Erinnerungen einer Überflüssigen

Part 17

Chapter 173,943 wordsPublic domain

Da kam zuerst der Vorstand der Tischgesellschaft Eichenlaub: er sagte viel schöne Worte und überreichte uns einen großen, gerahmten Stahlstich »Andreas Hofers letzter Gang«. Darauf folgte eine launige Ansprache des Vorstandes der Arbeitsscheuen, und er ließ eine reiche Waschgarnitur hereinbringen. Ich nahm sie dankend in Empfang und wollte sie zu dem Bild auf das breite Fensterbrett stellen; da sah ich, daß überall, in der Waschschüssel sowohl als auch im Krug und Nachtgeschirr Spiegel angebracht waren, was mich in nicht geringe Verlegenheit setzte. Ein kleines Mägdlein, als Rotkäppchen gekleidet, entriß mich daraus und sagte sein Verslein mit viel Pathos und lebhafter Bewegung der Arme. Und zum Schluß reichte es mir sein Körblein, dem der neugierige Hochzeiter zur großen Belustigung der Anwesenden eine Säuglingsflasche und allerlei Wickelzeug, mit blauen Bändlein verziert, entnahm. Ganz unten lag ein silbernes Schepperl mit einem Zettelchen daran: Für unsern Liebling. Rasch entriß ich ihm die Dinge und warf sie wieder in das Körblein, während es ringsum launige und anzügliche Bemerkungen regnete.

Da erhob sich ein Bräumeister der Löwenbrauerei, von der die Eltern das Bier hatten, beglückwünschte uns in einer kurzen, stotternden Ansprache und überreichte uns im Auftrage der Brauerei einen großen Lederkasten mit feinem Silberzeug.

Ihm folgten noch viele, und es war schon zehn Uhr, als das Schenken ein Ende nahm, und die Musiker waren froh, endlich mit ihrem Tusch- und Hochblasen fertig zu sein, und mit viel Behagen verzehrten sie das Freimahl, das ihnen gespendet worden.

Mein Schwiegervater hatte ein Schwein und ein Kalb gestiftet, das als Braten, Suppe und Ragout an die Arbeiter unserer Fabriken sowie an die Musiker verteilt wurde. Mein Vater schenkte ihnen dazu einen Hektoliter Bier, und so gab es an diesem Tag viel Lust und Freud und manchen Dank und warmen Glückwunsch.

Gegen halb elf Uhr wurde ich in die Küche gerufen, und als ich hinaus kam, stand ein Bruder meines Schwiegervaters, der Jörg Hasler, welcher eigens zur Hochzeit von Augsburg hergefahren war, da und bedeutete mir, es sei nun Zeit, daß ich entführt werde. Die Mutter meinte, er solle mich zu meinem Onkel, der etliche Straßen weiter eine gute Wirtschaft habe, führen, sie lasse gleich einen Wagen holen.

Fast auf allen bürgerlichen, altbayerischen Hochzeiten herrscht noch die Sitte des Brautausführens: Der Hochzeiter soll gut achthaben auf seine Braut. Wird sie ihm dennoch von ihren Freunden entführt, so muß er mit seinen Freunden sie suchen gehen und zur Strafe für seine Unachtsamkeit alles bezahlen, was die andern mit der Braut inzwischen verzehrt haben.

Also fuhren wir fort, und meine Verwandten, vor allem der Onkel, hatten große Freude, als wir kamen. Der Vetter Hasler bestellte sofort Champagner, und wir waren sehr lustig; denn die Frau Bas spielte recht gut auf der Zither, während der Onkel sie auf der Gitarre begleitete. Da nur wenige Gäste in der Wirtsstube waren, gab es viel Platz, und die Dienstboten räumten Stühle und Tische beiseite, damit wir, wenn man sich gefunden hätte, gut tanzen könnten. Auch streuten sie Federweiß auf den Boden und tanzten etliche Male, damit er glatt wurde.

Mit einem Male ertönte draußen auf der Straße lautes Juchzen und Musik, und herein kam der Bräutigam, die Beiständer, die Kranzljungfern und viele der Gäste, und es begann nun ein ausgelassenes Treiben, während der Bräutigam mich mit hellem Juchschrei begrüßte und mit mir tanzte.

