Erinnerungen einer Überflüssigen
Part 12
»So, hab i di jatz g'fangt, du Luder, du verlogns!« triumphierte jetzt die Mutter mit bösem Lachen; dabei nahm sie die Spitze und warf sie ins Herdfeuer. »Heut konnst di aber g'freun! Heut treib i dir's Lügn aus für allweil!«
Mir war ganz dumm im Kopf, und wie im Traum ging ich in die Gaststube und wollte die Sparbüchse mit dem geheimen Geld zu mir nehmen; da fand ich sie leer. Sprachlos starrte ich in die Schublade, bis die Mutter in das Zimmer trat. Da schob ich die Lade zu und ging wieder in die Küche. Doch konnte ich nichts tun und hatte nur den einen Gedanken im Kopf: Heut bringt s' di um; denn sie war so seltsam still, trank rasch fünf oder sechs Halbe Bier und warf mir grausige, entsetzliche Blicke zu. Aber sie sprach kein Wort in der Sache, bis nach dem Mittagessen. Da rief sie dem Vater in die Schenke: »Josef, heut bleibst in der Schenk, die is heut net da!« wobei sie mir wieder einen solch bösen Blick zuwarf, daß mir fast das Blut in den Adern gefror. Dann sagte sie, indem sie den großen, eisernen Schürhaken vom Herd nahm und sich zum Gehen schickte: »Richst 's Hundsfressen no her, du Schinderviech; nachher gehst 'nauf!«
Als sie fort war, rief ich die Babett zu mir in die Küche und machte ihr Vorhalt wegen der Spitze und auch wegen des Geldes.
Da sagte sie: »I hab koa Wort verraten und vom Geld woaß i nix! Überhaupt derfan Sie koa Wort sagn; denn wenn i mei Maul aufmach, na is g'fehlt um Eahna!« Damit ging sie aus der Küche.
Ich hatte kaum die letzten Worte gehört, so wurde mir heiß und kalt, und plötzlich ergriff ich das große Tranchiermesser, legte erst die eine und dann die andere Hand auf den Hackstock und schnitt mir an beiden Armen die Pulsadern durch. Dann lief ich zum Schlüsselbrett, nahm die Kellerschlüssel, rannte die Stiege hinab, schloß mich in den Weinkeller ein und kauerte mich in einen Winkel und hoffte stumpfsinnig auf den Tod.
Wie lange ich so gelegen bin, weiß ich nicht. Bekannte erzählten mir später, daß mich eine Frau, die von der Gassenschenke aus in die Küche geblickt hatte, beobachtet und den Vorfall meinem Vater mitgeteilt habe. Doch wußte niemand, wo ich hingelaufen war, bis man endlich die Kellerschlüssel vermißte. Da nahm der Vater den Schleicher, ließ vom Schlosser den Keller aufbrechen und suchte mich. Der Hund aber lief erst unruhig im ganzen Keller umher, bis er sich plötzlich vor die Tür zum Weinkeller stellte und laut zu winseln begann. Da erbrach der Schlosser auch diese Tür, und nun fanden sie mich ohnmächtig in meinem Blute liegen. Sie hoben mich auf und brachten mich zum nächsten Bader, der mir einen Notverband anlegte und mich dann zu einem Arzt fahren ließ. Dort wurden die Wunden genäht, wobei es der Doktor nicht an anzüglichen Reden fehlen ließ, da ja gemeiniglich nur nach der Tat, selten aber nach Grund und Ursach geforscht wird.
Darauf brachte man mich wieder nach Hause, und meine Mutter empfing mich sofort mit den Worten: »Hat di jatz der Teufi no net gholt! Bist no net hin?«
Da dachte ich, es könnte am Ende besser sein, wenn ich ginge; denn vielleicht bekäme ich von der Mutter einmal einen Hieb, der mich zum Krüppel machte; da wäre ich doch lieber tot.
