Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 14
-- Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn hier, denn nicht ein einziger der Anwesenden war jemals in Schweinfurt gewesen. Er aber unterhielt uns noch eine halbe Stunde von seinen berühmten Thaten und seinen großen Hoffnungen auf die kommenden Tage, welche Deutschland die Freiheit und Einheit, der Welt das Glück der Verbrüderung aller Völker bringen sollten. Lebhafter, ironischer, aber auch ernst gemeinter Beifall lohnte dem Redner, und das leuchtende Zukunftsbild, das er entworfen, wurde von manchen, die nach ihm das Wort ergriffen, mit kräftigen Farben weiter ausgeführt. Es kam Stimmung in die Versammlung. Nun aber erhob sich der Jüngste unter all den Leuten und goß grausam eiskaltes Wasser über das glühende Pathos, das immer mehr Herzen zu ergreifen drohte. Er ermahnte seine Schicksalsgenossen, die herbe Thatsache nicht außer Augen zu lassen, daß sie auf dem Boden des Exils sich befänden, und daß sie vor allem der Aufgabe zu gedenken hätten, sich auf diesem fremden Boden eine feste Stellung zu erwerben; er führte ihnen zu Gemüte, daß sie besser daran thäten, ihre politischen Hoffnungen auf eine ganze Weile in stiller Brust zu bergen und sie für spätere Tage warm zu halten. Im Augenblick, sagte er, sei für Europa eine Zeit der schwersten Reaktion im Anzuge. Gegen diese jetzt im Saal zum „Maulbeerbaum“ eine ohnmächtige Faust zu ballen, das sei einer leeren Prahlerei gar zu ähnlich und eines Mannes nicht würdig. Wilde Hufe zertreten jetzt den Samen, den wir daheim ausgestreut; er wird trotzdem aufgehen, wenn die rechte Zeit gekommen ist. Den Beginn jener besseren Zeit werden wir im Exil mit unseren pathetischen Reden nicht um eine Stunde beschleunigen. Daß sie jedoch nicht allzulange ausbleibe, dafür werden die eben zur Herrschaft gelangten Gewalten durch ihren Rachedurst und ihre Maßlosigkeiten zur Genüge sorgen. Es ist nicht ganz leicht, nach erloschenem leidenschaftlichen Kampfe plötzlich zu nüchterner Tagesarbeit überzugehen, die verlassenen Bücher wieder hervorzuholen, wieder zu feilen oder zu hobeln; aber man kann sich ja eins dabei singen oder pfeifen, wie der Gesell in der Werkstatt oder der Ackersmann hinter dem Pfluge; man braucht seine ideellen Ziele deshalb nicht aufzugeben.
So etwa sprach der Jüngste in jener Gesellschaft. Und dieser Jüngste war ich. Es hat mich selber und die Meinen allezeit verwundert, daß ich für andere so nüchtern und praktisch zu denken verstand, dazu aber in keiner Weise mich fähig zeigte, wenn es sich um mein eigenes Wohl und Wehe handelte. Eine gewisse, auf das Allgemeine gerichtete Träumerei stellte im Alltagsleben dem unausgebildeten Geschäftssinn stets ein Bein und brachte ihn regelmäßig zu Falle. Das hing mit meinem ganzen Entwicklungsgang zusammen, ich hatte mein inneres Auge früh an allerlei ideale Zukunftsbilder gewöhnt, ich sah im Geiste eine beglückte, schönere Menschheit und kannte doch die wirklichen Menschen so wenig, daß jeder Narr mich hintergehen konnte, der leerste Kopf mir in allen praktischen Dingen weit überlegen war.
Das merkten die guten Leute in der kleinen Stadt Murten, in deren Mitte ich mich nun niedergelassen hatte, sehr bald. Ich war so grenzenlos unerfahren, und hatte doch schon so vieles erlebt. Ich war freilich etwas, das fühlte man in meinem Umgang; aber man fühlte auch das Unausgeglichene, das Unfertige. Man fand nicht gleich den Schlüssel zu den Gegensätzen in meiner Natur, behandelte mich trotz alledem aber mit großer Freundlichkeit und Güte. Ich lernte auch die Menschen und die Dinge um mich her von Tag zu Tag besser kennen, gewann allem die schönste Seite ab, akklimatisierte mich nach und nach, aber doch nicht in dem Grade, daß man mich jemals für einen echten Murtenbieter hätte halten können. Andere, sehr ehrenwerte Deutsche, von denen ich im Verlauf dieses Kapitels sprechen werde, waren viel rascher und viel inniger mit der eingeborenen Bevölkerung, gleichsam wie die mannigfaltigen Bestandteile der Nagelfluh, zu einem Ganzen verwachsen, wenn man auch wohl auf den ersten Blick erkannte, daß sie aus weiter Ferne in das alpine Geröll und Geschiebe geraten waren, das nach und nach zu dem härtesten Gestein zusammengebacken war.
