Erinnerungen einer Überflüssigen
Part 6
»Vergelts Gott, Herr Hochwürden, aba d' G'meinde is ma allweil no g'wiß; i hab ja no Kinder, dö wo si um mei Geld reißn!« meinte die Großmutter mit einem schwachen Lächeln und grüßte den sich zum Gehen Wendenden noch mit einem leisen: »Gelobt sei Jesus Christus!«
Danach gingen wir doch noch einmal heim ins Haus. Aber da waren schon die neuen Besitzer eingezogen und alle möglichen Gegenstände lagen bunt durcheinander in den Räumen und vor dem Haustor. Unter der Stiege stand eine alte Truhe, in die sonst die Kleie für das Vieh kam; wir setzten uns darauf und konnten nichts reden. Aus dem Stall tönte das kurze Brüllen der Kühe, denen die gewohnte Hand abging. Da kam aus der Wohnstube die neue Hausfrau, sah uns ganz erstaunt an und fragte fast unfreundlich: »Was möcht's denn no, Handschuasterin? Habt's leicht ebbs vergessn?«
»Naa, i han nix vergessn; geh, Lenei, gehn ma wieder!« erwiderte die Großmutter und ging mit mir aus dem Haus. Nun mußten wir doch zum Huberwirt; denn die Verwandten hatten schon herumgefragt, wo wir wären. Als wir in die Gaststube getreten waren, brachte der Huberwirt ein Glas Rotwein mit Zucker und stellte es vor die Großmutter hin, indem er sagte: »Handschuasterin, balst es net trinkst, kriagt da Vata dö ewi' Ruah net!«
Da tauchte sie eine Semmel darein, sprach aber nichts, und als dann die Nanni mit ihrem Mann sich zum heimgehen bereit machten und sie einluden, gleich mitzukommen, da nickte sie nur ein paarmal mit dem Kopfe und stand auf. Der Huberwirt aber ließ seinen großen Schlitten, auf dem sonst das Bier oder Getreide gefahren wurde, herrichten und einspannen: »Oes werd's ja a so glei all' z'samm auf Hasla' fahrn, net? I han enk mein Schli'n eing'spannt, daß d'Handschuasterin net z'geh braucht. A paar Deckn han scho drobn zum Einwickeln!«
Wir fuhren also alle zusammen zur Nanni; diese kochte Kaffee, und in der gemütlichen Wohnstube wurde auch die Großmutter wieder etwas gefaßter; ja, sie fing sogar an, einiges über den Großvater zu erzählen. Man hatte ihr eine nette Kammer zu ebener Erde angewiesen und diese auch geheizt. Spät am Nachmittag, als es Zeit wurde, auf die Bahn zu gehen, denn wir mußten abends wieder zu Hause sein, führte die Nanni uns noch in diese Kammer, um uns zu zeigen, daß die Großmutter bei ihr gut aufgehoben sei. Auch mich beruhigte diese Fürsorge und ich sagte noch beim Abschied zu ihr: »Großmuatterl, du brauchst koa Angst z'habn wegn der Nanni; dö mag di scho!« Ich blieb noch bei ihr in der Kammer und half ihr ihre Habseligkeiten ein wenig ordnen. Dann legte sie sich ins Bett und schlief bald ein. Ich hatte ihr noch leise Lebewohl gesagt, die andern aber ließ ich nicht mehr zu ihr.
Gegen Abend fuhren wir wieder in dem Schlitten zur Bahn und hierauf heim.
In München erst sprach ich einiges mit den Verwandten; denn während der Fahrt war ich still und teilnahmslos in der Ecke gesessen, während es um mich summte und schwirrte von der lebhaften Unterhaltung.
Nach der Ankunft ging die ganze Verwandtschaft noch in unsere Wirtschaft, wo sie von meinem Vater mit Freibier und einem guten Mahl bewirtet wurden.