* * * * *
Also ging ich andern Tags zu meiner Base, die mit dem Bruder der Mutter in einem alten, kleinen Häuschen Giesings wohnte. Die nahm mich voller Mitleid auf und ich verbrachte ein paar glückliche Wochen bei ihr. Auch sie riet mir, ich solle eine Zeitlang unter fremde Leute gehen und dienen. Deshalb suchte ich, nachdem meine Arme wieder geheilt waren, eine Verdingerin auf, die mir einen Platz als zweite Köchin in der Floriansmühle zubrachte und mir empfahl, zuvor meinem Vormund, dem Ehemann der Nanni, zu schreiben, daß er mir seine Erlaubnis zum Dienen gebe; denn ich war noch nicht mündig. Der antwortete in seinem Schreiben: »Mir ist's ganz recht, wenn sie dint und ligt nichts dran, wenn sie heirat. Josef Eder.«
Mit diesem Brief ging ich zur Polizei und holte mir ein Dienstbuch. Danach erbat ich mir von meiner Base das Verdinggeld, fünf Mark, und brachte es der Frau, worauf ich mich nach der Floriansmühle begab.
Ich ging die Isar entlang durch den Englischen Garten, am Aumeister vorbei und stand mit einem Male vor einem kleinen Dörflein.
Zu meiner Rechten floß ein von alten Bäumen und schon herbstlich buntem Strauchwerk eingefaßter Kanal, der das ausgedehnte, rings von saftigen Wiesen und schattigen Baumgärten umgebene Besitztum, auf dem ich meinen Dienst antreten sollte, von dem eigentlichen Ort trennte.
Ich schritt den Bach aufwärts und stand bald vor dem großen Hoftor des Gutes, das drei Brüdern zu eigen gehörte und dessen Gastwirtschaft von jeher als eine beliebte Einkehr der Münchner galt.
Als ich in den Hof trat, stand vor der niedern Tür des schmucken, mit seinen grünen Fensterläden und den sauber an Spalieren gezogenen Weinreben recht heimisch aussehenden Wohnhauses ein junges Mädchen und fütterte aus einer weiten, irdenen Schüssel Enten, Hühner und Tauben mit feingehackten Maiskörnern. Droben auf dem Dach aber, das von einem Glockentürmlein gekrönt war, saß ein großer Pfau und schrie mit kreischender Stimme sein klägliches: »Pau, pau« in die stille Luft.
Weiter drüben vor dem Stall stand ein langer, grobknochiger Knecht und schirrte zwei schwere Grauschimmel an und spannte sie vor einen hoch mit Mehlsäcken beladenen Wagen, während aus der mit Tannengirlanden geschmückten Türe eines kleinen Tanzsaales, dessen Fensterläden fest geschlossen waren, soeben ein älterer Mann trat und angestrengt nach der von uralten Pappeln eingesäumten Landstraße sah.
In diesem Augenblick fuhr von der andern Seite ein leichtes Ponygefährt durchs Tor in den Hof, und ihm entstieg ein etwa zwanzigjähriger, elegant gekleideter junger Mann, warf die Zügel dem dampfenden Pferd auf den Rücken und hob danach ein liebliches, ganz in Weiß gekleidetes, etwa achtjähriges Mädchen aus dem Wagen. Mit lautem Jubel stürmte die Kleine an dem erschreckt auffahrenden jungen Mädchen vorüber, wobei Hühner und Enten laut schreiend und gackernd auseinanderstoben, und sprang lachend an dem alten Herrn empor mit dem Ruf: »Onkel Kilian, fein wars!« Dieser gab dem Mädchen erst einen schallenden Kuß und wandte sich dann an den jungen Mann: »So, Maxl, hast dir jatz amal gnua kutschiert?«
»Ja, Onkel! Bis zum Flaucher san ma nauf; 's Lieserl hätt bald nimmer gnua kriagt!« Dann rief er lachend der noch immer über das Ungestüm der Kleinen erbosten jungen Dame zu: »Servus, Fräuln Schwester!« Und als sie nichts erwiderte, trat er rasch auf sie zu, faßte sie um die Hüften und meinte: »Na, Klärl, kommt's am End scho wieder zum Regnen?«
Unwillig stieß sie ihn weg und wollte etwas entgegnen, da fuhren rasch hintereinander drei elegante Equipagen vor, und sofort stürzten alle hinzu und halfen den Herrschaften dienstbeflissen aus den Wagen.
