Erinnerungen eines Achtundvierzigers
Part 10
Ich stand persönlich viel zu sehr in einem bestimmten Kreise der Bewegung des Jahres 1848, um als deren Geschichtsschreiber auftreten zu können. Was ich in dem Vorangegangenen gegeben habe, soll nichts als ein kleiner Beitrag zu einer von jüngeren Schriftstellern zu erwartenden Darstellung einer aus dem Chaos sich mühsam losringenden neuen Zeit sein. Ich beschränke mich möglichst darauf, die Atmosphäre zu kennzeichnen, in der ich mit breiten Schichten des deutschen Volkes damals geatmet habe. Das eigentümliche Kolorit jener stürmischen Zeit, die Physiognomie mancher damals häufig genannten Persönlichkeit mag da und dort aus dem anspruchslos Erzählten etwas greller hervortreten, als mein leicht skizziertes Bild verträgt. Was thut’s? So muß ich heute von Michael Bakunin sprechen, dem ich zuerst in Brüssel begegnet war, als man ihn wegen einer an der Revolutionsfeier der Polen gehaltenen Rede aus Paris ausgewiesen hatte. Dieser furchtbare Revolutionär, der Begründer des Nihilismus und Anarchismus war im Grunde ein hundert Kilo schweres, naives Kind, ein ~enfant terrible~, wenn man will, immerhin ein ~enfant~. Die Naivetät, mit der er sich durch alle Krümmen des Lebens durchzuschlagen wußte, hatte für Leute anderer als russischer Nationalität etwas geradezu Verblüffendes. Wo ein Deutscher nicht aus noch ein gewußt hätte, kam er sorglos weiter. Und dabei vergab er sich nie etwas, er blieb in jedem Falle ein Mann der guten Gesellschaft, ein Gentleman. Der Kummer hat in dieses runde Gesicht mit den funkelnden Augen nie eine Furche gegraben. Seinem Aussehen nach war er stets ein Mann in den besten Jahren. Ob er vierzig oder fünfzig oder noch mehr zählte, das war ihm nicht anzusehen. Ich sah ihn einige Zeit nach seiner Flucht aus der sibirischen Verbannung in Bern wieder. Seit unserem Zusammentreffen in Leipzig und Dresden waren wohl an die fünfzehn Jahre vergangen. Bakunin sah unverändert aus. Nur etwas rühriger, lebhafter in seinen Bewegungen, unruhiger war er geworden. Dies war wohl daher gekommen, daß er einen Hof von jungen Russen und Polen um sich hatte, die ihn als eine Art Propheten und Heiland betrachteten. Diese Rolle mochte ihm unbequem sein und ihm die Unbefangenheit und natürliche Heiterkeit nehmen, die ihn früher nie verlassen hatte. Einem systematischen Denker wie Marx mußte dieser alte Knabe, der aus allen philosophischen Töpfen geschleckt und bei seinem robusten Naturell niemals gemerkt hatte, wie sehr er sich dabei den Magen verdorben, notwendig antipathisch sein. Bakunin war dies nicht verborgen geblieben, und er ging ihm aus dem Wege. Mit mir knüpfte er in Brüssel an, um sich über dies und jenes Auskunft zu holen. Ein näheres Verhältnis konnte sich zwischen uns nicht entspinnen, ich war ihm zu jung, er war mir eine zu fremdartige Erscheinung. Er blieb nach der Februar-Revolution nicht in Paris, nach dem 18. März ging er nach Berlin. Von dort, der deutschen Stadt aus, betrieb er die Organisation des Prager Slavenkongresses, auf dem die Vertreter der einzelnen Länder bekanntlich deutsch sprechen mußten, um sich zu verstehen.
