Erinnerungen einer Überflüssigen
Part 7
Ich nahm mich nun recht zusammen; doch während ich das Schlafzimmer meiner Eltern aufräumen wollte, befiel mich wieder eine solche Müdigkeit, daß ich mich aufs Sofa setzen mußte, um zu rasten. Ich schlief ein und erwachte erst, als meine Mutter mir einige Schläge auf den Kopf gab; denn es war inzwischen Mittag geworden und sie kam, frische Servietten für die Stammgäste zu holen. Voll Zorn schrie sie mich an: »Da hört si do scho alles auf! Mittn am Tag legt si dös faule Luder hin und schlaft, anstatt z'arbatn! Aber wart, i hilf dir! Augenblickli wichst ma jetzt den Schlafzimmerboden; und sauber wann net alles is, dann Gnade Gott! Jatz is elfe; um zwoa komm i rauf, da will i alles ferti sehgn!«
Mir war ganz dumm im Kopf, aber ich begann trotzdem wieder zu arbeiten. Als ich etwa ein Drittel des Zimmers mit Stahlspänen abgerieben hatte, drehte sich plötzlich alles vor meinen Augen und ich wußte nichts mehr.
Lange muß ich so dagelegen sein; denn kaum hatte ich wieder zu arbeiten begonnen, schlug es zwei Uhr. Ich war vor Schrecken ganz ratlos, denn ich hörte die Mutter kommen. Als sie sah, wie wenig ich gearbeitet hatte, schrie sie: »Was, du bist no net ferti! Ja, da is ja no net amal richti o'g'fangt! Du willst mi, scheint's, zum Narren haltn, du Kanallje!« Dabei trat sie mich mit Füßen und riß mich an den Haaren in die Höhe.
Mühsam fing ich wieder an zu arbeiten, während die Mutter an den Waschtisch gegangen war und sah, daß ich das Wasser noch nicht ausgeleert hatte. Da schrie sie: »Ja, was is denn dös! Net amal d'Waschschüssel hat s' ausg'leert und a frisch Wasser reitragen!«
»Ja mei, i hab ma's ja net z'tragen traut, die teure Schüssel, weil mi alle Augenblick der Schwindel anpackt.«
»Was Schwindel! Dir treib i dein' Schwindel aus. Sofort leerst die Schüssel aus! I möcht wissen, für was ma dir z'fressn gibt, du langhaxats G'stell!« rief sie und stieß mich an den Waschtisch.
Ängstlich faßte ich die schöne Schüssel, die von zarter, himmelblauer Farbe war, mit einem goldenen Rand, und eine Muschel darstellte. Im Innern war ein Bild, das zwei Mädchen in fremder Tracht zeigte, die am Meeresstrand standen und einen in einem Segelboot sitzenden Burschen aus flachen Schalen mit Wasser bespritzten. Den Krug schmückte eine ähnliche Szene; das Geschirr war alt und kostbar und der Name des Künstlers stand darauf geschrieben.
Schwankend trug ich also die Schüssel durch das Zimmer, als ich plötzlich einen Stoß verspürte, worauf ich zu Boden stürzte. Die Mutter hatte es getan; denn ich war ihr zu langsam gegangen.
Starr blickte ich erst auf die Wasserlake, dann auf die Scherben und vergaß, aufzustehen, bis mich die Mutter mit dem Ochsenfiesel des Vaters daran erinnerte.
Eine halbe Stunde später, als ich, die blutigen Striemen an meinem Körper betrachtend und vor Schmerzen an Brust und Rücken stöhnend, bemüht war, das Unheil wieder gut zu machen, ging die Mutter fort mit der Drohung: »Dawerfa tua i di, wenn i net die gleiche Schüssel kriag!«
Ich hielt das letztere für ausgeschlossen bei der Kostbarkeit derselben und zog deshalb meinen Regenmantel an und schlich mich, nachdem ich aus meiner Sparbüchse noch etwas Geld zu mir gesteckt hatte, davon.
