Erinnerungen an Leo N. Tolstoi
Part 3
»Das waren schon keine Kugeln mehr, sondern Bomben,« erwiderte ich halb im Scherz. »Dafür hast du mich gestern abend gerührt, als du wie mit Pinsel und Salbentopf um mich herum warst, um alle kranken Stellen zu heilen.«
»Deswegen bist du auch mein liebes Mütterchen, weil du alles richtig verstehst. Nur müssen wir uns noch darüber klar werden, ob du die Christin bist oder ich.«
»Ich gebe mich nicht für eine gute Christin aus,« sagte ich. »Wohl aber habe ich meine christlichen Überzeugungen. Die Ordnung der Dinge, wie sie einmal sind, ist nicht von mir geschaffen, ich glaube aber, daß in deinem System nichts Ähnliches zu finden ist.«
In diesem Augenblick wurden wir nach oben gebeten.
Einige Tage später traf ich Tolstois Gattin, die mit ihrer achtzehnjährigen Tochter zu einer Abendgesellschaft fuhr. Beide waren sehr einfach gekleidet, trugen hohe Hüte und begaben sich zu Verwandten. Ich glaube, es lag kein Grund vor, sich darüber aufzuregen; Tolstoi aber bezwang sich kaum in meiner Anwesenheit. Als die beiden fort waren, fragte ich ihn:
»Was hast du denn dagegen einzuwenden, daß deine Tochter ein wenig in die Welt kommt? Hast du vergessen, daß wir beide diese Welt sehr gern gehabt und uns weidlich in ihr amüsiert haben?«
»Durchaus nicht; aber du siehst, daß ich damit aufgehört habe. Ich möchte meine Tochter gern vor dem Garstigen und Schädlichen bewahren, das das Leben in der großen Welt mit sich bringt.«
Tolstoi mischte sich mit seinen extremen Ansichten in alle Einzelheiten des Familienlebens ein und richtete oft viele Verwirrung, auch Ärger und Streit an. Ich glaube, die arme Sophie wird noch oft an ihren Traum und das große Kreuz denken, das ihr so viele Träume in Aussicht stellte.
Abends saßen wir im Wohnzimmer; außer uns beiden waren der sechzehnjährige Sohn Elias und der Schwager der Gräfin, Islawin, zugegen, der in Tolstoi drang, etwas aus seinen ungedruckten Werken vorzulesen. Tolstoi weigerte sich lange, holte aber endlich ein Heft und las aus einem seiner philosophischen Werke vor, und zwar mit augenscheinlicher Verlegenheit; er wurde bald rot, bald blaß, stockte häufig und hörte bald auf, da er merkte, wie die Lektüre auf mich wirkte.
»Du siehst, daß ich in deiner Gegenwart nicht vorlesen kann,« sagte er am nächsten Tage. »Alles das ist nichts für dich; du mußt schreckliche Eindrücke davon haben!«
»Was mich am meisten erregt, ist, daß du deinen Sohn so vergiften kannst,« erwiderte ich.
»Um Gottes willen, nein! Ich versichere dich, daß meine Kinder nicht im geringsten auf das achten, was ich schreibe.«
Bald nach meiner Abreise aus Moskau wandte ich mich um einen Rat an den französischen Schriftsteller Vogué. Dieses Mitglied der Akademie hat eine Russin geheiratet und kennt unsere Literatur besser als viele Russen. Noch unter dem Eindruck des jüngst in Moskau Gesehenen und Gehörten und in Erinnerung an Vogués Anhänglichkeit an Tolstoi machte ich ihm einige Mitteilungen über Leo und den Sektierer Sjutajew. Vogué antwortete mir: »Ich danke Ihnen für die Mitteilungen. Ich wußte es und bin heftig darüber erschrocken, daß der große, unvergleichliche Tolstoi jetzt durch eine Art mystischen Wahns wie gelähmt ist. Mir bleibt der zweifelhafte Trost, das längst vorausgesehen zu haben; seine ganze Gedankenentwicklung lag als Keim bereits in dem Werk 'Kindheit und Knabenalter', und die Psychologie Lewins in 'Anna Karenina' gibt seiner weiteren Entwicklung klar die Richtung an.« --
Trotz der von nun ab herrschenden Meinungsverschiedenheit setzten Leo und ich die Korrespondenz fort, wenn das auch ziemlich selten geschah.
