Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 13
Ich riet den aus Dresden abgezogenen Maikämpfern, sich in kleinen Trupps in ihre Heimat zu begeben. Ihnen würde man wenig anhaben, sagte ich, es gäbe sonst eine zu große Masse der Opfer. Nur auf die Führer werde man fahnden.
Sie zogen traurig ab. Das Gefühl der erfahrenen Niederlage drückte auf ihre Gemüter. Da erschien plötzlich ein Wagen. Heubner und Wagner saßen darin; zu seinem Unglück auch Bakunin, der überall sich unterzubringen wußte. Man hielt einen Augenblick in meiner Nähe, drückte mir die Hand, und ich, von einer bösen Ahnung plötzlich erfaßt, rufe ihnen zu: „Geht nur um des Himmels willen in Chemnitz nicht in einen Gasthof.“ Heubner und Bakunin gingen aber doch in einen Gasthof und wurden in der Nacht von mutig gewordenen reaktionären Wehrmännern verhaftet, nach Altenburg gebracht und an die dort garnisonierenden Preußen ausgeliefert. Wagner nahm bei seiner Schwester Quartier und dies bewahrte ihn vor dem gleichen Schicksal.
Ich war allein in Freiberg zurückgeblieben. Die Sonne senkte sich zum Niedergang. Ein Postillon, der nach Dresden gefahren und mir versprochen hatte, in meine Wohnung zu gehen, und mir von dort so manches, dessen ich bedurfte, zu bringen, war noch nicht wieder erschienen. Als ich den letzten Kameraden verschwinden sah, wurde mir doch etwas unheimlich zu Mute. In einen Gasthof durfte ich nicht gehen. Dort wäre ich von den Verfolgern zuerst gesucht worden. Ich war einen Augenblick ratlos. Da trat ein junger Mann zu mir heran, er nannte sich, er war Student der Bergakademie, er bot mir freundlich ein Unterkommen in seinem Zimmer an; er habe, sagte er, daran gedacht, mich zu sich zu bitten, als er mich so allein auf dem Platze stehen sah, während die anderen abzogen, meine Verabredung mit dem Postillon habe er mit angehört, der werde zu ihm kommen, ich müsse jetzt seine Gastfreundschaft annehmen, da ich gewiß sehr müde sei. Jetzt merkte ich in der That, daß ich sehr müde war, ich hatte seit dem 3. Mai nur eine einzige Nacht geschlafen, und wir waren am Abend des 9ten. Jetzt fiel mir auch ein, daß ich seit dem Abend vorher, seit dem Kuchengeschenk des menschenfreundlichen Konditors fast nichts zu mir genommen hatte. Ich ging mit dem jungen Mann, dessen Name mir leider entfallen ist. Der Gute hatte für ein Abendessen gesorgt, und als ich mich erquickt hatte, legte ich mich aufs Sofa nieder, wo ich sofort in festen Schlaf versank. Ich hatte sein Bett nicht annehmen wollen, und der vortreffliche junge Mann hatte es dann auch selber nicht benützt. Er wachte über mein Wohl und Wehe.
Als der Morgen graute, weckte er mich. „Sie müssen fort,“ rief er arg erschrocken, „die sächsischen Gardereiter sind eben in die Stadt eingezogen.“
„Ist es schon so weit? Gut, so muß ich fort.“
Unter der Kaffeemaschine flackerte die blaue Flamme. Als ich mich angekleidet und gewaschen hatte, war der Kaffee fertig, etwas Brot lag auch bereit. Wir frühstückten rasch. „Es ist toll,“ sagte ich, „wogegen ich mich gestern gesträubt, einen Trupp Freiwilliger nach Böhmen zu führen, das muß ich jetzt für meine eigene Person thun. Das ist der einzige Weg, der mir wahrscheinlich noch nicht abgeschnitten ist. Ich nehme die Richtung nach Annaberg.“
Mein lieber Wirt wollte mich ans Thor begleiten, von dem aus die Straße nach Annaberg führt. Auf dem Wege dahin keine Menschenseele. Es war kurz nach Sonnenaufgang. Als wir das Thor in Sicht bekamen, wurden wir gewahr, daß es von zwei Reitern gesperrt war. Es mochten wohl Rekruten sein. Sie schienen die Pferde, die sich unruhig hin und her bewegten, nicht in der Gewalt zu haben. „Leben Sie wohl und tausend Dank,“ raunte ich meinem Begleiter zu. Im nächsten Moment war ich zwischen den zappelnden Pferden durchgeschlüpft. Ob die Reiter mich bemerkt haben, weiß ich nicht. Sie zerrten an ihren Gäulen, sie machten keine Anstalt, mich zu verfolgen.
