Erinnerungen eines Achtundvierzigers

Part 11

Chapter 113,105 wordsPublic domain

Winkelblech war ein Meteor, das im Bewegungsjahre am dunklen Nachthimmel des deutschen Zunftwesens plötzlich erschien, um in raschem Niederfall zu versinken und zu erlöschen. Nur in einem Lande wie Deutschland, das in seiner ökonomischen Entwicklung neben der gesetzlich eingeführten, den Ideen der Neuzeit zugestandenen Gewerbefreiheit die mannigfaltigsten Gestaltungen des mittelalterlichen Zunftwesens fortleben ließ, konnte eine Prophetennatur wie Winkelblech, wenn auch nur auf einige Wochen, Gehör finden und eine Rolle spielen. Der Mann war Professor an einer höheren Gewerbeschule zu Kassel, las über Chemie und Technologie und that keinen Menschen etwas zu lieb noch zu leide, als er -- das wurde sein Verhängnis -- auf einer Reise in Norwegen mit einem deutschen Fabrikarbeiter zusammentraf, der, wie es scheint, in beredten Worten sein schweres Elend ihm darlegte. Ergriffen von den Leiden des arbeitenden Volkes, fühlte Winkelblech plötzlich den heiligen Beruf in sich, den Mühseligen und Beladenen ein Retter und Erlöser zu werden. Lykurg, Solon, Moses galten ihm als Gesetzgeber, die von einer himmlischen Macht geleitet, aus der Tiefe ihrer Seele das große, einheitliche System sich gegenseitig unterstützender und ergänzender Einrichtungen schufen, mit denen sie ihre Völker aus der Verworrenheit zogen und über andere Völker emporhoben. Der Gedanke, daß diese Männer aus der Erkenntnis der geschichtlich entstandenen, auf besonderem Boden gekeimten und allmählich zum Wachstum gelangten materiellen Bedürfnisse und einer mit diesen eng verflochtenen Geisteskultur ein in seinen Grundzügen schon vorhandenes wirtschaftliches und staatliches System aufbauten, lag Herrn Winkelblech fern. Er sah nicht ein, daß jene großen Intelligenzen die zerstreuten Ideen einer neuen Zeit in sich zu einer Leuchte sammelten, die sie ihren erstaunten Volksgenossen vorantrugen; ihm waren sie mit göttlicher Gewalt ausgestattete Propheten, und er selber glaubte sich zur Schöpfung eines in seinem Gehirn gereiften solonischen Werkes berufen.

Die Dichtungen der deutschen Romantiker hatten das gesamte Leben des Mittelalters mit seinen ständischen Gliederungen in eine bestrickende, den Wirklichkeitssinn ertötende zauberhafte Mondscheinbeleuchtung gesetzt. Arnims „Kronenwächter“, nahm man als ein Bild des Mittelalters hin, Hoffmanns „Meister Martin und seine Gesellen“ galt für die beste Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse vergangener Zeiten; eine schönfärberische Poesie überwucherte die gewissenhafte Forschung, sie berauschte die Geister und erschwerte die Arbeit derjenigen, die ohne Voreingenommenheit der Wahrheit dienen wollten. Professor Winkelblech war ein Prophet und ein Romantiker auf einem Gebiet, das alle Romantik und alles Prophetentum ausschließt. Als Prophet wollte er natürlich alles Elend auf Erden ausrotten, alle Menschen glücklich machen, als Romantiker glaubte er alles Heil auf dem Wege zu finden, der zurückführt in die dichterisch verklärten Hallen des erneuerten mittelalterlichen Zunftwesens. Ihm war die moderne Produktionsweise, das Fabrikwesen mit den himmelanstrebenden Schloten, den millionenreichen Herren und den bettelarmen hungernden Arbeitern ein Greuel, er war von einem starken Haß gegen die Unternehmer erfüllt, doch sah er nicht ein, daß der moderne Fabrikherr ein notwendiges Glied in der neuen Gesellschaft war, die aus der Befreiung des dritten Standes von feudalistischen Staatseinrichtungen hervorgehen mußte, und daß diese neue Gesellschaft und ihre auf dem „freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“ beruhende Produktionsform eine große Masse von Gütern geschaffen, welche dem vierten Stande zu Gute kamen, seine Lebensstellung hoben und ihn erst jetzt zu einem Kampfe für seine Selbstständigkeit befähigten. Er sah nicht ein, daß man zu einer geschichtlich überwundenen wirtschaftlichen Periode unmöglich zurückkehren kann, und so gelangte er zu dem Irrtum, einer zunftmäßigen, von ihm in verführerischen Farben dargestellten Organisation das Wort zu reden, die den Bedürfnissen der Zeit durchaus nicht mehr entsprach. Diese „christlich-germanische“ Organisation glaubte er durch Ideen französischer Sozialisten modern ausschmücken zu können. Er blieb immerhin ein bedenklicher Reaktionär, da er als Romantiker sogar für das absolute Königtum im Sinne Friedrich Wilhelms IV. sich begeisterte und so den Verdacht gegen sich erregte, daß er damit sich eine Unterstützung und hohe Protektion von allerhöchster Seite sichern wollte.

