetwillen Ernst werden könnte.

Auf meine eigenen Entschlüsse sollte übrigens derselbe Prinz Napoleon sehr bald einen entscheidenden Einfluß ausüben. Sein Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 brachte in mir die schon seit einiger Zeit gehegte Absicht zur Reife, Murten zu verlassen und einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Ich hatte oben gesagt, daß ich „die Geheimnisse des Volkes“ von Eugen Sue in deutscher Übersetzung druckte. Infolge des Staatsstreiches sah der französische Dichter sich veranlaßt, die Fortsetzung seines Werkes einzustellen. Für meine Presse fiel nun die Hauptbeschäftigung dahin, anderes fand sich nicht sogleich. Ich konnte meine Buchdruckerei in den ersten Monaten des Jahres 1852 verkaufen und siedelte nach Zürich über, wo ich an der Universität mich inskribieren ließ.

Aber auch hier hatte ich vor Herrn Druey noch nicht vollständig Ruhe. Ob der Käufer meiner Druckerei, ein urchiger Berner, dem man polizeilich nichts anhaben konnte, etwas für denselben, oben nicht genannten Mann, druckte, weiß ich nicht, doch ich bezweifle es sehr. Nachdem ich seit einigen Monaten unbehelligt in Zürich gelebt, wurde ich eines Morgens auf die Polizei geladen. Herr Billeter, der Polizeisekretär, hatte einen Brief in der Hand, auf Grund dessen er mich befragte, ob ich Beziehungen zu dem Käufer meiner Druckerei in Murten habe. Meine Antwort lautete verneinend. Ob ich nicht wüßte, was derselbe jetzt druckte. Ich mußte wiederum meine Unwissenheit über diesen Gegenstand eingestehen. Ich habe ihm kürzlich einen Brief geschrieben, fügte ich hinzu, er solle mir doch recht bald den Rest meines Guthabens einsenden. -- Nichts sonst? fragte Herr Billeter. -- Sonst nichts! war meine treuherzige und wahrheitsgemäße Antwort. Der Herr Polizeisekretär schenkte zweifellos meiner Aussage volles Vertrauen. Ich stand sehr nahe bei ihm und er hielt den aus Bern eingetroffenen Brief so -- war es vielleicht absichtlich? -- daß ich ihn lesen konnte. Der von Herrn Druey unterzeichnete Brief hatte folgenden Schlußsatz, der sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt hat: „~S’il y a moyen d’éloigner Monsieur Born de la Suisse, ce serait le mieux.~“

Herr Druey hatte ohne Zweifel geglaubt, mit der Art und Weise, wie er die politische Polizei handhabte, seinem Vaterlande nützlich zu sein. Ich will darüber mit dem Manne, der längst im Grabe ruht, nicht rechten. Die Züricher Regierung war nicht seiner Ansicht, sie ließ mich vollkommen unbehelligt; ich muß sogar sagen, daß sie mir während der nächsten Jahre meinen Weg erleichterte. Dasselbe muß ich überhaupt von den vielen schweizerischen Männern sagen, mit denen ich das Glück hatte, in den fünf verflossenen Dezennien in engere oder entferntere Berührung zu kommen. Man hat mich, wenn ich den einzigen Fall Druey ausnehme, stets mit Rücksicht und Wohlwollen behandelt. Und wenn ich meine Erinnerungen an dieser Stelle abbreche, so geschieht es mit dem Dankgefühl eines Mannes, der unverdienter Weise viel Gutes in dem Lande erfahren hat, das er als Verfolgter betreten hat.

Nachwort.

Die fünfzig Jahre, die seit den Ereignissen verflossen sind, an denen ich teilgenommen, haben Deutschland so viele Veränderungen gebracht, daß es mir Bedürfnis ist, ehe ich meine „Erinnerungen“ schließe, eine kurze Betrachtung an das anspruchslos Dargestellte zu knüpfen.