Es war von vornherein kein kluger Gedanke von mir gewesen, in einem so kleinen Landstädtchen -- Murten zählte damals kaum 2000 Einwohner -- eine Buchdruckerei zu übernehmen; es war ja durchaus keine Aussicht, daß ich mir dabei eine einkömmliche, behagliche Stellung erwerben könnte. Die Hauptbeschäftigung für meine einzige Handpresse war der Druck eines zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinenden Blattes, das in der ersten Zeit zweisprachig, deutsch und französisch erschien, bis es zuletzt sich mit dem ehrlichen Deutsch begnügte. An der Redaktion dieses Blattes, „Das Echo vom Moléson,“ war ich mit keiner Zeile beteiligt. Mit dem Herausgeber, einem jungen Advokaten, einem Streber niederster Sorte, war ich durch den ehemaligen preußischen Abgeordneten d’Ester in Bern bekannt geworden. Der Gründer und Eigentümer des auf das Emporkommen einiger jüngerer Politiker berechneten Blattes sorgte für das Manuskript, in welchem fast ausschließlich freiburgische Parteifragen behandelt wurden, ich druckte und bezog die Abonnementsgelder, die jedoch niemals die Kosten deckten. Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß ich dabei keine Seide spinnen konnte. Ich suchte und fand noch andere Arbeit.
Zwei Lehrer in der Kantonshauptstadt waren auf den Gedanken gekommen, Eugen Sues ~Mystères du peuple~ ins Deutsche zu übersetzen, bei mir drucken zu lassen und durch Kolporteurs in der ganzen Schweiz zu verbreiten. Ich half mit an der Übersetzung, ich stand mit den braven Leuten auf freundschaftlichem Fuße. Ich habe sie noch heute in bester Erinnerung. Von dem Herausgeber des „Echo vom Moléson“ kann ich das leider nicht sagen.
Man möchte es als eine üble Laune, einen schlechten Witz oder gar als eine Bosheit in der geschichtlichen Entwicklung betrachten, daß das protestantische, deutsch redende Murten und der Seekreis, dessen Hauptort die alte Veste bildet, zu dem katholischen, französisch sprechenden Kanton Freiburg gekommen sind. Gewiß, man spricht auch französisch in Murten, so etwas wie das ~français fédéral~, mit einem ausgeprägten, lokalen Accent; aber die ganze Ortschaft, eine breite Straße, mit den gewölbten Lauben und den großen Brunnen in der Mitte, mit zwei parallelen Nebengassen, ist ihrer äußern Gestaltung und dem Charakter ihrer Bewohner nach eine deutsch-schweizerische, genau betrachtet, eine bernische Stadt. Speziell für die republikanische, sprachlich und konfessionell gemischte Bevölkerung der Schweiz, verfolgt die Geschichte vielleicht in dem Durcheinanderwürfeln verschiedener Elemente, wie es an dem Gelände des Murtner Sees sich vollzogen hat, einen pädagogischen Zweck. Vertragt Euch! heißt es hier an der Sprachgrenze, und angesichts der Aufgabe, ein unsympathisches Regiment hinnehmen zu müssen. Man verträgt sich in der That -- bis zu einem gewissen Grade.
Als ich nach Murten kam, war noch viel von einem Putschversuch die Rede, der vor dem Ausbruch des Sonderbundskrieges daselbst gegen die Jesuitenherrschaft in Freiburg in Szene gesetzt worden war. Wie zwei andere gegen Luzern damals unternommene Putsche, war auch dieser gescheitert. Die Sprengung des Sonderbundes durch die eidgenössischen Waffen hatte bald darauf die freiheitliebenden Murtner an ihren Bedrängern gerächt, und in Freiburg herrschte eine fortschrittliche, radikale Regierung, die sich kraft der neuen Verfassung den Besitz ihrer Macht auf zehn Jahre gesichert hatte.
