Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 12
Die Dresdner Bürgerwehr, richtiger „Kommunalgarde“, wollte im Schloßhof eine Demonstration zu gunsten der Reichsverfassung machen, sie wurde durch ihren Oberkommandanten, da er im entscheidenden Moment von seiner Stelle zurücktrat, daran verhindert. Die Bürger schämten sich, ohne etwas gethan zu haben, wieder nach Hause zu gehen, sie hatten durch die Zeitungen eben erst erfahren, wie leicht es den Württembergern geworden, den Widerstand ihres Königs zu brechen, und es war auch eine allgemein verbreitete Ansicht unter den Dresdnern, Friedrich August wolle sich nur ein wenig drängen lassen, um dem König von Preußen gegenüber sich damit entschuldigen zu können, daß er vom Volkswillen zum Nachgeben gezwungen worden sei. Um 1 Uhr mittags sollte der Zug nach dem Schloßhof stattfinden und noch mehrere Stunde nachher stand die Kommunalgarde eines Kommandos gewärtig auf dem alten Markt. Das Volk sammelte sich während dieser Zeit sehr langsam auf den Straßen, erst allmählich sah man größere Trupps erscheinen, die sich aber ziemlich passiv verhielten bis auf einige Äußerungen, die man hie und da vernahm, die aber keineswegs sehr leidenschaftlichen Charakters waren. Es befanden sich noch in keiner Straße soviel Menschen, daß eine Hemmung der hin- und herrollenden Wagen hätte entstehen können. Das Militär war im Schloß, im Zeughause und in allen öffentlichen Gebäuden in der Nähe der Elbbrücke zusammengezogen, es ließ sich noch nirgends blicken; es unterließ es sogar, einzuschreiten, als ein kleiner Haufen junger Leute, die Pferde, die, wie man sagte, den König aus der Stadt bringen sollten, zurückhielt und vor alle Eingänge des Marstalls einige Stangen und Bretter hinlegte, die kaum eine Andeutung von Barrikaden waren. Ich ging mit einem Freunde nach der Elbbrücke. Auf einem Wirtshause in ihrer Nähe flatterte eine schwarzrotgoldene Fahne, etwa zwanzig Menschen sammelten sich um dieselbe und sprachen gegen den Besitzer den Wunsch aus, sie mitzunehmen. Dieser weigerte sich, sie herzugeben, that es aber endlich, als sie ihm bezahlt wurde. Die Kommunalgarde blieb immer noch unthätig, die geringe Anzahl thatkräftigen Volkes aber, das sich zusammen gefunden, war unbewaffnet, und nichts natürlicher, als daß es seine Demonstrationen gegen das Zeughaus begann. Es lärmte in dessen Nähe und machte auch Miene, sich durch Gewalt Waffen zu holen. Da wurden drei Personen niedergeschossen und jetzt erst sah ich leidenschaftliche Gesichter.
Es wurde eine Leiche nach dem alten Markt gebracht. Es findet sich in solchen Momenten stets ein leerer Wagen, der dazu den Dienst leisten muß; es finden sich immer Menschen, die den Wagen mit seiner blutigen Last durch die erschreckten Straßen ziehen. Wir hörten Rachegeschrei. Eine Frau im Hause des zurückgetretenen Oberkommandanten, es war die berühmte Opernsängerin Schröder-Devrient, reißt das Fenster auf und schreit in unartikulierten Tönen zu uns hernieder, daß uns graust. Wir können keine Silbe verstehen, ihre heftigen Gebärden aber sagen allen nur zu klar, daß sie zum Kampf aufruft. Alles schreit nach Waffen und eilt hier- und dorthin, um sich in den Kampf zu werfen.
