Erinnerungen einer Überflüssigen
Part 15
Also mußten nun die Möbel in die für uns bereitete Wohnung gebracht werden, und ich erbat mir deshalb von der Mutter die Erlaubnis, etliche Tage vom Geschäft wegbleiben zu dürfen. Da stieß ich zum erstenmal seit langem wieder auf heftigen Widerstand, und die Mutter begann zu fluchen und zu schelten und machte mir die gröbsten Vorwürfe, daß ich jetzt, wo ich endlich etwas taugte, heiratete.
»Und i leid's einfach net, daß d'gehst! Dös war dös rechte! I kannt mi dahoam darenna vor lauter Arbat und dö gnädi Fräuln laafat furt und tat d'Wohnung eirichtn. Sag's nur dö Haslerischen! Dö ham mehra Zeit wie mir; dö solln si um d'Wohnung kümmern! I muaß alles zahln, drum verlang i aa, daß d'dafür arbatst!«
Ratlos schlich ich davon und besorgte, es möchte der Tag meiner Hochzeit kommen und ich hätte nichts gerichtet, worin wir wohnen und schlafen könnten. In meiner Not ging ich zum Vater und bat ihn um seine Fürbitte, und nun konnte ich wenigstens für einen Tag Urlaub bekommen.
Ich ging also in aller Früh schon fort und trat bei der Familie Hasler eben in dem Augenblick in die Stube, als der Benno seinen Hut vom Nagel nahm und in das Geschäft wollte. Als ich berichtete, wie schwer ich von zu Hause fortgekommen sei, meinte er: »Da muß i glei dahoam bleibn, daß ma heut no ferti wer'n; i möcht net habn, daß dei Mutter harb werd.«
Also blieb er bei mir, und wir begannen sogleich unsere Arbeit. Erst stellten wir alles das auf, was in die Schlafstube gehörte, wobei wir beinahe in Streit gekommen wären, da der Benno haben wollte, wir sollten die beiden Betten zusammenrücken, ich sie aber gern getrennt gehabt hätte. Doch gab ich endlich nach, nachdem mich mein Verlobter auf die Worte des Pfarrers: »Das Weib muß dem Mann gehorchen« hingewiesen hatte.
Gegen Mittag hatten wir ein Zimmer fertig, und ich wollte nun nach Hause gehen zum Essen; doch gaben die alten Haslerleute keine Ruhe, bis ich blieb.
Nachmittags räumten wir dann die Wohnstube ein; doch kamen wir zu keinem Ende, da ein jedes die Dinge nach seinem Kopf gestellt haben wollte. Daher ließ ich den Benno bei seiner Arbeit allein und ging in die Küche, wo Geschirr und Bilder, Möbel und Nippsachen, Spiegel und Stellagen bunt durcheinander standen und lagen.
Nach wenig Stunden wurde es dunkel, und ich war noch nicht einmal zur Hälfte fertig mit meiner Arbeit. Da kam mit einemmal eine große Traurigkeit über mich, und ich setzte mich in einer Ecke auf einen kleinen Hocker und begann zu weinen. Die Unordnung ringsum bedrückte mich, und alles kam mir so fremd und unwirtlich vor und ich empfand plötzlich eine große Furcht vor dem Heiraten.
Währenddem war es ganz finster geworden, und ich stand auf und ging in die Stube, wo ich den Benno gelassen hatte. Da war sie leer. Ich ging in das Schlafzimmer, doch auch da fand ich ihn nicht. Nun wollte ich hinuntergehen zu den Eltern Bennos; da fand ich die Wohnungstür verschlossen und war also eingesperrt. Ratlos stand ich da und wußte nicht, was ich beginnen sollte. Es fiel mir nicht ein, daß ich ja nur ein Fenster zu öffnen brauchte und auf die Straße zu rufen; vielmehr ging ich wieder zurück in die Schlafstube, legte mich auf ein Bett und weinte bitterlich. Da hörte ich aufsperren, und es kam der alte Hasler mit einem Licht und wollte sich unser Werk beschauen. Er erschrak gar sehr, als er mich so trostlos hier fand, und ich erfuhr nun, daß der Benno geglaubt hatte, ich sei im Zorn fortgelaufen, und er hatte deshalb gar nicht weiter nach mir gesehen.
