Erinnerungen einer Überflüssigen
Part 14
Als wir eintraten, sprang er von seinem Sitz auf und küßte der Mutter erst galant die Hand; dann gab er ihr die Blumen mit einer tiefen Verbeugung: »Nehmen S' die Rosen als Dank, daß Sie mir heut die Ehr geben, mitzukommen, werte Frau Mutter!« Hierauf begrüßte er mich mit einem flüchtigen Kuß ans Ohr, worüber ich mich höchlich verwunderte, da ich dergleichen weder in Geschichten gelesen, noch je selbst erlebt hatte. Dann zog er ein weißseidenes Schächtelchen aus der Westentasche und übergab es mir mit den Worten: »Heut feiern wir Verlobung, und da g'hört sich's, daß ich der Braut was schenk.«
Erwartungsvoll öffnete ich das zierliche Kästlein; da blitzte mir ein herrlicher Brillantring entgegen. Da ich dergleichen auch noch nicht erlebt hatte, besann ich mich, was ich nun tun oder sagen sollte. Zum Glück fiel mir die Stelle eines Romans ein, an der so etwas vorkam, und ich machte es wie die Heldin des Buches: ich errötete, sah verwirrt zu Boden und flüsterte verliebt: »Ah, wie herzig!« doch in meine gewöhnliche, natürliche Art verfallend fuhr ich fort: »Woaßt, Benno, so viel Geld hättst aber net ausgebn solln. Da werd si d'Muatta schö o'strenga müassn, daß s' dir dös wieder ersetzt!«
Aber da kam ich schön an bei der Mutter.
»Dös war no dös besser!« rief sie mit funkelnden Augen. »Moanst, i hab net scho lang g'sorgt, daß d'dein Breitigam a anständigs G'schenk gebn konnst! Hier, Herr Hasler, is Eahna Verlobungsring; i hoff, daß i net schlecht ei'kaaft hab beim Thomaß!«
Und damit zog sie aus der Rocktasche ein rotes Plüschetui und entnahm demselben einen recht ansehnlichen Solitär; den gab sie mir, indem sie mit vor Rührung bebender Stimme sagte: »Da, Leni, steck'n dein Herrn Breitigam o; hoffentli paßt er eahm!«
Obgleich mir diese ganze Szene wie eine Komödie vorkam, tat ich doch der Mutter ihren Willen und steckte meinem Verlobten den protzenhaften Ring an den kleinen Finger, an den er gerade paßte. Dann tat ich auch meinen Brautring aus dem Schächtelchen und schmückte damit meine rechte Hand.
Nachdem wir noch rasch einige Worte mit dem Vater gewechselt hatten, gingen wir. Doch an der nächsten Hausecke stand schon ein Wagen bereit, und der Benno hieß uns einsteigen, worauf wir nach den festlich geschmückten Räumen des Löwenbräukellers fuhren.
Während des von einer schier zahllosen Menge besuchten Konzerts kam ich nur wenig dazu, mich mit meinem Verlobten zu unterhalten; denn meine Mutter schwatzte ihm so viel vor von meinen allseitigen Vorzügen und guten Eigenschaften, daß er vor Freude über meine Tugenden ganz auf mich selber vergaß. Ich saß einsam auf meinem Platz an der Wand und betrachtete abwechselnd mein Brautringlein und das meines Vaters, oder ich ließ die Augen über die lärmende Menge gleiten und besah mir die vielen verliebten Mägdlein und ihre Herren, meist Unteroffiziere und Soldaten in den verschiedensten Uniformen, bis mich endlich die Mutter mit den Worten: »So, Leni, jetzt gehn ma!« aus meinen Träumen aufschreckte.
Wieder nahm der Benno eine Droschke, und in rasselnder Fahrt ging's nach Hause.
Daheim mußten wir uns noch zu ihm an den Tisch setzen, und bald klangen die Champagnergläser und ertönte das glockenhelle Lachen der Mutter. Der Vater war an diesem Abend auch sehr aufgeräumt und gab alle möglichen Schnurren zum besten, wobei der vor Glück strahlende Hochzeiter ihn eifrig unterstützte und an lustigen Einfällen fast übertraf.