Auch die Kommunalgarde und die Turnerkompagnie erhielten plötzlich den Befehl, nach dem Zeughaus zu marschieren. Ich schloß mich ihnen, wenn auch unbewaffnet, mit vielen andere an. „Haltet aus, Brüder!“ so wurde ihnen vom Volke zugerufen, doch wir bemerkten manches bestürzte Gesicht unter den privilegierten Bewaffneten. Sie hatten keine Munition. Ein Teil dieser Mannschaft mochte wohl glauben, man marschiere vor das Zeughaus, um das dort zum Sturm bereitstehende, wütende Volk zu vertreiben; ein anderer, kleinerer Teil, um selbst mit Hand an das Zeughaus zu legen, dessen Hauptthor jetzt durch eine verwegene Schaar mehrfach mit einem Wagen angerannt wurde. Doch kaum gab es den Stößen nach, so öffnete es sich auch von innen und drei Kartätschenschüsse wurden hintereinander auf den dichten Volkshaufen abgefeuert. Die Kommunalgardisten stoben nach allen Seiten auseinander, nur die Turner hielten Stand und erschossen zwei Offiziere und einen Kanonier. Die Leichen der Volksstreiter wurden in das dem Zeughause gegenüberliegende Klinikum getragen. Während der darauffolgenden Nacht erstanden in allen Hauptstraßen die Barrikaden, die während sechs Tagen und Nächten mit hartnäckiger Ausdauer gehalten wurden.
Die blutigen Vorgänge am Zeughause wiesen immer ernster auf die Notwendigkeit eines Oberkommandos hin. Der Oberstleutnant Heinze, ehemals in griechischen Diensten, wurde zum Oberkommandanten ernannt, kurz nachdem man den Fehler begangen, Kommunalgarden und Turner nach Hause zu schicken, um sie, wie man sagte, „zur nötigen Zeit“ wieder zusammenrufen zu lassen. Es war vorherzusehen, daß es allen Tambours der Welt nicht mehr gelingen werde, die Kommunalgarde auf die Straße zu rufen.
Am andern Tage begnügte man sich damit, mehr Barrikaden zu bauen. Ich erwartete von dem neuen Oberkommandanten, daß er wenigstens die wichtigsten Punkte werde besetzen lassen. Herr Heinze aber begnügte sich damit, mit einem der am wildesten sich gebärdenden Schreier, dessen ganzes Verdienst darin bestand, daß er den Helm eines gefangenen Reiters auf dem Kopfe trug und einen höchst lächerlichen Anblick darbot, in den Straßen umherzuziehen und Anordnungen anzubefehlen, die dem insurgierten Volke sein eigener Instinkt schon eingegeben. Auf dem Rathause wurden Schußwaffen und Sensen ausgeteilt. Wer ein Gewehr empfangen, konnte ohne weiteres damit fortgehen, wohin es ihm beliebte. Man dachte nicht daran, Kompagnien mit Führern zu formieren, alles lief bunt durcheinander.
Die daheim schon geordneten Zuzüge, die am 4. und 5. Mai, aus allen Orten des Landes kommend, in Dresden sich einstellten, brachten bald ein anderes Leben in die insurgierte Stadt.
Zu gleicher Zeit mit der Ernennung des Oberstleutnants Heinze zum Oberkommandanten der Kommunalgarde wurde auch von den in Dresden anwesenden Abgeordneten beider Kammern die provisorische Regierung gewählt. Nachdem die Abgeordneten Tzschirner, Heubner und Todt ihre Stellung eingenommen, ließen sie sogleich die anwesenden Kommunalgardisten und Freischaaren den Eid auf die Reichsverfassung leisten und zur Verteidigung der Barrikaden kommandieren. Da kam mit einem Male die überraschende Meldung, das Zeughaus wolle sich übergeben. Ich war ganz in der Nähe, der Eingang zum Zeughaus war in der That schon von Kommunalgardisten besetzt und meinem anständigen Rock hatte ich es zu verdanken, daß man mir nicht wie andern Nichtuniformierten den Einlaß verweigerte. Ich erinnere mich, daß jemand hinter mir die Worte äußerte: „Was ist denn der mehr als ich, ich will auch hinein!“ Der Mann hatte recht. Es war der gröbste Fehler, den man begehen konnte, daß man nicht die Massen in das Zeughaus eindringen ließ, Kommunalgardisten waren ja in viel zu geringer Zahl erschienen. Im Hofe des Zeughauses war der Jubel allgemein, die Soldaten umarmten uns, wir tranken uns zu mit Hochs auf die Reichsverfassung, auf die Verbindung von Volk und Heer; ich war der sicheren Überzeugung, daß die Menschen, die sich hier so herzlich die Hände reichten, nie wieder gegeneinander die Waffen ergreifen könnten.
