Erinnerungen einer Überflüssigen

Part 11

Chapter 113,953 wordsPublic domain

Auch ich mußte wieder in die Küche und Teller und Schüsseln für die Gäste zurichten. Dann kam die Kellnerin und fragte: »Was gibt's heut z'essn für d'Leut?« worauf die Mutter mit ihrer metallenen Stimme erwiderte: »An Nierenbra'n, Brustbra'n, Schlegl in da Rahmsoß, an Schweinsbra'n und a unterwachsens Ochsenfleisch mit Koirabi (Kohlrabi), an Kartoffisalat, an grean und rote Ruabn; heut trifft d'Andivisuppn!« Als die Kellnerin sich schon zum Gehen anschickte, rief die Mutter noch rasch: »A Biflamott (boeuf a la mode) mit Knödl ham mar aa!«

Um dreiviertel zwölf Uhr kamen die Gäste, und nun begann ein Bestellen vom Zimmer aus, ein Schreien, Geschirrklappern und ein Geklopfe mit dem Fleischschlegel, daß einem die Ohren surrten.

»Frau Zirngibi, zwoa Schweinsbratn san no aus!« schallte es aus der Gaststube und im Nu echoten drei Stimmen in der Küche: »Zwoa Schweinsbra'n kriagt s' no!«

»Dö werds dawartn könna! Darenna wer' i mi net z'braucha!«

»Kathi, Koirabi san gar!« rief das Küchenmädchen jetzt in die Stube.

»Kriag i dö zu dem Fleisch aa nimma?«

»Sakrament, wenns amal hoaßt, gar sans, na sans gar!« schrie da die Mutter und fuhr in einem Atem, jedoch in ganz anderem Ton fort: »Geh, Kathi, schaugn S', daß S' a Biflamott weiterbringan; dös verkocht ma sonst zu lauter Soß!«

War dann das größte Geschäft vorbei, dann wischte sich die Mutter mit der Leinenschürze den Schweiß von der Stirn und sagte: »Dös war dir a Rumpel gwen! Leni, hol ma nur glei a Halbe Bier!« Und schnell trank sie wieder ein paar Krügl.

Nun mußte ich dem Vater in der Schenke helfen. Der hatte inzwischen einen Hektoliter Bier ausgeschenkt und, damit er schneller fertig würde, mit der Kreide Strichlein an die Rückwand des großen Schenkbüfetts gemacht, statt Zeichen zu nehmen. Nun mußte ich diese Strichlein zusammenzählen und dann die Bierzeichen ordnen. Danach rechnete ich mit der Kellnerin ab, half ihr das Geschirr von den Tischen räumen und brachte dann dem Vater und den Stiefbrüdern, die jetzt in die Lateinschule gingen, das Essen, nachdem ich den sogenannten Ofentisch gedeckt hatte. Nun kam auch die Mutter in die Stube, und es machte mir täglich aufs neue Eindruck, wenn die große, massige Frau unter die Gäste trat, die schmutzige Leinenschürze zurückschlagend und mit leichtem, fast automatenhaftem Kopfnicken grüßend: »'s Got! 'n Tag! Hab die Ehre, meine Herrn!«

Dann setzte sie sich zum Vater und unterhielt sich mit ihm, wenn sie gut gelaunt war. Einmal aber kam sie nicht in die Stube. Da hatte der Vater auf dem Markt ein Schwein gekauft, dessen Fleisch fischig schmeckte, und verschiedene Gäste hatten das Essen zurückgeschickt. An diesem Tage rief die Mutter nur dem Vater in die Schenke: »Josef, da geh rrauß!«

Als der Vater in der Küche war, begann sie laut zu schreien und zu schimpfen: »Bist du aa r a Wirt! A Schand is, so a Fleisch herz'gebn! Friß's nur selber die ganze Sau, du Depp!«

Da hörte ich zum erstenmal, seit ich den Vater kannte, ihn zornig mit der Mutter streiten, und dumpf grollend erscholl seine Rede: »Red ma net so saudumm daher, du narrischs Weibsbild! Dös ko passiern, daß ma r a fischige Sau derwischt. Du brauchst es ja net z'essn, also haltst dei Maul, sonst ...«

Das letzte brummte er für sich und trat darauf wieder in das Gastzimmer und tat, als sei nichts geschehen. Am Nachmittag aber ging er fort und kam erst abends mit einem großen Weinrausch nach Haus; doch die Mutter sagte kein Wort mehr zu ihm.