Ehe wir uns trennten, wurde noch ausgemacht, daß ich am andern Tag den Eltern meines Bräutigams vorgestellt werden sollte, und die Mutter bat ihn, er möge daheim sagen, daß sie sich schon sehr auf einen Besuch der geschätzten Familie freue.
* * * * *
Mit nicht geringer Angst sah ich dieser Vorstellung entgegen und hatte eine schlaflose Nacht. Doch verlief das Ganze, wenn auch ziemlich zeremoniell, so doch recht gut, und es kam mir vor, als wollte eins das andere überbieten an Zuvorkommenheit und herzlicher Freundschaft.
Der Vater meines Hochzeiters, ein noch sehr rüstiger, hochgewachsener Mann von etwa sechzig Jahren, führte mich erst in die altmodische Wohnstube, die mich mit ihren sauberen Kattunbezügen über den behaglichen Polstermöbeln und den vergilbten Stichen an den mit einer großblumigen, verschossenen Tapete bekleideten Wänden und den freundlich blühenden Geranien am Fenster sogleich anheimelte. Die Mutter aber meinte, für einen so liebwerten Gast müsse man schon die gute Stube aufsperren und lief dann eilig in die Küche, um nach dem Kaffee zu schauen.
Sie war ein kleines, zusammengeschrumpftes Weiblein mit glattgescheiteltem Haar über der runzligen Stirn. Aus dem gelblichen, furchigen Gesichtlein blickten ein paar wasserhelle Augen forschend umher, und die rauhen, schwieligen Hände erzählten von rastloser Arbeit, deren Segen man überall in Haus und Geschäft wahrnehmen konnte.
Während die Frau Hasler geräuschvoll in der Küche herumhantierte, sorgte der Hausvater für die Unterhaltung, und ich ward nun inne, daß den eigentlichen Grundstein zu dem Reichtum und gediegenen Ruf der Familie die kleine Frau durch ihre Herkunft sowohl, als auch durch das ansehnliche Kapital, das sie dem Mann in die Ehe gebracht, gelegt hatte. Sie entstammte einer schon seit länger denn einem Jahrhundert allerorts als ehrsam und lauter bekannten Alt-Münchner Kaufmannsfamilie und hatte als vierundzwanzigjährige Jungfrau dem als Schreiner im Elternhaus tätigen, eben aus dem Feldzug zurückgekehrten Burschen ihre Hand gegeben, unbekümmert darum, daß er nur der Sohn einer dürftigen, alten Hebamme aus einem kleinen Dorf im Schwabenland war und außer einem Paar nerviger Fäuste und der Tapferkeitsmedaille nichts in die Ehe einbrachte.
Und sie hatte es nicht zu bereuen gehabt, daß sie dem heftigen Widerstand ihrer stolzen Eltern zum Trotz den stattlichen, dunkellockigen Hannes heiratete; denn er war ein heller Kopf und hatte schon als Kind seine zehn Geschwister sowohl an Klugheit, wie auch an Geschicklichkeit übertroffen. Sein Vater war schon in jungen Jahren zum Bürgermeister seines Orts gewählt worden, da er eine sehr rechtliche, gerade Natur und von männiglich geschätzt war. Doch hatte der sonst so fürtreffliche Mann einen einzigen Fehler: er trank. Das wurde ihm und der ganzen Familie zum Verhängnis; denn der Unglückliche ward von seiner unseligen Leidenschaft bald so weit gebracht, daß ihm kein Branntwein mehr genügte und er nicht nur alle Balsam- und Painexpellergläser leerte, sondern am Ende noch zum Petroleumkruge griff und Hofmannstropfen flaschenweise trank. Es dauerte nicht lange, so verlor er Amt und Würden und endete zuletzt als kaum vierzigjähriger Mann elendiglich in einem Schweinestall, darin er schon seit Monden hausen mußte, da er in seinem Rausche alles zerschlug und zerstörte, was ihm unter die Hände kam. Damals war der Hannes gerade zwölf Jahre alt geworden, und es hieß nun hinaus in die Welt und selber schauen, wie das Brot am besten für den Hunger ging. Also machte er sich mit vieren seiner Geschwister auf und zog mit ihnen gen München, wo ein jedes bald Arbeit fand. Die Mutter hatte zum guten Glück schon während ihrer traurigen Ehe sich im Ort ein sicheres, wenn auch beschwerliches Fortkommen geschaffen: sie war Kindlesfrau, so hieß man die Hebammen, geworden. Noch mit ihrem vollendeten neunzigsten Jahr hat sie ihrer bedeutend jüngeren Kollegin gar manche schwere Geburt abgenommen, und es kam nicht selten vor, daß ein Bauer stundenweit fuhr und die alte, halbblinde Haslermutter holte, während in seinem Orte irgendeine tüchtige, junge Hebamme das Nachsehen hatte.