So war ich bald auf der offnen Landstraße und schritt tapfer zu. Ich war nie ein starker Fußgänger gewesen. Nach einer halben Stunde eifrigen Marschierens begann die Kraft zu erlahmen, was aus der ungeheuren Anstrengung der letzten Tage sich leicht erklärt. Ich setzte mich auf einen Steinhaufen, um mich auszuruhen. Ein Wagen rollte heran. Seine Insassen, ein junges Brautpaar, das merkte man ihnen an, hielten bei mir und fragten mich freundlich, ob ich mitfahren wolle. Ich nahm dankend an. Sie fuhren nicht ganz bis Annaberg, aber doch eine Strecke weit, um beim Herrn Pfarrer das Aufgebot zu bestellen „Immer so viel gewonnen,“ sagte ich mir. Ob sie in mir einen Flüchtling aus Dresden vermuteten? Möglich. Der Aufstand, wenn auch das ganze Land sich an ihm nicht beteiligte, hatte doch die Sympathien des ganzen Landes.
Voller Dank im Herzen für die wackern Leute zog ich weiter. Und siehe da, als ich wieder eine halbe Stunde gegangen war, stieß ich auf einen Zug unserer Dresdner Freischaaren, der aus einem abseits von der Hauptstraße gelegenen Dorfe, wo die Leute die Nacht zugebracht und sich gründlich ausgeruht hatten, seine Heimfahrt nach Annaberg begann. Ich wurde sofort erkannt. „Sie dürfen nicht zu Fuß gehen, und wenn wir Sie tragen sollten,“ riefen die jungen Leute mir zu. -- „Das ist durchaus nicht nötig,“ erwiderte ich ihnen. „Doch wenn Ihr noch einen Befehl, den letzten, von mir ausführen wollt, so begeben sich zehn Mann wieder zurück in das Dorf und requirieren auf meine Anordnung eine Anzahl gut bespannter Leiterwagen. Ihr seid ja bewaffnet.“
Sie verstanden. Nach einer Viertelstunde waren so viel Wagen vorhanden, daß wir alle fahren konnten. Es hatte keines Zwanges bedurft. Die Bauern betrachteten es als eine Ehrenpflicht, uns nützlich zu sein. Die Wagen setzten sich in Bewegung. Als wir in die Nähe von Annaberg gelangt waren, stiegen wir ab. Da war ich Zeuge einer ergreifenden Szene, die ich nie vergessen werde.
