Erinnerungen eines Achtundvierzigers

Part 1

Chapter 13,246 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; hiervon abweichende Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

ERINNERUNGEN EINES ACHTUNDVIERZIGERS

ERINNERUNGEN EINES ACHTUNDVIERZIGERS

von

STEPHAN BORN

Mit dem Bildnis des Verfassers

+Leipzig+ +Verlag von Georg Heinrich Meyer+ 1898

Vorwort.

Ich begreife vollständig, wenn man beim Anblick dieser Blätter sich fragt, wie ich dazu komme, meine „Erinnerungen“ zu schreiben und der Öffentlichkeit zu übergeben. Mein Name wurde zwar in den Berliner Zeitungen der Jahre 1848 und 1849 häufig genannt, ich stand dort kurze Zeit im Vordergrunde der großen Bewegung, aus welcher schließlich nach gewaltigen Kämpfen Neu-Deutschland hervorgehen sollte, ich war namentlich einer der Gründer und Leiter der damals entstandenen, jetzt mächtig auftretenden Arbeiterpartei. Ich gehöre jedoch in Deutschland schon lange zu den Verschollenen, sogar Vergessenen. Weshalb aus dem Grabe wiedererstehen? Wesentlich nur aus dem Grunde, weil man jetzt die Geschichte des Jahres 1848 zu schreiben beginnt, weil andere mich ausgegraben, meine damalige Thätigkeit darstellen und beurteilen und dabei Wahres mit Falschem vermengen. Ein sozialdemokratischer Schriftsteller hat mich sogar zum Helden eines in Arbeiterblättern erschienenen Romans gemacht. Es werden alljährlich zum 18. März Erinnerungsblätter an das Jahr 1848 ausgegeben, in denen mit Vorliebe von mir in jenem Jahre gehaltene Reden oder Zeitungsartikel neu abgedruckt werden. Ich habe keinen Grund, den Inhalt jener Reden und Artikel jetzt zu verleugnen, ich könnte sie sogar heute noch unterzeichnen, obgleich ich in dem seither abgelaufenen halben Jahrhundert in mancher Beziehung ein anderer geworden bin. Das damals Gesprochene und Geschriebene ist mir das Zeugnis einer unverkennbaren Einheit in meiner Gesamtentwicklung.

Es ist nicht eigenes Interesse, das mich dazu führt, richtig zu stellen, was in unrichtiger Kenntnis der Verhältnisse und in völliger Unkenntnis meiner Person da und dort in neuester Zeit von mir gesagt und auch gefabelt worden ist. -- Was liegt an einem einzelnen, an einer kleinen Schraube in dem großen, geheimnisvollen Schiffe, welches der Menschheit Geschicke durch aller Zeiten Ozeane trägt? -- Ich schreibe vielmehr, um etwas Licht zu verbreiten über Menschen und Dinge, die ich in jenen Bewegungsjahren genau kennen gelernt, um einen bescheidenen Beitrag zu liefern zur Geschichte des Werdens einer neuen Zeit, und damit auch die Legendenbildung, die schon in voller Thätigkeit ist, einigermaßen zu stören, wenn es auch unmöglich ist, sie ganz zu verhindern.

So weit es sich machen ließ, habe ich für meine Darstellung die Form leichter Unterhaltung gewählt. Es schien mir diese Form dem Zwecke am besten zu entsprechen, den ich im Auge hatte. Ich habe in diesen Aufzeichnungen das nur berücksichtigt, was Beziehungen zum öffentlichen Leben, zu den Kulturzuständen der Zeit hat, von der ich spreche. Meine ausführliche Biographie zu geben, dazu fehlt mir die Berechtigung.

+Basel+, im Januar 1898.

B.

Inhalt.