* * * * *
Kaum ein halbes Jahr nach dem Tode meines Großvaters kam eines Tages meine Großmutter und beklagte sich bitter über die rohe Behandlung, die ihr bei der Nanni und deren Mann widerfahre. Laut weinend wünschte sie sich den Tod und wollte nicht mehr zurück, sondern zu dem neuen Besitzer ihres Hauses, um bei ihm im Austrag zu bleiben. Meine Mutter suchte ihr dies wieder auszureden und wollte sie bei sich behalten; denn, meinte sie, um die tausend Mark, die der Nanni für die Verpflegung der Großmutter zugekommen waren, könnte die alte Frau gerade so gut bei ihr sein, und es ginge ihr gewiß gut. Auch der Bruder meiner Mutter lauerte auf die tausend Mark, und es entspann sich bald ein heftiger Streit unter ihnen, wer die Großmutter bekäme. Doch erkannte diese gar bald die wahre Ursache jener plötzlichen Bereitwilligkeit und fuhr wieder zur Nanni. Diese hatte gehofft, daß die Großmutter den Vater höchstens etliche Monate überleben würde und war voll Verdruß, als sie sah, daß die Frau nach einem und nach zwei Jahren immer noch lebte. So behandelte sie sie nicht zum besten und mißgönnte ihr sogar das wenige, womit sie ihr Leben fristete. Oft schlich dann die alte Frau, wenn sie vom Grabe ihres Mannes kam, in ihre ehemalige Heimstatt und klagte der neuen Besitzerin ihre Not. Diese, eine mit vielen Kindern gesegnete, kränkliche Frau hatte viel Mitleid mit ihr und behielt sie oft tagelang bei sich. Da mag sie wohl manchmal mit Bitterkeit diese seltsame Fügung bedacht haben, daß sie, die auch den Ärmsten Heimat bot um Gottes willen, nun selbst heimatlos und der Willkür ihrer Kinder preisgegeben war.
Als sie dann nach langem Leiden durch einen Schlaganfall gelähmt worden und ganz auf die Handreichungen ihrer Stieftochter angewiesen war, kamen harte Tage für sie. Hilflos lag sie in ihrem Bett, so erzählt man, und niemand kümmerte sich um sie; man ließ sie hungernd und starrend vor Schmutz im eigenen Kot liegen. Und als um diese Zeit ihr Schwiegersohn sein Haus verkaufte und ein neues Anwesen übernahm, wurde die kranke Frau, obwohl es Winter war, mit ihrem Bett zu oberst auf den mit Möbeln beladenen Leiterwagen gebunden und so den weiten Weg auf der holprigen Landstraße nach dem neuen Wohnort gefahren. Bald nach dieser Reise starb sie, und als sie tot war, wollte niemand das Begräbnis zahlen. Die Kinder, die damals sich um die Pflege der Lebenden gestritten hatten, fanden alle erdenklichen Ausreden, um der Toten ledig zu bleiben, und endlich mußte die Gemeinde sie auf ihre Kosten begraben lassen. Doch kam meine Mutter zum Begräbnis und brachte große Kränze mit. Danach aber gab es heftigen Streit um die letzte Habe der Verstorbenen; denn die Nanni hatte alles schon beiseite geschafft.
Mit der Geburt des Ludwigl, meines dritten Stiefbruders, hatten auch die letzten an die Kindheit erinnernden Spiele und Freuden ein Ende, und ich mußte nun von früh bis spät arbeiten, um alles recht zu machen. Trotzdem gab es manchen stürmischen Tag mit der Mutter, die in einemfort haderte und schalt und es an Züchtigungen nicht fehlen ließ. Zu all dem wurde ich seit dem Tode meines Großvaters von einer großen Schwermut und Traurigkeit befallen, so daß ich mir nicht mehr viel aus meinem Leben machte. Doch fand ich in dieser schweren Zeit einen Trost in meiner Stimme. Unser Pfarrer veranlaßte meine Aufnahme in den Kirchenchor, nachdem ich schon etliche Jahre in der Zentralsingschule ausgebildet worden war. Bald durfte ich bei den Gottesdiensten Solo singen, und das Bewußtsein, einmal öffentlich anerkannt zu sein, bereitete mir so hohe Freude, daß ich darüber selbst den Neid meiner Kolleginnen vergaß.
