Erinnerungen einer Überflüssigen

Part 9

Chapter 93,735 wordsPublic domain

Als die Sängerinnen eine längere Pause machten, bat ich die Schwester, sie möge mich mitsingen lassen, was sie ziemlich verwundert gestattete. Nun war mit einem Male meine ganze Müdigkeit dahin, und ich sang so zu ihrer Zufriedenheit, daß sie mich erstaunt fragte, wo ich Unterricht gehabt hätte. Ich antwortete ihr, daß ich am Kirchenchor gesungen hätte und auch schon längere Zeit im Klavierspiel unterwiesen worden sei. Hocherfreut rief sie, als sie dies vernommen: »Liebs Jesusle, hab Dank! Jetzt bekomm ich eine Musikkandidatin!« Und sofort eilte sie zum Superior, ihn zu bitten, daß er mich ihr überweise.

Dies geschah noch am nämlichen Tage, und nun begann für mich eine glückliche Zeit. Ich machte rasch Fortschritte im Klavierspiel, und als ich dann auch im Violinspiel über die ersten Anfänge hinaus war, taten sich vor mir immer wieder neue Wunder auf, und ich schien mir in eine andere Welt versetzt. Meine Freude über diese gute Wendung der Dinge zeigte ich meiner Lehrerin durch großen Eifer und möglichste Genauigkeit im Arbeiten.

Hatte ich schon vorher unter den Lehramtsjüngerinnen einige heftige Widersacherinnen gefunden, so mehrte sich jetzt ihre Zahl; um so mehr, als Schwester Cäcilia mich sehr lieb gewann und wir bald gute Freunde wurden.

So kam es, daß ich in kurzer Zeit einer der sogenannten Sündenböcke der Kandidatur war; denn je öfter meine Lehrerin mir sagte, daß ich brauchbar und ihr fast unentbehrlich sei, desto öfter suchte man mich auf der anderen Seite durch Wort und Tat zu überzeugen, daß ich ein eingebildetes, dummes Mädel sei, das leicht zu ersetzen wäre.

Es dauerte nicht lange und die Obern des Klosters erfuhren diese Dinge.

Also ward ich von der Präfektin der Kandidatur, Schwester Archangela, einer alten, strengen Nonne mit harten Zügen, tiefliegenden grauen Augen und einer großen Hakennase, auf der eine goldene Brille saß, zu der Oberin geführt, damit man mir zeige, was einem so eitlen, schlimmen Mädchen gebühre.

Als ich vor der vornehmen, gütigen Frau, die einem alten, französischen Adelsgeschlecht entstammte, stand, fragte sie mich, was ich verbrochen habe; denn man hielt viel auf ein freimütiges Bekenntnis seiner Vergehen.

Ich antwortete: »Würdigste Mutter, man beschuldigt mich, daß ich mich in bezug auf meine Leistungen überhebe und gegen meine Vorgesetzten und Mitschwestern unhöflich und herausfordernd sei; doch fühle ich mich nicht schuldig und bitte Sie, würdigste Mutter, meine Lehrerin und Mitschwestern darüber vernehmen zu wollen.«

Ohne ein Wort der Erwiderung, nur einige Male mit dem Kopf nickend, faßte mich die Oberin an der Schulter und führte mich in das Vorzimmer des Herrn Superiors, wo ich warten mußte, bis sie mit ihm die Sache besprochen hatte.

Als sie wieder heraustrat, blickte ich ihr fest und mit großen Augen ins Gesicht; doch konnte ich aus ihren Zügen nicht entnehmen, ob man mir Glauben geschenkt hatte. Sie sagte nur ernst zu mir: »Sprich ehrlich mit unserm Vater, Magdalena; er will nur dein Bestes!«

Ich trat also vor ihn hin und auf seine Frage: »Was hast du vorzubringen?« trug ich ihm den Hergang der Sache so vor, wie ich ihn der Oberin geschildert hatte.

Da ließ er meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, zu sich kommen, und sie mußte nun über mich berichten.