Seite

Vorwort v

1. Thronwechsel in Preußen 1

2. Vorschule des Lebens 8

3. Der Berliner Handwerkerverein. Das Rütli 21

4. Wanderschaft. Robert Blum in Leipzig. Reise nach Brüssel und Paris 33

5. Friedrich Engels. Der Kommunistenbund. Heinrich Heine 43

6. Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen 54

7. Ein Winter in Brüssel. Karl Marx 67

8. 1848. Die Februarrevolution in Paris. Aufstandversuche in Brüssel. Frau Marx. Reise nach Paris 75

9. Ein Besuch in den Tuilerien 91

10. Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der Freischarenzug nach dem badischen Oberland 100

11. Heimkehr nach Berlin. Die Berliner nach dem 18. März 114

12. Die Arbeiterpartei. Der Zeughaussturm 131

13. Praktische Sozialpolitik 143

14. Der erste deutsche Arbeiterkongreß. „Die Verbrüderung“ 162

15. In Leipzig. Bakunin 171

16. Erschießung Robert Blums in Wien. Steigende Aufregung in Deutschland 180

17. Reise nach Heidelberg und nach Köln 190

18. Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung 201

19. Der Maiaufstand in Dresden. I 211

20. Der Maiaufstand in Dresden. II 219

21. Zug nach Freiberg. Richard Wagner 231

22. Flucht nach Böhmen 243

23. Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz. I 254

24. Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz. II 267

Nachwort 287

I.

Thronwechsel in Preußen.

Es war im Sommer 1840. Ich stand in der Vollkraft der Flegeljahre. Meine Eltern hatten mich aus dem Gymnasium genommen, weil sie schon für einen Sohn auf der Universität Sorge tragen mußten und es nicht fertig gebracht hätten, einen zweiten Sohn studieren zu lassen. Man hatte mich zu einem kinderlosen Oheim nach Löwenberg in Schlesien geschickt, der über meine Zukunft entscheiden sollte. Zum Kaufmann -- das war mein Oheim -- und er hatte schon einen anderen Neffen zu sich in die Lehre genommen -- schien ich nicht geeignet. Ich kümmerte mich viel zu sehr um brotlose Künste, und was noch schlimmer war, um öffentliche Dinge, d. h. um Dinge, die mich nichts angingen; ich las mit Eifer alle Zeitungen, die in meine Hände kamen, in wenigen Wochen hatte ich daheim in meiner Vaterstadt gar noch alle Romanschätze der Leihbibliothek -- es waren meist Räubergeschichten von Kramer und Spieß -- verschlungen, und wenn ich nun auf den grünen Wiesen meines Oheims die Zickelfelle bewachte, die dort zum Trocknen ausgelegt waren, um dann in eine Handschuhfabrik nach Grenoble gesandt zu werden, betraf man mich oft bei dem Absingen politischer Lieder, wie „Noch ist Polen nicht verloren“ oder gar der Marseillaise.

Was sollte ich werden? Das war die ernste Frage, die meinen Oheim beschäftigte. Da wurde in einem Abendgespräch von einem dritten Neffen des braven Mannes gesprochen, der Schriftsetzer geworden und nach Paris gegangen war. Von ihm war ein Brief eingelaufen, den ich eben vorgelesen hatte. Ich könnte wohl auch Buchdrucker werden, ließ ich mich schüchtern vernehmen.

-- Warte bis das Schützenfest vorüber ist, dann schicken wir dich nach Berlin. Dein dort studierender Bruder mag sich fürs erste nach einem Lehrherrn für dich umsehen. -- So lautete die Antwort meines gutherzigen Oheims.

Ich war es zufrieden.

Das bevorstehende Schützenfest hatte für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Mein Oheim war in jenem Jahre Schützenkönig und sollte demnächst mit der im Orte seit alten Zeiten üblichen Feierlichkeit an der Spitze des prächtigen Zuges nach dem Festplatz geleitet werden.

Als ich bei meiner Ankunft aus der Heimat zum erstenmale in den gewölbten Flur seines stattlichen Hauses getreten, war mir eine an der weißen Wand befestigte Schützenscheibe aufgefallen, mit ihren vielen Pflöcken, deren jeder das Loch verschloß, das die Kugel sich durch das Holz gebohrt hatte, und zugleich einen schmalen Zettel mit dem Namen des Bürgers festhielt, der den Schuß gethan. Genau im Centrum steckte ein Pflock mit dem Namen meines Oheims. Er hatte „den Punkt herausgeschossen“, wie der Volksausdruck die geschickte oder vom Zufall begünstigte That bezeichnete.