Da trat ein Offizier an mich heran, dem ich deutlich ansah, daß ihm bei der allgemeinen Freude nicht recht wohl zu Mute war. Er sagte etwas verlegen: „Mein Herr, daß hier nur kein Mißverständnis entsteht. Wir wollen das Zeughaus nicht an das Gesindel übergeben, denn es ist unsere Pflicht, das Staatseigentum vor Plünderung zu bewahren. Die Besatzung soll teils aus Militär, teils aus Kommunalgardisten bestehen.“ Etwa hundert bewaffnete Bürger, darunter zehn in Uniform, waren im Hofe des Zeughauses, und trotz des Generalmarsches, der auf Befehl des Oberkommandanten Heinze durch alle Straßen wirbelte, waren nicht mehr Kommunalgardisten aufzubringen, mit denen man das Zeughaus hätte besetzen können. Was Wunder, daß die Offiziere am andern Morgen die Konvention wieder aufhoben, die wenigen Männer aus dem Volke, die während der Nacht im Zeughause geblieben waren, fortschickten und die Eingänge schlossen? Wir hatten also keine Kanonen daraus entnehmen können, wie es auf unserer Seite die Absicht gewesen war.
XX.
Der Maiaufstand in Dresden.
2.
Am Morgen des 5. Mai waren die Barrikaden größtenteils besetzt. Ich ging nach der Schloßgasse, weil ich annehmen durfte, daß hier der Hauptangriff von Seiten des Militärs geschehen werde. Die dem Schloß zunächst gelegene Barrikade war noch sehr schwach und konnte kaum einige Kanonenschüsse aushalten. Die Besatzung nahm meine Ratschläge bereitwillig an und befestigte sie derart, daß sie bald eine der stärksten in der Stadt wurde. Ein Gardist hatte hier das Kommando, er übergab es mit Zustimmung der Mannschaft an mich und ließ sich nicht wieder sehen. Ich gab sogleich Befehl, die Wände der Häuser, die von meiner Barrikade aus sowohl vorwärts nach dem Schlosse zu als rückwärts nach dem Rathause zu liefen, zu durchbrechen, weil ich vorauszusetzen Grund hatte, daß das Militär Cavaignacs Methode vom Juni 1848 befolgen werde. Es war also unsere Aufgabe, dem Militär in der Besetzung der Häuser und dem Vorwärtsdringen durch die durchbrochenen Wände zuvorzukommen. Dieser Maßregel ist es zuzuschreiben, daß die Schloßgasse, der Dardanellenpaß zwischen den Centren der kämpfenden Parteien, wie sie ein Zeitungskorrespondent richtig benannt, unbezwinglich war und daß wir hier bis zum Moment des Rückzugs unsere Positionen behaupteten. Der Oberkommandant, dem ich von meiner Maßregel Kenntnis gab und der sie ganz und gar billigte, that aber nichts, daß dasselbe auch in allen übrigen Straßen geschah, und dieser Fahrlässigkeit ist es zuzuschreiben, daß das Militär plötzlich in Häusern erschien, in denen man es gar nicht vermutete und Straßen, die sich am wirksamsten verteidigt hatten, abzuschneiden drohte.