Wir blieben noch etwa eine Stunde dort und machten uns dann wieder auf den Weg zu den Eltern. Der Onkel sperrte seine Wirtschaft zu und begleitete uns mit allen seinen Leuten und blieb bis zum Morgen auf der Hochzeit.

Inzwischen waren immer noch mehr Gäste gekommen und der Andrang so groß geworden, daß die Leute in dem großen Hausgang Tische und Stühle aufstellten und etliche sogar auf der Stiege sich niederließen. Es war fürchterlich heiß und ein solcher Lärm im Lokal, daß ich es kaum mehr aushielt. Ich trank in die Hitze viel Champagner und nickte nur mechanisch denen zu, die kamen, mich zu begrüßen und zu beglückwünschen. Dabei ward mir immer elender zumut und mit einem Male drehte sich alles vor meinen Augen, und ich fiel unter den Stuhl. Man brachte mich hinaus in den Hof, wo ich alles, was man mir zu Hilfe reichen wollte, von mir warf: ein Glas mit Magenbitter, eine Tasse voll schwarzen Kaffees und ein Stück Zucker mit Hofmannstropfen. Dann entledigte ich mich noch alles dessen, was meinem Magen zu viel schien und verlangte schließlich unter furchtbarem Weinen ins Bett.

Also führte meine Schwiegermutter mich wieder in die Gaststube und sagte meinem Gatten, der mit großem Rausch und starker Rührung dasaß und tränenden Auges auf das horchte, was sein Vater ihm eben mit viel Eifer erzählte, daß ich nach Hause möchte.

»Ja, Herrgott, i bin ja verheirat!« rief der Benno da aus. »Was, hoam möcht mei Weiberl? Geh, Muatter, führ's derweil naus in d'Küch, daß ihr d'Zirngiblmuatta was Warms oziagt. I laß derweil an Wagn holn.«

Ich packte nun meine Hochzeitsgeschenke alle auf einen Haufen zusammen und deckte etliche Tischtücher darüber. Dann nahm ich alle Blumen, die man mir am Morgen gegeben hatte und sagte den Verwandten und Bekannten Dank für ihr Kommen und verabschiedete mich von allen.

Als ich nun gehen wollte, erhob sich ein furchtbarer Lärm, und man wollte mich mit Gewalt zurückhalten, doch machte ich ein so jämmerliches Gesicht, daß die Gäste glaubten, ich sei ernstlich krank, und sie ließen mich ziehen. Mein Gatte war, noch ehe jemand etwas ahnte, fortgegangen und holte selbst einen Wagen; denn nicht weit von unserer Wirtschaft pflegten immer etliche Fiaker zu stehen.

Meine Mutter war den ganzen Tag keinen Augenblick zur Ruhe gekommen, doch schien sie heiter und guter Laune zu sein, und als ich nun Gute Nacht und Pfüat Gott sagte, erwiderte sie lachend: »So, gehst scho! I wünsch dir halt an guatn Ei'stand und a g'ruhsame Nacht! Feier dein goldnen Tag recht schö und laß di bald wieder sehgn!«

Ich dankte ihr nochmals, und auf einmal überkam mich eine große Sehnsucht nach ihrer Liebe; ich fiel ihr um den Hals, drückte meinen Kopf an ihre Brust und weinte. Da zog sie langsam meine Arme von ihrem Hals, schob mich sanft von sich und sagte: »Geh, sei do g'scheit, Leni! Du machst ja dei ganz Gwand voll Fettn! Jatz brauchst do nimma nach mir z'jammern, hast do an Mann!«

Die Frau Hasler war gerührt dabei gestanden, als sie aber sah, daß meine Mutter mich weggeschoben hatte, faßte sie plötzlich meinen Arm, zog mich an sich und sagte: »Hast scho no a Muatter aa, Leni; und wenn was is, komm nur zu mir. Dei Muatter hat so allweil so viel z'tuan!«

Meine Mutter merkte den Hieb gar nicht und meinte, zu mir gewendet: »Sigst, wia's dei Schwiegermuatta guat mit dir moant! Da war manche froh, wenn s' so oane dawischn tät!«

Derweilen kam der Benno mit dem Wagen, und nach nochmaligem, umständlichen Abschied von meinen Eltern, besonders von meinem Stiefvater, der mir noch ein Goldstück zusteckte und mir viel Glück wünschte, fuhren wir drei fort.