Als ich daher mit dem alten Hasler eine Weile später drunten in die Wohnstube trat, war große Freude über den guten Ausgang dieser Geschichte.
Spät abends brachte der Benno mich nachhause und bat die Mutter, sie möge mich doch noch einen oder zwei Tage fort lassen.
Mit süßsauerem Lächeln erwiderte sie: »Ja, ja, sie kann scho geh vo mir aus; jatz muß i mi alleweil scho dro g'wöhna, ohne Hilf z'sei. Dös is scho was alt's, daß d'Kinder, wann s' oan gnua kost' ham, davolaafn und heiratn!«
Wir bedankten uns für die Erlaubnis, und am andern Morgen machte ich mich wieder auf den Weg, ohne vorher etwas zu essen. Als ich daher von der Frau Hasler zum Kaffee geladen wurde, nahm ich dies gern an, sagte aber, daß ich mittags heim ginge; denn ich befürchtete, es möchte ihr zu viel werden.
Der Benno war schon in aller Früh zu seinem Herrn ins Geschäft gegangen, ihn um Urlaub zu bitten, bis wir eingerichtet wären. Nun kam er, und wir begannen wieder unsere Arbeit. Es ging uns jetzt alles gut von statten, da ich zu müde war, um noch länger zu streiten, und mir vorgenommen hatte, nach der Hochzeit doch alles so zu richten, wie es mir gefiel.
Am Mittag wollte ich dann heimgehen, vorher aber gab es noch ein kleines Unglück.
Mein Hochzeiter war über unsere Arbeit so erfreut, daß er mich mit einem Male um die Hüften faßte, mit mir in der Stube herumtanzte und am Ende mich in die Höhe hob und auf den Divan fallen ließ. Ich hatte schon während des Aufhebens heftig gezappelt und kugelte nun beim Fallen vom Divan herab und gerade hinein in einen schönen, großen Spiegel, den ich kurz zuvor darangelehnt hatte. Er ging in Scherben, und es kostete mich nicht geringe Mühe, aus dem Rahmen, in dem ich saß, herauszukommen. Die Holzwand war durchgebrochen und die beiden goldenen Amoretten, welche den Rahmen zierten, standen nun auf meinem Rücken und hielten mit Anmut das goldene Wappen. Der Benno war erst wie erstarrt; als ich aber unter großem Jammer begann, mich von der unbequemen Einrahmung zu befreien, brach er in so lautes Gelächter aus, daß ich in heftigsten Zorn geriet und schwur, ich würde ihm den ganzen Spiegel an den Kopf werfen, wenn ich nur erst heraußen wär. Zum Glück hatte ich keine Verletzung davongetragen, und als mir der Benno herausgeholfen hatte und sich nun selbst hineinsetzte, um mir das komische Bild zu zeigen, da mußte auch ich lachen. Die alte Haslermutter freilich war sehr erschrocken, als sie's vernahm, und prophezeite uns, daß wir nun sieben Jahre kein Glück hätten, worüber ich wieder hellauf lachen mußte. Ob nicht doch ein Körnlein Wahrheit in dem Worte lag?
Mein Verlobter begleitete mich heim und trat gleich in das Gastzimmer, um rasch ein Glas Bier zu trinken; ich aber ging in die Küche. Als ich die Mutter grüßte, dankte sie mir nicht und fragte nur: »Was willst?«
Ich sagte, daß ich zwar zum Essen geladen worden wäre, es aber ausgeschlagen hätte. Da schrie sie: »Also was z'essen möchst! Sonst fallt dir nix ei! Dös war no dös schönere; an ganzn Tag rum z'vagiern und dahoam 's Essen z'verlangn! Nix da! Wannst net bei mir arbatst, hast aa nix z'fordern von mir. Laß di nur von dö Haslerischen fuattern!«
Ich gab ihr keine Antwort mehr darauf, sondern lief in die Gaststube und sagte mit vor Erregung heiserer Stimme zum Benno: »Komm, gehn ma! Rasch!«
Auf der Straße erst erzählte ich dem aufs höchste Erstaunten und Erbitterten den Vorfall.