Ich war lange Zeit unschlüssig hinter dem vorderen Tor gestanden; jetzt benutzte ich rasch den günstigen Augenblick und trat schnell in die Küche, die in peinlichster Sauberkeit glänzte.
Gegenüber dem großen, in der Mitte stehenden Herd befanden sich hohe Schränke und Stellagen voll Porzellangeschirr und von den Wänden blinkten reiche Kupfer- und Zinnmodel. Vor dem Herd stand gerade eine große, wohlbeleibte Köchin, die Kaffee kochte, und hinten in einer Ecke war ein altes Weiblein mit dem Rupfen einer großen Schüssel voll Enten beschäftigt. An dem mächtigen Schubfenster des Büfetts, von dem aus man den großen, schattigen Wirtsgarten überblicken konnte, stand eben die Frau des Hauses und gab der Kellnerin mehrere Platten mit Kuchen und gebratenen Hühnern. Dann wandte sie sich um, und als ich gerade der Köchin, die mich barsch nach meinem Begehr fragte, antworten wollte, rief sie mit freundlicher Miene: »Ah, jatz kommt mei neue Köchin! Sie san aber no jung!«
Ich erwiderte, nachdem ich sie begrüßt, ziemlich schüchtern: »I bin scho neunzehn Jahr alt!« worauf sie mich fragte, ob ich denn auch kochen könne. Da bekam ich auf einmal Schneid und sagte frisch: »Dös moan i! I hab dahoam scho dö ganze Wirtschaft g'führt und mir ham koa schlechts G'schäft! Bloß mit dö Mehlspeisn hats was; dö gibt's bei uns 's ganz Jahr net!«
Lachend meinte die Frau: »Dös kriagn ma scho no; bloß a Schneid braucht's und an guatn Willn.«
Ich versprach ihr, daß ich ihr keine Schande machen wolle, und fragte, wann ich schon eintreten könne. Sie sagte: »Glei morgn können S' kommen; lassen S' ma Eahna Adreß da, der Knecht fahrt morgen so in d'Stadt nauf am Markt; der kann glei Eahnan Koffer mitnehmen.«
Dann gab sie mir noch einen Taler als »Drangeld«, womit sie mich fest zum Antritt meiner Stelle verpflichtete.
»Gnä Frau,« sagte ich noch, ehe ich ging, »kann i vielleicht glei was b'sorgn, eh i morgn aus der Stadt geh? I kannt's leicht mitnehmen.« Doch sie verneinte und sagte: »Dös g'fallt ma, daß S' Eahna so onehma; aber bei uns fahrt alle Tag oans nauf zum Einkaufn und B'stelln. Trinkn S' jatz no g'schwind a Tass' Kaffee!«
Nun bekam ich eine große Tasse voll und einen Krapfen, wobei die Frau meinte: »Probiern S' unsere Krapfen, die müssen S' z'erscht ferti bringa!«
Ich fand alles recht gut und ging frohen Herzens heim zu meiner Base und berichtete ihr alles, worauf sie mich ermahnte, ich solle mich recht gut halten, daß ich meiner Mutter zeigen könne, wie andere Leute mit mir zufrieden wären.
Andern Tags am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich war guten Muts und sang laut, als ich durch den Englischen Garten schritt; denn ich hatte von der Endstation der Trambahn aus noch fast eine Stunde zu gehen.
Als ich auf den Hof kam, schlug es neun Uhr, und der Obermüller und die Mühlknechte machten grad Brotzeit und holten sich ihr Bier.
Mit einem lauten: »Grüaß Gott! Jatz bin i da!« trat ich in die Küche, wo es schon überall dampfte und brodelte. Die Frau war noch nicht auf, und so wies mir die erste Köchin meine Kammer zum Schlafen an. Rasch nahm ich mein Hütlein ab, zog mein Mäntelchen aus, tat eine schöne weiße Schürze um und ging wieder hinunter.
Nun hieß es sich rühren! Als die Frau um zehn Uhr in die Küche kam, hatte ich schon einen großen Hafen voll Entenjung für die Leute der Ökonomie zubereitet und war gerade dabei, ein Brett voll Knödel zu machen.