Es war ein Glücksschuß gewesen und er erwies sich zugleich als die erwünschteste Unterbrechung schwerer, sorgenvoller Tage. Einige Wochen vorher hatte nämlich der so unversehens vom Schicksal zu großen Ehren ausersehene Schütze den ersten seiner drei Pflegebefohlenen, den er in sein stilles Haus aufgenommen, einen noch unbärtigen Jüngling, mit einer großen Fracht Kleesamen nach Hamburg gesandt. Der Junge sollte dort eine ziemlich beträchtliche Summe für die Ware in Empfang nehmen und heimbringen. Doch Tage um Tage vergingen und keiner brachte das geringste Lebenszeichen von ihm. Wie konnte er nur so hartnäckig schweigen? War er krank geworden? War er beraubt worden oder gar umgekommen? Mit dieser Sorge im Herzen ging mein trefflicher Oheim, als die Reihe an ihn kam, an den Stand und schoß -- zu seiner nicht geringen Verwunderung den Punkt aus der Scheibe. Es war ein Meisterschuß. Der Zeiger machte seine Luftsprünge vor dem Ziel, Pauken und Trompeten verkündeten das große Ereignis über den weiten Platz, die Dienstmädchen mit den Kindern verließen eilig die Buden, in welchen um den Gewinn von Pfefferkuchen gewürfelt wurde; alles umdrängte glückwünschend den Helden des Tages. Am Abend, da kein besserer, ja auch nur annähernd so guter Schuß gethan wurde, proklamierte man den bei der Bevölkerung sehr beliebten alten Herrn zum Schützenkönig und geleitete ihn nach allen hergebrachten Regeln und Formen in sein geräumiges Haus am Marktplatz, in dessen Vorhalle nun die Scheibe als eine auf spätere Geschlechter zu vererbende Trophäe aufgehängt wurde.

An demselben Abend aber -- welch wunderbares Zusammentreffen! -- langte der ersehnte Neffe mit dem in Hamburg für den Kleesamen eingenommenen Gelde an. Er hatte die ihm übertragene Aufgabe pünktlich erfüllt; an die Ratsamkeit, von Zeit zu Zeit etwas von sich hören zu lassen, hatte er nicht gedacht. Die gehobene Stimmung, in welche dieser doppelte Glücksfall den neuen Schützenkönig versetzte, fand ihren glänzenden Ausdruck in der Fülle des Weines, der seinem Ehrengeleit gereicht wurde. Es war eine endlose Reihe leerer Flaschen, die am andern Morgen unter der eben aufgehängten Ruhmesscheibe sich befanden. In der guten Stadt am Bober, unweit der kriegsberühmten Katzbach, genoß man in jener Nacht eines festen Schlafes.

Ohne jeden Stolz auf die bewiesene Geschicklichkeit, für die er die volle Ehrengebühr nur lächelnd auf seine Schultern nahm, hatte mein Oheim in letzter Zeit oft beim Abendgespräch jenes ereignisreichen Tages gedacht, denn es nahte der andere, wichtige Tag, wo er als Schützenkönig auf den Festplatz geleitet werden und sein glorreiches Amt in andere Hände niederlegen sollte. Für die Ausfüllung der großen Lücke im Weinkeller war gesorgt worden, die Tante hatte eine Anzahl Torten gebacken und backen lassen, sie waren unerläßlich für die würdige Ausfahrt des Schützenkönigs.

Doch es sollte anders kommen, als man erwartet hatte.