Im Frühjahr 1887 erkrankte er heftig am Bein, das er, glaube ich, am Pflug verletzt hatte. Im Glauben, er würde sterben, schrieb er mir einen lieben Brief, von dem viele eine Abschrift nahmen und der mich tief rührte, besonders da sein Leben damals wirklich in Gefahr war. Der Brief lautete:
»Es war gut und schön von dir, mir zu schreiben, liebe Freundin.
Du fragst, wie es mir geht? So sonderbar es auch klingen mag -- es geht mir sehr gut. Was das Bein anlangt, so wird da allerhand geredet von Knochenfraß, Knochenhautentzündung usw. Die Hauptsache aber ist, ich weiß sehr gut, daß ich an dem Bein 'eingehe', wie die Bauern sagen, das heißt dem Tode etwas näher bin als gewöhnlich.
Und dieser Zustand, in dem man sich, wie du so schön sagst: in Gottes Hand befindet, ist sehr gut; ich möchte stets in ihm leben und ihn jetzt nicht verlassen.
Tatsächlich sind schwere, langdauernde körperliche Leiden und dann der leibliche Tod eine so notwendige Lebensbedingung, daß jemand, der die Kindheit hinter sich hat, sie keine Minute vergessen sollte, besonders da der Gedanke daran, die beständige Erwartung, das Leben nicht vergiftet, sondern ihm Festigkeit und Klarheit verleiht.
Wenn ich mein Leben als mein Eigentum betrachte, mit dem ich machen kann, was ich will, bringt mich keine List und Schlauheit dahin, angesichts des Todes ruhig zu leben. Nur dann kann man dem leiblichen Tode vollkommen gleichmütig ins Auge sehen, wenn das Leben uns als die Verpflichtung erscheint, den Willen des Vaters zu erfüllen. Dann besteht das Lebensinteresse nicht darin, ob ich gut oder schlecht bin, sondern ob ich das, was mir aufgetragen ist, gut ausführe. Das kann ich bis zum letzten Atemzuge und kann auch bis zum letzten Atemzuge ruhig und fröhlich sein. Ich will nicht sagen, daß ich so bin, ich möchte es aber sein und wünsche dir dasselbe. Hoffentlich hast du gegen meine Ausdrucksweise nichts einzuwenden. Damit du nicht glaubst, daß ich unter 'Erfüllung des Willens' etwas Besonderes verstehe, will ich dir sagen, daß der Wille des Vaters der eine allbekannte ist, Liebe zu allen Menschen und Einheit mit allen, von den nächsten bis zu den entferntesten.
Nicht wahr, damit bist du einverstanden? Ich danke dir von ganzem Herzen für deine guten Wünsche.« -- --
Gott sei Dank ging die Gefahr vorüber, und im Sommer desselben Jahres begab ich mich auf dringende Bitten Leos und seiner Frau mit Kusminskis(2) nach Jaßnaja Poljana und brachte dort vierzehn Tage zu.
(2) A. M. Kusminski hatte Tolstois Schwägerin geheiratet.
Zu meiner Begrüßung war die ganze Familie versammelt, mit Ausnahme des Hausherrn, der von der Feldarbeit noch nicht heimgekehrt war. Endlich erschien er in weißer sehr sauberer Leinenbluse, mit einem Riemen um den Leib, und langem, halb grauem Bart. Wir umarmten uns freundschaftlich, und mich überraschte die ganz besondere Milde in seinen Augen.