»So, san ma scho fest bei der Arbeit!« sagte die freundliche Wirtin und klopfte mir wohlwollend auf die Schulter, worauf ich lachend erwiderte: »Bis jatz konn i's scho no damacha!« doch hätte ich dies am Nachmittag wohl kaum mehr geantwortet; denn da ging's drunter und drüber.
Da kamen Herrschaften in ihren Equipagen, die sich mit Brathähndln, Eierspeisen, kalten Platten und dergleichen Leckerbissen aufwarten ließen, ferner Radfahrer, die in großer Eile ihren Kaffee tranken, und auch an Spaziergängern fehlte es nicht, die da ihren Käs mit Butter, ein Ripperl oder Regensburger verzehrten.
Der Kaffee wurde in lauter kleinen Kännchen serviert, und eine alte Spülerin hatte den ganzen Mittag und Nachmittag vollauf zu tun, um all die Geschirrlein zu säubern und auf kleine Nickeltabletten zu ordnen. In einem riesigen Waschkorb lagen an die hundert Krapfen, daneben standen Teller und Platten mit feinem Kaffeekuchen, was alles im Haus gebacken wurde.
In der Schenke ging es zur Mittagszeit noch ziemlich ruhig her; doch war am Nachmittag auch hier ein großes Hinundher. Da wurde nicht nur Bier ausgeschenkt, sondern auch alle möglichen Limonaden, Sauerbrunnen, Schorlemorle, Radlermaßen und auch gar manche Flasche Wein.
Die »rote Kuni«, wie man im Scherz die rothaarige Schenkkellnerin nannte, wußte sich bei dem Trubel kaum mehr zu helfen; denn sie war von Haus aus schon schwerfällig und nun erwartete sie auch noch ein Kind, das vierte, seit sie in der Floriansmühle im Dienste stand. Für jedes hatte sie einen andern Vater benannt, der ihr für Ehr und Kind bezahlen mußte, was ein jeder auch ohne Widerrede tat.
Um die Zeit meines Eintritts war nun überall wegen der Herbstmanöver Einquartierung. Auch in die Mühle kam die Ordre, man solle Quartier bereiten für mindestens zwanzig Mann und etliche Offiziere der schweren Reiter aus Landshut.
Es währte nicht lange, da rasselten im Saal die Säbel und klirrten die Sporen. Zwanzig Gemeine, vier Feldwebel und Wachtmeister, sowie sechs Offiziere hatten wir bekommen.
Da gab es Arbeit in Menge; zwar war für die Gemeinen das Mahl bald bereitet, doch für die Herren wurde gar fein aufgekocht. Am Abend gab es dann regelmäßig ein kleines Tänzchen, zu dem ein Mühlknecht mit der Ziehharmonika aufspielte.
Elf Tage blieben sie. Da geschah es am dritten Tage, daß die rote Kuni in der Früh nicht mehr erschien und in der Stille der folgenden Nacht einem Knäblein das Leben gab. Nun war niemand in der Schenke; da fragte ich, ob ich nicht auf etliche Tage dies Amt versehen könne. Die Herrschaft war recht froh über den Antrag, und ich wurde noch am selben Tag die Schenkkellnerin. Zugleich hatte ich die Gäste zu bedienen und auch den Offizieren zu servieren; doch ging mir alles glücklich von der Hand, und schon nach ein paar Tagen mußte ich das Versprechen geben, in der Schenke zu bleiben. Ich tat es gerne; denn ich verdiente mir ein schönes Stück Geld und lernte überdies mit feinen Leuten umzugehen.
Bald hatte ich mir nicht nur die Zufriedenheit der Herrschaft erworben, ich war auch der Liebling der Offiziere und vieler vornehmer Gäste.