In unserer Wohnung angekommen, gab es sogleich eine kleine Auseinandersetzung der Frau Hasler mit ihrem Sohn; denn während er alle Lichter anzündete, die er fand, schürte sie rasch den Ofen des Wohnzimmers an und begann dann mir den Schleier und Kranz abzunehmen. Sie war fast damit fertig und ich mittlerweile auf dem Stuhl beinah eingeschlafen, während sie mit halblauter Stimme mir allerhand freundliche, gütige Worte sagte, als mein Mann dazukam und rief: »Was fallt dir denn ei, Muatta! Dös is mei Arbat, mei Frau ausz'ziagn!«

»Schrei net so grob, du Wüaster! Dei alte Muatta werd wohl so viel Ehr wert sei, daß s' ihrana Schwiegertochter beim Ausziagn helfn derf!«

»Naa, sag i, dös leid i net!« schrie da der Benno und entriß ihr den Brautkranz, den sie mir eben vom Kopf genommen hatte. »I ziag mei Frau scho selber aus, und überhaupts hast du jatz nix mehr z'tuan da herobn; i brauch di nimma!«

Da begann die alte Frau bitter zu weinen über die Grobheit ihres Sohnes und sank fassungslos auf einen Sessel. Ich empfand tiefes Mitleid mit ihr und nahm ihren Kopf in meine Hände und sagte: »Sei do stad, Muatterl! Der Benno moant's net a so; der hat halt heunt an Rausch!«

Aber sie war nicht zu trösten: »Wie werd's dir geh, arms Kind, bei dem Rüapel!« rief sie aus und sprang dann plötzlich auf und stellte sich mit funkelnden Augen vor meinen Gatten: »Dös sag i dir; daß d'ma s' schonst, dei Frau; sonst, bei Gott, is g'fehlt, wannst es machst wia ...!«

Mitten im Satz brach sie ab und trat zur Seite, doch hatte das Ganze einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und ich ging nochmals zu ihr hin und sagte: »Muatterl, reg di net auf! Mach mir mein Rock auf, und nachher tuast schlaffa geh. I komm morgn früah scho nunter zu dir, gel!« Dann gab ich ihr noch einen Kuß, und nachdem sie mir das Kleid geöffnet hatte, ging sie, ohne dem Benno noch eine gute Nacht zu wünschen.

Ich zog mich schnell vollends aus und schlüpfte, während mein Mann überall herumlief und sich an unserm Eigentum erfreute, ins Bett.

Und ich war schon eingeschlafen, als er kam, und am andern Morgen, als ich aufstand, war ich nicht mehr das frische, sorglose Mädchen, und der Spiegel zeigte mir ein müdes, fremdes Gesicht.

So hatte ich denn den ersten Schritt in das Leben getan, das mir noch so übel geraten sollte.

Den Tag nach der Hochzeit nennt man bei uns gemeiniglich den »goldenen«, wie überhaupt die erste Zeit der Ehe gar viel belobt und besungen wird. Ein jedes Mädchen kennt die Flitterwochen und manche Braut träumt von der Zeit des Honigmonds.

So lebte auch ich in der Erwartung einer goldenen Zeit und hoffte von einem Tag zum andern auf den Beginn derselben; und als es inzwischen Weihnachten geworden war, da begann ich mich zu bedenken, warum nicht auch in meiner Ehe Flitterwochen gewesen waren. Und ich ging zu einer alten Frau, die für Geld den Leuten ihre Zukunft und ihr Schicksal aus Karten und Planeten prophezeite; doch als die mir weiter keine Erklärung gab, als daß ich immer noch im Honigmonde lebe, da wußte ich, daß auch diese Zeit ganz anders sei, als ich geglaubt; wie denn vieles in meinem Leben anders kam, als ich es erhofft.