Während meines ganzen Aufenthaltes in Jaßnaja Poljana blieb er so milde, obgleich wir natürlich eifrig disputierten. Gleich am ersten Abend erklärte ich ihm im Scherz folgendes:
»Weißt du, lieber Freund, es ist angebracht, daß wir im voraus die beiderseitigen Rechte in der Unterhaltung abgrenzen. Du bist ein berühmter Schriftsteller, der seine Gedanken nicht nur aussprechen, sondern auch drucken lassen kann: ich dagegen bin eine gewöhnliche Sterbliche und möchte in eurem Hause frei alles aussprechen.«
»Gewiß hast du ein Recht darauf,« war seine Antwort; »ich liebe es, wenn jemand seine eigenen Überzeugungen hat.«
Das Haus in Jaßnaja Poljana, das durchaus nicht elegant und nicht einmal komfortabel ist, gefiel mir sehr; vielleicht weil in allen Ecken liebe Leute hausten. Man hatte mir prophezeit, ich würde in Jaßnaja große Unordnung finden. Das war nicht der Fall: im Gegenteil, alles ging sauber und ordentlich zu; nur wurde die Zeit zum Tee und Mittagessen nicht pedantisch innegehalten. Alle standen ziemlich spät auf; und ich, die Stadt- und Hofdame, war allein um acht Uhr auf den Beinen. Ich konnte spazieren gehen, lesen, meine Briefe schreiben und mit meinem Patenkinde Sascha spielen, bevor meine Wirtsleute sich erhoben. Sie erschienen nicht vor elf Uhr, und wir tranken zu dreien im kleinen Wohnzimmer Kaffee. Im Eckzimmer war der Teetisch für die Jugend seit sieben Uhr gedeckt; sie standen aber fast alle ebenso spät auf wie die Eltern und erschienen einer nach dem andern.
Ich liebte diese Morgenstunden sehr. Leo war, durch den Schlaf gestärkt, in ausgezeichneter Stimmung. Wir unterhielten uns vollkommen ruhig; er las mir oft seine Lieblingsverse von Tjutschew und einige von Chomjakow vor, die er besonders schätzte, und wenn in einem Gedicht der Name Christus vorkam, zitterte seine Stimme, und seine Augen glänzten feucht. Diese Erinnerung tröstet mich noch heute; er liebte, ohne es selbst einzugestehen, den Erlöser auf das tiefste und fühlte in ihm natürlich mehr als den gewöhnlichen Menschen; der Widerspruch zwischen seinen Worten und seinen Gefühlen ist schwer zu verstehen. Wenn Leo dann zur Arbeit in sein Zimmer ging, überließ er mir alle Zeitschriften, Bücher und Briefe, die tags zuvor angelangt waren. Man kann sich nicht vorstellen, welche Haufen die Post jeden Tag brachte -- nicht nur aus Rußland, sondern aus allen Ländern Europas und sogar aus Amerika -- und alles duftete nach Weihrauch.
»Welch schreckliche Nahrung für deinen Stolz, lieber Freund,« sagte ich; »ich fürchte, daß du eines Tages wie Nebukadnezar wirst!«
»Warum soll ich stolz werden?« antwortete er. »Wenn ich in die große Welt gehe« (so nannte er die Bauernhütten), »existiert mein Ruhm für diese Leute nicht. Also existiert er überhaupt nicht.«
Von allen Seiten wurde Tolstoi mit den verschiedenartigsten Bitten bestürmt: die einen baten um Geld, andere um Rat oder um seine Mitarbeit an einer Zeitschrift; noch andere um unsinnige Dinge, über die er gutmütig lachte. Dabei überraschte mich oft sein unkritisches Verhalten. Man brauchte nur seine Lieblingsnote anzuschlagen, so geriet er in Entzücken. Ich veranlaßte ihn oft, genau durchzulesen, was er so sehr lobte, und er gab dann lächelnd zu, daß es Unsinn sei. In anderen Fällen freilich blieb er hartnäckig.
Dostojewski hat, lange bevor die Rückkehr zur Einfachheit und zur Natur Mode wurde, sie in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« gegeißelt und gesagt, man müsse die russischen Bauern sehr schlecht kennen, um zu glauben, daß sie auf solche Maskeraden hereinfielen; dazu hätten sie zu viel Grütze im Kopf.