Am Tage vor ihrem Weitermarsch veranstalteten die Hauptleute der Einquartierten noch einen kleinen Ball, zu dem viele Münchner Offiziere samt ihren Frauen geladen waren. Vorher war ein reiches Mahl gegeben worden und ich hatte alle Hände voll zu tun. Danach gab mir ein jeder der Offiziere, die durch den Herrn schon erfahren hatten, daß ich eine Bürgerstochter und ein braves Mädel sei, die Hand, viel schöne Worte und einen blanken Taler, und einer bat mich gar um ein »Busserl«, wofür er mir versprach, er wolle ewig an dieses Herbstmanöver denken.
Ich hatte nichts weiter dagegen und gab ihm lachend den verlangten Kuß. Da hielt der junge Herr mich fest und legte mir ein feines Kettlein mit einem kleinen Medaillon um den Hals.
»Es ziemt sich nicht,« meinte er dann ernst, »einem Mädchen aus gutem Haus ein Trinkgeld zu reichen; ich wenigstens kann es nicht und hoffe auch, daß meine lieben und geschätzten Kameraden das Mädel nicht entlohnen, sondern nur belohnen wollten.«
Ich war ganz bestürzt und dachte schon, jetzt müsse ich all das schöne Geld wieder hergeben; da rief ein alter, graubärtiger Offizier mit schnarrender Stimme: »Ah, was! Unsinn, Kamerad! Der Taler ist nicht Trinkgeld, sondern Andenken an uns fesche Kerle!« worauf alles in Gelächter ausbrach und die Angelegenheit erledigt war.
Später, beim Tanz, bat der junge Herr meine Herrschaft, mir Urlaub zu geben, bestellte etwa zwanzig Flaschen Sekt und ließ sie gleich kalt stellen. Sodann befahl er den Offiziersburschen, zu bedienen.
Die andern Mannschaften hatten sich draußen in der Tenne bei einem Faß Bier versammelt und Wachtmeister und Unteroffiziere saßen im Nebenzimmer fidel beisammen.
Ich mußte ein gutes Kleid anziehen und war nun sehr begehrt, wobei ich fand, daß der Leutnant mit dem Kettlein es im Tanzen selbst den höchsten Offizieren zuvor tat. Er meinte es, wie mir schien, recht ehrlich mit mir; denn er wollte nicht einmal das »Busserl«, das er mir am Abend abverlangt hatte, behalten und gab es mir mit dankbarem Blick vierfach zurück, ehe er beim Morgengrauen den Tanzsaal verließ.
Am andern Tag sah ich die Truppen wohl fortreiten, doch konnte ich aus der großen Ferne keinen mehr erkennen.
Dafür kamen am Nachmittag abermals etwa zehn Reiter, zwar keine Offiziere, doch auch ganz muntere Gesellen, die in einer Reitschule das lernten, was sie später entweder zum Beruf brauchten oder womit sie andern einmal imponieren wollten.
Sie kamen nun täglich und waren alle recht höflich und liebenswürdig zu mir, gaben mir viel Trinkgelder und brachten mir allerlei hübsche Dinge mit: bald ein Körblein Blumen, bald ein Schächtelchen mit Zuckerwerk. Einer von ihnen aber, der Sohn des Reitschulbesitzers, hätte mir gerne einen hübschen Filigranschmuck geschenkt; doch ich wies das Angebinde schnöde zurück, weil der Geber sich dafür nichts weniger denn mein Jungfernkrönlein ausgebeten hatte.
Überhaupt traten jetzt die Versucher gar häufig und, wie sie meinten, in den lockendsten Gestalten an mich heran.
Da war ein alter Jude, ein steinreicher Geldhändler, der mir für eine kleine Liebenswürdigkeit sofort eine große Summe Goldes bot. Ferner ein Pferdehändler, ebenfalls ein Jude, der mir einst seine Equipage mit der Weisung schickte, ich solle mich in den ersten Modehäusern kleiden wie ich wünsche, koste es, was es wolle; doch möchte ich nachher in demselben Wagen heim in seine Wohnung fahren und bei ihm eine Tasse Tee trinken.