Ich konnte nicht begreifen, warum man diese Wochen als Flitterwochen besingt; ich sah nichts Herrliches und kein Glück darin, der nimmersatten Willkür und den schrankenlosen Wünschen des Gatten zu dienen, jeden Morgen mit umränderten Augen meinen müden Leib zu erheben und nicht einmal wenigstens die eine Befriedigung zu haben, sich Mutter zu fühlen.

So erkrankte denn mein Gemüt, und es währte nicht lange, da empfand ich tiefe Angst vor der Fortsetzung dieser Ehe, und die Zärtlichkeiten meines Mannes verursachten mir körperlichen Schmerz; dazu litt ich an quälendem Herzweh und hatte nur noch den einen brennenden Wunsch: ein Kind.

Dieses Verlangen allein bewog mich immer wieder, zu gehorchen, mich hinzugeben, zu leiden und zu schweigen.

Nun erst erkannte ich, daß es nicht die rechte Liebe war, die mich mit Benno verband. Wohl war ich ihm dankbar für das, was mir die erste Zeit hindurch als Leidenschaft und Liebe erschien. Dazu kam die Hoffnung, daß bald Stille auf den Sturm eintrete und mit der angenehmen Ruhe der Gemüter auch das Glück zu mir käme. Auch hatte ich viel religiöses Empfinden und hielt es mit den Gattenpflichten im Gefühl meiner erhabenen Berufung zur Mutterschaft genau.

Nun aber drang Zweifel um Zweifel an dieser Berufung auf mich ein, und ich begann mir einzureden, daß meine Heirat nicht von Gott gewollt und gesegnet sei. Und ich suchte durch ein frommes Leben den Himmel zu versöhnen und hielt neuntägige Andachten zur Mutter Gottes und verlobte mich zu unserer lieben Frau von Birkenstein, wenn sie mir die Gnade erwirkte, daß ich Mutter würde.

Besonders am Feste Mariä Lichtmeß betete ich mit großer Andacht und empfing auch die Sakramente in der Meinung, daß Gott mir meinen Herzenswunsch erfülle.

Mein Vertrauen auf die Hilfe Gottes war um so größer, als ich schon etliche Tage vor Lichtmeß infolge eines eingetretenen natürlichen Zustandes nach langem Bitten bei meinem Gatten erreicht hatte, daß er mir für kurze Zeit die Ruhe und Schonung gewährte, deren ich mich weder vordem noch nachher jemals erfreuen konnte.

Etliche Wochen später fühlte ich denn auch wirklich allerlei Anzeichen, die mir Gewißheit darüber boten, daß Gott mir meinen Wunsch erfüllt habe.

Von diesem Augenblick an begann ich meinen Gatten zu liebkosen und ihm alles zu gewähren. Ich kochte ihm seine Leibgerichte, fertigte ihm allerlei Dinge, von denen ich meinte, daß sie ihn freuen würden, und suchte auf alle Weise ihm unser Heim lieb und wert zu machen.

Er aber hatte es anders im Kopf und wollte nun alle Welt das zu erwartende Glück sehen und bereden lassen und empfand stets die größte Freude, wenn in Wirtshäusern und Bräukellern irgend ein Geschäftsfreund oder Zechkumpan mit schamloser Deutlichkeit auf meinen Zustand hinwies. Herausfordernd stellte er mich mitten in den Kreis solcher Gesellen und hatte kein Ohr für meine lauten Bitten und Klagen.

Schon zu Zeiten meiner Kindheit und Jugend war mir das Wirtshauswesen oft zu einer schier unerträglichen Last geworden; darum war es nicht verwunderlich, daß ich jetzt, zumal in diesem mir wunderbar und fast heilig vorkommenden Zustande, viel lieber daheim in der gemütlichen Stube geblieben wäre, um in Stille und ruhiger Beschaulichkeit die Ankunft des Kindes vorzubereiten. Nun kam es aber fast täglich zu den gröbsten Auseinandersetzungen; denn der Benno fand seine größte Freude und liebste Unterhaltung bei Bier und Wein und wurde darin auch von seinen Eltern ehrlich unterstützt, die meinten, ein Ehemann müsse unter allen Umständen der Herr im Haus bleiben, was auch komme.