Professor Winkelblech entwickelte sein System in Heidelberg. Ich trat nach ihm auf, um ihn zu widerlegen. Ich muß es, wie die Zeitungen darüber berichteten, sehr gründlich gethan haben; die ganze, zahlreiche Zuhörerschaft, die nicht bloß aus den Vertretern süddeutscher Arbeitervereine, sondern auch aus den Professoren und Studenten der Heidelberger Universität bestand, rückte nach und nach auf meine Seite, Winkelblech fühlte sich abgelehnt, er war in dem großen Redekampf unterlegen und wartete den zweiten Debattiertag nicht ab. Der Anschluß der süddeutschen Arbeitervereine an die Verbrüderung wurde als Ergebnis des Kongresses laut proklamiert.

Die Mainzer Kongreßmitglieder, zwei Brüder Stumpf, luden mich ein, auf einige Tage ihre Gastfreundschaft anzunehmen. Ich willigte ein. Sie führten mich am ersten Abend in den dortigen demokratischen Verein. Der sehr große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch das schöne Geschlecht war reichlich vertreten. Es schien etwas verabredet worden zu sein. Nach Abfertigung einiger kurzen Vereinsgeschäfte ersuchte mich der Vorsitzende, der Versammlung, die mir gewiß dafür dankbar sein würde, Bericht über den Heidelberger Kongreß abzustatten. Das that ich. Ich habe nie eine aufmerksamere Zuhörerschaft gehabt. Als ich nach einer Stunde geschlossen hatte und mich von allen Seiten umdrängt sah, trat plötzlich mein alter Freund Wallau an mich heran, um mir die Hand zu drücken. Wir hatten vor anderthalb Jahren die Deutsche Brüsseler-Zeitung gesetzt. Er war jetzt Besitzer einer kleinen Buchdruckerei mit einer einzigen Handpresse. Wallau entwickelte sich rasch zu einer hervorragenden Persönlichkeit in seiner Vaterstadt, er ist als Oberbürgermeister von Mainz gestorben.

Einmal in Mainz, wollte ich auch die Männer der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Marx, Engels, Wolf ~e tutti quanti~ wiedersehen. Wer heute die gehässigen Worte liest, mit denen Engels vierzig Jahre später meiner gedenkt, muß wohl meinen, daß die Häupter der Partei längst mit mir gebrochen hatten. Das war durchaus nicht der Fall. Schließlich hätten sie mir keinen anderen Vorwurf machen können, als den, daß ich, ohne ihr Kommandowort einzuholen, ganz und gar auf eigene Faust gehandelt hatte. Aber niemand gab mir nur durch eine Miene irgend welche Unzufriedenheit zu erkennen. Marx nahm mich aufs freundlichste auf, ebenso Frau Marx. Sie ließen mich nicht in ein Hotel einkehren, sie betrachteten mich als ihren Gast. Und da fällt mir eine Bemerkung ein, die Marx bei Tische machte, und die wohl, weil sie für seine Art und Weise charakteristisch ist, festgehalten zu werden verdient. Zum erstenmale kam in meiner Gegenwart das Gespräch auf Familienverhältnisse. Es war die Rede von der politischen Stellung des Herrn von Westphalen in dem Revolutionsjahr, er war ein ausgesprochener Reaktionär. „Dein Bruder“, sagte lachend Marx zu seiner Frau, „ist so dumm, daß er noch einmal preußischer Minister wird.“ Frau Marx, die über diese mehr als freimütige Bemerkung errötete, lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Die Prophezeiung ihres Mannes ist bekanntlich eingetroffen. Ich habe einige Jahre später mich manchmal jenes Wortes erinnert und dabei an den Gegensatz zwischen den beiden Geschwistern gedacht. Er der höchste Staatsbeamte in der Zeit der härtesten Reaktion und deren willigster Diener; sie im Exil und nur zu oft die Beute der drückendsten Lebenssorge, doch treu sich anschließend an den Gegenpol ihres Bruders, von dem eine Welt sie für immer schied. Mich berührte der Gedanke daran stets als tief tragisch.