Doch nicht nur die reichen Herren, auch etliche Burschen aus der Mühle hätten mich gern zu ihrem Schätzlein gehabt, und ich wußte bald nicht mehr, was ich tun sollte, um mir die unsinnigen Freier vom Hals zu schaffen. Und als mich gar einmal mitten in der Nacht draußen vor meinem Fenster, ich schlief im ersten Stock, ein Geräusch aufweckte, als hätte jemand eine Leiter angesetzt, und gleich danach ein leises Klopfen an die Scheiben ertönte und jemand mit unterdrückter Stimme rief: »Lenerl, mach auf! I muaß dir was sagn,« da sprang ich voll Zorn aus dem Bett und rief ganz laut hinaus, ohne zu öffnen: »Mei Ruah will i habn! I brauch koan Burschn zum Fensterln; wer si net zu der Tür 'reitraut, soll ganz wegbleibn!«
Da erscholl es draußen wieder flehend: »Geh, laß mi halt ei, Dirndl! I hätt a schöns Ringerl für di!« während zu gleicher Zeit im Garten drunten der alte Bernhardinerhund wütend zu bellen begann. Nun klopfte der nächtliche Besucher wieder, diesmal aber ganz heftig, ans Fenster und bat: »Lenerl, i bitt di um Gottswilln, laß mi halt ei, i bins ja, der Mühlfranzl! Schau, da Barri laßt mi nimma abi!«
Ich gab nun gar keine Antwort mehr und hielt mich mäuschenstill; denn im Zimmer neben mir wurde es lebendig und gleich darauf erschien Max, der etwa zwanzigjährige Sohn meiner Herrschaft, in Unterhosen und barfuß, ein Kerzenlicht in der Hand, an meiner Tür: »Leni, hörn Sie nix? Einbrecher müassn da sei!«
Nun verschwand die Gestalt eilig vom Fenster, und gleich danach vernahm man ein wildes Auffahren des Hundes, einen dumpfen Schrei und das Umfallen der Leiter. Darauf war es wieder still.
Nun wagte ich, das Fenster zu öffnen, und sah hinunter. Da saß unser Barri auf einer dunklen, am Boden hingestreckten Gestalt, und über den beiden lag die lange Leiter.
»Unser liabi Zeit! Der hat si gwiß dafalln!« rief ich voll Schreck und bereute schon meine Härte; da schrie der Max zum Fenster hinunter, während ich ganz gebrochen auf einen Stuhl fiel: »Barri, marsch in dei Hüttn!« worauf der Hund den Schwanz einzog und unter der Leiter wegschlich.
»Wer nur dös sei muaß!« meinte etwas angstvoll der junge Mann.
Da sagte ich leise, indem ich wieder zum Fenster trat und hinabsah: »Der Mühlfranzl war's. Fensterln hätt er wolln! Und jatz is er tot zwegn mein Trutz!«
In diesem Augenblick rührte sich der vermeintliche Tote, kroch unter der Leiter hervor und hinkte mühsam und halblaut fluchend von dannen.
Nun verließ auch der Max das Zimmer und ich legte mich wieder hin; doch ich konnte nicht mehr einschlafen und nahm mir vor, das Haus zu verlassen. Ich sagte das am Morgen auch der Frau; doch die lachte mich aus und meinte: »Ja, warum net gar! Davonlaufn möcht s' jatz, anstatt daß s' an Stolz hätt, wenn si d'Burschn so um sie reißn! Recht zum Narrn haltn tuast's!«
Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich auch wirklich für diesen vernünftigen Ausweg. Ich ließ mir eifrig den Hof machen und hatte die größte Freude, wenn sich manches Mal der eine oder andere von einem Rivalen zurückgedrängt glaubte und ihm mit der Faust zu beweisen suchte, daß er der Bevorzugte sei.