In Murten war man der politischen Gesinnung nach radikal. Nach oben hin freilich -- denn es gab auch dort ein oben und ein unten -- blaßte die Farbe der Partei merklich ab. Sowenig wie sie es in den Republiken des Altertums gewesen, ist in denen der Neuzeit die Gleichheit die Schwester der Freiheit. In dieser kleinen Stadt existierten, wenn auch nicht eigentlich Standesunterschiede, so doch gesellschaftliche Stufen, die von den Frauen sehr gewissenhaft, von den Männern, die das öffentliche Leben notwendig zusammenführte, weniger streng, aber immerhin in gewissem Grade innegehalten wurden. So ist es überall in der Schweiz und so wird es zweifelsohne bleiben, solange nicht alle Traditionen ausgelöscht, alle Unterschiede des Besitzes, der Bildung, des Ursprungs verwischt sind. Dagegen zu predigen oder gar zu poltern, ist zwecklos. Die Geschichte selbst sorgt dafür, daß die alten Geschlechter sich ausleben und durch jüngere ersetzt werden. Ich habe dieses historische Gesetz sogar in unserem kleinen Städtchen beobachten können. In dem Kampfe um die äußere Stellung zerbröckelten nach und nach die Felsgesteine altangesehener Familien, junge Alluvialgebilde sammelten sich auf den Trümmern an, und sie werden bald die Schicht in Vergessenheit gebracht haben, auf welcher sie sich jetzt stolz und sicher erheben. Damals, als ich in diese für mich fremde Welt trat, gab es noch -- man lächle nicht! -- eine ~haute volée~ in dem Städtchen. Es gehörten zu ihr eine Anzahl der liebenswürdigsten Familien, die, vor der gemeinen Lebenssorge behütet, einer idealen Geistesrichtung sich hingeben durften, Männer, die auch teilweise akademische Bildung genossen hatten und gern durch Festhalten an akademischen Jugendeindrücken vor dem Untergang im Sumpf des Philisteriums sich schützten.
Es ist etwas Schönes um eine Stadt -- und sei sie noch so klein -- mit reichen historischen Erinnerungen. Stolz auf das immaterielle Erbe vergangener Geschlechter, wird sie stets etwas auf sich halten und jenes Erbe niemals verkommen lassen. Brauche ich zu sagen, daß die hohen, mit starken Türmen ausgestatteten Mauern mich mächtig anzogen, daß ich ihnen sogleich meine Huldigung durch einen Rundgang auf den Zinnen darbrachte, daß ich die in patriotischem Selbstbewußtsein von den Behörden gesammelten und mit religiöser Sorgfalt bewahrten Trophäen aus der Murtenschlacht häufig betrachtete und dabei wahrnahm, wie das ~Noblesse oblige~ in die Seele der Bewohner des Ortes tief eingegraben war. Überall wurde man durch die als selbstverständlich sich äußernde Absicht erfreut, das Ererbte nicht bloß zu erhalten und die historischen Sammlungen zu mehren, sondern auch im Anschluß an die großen Strömungen der Zeit für die kommenden Geschlechter zu sorgen. Vor dem Bernerthor, auf geräumigem Platze gegenüber der von den Belagerungsgeschossen Karls des Kühnen hart mitgenommenen Stadtmauer erhebt sich ein prunkloses, doch in seinen einfachen, harmonischen Linien jedes Auge erfreuendes Schulhaus. Darin befindet sich auch die Stadtbibliothek, für die Einwohnerschaft des kleinen Ortes ein wahrer Segen. Sie wird durch einen jährlichen, von der Stadtkasse gelieferten Beitrag erhalten und vermehrt. Neben einer beträchtlichen Anzahl historischer Werke älterer und neuester Zeit in deutscher und französischer Sprache und den klassischen Dichtern beider Nationen enthält sie in passender Auswahl das Wertvollste aus der populärwissenschaftlichen und schönen Litteratur unseres Jahrhunderts und, da sie jedem Einwohner zugänglich ist, dient sie in erheblichem Maße zur Erfrischung und Ernährung eines auf höhere Ziele gerichteten öffentlichen Geistes. Auch für die Pflege besserer Musik war durch einen gemischten Chor gesorgt, der mit Unterstützung eines kleinen Orchesters im Winter konzertierte, im ersten Jahre meiner Anwesenheit in Murten auch für das große Musikfest in Bern, an dem man sich beteiligte, Händels „Messias“ einstudierte. Das ist gewiß sehr ehrenvoll für ein so kleines Städtchen.