Als der Superior nur Gutes hörte, meinte er: »Seltsam, höchst seltsam! Kind, wenn du wirklich brav warst, so bleib's, wenn nicht, so werd's!«

Damit waren wir entlassen, und erleichtert trat ich mit der Schwester wieder auf den dunklen Gang hinaus.

Auf dem Weg zum Musiksaal faßte ich ganz plötzlich in einer Aufwallung warmen Dankgefühls ihre Hand und küßte sie wiederholt. Lächelnd entzog sie mir dieselbe, indem sie sagte: »Laß doch die dumme Hand! Sie gehört ja gar nimmer mir, sondern dem heiligen Josef!«

Da meinte ich: »Aber der Mund g'hört schon noch Ihnen, gelt, Schwester?«

»Ja, zum Beten und Singen und ...«

»Und daß ich schnell ein andächtigs Busserl draufgib, Schwester!« rief ich dazwischen, und ehe sie sich dessen versah, hatte ich sie geküßt.

Ganz erschrocken schob sie sich den Schleier zurecht und zupfte an ihrem Habit herum; doch sagte sie nichts und schalt mich auch nicht, wie ich befürchtet.

Als wir in den Saal traten, sah ich unter ihrem Schleier über dem rechten Ohr einen Wusch goldroten Haars hervorlugen; ich sagte es ihr, und da rief sie mit komischem Entsetzen: »Was sagst, die Welt guckt raus? Ob ihr gleich z'rück wollt, ihr fuchsigen Locken!« Und eiligst strich sie sie einige Male unter dem Häubchen zurück.

Seit diesem Tag waren wir die besten Freunde, und sie sagte mir im Vertrauen, daß eben unser herzliches Verhältnis zu einander den eigentlichen Anlaß zu dem Zwist gegeben hätte, daß sie mich aber, solange es den Obern recht sei, sehr lieb haben wolle. Ich solle nur mit allen freundlich und besonders gegen eine alte, von der Präfektin wegen ihres Reichtums, den sie dem Kloster geschenkt hatte, sehr begünstigte Musikkandidatin recht höflich und zuvorkommend sein.

Erst war ich über diesen Rat sehr verwundert; bald aber erkannte ich selbst, daß meines Bleibens in diesem Hause nur dann sein könne, wenn ich, wie man sagt, mit den Wölfen heulte, obschon mir jede Art von Scheinheiligkeit zuwider war.

Schwester Cäcilia mochte wohl auch erst nach langem Kampf zu dieser Anschauung gekommen sein; denn sie war im übrigen so freimütig und offen, daß sie einen absoluten Gegensatz zu den andern Nonnen bildete.

Dieser offene Charakter war übrigens auch ihren Familienangehörigen eigen. Ihr Vater, der Schullehrer in dem Ort war und im Kloster den Kandidatinnen und Lehrschwestern Unterricht im Geigen- und Cellospiel gab, darin er selbst ein Meister war, hatte wegen seiner geraden Art viele Feinde. Er hielt sehr auf ein furchtloses, freies Wesen und haßte die kriechende Unterwürfigkeit, die sich unter den Nonnen so gern breit macht und meistens der Deckmantel für Ränke und Heimtücke wird. Kam er zu uns, so begrüßte er erst seine Tochter mit den Worten: »Guta Tag, Cilli! Magscht's Tagblättla lesa?« Und damit zog er das Blatt aus der Tasche, obwohl es eigentlich verboten war, Zeitungen zu lesen. Dann sagte er, zu uns gewendet: »So, meine Damen, ka' i afanga? Ischt's g'fällig?«

Während des Unterrichts trieb er viel Kurzweil mit uns, so daß es mir oft schien, als sei ich nicht in einem Kloster, sondern bei einem alten Bekannten zu Besuch.

So war denn mein Leben ein ganz angenehmes geworden, und ich ertrug die Bosheiten der Mißgünstigen um so leichter, als ich nicht die einzige Gehaßte und Verfolgte war. Es waren vielmehr eine Reihe jüngerer Mädchen von den Günstlingen der Präfektin dieser als bösartige, ränkesüchtige Personen geschildert worden, weshalb es täglich bei der morgendlichen Betrachtung Strafen und Bußen regnete.