Als wir nachher bei seinen Eltern zu Tisch saßen und ihnen berichtet hatten, wie es mir ergangen, da meinte der alte Hasler: »So was isch aber do scho ganz aus dr Weis'! Da mögscht ja glei e Narr wera! Was ha i dr g'sagt, Benno; da hascht es jetzt. I ha's ja allweil g'sagt: e Mädla aus'm Gaschtlokal isch e Stückle vom a Saustall! Jetzt ka'scht luadrige Tag grad gnua kriege. Am brävschte wär's halt, wenn d'heut auf d'Nacht hi'fahrn tätsch' und alls rückgängig mache!«
Da sprang der Benno auf und schrie überlaut: »So! Was fallt dir denn ei, Vater! Was kann denn 's Madl dafür, daß s' so a narrische Muatta hat! Naa, so viel Ehrenmann bin i allweil no, daß i woaß, was si g'hört! I heirat, und geht's wie's mag!«
Nun mischte sich auch die alte Mutter in das Gespräch: »Gar so unrecht kann i ja der Frau Zirngibl net gebn, Vater; du mußt allweil bedenkn, daß d'Leni ledi is!«
»Ja, ledig, dies isch scho recht; aber 's Fressa braucht ma au em ledige Kind it vorz'werfe!« ...
Mitten im Reden brach er ab und sah auf mich. Ich war völlig ohne alle Fassung dagesessen und große Tränen rannen mir über die Wangen; doch sagte ich kein Wort und stand nur nach einer Weile auf und ging wieder in mein werdendes Heim. Dort setzte ich mich neben dem zerbrochenen Spiegel auf einen Stuhl und bedachte zum erstenmal den Schritt, den ich mit meiner Heirat zu tun im Begriff stand. Ich sah jetzt ein, daß ich von den Schwiegereltern nicht viel Liebe zu erwarten hatte; daß mein Gatte heute für mich eintrat, gab mir nicht die sichere Gewähr, daß dies auch morgen noch geschehe; daß ich aber trotzdem nicht mehr zurücktreten durfte, wenn ich nicht der gröbsten Schmähungen von seiten meiner Mutter gewärtig sein wollte, stand fest bei mir. Es bedrückte mich zwar das rauhe Wesen meiner Mutter, doch mehr noch ängstigte mich das unbekannte und doch naheliegende Schicksal, das mich in meiner Ehe erwartete.
In dieser trüben Stimmung begab ich mich ins Schlafzimmer, wo ein großes Bild der Mutter Gottes hing. Dort setzte ich mich auf den Rand eines Bettes und redete mit dem Bild: »Liabe Muatta Gottes, hilf mir do in dera Angst. Laß mi net z'grund geh; sag's dein Sohn, daß er's recht macht!«
Da tönte die Klingel der Haustür, und es kam mein Verlobter. Wir sprachen nichts mehr über das Vorgefallene und arbeiteten den ganzen Nachmittag fleißig. Abends gegen sechs Uhr wollte ich aufhören, doch hatte ich mir vorgenommen, nicht heimzugehen, sondern in einem der neuen Betten zu schlafen. Ich sagte dies dem Benno, und er meinte auch, daß es besser wäre, wenn ich heute nicht heimginge. Also bereitete ich mir noch eins der Betten für die Nacht. Als es nun so frisch gerichtet war, meinte mein Verlobter, ich sollte es doch einmal mit ihm probieren, wie sich's in den neuen Betten schlafe. Ich aber wies ihn streng zurecht und gab trotz der Versicherung, daß wir es ja leicht noch beichten könnten, nicht nach. Schmollend ging er hinaus und nahm mir meine Weigerung recht übel. Vielleicht trug er auch einen Groll gegen die kirchlichen Ehegesetze in sich, weil sie dem Mann nicht auch in diesem Fall die Durchsetzung seines Willens gestatteten.
Da ich befürchtete, er könne sein Begehren, wenn ich da schliefe, noch stürmischer wiederholen, so machte ich mich bald auf den Heimweg.