Wir haben uns in Berlin öfter gesehen. Eine Szene, in welcher er eine durchaus unpolitische, aber für seine Natur sehr charakteristische Rolle spielte, ist lebendig in meiner Erinnerung geblieben. Es war in dem engen Hinterzimmer eines Berliner Cafés. Wir waren etwa ein Dutzend Gäste, von denen die meisten, wie z. B. d’Ester aus Köln, Stein und Elsner aus Breslau, der preußischen Nationalversammlung angehörten. Da machte einer den Vorschlag, einen russischen Punsch zu bereiten und Bakunin übernahm diese Aufgabe. „Ich werde Euch einen Hohenstaufen machen,“ rief er aus. „Chochenstaufen“ klang das Wort in seinem Munde, er sprach das h wie ch aus. „Mit diesem Trank im Leibe seht Ihr Chelena in jedem Weibe!“ Man brachte ihm auf seine Anordnung die verlangte Quantität Rum, Zucker, mancherlei Gewürz dazu und einen tiefen kupfernen Kessel. Bakunin zündete den Rum an, löschte die Lichter aus, den Rock hatte er abgelegt, die Hemdärmel aufgerollt, und nun rührte der Riese mit breitem Löffel in den bläulichen Flammen, in deren Schein er wie ein Abgesandter der Hölle sich ausnahm, während wir andern mit erdfahl beleuchteten Gesichtern seinem unheimlichen Treiben zuschauten. „Den Teufel spürt das Völkchen nie,“ brummte er vor sich hin, „und wenn er sie beim Kragen chätte!“ Wasser war für das Gebräu nicht vorgesehen, als Abschwächungsmittel dienten einige Flaschen Rheinwein, die am Schluß dem Ganzen zugesetzt und in den brennenden Rum gegossen wurden.
Der Trank wurde eingeschenkt, die Flamme im Kessel war erloschen, die friedlichen Lichter erhellten wieder das Zimmer, man trank, ein Rundgesang wurde angestimmt; ich habe niemals wieder einer so plötzlichen Wirkung des Alkohols beigewohnt. Man wurde sehr -- lustig.
Es mag sonderbar klingen, daß in der Begegnung, die ich einige Monate später mit Bakunin in Leipzig hatte, das Trinken wieder eine Rolle spielte. An mir lag das sicher nicht. Polizeilich wurde damals auf Bakunin gefahndet, der Prager Slavenkongreß, auf dem er aufrührerische Reden gehalten, hatte die Veranlassung dazu gegeben. Die Polizei war damals noch nicht wieder, wie unter dem alten Regiment, sehr dienstbereit; die sächsische Regierung selber wünschte es wahrscheinlich nicht anders. Bakunin hatte bei einem mir befreundeten Buchhändler ein Asyl gefunden, es war entweder Ernst Keil oder Schreck gewesen, der ihn unter sein gastliches Dach genommen. Ein großer Saal, in welchem der Schützling täglich tausend Schritte abzählen konnte, da er nicht ganz ohne Bewegung bleiben durfte, war da eine wahre Wohlthat für ihn. Abends, „wenn die Sonne war gesunken,“ machte er sogar einen Ausgang in den „goldenen Hahn“, wo er mit mehreren Vertrauten unbehelligt sich einige Stunden unterhalten durfte. Eines Tages hatten wir es unternommen, ihn nach einem benachbarten Orte zu führen, wo er über die ihm gewordene kurze Freiheit so glücklich war, daß er unverkennbar angeheitert auf dem Heimwege uns immer vorausrannte und jeden ihm Begegnenden mit der lauten Frage anhielt: „Wo ist der goldene Chahn?“ -- Ja, wo ist der goldene Chahn? Die Frage, in ihrer russischen Aussprache, wirkte erst verblüffend, dann so ergötzlich auf die Angeredeten, daß einer sie dem andern auf dem langen Wege in die Stadt zurief. Aus jedem Munde erscholl sie mit einem Mal als die größte und wichtigste aller Zeitfragen: „Wo ist der goldene Chahn?“ Und als wir in dem trauten Absteigequartier endlich eintrafen, wurden wir unter schallendem Gelächter mit der Frage begrüßt: „Wo ist der goldene Chahn?“