So war es Pfingsten geworden, und ich begann seit etlichen Tagen auf ein geheimnisvolles Etwas in mir zu horchen. Oft saß ich ganz still und hielt den Atem an, um es zu spüren und in innerster Seele zu hören.

Und eines Tages, es war um Johanni, vertraute ich es meinem Gatten an, indem Tränen der Freude mir in die Augen traten.

Da sprang er auf, riß mich in der Stube herum und rief: »Was sagst, Weibi, rührn tuat si der Bua scho! Ja, Herrgott, dös muaß aber g'feiert wer'n! Ziag di o, na führ i di in Löw'nbräukeller! Ja, Herrgott, wer'n dö schaugn am Stammtisch!«

»Geh, bleib do dahoam, Benno,« meinte ich und fuhr fort: »Schau, dahoam is so was vui schöner und g'müatlicher z'feiern! I hätt di so gern für mi alloa ghabt und geh gar net gern furt. Geh, bleib dahoam!«

Aber, wie immer, so kam es auch dieses Mal: erst ging es ans Bitten, dann ans Streiten, und am End mußte ich, wenn ich nicht einer Mißhandlung gewärtig sein wollte, zu allem ja sagen, mich ankleiden und mitgehen.

Am Stammtisch saßen schon die Freunde: etliche Sergeanten des Regiments, bei dem der Benno gedient hatte, und die er sich durch manchen bezahlten Rausch wohl gewogen gemacht hatte; ferner ein paar Buchhalter seines Geschäfts und etliche Leute, von denen man nicht recht wußte, wovon sie lebten und wessen Geld sie verjubelten.

In diese Gemeinde nun schleppte mich mein Gatte und rief, als wir an den Tisch getreten waren: »Servus, meine Freund! Heunt leidt's an Rausch, heunt hat der Bua sein erschten Hupfa g'macht!«

Einer der Sergeanten hatte sich bei unserm Kommen erhoben und war zu uns getreten. Und während die andern nun in ihrer gewöhnlichen Art die Anrede meines Mannes belachten, faßte er mich mit der Linken an der Schulter; mit der Rechten aber fuhr er über meinen Leib und meinte: »Schau, schau! Schö dick werd's scho, d'Haslerin! Hat's enk denn scho gar so pressiert, daß im erscht'n Jahr no d'Kindstaaf sei muaß?«

Ich stand wie mit Blut übergossen, und die Stimme versagte mir, dem frechen Schwätzer zu antworten. Tränen rannen mir über die Wangen, und ich bat den Benno um die Hausschlüssel, daß ich heim könne, da ich krank sei.

»So, so, krank is mei g'schmerzte Frau Gemahlin! Bleib nur schö da; dös werd scho wieder vergeh bei der Musi!«

Und fest drückte er mich auf einen Stuhl und begann dann eifrig zu schwatzen und zu trinken; und obschon etliche gemeint hatten, sie wollten mich nachhause bringen, ließ er dies nicht geschehen, sondern sagte: »Dö soll dableibn! So vui muaß ma aushaltn könna! Was taten denn andere Weiber, dö wo arbatn müssn ums Tagloh'!«

Erst lange nach Mitternacht kamen wir heim, nachdem mein Mann mich noch in ein Kaffeehaus und danach zum Wein geführt und auch die andern dazu eingeladen hatte.

Von da ab unterwarf ich mich seinem Willen, ohne zu bitten, und hoffte, daß alles ein Ende hätte, wenn erst das Kind geboren wäre.

So kam der Herbst, und meine Zeit rückte immer näher. Meine Schwiegereltern waren zwar längst nicht mehr lieb zu mir, doch ließen sie es mir an nichts fehlen und fragten oft nach meinen Wünschen oder Gelüsten; denn sie hofften auf einen Buben, der dem Geschlecht der Haslerischen einmal Ehre machen würde.