Indes der Hausvater mich also unterhielt und allmählich immer mehr in Wärme geraten war, kam die Frau wieder zu uns herein und bat uns in die gute Stube zum Kaffee. Sie hatte sich inzwischen in Staat geworfen und prangte in einem altmodischen Gewand aus starrer, violetter Seide, das bei jeder Bewegung bald rötlich, bald grau schimmerte und dessen Jacke mit vielen Rüschen und langen Schößen geziert war.
Mein Verlobter hatte sich für diesen Nachmittag von seinem Herrn Urlaub erbeten und kam nun gerade recht nach Hause, den Kaffee mit uns zu trinken. Er nahm meinen Arm und führte mich in die Ehrenstube, deren Möbel alle aus Kirschbaumholz gefertigt und mit dunklen Ornamenten eingelegt waren. Die ganze Einrichtung stammte noch von den Eltern der Frau Hasler, wie der Benno mir berichtete. Auf dem sauber gedeckten Tisch standen zierliche Tassen und Kannen, deren eine jede in einem bunt gemalten Kranz die goldene Inschrift trug: Lebe glücklich!
Wir tranken nun vergnüglich Kaffee, und mein Verlobter sprach viel von meinen guten Eigenschaften, von seiner schönen Stellung, seiner gediegenen Herkunft und von baldigem, sicheren Eheglück. Dann brachte er mich wieder nach Hause, nachdem ich mir noch das Versprechen der beiden alten Leute hatte geben lassen, daß sie uns am folgenden Sonntagnachmittag mit ihrem Besuch beehren würden.
Dies taten sie auch. Pünktlich um die angegebene Stunde fuhr ein Fiaker am Hause vor und heraus sprang mein Hochzeiter und half seinen Eltern beim Aussteigen.
Ich hatte schon vormittags genaue Weisung von der Mutter erhalten, wie ich sie zu empfangen hätte: also eilte ich geschwind von der Wirtsküche auf die Straße, reichte jedem die Hand und sagte: »Guten Tag, Frau Mutter und guten Tag, Herr Vater! Grüß Gott, Herr Benno! Die Mutter hält's für a große Ehr, daß S' uns die Freud machen und a Tass' Kaffee bei uns trinkn. Bitt schön, kommen S' nur glei mit 'rauf in d'Wohnung, d'Mutter is scho drobn!«
Und nun führte ich alle drei nach der im ersten Stockwerk gelegenen, für den hohen Besuch frisch gestöberten und geschmückten Wohnung, wo die Mutter in ihrem nobelsten Aufputz aufgeregt durch alle Zimmer lief und bald ein Deckerl anders legte, bald ein Stäubchen wischte oder umständlich ihr Spiegelbild betrachtete.