Der Umstand, daß ich mich in diesem ständigen Kreuzfeuer so tapfer bewährte, ließ mich nicht nur in den Augen meiner Herrschaft groß dastehen, sondern auch in der Gunst unserer Stammgäste, zu denen auch der Benefiziat des Dorfes zählte, höher und höher steigen, und es geschah des öfteren, daß der hochwürdige Herr mich beiseite nahm und mir versicherte, ich sei das tapferste Mädel, das ihm vorgekommen; und als ich ihm einmal sein Bier auf den Tisch stellte, rief er: »Na, wie geht's, Sie steinerne Jungfrau? Hat sich gestern keiner von Ihren Verehrern erschossen?« worauf ich lachend erwiderte: »Naa, Herr Hochwürden, aber datränkt hat si scho hi und da oana z'wegn meiner!«
»Was!« schrie er da voll Schreck und hatte seine liebe Not, den Trunk, den er eben gemacht und der ihm vor Schreck in die unrechte Kehle geraten war, wieder heraufzubringen. »Was, ertränkt?!«
»Ja, aber net im Wasser!« beruhigte ich ihn und klopfte ihm tüchtig auf den Rücken, bis er nach heftigem Husten wieder zur Ruhe kam.
* * * * *
Als ich etwa zwei Monate im Hause war, erschien eines Nachmittags ganz unverhofft meine Mutter und wollte wissen, wie ich mich führe.
Meine Frau war noch in der Küche, als die Mutter mit den Worten vor sie trat: »'n Tag! I bin d'Mutter von dera da!« Dabei wies sie mit der Hand auf mich und fuhr fort: »I möcht anfragn, wie sie si aufführt und was s' Lohn hat!«
Meine Frau entgegnete kurz: »So, Sie sind d'Mutter! D'Leni is recht ordentlich und fleißig und i hab nie a Klag. Was 'n Lohn betrifft, so hat s' halt zwanzg Mark und ihre Trinkgelder. Dös geht mi übrigens nix o, wie viel dös ausmacht.«
Da fing meine Mutter an, sich bitter über mich zu beklagen, und erzählte ihr die Geschichte von meinem Selbstmordversuch und auch, daß ich einmal zehn Mark aus der Schenkkasse gestohlen hätte, die sie nun holen wolle. Doch meine Frau fiel ihr unwirsch ins Wort: »Was Sie mit Eahnera Tochter dahoam g'habt habn, geht mi nix an. Bei mir is sie rechtschaffen und ehrli, und konn i ihr net 's geringste nachredn!«
Da kehrte sich die Mutter heftig um und eilte hinaus, die Tür krachend hinter sich zuwerfend. Ich aber nahm ein Zehnmarkstück und legte es ihr im Garten auf den Tisch, wo sie vorher gesessen war und gab es ihr mit den Worten: »Da san die zehn Mark. Wenn S' no was guat habn, na sagn S' mir's, daß i's Eahna gib!«
»Oho! Schneibt's leicht dir d'Goldstückl, daß d'so rumschmeißt damit?« rief sie nun halb erstaunt, halb spöttisch. »I hätt di gern wieder dahoam g'habt; aber wenn's dir so guat geht da, na wirst z'erscht net nauf wolln zu uns!«
»O naa! I wär viel liaber dahoam,« erwiderte ich und das Weinen stand mir nahe. »Sagn 's ja alle Leut, daß 's a Schand is, wenn a so a reiche Bürgersfamilie ihr Tochter zum Deana laßt! I woaß's bloß net, ob mi mei Frau fortließ.«
»Sonst nix mehr!« erscholl da neben uns die erzürnte Stimme meiner Frau, die ganz unbemerkt aus der Schenke in den Garten getreten war: »Lenerl, Sie bleibn mir da! Jatz hätt ma amal oane, die was taugn tät, jatz laufat s' mir nix, dir nix davo! No amal sag i's, Sie bleibn da!«
Da sah die Mutter wohl, daß ich hier anerkannt und gut gehalten war und sagte, indem sie sich zum Gehen schickte: »Wannst hoam willst, kannst jederzeit kommen; hoffentli bist dahoam aa, wie si's g'hört!«
Ich sagte es ihr zu und begleitete sie noch bis an die kleine Brücke, die über den Kanal führt. Da faßte sie ganz plötzlich meine Hand, besah meine vernarbten Schnittwunden am Arm und sagte halblaut: »So dumm z'sei! Wia leicht kunntst tot sei und i hätt d'Verantwortung!«
Ich entzog ihr rasch die Hand und rief, mit Gewalt die Tränen zurückhaltend: »Adje, Mutter, i muaß in d'Schenk; grüaßn S' mir'n Vater! Vielleicht komm i bald!«