An der Grenze des neuen Reiches eingebürgert, durch den Umgang mit Leuten des jenseitigen Rheinufers, mit deutschen oder deutsch-freundlichen Kollegen an der Basler Universität, und namentlich als Redakteur der „Basler Nachrichten“ stehe ich in unausgesetzter Beziehung zur allgemeinen politischen Bewegung, speziell zum politischen Leben in Deutschland. Ich nehme innigen Anteil an seinen glücklichen Fortschritten und nicht minder an seinen, hoffen wir, unbegründeten Sorgen. Die Überzeugung, von welcher alle politisch denkenden Menschen im Jahre 1848 erfüllt waren, daß die deutsche Einheit nicht ohne harte Kämpfe, nicht ohne „Blut und Eisen“ errungen werden konnte, ist durch den Gang der Geschichte bestätigt worden. Der Riß, der durch die Reformation das deutsche Volk getrennt hat, ist freilich noch immer nicht ganz geheilt. Wäre er unheilbar? Die konfessionellen Gegensätze bestehen auch in der Schweiz, die selbst unmittelbar vor ihrer politischen Erneuerung des Jahres 1848 einen Bürgerkrieg aus religiösen Motiven durchzukämpfen hatte, die in neuester Zeit noch einen Kulturkampf bestanden hat und doch ist die politische Einheit dieser konfessionell und sprachlich geteilten Nation jetzt felsenfest begründet und über allem Zweifel erhaben. Ich bin deshalb überzeugt, daß auch im neuen deutschen Reich die geschaffene Einheit aus konfessionellen Gründen nicht ernstlich gefährdet ist -- so lange nicht ein ungewöhnlicher Unverstand über die Geschicke des Landes verfügt.

Deutschland hat, wie ich überzeugt bin, durchaus keine Ursache, an seiner Zukunft zu zweifeln, so leidenschaftlich auch die Parteikämpfe sind, welche seine Bevölkerung vorübergehend spalten. Man überschaue mit Unbefangenheit, was in den letzten fünfzig Jahren geschaffen worden und man wird über die Größe des Erreichten staunen. Es scheint im Augenblick ein Stillstand in der Entwicklung eingetreten zu sein. Es ist nicht zu besorgen, daß die unterbrochene Arbeit nicht in kürzester Zeit wieder aufgenommen werde. Der konfessionelle Streit, der bis in die Gegenwart wegen des zur Kaiserwürde gelangten protestantischen Fürstenhauses einen unversöhnlichen Charakter anzunehmen schien, wird unter einem jüngeren Geschlecht sich allmählich abschwächen. Nur verlange man nicht, daß in wenigen Jahrzehnten zusammenbreche, woran Jahrhunderte gebaut haben.