Die ganze Einwohnerschaft der Stadt kam ihren Söhnen entgegen. Sie hatten es drinnen erfahren, daß die braven Jungen aus Dresden nahten. Die Eltern, die Schwestern, die jungen Kinder, die Greise drängten sich um die Wiedergekehrten. „Ist Fritz, ist Hans auch da?“ Man umarmte sich. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die Trauer, daß nichts ausgerichtet worden. „Wir haben uns doch tapfer gehalten!“ -- vernahm ich, wie zum Troste für sich selber und die andern, manche Stimme aus dem wirren Menschenknäuel -- „wir wollen es ihnen ein andermal schon zeigen!“ Ich drückte mich beiseite, ich war innerlich erschüttert. Da trat ein bejahrter Mann, den man an mich gewiesen, zu mir: „Ich heiße Kindermann“, sagte er, „ich weiß, Sie waren mit meinem Sohne Karl in Leipzig sehr befreundet. Er hat uns oft von ihnen geschrieben. Er ist nach Dresden gegangen. Haben Sie ihn gesehen? Wissen Sie etwas von ihm?“ -- „Seien Sie ohne Sorge,“ beruhigte ich den erregten Vater, „ich habe ihn kurz vor unserem Abzug gesehen, er war frisch und munter. Ich bin fest überzeugt, daß er nicht in Dresden geblieben ist. Er wird zunächst nach Leipzig zurückgekehrt und dann, wenn er nicht dort geblieben ist, etwas weiter nach Deutschland hinein gegangen sein. Auf einzelne junge Leute, auf Studenten, fahndet man sicher nicht.“
Der Mann verließ mich nun nicht mehr, er beruhigte sich in meiner Gesellschaft und ich mußte ihm zu guten Freunden nach Annaberg folgen. Am Abend wollte er dann mit mir in sein Heim an der böhmischen Grenze ziehen. Da sollte ich die Nacht bleiben und dann werde man weiter helfen. Wie man sieht, kamen mir in meiner gefährlichen Lage überall gute Menschen entgegen.
Mit der sinkenden Sonne holte Herr Kindermann mich ab. Unser Weg führte durch einen schönen, in Lenzeswonne frisch grünenden Wald im Erzgebirge. Ich hatte mich in Annaberg während mehrerer Stunden ausgeruht, die Kräfte waren wiedergekehrt. Es war kein Marsch, es war ein erquickender Spaziergang, den wir machten. Keine Vogelstimme regte sich mehr in dem Gehölz, es war dunkel geworden, wir gingen plaudernd weiter. Ich hatte viel zu erzählen und der Mann hatte viel zu fragen. Jetzt hatten wir eine Höhe erreicht. Er blieb stehen. „Sehen Sie dort mein Haus,“ sagte aufatmend mein Begleiter. „Die Frau hat die Lichter schon angezündet. Sie wird ängstlich auf meine Rückkehr warten.“ Wir schritten jetzt stumm nebeneinander her auf dem mäßig abwärts sich ziehenden Wege. Als wir dem Hause nahe waren, horchte Herr Kindermann. „Warten Sie hier einen Augenblick,“ sagte er leise, „es sind wie gewöhnlich um diese Stunde Grenzjäger bei mir. Sie trinken ihr Gläschen und spielen Karten dazu. Ich muß meine Frau von dem Besuch unterrichten, Sie müssen hier als ein Verwandter gelten, dann kümmern die Leute sich nicht um Sie.“ Er verließ mich und war nur wenige Sekunden fort. „Kommen Sie nur herein, man hat uns schon lange erwartet,“ rief er mir an der geöffneten Thür zu. Ich trat in ein sehr geräumiges Wirtszimmer, aus dessen fernster Ecke mir eine freundliche Frau freudig aufgeregt entgegeneilte. „Seien Sie herzlich willkommen, lieber Vetter!“ sagte sie und drückte mir die Hand. Rechts von der Thür, an dem einen Tisch nahe beim Fenster wurde es plötzlich still. Die Karten spielenden Grenzjäger schauten mich neugierig an, aber nur einen Augenblick, dann schallte es „Schellenbub und Kreuz und nochmals Kreuz und Trumpf Aß.“ Ich saß in der entfernten Ecke neben der prächtigen Frau, die sich so plötzlich in ihre Rolle gefunden und mich als lieben Vetter begrüßt hatte, ohne mich jemals in ihrem Leben gesehen zu haben. O, die Not lehrt nicht nur beten, sie lehrt vielerlei. Ich erzählte meiner so schnell erworbenen Freundin und Beschützerin von ihrem geliebten Sohn. Sie war stolz auf ihn und sie hatte Grund dazu, ich habe selten einen gleichwertigen, geistig und körperlich so urgesunden und herrlichen Jüngling gesehen wie diesen Karl Kindermann. Mögen ihm diese Zeilen als ein warmer Freundesgruß gelten, wenn sie ihm zu Gesicht kommen sollten. Wie ich später erfahren habe, ist er mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert.