Planlos und ohne an etwas zu denken, lief ich durch die Nymphenburger Straße hinaus über Laim und befand mich endlich auf der Straße, die nach Großhadern führt. Die Sonne war schon im Untergehen und über den Feldern stand ein leichter Nebel; denn es war schon im Spätsommer.
Ich blieb stehen und sah mich um. Da durchfuhr mich ein kalter Schauer, und als ich weiter gehen wollte, wurde mir schon nach wenigen Schritten so übel, daß ich mich erbrechen mußte und danach ohnmächtig auf der Landstraße hinfiel.
Spät abends fand mich ein Bauer, der Milch nach der Stadt gefahren hatte und jetzt auf dem Heimweg war. Der hob mich auf und brachte mich mit seinem Fuhrwerk nach Großhadern und lud mich bei einem großen Wirtshaus ab. Die Wirtin brachte mich freundlich zu Bett und befahl einer alten Frau, daß sie die Nacht über bei mir bleibe. Sie selbst kam am andern Tag und fragte mich mitleidig, wo ich in diesem Zustand denn herkomme oder hinwolle. Da erzählte ich ihr mein ganzes Unglück und bat sie, sie solle mich doch bei sich behalten, ich sei eine Wirtstochter und könne ihr viel helfen.
»Ja, mei liabs Kind,« meinte die gute Frau, »deine Leut wer'n halt recht Sorg um di habn und di wieder z'rückverlanga; denn dös kann do net sei, daß a Muatter so schlecht is.«
Weinend wiederholte ich meine Bitte und beruhigte mich erst, als sie mir versprach, mich in ihren Dienst zu nehmen: »Aba z'erscht muaßt wieder g'sund wer'n. Drum bleibst heut lieber no liegn. Vielleicht kann ma morgn mehra sagn.«
Gegen Abend hielt ich es nicht mehr im Bett aus und ging zu der Wirtin in die Küche und fragte sie, ob ich ihr was helfen könnte.
»Ja mei, Kind, in dem Zuastand! Sitz di liaber ins Nebenzimmer und iß was G'scheits. Du schaust ja aus wie inser liaber Herr am Kreuz!« Damit nahm sie mich bei der Hand und führte mich ins Nebenzimmer, wo an einem Tisch fünf oder sechs Herren beisammen saßen und mich verwundert ansahen.
»Wen bringen S' denn da, Frau Obermeier? Dös is g'wiß a Basl,« fragte einer, während ein anderer hinzufügte: »Jess Maria, is dös Madl kasi! Is 'leicht krank?«
»Ja mei, Herr Oberförster,« sagte die Wirtin, »dös is a g'spaßige G'schicht!« und sie erzählte die Sache den Herren, von denen einer der Bürgermeister, ein anderer der Arzt und ein dritter der Herr Benefiziat war.
Nachdem die Wirtin meine Geschichte erzählt hatte, bestürmten sie mich mit allen möglichen Fragen; doch der Arzt sagte: »Laßt's dem armen Kind sei Ruh, meine Herrn! Ma sieht's ja auf den ersten Blick, daß 's schwerkrank is ... Geh amal her, Fräulein, und laß dir in'n Hals neischaun! ... Ach, herrjesses,« schrie er da, »wie schaut's da drin aus, und so ham s' di rumlaufa und arbat'n lassen. A so a Bagasch g'hört do scho glei o'zoagt!«
»Und sie möcht zu mir in Dienst gehn!« rief die Wirtin dazwischen.