So schüttete die Präfektin eines Morgens ihren heiligen Zorn über einige unglückselige Mädchen aus, die ihre Waschtoilette nicht rein gehalten und die Schuhe im Schlafsaal nicht aufgeräumt hatten. Sie wurden damit bestraft, daß die eine die Schuhe an einer Schnur über die Schulter gehängt bekam, während der andern ein Zettel an die Brust geheftet wurde, des Inhalts: »So wird die Schlamperei bestraft.«

Einem andern Mädchen, das eine Notlüge gebraucht hatte, wurde ein roter Flanellappen in Form einer Zunge an den Rücken gesteckt, und eine dritte, die mit einem Pflegling gesprochen hatte, wurde, da dies streng verboten war, in Acht und Bann erklärt, das heißt, es wurde ihr das schwarze Schulterkräglein, das Abzeichen der Kandidatur, auf die Dauer eines Monats entzogen und allen übrigen aufs strengste verboten, mit der Unglücklichen während dieser Zeit zu sprechen.

Solchen Befehlen wurde von allen blindlings Folge geleistet; denn die Präfektin stand im Geruche großer Heiligkeit, und man erzählte sich im geheimen, daß sie sich oft des Nachts geißle und kasteie: man habe manchmal, wenn man zur nächtlichen Betstunde in die Kapelle ging, deutlich aus ihrer Zelle das Klatschen der Geißelhiebe und inbrünstiges Seufzen und Rufen vernommen. Auch sei sie wiederholt mit der Erscheinung ihres himmlischen Bräutigams beglückt worden.

An manchen Tagen schien sie auch wirklich zu leuchten und rief während der geistlichen Lesung wiederholt aus: »Kinder, lernet Jesum lieben! Wie süß ist die Liebe zu ihm!«

Zugleich mit dem Amte einer Präfektin war ihr auch das einer Novizenmeisterin zuteil geworden, und so lernten die jungen Nonnen gar bald diese Liebesbezeigungen gegen ihren göttlichen Meister und übten solche mit heroischem Eifer. Stundenlang konnte man oft Novizinnen vor dem Tabernakel knien sehen, die Arme ausgebreitet und die Augen unverwandt auf das Altarbild geheftet, das Christum in ganzer Figur darstellte.

Doch nicht bloß am Tage wurde der Heiland von seinen Bräuten aufgesucht, nein, auch während der Nacht waren Betstunden festgesetzt, auf daß der Herrgott auch zu der Zeit, in der die Kreaturen ruhen und schlafen, gebührend verherrlicht werde durch die ewige Anbetung.

In der Kandidatur setzte man nun auch seinen Stolz darein, an diesen Stunden teilzunehmen, und das traf immer je vier für die Kapelle des Mutterhauses, je vier für die Pfarrkirche und vier für die Kapelle des Neubaues.

So war auch ich einmal nachts um die zweite Stunde mit drei anderen Beterinnen in der Kapelle des Neubaues und unterdrückte krampfhaft und gähnend den Schlaf. Da öffnete sich plötzlich die Tür und herein lief eine nur mit dem Nachthemd bekleidete Nonne, warf sich vor dem Altar auf die Knie und begann mit dem Ruf: »Jesus, brennende Liebe!« sich furchtbar zu geißeln.

Wir waren starr vor Schreck und Staunen, und mich packte Grauen und Entsetzen. Die älteste von uns vieren aber meldete den Vorfall andern Tags der Präfektin, die uns strengstes Schweigen gegen jedermann gebot.