Als ich in die Küche trat, sagte mir unsere Magd, daß die Nähterin soeben mit der Mutter in der Wohnung droben sei; sie hätte das Brautkleid gebracht. Ich konnte aber keine Freude darüber empfinden, und nicht einmal die Erzählung des Mädchens, daß das Kleid eine lange Schleppe habe, bereitete mir Vergnügen. Mißmutig schnitt ich mir ein Stücklein Wurst ab und aß, ohne mich zu setzen.
Da kam die Schneiderin mit der Mutter herein und rief, als sie mich erblickte: »Ah, da is ja d'Fräuln Leni scho! Jetz kannt ma glei no schaun, ob's Brautkleid aa paßt!« Und ich mußte mit ihr in die Wohnung hinaufgehen und das Gewand anziehen. Es sah recht nobel aus, doch paßte es nicht gut und war der Kragen viel zu eng. Ich bat sie daher, das Kleid wieder mitzunehmen und zu richten, was sie auch tat.
Als ich nachher wieder hinunter kam, war der Benno gekommen und saß mit etlichen seiner Freunde in der Gaststube, gerade dem Fenster gegenüber, aus dem man die Speisen in die Stube langte. Er grüßte mich freundlich und winkte mir zu, aber ich ging nicht hinein, sondern setzte mich an die Anricht und begann für den kommenden Tag Gemüse zu putzen. Die Mutter saß nahe bei dem Ausgang, der in die Schenke führte, und hatte eine Zeitung in der Hand, doch las sie nichts und blickte von Zeit zu Zeit zornig auf mich. Mit einem Mal sprang sie auf und schrie mich an: »Du unverschämts Frauenzimmer, woaßt net, was si g'hört? Hast du koan Dank für dei Mutter? Moanst leicht, i war dir's schuldi, daß i dir a seidas hab kaaft!«
Ich blickte sie erschrocken an und wollte eben erwidern, daß ich es ja noch gar nicht hätte, da fuhr die Mutter aufs neue heraus: »Umanander renna, d'Gnädige spieln und dabei d'Letschn hänga lassn, dös kann's; aber dir treib i's aus, du Herrgottsakramenter!« Und ehe ich mich versah, hatte sie den Schürhaken ergriffen und mir denselben etliche Male um die Schultern geschlagen.
Ich sprang auf und rief: »Aber Mutter! Denkn S' doch, daß i Braut bin!«
Da kam sie in eine furchtbare Wut; sie faßte mich an den Haaren und riß mich herum, gab mir etliche Ohrfeigen und stieß mich schließlich mit dem Schrei: »Geh nei zu dein Kerl, G'stell, verfluchts! Moanst vielleicht, i fürcht mi vor dem Bürscherl!« in die Gaststube hinein.
Da sprang mein Verlobter auf, stürzte in die Küche hinaus und schrie: »Frau Zirngibl, dös is a Saustall, wie Sie mit meiner Braut umgehn! Schamen S' Eahna! Sie führn Eahna ja auf wie a Zigeunerin!«
Mein Vater hatte mich, als ich so in die Stube flog, sogleich beim Arm gefaßt und trat nun mit mir in die Küche, als eben der Benno so laut das Benehmen der Mutter geißelte. Und als die Mutter gerade wieder begann zu toben, rief der Vater dazwischen: »Was is denn dös für a Wirtschaft! Kannst di jatz du gar net a weng eischränka, Muatta?«
Der Benno aber fluchte und rief: »Dös war ma dös Rechte! Sofort muß ma d'Leni aus'm Haus! Koa Minutn laß i's mehr bei so ana Megärn! Dös war dö recht Zigeunerwirtschaft!«
Aber die Mutter fuhr ihn an: »'s Maul halten, Rotzlöffel! Dö bleibt ma da! Und wann's ma net paßt, na derf s' ma aa net heiratn! Dös kannt enk passen, scho vor der Trauung z'ammz'hocka in Konkubinat! Sie san a ganz a feiner, Sie Rotzer! Moanen S' vielleicht, i kriag koan andern Schwiegersohn mehr als Eahna? Da brennan S' Eahna! I ko mei Tochter gebn, wem i will, verstanden!«
In maßloser Wut hatte der Benno bei diesen Schmähungen gestampft und geflucht, jetzt aber faßte er mich rauh am Arm und schrie: »Marsch, du gehst ma sofort aus dem Haus, wannst willst, daß i di heirat!«
Da trat der Vater abermals dazwischen, drückte die Mutter auf einen Stuhl, schob den Benno in die Gaststube und schickte mich zu Bett; dazu sagte er bloß mit seltsam bewegter Stimme: »Bringt's mi do net um alles! Mei ganz' Renomee is beim Teufl durch enkern Saustall; seids g'scheit und hüt's enker Zung! Geh Benno, gib aa wieder an Fried!«
Grollend ging der Benno wieder in die Stube, die Mutter machte einen kleinen Spaziergang in den Hof und ich ging zu Bett.