Nichts charakterisiert übrigens Bakunin besser als die folgenden Zeilen, die wir dem 1890 erschienenen Buche „~Karl Vogt, par William Vogt~“ entnehmen: Karl Vogt hatte in jungen Jahren Bakunin in Paris kennen gelernt und mit ihm einen gemeinsamen Haushalt eingerichtet. Der dauerte vierzehn Tage. Schon am dreizehnten war kein Heller mehr in der gemeinsamen Kasse, und zu allem Unglück wurde ihnen der Kredit im Restaurant gekündigt, weil Bakunin die legitime Gattin des ehrenwerten Speisewirts zu sehr geplagt hatte. Was war nun zu thun? Der Beutel leer und -- das allerschlimmste! -- der Vorrat an Zigarretten völlig erschöpft. Die Tugend der Enthaltsamkeit behagte diesen auserlesenen zwei Feinschmeckern durchaus nicht. Unbekannt in den anderen Restaurants, konnten sie nicht daran denken, das Vertrauen der Leute auf ihr ehrliches Gesicht hin zu gewinnen, besonders mit einem Appetit, wie der ihrige war. Eine düstere Verzweiflung bemächtigt sich nun Bakunins, der sich auf’s Bett hinwirft, um sein regelloses Leben, seine Verschwendung zu beweinen. Über den Hunger konnte ihm selbst die hochverehrte Hegel’sche Philosophie nicht hinweghelfen; da plötzlich tritt der Briefträger mit einer Geldsendung für den Doktor Vogt ein. Hurrah! Hier liegen drei schöne Bankbillets, jedes zu hundert Franken, ein Reichtum, den der Verleger eines deutschen Fachblattes dem jungen Naturforscher für seinen Bericht über die wissenschaftliche Bewegung in der französischen Hauptstadt sendet. Am Abend, als Vogt, der sich von seinem Freunde Emanuel Arago einen Louisd’or geliehen hatte, nichts Arges ahnend, ins Zimmer tritt, ist er fast starr vor Entsetzen. Ein gedeckter Tisch, Champagnerflaschen, und Bakunin, in einer Wolke von Tabakrauch, hält eine Rede an fünf oder sechs Polinnen, um zum Schluß einer jeden auf das Galanteste ein Paar Handschuhe zu überreichen. Man aß gut, man trank viel, am andern Morgen aber war kein Maravadi mehr im Beutel. Vogt brach die gemeinsame Wirtschaft ab. --
Bakunin war nicht übelnehmerisch, doch ging er nach seinem Exil in Sibirien nicht mehr zu Karl Vogt, der bekanntlich in einen bösen Streit mit den Sozialisten geraten war. Bakunin konnte es ihm nicht verzeihen, daß sein Jugendfreund eine seiner Parteireden in folgenden Versen persifliert hatte.
„Wir wollen uns in Schnaps berauschen, Wir wollen unsre Weiber tauschen, Und aufgelöst sei Mein und Dein. Wir wollen uns mit Talg beschmieren Und nackt im Sonnenschein marschieren, Wir wollen freie Russen sein.“
Der Bruch mit Karl Vogt hinderte Bakunin nicht, am Ende seines Lebens in Bern die Gastfreundschaft Adolf Vogts, eines Bruders des berühmten Naturforschers, anzunehmen, unter dessen Dach er gestorben ist. Ich habe ihn in einem späteren Artikel noch einmal zu erwähnen. Was Karl Vogts Streit mit Marx und dessen Anhängern betrifft, so wäre ich im Falle, manches Aufklärende hier beizubringen, doch begnüge ich mich mit der Bemerkung, daß nicht die „Schwefelbande“, die sich selbstlos, mühsam und im Dienste einer großen Idee ihr Brod erwarb, sondern der Verfasser von „Köhlerglaube und Wissenschaft“ entschieden im Unrecht war.