Solche und ähnliche Vorgänge flößten mir einen großen Abscheu gegen das Ordensleben ein, und ich äußerte dies auch des öftern gegen Schwester Cäcilia, sie fragend, ob sie sich auch so mißhandle. Da meinte sie lächelnd: »Ich komme nicht dazu; denn ich muß mich den ganzen Tag mit euren Stimmen ärgern und plagen und brauche deshalb die Nacht zum Schlafen. Ich kann kaum meine Tagzeiten beten vor Arbeit.«

Da erbot ich mich, diese Pflicht mit ihr zu teilen, und benützte von nun an jede freie Stunde dazu, ihr einige Dutzend Psalmen und Paternoster abzunehmen oder die Vesper, Sext und Non gemeinsam mit ihr zu beten, wofür sie mir viel Dank wußte und mich nicht selten vor Strafe bewahrte, wo ich sie verdient hatte.

Inzwischen war die Fastnacht mit ihrem bunten Treiben gekommen, und auch die Nonnen vergaßen für kurze Zeit, sich zu kasteien, und schlossen sich lieber dem Hofstaat des närrischen Prinzen an und versammelten sich mitsamt den Obern und Geistlichen im großen Refektoriumssaal, der in ein Theater umgewandelt war, um sich an den heiteren Singspielen zu ergötzen, die ihnen Kandidatinnen und Jungfrauen aufführten.

Auch den ärmsten von allen den Pfleglingen der verschiedenen Abteilungen wurden mannigfache Belustigungen geboten und sogar etliche dem dürftigen oder zerrütteten Geist angepaßte Schwänke aufgeführt, bei denen die dafür geeigneten Leidenden selbst mitwirken durften.

Damit aber diese Lustbarkeit nicht etwa in den Herzen der gottgeweihten Frauen und Jungfrauen ein Verlangen nach den Freuden der Welt zeitige, beschloß man den Fasching mit einem frommen Theaterstück, in welchem die Glorie irgendeiner heiligen Nonne oder Jungfrau ins hellste Licht gerückt und sie als Muster und Vorbild verherrlicht wurde.

Zu dieser Zeit hatte ich viel Arbeit; denn bei den Fastnachtsspielen waren mir die ersten Rollen zugeteilt worden, und nun stand der Tag des heiligen Josef, an dem der Bischof die Einkleidung und Profeßabnahme im Kloster vornahm, vor der Tür. Es war dies der festlichste Tag im ganzen Jahr, und alles rüstete sich schon lange vorher, ihn würdig zu begehen.

Ich erwartete das Fest mit großer Erregung, da meiner sowohl in der Kirche als auch im Festsaal und beim Mahle schwere Aufgaben harrten. Doch war Schwester Cäcilia nach der letzten Probe sehr zufrieden mit mir und meinte: »Mädl, wenn du morgen so gut singst, hebst die ganze Pfarrkirche in den Himmel; ich bin recht zufrieden.«

Als dann der Morgen des Festes gekommen war, regte sich's im Kloster wie in einem Bienenkorbe: geschäftige Nonnen huschten durch die Gänge, den Arm voll Myrtenkränzlein, weißer Nonnenschleier oder Skapuliere, und eilten in die Zellen, um die jungen Gottesbräute zu schmücken und zu kleiden. Große Girlanden wurden aufgehangen und die Kapellen geziert, und die älteren Klosterfrauen liefen mit kritischem Blick herum, hier zupfend, dort stäubend, überall noch die letzte Hand an die Dekorationen legend und den Kandidatinnen die ihnen zukommenden Handreichungen und Arbeiten anweisend und erklärend.

Wir hatten uns nach dem Frühstück im Musiksaal versammelt, um unsere Aufgabe noch einmal flüchtig durchzugehen. Da krachten zahlreiche Böllerschüsse von Kamhausen herüber, zum Zeichen, daß der Bischof dort angelangt und, empfangen vom Klerus und den Obern des Klosters, sich auf dem Wege zu uns befinde.

Rasch ordneten wir uns in der Einfahrtshalle und begrüßten den Ankommenden mit einer Jubelhymne, während draußen alle Glocken geläutet wurden.

Inzwischen schritten die bräutlich weiß angetanen Jungfrauen und Novizinnen zur großen Pfarrkirche, in der schon ihre Angehörigen zahlreich versammelt waren. Danach kamen die älteren Schwestern, und um acht Uhr begann die Feier.