»Sonst nix mehr,« schrie der Bürgermeister, »ins Krankenhaus g'hörst! Net wahr, Herr Doktor?«
»Allerdings wär's das beste, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß das Mädel a starke Lungenentzündung kriagt auf dö Strapazen.«
Da sagte der Herr Benefiziat: »Wie heißt du denn eigentlich und woher bist du?«
Als ich es ihm gesagt, fragte er weiter: »Moanst wirkli, daß di dei Muatter totschlagt?«
»Ja, i glaab scho; denn halbert umbracht hat s' mi a so scho.«
Da lachten sie alle, bis der Herr Benefiziat wieder ganz ernst fortfuhr: »Es ist doch a Sünd und a Schand, wie heutzutag mit den armen, ledigen Kindern umgegangen wird. Z'erscht setzt ma's her, dann gehn s' oan im Weg um. So ein Weibsbild g'hörat doch schon an die Zehen aufg'hängt und mit Brennesseln g'haut!«
»Ganz recht, Herr Benefiziat, früher hat ma aufgramt mit solchene Leut, aber heutzutag baun s' eahna ja extrige Häuser, daß sie s' leichter auf d'Welt bringa eahnane armen G'schöpferln!« rief der Tierarzt, und der Bürgermeister sagte: »Jetzt ham's mir da! Was tean jetzt mir damit? Uns geht's eigentlich nix o, schiabt's es nur der Münchner G'meinde zua!«
»Ganz recht, Herr Bürgermeister,« sagte der Oberförster, »für dös arme Deanderl is am besten, wenn's z'Münka ins Krankenhaus geht, bis g'sund is. D'G'meinde soll's nur zahln. Die ham mehra wie mir.«
Ich hatte heftig zu weinen begonnen, so daß die Wirtin rief: »Aber meine Herren, dös is scho net recht, daß d's ma dem arma Deanderl an solchen Schrecken einjagt's. Laßt 's es do wenigstens mit Ruah essen!« Damit führte sie mich an den Tisch und gab mir den Löffel in die Hand, und ich mußte von dem Kalbslüngerl, das die Kellnerin hingestellt hatte, essen. Ich brachte aber vor Weinen und Halsweh nichts hinunter. Die Wirtin kehrte wieder in ihre Küche zurück, während die Herren sich lebhaft über mich unterhielten.
Nach einer Weile stand der Herr Benefiziat auf, setzte sich zu mir und gab mir folgenden Rat: »Liabs Kind, i moan, 's wär's G'scheitste, du tätst morgen früh von Pasing nach der Stadt fahren, dort auf die Polizei gehen, die ganze G'schicht anzeigen und dich in ein Krankenhaus schaffen lassen. Nachher bist gut aufg'hoben und deiner Mutter schiab'n s' hoffentlich an Riegel vor ihre Brutalitäten.«
Ich gab ihm keine Antwort und weinte nur. Die Wirtin aber brachte mich darauf wieder ins Bett und erwiderte mir auf meine Frage, was ich schuldig sei: »An Vergelt's Gott und an B'suach, wann's dir amal guat geht.«
Am andern Morgen stand ich sehr früh auf und ein Milchfuhrwerk nahm mich wieder mit nach Pasing. Von da fuhr ich mit der Bahn nach München.
Als ich ratlos vor dem Sterngarten am Bahnhofplatz stand und nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte, begegnete mir der Sohn einer im Haus meiner Eltern wohnenden Familie und sagte mir: »Geh fei net hoam, Leni! Dei Muatter is in der größten Wut. Die ganze Nachbarschaft hetzt s' über di auf und sagt dir alles Schlechte nach. Durch d'Gendarmerie laßt s' di scho überall suacha.«
Da begann ich zu weinen und fragte ihn um Rat; denn wir hatten uns sehr gern. Er meinte auch, ins Krankenhaus gehen, wäre das Gescheiteste; doch zuvor solle ich auf die Polizei, daß man nicht weiter nach mir suche. Er begleitete mich dann auch dorthin und ging darauf in sein Geschäft. Ich aber trat in die Einfahrt des Polizeigebäudes und fragte den Gendarm, der dort auf Posten stand: »Sie, entschuldigen S', bitt schön, wo is denn da dös Zimmer, wo verlorengangane Personen o'g'meldt wer'n?«
Er lachte herzlich und gab mir zur Antwort: »San vielleicht Sie verloren ganga, schön's Fräulein? Dann melden S' Eahna parterre, ganz hinten auf Zimmer Nummro sieben.«
Dort fragte man mich nach meinem Begehr.