XVI.
Erschießung Robert Blums in Wien. Steigende Aufregung in Deutschland.
Eine ausführliche Analyse des Inhalts der „Verbrüderung“ hat Georg Adler in seinem Buche, „die erste sozialistische Arbeiterbewegung in Deutschland“ gegeben, auf das ich meine Leser verweise. Der Verfasser wundert sich über den revolutionären Ton, der in dieser Zeitschrift weht, und der Ende November 1848, nach der Einnahme von Wien durch Windischgrätz und dem Einzug Wrangels in Berlin, sogar bis zu einem direkten Aufruf sich steigerte, die bedrohten Errungenschaften des März mit den Waffen in der Hand zu verteidigen. Diese Verwunderung des sehr geschätzten Nationalökonomen ist mir nur ein Beweis, daß schon die direkt auf die Ereignisse von 1848 folgende Generation zu abgekühlt war, um für den Aufruhr, der unser Herz bewegte, ein Verständnis zu haben. Die „Verbrüderung“ war, was eigentlich selbstverständlich ist, sehr heißblütig, doch verfiel sie niemals in jenen tyrannenmörderischen Posaunenton, der einige Jahrzehnte später von hohlköpfigen Strebern mit lächerlicher Virtuosität geblasen wurde. Den Hauptinhalt bildeten in lebendiger Darstellung eine Reihe von Untersuchungen über die soziale Frage. Der Stil zeichnete sich freilich nicht durch kühle Gemessenheit und Ruhe aus. Das wäre in jener aufgeregten Zeit schlecht am Platze gewesen. Eine Zeitschrift wie „Die Verbrüderung“ hatte die Aufgabe, die Massen aufklärend zu packen und zu leiten, und das gelang ihr in gewünschtem Maße.
Nicht wegen der sozialistischen Artikel kam das Blatt übrigens in Konflikt mit der wachsamen Justiz, wenn wir den Ruf zu den Waffen ausnehmen, der kaum unbeachtet bleiben konnte, sondern wegen der sozial-politischen Gedichte, von denen es eins in jeder Nummer brachte. Und die Staatsanwaltschaft der guten Stadt Leipzig bewies wahrhaft ihren vorzüglichen litterarischen Geschmack, indem sie mich zuerst wegen des Abdrucks der „Weber“ von Heine zur Rechenschaft zog. Wegen Preßvergehens angeklagt, wurde ich vor den Untersuchungsrichter geladen. Dieser, ein noch ziemlich junger Mann, schien von seiner inquisitorischen Aufgabe nicht sehr erbaut. Es war im Herbste des Jahres 1848 und selbst in dem Gemüte eines königlich sächsischen Untersuchungsrichters mochte wohl noch etwas von der allgemeinen Jahresstimmung lebendig sein. Es war auch eine Neuerung im Verfahren eingeführt: die Untersuchung war nicht absolut geheim, zwei „Männer aus dem Volke“ wohnten ihr bei. Sie hatten nichts dreinzureden, sie sollten nur als Bürgschaft dafür dienen, daß dem Angeschuldigten nichts Ungebührliches von Seiten des Richters widerfuhr. Ich bestritt, daß das Heine’sche Gedicht einen aufrührerischen Charakter habe. Es sei nicht an die Weber gerichtet, es spreche von den Webern, von dem peinigenden Hunger, der sie quäle und der sie in ihrer Verzweiflung selbst bis zu gotteslästerlichen Worten verleite. Der Untersuchungsrichter lächelte kritisch, die beiden Spießbürger aber, die als Wächter der Gerechtigkeit hinter ihm saßen, lächelten mich verschmitzt und zugleich aufmunternd an. Sie steckten auch noch in der Jahresstimmung und waren zweifellos mit mir einverstanden. Das ermutigte mich, den grandios dramatischen Zug in dem