Sonst gingen die Eltern nachmittags entweder beide ins Kaffeehaus oder legten sich schlafen. Da mußte ich dann ganz allein das Geschäft und die Schenke versorgen, was mir stets eine große Freude bereitete, da ich sehr ehrgeizig war. Ich setzte mich in die Ofenecke und hielt nun erst meine Mittagsmahlzeit; denn zuvor hatte ich nicht Lust noch Zeit gehabt zum Essen und schenkte es, wenn die Mutter wirklich schon etwas für mich hergerichtet hatte, immer einem armen Burschen, der sich nichts kaufen konnte, dem Schusterhans.

Da saß ich denn bei meinem Bierkrüglein und aß dazu meine fünf bis sechs Kaisersemmeln und eine kalte Wurst und las die Zeitungen; denn zwischen zwei und drei Uhr war das Geschäft ganz ruhig und auch das Zimmer von Gästen leer. Höchstens kamen etliche, die Waren brachten und dabei rasch eine Halbe tranken. Um drei Uhr zur Brotzeit aber war es wieder so lebhaft wie am Morgen, doch ich wurde leicht fertig und konnte mich bald wieder zu den Gästen setzen. Nun wurde Karten gespielt oder gesungen und es war recht fidel. Um vier Uhr aber war wieder alles still im Lokal; nur einige fremde Gäste kehrten im Vorbeigehen ein.

Doch gab es für mich noch mancherlei zu tun bis um fünf Uhr, wo der Vater wiederkam. Ich schnitt Knödlbrot oder Voressen und Lunge, rieb Semmelbrösel oder putzte Spielkarten mit Benzin. Auch kam um diese Zeit gewöhnlich der Häute- und Fellhändler, ein alter, schmieriger Jude, der einen fürchterlichen Geruch um sich verbreitete. Mit dem mußte ich in das Schlachthaus hinuntergehen, wo in einer Kiste die Kalbfelle lagen. Diese wog er, und ich mußte genau acht haben, daß er nicht schwindelte; auch beim Ausrechnen des Preises, den er dafür bezahlte, hatte ich recht aufzupassen. Einmal gelang es ihm aber doch, mich zu prellen. Er zahlte mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm heraus, und als er das Geld nachgezählt hatte, behauptete er, zehn Mark zu wenig bekommen zu haben; und obwohl ich gewiß wußte, was ich ihm gegeben hatte, bestand er doch auf seinem Recht. Als die Mutter dies hörte, glaubte sie mir nicht, daß ich von dem Juden geprellt worden sei, sondern sagte: »Dös hast höchstens auf d'Seitn g'räumt und denkst, der Vater büßt's scho; aber da brennst di! Dös kannst scho selber draufzahln von deine Trinkgelder!« Und ich mußte wirklich die zehn Mark nachmals, als ich im Dienst bei fremden Leuten war, von meinem Lohn ersetzen.

Brachte jemand Wein oder Most, so mußte ich auch mitgehen in den Weinkeller; denn die Eltern vertrauten den Dienstboten den Schlüssel dazu nicht an, weil ein sehr großer Wert in den Weinvorräten steckte. So brachte uns auch einmal ein Bursch aus einer Kelterei etwa fünfzig Flaschen Apfelwein. Als ich mit ihm in dem vermauerten, dunklen Keller war und beim Schein einer Kerze den Apfelwein in eine Stellage zählte, löschte der Unhold mir plötzlich das Licht, packte mich rücklings, riß mir den Rock in die Höhe und wollte mich vergewaltigen. Trotz meines Schrecks kehrte ich mich rasch um und fuhr ihm mit allen Fingernägeln über das Gesicht, ergriff die nächstbeste volle Flasche und schlug sie ihm so um den Kopf, daß sie in Scherben ging. Alles das tat ich in einem Augenblick und ohne einen Laut von mir zu geben. Scheinbar ruhig trat ich nun aus dem Keller und rief ihm zu: »So, jetz machst, daß d'verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d'Schandarm g'holt hab; na konnst schaugn, wie's dir geht, du Haderlump, du elendiger! Und jetz druckst di und laßt di ja nimma blicka! Dei Herr werd sei Geld scho kriagn!«

Ich hatte zwar schon Angst, er könnte mich in der Wut noch einmal anpacken; doch ging er ohne einen Laut, nahm auf der Straße seinen Karren und fuhr mit dem übel zugerichteten Gesicht davon. Gesehen habe ich ihn nie mehr.