Der große Rathaussaal wurde zu allen künstlerischen Produktionen hergegeben. Da wurden auch Theater gespielt, von einheimischen Kräften, aber auch von den Repräsentanten einer höheren dramatischen Kunst. Herr Direktor Schmitz mit seiner kinderreichen Gattin und einer auserlesenen Truppe besuchte uns häufig. Die blonde Frau Direktor, trotz ihres großen Familiensegens noch immer die jugendliche Liebhaberin, spielte die Luise in „Kabale und Liebe,“ und Herr Heuser, der wegen Teilnahme am badischen Aufstand seine Stellung am Karlsruher Theater hatte aufgeben müssen, gab den Ferdinand. Man war tief erschüttert, und das alte Stadthaus zitterte bis in seine Grundmauern von dem dröhnenden Beifall des Publikums, das mit nassen Schnupftüchern den Heimweg antrat.
An Unterhaltung an den langen Winterabenden fehlte es uns also nicht. Wenn ich an Murten denke, steht es jedoch nicht anders als in sommerlichem Glanze vor mir. In den Straßen, es ist Mittagszeit, ist es sehr still. Vor dem Gasthof zum weißen Kreuz steht einsam ein Frachtwagen -- die Eisenbahn hatte damals das idyllische Seegelände noch nicht durchschnitten -- der Fuhrmann sitzt drinnen bei der dampfenden Suppenschüssel, die Pferde sättigen sich aus der vor ihnen aufgestellten Krippe und wehren sich die Fliegen ab mit ihren Schweifen; das ist die einzige unruhige Bewegung weitum. Gegen Abend fanden sich die verwandten Seelen zusammen, im See beim Baden, beim Glase Bier oder auf einem Spaziergang nach einem der reizenden kleinen Orte am See, nach Pfauen, nach Avenches oder Wifflisburg, dem Aventicum der Römer, am liebsten nach Münchenwyler, dem auf weitausschauendem Hügel an Stelle eines ehemaligen Klosters in prächtigem Garten sich erhebenden Schlosse der Familie Graffenried, und der die weite Landschaft beherrschenden sagenumwobenen gewaltigen Linde, die gleich einer Kathedrale ihren Ehrfurcht gebietenden Bau stolz zum Himmel erhob. Vor mehreren Jahren hat ein Sturmwind endlich auch diesen Giganten gestürzt, es war in der Woche, als der erste Kanzler des neuen deutschen Reiches des Amtes enthoben, von seiner Höhe grollend herniederstieg. Die ganze Landschaft hat seit dem Untergang jener Linde eines ihrer weitest bekannten Wahrzeichen verloren.
XXIV.
Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz.
2.
Man arbeitete, aber man ging auch gern dem Vergnügen nach. Nicht daß aller Welt das Leben wonniglich blühte. Einen wirklich reichen Mann gab es nicht in der Stadt, sondern nur mäßige Wohlhabenheit in einer Anzahl Familien. Die „herrschenden Geschlechter“, wenn dieser Ausdruck damals noch gerechtfertigt war, brauchten mit wenigen Ausnahmen die mancherlei bescheidenen Besoldungen aus ihren vielfachen Ämtern und Ämtlein zur Erhöhung ihres Einkommens und zur Wahrung einer gewissen Präponderanz in ihrer Stellung nach außen hin. Weit und breit keine Industrie, kein beträchtlicher Handel; bei den Krämern und Handwerkern der Stadt versorgte sich die Bauersame rings umher, und so erhielten sich auch lebhafte Beziehungen zwischen Stadt und Land und ein reger Verkehr durch den gegenseitigen Austausch der Waaren.
Ein Vergnügen ganz eigner Art waren unsere kriegerischen Übungen als Glieder der ~Garde civique~. Nichts verpflichtete mich, als einen Fremden, das soldatische Gewand anzulegen und einen Stutzen über die Schulter zu nehmen, um, ganz gegen meine revolutionäre Vergangenheit, die „heilige Obrigkeit, die Familie und das Eigentum“ vor gewaltsamem Umsturz zu beschützen. Aber die ganze männliche Bevölkerung der Stadt gehörte der ~Garde civique~ an, man betrachtete es als eine Ehrenpflicht der liberalen Bürgerschaft, die aus dem Sonderbundskrieg hervorgegangene neue Ordnung zu unterstützen und vor der Wiederkehr der Jesuitenherrschaft zu behüten. Alle meine Freunde machten mit. So erklärte ich mich auf geschehene Anfrage ebenfalls bereit, und Herr Sturmfels, der Feldwebel sandte mir den Uniformrock, den Stutzen mußte ich mir selbst anschaffen. Es war der erste der neuen Ordnung für Spitzkugeln, mit Handhabe am eisernen Ladstock. Ich war sehr stolz auf meine Waffe. Sie gehört mit samt ihrem damals neuesten Mechanismus schon längst zum alten Eisen. Die Toten und die modernen Schießgewehre reiten schnell.