Am andern Morgen besuchte ich die Herren der Redaktion. Engels, jedenfalls der Hauptarbeiter in derselben, denn keiner besaß wie er eine so große Leichtigkeit der Produktion, machte sich ein Viertelstündchen frei, um mit mir wie in früheren Zeiten ein wenig zu plaudern, richtiger gesagt, um mir sein Herz auszuschütten. Er war nicht zufrieden. Nur Wilhelm Wolf, der schlesische Bauernsohn, der in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ dem hohen feudalen Adel seiner Provinz allen Raub vorrechnete, den dieser an dem ihm unterworfenen armen Landvolk begangen, fand Gnade vor ihm. Der zweite Wolf, ein verbummelter und verkommener Litterat, der, man weiß nicht wie und warum, unter die Kommunisten geraten war, kam mit den geringen Nebenarbeiten, die man ihm auftrug, niemals nach. Wenn er eine halbe Stunde an einer Übersetzung gedrechselt hatte, erhob er sich mit verzweiflungsvoller Miene von seinem Stuhl und seufzte: „Ich le-ide“, nach dem kölnischen Dialekt das ei in zwei Vokale trennend. Am bittersten klagte Engels über Marx. „Er ist kein Journalist“, sagte er, „und wird nie einer werden. Über einem Leitartikel, den ein anderer in zwei Stunden schreibt, hockt er einen ganzen Tag, als handle es sich um die Lösung eines tiefen philosophischen Problems; er ändert und feilt, und ändert wieder das Geänderte, und kann vor lauter Gründlichkeit niemals zur rechten Zeit fertig werden.“ Es war Engels eine wahre Erleichterung, das was ihn ärgerte, einmal aussprechen zu können. Im Grunde aber hatte er einen tiefen Respekt vor Marx, den er als einen ihm überlegenen Geist stets anerkannte. Und wenn es Marx, der sehr zum Jähzorn geneigt war, auch zeitweise für geboten erachtete, ihn an seinen Platz zu stellen -- er hatte ihn einmal in meiner Gegenwart einen Elberfelder Gassenjungen gescholten und darauf die Thür hinter sich zugeschlagen -- so erwiderte wohl Engels: „Das werde ich ihm gedenken!“ Indessen, er dachte nicht lange an das Vorgefallene.

„Das werde ich der +Schweiz+ gedenken!“ sagte Engels auch, als ich nach dem Übertritt der badischen Armee im Sommer des Jahres 1849 in Bern auf offenem Platze zufällig mit ihm zusammentraf. Es war das letzte Mal, daß ich ihn gesehen. Er erzählte mir in höchster Aufregung, daß er auf einem Ausflug in den Jura mit einem Landjäger zusammengestoßen sei, der ihn nach seinen Legitimationspapieren gefragt und ihm, da er dies ungehörig fand und in der freien Republik von der Polizei sich nichts gefallen lassen wollte, die Handschellen anlegte und so einem Straßenräuber gleich in die nächste Stadt transportierte. -- „Warum bist Du auch so widerhaarig gegen diesen rauhen Diener des Gesetzes gewesen? Mit solchen Leuten kommt man durch Höflichkeit weiter.“ Das mochte ich gesagt haben, anstatt in lebendige Entrüstung auszubrechen, und das hat er mir wahrscheinlich nie vergeben. Sein „Das werde ich der Schweiz gedenken“ hat er hingegen vergessen.