»Entschuldigen S', is bei Ihnen ein junges Mädchen angemeldet, dös wo verlorenganga is, oder vielmehr, dös wo davog'laafa is? Wissen S', i bin davo von dahoam, weil mi mei Muatter sunst derworfa hätt, weil i d'Waschschüssel derschlagn hab und Diphtherie hab.«
Lächelnd führte mich der Beamte in das Zimmer des Polizeiarztes, und als ich dem meine ganze Geschichte erzählt hatte, untersuchte er mich und sagte darauf: »Herr Rat, ich bitte Sie, lassen Sie die Ärmste nach dem Krankenhaus schaffen. Benachrichtigen Sie jedoch die Angehörigen nicht davon. Recherchieren Sie vielmehr, ob solche Sachen bei dieser Frau öfter vorkommen; denn so etwas gehört exemplarisch bestraft.«
Hierauf mußte ich mich ausziehen und ihnen die Beulen und Striemen an meinem Körper zeigen. Als der Arzt einen großen grünlichen Fleck an meiner linken Brust bemerkte, rief er: »Unverantwortlich! Ein weibliches Wesen so zu mißhandeln! Die Megäre denkt gar nicht, welche Folgen das haben kann!«
Danach wurde ich in das Krankenhaus an der Nußbaumstraße geschafft, wo ich alsbald in ein heftiges Fieber verfiel und an einer schweren Lungenentzündung erkrankte.
Als es mir besser ging, wollten alle meine Geschichte hören; denn durch den Polizeiarzt war an unsern Arzt, Doktor Kerschensteiner, schon ein aufklärendes Schreiben gelangt, und der freundliche Herr hatte in seiner Entrüstung ganz laut im Saal geschrien: »Die Bestie! Das Schandweib! Und so was nennt sich Mutter!«
Nach drei Wochen aber meinte er: »Jetzt müssen wir es doch der Mutter schreiben, wo Sie sind. Es handelt sich nämlich um die Zahlung, ob das Ihre Mutter übernimmt oder die Gemeinde.«
Als ich darauf zu weinen begann, beruhigte er mich mit den Worten: »Sie müssen nicht Angst haben. Die Frau tut Ihnen nichts. Dafür bin ich auch noch da.«
Man schrieb ihr also, und an einem Dienstag nachmittag zur allgemeinen Besuchsstunde kam sie. Ich lag im ersten Bett, gleich neben der Tür. Sie blickte im ganzen Saal herum und sah mich lange nicht, nachdem sie mich aber bemerkt hatte, schrie sie, daß es alle hörten: »So, da bist! Was du deinen armen Eltern angetan hast, übersteigt alle Grenzen. Da heraußen muß ma di finden und hätt'st es so schön g'habt dahoam. Hätt dir koa Mensch was tan!« Dabei brach sie in Tränen aus, ging durch den Saal an das Fenster und sagte ganz laut und mit schluchzender Stimme: »So ein ungeratenes Kind! Oan so vui Verdruß z'macha!«
Die andern Patientinnen, die den wahren Sachverhalt wußten, begannen bei diesen Worten zu kichern und zu lachen und eine sagte mit komischem Ernst vor sich hin: »Tja, tja, solchtene Kinder!« worauf im ganzen Saal lautes Gelächter erscholl.
Da mußte auch ich lachen, und die Mutter entfernte sich wütend mit den Worten: »Daß d' di z'ammrichst morgen. Morgen nachmittag hol i di!«
Am Abend machte der Herr Doktor wie gewöhnlich die Runde, und es wurde ihm das Vorgefallene berichtet. Da trat er an mein Bett und sagte lachend: »Ah, Sie leben ja noch! Also ist sie doch nicht so schlimm.« Als er aber erfuhr, daß ich am andern Tag wieder nach Haus müsse, rief er: »Unter keinen Umständen! Sie sind noch nicht gesund, und jede Aufregung, sowie Luftwechsel schadet Ihnen! Ich werde niemals meine Einwilligung dazu geben.«
Er mußte sie aber doch geben, als die Mutter am andern Tag unter vielen Tränen versicherte, ich solle kein unrechtes Wort mehr hören, noch viel weniger eine Mißhandlung erdulden.