Ein Brief W. H. Tschertkows,(3) den Tolstoi mir gab, erregte starke Unzufriedenheit in mir. Dieser Brief begann: »Heute morgen setzte ich einem Bauern auseinander, daß die ersten Worte des Evangeliums Johannis keinen Sinn hätten ...« Mir genügte das schon. Nachmittags erfuhr ich dann noch, daß derselbe Tschertkow aus einer Gedichtsammlung einige Verse Chomjakows gestrichen, in denen von der Erlösung die Rede war, »Tschertkow liebt die Erlösung nicht,« sagte man mir.
(3) Tolstois Vertrauensmann.
Das war mir denn doch zu viel! Wie eine Rakete fuhr ich auf, die Stimme versagte mir, und ich zitterte am ganzen Leibe. »Ah,« rief ich endlich in bitterster Ironie; »Tschertkow liebt die Erlösung nicht!« (Hierbei fiel mir sein Brief ein.) »Er findet auch, daß die ersten Worte Johannis keinen Sinn haben. Das rührt daher, daß es hier bei ihm fehlt.« (Ich deutete auf die Stirn.) »Aber ihr andern, die ihr Christi Lehre verkündet, was ist denn mit euch? Meiner Meinung nach seid ihr schlimmer als alle Sektierer, weil die an die Erlösung glauben, die die Hoffnung aller Christen bildet!«
Ich war so erregt, daß ich mich vergaß und wahrscheinlich zu viel sprach. Alles schwieg. Endlich meinte Tolstoi sehr ruhig: »Du wirst doch begreifen, daß, wenn Gott auch allmächtig ist, es doch für ihn unmöglich bleibt, etwas zu sagen, was keinen Sinn hat. Die Worte Johannis haben aber tatsächlich keinen Sinn.«(4)
(4) »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«
Natürlich konnte mich diese Erwiderung nicht beruhigen, und es dauerte lange, bis meine Erregung sich ein wenig legte.
Nach Tolstois Morgenabgang blieb ich gewöhnlich mit Sofja Andrejewna, seiner Frau, allein, die mir mit angeborener Offenheit viel Interessantes aus ihrem vergangenen und gegenwärtigen Leben erzählte. Die ersten Jahre nach Tolstois geistigem Umschwung waren schrecklich, und es war die ganze Energie der Gräfin nötig, um alle exzentrischen Schritte Tolstois zu ertragen. Zum Glück überwand ihre gegenseitige Liebe alles, und man kam wieder ins richtige Geleise, wenngleich der frühere Bund in manchen Stücken gestört war.
Während meines Aufenthaltes in Jaßnaja Poljana litt Tolstoi sehr an Gallensteinanfällen, die zwei Tage dauerten und auf die große Schwäche folgte. Er tat mir sehr leid; ich hatte aber den Vorteil, daß er nicht zur Feldarbeit ging. Zu meiner Freude sah ich keine seiner sonderbaren Beschäftigungen, wie Schustern, Ofensetzen usw., die mir als Spiel erschienen. Wiederhergestellt, war er sehr fröhlich, scherzte, setzte sich ans Klavier und sogar an den Kartentisch, wenn gerade eine Partie beisammen war; er spielte sehr schlecht Karten, aber mit großem Eifer.
Besuch war um diese Zeit wenig da, weder Verwandte, noch Fremde. Es kamen nämlich auch gänzlich Unbekannte mit ihren Anliegen. Die Tür stand jedermann offen; Arme, Bauern und Bettler kamen direkt unter das Fenster seines Arbeitszimmers. Vom Balkon aus sah ich oft, wie er mit ihnen sprach und ihnen Almosen gab. Trotzdem Tolstoi es für unmoralisch hielt, den Leuten mit Geld zu helfen, wurde im Hause nicht wenig gegeben, außer dem kleinen Gelde und Groschen, die für solche Fälle auf Tolstois Fenster lagen.
Alle Tolstoischen Kinder hingen an ihren Eltern, besonders am Vater; sie teilten aber seine Ansichten durchaus nicht. Sie wollten noch leben, während man ihnen beständig Entsagung predigte. Hätte Tolstoi nicht zum Teil auf seine Absichten verzichtet, so wäre Jaßnaja Poljana längst verkauft, die Werke umsonst dem Publikum überlassen und die ganze zahlreiche Familie -- es waren fünfzehn Kinder, von denen acht am Leben blieben -- wäre zum Vagabundenleben und zur einfachen Tagelöhnerarbeit verurteilt.