Von ihm war natürlich an jenem Abend fast ausschließlich die Rede. Die Mutter hatte ein Nachtessen besorgt. Wir plauderten noch ein Stündchen, dann mußte ich mich in mein Zimmer begeben, denn am frühen Morgen sollte mein vortrefflicher Wirt mich über die Grenze ins Böhmerland führen.
XXII.
Die Flucht nach Böhmen.
Wir gingen am nächsten Morgen in aller Frühe nach dem böhmischen Fabrikstädtchen Weipert. Herr Kindermann führte mich zu zwei alten Junggesellen, den Brüdern Müller, die sich für politische Dinge ungemein interessierten, sehr liberal dachten und mir ohne weiteres ihre Gastfreundschaft bis zu dem Tage anboten, wo es mir möglich und auch geraten sein würde, weiter zu ziehen. Ich nahm mit Freuden an. Zunächst schrieb ich an meinen allezeit hilfsbereiten Oheim, um ihm meine letzten Schicksale zu erzählen und ihn um die nötigen Subsidien zur Weiterreise zu bitten. Nach einigen Tagen war das Gewünschte eingetroffen und ich konnte nun daran denken, mein sicheres Asyl zu verlassen. Sämtliche Fabrikanten des Städtchens Weipert waren deutsch und liberal gesinnt, in ihrer Lesegesellschaft sah ich sogar in Deutschland verbotene Lektüre offen aufgelegt. Ich durfte trotz alledem nicht vergessen, daß ich mich in Österreich befand, und um von dort weiterzukommen, bedurfte ich eines Passes. Zu einem solchen verhalf mir wieder der brave Herr Kindermann. Er war mit dem Bürgermeister des nahen sächsischen Ortes Jöhstadt befreundet und er hoffte ihn zur Ausstellung eines Passes für mich bewegen zu können. Diese Hoffnung war nicht unbegründet. Denn die städtischen Beamten des damaligen Königreichs Sachsen hatten sich fast ausnahmslos an der damaligen Bewegung zu Gunsten der Reichsverfassung beteiligt. Unter den steckbrieflich Verfolgten befanden sich nicht weniger als 20 Bürgermeister und Stadtverordnete, die Zahl der Verhafteten derselben Kategorie war fast gleich hoch. Der Herr Bürgermeister von Jöhstadt -- jetzt, nach Ablauf eines halben Jahrhunderts begehe ich damit keine Indiskretion, die von mir näher bezeichneten Personen waren ja alle beträchtlich älter als ich -- der Herr Bürgermeister also gestattete seinem Schreiber, einem Verwandten von ihm, mir mit genauer Schilderung meiner Physiognomie einen Paß auf den Namen Karl Fernau auszustellen, verlangte aber auch, auf seine Pflicht gegenüber Weib und Kind hinweisend, daß jener den Paß unterzeichne, was der auch leichten Herzens ausführte. So brachte ich einen Paß nach Weipert zurück, auf Grund dessen mir die Herren Müller einen Postschein nach Karlsbad besorgten, auf welchem ich nach österreichischer Sitte sogleich in den Adelstand erhoben wurde, denn er war für Herrn von Fernau gültig. In Karlsbad hatte ich keinerlei Schwierigkeit, mir auf der Post für die weitere Strecke nach Marienbad die Fahrt zu sichern. Von dort aus gedachte ich am nächsten Morgen über Eger nach Nürnberg zu gelangen. Doch es sollte anders kommen.