Nachdem ich meine Mannschaft postiert hatte, trat ein Abgeordneter der sächsischen Kammer zu mir mit der Bemerkung heran, ob wir etwa gesonnen seien, den berühmten passiven Widerstand hier zu wiederholen. Ich schickte ihn sogleich mit der Frage auf das Rathaus, ob auf die mit Soldaten besetzten Fenster des Schlosses Feuer gegeben werden solle? Er brachte mir die schriftliche Antwort, daß man dies meinem Ermessen überlasse, behielt aber diesen Zettel als ein ihm teures historisches Dokument, das er später noch auf der Flucht aus Sachsen besaß, bei sich. Ich ließ sogleich ein Pelotonfeuer auf die Schloßfenster geben und hiermit war der eigentliche Kampf eröffnet. Die Erwiderung vom Schlosse aus ließ keine Minute auf sich warten. Auf allen Straßen der Stadt brach jetzt zugleich das Gewehrfeuer los. Das Militär ließ sich nirgends auf offener Straße blicken, es entwickelte sich ein Kampf von Haus zu Haus. Beide Parteien waren gut gedeckt und diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß trotz des unausgesetzten Feuerns auf beiden Seiten die Zahl der Gefallenen eine mäßige blieb. Die Häuser, welche wir besetzt hatten und besonders die Barrikaden wurden bald mit Kartätschkugeln überschüttet, auch Vollkugeln wurden gegen Erker und Balkone abgefeuert, doch meist ohne große Wirkung, da unsere Mannschaft während des Artillerieangriffs, bei dem die Infanterie nicht vorrücken konnte, sich rechts und links in die Hausfluren in geschützte Stellung begab. Unsere Jungmannschaft verteidigte mit einer Hartnäckigkeit ihre Position, wie dies gewiß selten bei solchen Straßenkämpfen vorgekommen; außerordentliche Anstrengung aber, Übermüdung, nicht Mutlosigkeit, lichtete unsere Reihen von Tag zu Tage. Die Zuzüge, die fortwährend eintrafen, reichten kaum hin, um die Lücken wieder auszufüllen, die durch die Erschöpfung unserer Kämpfer entstanden. Unsere Zahl, die höchstens 3000 Mann betrug, verringerte sich also fortwährend, während die des Militärs, das beim Ausbruch des Kampfes durch preußische Garden unter Oberst v. Waldersee Unterstützung erhielt, fortwährend anwuchs. Unsere Bewaffnung stand hinter derjenigen der Soldaten weit zurück, die zwei Vierpfünder, welche die Freiberger Bergleute mitgebracht hatten, dienten mehr zum Lärmmachen als zu einem namhaften Erfolge gegenüber der sächsischen Artillerie.
Am 6. Mai gelang es dem Militär, den Neumarkt, die Moritzstraße und die innere Pirnaische Straße durch unausgesetzte Angriffe zu gewinnen. Auch von der entgegengesetzten Seite der Stadt, der Ostra-Allee und dem Postplatz kam uns das Militär unaufhaltsam näher und es sind die Verluste, welche wir an diesen Stellen erlitten, teilweise auf Rechnung des Oberkommandanten Heinze zu setzen. Er hatte sehr wichtige Eckhäuser entweder gar nicht oder viel zu schwach besetzen lassen, wie er denn keinen Plan verfolgte, sondern alles den Eingebungen der verschiedenen Barrikaden- oder Viertelskommandanten überließ. Plötzlich drang das Gerücht zu uns, Heinze sei gefangen worden. Er war in seiner bayrischen Uniform am Morgen des 7. Mai ausgegangen, um, wie er sagte, die Stellung des Feindes zu rekognoszieren; er hatte zwei Wehrmänner mit sich genommen, denen er befahl, fünfzig Schritte hinter ihm zu bleiben, und war mit einem Male verschwunden. Man behauptet, vielleicht nicht ohne Grund, er habe sich fangen lassen. Wir wußten in der Schloßgasse, die bisher allen Angriffen widerstanden hatte, von den Verlusten in anderen Teilen der Stadt zwei Tage lang nichts. Einer jetzt von der unserer Schloßgasse parallel laufenden Schössergasse drohenden Gefahr konnte noch begegnet werden, indem wir selbst nach der Schustergasse zu durchbrachen und so den vordringenden Soldaten in den Rücken kamen, die sich nun, um nicht abgeschnitten zu werden, wieder zurückzogen.