Am frühen Morgen stellten sich die Mitglieder der Schützengilde ein. Sie boten in ihren pomphaften Uniformen einen glänzenden Anblick dar, dessen komische Seite mir trotz der Bewunderung nicht entging, die ich für die wunderlich aufgeputzte, heroische Erscheinung eines meiner Vettern, eines schlichten Färbermeisters hegte, der bei dieser Gelegenheit mit dem vollen Bewußtsein seiner Mannesschönheit und seiner bis dahin freilich noch in Verborgenheit schlummernden kriegerischen Tugenden mir gewaltig imponierte. Die ganze Truppe trug grüne, rot eingefaßte Schwalbenschwänze, frisch gewaschene, weiße Beinkleider, auf dem Haupte einen Tschako mit himmelanstrebendem, steifem Federschmuck. Die Musik stimmte die pathetischsten Akkorde an, der gleich einem Bajazzo ausstaffierte Schuster Reimschüssel -- er war noch nüchtern, denn die Glocke hatte eben erst acht geschlagen -- schwenkte kunstvoll seine kurz geschäftete goldgestickte Fahne um Haupt und Glieder, und der Herr Bürgermeister, die Herren Stadträte und die ehrenwerten Offiziere der Gilde traten in das bekränzte Haus, begrüßten den Schützenkönig, der zwar keine Krone auf dem Haupte, doch eine schwere silberne Kette auf der Brust trug. Man schüttelte sich die Hände, man trank den von den weißgekleideten Nachbarstöchtern dargebotenen Wein und aß ein Stück Torte nach dem andern. Dann ordnete man sich in Reih’ und Glied, um an der Spitze des draußen aufgestellten Zuges den Marsch nach dem Schützenplatz zu beginnen.

Da geschah etwas Unerhörtes.

Eben war das Kommando zum Abmarsch erschollen, als ein Postbote eiligst über den Platz rannte, und hoch über seinem Haupte einen großen Brief haltend, diesen atemlos dem Bürgermeister überreichte. „Der König ist gestorben,“ ging plötzlich ein Gemurmel durch die Reihen. Und so war es in der That. Die Anzeige war eben eingetroffen, daß Seine Majestät Friedrich Wilhelm III. das Zeitliche gesegnet hatte.

Das Schützenfest, erklärte nun das Stadtoberhaupt, ist bis auf weiteres verschoben. Die Reihen der Gilde lösten sich auf. Mein Oheim, der Schützenkönig, wurde von einigen Herren wieder in sein Haus zurückgeleitet. Die Herren waren so freundlich, noch ein Glas Wein anzunehmen, die Torten aber waren bis auf ein einziges Stück aufgegessen, und dieses eine Stück, das man niemand anzubieten wagte, bekam ich.

II.

Vorschule des Lebens.

Noch vor der Abhaltung des so unversehens unterbrochenen Schützenfestes mußte ich meine Reise nach Berlin antreten. Auf preußischem Boden existierte noch keine Eisenbahn. Der schwer belastete Frachtwagen meines Oheims, der von zwei starken Pferden im Schritt nach der Hauptstadt gezogen wurde, brauchte mehrere Tage für den weiten Weg. Man hatte mir einen Sitz neben dem Platz des Kutschers zurecht gemacht, den dieser übrigens nicht benutzte, da er, der Überlieferung seines Berufes getreu, immer zu Fuß neben her ging, behaglich seinen Stummel rauchend, mit der Peitsche knallend, und bald singend, bald pfeifend mit den Pferden sich unterhielt. Man hatte mir für die lange Fahrt mancherlei Eßbares mitgegeben und auch etwas Geld in die Westentasche gesteckt. Ich kam fröhlicher Dinge bei meinem Bruder in Berlin an. Dieser war um mein leibliches wie um mein geistiges Wohl sehr besorgt und nur mit Rührung kann ich an die zwei oder drei Jahre fruchtbarer Anregungen, wenn auch zahlreicher Entbehrungen denken, die ich unter seiner liebevollen Führung verlebt habe. Er stand im dritten Jahre seiner medizinischen Studien und war ihnen mit Leib und Seele ergeben. Er hatte für mich eine Lehrlingsstelle gefunden und, was bei einem Studenten sich leicht erklärt, in einer Buchdruckerei, deren sich viele Doktoranden zum Druck ihrer Dissertation bedienten, wobei mir alsbald das bißchen Latein, das ich vom Gymnasium mitbrachte, recht zu statten kam. Bevor er mich in das Joch spannen ließ, gönnte er mir jedoch noch einige Tage, damit ich von der Reise mich ausruhen und mir Berlin ansehen könne.