Brausend tönte die Orgel durch das Gotteshaus, und nach einer Ansprache des Bischofs traten die Bräutlein alle vor den Hochaltar, fielen auf ihr Angesicht nieder und beteten laut das Confiteor. Danach empfingen sie aus der Hand des Bischofs den Leib dessen, dem sie sich nun auf ewig antrauen wollten.

Mit ausgebreiteten Armen verharrten sie während des Hochamts in Gebet und Verzückung und schienen nun ganz und gar losgelöst von der Welt.

Bis dahin war ich meiner Aufgabe ganz gerecht geworden; als sich aber nach dem Hochamt die Novizinnen auf die Erde warfen und mit einem schwarzen Bahrtuch überdeckt wurden, zum Zeichen, daß sie nun auf ewig für die Welt gestorben seien, und der Bischof ihnen die ewigen Gelübde der freiwilligen Armut, der steten Keuschheit und des blinden Gehorsams abnahm und einer Jungfrau nach der andern das Haar abschnitt und sie mit dem Ordenshabit der Novizinnen bekleidete, da packte mich ein Grauen und in mir schrie es: »Nie, niemals werd ich Nonne! Niemals!« und ich begriff nicht, daß andere Mädchen so glückselig ausschauen konnten. Mein Entsetzen war so groß, daß ich den Einsatz verpaßte und erst nach längerer Zeit merkte, daß, hätte nicht Schwester Cäcilia mich beobachtet und im rechten Augenblick für mich eingesetzt, sicher ein Unglück geschehen wäre.

Ich konnte kaum das Ende der kirchlichen Feier erwarten und rief nachher im Musiksaal meiner Lehrerin zu: »Schwester, das weiß ich g'wiß: ich werd keine Klosterfrau! Ich sollt meine schönen Haar hergeben? Nein, niemals!«

Doch hatte ich den übrigen Tag keine Zeit mehr, viel an das Vergangene zu denken; denn auf die Tafelgesänge folgte die Nachmittagsandacht und am Abend wurde noch ein Theaterstück, die heilige Agnes, aufgeführt. Ich kam endlich todmüde ins Bett und schlief rasch ein; doch quälten mich wirre Träume, und es war mir, als läge ich auf einem Altar und man habe ein Leichentuch über mich geworfen, während mir meine Zöpfe abgeschnitten und in einen Sarg gelegt wurden. Aber ich sah nirgends einen Priester, noch den Bischof und lauter fremde Nonnen waren um mich.

Das Fest währte drei Tage, und auch die Pfleglinge und Kranken durften daran teilnehmen. Es ward ihnen an diesen Tagen auch manches nachgesehen, was man sonst unnachsichtlich bestraft hätte; denn es waren unter ihnen viel bösartige und heimtückische Geschöpfe, zu deren Bändigung es oft strenger Mittel bedurfte, wie Zwangsjacken, Hungerkuren, finsterer oder vermauerter Zellen und dergleichen.

Freilich geschah es mitunter auch, daß der eine oder die andere in einer solchen Zelle vergessen wurde. Da die Kerker sich alle unter dem Dach befanden, konnte man oft zwei, drei Tage lang ein entsetzliches Heulen und Wimmern hören; doch wußten nur wenige, woher es kam, und diese hüteten sich wohl, es uns Neulingen zu sagen.

Dafür ging im Kloster seit langem das Gerücht, auf dem Dachboden seien Gespenster; man erzählte von sündhaften Mönchen, die für ihre geheimen Missetaten also gestraft worden seien, daß sie in Ewigkeit keine Ruhe fänden, sondern ihre Geister im Kloster umgehen müßten zum warnenden Beispiel für alle, die darin lebten.