Überhaupt hatte ich manchmal meine Fäuste nötig; teils, mich der eigenen Haut zu wehren, teils, Streitende auseinanderzutreiben.

Im Frühjahr hatte ein Grundbesitzer in der allernächsten Nachbarschaft angefangen zu bauen, und es sollten zwei große Häuser links von unserer Ecke und eins rechts davon erstehen. Da die Maurer und die übrigen Arbeiter meist ohne Geld sind, wenn sie zu arbeiten beginnen, so muß der Palier für einen Vorschuß sorgen, der dann am Samstag vom Lohn abgezogen wird. Der Palier wendet sich nun an einen Wirt, der erstlich Geld und dann auch gutes Bier und vorzügliche Küche hat. Da war nun meines Vaters Wirtschaft als Einkehr für sämtliche am Bau Beschäftigte vorgeschlagen und angenommen worden. Die Leute holten sich am Montag ihren »Schuß« und aßen und tranken die Woche über ohne Bezahlung. Da gab es denn am Samstag immer große Abrechnung mit ihnen, und hie und da kam es dann wohl auch vor, daß der eine oder andere glaubte, er sei betrogen worden bei der Abrechnung, oder daß einer selbst betrügen wollte. Freilich ging es dabei nicht immer ruhig her. Ganz plötzlich brach dann an einem Tisch ein Streit aus und im Nu bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine für den Wirt, die andere aber für den Schuldner stritt.

Doch nicht lange währte die Reiberei; der Vater rief mir aus der Schenke: »Leni, biet eahna ab, i hab koa Zeit!« und augenblicklich stand ich unter den Streitenden und versuchte erst in Güte, die erhitzten Köpfe zu beruhigen. Wenn mir aber dies nicht gelang, konnte ich recht wild werden. Da faßte ich den einen am Genick und drückte ihn auf seinen Stuhl nieder; den andern riß ich zurück vom Tisch, wo er eben ein Salzgefäß ergreifen wollte, um es ins feindliche Lager zu schleudern. Dann schlug ich mit der Faust wohl auch auf den Tisch und rief: »Ob jatz glei Fried werd unter euch, ös Hallodri! Sofort hol i d'Schandarmerie, wenn koa Ruah is!« Dann ergriff ich den Rädelsführer, hieß ihn austrinken und schob ihn aus dem Lokal.

Freilich, immer wurde es mir nicht leicht, der Aufrührer Herr zu werden. Da mußte mir dann mein Hund, eine riesige, blaugestromte Dogge, die auf den Mann dressiert war, helfen. Dieser Hund war von einem Apotheker aus England mitgebracht worden, mußte aber, da sein Herr verarmt war, verkauft werden. Durch ein Inserat wurde der Vater aufmerksam, und da sie ihm wohl gefiel, kaufte er die Dogge für hundert Mark. Ich war hocherfreut, als der Vater mit dem Hund kam. Er hieß Schleicher und war außerordentlich klug. Sein Herr war mitgekommen und fütterte ihn noch mit Schinkenbroten; danach sagte er: »Schleicher, du mußt jetzt schön dableiben, bis ich wieder komm!« Dabei rannen ihm die Tränen in den Bart, und ich empfand solches Mitleid mit dem Manne, daß ich hinging und ihm versprach, den Hund recht gut zu halten.