So sang ich auch einmal aushilfsweise bei einer großen Vereinsfeier, an der auch der würdige Prälat und Pfarrer Huhn von der Heiliggeistkirche teilnahm. Als dieser meine Stimme gehört hatte, ließ er mich zu sich kommen und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ein braves Pilgermädchen bei der Münchner Wallfahrerbruderschaft zu werden und an den heiligen Stätten zu Andechs, Altötting und Grafrath Gottes und Mariä Lob zu singen. Ich sagte hocherfreut zu und holte mir sogleich von meiner Mutter die Erlaubnis, die sie mir in Anbetracht ihrer frommen Gesinnung nicht verweigerte. Also durfte ich noch im selben Jahr an den großen, volkstümlichen Wallfahrten als Pilgermädchen teilnehmen.
Die schönste und auch am feierlichsten begangene war die nach dem uralten, weltberühmten Gnadenorte Altötting. Da ich immer schon eine große Liebe zur Mutter Gottes getragen, konnte ich den Tag der Fahrt kaum erwarten. Schon wochenlang vorher mußte ich mit den anderen Sängerinnen zahlreiche Marienlieder einstudieren, und wir betrachteten die Generalprobe schon als ein kleines Fest; denn da kam die ganze Geistlichkeit, an ihrer Spitze der hochwürdige Herr Prälat Huhn, der selbst ein eifriger Pfleger und Förderer des Gesanges war, sowie der ehrwürdige Präses des Wallfahrervereins, Benefiziat Stein, ein Mann, so recht, wie man sagt, nach dem Herzen Gottes: so schlicht und uneigennützig, so ganz aufgehend in seinem Beruf. Wir Pilgermädchen hingen daher mit großer Liebe an ihm und fühlten uns immer hochbeglückt, wenn er einige von uns aus dem Haufen hervorholte, am Ohrläppchen zupfte und fragte: »San d'Stimmbandln alle guat g'schmiert, Kinder? Sonst müaß ma s' halt no schmiern z'vor!« Und damit brachte er eine riesige Tüte voll Malzzucker aus seiner hinteren Rocktasche, die durch die vielen Näschereien, welche er uns immer zu schenken pflegte, schon so mitgenommen und ausgeweitet war, daß sie samt dem Rockfutter weit unter den Schößen des abgetragenen Gehrocks hervorlugte. Im übrigen war er von einer angenehmen Natürlichkeit, wenn er bei der Neuaufnahme eines Pilgermädchens auf die Unschuld zu sprechen kam. Man konnte ihm ohne das lästige Gefühl einer falschen Scham, die durch das aufdringliche Fragen mancher Seelsorger einem so leicht den Mund verschließt, alle begangenen Torheiten erzählen. Ich weiß nicht, wie er schwerere sittliche Verfehlungen behandelte; was meine Jugendsünden anlangt, so meinte er darauf nur: »So, dös is brav, daß d's Kleidl no net z'rissn hast, Kind; a bisl staubig is scho, dös is wahr, aber dös putzt ma halt mit an frommen, reuigen Seufzer wieder weg, gelt! Und jetzt gibt ma schö Obacht, daß oan nix mehr passiert als Marienkind.«
Am Vorabend des für die Wallfahrt ausersehenen Julisonntags hatte die Mutter zur allgemeinen und besonderen Reinigung schon ein Bad bereitet, während ich meine Seele durch eine sehr gewissenhafte Beichte von allem anhaftenden Staub zu befreien suchte. Am Abend durfte ich schon früh zu Bett gehen, um andern Tages zeitig munter zu sein. Schon um halb vier Uhr war ich aus den Federn und lief ans Fenster, zu sehen, ob das Wetter schön sei. Doch grau und neblig war der ganze Himmel, und ich begann, während ich die »Uniform unserer lieben Frau« anzog, immer dieselben Worte vor mich hinzusagen: »Liebste Mutter Gottes mein, laß doch heut gut Wetter sein!« Derweilen war auch die Mutter aufgestanden und half mir nun beim Ankleiden. Über das weiße Kleid kam ein himmelblaues Schulterkräglein und vor die Brust ein großes silbernes Herz, das an einem blauen Bande hing, und nachdem die Mutter mir das weißblaue Kränzlein ins Haar gedrückt, nahm ich den langen Pilgerstab mit dem silbernen Kreuz und eilte nach einem raschen »Pfüat Gott, alle mitanand!« aus dem Haus, der Kirche zu, verwundert angeglotzt oder auch derb angerufen von heimkehrenden Nachtlichtln oder verschlafenen Bäckerjungen. Besonders am Marienplatz wäre ich beinah von einer Rotte frecher Burschen, die mit ihren Dirnen aus dem »Ewigen Licht« herausstritten, mißhandelt worden; doch kamen mir etliche Leute, die wie ich an der Wallfahrt teilnehmen wollten, zu Hilfe.