Neben dem konfessionellen Streit ist es der die ganze Welt beherrschende Kampf des vierten Standes um seine Selbständigkeit, der die schwere Sorge der Gegenwart bildet. Dieser Kampf, von dessen Anfängen ich in den vorliegenden „Erinnerungen“ als Augenzeuge und Beteiligter erzählt habe, hat seither sein damals ins Auge gefaßtes Ziel erreicht, er hat eine starke Arbeiterpartei geschaffen und so deren geschichtliche Berechtigung bewiesen. Damit ist sicherlich sein Abschluß nicht gewonnen, er tritt vielmehr in eine neue Phase. Eine starke Partei ist entstanden, sie lebt, der Boden zu ihren Füßen ist geebnet. Man ist gespannt auf die Schöpfungen, die sie in Aussicht genommen, sie soll jetzt bauen. Was wird sie bauen? Nichts anderes als was die Zeit ihr zu bauen gestattet. Ein Baum wird seine Äste nicht in hohen Lüften wiegen, dessen Wurzeln nicht tief und weit herum im Erdreich ihre Stütze gefunden haben. So ist in der Geschichte niemals ein neuer Gedanke zur Wirklichkeit geworden, dessen Macht nicht in der Vergangenheit wurzelt. Annehmen, daß in dieser Welt, mit ihren Kasten, ihren Glaubens- und Standesunterschieden, die in der Erziehung, in der Geburt und im Besitz sich äußern, mit ihren Eitelkeiten, ihren Mißbräuchen, mit allen ihren offnen und geheimen Lastern in absehbarer Zeit, bloß durch eine dekretierte Änderung der öffentlichen Einrichtungen eine Welt der materiellen Gleichheit und Selbstverleugnung entstehen könne, das ist ein so in die Augen springender Aberglaube, daß selbst diejenigen, welche an die Verwirklichung eines solchen Traumes zu glauben sich einbilden, sich im Grunde doch bewußt sind, daß sie solches sich eben nur einbilden. Der neue Bau, zu dem der Grundriß noch fehlt, wird noch lange nicht begonnen, er wird überhaupt nicht begonnen werden. Denn es giebt weder einen alten, noch einen neuen Bau, es giebt nur einen einzigen, ewigen Bau, den der Menschheit Urväter begonnen haben, an welchem ein Jahrhundert nach dem andern sich beteiligt hat, indem es verfallene Teile fortgeräumt, um sie durch neue zu ersetzen und auf dem festen Grunde des mühsam Errungenen weiter in die Höhe zu streben, der Gesittung, der Wohlfahrt, der Freiheit einen Tempel zu errichten, zu dem unablässig Steine herbeigetragen werden, der nie ganz vollendet wird und an dem doch Geschlecht um Geschlecht ewig fortarbeiten. Erlahmen die einen, so werden sie durch andere abgelöst, auf Zeiten der Zwietracht folgen kurze Pausen scheinbarer Eintracht. Fort und fort jedoch, wie die nie rastende Stromeswelle, setzt die Jagd nach dem ersehnten und nie erreichbaren Glück wieder ein, das allgemeine Drängen nach einem Ziel, dem unsere Phantasie die verführerischsten Farben leiht, hört niemals auf und keiner erreicht es und jeder verfolgt es. Denn nicht das ferne Ziel bewirkt es, daß unsere Augen leuchten -- am Ende entdecken wir vor dem Ziele doch immer das dunkle Grab -- das Rennen selbst ist unser Bedürfnis und unser Glück, das Ringen, das Vorwärtsdrängen an sich, weil es uns belebt, über die Gemeinheit und die Wirrnisse des Daseins erhebt und für alle Mühsal und Sorgen des Tages uns entschädigt. Darum treibt es uns voran, ewig voran.

Welches Urteil nun haben wir Jubilare einer gewaltigen Bewegung von der Zukunft zu erwarten? Sie wird gerecht sein, sie wird sagen: Vorwärts wolltet ihr? Recht so. Ihr Unterdrückten, Übersehenen, Vergessenen, ihr habt euch an einem Tage heißen Zornes gegen diejenigen erhoben, die aus eurer Schwäche ihre Kraft gewonnen hatten und euch mißachteten. Ihr habt euer Leben eingesetzt und habt jene bekämpft. Wer darf euch tadeln? Ihr wurdet niedergeschlagen. Was thut’s? Ihr habt denen, die euch das Gesetz gemacht und euch beherrscht haben, eure vereinte Kraft gezeigt. Sie rächten sich an solchen, die in ihre Hände gefallen waren, durch grausame Härte; aber sie haben euch kennen lernen und sie begannen diejenigen zu achten, von denen man bisher kaum gesprochen. Ihr erhebt euch aus eurer Niederlage, ihr seid stark geworden. Nur einige Jahrzehnte und ihr stellt eine Macht dar, die aus dem Nichts zum Lichte emporgedrungen ist; man muß mit euch rechnen, ihr steht da als ein lebendiges Zeugnis für die Gesetze der Völkerentwickelung. Mehr noch: Aus den Reihen eurer angeblich gebornen Gegner treten die Denkenden zu euch heran, sie prüfen die Ideen, die eure Waffen waren und die euch getrieben zum Bau von Barrikaden und zur Bekämpfung eines erstarrenden, dem Tode geweihten Systems; eure Ideen erwerben euch Anhänger und immer mehr Anhänger im andern Lager, es kommt euch Hülfe von drüben und ihr werdet nicht mehr als tolle, hirnverbrannte Wesen betrachtet und verabscheut. Die Besten von drüben sagen: Sie haben recht gehabt und hätten wir schon damals aufrecht gestanden, wir hätten neben ihnen gestanden.