War ich einige Wochen vorher in der Provinz Zeuge der Ankündigung des Todes Friedrich Wilhelms III. gewesen, so hatte ich nun in der Hauptstadt Gelegenheit, der seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. dargebrachten Huldigungsfeier von der Straße aus, so weit dies einem grünen Jungen gestattet war, beizuwohnen. Mein Bruder blieb zu Hause. Er wollte wegen eines Monarchen, der schon seine Absicht angekündigt hatte, das absolute Regiment seines Vaters fortzusetzen, keine Stunde an der Arbeit verlieren, die in jenen Tagen seine ganze Zeit in Anspruch nahm. Im Jahre 1840 waren die deutschen Studenten noch sehr liberal, sie standen zum Volke und dieses brachte von vornherein dem König, der sich vielleicht für einen akademischen Lehrstuhl geeignet hätte, dem jedoch alle Regenteneigenschaften abgingen, keine Sympathien entgegen. Er galt für einen geistreichen Kopf, nicht aber für einen König; dazu fehlte ihm schon die äußere Erscheinung. Zu Pferde, namentlich, wenn er einen leichten Trab anschlug, nahm er sich recht schwerfällig aus. Seine Gestalt war nichts weniger als soldatisch. Dennoch interessierte er sich in hohem Grade für militärische Dinge. Die Reformen, die er bald nach seinem Regierungsantritt in der Bekleidung des Heeres veranlaßte, die Ersetzung des unförmlichen Tschakos durch den Helm, des Schwalbenschwanzes durch den Waffenrock, mußten allgemeinen Beifall finden; unter seiner Regierung erhielt die Infanterie auch das Zündnadelgewehr. Auf die Stimmung im Volke übten diese Neuerungen indessen kaum einen Einfluß. Nach langem gesicherten Frieden interessierte man sich blutwenig für militärische Dinge, die Unzufriedenheit über den Fortbestand der Zensur, über die Zurückweisung der allgemeinen Forderung, dem Lande eine Volksvertretung zu geben wuchs zusehends und durchdrang die weitesten Kreise, als die junge Lyrik mit Dingelstedt, Gottschall, Hofmann v. Fallersleben, Prutz, besonders mit Georg Herwegh einen in Deutschland ungewohnten politisch-revolutionären Ton anschlug. Die neuen Gedichte, obgleich verboten, wanderten von Hand zu Hand und erhitzten die Gemüter. Der geistreiche König konnte dagegen nichts thun. Sein Schwager, Zar Nikolaus, hatte andere Waffen gegen aufrührerische Poeten, er verschickte sie nach Sibirien. Friedrich Wilhelm IV., da er nichts Ernstes gegen den Liberalismus zu unternehmen vermochte, mußte ihm schrittweise nachgeben und das war sein Verhängnis. Persönlich von hoher litterarischer Bildung, konnte er anstandshalber es nicht verhindern, daß Berlin bald nach seinem Regierungsantritt ein liberales, litterarisches Centrum für Deutschland zu werden begann. Die oben genannten Poeten fanden sich sämtlich in seiner Hauptstadt ein, er ließ sich sogar durch den Professor Schönlein den gefeierten Sänger der „Gedichte eines Lebendigen“ vorstellen. Heine hat dieser Audienz in boshaften Versen gedacht, er sah hier den Marquis Posa vor dem König Philipp. Friedrich Wilhelm IV. hatte nun aber nichts von einem Philipp, er suchte den jungen Poeten durch ein paar schlechte Witze zu verblüffen; er werde, sagte der König boshaft, in Berlin so gute Spätzle nicht zu essen bekommen, wie in dem lieben Schwabenland. Als Herwegh in seinem jugendlichen Posaeifer nun doch von Königsberg aus sich vermaß, den König zu apostrophieren, ließ dieser ihn des Landes verweisen. Schillers Marquis Posa steckte noch stark in den Köpfen der damaligen Generation. Nicht viel später erlaubte sich der Verfasser der „Vier Fragen“ in einer Audienz Friedrich Wilhelm IV. zuzurufen: „Es ist der Fluch der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören können.“ Friedrich Wilhelm IV. nahm dies natürlich sehr übel.