Mächtig brauste schon die Orgel, als wir in das Gotteshaus traten, und rasch begab ich mich auf den Chor, wo schon die meisten Sängerinnen versammelt waren. Nach einem herrlichen Hochamt feierte die ganze Pilgerschar, wohl mehr als fünftausend, die Generalkommunion. Der Eindruck war für mich ein so überwältigender, daß ich nur mit größter Mühe das ergreifende Marienlied, dessen Soli mir übertragen waren, zu Ende brachte. Und als dann endlich wir Pilgermädchen, ungefähr zweihundert an der Zahl, uns gemessen und in tiefer Andacht dem Tisch des Herrn nahten, während ein bestellter Knabenchor uns ablöste, ging eine große Bewegung durch das Gotteshaus, und manche Träne unseres greisen Pfarrers fiel in den Kelch, aus dem er uns das Brot des Lebens reichte. Der heilige Vater Leo und unser geliebter Erzbischof Antonius von Thoma hatten uns noch ihren Segen übermitteln lassen, und nach diesem feierlichen Akt traten wir unter dem Geläute sämtlicher Glocken unsere Wallfahrt an.
Voran schritten wir Pilgermädchen, und die kräftigsten von uns trugen unsere Fahnen und die Statuen unserer Patrone, der Mutter Gottes, des Erzengels Raphael mit dem Tobias und des heiligen Aloysius. Unter Liedern und Gebeten ging es durch die Straßen der Stadt zum Ostbahnhof, von wo aus uns ein Sonderzug rasch nach Mühldorf brachte. Im Zuge erzählte uns unser Präses mit großer Einfachheit von Gnadenbezeigungen Mariens, besonders von jenen gegen Kinder und Jungfrauen.
Von Mühldorf aus gingen wir nach einem einfachen Frühstück zu Fuß nach dem Gnadenort, den wir gegen Mittag erreichten. Empfangen von dem Geläute sämtlicher Glocken, dem Jubel der Bewohner, der Geistlichkeit, des ansässigen Ordens und einer Musikkapelle, betraten wir den geweihten Ort und begrüßten die Gnadenvolle, ein jeder nach Drang des Herzens oder Größe des Kummers, den er hier am Gnadenaltar niederlegen wollte. Meiner hatte sich eine fast überirdische Stimmung bemächtigt und ich fühlte mich so frei und aller Sorge ledig, daß ich nur ganz verklärt das alte, mit unsäglich vielen und köstlichen Kleinodien aller Zeiten geschmückte Gnadenbild anschauen konnte, während meine Lippen mechanisch murmelten: »O Maria, hilf doch mir; es fleht dein armes Kind zu dir. Im Leben und im Sterben laß meine Seele nicht verderben.« Nach langer Zeit erst fiel mir eins nach dem andern ein, was ich gern von der Mutter Gottes erlangt hätte.