In den ersten Jahren seines Familienlebens sorgte Tolstoi sehr für die Bildung der Kinder: mit seiner neuen Richtung aber hörte das auf.
»Geh auf die Straße: feg Schnee; heiz den Ofen« usw., hörten die Kinder täglich von ihm. Zum Glück ließ die praktische und vernünftige Mutter aus den unmöglichen Erziehungsplänen Tolstois nichts werden, und alle Kinder waren von Pädagogen verschiedener Länder umgeben.
Aus all diesen Dingen aber entsprang ein Moment der Unbeständigkeit und Unsicherheit; niemand wußte, worauf er fußen, was er glauben oder nicht glauben sollte. Der Eckstein schwankte. Ich vertraue, daß mit der Zeit Gottes Hand auch das noch zum Guten lenken wird, weil alle Kinder gut und offen veranlagt sind.
* * * * *
Ich sagte, glaube ich, schon, daß Tolstois Gattin trotz ihrer häuslichen Sorgen unermüdlich das abschrieb, was ihr Mann zum Druck vorbereitete. Seiner Änderungen und Verbesserungen war kein Ende. Da ich ganz frei war, bot ich eines Tages meine Dienste zum Abschreiben an; aber Sophie lehnte mit der Versicherung ab, ich würde das Gekritzel ihres Mannes nicht entziffern können. Einige Tage später bat Leo, der eine eilige Arbeit nach Moskau zu schicken hatte, mich und andere, ihm dabei zu helfen. Wir wurden paarweise an einzelne Tische gesetzt -- jede Dame mit einem Herrn. Solcher Paare waren sechs. Tolstoi diktierte, und wir schrieben. Plötzlich kamen solch schwerfällige Phrasen, daß ich unwillkürlich an den »unergründlichen Sumpf« dachte, von dem Turgenjew gesprochen. Ich konnte mich nicht entschließen, das Diktierte in dieser Form dem Druck zu übergeben. Als Tolstoi, der von einem Tisch zum andern ging, wieder zu uns kam, sagte ich:
»Weißt du, daß ich soeben zur großen Unzufriedenheit deines Schwagers deine Prosa verbessert habe?«
»Daran hast du gut getan. Es kommt mir nur auf den Gedanken an; auf den Stil lege ich nicht das geringste Gewicht,« war Tolstois Antwort.
Am nächsten Tage erbot er sich, etwas aus dem von uns abgeschriebenen Werk vorzulesen. Es war eine philosophische Arbeit unter dem Titel »Das Leben«. Da er sich an mich wandte, erwiderte ich: »Ich werde mich sehr freuen, eine Probe deiner Weisheit zu hören, werde aber kaum etwas begreifen, da die Philosophie mir so fremd ist wie Sanskrit.«
»Wenn du es nicht begreifst, ist das natürlich nicht deine, sondern meine Schuld; ich hoffe aber, das wird nicht der Fall sein,« erwiderte Leo.
Um sieben Uhr versammelten wir uns alle um ihn; er war besonders heiter und liebenswürdig. Die Lektüre dauerte etwa zwei Stunden. Ich begriff weit mehr, als ich erwartet hatte. Es kamen schöne Stellen vor, aber mein Herz zitterte und brannte nicht. Ich kam mir vor bald wie in einem anatomischen Museum, bald wie auf den halbdunklen Wegen eines Labyrinths, in dem ich mich verirrte. Natürlich vertraute ich niemandem diese Gedanken an, und wenn man bei irgendeiner Frage verweilte, geschah das nur, um anderen Hörern Gelegenheit zur Aussprache zu geben. Ich bemerkte wohl, daß die übrigen viele Erwiderungen auf der Zunge hatten; man wagte aber nicht, den Lehrer zu unterbrechen. Übrigens war Tolstoi sehr loyal gegen andere Ansichten, und der Abend endete schön.