Nachdem ich ziemlich bedrückt von den Krankenschwestern und den übrigen Patientinnen Abschied genommen hatte, trat ich mit der Mutter den Heimweg an.
Vorerst aber hatte die Mutter an der Kasse noch sechsundneunzig Mark für meine Verpflegung zu bezahlen, doch ließ sie mich den Ärger darüber nicht merken.
Unterwegs in der Trambahn sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr heim, sondern eine Stellung als Dienstmädchen annehmen. Sie schien anfangs entsetzt darüber, ging aber dann doch mit mir in die Marienanstalt, wo bessere Stellen für Dienstboten vermittelt wurden.
Während sie mit der Oberin verhandelte, mußte ich auf dem Korridor warten. Nach längerer Zeit trat die Mutter heraus und sagte, spöttisch lächelnd: »So, geh nur nei! Frau Oberin woaß allerhand für di.«
Mit den besten Hoffnungen trat ich ins Zimmer, gefolgt von der Mutter. Aber es kam anders, als ich erwartet hatte.
»Weißt du,« begann die sehr beleibte Oberin, indem sie mit hochrotem, erzürntem Gesicht vor mich hintrat, »was einem Kind gebührt, das seine Eltern mit Füßen tritt und das Elternhaus mißachtet und nicht mehr dahin zurückkehren will? ... Einem solchen Kind gehört nichts anderes, als daß man es an einen Haken anhänge und mit einem Stock oder Strick so lang schlage, bis es lernt, das Elternhaus zu schätzen und Vater und Mutter zu lieben!«
Als ich dies vernommen, verlangte ich nicht mehr zu wissen und eilte nach der Tür, riß sie auf und lief davon, heim zum Vater.
Nachdem dieser mich freundlich empfangen und mir seine Hilfe versprochen hatte, erzählte ich ihm auch dies mein letztes Erlebnis. Da gab er mir recht, und als die Mutter heimkam und über mich klagte, sagte er: »Dös is aa koa G'redats an a krank's Madl hin. Da kann 's freili koa Liab und koa Achtung lerna bei dera Behandlung. Sei du mit'n Madl, wie es si g'hört, na werd si bei ihr aa ninx fehln!«
Darauf brachte mich die Mutter zu Bett und behandelte mich von nun an gut und freundlich.
* * * * *
Inzwischen nahte der Hochzeitstag meiner Eltern wieder heran. Es war der zehnte, seit sie geheiratet hatten, und auf den gleichen Tag fiel auch mein Geburtsfest. Ich wurde damals siebzehn Jahre alt.
Da die Eltern es gern sahen, daß ich ihnen zu den üblichen Familienfesten meine Glückwünsche darbrachte und auch die Brüder irgendein Gedichtlein lernen ließ, so beschloß ich, ihnen zu ihrem zehnten Hochzeitstage eine rechte Freude zu machen. Ich schmückte also das Nebenzimmer mit Papiergirlanden, stellte ein selbstverfertigtes Transparent auf und dazu ein Brett, in das ich zehn Nägel schlug und darauf zehn Wachskerzen befestigte. Auf einen weißgedeckten Tisch legte ich die Festesgaben, zu denen ich einen eigenen Vers gedichtet hatte. Es waren ein Paar zierliche Samtpantoffeln für die Mutter und ein gesticktes Käpplein für den Vater, nebst zwei Blumenstöcken und einem Kuchen. Auch den Stammgästen teilte ich meine Absicht mit, und sie waren gern bereit, die Feier noch durch Musik zu verschönern.
Als nun am Vorabend des Hochzeitstages meine Eltern plaudernd am dichtbesetzten Stammtisch saßen, ertönte plötzlich im Nebenzimmer Musik und man brachte ihnen ein Ständchen. Erschrocken sprang die Mutter auf und lief hinüber. Da erglänzte der also geschmückte Raum im Licht der Kerzen und des Transparents. Doch, o Wunder! es stand noch ein Brett auf dem Tisch, an dem siebzehn kleine Lichtlein brannten. Meine Brüder hatten mich damit überrascht.