Bald war auch das Tier so gut Freund mit mir, daß ein Wink von mir genügte, ihn an meine Seite zu locken. Er begleitete mich auf allen Gängen und lief mit mir auch in den Keller und Speicher; und oft, wenn ich mit ihm redete, legte er seinen schlanken Kopf auf meinen Schoß und sah mich mit seinen klugen, braunen Augen ganz verständig an. Sagte ich ihm: »Schleicher, du mußt schön aufs Frauerl Obacht gebn!« so wich er keinen Schritt von meiner Seite und hätte den, der mich anrühren wollte, sicher in Stücke gerissen.

So war einmal ein als Wüstling übel angeschriebener, alter Schleifer zu uns gekommen, als ich eben allein in der Schenke stand. Er trat zu mir und fragte, ob ich nichts zu schleifen habe, und trotzdem ich ihm kurz und mürrisch erwiderte: »Nix is da!« ging er nicht, sondern wollte mich an der Brust fassen, indem er mit heiserem Lachen flüsterte: »Nix hat zu sleife? Nix kloane Gaffeemiehle zu sleife, he?«

In diesem Augenblick sprang der Hund auch schon an ihm empor, riß ihn zu Boden und stellte sich mit gefletschten Zähnen und dumpf knurrend über ihn; und als der Italiener sich wehren wollte, packte das wütende Tier seinen Arm. Erschreckt schrie ich: »Weg, Schleicher!« und riß ihn am Halsband zurück, worauf er zwar von dem an allen Gliedern Zitternden abließ, aber immer noch heftig knurrte, so lange, bis der Alte gegangen war.

So war auch einmal eine Christbaumfeier der »Arbeitsscheuen« in unserm Lokal. Die Gäste saßen vergnügt beieinander, lauschten aufmerksam den Vorträgen, kauften Lose und waren alle eins, bis der Gipfel des Baumes zur Versteigerung kam. An diesem Gipfel hing ein Hering, eine Kindertrompete, ein Bündelchen Zigarren, eine Glaskugel, ein Lebkuchenherz, ein Wachsengel und ein einzelner roter Plüschpantoffel. Den andern hatte schon ein Bäckermeister gewonnen, da er an dem Zweige hing, dessen Nummer sein Los trug.

Alles steigerte mit leidenschaftlichem Eifer, und es währte nicht lange, da waren schon dreißig Mark für den Gipfel geboten. Nun ging's etwas langsamer; doch steigerte noch alles lebhaft mit, bis ein Metzgermeister rasch vierzig Mark bot und ihn ohne Einspruch zugeschlagen erhielt. Er zahlte und schenkte dann den Gipfel der Gesellschaft zur nochmaligen Versteigerung. Diesmal fiel er für einundzwanzig Mark einem Weinhändler zu. Auch der schenkte ihn wieder her, und nun kam der Hering samt Kindertrompete und Plüschpantoffel für die Summe von dreizehn Mark in die Hände meines Vaters, der gleichfalls zugunsten der Tischgesellschaft alles noch einmal versteigern ließ.

Jetzt fiel dem Bäckermeister plötzlich ein, daß zu dem einen Plüschpantoffel auch ein zweiter gehöre, und er steigerte nun eifrig mit. Aber da war ein junger Ehemann, ein Bräubursch, dem seine Gattin vor einer Woche den ersten Buben geschenkt hatte; der wollte die Trompete für seinen Stammhalter haben. Und nun begann ein hitziges Bieten: »Drei Mark fuchzg!« schrie der Bäcker.

»Vier Mark!« der andere.

»Sechs Mark!« scholl es wieder herüben, aber schon schrie der Ehemann: »Acht Mark! I werd dirs zoagn, du arme Bäckerseel!«

»Was hast g'sagt, du windiger Bräuknecht! Acht Mark fuchzg!«

»Neun Mark!« erscholl da plötzlich aus dem Hintergrund die Stimme des Kobelbauer Hias, eines Obermälzers, und rasch schrie der junge Ehemann: »Zehn Markl!«

Der Bäckermeister wischte sich den Schweiß von der Stirn, und seine Stimme klang heiser, als er schrie: »Zehn Mark fuchzg! Jatz ko mi der Hanswurscht scho bald ...«

Aber er kam nicht zum Ausreden; denn: »Elf Mark fuchzg!« tönte es schon wieder aus dem Hintergrund und gleich darauf: »Zwölf Mark!« von dem Liebhaber der Trompete.