Bald darauf kam der Tag meiner Abreise. Tolstois geleiteten mich mit derselben Liebe, wie sie mich empfangen hatten.
* * * * *
Nach Hause zurückgekehrt, machte ich mich mit den neuen Werken Tolstois bekannt, die, von der Zensur nicht zugelassen, im Manuskript von Hand zu Hand gingen. Ich will keine Kritik an diesen Arbeiten üben; in vielen fanden sich prächtige Stellen; aber im allgemeinen wirkten sie, besonders sein »Evangelium«, drückend auf mich. Die entschiedene Ablehnung und die willkürlichen Entstellungen der Heiligen Schrift erregten unbeschreibliche Unzufriedenheit in mir. Es kam vor, daß ich die Lektüre unterbrach und die Hefte auf den Boden warf -- mir war, als strotzten sie von Blasphemien ...
Indessen verging die Zeit, und Leo wurde immer populärer. Jetzt unterlag schon nicht nur Rußland und Europa seinem Einfluß, sondern auch Amerika. Überall wurde begeistert über ihn geschrieben und gesprochen. Proteste wurden eigentlich nur von seinen Landsleuten und besonders von Geistlichen laut; es war aber bei uns üblich, sie einfach zu ignorieren. Wie durften diese kleinen einfältigen Köpfe wagen, sich mit dem genialen Leo Tolstoi zu messen!.. Gewiß waren unter den kritischen Artikeln sehr schwache, sogar beschimpfende; andere aber drückten wirksam ihr gekränktes religiöses Gefühl aus, und es kam vor, daß nicht nur Geistliche, sondern auch gebildete Laien sich entschieden vor Tolstois Theorien verwahrten. Ich muß sagen, daß der Erfolg der Opponenten Tolstois schwach war und daß die Menge noch mehr der schädlichen Quelle zustrebte. Ich habe oft über dieses psychologische Rätsel nachgedacht: liegt in dem Leugnen anerkannter Wahrheiten wirklich solch lockende Macht? Ist nicht vielmehr der eigentliche Lenker alles dessen der Vater jeder Lüge?
Einer meiner besten Freunde, Georg Wlastow, dessen Meinung ich außerordentlich schätze, billigte meine Niedergeschlagenheit wegen Tolstoi nicht. »Sie beunruhigen sich umsonst,« sagte er, »ich habe Tolstoi nie gesehen und kann seine Lehre natürlich nicht annehmen; er erinnert mich aber an die alttestamentlichen Propheten, die ebenso wie er selbst nicht wußten, was sie sprachen, deren Worte aber in nicht ferner Zukunft Bestätigung fanden. Sie müssen zugeben, daß auch bei Tolstoi kein Mangel an schönen Gottesfunken ist. Schon dafür gebührt Tolstoi Dank, daß er manche Fragen aufgeworfen hat, mit denen sich vordem in unserer Literatur niemand beschäftigte. Dahin gehört sein Rat, betreffend Reinheit im Eheleben, Würdigung der Kunst und anderes; wieviel treffende Bemerkungen finden Sie fast in jedem Artikel! Denken Sie daran, welch herrliche Predigt er jungen Leuten in der 'Kreuzersonate' hält und mit wie starken Worten er das zügellose Leben unserer Jugend geißelt, wegen dessen niemand ihnen Vorwürfe macht, weil es als zur Ordnung der Dinge gehörig betrachtet wird!«
Ich muß indessen gestehen, daß kein Zureden und keine Ermahnungen mich ganz beruhigen konnten, sondern daß Furcht, unablässige Furcht, wie eine fixe Idee mir keine Ruhe ließ. Der Gedanke, Leo könnte die heranwachsende Jugend verderben, nahm mir Herz und Vernunft gefangen, und alsbald nach meiner Rückkehr aus Jaßnaja Poljana beschloß ich, nochmals ruhig und überlegt an ihn zu schreiben.