Gedicht ausführlicher darzulegen, die von dem Dichter gesuchte, in so erschütternder Weise herbeigeführte Steigerung als ästhetisch geboten zu bezeichnen, so daß der Fluch der hungernden Weber kaum anders als mit einer Gotteslästerung endigen konnte. Der Richter, in der Form immer liebenswürdig, wollte dies nicht gelten lassen. Was wahrscheinlich mehr Eindruck auf ihn machte, das war der Hinweis auf die Thatsache, daß das inkriminierte Gedicht schon ein Jahr vor der Märzrevolution erschienen war, daß diese die Zensur aufgehoben, und daß die Heine’schen Schriften jetzt offen in allen Buchhandlungen verkauft wurden. Die Zeit habe sich geändert, erklärte ich. Ob es denn die Absicht der Regierung sei, wieder zu einem von ihr selbst aufgegebenen System der Verfolgung des freien Wortes zurückzukehren? Dieser Teil meiner Verteidigung machte jedenfalls mehr Wirkung auf meinen Richter als der ästhetische Teil. Man reichte mir ein Protokoll zur Unterzeichnung, und ich wurde bis auf weiteres entlassen. Als ich mich zurückzog, gaben mir die beiden Tugendwächter wieder ein freundliches Augenblinzeln mit auf den Weg. Die Angelegenheit kam mir sehr ergötzlich vor, auch nach einem zweiten Verhör, zu dem ich mehrere Wochen später vorgeladen wurde. Die Zeiten fingen schon an, sich zu verdüstern. Das glaubte ich daran zu erkennen, daß diesmal nur ein einziger „Mann aus dem Volke“ der Sitzung beiwohnte.
Die Reaktion hatte mehr Zuversicht gewonnen. Robert Blum war in der Brigittenau zu Wien standrechtlich erschossen worden.
Man täuscht sich wohl nicht, wenn man annimmt, daß zwischen Österreich und Preußen eine Verständigung über die gleichzeitig zu ergreifenden Schritte gegen die Folgen der Märzrevolution stattgefunden hatten. In beiden Ländern wurden schon Mitte August Truppenmassen zusammengezogen, welche die Aufgabe hatten, die „Ordnung“ wiederherzustellen. Von Böhmen aus sollte eine Armee unter dem Oberbefehl des Fürsten Windischgrätz die Eroberung Wiens besorgen, in der Mark Brandenburg kommandierte General Wrangel die zum Einzug in Berlin bestimmte Armee. Als Fürst Windischgrätz vorrückte, um Wien zur Unterwerfung zu zwingen, schickte das Frankfurter Reichsministerium zwei Kommissäre zur Vermittlung an ihn ab, die der österreichische Feldherr einfach zu den Ministern nach Olmütz sandte, welche die ungebetenen Gäste mit einigen Höflichkeitsphrasen von sich abschüttelten. Die Linke des Frankfurter Parlaments glaubte ihrerseits zwei Vertrauensmänner nach Wien senden zu müssen. Sie beehrte mit dieser Mission Robert Blum und Julius Fröbel. Man begreift nicht recht, welchen Zweck sie damit im Auge hatte. Einen Volksredner wie Blum brauchten die Wiener Aufständischen nicht, einen Schriftsteller wie Julius Fröbel noch weniger. Womit das Frankfurter Parlament allein etwas hätte ausrichten können, das besaß es eben so wenig wie irgend eine andere deutsche Volksvertretung: ein Parlamentsheer. Da ein solches nicht improvisiert werden konnte, so war es im Herbst des Jahres 1848 jedem politisch denkenden Deutschen klar, daß für den Augenblick die Errungenschaften des März im höchsten Grade gefährdet waren, und daß man im Kampfe gegen die militärisch organisierte und nach