Inzwischen hatten die Pilger sich in Gruppen geteilt, die einen weilten im Kloster, die andern in den verschiedenen Kirchen des Ortes. Draußen vor der Gnadenkapelle aber hatten jene, die besonders viel von der Gnadenreichen erlangen oder für irgend eine geheime Schuld Sühne tun wollten, eins der zahlreich daliegenden Holzkreuze auf die Schulter geladen und schleppten dieses nun, bald aufrecht gehend, bald auf den Knien rutschend, laut betend und weinend um den sogenannten Kreuzgang. Ich weiß nicht, wie es kam und was ich wollte: kurz, ich befand mich plötzlich unter den Kreuztragenden; da das massive Eichenkreuz aber meiner Schulter ziemlich weh tat, ließ ich es bei dem dreimaligen Umgang bewenden und übergab mein Kreuz einer dicken Frau, deren böse Zunge weit und breit gefürchtet war. Mit einigen Freundinnen besah ich mir dann den ganzen Ort, die Kirchen, das Kapuzinerkloster und den Markt für Wallfahrtsandenken und verwunderte ich mich über den üppigen Handel und die Gewinnsucht an dieser frommen Stätte. Dazwischen sorgten wir auch für des Leibes Notdurft; denn es war alles schon vorausbestellt worden von unserm vorsorglichen Präses. Den Tag beschloß noch eine schöne Feier mit Illumination der Kapelle, und nach einem einfachen Nachtmahl begaben wir uns in unsere Schlafkammern. Die Vermögenderen hatten sich ein Bett für sich allein gesichert; die Ärmeren aber mußten je zwei in einem Bett schlafen. Da mir meine Mutter die Ausgabe für ein eigenes Bett nicht bewilligt hatte, so mußte ich es mit einer Mitschwester teilen. Ich fragte daher meine liebste Freundin, ob sie mich als Störenfried wolle. Sie war gern bereit, und so verbrachten wir die Nacht unter Flüstern, Kichern, Scherzen und Kosen.
Der neue Tag brachte wieder viel des Erbaulichen und Ernsten, doch wurde ich zuletzt müde von allem und war froh, als am Dienstag in der Früh das Schlußamt mit Generalkommunion am Gnadenaltar gefeiert wurde. Als aber hierbei am Chor plötzlich die kindlichen Stimmen von etwa zwanzig Knaben an mein Ohr tönten und sie das uralte Abschiedslied von der »schwarzen Mutter Gottes« sangen, ward es mir schwer ums Herz und ich konnte mich kaum losreißen von dem Gnadenbilde. Ganz traurig schloß ich mich den andern an und brachte beim Singen kaum mehr einen Ton heraus.
So kam es, daß ich recht niedergeschlagen daheim ankam und ernste Vorwürfe von meiner Mutter wegen meiner scheinbaren Undankbarkeit zu hören bekam.
* * * * *
War ich schon vorher nicht gerne in der Gastwirtschaft tätig gewesen, so hatte ich jetzt, seit ich Pilgermädchen war, die ganze Freude an dem öffentlichen und lauten Leben verloren; doch wurde ich von meiner Mutter, trotzdem sie so religiös schien, fest angehalten, überall, wo es vonnöten war, einzuspringen. Bald war ich in der Küche das Spülmädchen oder die Köchin, bald in der Gaststube die Kellnerin; denn da die Mutter oft recht grob mit dem Dienstvolk war, lief bald die eine oder andere wieder weg. Am meisten zuwider war mir der Aufenthalt in der Gaststube; denn war ich bei den Gästen ernst und schweigsam, so schalt die Mutter, daß ich ihr die Leute vertreibe; war ich aber freundlich und heiter, so nützten das viele rohe und wüste Kerle aus und belästigten mich nicht nur mit allerhand Zoten und zweideutigen Fragen, sondern quälten mich manchmal in der unsaubersten Weise, indem sie mich an den Beinen faßten, Küsse verlangten oder sonstige aufdringliche Zärtlichkeiten versuchten.