Als sie uns kommen hörte, ging sie mit steifer Würde auf die beiden Alten zu, reichte ihnen mit ausgesucht höflicher Verbeugung die Hand und sagte: »Herr Hasler, Frau Hasler, dös freut mi! Derf i vorausgeh? Kommen S' nur 'rei in Salon und nehman S' Platz! ... Herr Benno, mögn S' net auf'n Divan hintre mit der Leni!« Und geschäftig rückte sie den Tisch zur Seite und bot jedem seinen Platz an; dann trat sie unter die Tür und rief: »Rosl, an Kaffee 'rei! Nehman S' dö silberne Plattn zum Kuchn!«
Während sich nun eine lebhafte Unterhaltung über die gleichgültigsten Dinge entspann, betrachtete bald der Vater, bald die Mutter meines Verlobten die protzige Einrichtung des Salons und sie wechselten von Zeit zu Zeit verstohlen Blicke der Befriedigung; und als die Augen des Alten auf das Klavier fielen, fragte er, wer darauf spiele. Die Mutter sagte stolz: »Mei' Leni kann's; i hab's ihr lerna lassn, daß s'amal ihren Mann unterhaltn ko. Geh, Leni, spiel deine zukünftign Schwiegereltern oan auf! Vielleicht an Bienenhausmarsch oder 's Glühwürmchenidyll, oder was die Herrschaften sonst gern hörn!«
Ich setzte mich an das Instrument und spielte etliche Stücke, wie sie mir gerade einfielen. Da ging die Tür auf und herein kam der Vater, begrüßte die Familie Hasler und sagte: »I hab der Kathi g'sagt, sie soll dö paar Halbe Bier hergebn, die jatz gehn, daß i aa a bisl raufschaugn ko zu dö Herrschaftn ... No, wia steht's werte Befinden? -- Scheene Tag hama allweil jatz. -- Warn S' scho auswärts heuer? -- Bei dem warma Weeder macht a jeda a G'schäft vo dö auswärtign Wirt. -- Hast no an Kaffee, Muatta?«
Damit setzte er sich und begann von dem zu reden, was bis dahin ein jedes wie auf Verabredung vermieden hatte, von unserer bevorstehenden Heirat.
»Dös hat si ganz unverhofft g'schickt!« meinte er, zu dem alten Hasler gewendet. »Mir ham's glei gar net glaabn könna, daß ma d'Leni wirkli scho herlassn solln.«
»Ja, dös is wahr;« fiel ihm die Mutter ins Wort, »so geht's zua in der Welt! Will ma selber no net zu dö Alten g'hörn, derweil hat ma scho heiratsfähige Kinder!«
»Oho!« rief da der Benno. »Jetzt möcht gar d'Frau Zirngibl aa schon vom Alter redn und schaut aus, wie a eiserne Venus, so g'sund und so sauber. Der Zirngiblvater kann stolz sei auf so a Frau!«
Geschmeichelt lächelte die Mutter, und auch der Vater hörte diese Lobrede wohlgefällig an. Die alten Haslerleute aber warfen ihrem Sohn halb ärgerliche, halb verlegene Blicke zu, und es entstand eine kleine Pause, die ich rasch benützte, den Benno zu mir an ein kleines Tischlein zu ziehen, wo ich meine Erinnerungen und Andenken aus der Klosterzeit aus einem kleinen Kästlein kramte. Dabei fielen meinem Verlobten etliche Briefe und Karten auf, die sämtlich die Adresse trugen: An die Jungfrau Magdalena Christ, Kandidatin bei den Josefschwestern zu Bärenberg.
Auf seine Frage, ob die Briefe einer Freundin gehörten, erwiderte ich ihm: »Naa, naa! Dös san lauter Briaf an mi!«
Erstaunt sah er mich an, und auch am Tisch wurde man aufmerksam, so daß ich mich an die Mutter wandte: »Denkn S' Eahna, Mutter, der Benno woaß net amal mein rechtn Namen!«
Mit hochrotem Kopf saß die Mutter da, und Zorn und Verlegenheit kämpften sichtbar auf ihrem Gesicht, während sie zögernd sagte: »Ja, mei lieber Gott! Dös wissen dö wenigsten Leut, was für a Unglück mi scho in meine jungen Jahr troffn hat; dös erzählt ma net so mir nix, dir nix an jeden, der daher kommt!«
Sie konnte nicht mehr weiter reden; ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren Körper, während sie von Zeit zu Zeit einen wütenden Blick zu mir hinüberwarf. Die Familie Hasler aber saß starr und stumm da und blickte fragend von einem zum andern.