XVIII.

Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung.

Nach und nach wurde ich in Leipzig heimisch und auch zu den Sitzungen der dortigen Vereine zugezogen, in denen ich bisweilen das Wort ergriff. So geschah es, daß ich Ende April 1849 von den Leipziger Arbeitervereinen zu ihrem Vertreter bei einer von der sächsischen Regierung nach Dresden einberufenen Versammlung von Vertrauensmännern aus Industrie- und Handwerkerkreisen ernannt wurde, welcher der Entwurf eines neuen Gewerbegesetzes zur Beratung unterbreitet war.

Diese Ernennung mußte für mich, wie ich nach der Lage der Dinge wohl vorhersehen konnte, eine unausbleibliche Schicksalswendung herbeiführen. Ich ging nach Dresden, richtete mich daselbst für einen mehrwöchigen Aufenthalt ein, aber schon nach wenigen Tagen erhob sich dort das Volk zu gunsten der vom Frankfurter Parlament ausgegangenen Reichsverfassung, welcher der König von Sachsen seine Anerkennung versagte. So befand ich mich plötzlich mitten im blutigen Kampfe.

Ich habe kurz auf die Novemberereignisse in Wien und Berlin hingewiesen. Schrittweise machte die Reaktion Fortschritte und ihre Triumphe waren entscheidend für das ganze Land. Darüber jedoch sind die Bewegungen in den Provinzen nicht zu übersehen. Es wirbelte und wogte überall. Ortschaften, von denen man vorher kaum gesprochen, wurden zu Mittelpunkten leidenschaftlichen Vorgehens gegen die alte Ordnung, und die Meldungen von Unruhen und Aufständen wechselten mit solchen von heftigen Zusammenstößen zwischen Militär und Volk. In einzelnen Staaten wurde die Todesstrafe von der Volksvertretung in gesetzlicher Form aufgehoben, in Wien wurde das Standrecht an Robert Blum ausgeübt. Auf derselben Seite einer Zeitung stand die Meldung von Vereinsauflösungen und von der Neugründung demokratischer Klubs. Während in Berlin ein Arbeiterkongreß ungehindert tagte, kam es in München zu blutigen Angriffen des Militärs auf das Volk und wurden in Frankfurt, ja in dem sonst so stillen Darmstadt Barrikaden gebaut. Am raschesten traten politische Umwälzungen in den kleinsten deutschen Staaten ein. Die Fürsten von Waldeck und von Sigmaringen sahen sich genötigt, die Flucht zu ergreifen. In mehreren württembergischen Städten fanden republikanische Versammlungen statt. In Dresden und Leipzig waren Freischarenzüge zur Unterstützung der von Windischgrätz bedrohten österreichischen Hauptstadt geplant worden, während man in Berlin einen Kongreß demokratischer Vereine eröffnete und gleichzeitig General Wrangel seinen Einzug in die preußische Hauptstadt vorbereitete. In mehreren anderen Städten, da und dort, wird der Belagerungszustand erklärt, die preußische Nationalversammlung wird gewaltsam aufgelöst, die Bürgerwehr entwaffnet; einige Wochen später aber wird ein Bürgerwehrkongreß in Breslau eröffnet. Dabei herrscht ein kleiner Bauernkrieg in Schlesien. In der Provinz Posen stehen polnische Sensenmänner gegen preußische Soldaten im Felde und in Mecklenburg wird an der alten Feudalverfassung gerüttelt. Deutschland war aus allen Fugen. Dies und nicht der gut Wille der im Absolutismus erzogenen regierenden Herren erklärt es, daß die gestürzte unbeschränkte Alleinherrschaft des Königtums nicht wieder erstehen konnte. Die verfassunggebenden Versammlungen wurden gewaltsam aufgelöst, doch angesichts der überall auflodernden, zum Widerstand geneigten Volksstimmung sah die Reaktion sich genötigt, über eine gewisse Grenze in ihren Triumphen nicht hinauszugehen. Es wurden die schon bewilligten Volksvertretungen nicht vernichtet, sondern in ihren nicht allzugroßen Befugnissen noch geschmälert; die Preßfreiheit wurde nicht aufgehoben, sondern polizeilich und richterlich nach und nach zu einem Schatten verkümmert. Damit wurde aber auch der oppositionelle Geist geschürt, und der Weg zur Wiederaufnahme der gewaltsam unterbrochenen Bewegung blieb infolge dessen offen. Es bedurfte eines sehr geringen Zeitraumes und aus den verworrensten Bestrebungen erhob sich eine starke, geeinigte Nation, die ihre Geschicke in den eignen Händen hält. Das „tolle Jahr“ mit allen seinen Jugendstreichen, seinen himmelstürmenden Anläufen und seiner idealen Begeisterung hatte alle Kräfte des deutschen Volkes wachgerufen, sie geübt in unablässigen Kämpfen und sie dazu befähigt, die Grundsteine zu einer gesicherten Zukunft fest in einander zu fügen. Heute arbeitet dasselbe Volk am Ausbau seiner stolzen Jugendpläne. Der Streit ist freilich nicht aus den Grenzen des Landes gewichen, auf allen Gassen ertönen noch die Schlachtrufe der Parteien; doch Thoren nur können darüber erschrecken. Parteienkämpfe sind die Zeugnisse von der Gesundheit eines Volkes. Mögen sie nur immer kräftiger sich ausleben und möge man sie in aller Freiheit gewähren lassen, so lange sie die Freiheit anderer nicht bedrohen. Was der Verwirklichung wert ist, wird sich verwirklichen; was ihrer nicht wert ist, wird untergehen.