Nun vergaß der Bäcker vor Wut weiterzubieten, und sprang auf, stürzte auf den Bräuburschen zu und packte ihn an der Gurgel: »Willst stad sei, du Bräuhengst, du verflixter! Jatz biat i und kriagn muaß i 'hn aa, den Gipfl, sunst is g'feit, dös mirkst dir!«

Aber er war schon zu spät daran; denn während er sich mit dem andern stritt, freute sich der dritt': der Kobelbauer Hias ersteigerte den Gipfel um dreizehn Mark und machte sich damit davon.

Der Bräubursch aber hatte den Bäcker mit solcher Macht zurückgeworfen, daß dieser rücklings in einen runden Tisch fiel und alle Krüge und Gläser umwarf. Die Frau des Laternanzünders Tiburtius Kiermeier hatte eben ein Kalbsgulasch vor sich stehen und wollte zu essen beginnen; da kam der Bäcker geflogen, und durch den großen Sturz geriet die Platte mit der Sauce ins Rutschen, und ehe die Frau Laternanzünder sich's versah, hatte sie das Gulasch samt der Brüh und den Kartoffeln im Schoß: »Jess' Maria! Mei guater Tuachrock!« kreischte sie laut auf und stieß gleich darauf ihren Mann heftig in die Seite; denn der hatte so eifrig mit einem am andern Tisch sitzenden Schuhmacher, genannt der Revolutionsschuster, über Anarchismus und Sozialdemokratie debattiert, daß er von dem Streit und auch von dem Unglück seiner Gattin nichts bemerkt hatte. Nun aber sprang er auf, und als ihm diese kreischend und unter Tränen den Vorfall geschildert hatte, erhob er seinen Stuhl und schrie: »Nieder mit dem schwarzen Bäckerhund! Hauts'n nieder, den Zentrumshund! D'Sozialdemokratie soll lebn!«

In diesem Augenblick aber fielen ihm etliche in den Arm, drückten ihn wieder auf seinen Sitz und riefen: »Sei do g'scheit, Tiburtl!« doch der war nun schon in der Hitze und schrie und schimpfte weiter.

Die Streitenden aber waren inzwischen abermals aneinander geraten, und bald setzte es da und dort Hiebe ab. Nun sprangen etliche Rauflustige hinzu, und ehe man sich dessen versah, artete der Streit zu einer regelrechten Prügelei aus.

Zu allem Unglück löschte ein Boshafter das Licht aus, indem er den Gasometer abstellte.

Der Vater rief: »Kathi, schnell reibn S' s Gas auf!« Die Mutter schrie aus der Küche: »Kreuzsakerament! a Liacht brauch i!« Ich aber faßte meinen Hund am Halsband, er trug den Maulkorb, und stürmte mitten in den Knäuel: »Auseinander! Schleicher, faß an! Sakrament, auseinander, sag i! Wer si net niederhockt, is hi!«

In diesem Moment flammte wieder ein Licht auf, und während der Vater totenblaß an einem Tisch lehnte, da er noch immer kränkelte und sich nicht aufregen durfte, teilte ich kräftige Püffe aus. Der Hund aber hatte die zwei Hauptschreier zu Boden geworfen und sein zorniges Knurren verriet, daß er keinen Spaß trieb. Die beiden lagen blutend und voll Beulen da, der eine hielt noch einen Maßkrughenkel, der Bäcker aber sein Stilet in Händen.

Die übrigen Raufbolde waren beim Dreinfahren des Hundes erschreckt zurückgewichen, und nachdem ich den Bäcker und den andern in die Höhe gezogen und beide zahlen geheißen, wies ich ihnen die Tür mit den Worten: »Marsch, schaugts, daß hoamkommt's, ös Wildling!«

Bald war wieder Ruhe im Lokal; die Scherben wurden aufgeräumt, die Tische und Stühle gesäubert und der Frau Kiermeier vom Vorstand der Tischgesellschaft ein neues Kleid versprochen. Und als um vier Uhr morgens die letzten Gäste schwankend das Lokal verließen, versicherten sie einmütig mit stillvergnügtem Lächeln: »Schö war's, wunderschö!«