Da war es einmal, daß ich in ihrer Wohnstube saß und an einem Kinderhemdlein nähte, während die Mutter eine alte Truhe mit buntem Kinderzeug durchwühlte und allerlei Jöpplein und Windeln daraus hervorzog und vor mich hinlegte. Ich aber blickte sehnsüchtig und verlangend nach dem Schreibtisch, wo eine Anzahl schöner Äpfel in eine Reihe geordnet lagen; doch getraute ich mir nicht, von der Schwiegermutter einen zu erbitten, da sie schon dem Benno, als er einen nehmen wollte, mit strengen Worten sein Tun verwiesen hatte; denn sie war nicht freigebig.

Je länger ich nun hinsah, desto mehr gelüstete es mich nach einem der Äpfel, und endlich kam mir ein guter Gedanke. Ich stand auf und ging hinaus in das Holzlager zum Schwiegervater, der eben einen uralten Wiegenkorb mit himmelblauer Farbe strich.

»Vater!« rief ich.

»Was isch' denn?« antwortete er, ohne aufzusehen.

»I möcht was!«

»Was willsch' denn?«

»Was Runds.«

»Ja was! Eppe gar 'n Taler?« Und gespannt blickte er von seiner Arbeit auf mich.

»Naa, Vater, a Kugel is!«

»A Kugel? -- a Kugel? -- Mädla, sell ka i mir it denka! Da muaßt m'r scho helfa roata!«

Lachend nahm ich ihn bei der Hand und führte ihn hinein und vor den Schreibtisch.

»Ja da schau her!« rief der Alte jetzt und nahm einen der Apfel, »dias isch also die Kugel! Na die sollsch' haba!«

Schon wollte er mir den Apfel geben; da fiel ihm die Mutter in den Arm: »Was, grad von dö schönsten oan!«

Aber ungeachtet dieses Widerspruchs gab er mir ihn doch und meinte: »Laß dir'n nur guat schmecka! 's isch viel g'scheiter e g'schenkter großer, als e g'stohlener kloiner! Wia leicht könnt's Kindle 's Stehla lerna scho im Mutterleib!«

Da gab sich die alte Frau zufrieden, und ich verzehrte den Apfel mit großem Behagen.

Etliche Tage später kaufte der Haslervater einen Korb voll Trauben und schenkte sie mir, indem er sagte: »Dia muaßt alle essa, daß d' e saubers Kindle kriagsch'!«

Der Oktober ging seinem Ende zu, und ich richtete alles her, dessen man zum Empfang eines Kindleins bedarf, und stellte die gemalte und von der Haslermutter mit geblumten Vorhängen geschmückte Wiege in die Schlafstube und rückte die Ehebetten auseinander.

Am Allerheiligentag schon in aller Früh ziehen die Soldaten unter klingendem Spiel in die Kirche, das Namensfest unseres Regenten zu feiern, und aus allen Fenstern fahren die Köpfe, und ein jedes freut sich der Musik.

Als damals in der Früh die Böller krachten und die Soldaten sich rüsteten zum Fest, da rief ich dem Benno, der noch schlief, aus meinem Bette zu: »Benno, geh hol ma d' Frau Notacker, i glaab, es werd was.«

Erschreckt fuhr mein Gatte aus dem Bett und in die Hosen; in der Eile aber brachte er das vordere Teil nach hinten, und ich mußte über den komischen Anblick trotz meiner Schmerzen herzlich lachen.

Unter vielen Ängsten, und nachdem er alles Erdenkliche angestellt hatte, seinen Hut verloren und sein Rad im Haus der Hebamme hatte stehen lassen, brachte er endlich die schon sehnlich Erwartete.

Geschäftig packte sie ihre große Tasche aus, bei welcher Arbeit ich ihr ängstlich zusah; denn ich konnte es immer noch nicht glauben, daß das Kind ohne jede Beihilfe von Messer oder Schere, ohne Leibaufschneiden hervorkommen könne.

Nachdem sie ihre Sachen geordnet und mein Bett zurechtgemacht hatte, sagte sie: »So, Herr Hasler, jatz lassn S' an etlichs Paar Bratwürscht holn und a Flaschn Rotwei; d'Frau Hasler braucht a Kraft!«

Eilig lief der Benno, das Befohlene zu holen, und inzwischen kamen die Haslerischen und fragten, wie weit es noch wäre.