Da ergriff der Vater rasch das Wort und sagte: »Da brauchst net z'woana, Muatta; deswegn is dir aa no koa Perl aus da Kro' g'falln. Und was d'Erziehung und dös ander betrifft, hat si no nie nix g'feit. A jeder ko froh sei, wann er so a Madl zum Heiratn kriagt!«
Erst jetzt begriffen die Haslerischen den Sachverhalt, und die Frau rief mit kläglicher Stimme: »Ja, was is denn net dös! Na is also d'Leni gar net von Eahna, Herr Zirngibl?«
»Naa. Der Leni ihra Vata is damals bei dem großen Schiffsunglück, wo dö englischn Hund den scheena Dampfer Cimbria a so o'gfahrn ham, daß'n glei da Deixl g'holt hat und d'Leut allsam dasuffa san, aa dabei g'wen. Der hat sein Ruah! Und da hab halt i d'Muatta g'heirat.«
Schweigend hatten alle zugehört, und endlich begann der alte Hasler: »No ja; in Gott's Nam'! Sell isch au di g'fährlichscht Sünd no nit, daß e so e saubre Frau amal was Kloins kriagt! Im übrige ischt's mir ja ganz gleich, ob's Mädle lediger Weis' isch dag'wesa oder von der Eh; d'Hauptsach isch halt, daß sie e aaschtändige Mitgift ei'bringt!«
Jetzt hatte sich auch die Mutter wieder erholt und schilderte nun in beweglichen Worten, wie sie mich ausstatten wolle und daß sie jederzeit da wäre, wenn's einmal drauf ankäme. Der Vater aber sagte kurz: »Zwegn der Mitgift braucht koa Hochzeiter a Sorg z'habn. D'Leni hat bei dreiß'gtausend Mark Muatterguat und vo ihran Vatern achtausend Mark ausg'machts Geld auf der Bank. Und wenn amal d'Not an sie kam, na war allweil i aa no da; vorläufig kann i ihr allerdings vo mir no nix gebn; dös steckt alls im G'schäft drin.«
Während dieser Rede war die Wolke, die unheildrohend auf der Stirn der alten Haslerin gestanden, von ihr gewichen und das sonnigste Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Auch der Herr Hasler rieb sich vergnüglich die Daumenballen und sagte bloß: »Scheen, guat, isch ja sehr aagenehm!«
Der Benno aber, der zuvor, als meine Abkunft an den Tag kam, sich auf einen von mir ziemlich entfernten Stuhl gesetzt hatte, kam jetzt mit zärtlicher Miene auf mich zu und sagte, indem er mich um die Hüfte nahm, leise: »Du glaabst gar net, Lenerl, wie gern i di hab!«
Und in heiteren Gesprächen verfloß die Zeit, bis die Mutter um fünf Uhr zum Vater sagte: »Josef, jatz werd's Zeit ins G'schäft!«
Da brachen die Haslerischen auch auf und empfahlen sich mit großer Höflichkeit.
Nun war ich also Bennos Braut und lebte im übrigen wie zuvor.
Die Hochzeit war auf den Herbst festgesetzt worden, und der Benno eilte mit viel Fleiß von Amt zu Amt, um die zur Heirat notwendigen Schriftstücke zusammenzubringen. Der alte Hasler kündigte einer schon lange Jahre in seinem Haus wohnenden alten Jungfer die Wohnung und ließ viel Arbeitsleute kommen. Die Wände wurden tapeziert, die Böden frisch lackiert; in die Küche kam ein neuer Herd und in die Kammer daneben ein Bad. Die Frau Hasler stand bei größter Sommerhitze auf der Altane und füllte Kissen und Betten mit Flaum und zeigte den Nachbarn die Größe der mütterlichen Liebe, die nicht bloß zusieht, wie das Kind, das nun dem Nest entflogen, sich in der neuen Lebenslage zurechtfindet, sondern die in Beherzigung des Wortes »Wer sich gut bettet, liegt gut« sorglich ihr Teil dazu beiträgt, daß dessen Lebensbett ein lindes werde.