Diese Betrachtung mußte ich der Erzählung der Ereignisse voranschicken, deren Zeuge ich war und an denen ich einen persönlichen Anteil nahm.

* * * * *

Ich habe nur einer einzigen Sitzung der oben erwähnten, von der sächsischen Regierung einberufenen Kommission zur Vorbereitung eines den Kammern zu unterbreitenden Gewerbegesetzes beigewohnt. Die Versammlung, in die ich eingetreten war, machte auf mich ganz und gar den Eindruck eines parlamentarischen Körpers. Auf einem erhöhten Platz der Vorstand. Der Präsident, ein namhafter Industrieller, dessen Name mir nicht erinnerlich ist, leitete die Beratungen in einer sympathischen Weise. Unter den Abgeordneten gab es eine Rechte, eine Linke und ein Zentrum. Die Vertreter des Handwerks -- und ein solcher hatte sich eben vernehmen lassen -- steckten noch tief in den Zunftideen. Dies veranlaßte mich, das Wort zu ergreifen. Ich merkte, daß man auf den neu hinzugetretenen Mitarbeiter -- die Versammlung tagte schon seit einiger Zeit, ich verdankte mein Mandat einer Nachwahl -- ein wenig gespannt war. Das wirkte anregend auf mich und mein Debüt wurde freundlich aufgenommen. Dabei wäre es wahrscheinlich nicht geblieben, wenn ich Gelegenheit gehabt hätte, öfter in die Debatte einzutreten; ich hätte meinem Naturell nach, ein junges Füllen, den Karren, vor den man mich gespannt, umgeworfen. Dieser einen Sitzung folgte jedoch keine zweite.

Während wir als ruhige Volksvertreter über einen trocknen Paragraphen des Gewerbegesetzes debattierten, begann eine ungewohnte Bewegung in den Straßen. Der Lärm wurde stärker und wilder, und drang durch die offenen Fenster in unsern Saal. Bureaudiener traten erschrocken ein und sprachen mit dem Präsidenten. „Der Sturm bricht los, das Volk steht auf,“ murmelte ich vor mich hin. Dieser Ansicht mußte auch der wackre Präsident sein. Denn er hob die Sitzung auf und kündigte uns an, daß er zur nächsten Sitzung persönliche Einladungskarten erlassen werde, da er heute nicht wissen könne, wann diese stattfinden werde.