Kam ich dann also gehetzt zur Mutter und klagte ihr solche Dinge, so wurde sie sehr erbost und schalt mich heftig, daß ich mich nicht zu benehmen wisse: »Was muaßt di denn hi'stelln dafür? Scham di; bist fufzehn Jahr alt und no so dumm! Da sagt ma halt, i hab jatz koa Zeit und geht freundli weg!«
Oft dachte ich über diese Worte nach und versuchte mich danach zu richten; doch waren alle meine Bemühungen, die Zudringlichkeiten solcher Burschen mit Liebenswürdigkeit abzuwehren, erfolglos, und ich fürchtete ständig, meine Unschuld zu verlieren. Da faßte ich am Ende den Entschluß, meinem Beichtvater diese Vorfälle mitzuteilen, ich hatte aber nicht den Mut, dem alten Kooperator, der immer noch mit Vorliebe nach den Heimlichkeiten seiner Beichtkinder fragte, davon zu erzählen.
Da kam ein neuer Geistlicher an unsere Pfarrei, der noch sehr jung war und erst vor kurzem seine Primiz gefeiert hatte. Diesem beichtete ich nun ausführlich und er sprach mir gut und freundlich zu, fragte mich nur wenig und gab mir am Schluß noch viele Ratschläge. Ich war sehr beruhigt nach dieser Beichte und ging nun regelmäßig zu ihm. Bald wurden wir auch wegen des Singens näher bekannt, und ich besuchte ihn des öfteren in seiner Wohnung. Dabei entwickelte sich zwischen uns bald eine Art Freundschaftsverhältnis und ich fand bei ihm Trost und Zuspruch, wenn ich ihm erzählte, wie es mir daheim erging. Als er nach kurzer Zeit in eine andere Pfarrei versetzt wurde, wurde ich durch seine Vermittlung an dieser Kirche erste Sopranistin und Solosängerin. Als auch hier die Besuche ihren Fortgang nahmen, wußte ich bald, daß ich ihn liebte, und ich mußte mich oft mit aller Gewalt zusammennehmen, um ihm das nicht zu sagen; denn ich sah wohl, daß auch auf seiner Seite eine Neigung war. Doch immer wußte er sich zu beherrschen und verstand auch meine Gefühle im Zaum zu halten. Wie oft stand ich zitternd vor ihm und sah ihn mit den verliebtesten Augen an oder küßte stürmisch seine Hand. Dann blickte auch er mich freundlich an, streichelte mir die Wange und sagte: »Ja, ja, Kind, du bist halt mei Singvogel! ... Was schaust denn no? ... Ja so, a Bildl magst no, gel!« worauf ich hochrot, mit leiser Stimme entgegnete: »Ja, bitt schön, Herr Hochwürden!«
»So Kind, such dir eins aus. Magst na an Kaffee aa?«
In meiner Verwirrung vermochte ich ihm keine rechte Antwort zu geben.
Da rief er der halbtauben Wärterin: »Lies, mein' Kaffee!« und zu mir gewendet fuhr er fort: »Woaßt, Kind, i hab aber bloß oa Taß. Trinkst halt du z'erst den dein', gel!« und damit führte er mich zum Kanapee, setzte sich zu mir und plauderte von erbaulichen Dingen. Ich aber hörte kaum zu, sondern betrachtete unausgesetzt seine Hände und Knie und dachte nur den einen Gedanken: »Wann i dich nur bloß ein einzigs Mal so viel lieb haben dürft!«
Da brachte er mich mit den Worten: »Hast aber aa g'nug Zucker drin?« wieder zu mir selber, worauf er den Kaffee versuchte, mir noch ein Stücklein hineintat und mich trinken hieß.
Als ich getrunken hatte, meinte er: »So, Kind, jetzt hast von mir an Kaffee kriegt und a Bildl. Was kriag jetzt i?«
Da dachte ich voller Ängsten, er würde sagen: »Ein Bußl,« aber er fuhr fort: »Gel, jetzt kriag i dafür a recht a schöns Lied; aba koa heiligs, denn di hör i so allweil!«
Da sang ich das Lied von dem Dirndl, das um Holz in den Wald geht, ganz zeiti in der Fruah und dem sich nachischleicht a saubrer Jagasbua.