So geschah es auch einmal, als ich mit einer andern Kandidatin auf den Speicher gegangen war, um dort unsere Garderobeschränke in Ordnung zu bringen, daß wir plötzlich ganz in unserer Nähe ein dumpfes Schlagen hörten, während vom Bretterboden dichter Staub aufwirbelte. Unter lautem Schreien liefen wir zitternd zur Schwester Cäcilia und berichteten ihr den Vorfall. Nachdenklich ging sie mit uns nochmals hinauf und wir suchten den ganzen Speicher ab. Da fanden wir, daß eine tobsüchtige Frau, von uns die Putzmarie genannt, weil sie den ganzen Tag mit einem Schaff Wasser und einer Putzbürste herumlief und scheuerte, seit vier Tagen hier eingeschlossen war und beständig auf den losen Bretterboden sprang, um gehört zu werden; denn sie war schon dem Verschmachten nahe.

Schwester Cäcilia veranlaßte sofort ihre Befreiung, und die Alte war ihr so dankbar dafür, daß sie alle Tage den Musiksaal putzen wollte. Als ihr das aber nicht gestattet wurde, schüttete sie laut schimpfend ihr Schäfflein Wasser auf den Gang und begann nun hier zu fegen und zu wischen. Man ließ sie gewähren; denn ihre Pflegeschwester hatte derweilen die Hände voll Arbeit mit anderen Kranken. Es waren dies geistesschwache Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren, die jetzt mit dem beginnenden Frühjahr in den sogenannten Kreuzgarten getragen wurden, der in Wahrheit nur ein armseliges Wieslein zwischen vier hohen Klostermauern war. Hier hockten und lagen sie nun in den seltsamsten Stellungen, viele in einer Zwangsjacke, deren lange Ärmel auf dem Rücken zusammengeknüpft waren, so daß es ihnen unmöglich war, die Hände zu gebrauchen; denn die meisten von ihnen fraßen das Gras, Steine, Erde oder gar den eigenen Unrat. Zwei Schwestern eilten beständig von einem zum andern, um sie vor Schaden zu bewahren. Doch diese armen Wesen, die in ihren Bedürfnissen so anspruchslos waren, machten viel weniger Mühe als jene, von denen behauptet wurde, sie seien besessen.

Unter diesen bedauernswerten Geschöpfen war besonders eines, das mich lebhaft anzog, ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen, welches, da es aus sehr vornehmer Familie stammte, bei uns Kandidatinnen Aufnahme fand, obschon es eigentlich auch in die Abteilung jener Armen gehörte, für die niemand zahlte. Das Kind war klein und von zierlichem Wuchs; sein zartes, milchweißes Gesichtlein, aus dem ein paar große braune Augen erschreckt in die Welt sahen, war von reichem, kastanienbraunen Haar umrahmt, das man ihr fest und glatt zurückgekämmt hatte. Obwohl nun die Schwestern das Wasser und auch Pomaden beim Kämmen nicht sparten, erschienen doch, allen Bemühungen zum Trotz, jeden Vormittag aufs neue an ihren Schläfen zuerst kleinere, wirre Löckchen, bis dann nach wenig Stunden sich Locke an Locke um ihre Stirn ringelte, was dem Gesicht etwas ungemein Liebliches gab. Sie hieß Margaret und war sehr klug, in manchen Dingen sogar erfinderisch; auch lernte sie leicht und erfaßte rasch und mit feiner Beobachtung. Legte man ihr aber den Katechismus oder sonst ein religiöses Buch vor, so weigerte sie sich hartnäckig, daraus zu lesen oder zu lernen und war durch die strengsten Strafen und Züchtigungen nicht dazu zu bewegen. Man ließ sie tagelang hungern, die ekelerregendsten Dinge verrichten; man gab ihr nachts ein hartes Lager und wies ihr schwere Arbeiten an; sie ließ alles mit sich geschehen, ohne zu klagen. Man schlug sie grausam mit einem Stock und verbot uns aufs strengste, mit ihr zu reden; umsonst, sie blieb auf alle religiösen Fragen stumm, während sie in allen übrigen Lehrfächern gute Antworten zu geben wußte. Sie tat mir herzlich leid, und ich übertrat manchmal im geheimen das Verbot und sprach mit ihr. Da fand ich, daß sie sehr munter plauderte und ein überaus liebenswürdiges und geselliges Mägdlein gewesen wäre. Aber sie begann gar bald zu kränkeln und kurz vor meinem Austritt starb sie an galoppierender Schwindsucht.