Während des Abendessens im Gasthof wurde von den Fremden von nichts anderem als von den Nachrichten über den Dresdner Aufstand gesprochen, und einer der Gäste las aus seiner Zeitung die Meldung aus Eger, daß dort mehrere sächsische Flüchtlinge verhaftet worden seien. Ich that, als hätte ich nichts gehört, unterhielt mich mit meiner korpulenten Nachbarin über das herrliche Frühlingswetter und das satte Grün, das rings um Marienbad das Auge erfreue. Sie stimmte ein, sie war ganz glücklich über die Erfolge der Kur, die sie erst seit wenigen Tagen begonnen, und nun habe sie schon sechs Pfund abgenommen. Ich wünschte ihr Glück und ermunterte sie fortzufahren mit der so ersprießlich angewendeten Kur. In einem Zimmer im Erdgeschoß, dem Kutscherzimmer, hatte ich eine alte verräucherte Karte des Königreichs Böhmen an der Wand gesehen. Mit Hilfe derselben suchte ich mich zu orientieren, ob ich nicht Eger umgehen und auf anderem Wege nach Bayern gelangen könnte. Es gab einen Weg, der von Marienbad nach Tirschenreut und von dort nach Amberg und Nürnberg führte. Ein Kutscher, an den ich die Frage richtete, ob er mich am andern Morgen nach Tirschenreut fahren wollte, sagte sofort zu. Er forderte anderthalb Thaler, jedoch in Silber, denn er bleibe nicht in Österreich, wo es nur Papiergeld gebe, das oft schon in der nächsten Stadt nicht mehr angenommen werde. Auch damit war ich einverstanden. Der Mangel an hartem Gelde, selbst an Scheidemünze, war damals in Österreich so groß, daß jede Stadt für den Kleinverkehr, der große stockte ja ganz, Papiergeld anfertigen ließ, und so war ich in den Besitz eines auf geringes blaues Papier gedruckten zwei Zoll großen Kassenscheines gelangt, auf dem die Worte standen: „Für diesen Schein zahlt die Stadt Eger +einen+ Kreuzer.“ In Marienbad war dieser Schein nichts wert. Ich behielt ihn gern als ein historisches Dokument, das mir aber in Straßburg, wo ich einige Wochen später bei einem Banquier eine ganze Mulde voll österreichischer Silberzwanziger sah, abgebettelt wurde, als ich das Kuriosum in einer Gesellschaft zeigte.
Morgens um fünf Uhr fuhren wir von Marienbad ab. Es war ein furchtbarer Knüppelweg, der durch den Böhmerwald führte. Als wir vor einem Wirtshause unweit der Grenze anhielten, um dem geplagten Pferd etwas Zeit zum Verschnaufen zu lassen, lag vor dem Eingang zum Hause die Leiche des Wirts, der in der vergangenen Nacht von Räubern überfallen und ermordet worden war. Der vernachlässigte Wald, die entsetzliche Straße, die zerlumpten und hungernden Bewohner, die zu den wenigen schlechten Hütten paßten, an denen wir vorüberfuhren, gaben kein glänzendes Zeugnis von der Fürsorge, welche Fürst Metternich während seiner Herrschaft über die Unterthanen Seiner kaiserlich-königlichen Majestät entfaltet hatte. Auf der bayrischen Seite sah es dann etwas besser aus, wenn auch nicht gerade glänzend.
Es mochte etwa zehn Uhr sein, als wir in Tirschenreut anlangten. Der Gasthof, wie dies allgemein üblich ist, hatte seine Dienstenstube, auf welche die Herrenstube folgte. Man geleitete mich in die letztere; ich fragte nach dem Abgang der Post. Ich brauche mich nicht zu beeilen, lautete die Antwort, vor der Mittagsstunde sei die Post jedenfalls nicht zu erwarten. Ich bestellte mir ein Frühstück und regelte indessen meine Schuld an den Kutscher. In diesem Augenblick ertappte ich mich auf einem großen Leichtsinn, der mich in bittere Verlegenheit bringen sollte. Seitdem ich Dresden verlassen, hatte ich keine Gelegenheit gehabt, meine Börse zu ziehen. Mein Oheim hatte mir nach Weipert preußische Kassenscheine geschickt. Diese benützte ich zum Zahlen der Postkarten, zum Einkauf von Wäsche in Karlsbad, zur Berichtigung von allerlei Ausgaben. Als ich nun aus meiner Börse einen harten Thaler und zwei kleinere Geldstücke für meinen Kutscher nahm, bemerkte ich zu meinem schlecht verhehlten Schrecken, daß dieses Geld aschgrau aussah, daß es Blei ähnlich war. Der redliche Kutscher nahm mein Geld dankbar an und sagte nichts. Da in Dresden schließlich Munitionsmangel eintrat -- die Patronen wurden im Rathause von gefangenen Soldaten für uns angefertigt, am Ende mit Kanonenpulver, weil wir zuletzt kein anderes hatten -- so behielt ich immer einige Patronen in der Tasche, um alle mir von einzelnen Aufständischen ausgesprochenen Reklamationen und Befürchtungen damit zum Schweigen bringen zu können.