Als ich auf die Straße kam, hatte der +Dresdner Maiaufstand+ begonnen und ich wurde, um mich eines bald darauf in Sachsen entstandenen Ausdrucks zu bedienen, einer der ersten „Maikäfer.“ Ich habe indessen den Blätterfall jenes kampferfüllten Jahres glücklich überlebt und hoffe, noch einige Mal des grünen, des wunderschönen Monats Mai mich zu erfreuen.

Auf den Aufstand in Dresden war niemand vorbereitet. Er war nichts anderes als ein Zornesausbruch aufgeregter Gemüter und es bedurfte des Zusammentreffens mancherlei verhängnisvoller Umstände, um ihn möglich zu machen. Deshalb hat dieser Aufstand, der sich in seiner germanischen Gründlichkeit sechs lange Tage hinzog, etwas Typisches für deutsche Verhältnisse und deshalb darf ich mir auch als ein in alle Phasen desselben direkt Eingeweihter auch eine Schilderung dieser Vorgänge erlauben.

Die erste Mainummer der von mir redigierten „Verbrüderung“ brachte unter dem Titel „Worauf wartet ihr noch?“ einen mit ~B.~ unterzeichneten Artikel, der wie folgt beginnt: „So lange es sich nur um die Reichsverfassung handelte, erwarteten wir vom deutschen Volke keine Erhebung, denn es giebt nichts Widersinnigeres als durch eine Revolution einen König zwingen zu wollen, daß er eine Krone annehme. Jetzt ist die Frage eine andere: Steht es den Fürsten zu, mit den Vertretern des Volkes zu spielen und sie auseinander zu jagen, wenn es ihnen so beliebt? Das Volk hat das Recht, seinen Abgeordneten in Frankfurt die entschiedene Mißbilligung ihres bisherigen Verhaltens kund zu geben; wir, die Wähler, haben das Recht, sie zurückzuberufen oder sie auseinander zu jagen, wenn sie nicht gehen wollen, aber den Fürsten steht dieses Recht nicht zu. Indem wir die Frankfurter Versammlung unterstützen, unterstützen wir die Volkssouveränetät, und nichts anderes.“ Der Artikel, der uns heute nicht in allen Punkten unanfechtbar erscheint, schließt mit den folgenden Sätzen: „Die hannöversche Kammer ist aufgelöst, die sächsische Kammer ebenfalls, die Fürsten wollen mit ihren vorsündflutlichen Ministern regieren, der Mut ist ihnen gewachsen, je mehr der passive Widerstand des Volkes zur Komödie geworden. Es bleibt der Reaktion nichts mehr übrig als sich nach einem Sibirien für die Volksführer umzusehen, oder sie samt und sonders zu Pulver und Blei zu begnadigen. Angekündigt ist uns die Herrschaft der Knute schon, worauf warten wir noch?“ Aus diesen letzten Sätzen spricht die Stimmung der Zeit. Sie waren voll berechtigt. Man durfte das schwer Errungene nicht ohne Widerstand der wachsenden Reaktion preisgeben, wollte man dieser nicht die historische Berechtigung zur Rückkehr in die Tage des absoluten Königtums und zur härtesten Verfolgung der deutschen Einheitsbestrebungen zusprechen.

Zur Kennzeichnung der Situation in Dresden sei hier noch folgendes angeführt: Der König von Sachsen hatte nach Auflösung des Landtags dem Ministerium versprochen, die deutsche Verfassung anzuerkennen. Da erschien ein preußischer Kourier, der König von Sachsen nahm sein Wort zurück und die Minister reichten ihre Entlassung ein. Deputationen bestürmten den König, um ihn zur Anerkennung der Verfassung zu bewegen, allein er wies sie hartnäckig zurück, indem er den oft gehörten Einwand erhob, daß die Reichsverfassung nicht geeignet sei, die Einheit zu begründen, sondern nur Zerstückelung hervorrufen könne. Er erklärte, daß er in dieser Frage ganz im Einverständnis mit dem König von Preußen handle. Das Volk aber, in allen seinen Schichten, mit Ausnahme der ganz geringen Minderheit, die ihre Parole vom Hofe anzunehmen gewohnt war, wollte die Reichsverfassung, und so wuchs die Volksaufregung mit jeder Stunde.

XIX.

Der Maiaufstand in Dresden.

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