Unser streitbares Korps bestand aus einer starken Schützenkompagnie und etwas Artillerie. Unter den Offizieren der letzteren sehe ich noch unsern kernfesten Dr. Huber, einen vortrefflichen, allgemein beliebten und geachteten Arzt. Unteroffizier war Herr Weger, für mich eine der interessantesten Persönlichkeiten, denen ich in der Schweiz begegnet bin. Er war aus Bayern auf der Wanderschaft nach Murten gekommen, hatte dort als Buchbindergeselle gearbeitet, nach dem Tode seines Meisters die Witwe desselben geheiratet und wurde nach und nach, weil man in ihm den tüchtigen Menschen erkannt hatte, kraft seiner natürlichen Bescheidenheit, seines liebenswürdigen Charakters und seiner sich niemand aufdrängenden starken Intelligenz eines der geschätztesten Triebräder im öffentlichen Gemeinwesen. Lange Jahre mit richterlichen Funktionen betraut, hatte er als Autodidakt und auf dem Wege der Praxis zum Juristen sich ausgebildet; er wurde endlich Gerichtspräsident, und genoß in seinem schwierigen Amte und bei einer gemischten zweisprachigen Bevölkerung das allgemeine Vertrauen, wie es größer nicht einem Wahrer des Rechts zu Teil wird, der in seiner Jugend bei den ersten Pandektisten seine Studien gemacht hat.
Unter den Schützen, zu denen ich gehörte, sehe ich, seine Kameraden fast um Haupteslänge überragend, den stets zu allem guten Thun herrlich angelegten Rektor der Stadtschule, meinen alten Freund, den ~Dr.~ Brunnemann. Er war gleichzeitig mit mir als Flüchtling in die Schweiz gekommen und in Freiburg unter vielen Bewerbern zum Leiter der Jugenderziehung in Murten gewählt worden. Ein gut geschulter preußischer Gymnasiallehrer, hatte er seinem Examinator in Freiburg, einem alten Kanonikus, der sein Latein längst vergessen hatte, durch sein Verständnis des Horaz sehr imponiert. Wir legten weniger Wert auf sein Latein, als auf seinen liebenswürdigen Charakter, seine heitere Laune, seine anregende Gesellschaft, seine Gradheit und Herzlichkeit. Brunnemann war ein geborener Berliner, Sohn eines Geistlichen; er war in Stettin noch nicht lange im Amte, als ihn der Strom der Revolution in seine Wogen zog. Wir nahmen das Mittagsmahl an gemeinsamem Tisch. Da er einige Jahre älter war als ich und es wirklich gut mit mir meinte, folgte ich gerne seinem Rat, namentlich in ästhetischen Dingen, denn -- ich bitte, nicht allzu sehr zu erschrecken! -- ich hatte von Bern den ersten Akt eines Trauerspiels „Marcel“, mitgebracht, und ich war damit beschäftigt, es seiner Vollendung entgegenzuführen.
Der Stoff zu meinem historischen Trauerspiel war glücklich gewählt, und diese Wahl erklärt sich leicht aus den politischen Ereignissen, die ich eben selbst erlebt hatte. Während der blutigen Wirren, welche Frankreich in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts infolge der bei Poitiers von den Engländern erlittenen Niederlage und der Gefangennahme des Königs Johann heimsuchten, hatte das Haupt der Pariser Bürgerschaft, Etienne Marcel, eine Rolle gespielt, die an das Auftreten eines Cromwell dreihundert Jahre später erinnert, und in Frankreich vierhundert Jahre später von den Häuptern der großen französischen Revolution erneuert wurde. Die Jacquerie, welche in dieselbe Zeit hineinfiel, gab dem inhaltreichen Stoff einen sehr bewegten Hintergrund. Dramatische Anregungen hatte ich schon als Knabe genug erhalten durch Herrn von Sommerfeld, den Herausgeber der Berliner Theaterzeitung, der, wie schon erzählt, den sechzehnjährigen Burschen nicht selten an seiner Statt ins Schauspielhaus geschickt hatte, um die Mühe des Schreibens einer Rezension von sich auf ihn abzuwälzen. Das Jahr 1848 und das Frühjahr des Jahres 1849 und was ich dabei erfahren, belebten die frühe Absicht, mich auf dramatischem Gebiet zu versuchen, und so entstand mein Marcel. Die Diktion ist noch ungelenk genug, durch das ganze Stück jedoch pulsiert ein frisches, jugendliches Blut, es ist vom Feuer des jungen Knappen durchglüht, der in der ersten Schlacht sich die Sporen verdienen will, und so kam es, daß „Marcel“ bei seiner ersten Aufführung in Bern, und zwei Jahre später in Zürich eine beifällige Aufnahme fand, die den jungen Dramatiker zu weiteren Bühnenstücken ermutigten, über die er jetzt sehr kühl und nüchtern denkt.