Nach einer Stunde, als der Kutscher weiter fahren und mit dem Zehnsilbergroschenstück seine Rechnung bei dem Wirt zahlen wollte, mochte dieser wohl ein bedenkliches Gesicht gemacht haben; denn ich hörte durch die kaum angelehnte Thür meines Zimmers, wie der Kutscher zu ihm sagte, er habe noch zwei solch bleigraue Geldstücke. Und nun hörte ich den Wirt klimpern und klimpern. Er wolle beim Nachbar fragen, sagte er endlich, ob das Geld wohl echt sei. Nach einer kleinen Weile kam er mit dem Bescheid zurück, der Nachbar kenne sich in den Dingen nicht aus, er wisse es nicht.
In diesem Augenblick hielt ich meine persönliche Intervention für geboten. Ich trat zu den beiden Männern und sagte in möglichst gleichgültigem Ton zu dem sehr ernst gewordenen Wirt, er wisse ja aus den Zeitungen, daß in Dresden ein Volksaufstand ausgebrochen sei. Man habe vorige Woche überall die Kommunalgarde nach der Hauptstadt einberufen und sie auch mit Patronen versehen. Da sei mir eine in der Tasche ausgelaufen, und von dem Pulver sei das Silber so grau gefärbt worden. Er solle das Geld nur mit Seife abwaschen und er werde es wieder blitzblank sehen. Es sei uns im Moment des Abmarsches Gegenbefehl zugekommen, ich habe sofort eine Geschäftsreise antreten müssen und nicht daran gedacht, selber das Geld abzuwaschen.
Der Wirt maß mich von Kopf bis zu Fuß mit seinen immer ernster werdenden Blicken. Er begab sich indes an das kupferne Waschgefäß in der Ecke der Wirtsstube; er reinigte das Geld, es erwies sich als echt, er machte sich bezahlt, wünschte dem Kutscher glückliche Reise, mir gegenüber jedoch blieb er stumm. Ich wollte ihn auf die Probe stellen und bestellte ein Mittagessen. Er nickte zustimmend. Darauf bat ich ihn, mich nach Nürnberg einzuschreiben. Der Wirt war zugleich Postmeister. „Haben Sie einen Paß?“ fragte er mich. Ich zeigte ihm das verlangte Dokument. „Ihr Paß ist nicht visiert,“ sagte er. „Sie haben Zeit“, fuhr er nach einer unheimlichen Pause fort, „Sie können ihn hier auf der Polizei visieren lassen, dort auf dem Schloß“ -- und er wies auf ein altertümliches Gebäude -- „dann können Sie Ihren Postschein haben.“
Mit einem falschen Paß selber auf die Polizei gehen? Das Abenteuer schien mir seltsam, es hatte jedenfalls eine sehr unerfreuliche Seite. Ich sah jedoch ein, daß mir hier keine Wahl blieb, ich mußte es bestehen. Nach wenigen Minuten war ich im Schloß. Als ein höflicher Mann klopfte ich an die Thür der „Fremdenpolizei“. Eine helle Stimme rief herein, und ich stand vor zwei oder drei Knaben, die sich hier auf den fruchtbaren Beruf des Schreibers vorbereiteten. Der älteste der Herren Jungens hörte gnädigst meinen Wunsch auf Erteilung des Visums nach Nürnberg an, entfaltete meinen Paß in möglichst langsamem Tempo, betrachtete mich und mein Dokument, bewegte sich von seinem vergitterten Platz aus einem anderen Zimmer zu, öffnete die Thür und verschwand hinter derselben. Ich war nun allein den anderen jugendlichen Schreibern gegenüber. Sie musterten mich eine ganze Weile. Ich war ihnen nicht interessant. Der eine begann wieder an seinen Buchstaben zu malen, der andere bemühte sich, eine Fliege zu fangen, die ihm über das Papier schlich. Das erweckte plötzlich den