Am andern Tag schien alles wieder gut zu sein, und ich machte mich auf den Weg, meine Wohnung vollends zu richten.
Das war drei Tage vor meiner Hochzeit. Es gab immer noch viel zu tun, wenn ich alles gut instand setzen wollte, und ich arbeitete ohne Rast bis zum späten Nachmittag.
Als ich endlich fertig war, richtete ich noch die Öfen her, daß ich sie beim Einzug nur anzuzünden brauchte. Dann eilte ich heim, ohne noch zu den Haslerischen zu gehen; denn ich schämte mich sehr wegen der traurigen Szene am Tag vorher.
Als ich heimkam, trat ich mit freundlichem Gruß in die Küche und sagte: »So, jetz bin i ferti. Wenn S' vielleicht Lust hätten, Mutter, daß Sie's Eahna anschaun möchtn, tat's mi freun!«
Ich bekam keine Antwort und wußte also, daß ich, wenn nicht abermals etwas Unliebsames vorkommen sollte, gehen mußte. Daher sagte ich bloß noch: »Gut Nacht!« und ging dann zu Bett.
Am andern Tag wollte ich mein Geld von der Sparkasse abholen und kleidete mich daher schon früh an. Der Vater wollte mitgehen, und es mußte also die Mutter in die Schenke. Sie tat es, ohne ein Wort mit uns zu reden; nur als ich ihr Adieu sagte, rief sie mir nach: »Kannst glei dein Bräutigam 's Brauthemad kaafa und a Myrtnsträußerl! Na gehst glei hoam!«
Ich hatte mir schon allerhand ausgedacht, was ich mir um die neunzig Mark, die mir von dem Geld aus der Floriansmühle noch geblieben waren, alles kaufen wollte; als ich aber heimkam, verlangte mir die Mutter das Geld sofort ab und sagte: »Dös Geld gibst her, na kaaf i dir an saubern Spiegelkasten drum.«
Obschon ich gerne dagegen gesprochen hätte, blieb ich doch stumm auf diese Rede; denn ich fürchtete, aufs neue den Zorn der Mutter zu erregen, wenn ich nicht zu allem ja sagte. Also ward ich auch dieses Geldes los, wie ich einst des meines Großvaters und des Hausls los geworden war.
Es ist ein alter Brauch, daß man den Vorabend einer Hochzeit mit einer kleinen Feier begeht, und nennt man diesen Abend den Polterabend.
Zu der Zeit meiner Verheiratung wußte ich über den Ursprung und die Bedeutung dieses Wortes noch nicht viel, doch schien mir der Name für meine Verhältnisse gar nicht so unrecht; denn die Mutter polterte an diesem Tag im ganzen Haus herum, fluchte, zeterte, zertrümmerte verschiedenes Geschirr, jagte die Küchenmagd aus dem Haus und prügelte meine Stiefbrüder, ohne daß man recht wußte, warum. Ich war deshalb sehr bedrückt und tat nichts, wovon ich vermeinte, daß es die Mutter erzürnen könnte, und hatte auch wirklich bis zum Nachmittag Ruhe.