Während die Mutter immer noch starr an der Tür lehnte, war auch der Vater hinzugetreten, und nun brachte ich meinen Prolog vor, worauf die Gäste ein dreimaliges Hoch brüllten.
Dann stand einer von den Stammgästen auf und brachte in umständlicher, stotternder Rede die Wünsche der Gäste zum Ausdruck und rief zum Schluß: »Unser wertes Hochzeitspaar und unser liebes Geburtstagskind mögen noch lange Jahre froh und glücklich sein! Sie leben hoch, hoch, hoch!«
Da rief die Mutter, der während des Ganzen eine dunkle Röte bis zu den Schläfen über das Gesicht lief, aus: »Ja, seid's denn alle verrückt wordn! Was red's denn allweil von zehn Jahr? Mir san do scho zwanz'g verheirat'!«
Ich verwunderte mich über diese Rede sehr; denn ich wußte doch bestimmt, daß der Vater jetzt fünfunddreißig, die Mutter aber achtunddreißig zählte, und wenn sie nun vor zwanzig Jahren schon geheiratet hätten, so ... Ich schickte mich also an, ihnen dies zu erklären. Da erhielt ich einen heftigen Stoß von der Mutter, und sie rief halblaut: »Marsch, ins Bett! Und freun kannst di!«
Andern Tags aber gab es heftige Prügel dafür, daß ich die Eltern so blamiert hatte; denn sie wollten es niemand wissen lassen, daß die Mutter mich schon ledig gehabt.
Jetzt war meine gute Zeit wieder vorbei, und die Mutter quälte mich wieder ärger denn je. Dabei empfand ich es am bittersten, daß sie mich oft, besonders zu gewissen Zeiten des Monats, wegen irgend einer Kleinigkeit, die ich mir hatte zu Schulden kommen lassen, dadurch strafte, daß sie mir befahl, nach dem Mittagessen in ihrem Zimmer zu erscheinen. Dort mußte ich mich dann jedesmal nackt ausziehen und niederknien, und nun schlug sie unter lauten Schmähungen mit dem Ochsenfiesel so lange auf mich ein, bis sie vollkommen erschöpft war und mir das Blut über Arme und Rücken herunterrann. Bei diesen Züchtigungen waren die Schläge, an die ich mich schließlich auch gewöhnte, nicht so schmerzhaft als der Umstand, daß die Mutter oft viele Stunden zwischen meiner Verfehlung und der Strafe verstreichen ließ, während derer ich das Kommende jeden Augenblick vor mir sah und doch meine Arbeit tun mußte.
Dadurch wurde mir das Leben im Hause immer mehr zur Qual und ich beschloß, auf irgend eine Weise dasselbe zu verlassen.
Da besuchte uns ein junges Mädchen, welches sich vor seinem Eintritt ins Kloster noch von einer meiner Basen, die bei uns in Dienst war, verabschieden wollte. Diese schilderte mir den Beruf und das Leben der Nonnen so schön, daß ich voller Begeisterung beschloß, ebenfalls ins Kloster zu gehen. Ich äußerte diesen Wunsch meiner Mutter gegenüber und sie war ganz wider mein Erwarten einverstanden. Doch wohin? Man versuchte es im Institut der Englischen Fräulein; doch wies man mich dort ab, weil ich ein lediges Kind war. Da erfuhren wir durch eine Magd, deren Schwester schon lange Klosterfrau war, daß der alte Pater Guardian des Kapuzinerordens in München uns gewiß raten könne; der hätte auch ihre Schwester ins Kloster gebracht.
Meine Mutter ging also mit mir dahin und stellte mich dem Pater vor, und nachdem ich ihm meinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, vorgetragen hatte, meinte er: »Viele sind berufen, aber wenige nur sind auserwählt! Wenn du wirklich den festen Willen hast, Nonne zu werden, so will ich dir gerne dazu helfen!« Darauf nannte er mir als die geeignetste Stätte, Gott in gänzlicher Abgeschiedenheit von der Welt zu dienen, das Kloster Bärenberg in Schwaben, und nachdem er noch meine Schulzeugnisse geprüft und mich auch in religiösen Dingen nicht unwissend befunden hatte, empfahl er mir, dorthin zu schreiben; denn daselbst könne ich Lehrerin, oder was ich wolle, werden.