»A paar Stund no,« erwiderte die Hebamme und fügte lachend bei: »Was leidt's denn, wenn i an Bubn hol?«

»Sell kriagn ma na scho, Frauli!« antwortete der Vater, und die Mutter meinte: »D'Hauptsach is, daß alls guat geht, ebbas werd's scho sei!«

Um Mittag bemächtigte sich meiner eine große Unruhe, so daß ich aufstand und mich etwas ankleidete. Dann ging ich ans Fenster und sah hinab auf die vielen Menschen, die zur Parade gingen. Deutlich hörte ich das Wirbeln der Trommeln und hoffte, das Militär bei uns vorbeiziehen zu sehen, weshalb ich das Fenster öffnete, während mein Gatte sich lebhaft mit der Frau Notacker unterhielt.

Da fühlte ich plötzlich ein starkes Anstemmen des Kindes, und zugleich hatte ich das Gefühl, als müsse ich zerspringen.

»Frau Notacker, i moan, jatz ...« mehr brachte ich nicht mehr heraus.

Drunten zog die Regimentsmusik vorbei mit Pauken und Trompeten, und Kinder jubelten und pfiffen; da mischte sich ein kreischendes Stimmlein in die Klänge des Militärmarsches -- ich hatte einen Buben.

Nun herrschte Lust und Freud im Hause und ward die Taufe mit großem Pomp gefeiert und gab man dem Buben nach seinem Großvater die Namen Johannes Magnus.

* * * * *

Ich eile nun, zum Ende zu kommen; denn die letzten meiner Erinnerungen sind so traurig und peinlich, daß es der Leser mir nicht übel vermerken möge, wenn ich gewisse Zeitpunkte überspringe und in gedrängter Form die letzten Schicksale erzähle.

Diese Ehe war so unglücklich, daß ich noch jetzt mich bedenke, ob nicht wirklich der Fluch, den meine Mutter mir am Hochzeitsmorgen zum Geleit mitgab, mit also furchtbarer Macht seine Wirkung während meiner ganzen Ehe übte, und ob nicht doch jene Klosterfrau, als sie mich warnte, wieder in die Welt zurückzukehren, von Gott begnadet war, das Schicksal vorauszusehen, welches mich heraußen erwartete.

Und, seltsam, gerade einige Tage nach der Geburt meines ersten Kindes traf ein Brief von ihr ein, in dem sie mir die Versicherung gab, meiner niemals im Gebete zu vergessen, und mich ermahnte, auch im tiefsten Leid und Unglück nicht zu verzagen, denn Gottes Hand möchte vielleicht mich strafen, daß ich damals nicht mein Leben ihm geopfert.

Später einmal, als ich ihr die Geburt eines Mädchens berichtete, bat sie mich, es recht gut zu erziehen; denn, meinte sie, vielleicht bringt es einmal dem Herrn das Opfer, das ich ihm ehemals verweigert.

* * * * *

Ich war in den letzten Wochen vor der Niederkunft im Gesicht recht alt und fleckig geworden und mußte daher manches bittere Wort vom Benno hören. Nun aber blühte ich sichtbar auf, und schon nach drei Wochen war ich wieder so verjüngt, daß mein Gatte aufs neue in heftiger Leidenschaft entbrannte und allen Vorstellungen zum Trotz mit Gewalt jene Schranke niedertrat, die eine weise Natur einer jeglichen Mutter, sogar den Tieren aufrichtet. Vergeblich wies ich ihm den Kleinen, wenn er sich an meiner Brust sättigte und flehte: »Geh, nimm do dein' Buam net sei Nahrung! Laß mi do in Fried! Schau, i bin no krank!«

Aber seine Sinne begehrten, und da mußte der Verstand schweigen. So kam es, daß ich nach wenig Monaten aufs neue Mutterhoffnungen fühlte.

Bald begann ich zu kränkeln, und mit der Gesundheit schwand mein guter Humor, und ich wurde zur gealterten Frau, die vom Leben nichts mehr hofft.