Gedanken in mir, daß ich in seinem Treiben etwas Analoges mit dem mir drohenden Schicksal zu erblicken hätte. Wer weiß, ob ich nicht ausersehen war, im nächsten Augenblick die Rolle der Fliege zu spielen. Warum blieb der Andere so lange mit meinem Paß aus? Es stellte sich etwas Herzklopfen bei mir ein. Wäre es nicht geratener, ihm den Paß zu lassen und das Weite zu suchen? Doch wohin in einem Ort, wo ich weder Weg noch Steg kannte? In diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Nebenzimmers und ein alter Beamter, die Brille auf der Nase, erschien in derselben. Er betrachtete das Signalement des Passes und betrachtete mich. Die Operation schien mir über die Maßen lange zu dauern. Die Prüfung war endlich beendet. Er winkte dem Jungen zu. Es hatte also alles gestimmt. Der Alte verschwand wieder hinter der Thür. Der Junge schlich langsam an einen kleinen Tisch, drückte einen Stempel auf meinen Paß, überreichte ihn mir. „Drei Kreuzer.“ „Hier.“ Er nahm das Geld, ich den Paß. Ich war erlöst.
In Nürnberg ging ich nach dieser Erfahrung in ein Hotel ersten Ranges, wo ich den Portier zum Visieren des Passes auf die Polizei schicken konnte, und er brachte ihn visiert zurück. Jetzt dürfen wir ohne Paß reisen, auch eine Errungenschaft des Jahres 1848.
Was mir nun noch auf deutschem Boden begegnete, bis ich das Exil in der Schweiz erreichte, deren Bürger ich geworden bin, steht mit den öffentlichen Angelegenheiten in zu entfernter Beziehung, als daß ich das Recht hätte, es zu erzählen. Ich gehe deshalb zur Schilderung meiner ersten Flüchtlingsjahre über, die nicht ganz ohne politisches Interesse sind.
XXIII.
Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz.
1.
Ich hatte das erste Flüchtlingsjahr in Bern verlebt, wo ich den Neid einiger Schicksalsgenossen erregte, weil ich sofort Beschäftigung fand, und zwar im Journalismus. Dann siedelte ich nach Murten über, wo ich mich in öffentlicher Steigerung in den Besitz einer kleinen Buchdruckerei gesetzt hatte. Damals war ich von meinem natürlichen Hang zu stiller Frohseligkeit noch stark beherrscht und das über die Maßen ruhige und dabei so sonnige Städtchen am See mit seinen kriegerischen Erinnerungen stimmte vortrefflich zu meinem inneren Menschen. Von der Vergangenheit mit Behagen zu plaudern, die Gegenwart nehmen, wie sie sich gab, und die Zukunft ohne Aufregung an mich herankommen zu lassen -- das behagte mir; so resigniert war ich durch die Ereignisse geworden, an denen ich einen für mein jugendliches Alter wohl auffälligen, im Grunde aber bescheidenen Anteil gehabt.
Ich erinnere mich einer Versammlung deutscher Flüchtlinge, die im Herbst 1849 im „Maulbeerbaum“ zu Bern stattgefunden: Da erhob sich ein alternder Mann, der es nicht vergessen konnte, daß er im tollen Jahr in gar kleinem Kreise eine große Rolle gespielt hatte und sich deshalb in seine neue passive Lage durchaus nicht zu finden vermochte. Er hatte sich unter uns, nach dem von den „Fliegenden Blättern“ oft wiederholten Bilde den Beinamen „der Wühlhuber“ erworben. „Meine Herren,“ so begann er mit schmetternder Stimme, „Ihr Gedächtnis hat die Rede treu bewahrt, die ich vor nun bald einem Jahr in der großen Volksversammlung zu Schweinfurt gehalten...“