* * * * *

Am andern Tag mochte aber wohl mancher einen schweren Kopf gehabt haben, und auch wir waren alle übernächtig und trachtete ein jedes, den versäumten Schlaf so geschwind wie möglich nachzuholen. Der Vater und die Mutter legten sich gleich nach dem Mittagessen nieder; die Küchenmagd machte ganz gläserne Augen und verschwand plötzlich, noch ehe sie ihre Arbeit getan; die Kellnerin mußte sich niedersetzen zum Besteckputzen, und dabei sank ihr der Kopf immer tiefer, bis sie mit der Nase auf das Putzbrett stieß. Ich selber nahm mir einen Stuhl und setzte mich in die Schenke, rief den Schleicher zu mir und machte auch ein Schläfchen, das zu meiner Freude nicht gar zu oft durch das schrille Klingeln der Schenkglocke gestört wurde. Um fünf Uhr aber war jedes wieder munter, und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, meinte die Mutter: »So, jatz konn's glei wieder ogeh 's G'schäft und dauern bis um zwoa!« Doch bekam sie bald Kopfweh in der heißen Küche und ging in die Stube und ich kochte allein.

Da hieß es erst einen großen Hafen voll Lunge oder Voressen bereiten für die Arbeitsleute, die jeden Abend um sieben Uhr an der Küchentür mit ihren Haferln standen und fragten: »Habts heut a Lungl?«

Dann schrieb ich die Speisenkarte.

Bald danach kamen die Kunden aus der Nachbarschaft, meist alte Weiber, und begehrten zu wissen, was sie zum Abend haben könnten: »Freiln Leni, ham S' heut a Gansjung?«

»Ja, was fallt denn Eahna ei!« rief ich da. »Jatz, wo s' so teuer san am Markt! Wos moanan S', was jatz a Gansjung kostn tät? A Mark ganz gwiß! Mögn S' vielleicht sonst a Schmankerl? A sauere Leber oder a bachene; oder a bra'ne Haxn, a halbete? A schöns Schweinszüngl is aa da und guate G'schwollne, selbergmachte!«

»Dös mag mei Mann alles net!« sagte die eine oder andere dann, und ich mußte ihnen weitere Spezialitäten hernennen: »Ja mei, da werds schlecht ausschaugn, wenn der Herr Gemahl dös net mag! Sagn S' halt, a Hirn, a Herz, a Kottlett, a Schnitzl und a Gulasch ham ma r aa; oder vielleicht mag er an Ochsenmaulsalat!«

Nachdem ich dies alles aufgezählt hatte, kam es freilich auch manchmal vor, daß eine, nachdem sie alles mögliche auszusetzen gehabt und ihr die Leber zu sauer, das Gulasch zu scharf, an der Haxn z'weni dro und das Züngerl z'fett gewesen war, zögernd fragte: »Habn S' a Lungl aa?« und um a Zehnerl davon holte, was mich immer sehr zornig machte, so daß ich, wenn sie draußen war, voll Wut zur Küchenmagd sagte: »Schaugts nur grad a so a Büchslmadam o! Wenn s' a Kottlett um a Zwanzgerl kriagt hätt, wars ihr scho recht gwen, dera Flugga!«

Aber trotz allen Ärgers war ich doch recht gern Herr in der Küche, und als einmal im Sommer die Mutter eingeladen wurde, an der Wallfahrt nach Altötting teilzunehmen, gab ich nicht eher Ruhe, bis sie ja sagte.

Freilich mußte ich nun tüchtig mit anfassen die drei Tage, welche die Mutter nicht da war; doch wurde ich ganz gut fertig und konnte sogar dem Vater noch helfen am Abend, wenn der Hauptandrang an der Gassenschenke war.