Das ist der Sieg der Ideen, der mehr wert ist als der Vorteil des Augenblicks, mehr als materielle Kraft und zufällige Überlegenheit der Arme oder der Zahl, und dieser Sieg über die Geister, er ist die wirkliche, die eigentlich gewonnene Schlacht. So dürfen wir, die Achtundvierziger, in unseren alten Tagen mit Beruhigung aussagen: Wir haben nicht vergeblich gerungen.

Übersehen wir jedoch eines nicht: Die Zeiten sind nicht mehr dieselben. Das, was die Jugend vor fünfzig Jahren in den Kampf getrieben, war der Kampf um die politische Gleichberechtigung und die Einheit der Nation. Die Ernte ist eingeheimst worden, so weit sie reif war. Und so wird auch in Zukunft Frucht um Frucht einzeln gepflückt werden, doch nicht eher als bis sie völlig reif ist. Es kommt auch keinem vernünftigen Menschen mehr in den Sinn, für irgend eine Forderung mit einer andern Waffe als dem Stimmzettel zu kämpfen. Diese Waffe ist von unwiderstehlicher Macht, wenn der öffentliche Geist sie trägt. Im Bewußtsein der Mitlebenden muß eine Forderung als gerecht und verständig, d. h. als erfüllbar anerkannt sein, soll sie als Gesetz ins Leben treten. Auf sozialem Gebiete giebt es keine gewaltsamen Umwälzungen. Was man die Wandlungen der Produktionsformen zu nennen berechtigt ist, das ist stets die Frucht vorausgegangener allmählicher Wandlungen im Verkehr der Nationen, die Folge der Vermehrung der Bevölkerung, der Entdeckung neuer Seewege, der Unzulänglichkeit der alten Produktionsformen zur Deckung der gesteigerten Bedürfnisse gewesen. Es giebt rasch verlaufende politische Revolutionen und sie können lokal beschränkt sein, es giebt soziale Evolutionen, die sich langsam und nur unter dem Einfluß des allgemeinen Weltverkehrs vollziehen. Wohin diese Evolutionen schließlich führen werden, das braucht heute unsere Sorge nicht zu sein. Die Menschheit ist noch jung. Warum soll sie nicht noch hunderttausend Jahre und noch viel länger leben? Welchen Grund haben wir heute, von dem Siege des vierten Standes das Aufhören aller Klassenkämpfe, d. h. eine Entwicklungsstufe zu erwarten, die etwas wie das Paradies auf Erden wäre?

Diese Anschauung gelangt sichtbarlich auch in den Kreisen zur Herrschaft, die sich, so lange es sich um das allgemeine Stimmrecht handelte, als revolutionär bezeichneten. Aus den Sozialrevolutionären werden Sozialreformer, das liegt im Zuge der Zeit.

Wollen wir mit Obigem sagen, daß Deutschland ganz sorglos in die Zukunft schauen darf? Sicher nicht. Infolge seiner Lage im Centrum Europas, von mehr als einer feindlichen Macht an seinen Grenzen bedroht, wird es noch lange auf seine Sicherheit gegenüber äußeren Feinden zu achten haben. Daß seine innere Entwicklung sich ohne allzu harte Reibungen vollziehe, möge man besonders da nicht außer Augen lassen, wo man für Deutschlands Zukunft zumeist verantwortlich ist.

Druck von Gottfr. Bätz in Naumburg a. S.

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