Am 8. Mai früh am Morgen wurden sämtliche Viertelkommandanten auf das Rathaus berufen und dort wurde uns die Frage vorgelegt, ob wir glaubten, die Stadt noch länger halten zu können oder ob wir den Kampf aufgeben und den Rückzug anordnen wollten. Ich sah das Gefahrvolle unserer Lage ein, der Sieg wäre nur durch eine kaum noch zu erwartende Vermehrung unserer Streitkräfte zu erringen gewesen, dagegen behauptete ich, daß wir uns mindestens noch 24 Stunden halten könnten und es nicht gestattet sei, eine Position aufzugeben, bevor sie völlig unhaltbar geworden, daß wir das Militär noch eine Zeit lang an verschiedenen Punkten mit Erfolg beschäftigen und so die Entscheidung hinausschieben könnten. Die Möglichkeit des Eintreffens eines stärkeren Zuzugs, so wenig wahrscheinlich eine solche Hülfe jetzt auch sei, nötige uns, bis zum äußersten Moment auszuharren. Ein Hauptangriff war von der Wilsdruffer Seite, dem Postplatze aus, zu gewärtigen. In der Post selbst war ein Corps Techniker, das dieselbe als neutralen Boden bewachen wollte. Herr Heinze hatte diese Bedingung zugelassen, doch gerade die Post hätte von uns sehr stark besetzt sein müssen, weil sie der Schlüsselpunkt der Wilsdruffer Barrikade war. Nun geschah es aber, daß die neutralen Techniker, so wie ihre Stellung gefährlich wurde, diese verließen und daß das Militär den von ihnen aufgegebenen Posten einnahm. Nächst der Post waren es die Soldaten in der Spiegelfabrik, die die Wilsdruffer Barrikade und diejenige am Eingang der Scheffelgasse heftig beschossen, so daß die Kugeln bis auf den alten Markt flogen. Ich schlug deshalb vor, die Spiegelfabrik in der nächsten Nacht in die Luft zu sprengen, dabei einen Ausfall auf die Post und die Geschütze in der Ostraallee zu machen, zugleich die Soldaten, welche rechts und links von der Schloßgasse wieder eingedrungen waren, durch Durchbrechen der Mauern in der kleinen Brüdergasse, ebenso wie es von der Sporgasse aus geschehen war, von ihrem Centrum, dem Schloß, abzuschneiden. Man übertrug mir das Oberkommando. Während des Tages machten wir auf allen Seiten Fortschritte, so daß ich sogar einen Ausfall nach dem Freiberger Schlage machen konnte und dort die Kavallerie, welche unsere Rückzugslinie besetzt hielt, vertrieb. Die Entscheidung hatte ich von der Sprengung der Spiegelfabrik erwartet und ein Zufall mußte diesen Plan vernichten. Die Bergleute, welche die Grube anlegten, konnten ihre Arbeit schon wegen der Gefahr des Verrats, nicht am hellen Tage ausführen; sie ließen deshalb ihre Werkzeuge in dem Loche liegen, um in der Dunkelheit ihre Arbeit zu vollenden. Um zehn Uhr abends kamen sie mit der Meldung zu mir, daß ihnen ihr Handwerkszeug fortgenommen sei und daß sie deshalb heute nicht mehr weiter arbeiten könnten. Es waren in der That zu so später Stunde keine Werkzeuge mehr aufzutreiben und die Sprengung konnte deshalb in dieser Nacht nicht ausgeführt werden.