Da wurden innerhalb einer Stunde über zwei Hektoliter Bier ausgeschenkt, und die Leute standen mit ihren Krügen an, wie zu Ostern in der Kirche beim Beichten. Der Vater schenkte ein und ich kassierte. Da ging's: »Frau Bergbauer, a Maß, a Halbe und a Quartl, macht vierazwanzg, sechsadreißg, zwoaravierzg; so -- und acht san fufzg und fufzg is a Mark. Dank schö, adie Frau Bergbauer, wieder komma! D'Frau Graf hat dreimal drei; dös macht vierafufzg und sechs is sechzg. Dank schö, adie! Der Kloane kriagt a Halbe; tuas fei net ausschüttn! Herr Nachbar, drei Quartl? Vater, drei! Und a Zigarrn! Derf i s' glei ozündn? Jatz ham ma achzehn und sechs is vierazwanzg und von gestern zwoa Maß, dös macht nacha zwoarasiebazg. Stimmt ak'rat wie zählt. Adie, Herr Nachbar, dank schö!« Und so ging's fort, bis ich wieder in die Küche mußte.

Am nächsten Tag schickte die Mutter aus Altötting eine Karte mit dem Bild der Mutter Gottes und schrieb: »Liebster Josef! Ich bin ganz weck vor lauter schön. Vielle Grüße sendet euch eure treue Mutter Magdalena Zirngibl.«

Ich freute mich sehr, daß es der Mutter so wohl gefiel; hoffte ich doch, es möchte diese Wallfahrt günstig auf ihr Gemüt wirken, daß sie ein wenig verträglicher würde; denn sie war immer noch trotz aller Frömmigkeit recht bös und quälte mich oft entsetzlich. Bei dem geringsten Anlaß gab sie mir trotz meiner neunzehn Jahre noch Schläge ins Gesicht und hinter die Ohren, oder riß mich an den Haaren herum; ja, nicht selten nahm sie noch wie früher den Stock und prügelte mich elendiglich. Deshalb suchte ich, so gut es mir gelingen wollte, Anlässe zu solchen Szenen zu vermeiden; doch glückte es mir nicht immer, und ich wurde nun wieder trübsinnig und verlor alle Lust zum Schaffen und schließlich auch zum Leben.

Da geschah es, daß wir eine neue Kellnerin bekamen; denn die Kathi hatte sich mit einem unserer Gäste, dem Briefträger Schwertschlager, verheiratet. Das neue Mädchen hieß Babett und war recht fleißig und von einnehmendem Wesen; daher schloß ich mich rasch an sie an, weihte sie in manche von den häßlichen Szenen, die ich mit meiner Mutter hatte, ein und vertraute ihr auch an, daß ich des Lebens im Hause ganz überdrüssig sei. Da empfahl sie mir, ich solle mir doch eine Sparbüchse anlegen und alle Tage etwas aus der Schenkkasse hineintun; wenn es mir dann einmal gar zu schlecht ginge, könnte ich davonlaufen und hätte doch Geld. Ich folgte ihr und legte täglich zwei kleine, silberne Zwanzgerln in eine irdene Sparbüchse, die ich in der Schublade des Büfetts, die der Kellnerin zur Aufbewahrung ihrer Sachen diente, versteckte.

Es mußte schon ein schönes Sümmchen beisammen sein, denn etliche Wochen trieb ich diese Heimlichkeit.

Da kam der Namenstag der Mutter.

Schon einige Tage vorher hatte ich die Babett an einer sehr feinen Spitze häkeln sehen und plagte sie nun, sie solle mir dieselbe für die Mutter verkaufen. Sie willigte ein, und nachdem sie mich das Muster gelehrt hatte, häkelte ich noch ein gutes Stück selber dazu. Ich bezahlte ihr für die Arbeit zwei Mark, bat mir aber aus, sie dürfe der Mutter ja nicht verraten, daß auch sie daran gehäkelt habe; denn die Mutter hielt nur auf Handarbeiten etwas, die man selbst gefertigt hatte. Sie schien auch wirklich sehr erfreut und fragte mich, wo ich das Muster herbekommen habe.

Ich antwortete: »Von der Babett.«

Darauf meinte sie: »Die hast ja du gar net g'häkelt, die hat ja d'Babett g'macht!«

Ich blickte wie versteinert die Mutter an und brachte endlich kaum hörbar die Worte heraus: »Wer sagt denn dös?«

»D'Babett hat mir's selber g'sagt!« erwiderte die Mutter scharf.

Da brach ich in Tränen aus: »Naa, so a Gemeinheit! Jatz hat s' mir's so heilig versprocha, daß s' nix sagt ...«