Mein Vater ließ den Schreiner kommen und bestellte die Möbel, nachdem er sich die für uns bestimmte Wohnung angesehen hatte. Alles sollte altdeutsch werden, und die Schränke sollten Spiegel haben und ein jedes Stück noch einen Muschelaufsatz. Der alte Tapezierer Fünffler mußte für die Polster sorgen und den Divan samt den Stühlen nebst einem kleinen Kanapee anfertigen.
Die Mutter aber lief zum Nachbar Glaser und erstand das Neueste an buntem Porzellan, an irdenem Geschirr und Gläsern.
Dann kam der Tag, an dem sie ging, das Brautkleid einzukaufen. Da mußte ich zur alten Haslerin und diese bitten, daß sie uns die Liebe tät und mitginge, den Stoff zu kaufen, was sie mir versprach.
Also machten sie sich auf den Weg, eine jede starrend in Seide und blitzend im Schmuck der Nadeln, Ringe und Spangen, die an Glanz wetteiferten mit den langen Perlenfransen der Mantillen und Kapothütchen.
Erst spät abends kamen sie heim, und ich vernahm, daß nun alles eingekauft sei, dessen ich als Braut bedürfe, um zu glänzen. Ich erschrak beinahe, als ich von der Mutter hörte, daß mein Brautkleid von Seide wäre und der Zeug allein schon mehr denn hundertfünfzig Mark gekostet hätte. Ich vergaß darüber ganz und gar den Dank, so daß die Mutter sehr entrüstet ward und rief: »Woaßt net, was si g'hört, du Hackstock? Gibt ma so viel Geld aus für dös G'stell und kriagt net amal an Dankschö' dafür!«
Da kam ich erst wieder ein wenig zu mir und sagte halblaut: »Dank schö, Mutter, so was hätt's net braucht.«
»So, dös hätt's net braucht! Moanst vielleicht, i laß mi lumpn und oschaugn von dö Haslerischen? Hab's scho g'sehgn, wie s' d'Letschn hat hänga lassn, weil i z'erscht g'moant hab, a Schlepp war net notwendi; aber jatz hab i so viel kaaft, daß d'an meterlanga Schwoaf hint nachiziagst!«
Ich wußte nicht viel darauf zu antworten und empfand im Grunde wenig Freude über den Prunk, in den man mich stecken wollte. Als ich jedoch nachher das schwere, glänzende Gewebe sah, regte sich meine Eitelkeit doch, und ich dachte, wie die in der Nachbarschaft wohl schauen würden, wenn sie mich in dieser Pracht erblickten. Ich trug den Stoff alsbald zur Nähterin, die mir einen Arm voll Modeblätter mit nach Hause gab zur Durchsicht, damit wir wählten, was uns gefiele. Ich suchte mir ein sehr einfaches Bild zum Muster aus und bat die Mutter, sie möchte das Gewand nach diesem machen lassen, was sie mir zusagte.
So waren die Tage der Brautzeit immer mehr ihrem Ende zugegangen, und es war nun an uns, zum Pfarrer zu gehen, das Stuhlfest zu feiern.
Also meldete mein Verlobter an einem Oktobersonntag nach dem Gottesdienst in der Sakristei unserer Pfarrkirche dem alten einäugigen Meßner, daß wir am nächsten Tage zum Herrn Pfarrer kämen, damit er uns in allem unterweise, was für den Stand der christlichen Ehe von Nutz und Frommen sei.
Hand in Hand schritten wir denn andern Tags gegen elf Uhr mit klopfendem Herzen durch die Straßen und zögernd stiegen wir im Pfarrhause die breite Treppe hinauf zur Tür, hinter der ein wirres Durcheinander von Kinderstimmen zu hören war. Im gleichen Augenblick stürmten etwa zehn Schulkinder jubelnd und lärmend aus der Wohnung und schwangen im Triumph bunte Heiligenbilder, die sie gewiß als Lohn für gute Antworten in der Religionslehre erhalten hatten. Hinter ihnen erschien lächelnd der noch ziemlich junge Pfarrer und mahnte: »Kinder, tut's schö stad sei; pfüat euch Gott und tut si koans derfalln! So, pfüat Gott, so!«
Da erblickte er uns: »So, so! ... Grüß Gott, Leutln! ... So, geht's nur glei da rei; so ... Ja, jetz san ma also da, so ... So, sitzt's euch nur glei da her, so!«
Und sorglich führte er uns zu einer Fensternische, die eigens zu dem Zweck, der uns hingeführt, gemacht schien. Ein kleiner Sammetdivan stand in der Ecke, darauf wir Platz nahmen; vor uns ein Tischlein, auf dem nichts als ein kleines Buch lag. Davor stand ein bequemer Armstuhl, der für den Priester bestimmt war.