Als ich die erste Strophe gesungen hatte, wobei er mich am Harmonium begleitete, meinte er: »Ah, dös war aber schö; aber recht arg verliabt. No, es macht nix; von den Wirtstöchtern woaß ma's scho, daß was solches aa lernen. Kannst no mehr von dem Liedl?«
»Bloß noch eine Stroph', Herr Hochwürden! Aber die is no verliabter.«
»Dös macht nix, Kind Gottes, sing nur weiter!«
Da sang ich:
Drauf sagt der Jaga zu der Dirn, Geh, laß dei Asterlklaubn; I möcht so gern mit dir dischkriern Und dir in d'Äugerln schaugn. Das Dirndl sagt: Dös ko net sei, Daß du mir guckst in d'Augn, Denn d'Jaga derfan, wia i woaß, Ja nur ins Greane schaugn.
Da läutete es. Er sah nach, und eine alte Betschwester stand an der Tür; da hieß er sie warten und verabschiedete mich mit den Worten: »Jetzt muaßt geh, liabs Kind, jetzt haben d'Mauern Ohren kriagt.« Damit schob er mich durch sein Schlafzimmer an die Tür, und während ich heraustrat, sah ich ihn schon die alte Frau empfangen.
Doch nicht lange mehr dauerten diese Besuche; denn er wurde abermals befördert und kam als Benefiziat in ein geistliches Institut.
Als ich dann von ihm Abschied nahm und ihn zum letztenmal um seinen Segen bat, stand er ergriffen auf und trat zum Weihbrunnkessel, während ich vor ihm niederkniete. Plötzlich aber umfaßte ich seine Knie und preßte mein Gesicht daran, indem ich laut weinend rief: »O mein lieber, lieber Hochwürden!«
Da machte er ganz ruhig seine Knie frei, zog mich in die Höhe und sagte, indem er meinen Kopf zwischen seine Hände nahm: »Kind, geh jetzt, es wird Zeit, du mußt hoam,« und dabei rannen ihm ein paar Tränen über die Wangen. Da ergriff ich nochmals seine Hand, küßte sie drei-, viermal heftig und lief dann davon.
Auf der Straße schaute ich noch einmal um. Da stand er am Fenster und winkte mir freundlich zu.
Einmal noch sah ich ihn, ohne aber mit ihm reden zu können; denn es war, als wir uns eben in feierlicher Prozession zur Wallfahrt nach Grafrath auf den Weg machten. Er stand mit einer alten, ehrwürdigen Dame, die wohl seine Mutter sein mochte, an einer Straßenecke, und ich mußte hart an ihm vorbei. Als er mich erblickte, huschte es wie große Freude über sein Gesicht, und lächelnd nickte er mir einige Male grüßend zu und wandte sich danach schnell zur Seite. Ich war über dieses Wiedersehen, so flüchtig es war, sehr beglückt und dachte während der Wallfahrt viel an ihn und empfahl ihn an der dem heiligen Rasso geweihten Stätte inbrünstig der Fürbitte dieses Heiligen.
* * * * *
Fröhlich kehrte ich von dieser Pilgerfahrt zurück und nahm mir vor, den Freund an einem der nächsten Tage aufzusuchen. Doch ich kam nicht dazu; denn daheim fand ich meine Brüder an Diphtherie erkrankt.
Indem ich sie noch pflegte, wurde ich selbst davon ergriffen und konnte erst nach Wochen das Bett verlassen.
Als ich aufgestanden war, versuchte ich sofort wie zuvor mich wieder um das Hauswesen zu kümmern.
Da dies die Mutter sah, hielt sie mich schon für gesund und trug mir daher mehr auf, als ich leisten konnte. So kam es, daß ich wieder täglich kränker wurde und endlich vor Mattigkeit mich alle Augenblicke niedersetzen oder anlehnen mußte. Das nahm man aber für Faulheit, und besonders die Mutter beklagte sich darüber: »Nur schö langsam! Heut a Trumm, morgen a Trumm! Bis i an Steckn nimm und zoag dir, wie ma arbat!«