Auf meine Anfrage bei den frommen Frauen dieses Klosters, das dem heiligen Josef geweiht war, erhielt ich denn auch wirklich den Bescheid, daß man, obwohl ich schon siebzehn Jahre alt sei und man gewöhnlich nur jüngere Bewerberinnen zulasse, dennoch gewillt sei, mich als Kandidatin aufzunehmen; zugleich war dem Schreiben ein Zettel beigelegt, der alles enthielt, was mir zu wissen vonnöten war und auch was ich an Garderobe, Wäsche und dergleichen brauchte.
Als Tag meines Eintrittes war der fünfte Dezember, der Todestag meines Großvaters, ausersehen und ich erwartete ihn sehnsüchtig und mit großer Aufregung.
Die letzte Nacht vor meinem Scheiden aus dem elterlichen Hause schlief ich nur wenig, und als mich am frühen Morgen die Mutter aus den Federn holte, war ich in ganz seltsamer Stimmung. Verflogen war alle Lust und Freude, und ich wäre viel lieber im Bett geblieben, statt mich für die Reise bereit zu machen. Da ich nun aber einmal daran glauben mußte, kleidete ich mich rasch an. Bald trat auch schon die Mutter reisefertig in die Stube, und nachdem ich meinem Vater und den Geschwistern Lebewohl gesagt, machten wir uns auf den Weg. Oftmals blickte ich noch zurück auf unser Haus, und als wir durch die menschenleeren Straßen dem Bahnhof zueilten, nahm ich noch Abschied von den alten Frauentürmen, die freundlich aus dem Frühnebel grüßten.
In der Eisenbahn gab mir die Mutter noch allerhand Ratschläge und meinte zum Schluß: »Kost's, was's mag, wannst nur recht a brave Klosterfrau wirst! Schickn tean ma dir alles, was d'magst, brauchst bloß z'schreibn. Aber aushaltn mußt und drinn bleibn! Net, daß d'auf amal nimma magst und kommst ma daher; da tät's spuckn!«
Nach dieser Rede verstummte sie, und auch ich lehnte mich schweigend in meine Ecke.
Verschneite Wiesen, Wälder und Ortschaften glitten draußen vorüber, Stationen wurden gerufen, Leute stiegen aus und ein, deren Redeweise immer mehr das Schwabenland verriet, und bald waren wir in der Hauptstadt, in Augsburg. Den mehrstündigen Aufenthalt benützten wir dazu, uns die Stadt ein wenig anzusehen. Mich aber interessierten nur etliche Klosterfrauen, die eben über den Marktplatz in eine Kirche gingen; doch gefiel mir ihre Kleidung gar nicht und ich fürchtete, es möchten die Frauen des heiligen Josef ebensolche unschöne Gewandung tragen. Während ich ihnen noch nachblickte, stürmte plötzlich keuchend ein Hund an mir vorüber, der einen andern, der laut heulte, hinter sich herschleifte. Entsetzt sprangen die Nonnen zur Seite, während sich im Nu ein großer Menschenhauf ansammelte, aus dem die Rufe: »A Schäffla Wass'r her! A Töpfla Wass'r drufgießa!« erschollen. Ich aber war höchst erstaunt vor diesem scheinbaren Naturwunder stehen geblieben und starrte mit offenem Munde den Hunden nach. Da riß mich meine Mutter mit den Worten: »Marsch, weiter, dös is nix für di!« mit sich fort und führte mich auf dem kürzesten Wege wieder zum Bahnhof.
Während der weiteren Fahrt war die Mutter recht einsilbig, und als wir jetzt an der Endstation Kamhausen anlangten, sagte sie nur: »So, jetz müß ma schaun, daß ma no an Platz im Stellwagn kriegn!« welchen Worten ich nicht zu widersprechen wagte, obgleich ich viel lieber zu Fuß gegangen wäre.