Im Jahre 1840 begann man in Berlin, wo bisher das Theater und vielleicht ein neuer Roman der Frau v. Paalzow oder der Gräfin Ida Hahn-Hahn die Kosten der Unterhaltung trug, mehr und mehr mit politischen Dingen sich zu beschäftigen. Am Tage der Huldigungsfeier bemerkte man davon noch wenig. Auf dem ungeheuren Platz zwischen Schloß und Museum war nur der vordere Teil stark besetzt, da standen in feierlichem Aufzug die Mitglieder der staatlichen und der städtischen Behörden, die Generalität, die Professoren der Universität, die richterlichen Kollegien, die Abordnungen aus den Provinzen u. s. w. Die Berliner Einwohnerschaft aber schien gar nicht neugierig, sie war nicht zahlreich vertreten, es blieb ein großer, leerer Raum von der prächtigen Granitschale inmitten des Lustgartens bis zum Museum. Ich sah unbehelligt dem sich abspielenden Vorgang aus ziemlicher Nähe zu; ich erkannte den König, als er auf dem Balkon erschien, ich verstand jedes Wort seiner Rede, in welcher er versprach, dem Wohle seines Volkes sein ganzes Leben zu widmen und mit der Versicherung schloß: „Das gelobe und schwöre ich!“ Der Volkswitz hatte schon in den nächsten Tagen dieses feierliche Gelöbnis in die Worte umgewandelt: „Dat jloob ick schwerlich,“ der König, der ja dem Witz nicht abhold war, lachte, als er dies erfuhr.

Ich habe mir vorgenommen, meine persönlichen Erlebnisse nur so weit zu berühren als sie zu öffentlichen Dingen in Beziehung stehen oder doch einen Beitrag zu dem kulturhistorischen Bilde jener Zeit zu liefern vermögen. Dies ist der Fall mit meiner Lehrzeit als Schriftsetzer. Sie dauerte nicht weniger als fünf Jahre. So lernte ich früh einen wunden Fleck in den damals herrschenden sozialen Einrichtungen kennen und wurde ich unmittelbar zu kritischen Betrachtungen über dieselben veranlaßt. Die Kunst, Buchstaben an einander zu reihen, in Zeilen, Kolumnen und Platten zu schließen, zu korrigieren, abzulegen u. s. w. erlernt ein halbwegs intelligenter Knabe sicher in zwei Jahren. Giebt man dem Lehrherrn als Lohn für seinen Unterricht, den er in der Regel nicht selber übernimmt, noch ein Jahr drein, so wären es drei Dienstjahre, die der auszubildende Jüngling auf sich zu nehmen hätte. Einen jungen Menschen fünf Jahre an die Kette zu legen, um ihn während der letzten drei Jahre als fertigen Arbeiter für eine lächerlich geringe Entschädigung auszubeuten, war ein schreiender Mißbrauch, zu dem sich der andere gesellte, daß es im damaligen Berlin Buchdruckereien gab, die gar keine Gehülfen, sondern nur Lehrlinge hielten. Eine derselben hielt deren zwölf. Diejenige, in welcher ich die Ehre hatte, in die Geheimnisse der schwarzen Kunst eingeführt zu werden, hatte deren sechs. Nur ein einziges Mal hatte sie auf einige Monate mehrere Gehülfen am Setzkasten. Mit diesen geriet ich einmal in einen lebhaften Konflikt, als ich in meinem Idealismus mich weigerte, einem alten Trunkenbold Schnaps zu holen. Wenige Jahre später stand ich an der Spitze der Berliner Buchdrucker, um den Anstoß zur Aufhebung verschiedener Mißbräuche und einer fortschreitenden Verbesserung ihrer Lage zu geben. Den verderblichen Branntwein hat die allgemeine Kulturentwickelung mit der Hebung des Lebensstandes der Arbeiter in weiten Kreisen derselben durch das gesellige Bier ersetzt.

Die Buchdruckereibesitzer -- es war die Minderzahl -- welche ihren Kollegen durch die billige Arbeit der Lehrlinge eine gewissenlose Konkurrenz machten, gingen übrigens nicht ganz straflos dabei aus. Denn von Zeit zu Zeit stellte sich Arbeitslosigkeit ein, ihren Lehrlingen aber hatten sie nichtsdestoweniger den kontraktlich festgesetzten Thaler wöchentlich auszuzahlen. Mit einem Thaler wöchentlich sollte ich meinen Unterhalt bestreiten?