Ich darf nicht vergessen, an dieser Stelle eine Persönlichkeit zu erwähnen, die ich im Rathause antraf, als mir auf den Antrag der zu einer notwendigen Besprechung einberufenen Viertelskommandanten nach dem Verschwinden des Oberstlieutenants Heinze das Oberkommando übertragen wurde: es war Michael Bakunin, der überall dabei sein mußte, und hier, wie wahrscheinlich an allen anderen Orten, wo nicht das Wort, sondern die That entschied, sehr überflüssig war. In einigen Lebensskizzen, die ihm gewidmet sind, wird Bakunins vermeintlicher Mitwirkung am Aufstande zu Dresden Erwähnung gethan. Er war in früher Jugend Lieutenant in der russischen Artillerie gewesen. Wahrscheinlich deshalb schrieb man ihm eine wichtige Rolle in Dresden zu. Ich habe nur so viel bemerkt, daß er den Mitgliedern der provisorischen Regierung, die im Rathause amtierten, sehr unbequem war, indem er in alles dreinredete und alles von ganz falschen Gesichtspunkten aus betrachtete. Man denke nur einen Augenblick an den ungeheuren Unterschied der Geistesbildung und Weltanschauung deutscher Juristen wie Heubner und Todt und dieses, wenn auch kosmopolitisch angehauchten, immerhin nur stockrussischen ambulanten Revolutionärs. Die genannten Mitglieder der provisorischen Regierung waren liberale deutsche Bürger, die ihr gefährliches Amt gewiß nicht ohne inneren Kampf angenommen hatten und sich ihrer Verantwortlichkeit voll bewußt waren; aber Bakunin! Er träumte von der Errichtung einer großen panslavistischen Republik, die von der sächsischen Grenze, denn Böhmen gehörte ja dazu, bis über den Ural hinaus sich ausdehnte, ihre Macht über den ganzen Osten Asiens erstreckte, überall das russische Gemeineigentum der Bauern an Grund und Boden einführte und damit die Welt erlöste, wenn sie auch gar nicht darauf versessen war, ihre Zivilisation auf den Kulturgrad des russischen Landvolks zurückzuschrauben. Dieser Russe, der absolut kein Auge, keinen Sinn für die wirklichen Verhältnisse hatte, unter denen er in Deutschland lebte, hat natürlich in Dresden auch nicht den geringsten Einfluß auf den Gang der Dinge gehabt. Er aß und trank und schlief im Rathaus, und das war alles. Er hatte auch wirklich Glück in Dingen der Selbsterhaltung. Als die Nacht angebrochen war, meldete man mir, daß ein Zuckerbäcker dem Oberkommando einen Kuchen und zwei Flaschen Rotwein gesandt habe. „Ein cherrlicher Mensch!“ rief er aus. „Dem wird der Chimmel seine Sorge für die Chungrigen lohnen.“ Er aß und trank, legte sich dann auf eine bereit gehaltene Matratze hin und schnarchte, während ich mit Heubner über die Sorge des kommenden Tages mich besprach und wir beide in der Erwartung der nahenden Dinge kein Auge schlossen.
Vor Morgenanbruch wurde die Wilsdruffer Barrikade von den preußischen Soldaten angegriffen. Was ich nur an Mannschaft aufbringen konnte, schickte ich zur Verstärkung an jenen Punkt. Wir mußten der Überzahl weichen, die Barrikade und das derselben zunächst liegende Eckhaus, die Engel’sche Wirtschaft, war nicht mehr zu halten. Ein Mädchen, das an dieser Stelle trotz zweier Verletzungen bis zum äußersten Moment neben ihren Kameraden ausgehalten, kam mit der Meldung, daß die Position verloren sei. Sie hatte Lust, wieder in den Kampf zurückzukehren. Ich überredete sie, jetzt auf dem Rathause zu bleiben, ich sah sie in Freiberg zum letztenmale.