Obgleich ich meine Briefe an Tolstoi niemals in diesen Erinnerungen veröffentlichen wollte, mag dieser eine wegen der Antwort Tolstois hier folgen:
»... Ich lese die mir gegebene Biographie Parkers mit Interesse und Kummer, demselben Kummer, den ich nach einigen unserer Gespräche empfand; ich sage 'einigen', weil jedesmal, wenn deine Worte vom Herzen kommen, mein Herz darauf antwortet und ich mich völlig eins mit dir fühle.
... Deine anatomische (du wirst sagen: philosophische) Zergliederung der Religion erweckt ein unbeschreiblich drückendes Gefühl in mir, als wenn mein Leben völlig vernichtet würde. Du liebst Christus, willst ihm nachfolgen (davon bin ich mit Freuden überzeugt), und dennoch verstehen wir uns nicht, weil du dich darauf versteifst, in ihm nur den größten Moralprediger zu erblicken -- seine göttliche Natur dagegen nicht anerkennst. Das ist von meiner Seite keine Anklage, sondern ein Ausdruck tiefsten Kummers. Die Übereinstimmung auf dieser Grundlage wäre für mich unschätzbar, aber die Stimme, die mich zur Wahrheit ruft, ist zu verschieden von der deinigen.
Jesus sagt zu mir: 'Glaube, so wirst du erlöst.' Du aber sagst: 'Die Vernunft ist dir zum Urteilen gegeben; benutze sie.' Das Evangelium verkündet: 'Betet, tut Gutes, klopfet an, so wird euch aufgetan.' Du dagegen: 'Gebet ist Zeitverlust; tut Gutes, verteilt eure Habe, verzichtet auf alles um eurer Nächsten willen.'
Ich bin aber nicht imstande, Gutes zu tun, meine Habe hinzugeben und sogar zu lieben, wenn ich nicht vorher durch das geheimnisvolle, aber sehr wirksame Band mit dem Erlöser verbunden bin, das fester ist als alle Gedanken- und Vernunftvereinigung, oder einfacher, das nichts mit dieser gemein hat, da es eine von uns unabhängige Kraft und Offenbarung bedeutet.
Das Geständnis des Paulus: 'Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will' -- muß in der Seele jedes vernünftigen Wesens widerklingen. Ja, ich will das Gute; meine sündige Natur aber widersetzt sich diesem Wunsch in jedem Augenblick meines Lebens. Wer anders kann mir helfen als die Gnade des Heiligen Geistes, den Christus uns anzurufen befiehlt und den er allen zu senden verspricht, die ihn heiß und inständig bitten.
Ohne diese Hilfe bin ich sicher ganz ohnmächtig. Du dagegen hältst es für möglich, die Gebote Christi durch eigene Willenskraft zu erfüllen. Wenigstens begegnet man diesem Gedanken in all deinen Werken.
Das Evangelium ist die Lebenssonne -- das gibst Du selbst zu; fügst aber sofort hinzu: 'Hütet euch, in jedem ihrer Strahlen das gleiche Licht zu erblicken: man muß sie nach ihrer Wichtigkeit wohl unterscheiden; es gibt unnütze, sogar schädliche unter ihnen.' Ich dagegen kann in Erkenntnis meiner Schwäche und Nichtigkeit auf keinen dieser Strahlen verzichten, sondern muß damit die Finsternis vertreiben, in der meine Seele schmachtet -- sobald nicht das ganze Licht des Evangeliums sie belebt.
Christus, der gesagt hat: 'Hört meine Worte,' sagte auch: 'Glaubt meinen Werken.' Du dagegen sagst: 'Nein, glaubt nur seinen Worten; seine Werke, seine Wunder, seine Opfer sind nutzlos, und die Erlösung hat keinen Sinn. Er ist nur gekommen, um eine neue Lehre zu verkünden.'
Wie sollen wir, mit allen unsern Fehlern, diese göttliche Lehre im weitesten Sinne erfüllen? Wer macht unsere zahllosen täglichen Irrungen und die vielen Sünden wieder gut, die wir begehen, bevor diese Lehre uns zum Bewußtsein kommt? Hat unser Herz Kraft genug, um die Reue herbeizuführen, die unserem Fall entspricht? Wir geben uns kaum über einen kleinen Teil des Übels Rechenschaft, das unser Leben erfüllt.