Um zwei Uhr ging ich in die Wohnung hinauf, um meine kleinen Andenken und all die Kästlein und Schächtelchen, die Bilder und Büchelchen zusammenzupacken, die mir zu lieb waren, als daß ich sie hätte zurücklassen mögen. Auch die Mutter kam bald hinzu und warf mir manches hübsche und auch kostbare Stück hin, das sie nicht mehr mochte; doch brummte sie beständig vor sich hin und schrie mich plötzlich ganz unvermittelt an: »Hast es ja recht notwendi, daß d'heiratst! Hättst es ja nimmer aushalten könna dahoam! Aber wart nur, du wirst es scho sehgn, wia's dir geht! Daß dir i nix guats wünsch, kannst dir denka, du undankbars Gschöpf! Kannt ma s' so guat braucha und muaß ma fremde Leut haltn, während die gnädig Fräuln heirat und si auf die faule Haut flackt!«
Dabei warf sie mir etliche Schmuckschächtelchen auf den Tisch, dazu ein schweres Kettenarmband, eine Halskette mit einem schönen, alten Medaillon, einen schwarzen Beinschmuck und ein großes, kostbares Ametystkreuz, das sie einst von einer Gräfin von Lindwurm erhalten hatte. Ich glaubte nicht, daß die Dinge alle für mich bestimmt seien und ließ sie liegen. Da schrie die Mutter wieder: »Is dir leicht mei Sach nimma guat gnua? Bist leicht z'schö dazua, daß d' was alts, was guats tragst?«
Da nahm ich rasch die Sachen vom Tisch, leerte eine hübsche Schatulle, in der ich Briefe liegen hatte, aus und tat alles hinein, indem ich sagte: »Was denken S' denn, Mutter! Freili mag i alles! Und von Herzen 'gelt's Gott dafür! Dös freut mi anders, daß i grad dös schönste kriagt hab! Dank schö, Mutter! 'gelt's Gott!«
Da lief sie aus dem Zimmer und schlug krachend die Tür zu.
Ich hatte großes Mitleiden mit ihr und dachte, ob ich wohl auch einmal ein Mädchen bekäme und wie ich mit ihm sein wollte; doch bald verscheuchte ich diese Gedanken und trug meine Kostbarkeiten nach der neuen Wohnung, wo ich alles in die Kommode räumte. Danach ging ich zur Familie Hasler, wobei mir das Herz klopfte; doch sagten sie kein Wort wegen des Verdrusses, den wir gehabt. Sie luden mich ein, mit ihnen den Kaffee zu trinken, aber ich entgegnete, ich müsse erst daheim um Erlaubnis bitten.
Ich ging also gleich wieder nachhause und bat den Vater, der es mir zwar erlaubte, doch meinte, ich müsse schon auch die Mutter fragen. Dies tat ich, und da ich ohnehin auch noch zur Beicht mußte, ließ die Mutter mich gleich fort und sagte bloß: »Daß d'hoam kommst bis auf d'Nacht! Bringst Haslers mit, mir ham heut a Konzert!«
Nach dem Kaffee, etwa um fünf Uhr, brach ich auf und holte meinen Hochzeiter vom Geschäft ab, um mit ihm zur Beicht zu gehen. Er war wieder sehr ernst und redete nicht viel.
Nach der Beicht gingen wir wieder zu seinen Eltern, wo wir die alten Leute bereits in sonntäglicher Kleidung antrafen. Der Tisch in der Wohnstube war weiß gedeckt, ein Rosmarin prangte in der Mitte und eine große Torte mit der Aufschrift: »Dem Brautpaar«, stand daneben. Der Vater holte eine Flasche Wein herbei und die Mutter stellte die Gläser mit zitternder Hand dazu. Es war schon völlig dunkel, und im Zimmer verbreitete die altmodische Lampe ein behagliches Licht.
Da ertönte draußen im Hof Musik, und das Lied: »Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur einmal im Leben die Liebe« wurde mit viel Gefühl auf einem Piston vorgetragen. Nun schenkte der alte Hasler die Gläser voll und mit herzlichen Worten wünschte er uns Glück; die Mutter hatte die Augen voll Tränen und gab uns ihren Segen, der Benno aber hatte mich an sich gezogen und schluchzte.
Da ergriff mich eine große Dankbarkeit gegen diese Menschen und ich dankte ihnen unter heftigem Weinen. Trotzdem fühlte ich mich so elend, als sei ich wieder am Grab meines Großvaters, und es befiel mich ein Zittern und Unwohlsein, und ehe man sich recht zu helfen wußte, war ich ohnmächtig geworden.