Die erste Aufführung des „Marcel“ beraubte mich der Teilnahme an einer für den Kanton Freiburg interessanten, ebenfalls historisch-dramatischen Handlung. Während ich nämlich dem Schicksal meines Helden auf den Brettern des Berner Theaters beiwohnte, hatte Carrard, ein Parteigänger des gestürzten Jesuitenregiments, einen Putsch in Freiburg versucht, war jedoch mit seinen Bauern an der Überwältigung der liberalen Regierung gehindert und in die Flucht geschlagen worden. Es war freilich schon alles vorbei, als das Korps der ~Garde civique de Morat~ stolz in der Hauptstadt einrückte. Carrard aber war nicht ganz entmutigt, er wiederholte mehrere Monate später den Versuch eines Handstreichs und verlor dabei das Leben. Wer weiß, ob nicht ein Jesuitenzögling kommender Jahrhunderte den Tod dieses Helden dramatisch verherrlicht, wie ich den Tod „Marcels“, des Pariser Rebellen? Die Murtener ~Garde civique~ kam auch diesesmal erst nach dem Ereignis nach Freiburg. Wir hatten keine Gelegenheit, von unserer Tapferkeit Zeugnis abzulegen. Als wir nach drei Tagen uns wieder auf den Heimweg begaben, ließ uns unser Hauptmann auf eine Wiese, rechts von der Straße, abschwenken, und dort in die geduldige Mutter Erde unsere Gewehre entladen.
Es war uns die Ehre zu Teil geworden, die Kantonshauptstadt vor etwaigen erneuten revolutionären Angriffen zu schirmen und diese Ehre teilten wir mit den Bürgerwehren verschiedener anderer Ortschaften, die auf höheren Befehl herangezogen wurden. So hatte ich die Freude, an der Spitze des Kontingents von ~Chatel St. Denis~ meinen Freund, ~Dr.~ d’Ester, als Chef ~de la fanfare~ zu erblicken. Dem ehemaligen Mitglied der äußersten Linken in der preußischen Nationalversammlung hatte es ein besonderes Vergnügen gemacht, in seinen Mußestunden einige junge Dörfler zu einem Trompeterkorps auszubilden, und es war ihm nach redlicher Anstrengung gelungen, ihnen die Marschmelodie des damals so beliebten, entsetzlichen Liedes „~Zin, zin, rataplan! Vivent les rouges, à bas les blancs!~“ beizubringen, sodaß sie es ziemlich erträglich in den Straßen der erstaunten Stadt ertönen ließen. Wir hatten bei unserem nicht allzu strengen Dienst viele heitere Stunden. Ich erinnere mich einer Nacht, wo wir, etwas mehr als ein Dutzend, in einem feuchten Wachtlokal eingepfercht waren, das, von einem schmierigen Öllämpchen karg beleuchtet, von den unedelsten Gerüchen erfüllt war, welche in einem seit Monaten ungelüfteten Raum eine von dickem Tabaksqualm und den Hochgenüssen aus der nächsten Fuhrmannskneipe verpestete Atmosphäre nur zu erzeugen vermochte. Da plötzlich bemerkte man, daß wir einen Wehrmann weniger zählten. Der Syndic, d. h. Gemeindeammann eines welschen Dorfes aus der Nachbarschaft von Murten, war verschwunden. Der Mann stand schon in reifen Jahren, er war nicht, wie viele von uns, Krieger aus Neigung, sondern aus Pflicht und Schuldigkeit, wie das Gesetz der neuen Regierung es den Beamten vorschrieb. Es war ihm sicherlich an der Erhaltung der radikalen Regierung blutwenig gelegen; der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, marschierte er in unseren Reihen und bei der damaligen engen Marschordnung passierte es ihm sehr häufig, daß er seinem Vordermann auf die Ferse trat, was seine Beliebtheit im Korps nicht eben verstärkte.