einer blutigen Entscheidung dürstende Reaktion wieder auf das nicht organisierte und schlecht gerüstete freiheitsliebende Volk angewiesen war. Ein Widerstand gegen die fürstliche Macht hätte vielleicht bei gleichzeitiger Erhebung aller größeren Städte noch einige Aussicht auf Erfolg geboten. In Österreich war darauf nicht zu rechnen. Ein intelligenter Mann wie Robert Blum sah die Hoffnungslosigkeit einer Erhebung der Hauptstadt gegen die 90,000 Mann des Fürsten Windischgrätz sicherlich ein. Er glaubte es trotzdem seiner Vergangenheit und seiner Ehre schuldig zu sein, mit seinem Leben für eine Sache einzustehen, die für den Augenblick verloren war, die jedoch aus jedem Tropfen Blutes, das für sie vergossen worden, für künftige Tage neue Stärke erzeugte. Robert Blum stand mit dem Volk auf den Barrikaden. Er wurde auf Befehl des siegreichen Generals am 4. November mit Fröbel in seinem Gasthof verhaftet, und am Morgen des 9. November in der Brigittenau standrechtlich erschossen. Er hatte wie ein Mann gelebt, er starb wie ein Mann, und die Nachricht von seinem Tode erweckte eine ungeheure Erregung in allen deutschen Landen, mehr als irgendwo anders in Leipzig, das ihn als seinen Vertreter ins Frankfurter Parlament gesandt hatte. Hier wie aller Orten wurde für den geliebten Volksmann eine Totenfeier veranstaltet. Leipzig war zu jeder Zeit wesentlich Geschäftsstadt gewesen, deren Bewohner wohl stets den lebendigsten Anteil an den Geschicken des Vaterlandes nahmen und opferwillig für dasselbe eintraten, sich auch in jeder Bewegung als Freunde der bürgerlichen Freiheit erwiesen; dem Charakter eines alten Handelscentrums gemäß war Leipzig jedoch niemals revolutionär. Ich war deshalb gar nicht überrascht, als ich an dem Morgen, der die Nachricht von der Hinrichtung Robert Blums brachte, in der Bevölkerung auch nicht die leiseste Spur aufrührerischer Erregung, sondern nur tiefe Ergriffenheit und resignierte Trauer auf allen Gesichtern sah. In dichten Haufen standen die Leute aus dem Kleinbürgerstande auf den Straßen zusammen und besprachen die entsetzliche Nachricht aus Wien. Diejenigen, welche den Dahingeopferten persönlich gekannt hatten, fielen einander weinend in die Arme. Die scheinbar ohnmächtigen Thränen waren nicht unfruchtbar für die Neugestaltung Deutschlands. Jede große Sache muß ihre Märtyrer aufweisen können, deren Glorienschein für kommende Geschlechter als Gedenkzeichen und unvergängliche Ermahnung wirkt. Ungarn, Österreich, Deutschland befanden sich vor fünfzig Jahren in einem Krieg zwischen vorwärts strebenden Völkern und rückwärts drängenden Regierungen. Der Krieg schlug anfangs zum Vorteil der Reaktion aus. Diese hatte unrecht, die Kriegsgefangenen durch den Strang oder durch Pulver und Blei des Lebens zu berauben. Die standrechtlichen Hinrichtungen, wo sie auch nach dem Siege der Reaktion ausgeführt wurden, haben nirgends den Eindruck eines vollzogenen Rechts, sondern eher den persönlicher Rache gemacht; sie haben nicht gehindert, daß in Ungarn, in Österreich, in Deutschland die vorwärts strebenden Völker einen gewaltigen Schritt vorwärts gethan, und daß die vormärzlichen politischen Zustände beinahe zu einem Mythus geworden sind.