Wir hätten uns trotz dieses Verlustes wohl noch einen Tag halten können, die Stadt aber wäre während dieser Zeit vom Militär so zerniert worden, daß ein geordneter Rückzug zur Unmöglichkeit geworden wäre. Ich hielt es für vernünftiger, einige Tausend der bravsten jungen Leute für eine bessere Zukunft zu erhalten, und gab deshalb den Befehl zur Rückkehr nach Freiberg. Ich ließ ihn derart ausführen, daß in jeder Straße mehrere Schützen an den Fenstern zurückblieben und den vorsichtig heranrückenden Gegner beschäftigten, so daß um 5 Uhr des Morgens vom 9. Mai gegen 2000 bewaffnete Barrikadenkämpfer auf der Straße nach Freiberg zu marschierten. Nachdem ich den Rückzugsbefehl erteilt hatte, ging ich hinab in das Erdgeschoß des Rathauses, wo in allen Räumen und im Flur die todmüden Kämpfer, die bei mangelhafter Ernährung nach mehrtägigem ununterbrochenen Dienst sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten, und sich dorthin zurückgezogen hatten, in schwerem Schlafe dalagen. Ich ließ in dem geschlossenen Raume die Trommel schlagen, sie tönte, als gälte es Tote aus dem Grabe zu erwecken -- umsonst! Einige Rathausbeamte halfen mit, den einen und andern emporzuzerren. Wir schüttelten sie, ich schrie ihnen ins Ohr, sie dürften jetzt nicht schlafen, sie müßten zum Aufbruch bereit sein. Als ich die Hand von ihnen entfernte, fielen sie wie die Klötze wieder um und schliefen weiter. Sie waren nicht zu retten, sie gerieten fast alle in Gefangenschaft.
XXI.
Zug nach Freiberg. Richard Wagner.
In Freiberg langte ich mit etwa 2000 Mann aus der eingenommenen Stadt an. Heubner, das einzige Mitglied der provisorischen Regierung, das bis zum Moment der Ausgabe des Rückzugsbefehls im Rathaus ausgehalten, war in Freiberg, wo er zu Hause war, einige Stunden vor uns angelangt. Ich suchte ihn in seiner Wohnung auf. Als mir die Thür zu seinem Zimmer geöffnet wurde, in welchem sich mehrere mir unbekannte Personen befanden, nannte er mich. Da stürzte ein begeisterter Mann mit offenen Armen auf mich zu, küßte mich und brach in die glühenden Worte aus: „Nichts ist verloren! Die Jugend, ja die Jugend, die Jugend wird alles wieder gut machen, alles retten!“ Es war +Richard Wagner+, der meine Ankunft in dieser Weise begrüßte, und er umarmte mich noch einmal. Ich hatte ihn nie vorher gesehen, ich war später häufig bei ihm in Zürich, ich sehe ihn immer noch vor mir in jenem Augenblick der ersten Begegnung. Wodurch eigentlich der königlich-sächsische Hofkapellmeister sich so kompromittiert hat, daß er die Flucht ergreifen mußte, weiß ich heute noch nicht. Ich habe ihn nie darnach gefragt. Der sächsische Hof hatte besonderes Mißgeschick mit seinen berühmten Künstlern. Er verlor Gottfried Semper durch den Mai-Aufstand. Von Frau Schröder-Devrient habe ich schon gesprochen. Den Musikdirektor Röckel sah ich, von einer Kugel ins Bein getroffen, zusammenknicken. Er geriet als Verwundeter in Gefangenschaft und man schickte ihn mit Heubner ins Zuchthaus.
Ich sprach meine Absicht aus, in Freiberg, das mir zur Verteidigung sehr geeignet schien, einen Versuch weiteren Widerstandes zu wagen. Heubner bat mich, diesen Gedanken aufzugeben, von seiner Vaterstadt ein solches Unglück abzuwenden; er selbst sei im Begriff, mit Wagner und anderen weiter zu ziehen, zunächst nach Chemnitz, dann ins Exil. Es sei für mich nun auch Zeit, an meine Sicherheit zu denken.
Wir drückten uns die Hand. Ich begab mich auf den Platz hinaus zu meiner bewaffneten Freischaar. Da ist auch Bakunin. Er zieht mich beiseite und redet auf mich ein, die jungen Leute über die Grenze nach dem nahen Böhmen zu führen. „Sie sind wohl toll?“ rief ich erzürnt ihm zu. „Nach Böhmen sollen wir, zu Ihren Freunden, den Tschechen, die schon längst in den Dienst der Reaktion getreten sind!“ „Man würde Euch mit offnen Armen aufnehmen,“ erwiderte er. -- „Man würde über uns herfallen und uns an die österreichische Regierung ausliefern,“ erwiderte ich ihm, und darauf trennten wir uns.