Als ich wieder zu mir kam, waren alle um mich besorgt, die Haslermutter aber fragte mich, ob ich öfter an solchen Zuständen leide. Ich sagte ihr, daß ich manches Mal auch ohne besonderen Anlaß mit solchen Ohnmachten zu kämpfen hätte. Da nahm sie mich beiseite in die Schlafstube und wollte ausführlich über meine Gesundheit berichtet sein: »Denn,« sagte sie, »du kannst mir's net verargen, daß i mi um mein' Oanzign sorg.«
Nun erzählte ich ihr, daß ich schon seit meinem vierzehnten Jahr bleichsüchtig gewesen sei, daß ich die Reife des Mädchens erst vor wenig Wochen zum erstenmal erfahren hätte, während bisher jahrelang nur diese Ohnmachten eine gewisse Zeit andeuteten. Diese Bewußtlosigkeit sei immer plötzlich gekommen, und einmal gerade, als ich in der Küche stand und am Fleischtisch ein Stück Leber schnitt. Zum Glück hatte ich das große Tranchiermesser nur locker in der Hand, sonst wäre vielleicht ein Unglück geschehen. Auch berichtete ich ihr, wie ich einmal nach einem großen Verdruß mit der Mutter am Brunnen gestanden, um ein Kalbshirn zu häuten. Da hatte mich mit einem Mal ein kurzer, heftiger Husten gepackt und ein schöner Faden hellen Blutes lief den Brunnen hinab, während ich mit heißem Kopf und müden Beinen dort lehnte und Schmerz und Übelkeit bekämpfte. Die Mutter hatte mich am andern Tag zum Arzt geschickt, der an eine Magenkrankheit glaubte, da ich vordem nur selten gehustet hatte. Doch sei dies alles längst wieder gut und ich hätte nicht Sorge, daß ich eine Krankheit in mir habe.
Nach einigem Nachdenken meinte die Frau Hasler: »Du bist halt überarbeit't! Wennst jatz dei Ruah hast, wirst scho wieder! 's Heiraten is dös best' für di und der Benno is der g'scheitste Doktor. Aber jatz müaß ma wieder zu dö andern, sonst wer'n s' uns granti!«
Und sie nahm mich bei der Hand und führte mich wieder in den Bereich des Lichts, wo die zwei Männer inzwischen ernste Dinge verhandelt haben mußten; denn der Vater sah den Benno fest an und sagte noch kurz: »Hascht mi verschtande?« worauf der Benno ihm die Hand drückte und sagte: »Ja, Vater, i wer' mir's merkn.«
Wir machten uns nun auf den Weg zu meinen Eltern. Schon aus etlicher Entfernung tönte uns lustiges Klarinetten- und Geigenspiel entgegen, und als wir eintraten, brachen die Musikanten das eben begonnene Stück ab und empfingen uns mit einem feierlichen Marsch.
Wir gingen erst an die Schenke, dann in die Küche, die Eltern zu begrüßen. Da sah ich, daß die Mutter geweint hatte, und ich fragte sie sogleich, ob ich in der Küche helfen könne; sie sagte aber: »Naa, naa! Bleib nur drin! Dös war no dös nettere: a Polterabend ohne Braut!«
Da setzte ich mich an den Tisch, wo schon die ganze Verwandtschaft und Freundschaft Platz genommen hatte, und ein lustiges Treiben begann, und es währte nicht lange, da forderte mich mein Verlobter zum Tanz. Und heiter ging der Abend dahin, und um Mitternacht ertönten Hochrufe und knatterten Schüsse und begann ein Glückwünschen und eine Lust, daß ich mir wie verzaubert vorkam. Bald stimmte auch ich in die Lustbarkeit ein und sang noch manches Trutzliedlein in dieser Nacht.
Endlich um drei Uhr morgens gingen wir auseinander; denn da der Benno und ich seit Mitternacht weder essen noch trinken durften wegen der morgendlichen Kommunion, so freute uns schließlich der ganze Spaß nicht mehr.