Am 9. November war Robert Blum in der Brigittenau erschossen worden; einen Tag vorher hatte General Wrangel, als Befehlshaber der Truppen in den Marken, seinen Einzug in Berlin ohne Widerstand ausgeführt, einige Tage später verhängte er den Belagerungszustand über die preußische Hauptstadt, die Bürgerwehr wurde zur Ablieferung ihrer Waffen aufgefordert, die Nationalversammlung geschlossen und nach Brandenburg verlegt. Ihre letzte Handlung war der Beschluß der Steuerverweigerung. Er blieb ein Schlag ins Wasser. Was im 17. Jahrhundert in England unter ganz anderen Verhältnissen sich als wirksam erwiesen hatte, machte zwei Jahrhunderte später keinen Eindruck mehr. Die Regierung forderte momentan keine +direkten+ Steuern ein, und die wohlhabenden Bürger, welche ins Gewicht fallende direkte Steuern zu bezahlen hatten, waren reaktionär geworden; sie sehnten sich nach „Ruhe und Ordnung,“ nach Belebung der stockenden Geschäfte. In den breiteren Volksschichten hatte man die Augen nach Frankfurt gerichtet, man war auf die neue Reichsverfassung gespannt, die aus dem Professorenparlament hervorgehen sollte.
Ich wollte mich selbst von dem Stand der Dinge überzeugen und ging nach der Erklärung des Belagerungszustandes auf einige Tage nach Berlin. Am Anhalter Bahnhof wurde ich wie alle Reisenden nach dem Paß gefragt. Ich hatte keinen, nannte mich aber. Einem Herrn mit einem blauen Fez auf dem Haupte gefiel es, zu betätigen, daß ich der sei, für den ich mich ausgegeben. Man ließ mich ein. Einer der ersten, denen ich auf meinem Wege in die Stadt begegnete, war Johann Jakoby. „Sie wollen doch hier nichts anfangen?“ rief er mir erschrocken zu. Die Frage war sehr bezeichnend für jene Tage. „Durchaus nicht!“ konnte ich mit gutem Gewissen antworten. Jakoby und seine Freunde erwarteten alles von ihrem Steuerverweigerungs-Beschluß. Vollständig aufgeklärt über den Stand der Dinge kehrte ich nach wenigen Tagen nach Leipzig zurück.
XVII.
Reise nach Heidelberg und Köln.
Der Winter nahm meine Thätigkeit als leitendes Mitglied des Centralkomitees vollauf in Anspruch. Ich besorgte die Redaktion der „Verbrüderung,“ indem ich den größten Teil des Inhaltes dieses zweimal wöchentlich ausgegebenen Blattes selbst schrieb, mich an der Gründung oder Förderung einiger Produktiv-Associationen beteiligte und in mehreren deutschen Städten, in Dresden, Altenburg, Magdeburg, Nürnberg, Heidelberg, Mainz, dort veranstalteten Versammlungen präsidierte oder durch Vorträge den Anschluß großer Gebietsteile Deutschlands an die allgemeine „Verbrüderung“ herbeiführte. In Preußen und Sachsen waren nach und nach sämtliche Bezirksvereine dem Bunde beigetreten, fast jede Nummer der „Verbrüderung“ brachte Mitteilungen über die Fortschritte der Organisation. So kamen wir in Norddeutschland ohne besondere Anstrengungen dem Ziele täglich näher. Schwieriger war die Aufgabe der Überbrückung der Mainlinie. Auch sie gelang dank dem Umstande, daß in Heidelberg ein Distrikts-Kongreß für den 28. und 29. Januar 1849 angeschrieben wurde, auf welchem hauptsächlich die Arbeitervereine Badens, Rheinhessens und der Rheinpfalz vertreten waren, zu dem aber auch das Centralkomitee in Leipzig eingeladen wurde, weil es sich darum handelte, über eine ganz eigentümliche, von dem Kasseler Professor Winkelblech gepredigte Lehre eine Entscheidung herbeizuführen. Von dieser Entscheidung hing der Anschluß Süddeutschlands an die allgemeine „Verbrüderung“ ab.