Dieser Krankheit erlagen übrigens auch gar viele Nonnen und Jungfrauen, und auch zahlreiche Pfleglinge wurden davon ergriffen. Die meisten Opfer standen im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren; manche waren noch jünger. Es wurde ein eigener, großer Fleck Landes von dem Superior angekauft und in einen Friedhof verwandelt, in dem die Kreuzlein bald so dicht standen, wie die Nonnen Sonntags in den Kirchenstühlen saßen.

Da schien es mir nicht verwunderlich, daß jede Nonne angesichts des großen Sterbens beizeiten schon des Himmels gewiß sein wollte und darum eifrigst auf ihr Seelenheil bedacht war, welches Bestreben durch die Klostergeistlichen treulich gefördert und unterstützt wurde.

Unter ihnen war auch ein Kurat, welcher sowohl in seinem Äußern als auch in bezug auf seine große Strenge in Dingen der Sitte und Reinheit ganz dem heiligen Aloysius glich. Er ward daher von jedermann nur Pater Sankt Aloysius genannt und als Muster reiner Sitten gepriesen. Von mancher Nonne ward er sogar als Heiliger verehrt, bis sich eines Tages diese Verehrung in großen Zorn und Abscheu verwandelte, als man nämlich erfuhr, daß dieser tugendsame Priester eine Lehramtskandidatin, ein wohlgebautes, etwa zwanzigjähriges Mädchen, das schon fünf Jahre dort weilte, des öfteren abends mit sich ins Stüblein nahm und erst nach mehreren Stunden daraus entließ. Kandidatinnen, die zur nächtlichen Betstunde gingen, hatten sie aus seinem Zimmer schleichen sehen und dann bemerkt, wie eine alte Nonne wütend aus einer Nische hervorsprang, die Erschrockene aus dem Halbdunkel ans Licht zerrte und laut beschimpfte. Also hub ein großes Geschrei an, und sowohl die Sünderin, als auch der Priester mußten das Kloster verlassen.

Der Geistliche, welcher dem Pater Sankt Aloysius im Amt folgte, war schon ein alter Herr und besaß die üble Gewohnheit, während der Beicht immer einzuschlafen, wodurch die Nonnen ihr Seelenheil gefährdet glaubten und nicht eher ruhten, bis wieder ein junger, strenger Benefiziat an seine Stelle kam.

Mit wahrem Feuereifer waltete dieser seines Amtes und war unermüdlich darauf bedacht, alle Seelen ringsum vollkommen und makellos zu machen. Besonders Verfehlungen gegen die Kardinaltugend des Ordens, den heiligen Gehorsam, ahndete er mit unnachsichtlicher Strenge und gab denen, die sich in der Beicht eines derartigen Vergehens anklagten, die schwersten Bußen auf.

Trotzdem wurde mir die Ausübung dieser Tugend nicht leicht. Es war kurz vor dem Weihnachtsfest, dem zweiten, das ich im Kloster verlebte, daß ich mich schwer gegen dieselbe versündigte.

Um diese Zeit war ein großes Paket von meiner Mutter angekommen, das meine Weihnachtsgeschenke enthielt. Darunter war auch eine schwarze Kleiderschürze mit langen Ärmeln, wie ich sie mir schon seit langem gewünscht hatte. Doch ich hatte sie noch nicht anprobiert, als schon ein Befehl unserer Präfektin kam, ich solle diese Schürze sofort in das Nähzimmer geben, damit man mir zwei kleine daraus mache; denn so sei dieselbe ganz gegen die heilige Armut und ich dürfe so etwas nicht tragen. Da sie mir sehr wohl gefiel, konnte ich mich nun lange nicht von ihr trennen und legte das schöne Stück einstweilen auf den Speicher, wo ich sie alle Tage ans Licht zog und wehmütig mit der Hand darüberstrich, sie an mich hinhielt, wieder zusammenlegte und sorgfältig versteckte.