Da saßen wir nun mit seltsam bewegtem Gemüt. Ein leichter Duft von Weihrauch umgab uns; die Sonne schimmerte durch die großen Glasbilder, die an den Fenstern hingen, und ließ die reichen Blumenstöcke bald in bläulichem, bald rotem Licht erglänzen. Auch zu dem blassen Herrgott, der an einem hohen Kruzifix aus schwarzem Holze hing, huschte einer von den roten Strahlen und gab dem Gottessohn ein Kleines seiner Wärme und beinahe einen Hauch von Leben.
Stumm blickte ich bald auf den Pfarrer, bald auf die lebensgroße Statue des Jesukindes, die zwischen Blumen und Kerzen in einer Ecke stand. Dann schielte ich verstohlen hin zum Benno: der saß etwas gebeugt und Tränen rannen ihm über sein Gesicht.
Nun begann der Priester seine Lehre: erst gab er uns den Segen, dann führte er uns im Geist zurück zu den ersten Menschen, zur ersten Ehe im Paradiese; hierauf gab er uns alle jene Mahnungen und guten Lehren, deren junge Eheleute bedürfen. Vor allem aber bat er uns, die Tage vor der Trauung nichts zu tun, was gegen Sittsamkeit verstoße, und in der Ehe Gottes Segen nicht durch Anwendung von irgendwelchen Schutzmitteln freventlich zu hemmen oder zu vermindern; denn das sei ja der Kern der Ehe, daß die Welt durch sie bevölkert bleibe. Nach diesen Unterweisungen fragte er den Benno: »Also, Herr Hasler, nachher kannt ma am Sonntag scho zum erstenmal verkünden, so, und nachher setz' ma glei die Trauung fest. Wie moanatn S', Herr Hasler, wenn ma den zwoatn Deanstag im November nahm?«
Mein Hochzeiter, der während der Ansprache des Herrn Pfarrers wiederholt in Schluchzen ausgebrochen war, trocknete nun seine Tränen und erwiderte: »Jawohl, Herr Hochwürden; am zweiten Dienstag im November is uns scho recht. Aber i möcht halt bitten um a g'sungene Mess' und daß uns halt der hochwürdige Herr Pfarrer d'Liab tät, selber die Trauung z'machen. Es wär halt a recht große Ehr für uns, und auch der Vater moant, es wär viel feierlicher, wenn der Herr Hochwürden d'Traumess' haltet.«
Der Pfarrer sagte ihm dies zu, und nachdem er uns noch aufgetragen hatte, den Tag vor der Hochzeit eine Lebensbeichte abzulegen und am Hochzeitsmorgen noch die Kommunion zu empfangen, gab er uns den Segen und geleitete uns dann bis zur Gangtür.
Wie von einer großen Last befreit, atmete ich auf, als wir draußen waren, und übermütig sprang ich die Stiegen hinab und auf die Straße. Der Benno aber war sehr ernst und schüttelte den Kopf, als er meine Ausgelassenheit sah, und während ich mit tänzelnden Schritten und lebhaftem Geplauder dahineilte, schritt er beinahe bedrückt neben mir her und sah mich schweigend an. Da schob ich lachend meinen Arm in den seinen und rief: »Juhu, g'heirat werd! Da derf i mit der Scheesn fahrn und hab an Schlepp und a seidens G'wand, juhu!«
* * * * *
Etwa eine Woche vor dem Hochzeitstage kamen die Handwerksleute und meldeten, daß sie mit allem, was ihnen aufgetragen worden, fertig seien.