Erinnerungen an Leo N. Tolstoi

Part 2

Chapter 23,678 wordsPublic domain

Ich weiß noch, daß er mir damals von seinem Streit mit Turgenjew erzählte, der fast zum Duell führte. Die Einzelheiten dieses Streites sind aus meinem Gedächtnis entschwunden (die Ursache war ganz nichtig). Tolstois Worte aber habe ich nicht vergessen.

»Ich kann dir die Versicherung geben,« sagte er, bis zu den Ohren errötend, »daß meine Rolle in dieser dummen Geschichte keine schlechte war. Ich trug nicht die geringste Schuld und schrieb trotz meines reinen Gewissens Turgenjew einen durchaus freundschaftlichen versöhnlichen Brief; er aber antwortete daraufhin so grob, daß ich wohl oder übel jeden Verkehr mit ihm einstellen mußte.«

Später wurde alles beigelegt, und die beiden sahen sich auch wieder; richtige Freundschaft aber kam nicht mehr zustande -- die beiden waren gar zu verschiedene Charaktere.

Ich will nicht annehmen, daß Turgenjew heimlichen Schriftstellerneid gegen Tolstoi hegte. Aber selbst wenn das der Fall war, hat er durch seinen Brief kurz vor dem Tode alles wieder gutgemacht. Man wird diese Zeilen nicht ohne tiefe Rührung lesen. Hier sind sie: Bougival 27. oder 28. Juni (der Brief ist mit Bleistift geschrieben).

»Lieber und teurer Leo Nikolajewitsch! Ich habe Ihnen lange nicht geschrieben, denn ich lag und liege, offen gesagt, auf dem Totenbett. Genesen kann ich nicht mehr, und daran denken hat keinen Zweck. Ich schreibe an Sie, um Ihnen zu sagen, wie sehr es mich gefreut hat, Ihr Zeitgenosse zu sein -- und um Ihnen meine letzte aufrichtige Bitte auszudrücken. Mein Freund! Kehren Sie zur literarischen Tätigkeit zurück! Diese Gabe rührt von dem her, von welchem alles kommt. Ach wie würde ich glücklich sein bei dem Gedanken, meine Bitte könnte auf Sie einwirken. Ich bin mit meinem Leben fertig -- die Ärzte wissen nicht einmal, wie sie meinen Zustand nennen sollen -- ~neuralgie stomacale goutteuse~. Kann weder gehen, noch essen, noch schlafen ... Aber wozu das wiederholen ...

Mein Freund! Großer Schriftsteller der russischen Lande! Befolgen Sie meine Bitte. Lassen Sie mich wissen, wann Sie dieses Schreiben erhalten, und seien Sie mit Ihrer Frau und all den Ihrigen noch einmal fest umarmt! -- Ich bin müde; kann nicht mehr ...

Turgenjew.«

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich spricht aus jedem Wort dieses rührenden Briefes ein neuer und tröstlicher Seelenzustand Turgenjews.

Turgenjew war ein Jahr vor seinem Tode bei mir, verbrachte den ganzen Vormittag in meiner Gesellschaft, und dabei war u. a. auch von Tolstoi die Rede. Damals erschienen schon Tolstois sogenannte theologische Schriften. Turgenjew verhielt sich höchst ablehnend dagegen und konnte es nicht verwinden, daß Tolstoi die literarische Tätigkeit aufgegeben hatte, »~pour écrire de pareilles billevesées~« (um solchen Unsinn zu schreiben), wie er sich ausdrückte. »Und beachten Sie wohl,« fügte Turgenjew hinzu, »daß auch sein Stil jetzt einem unergründlichen Sumpfe gleicht.«

Dem konnte ich nicht beistimmen. Man muß hier einschalten, daß Turgenjew einfach nicht imstande war, Tolstoi überallhin zu folgen. Dieser konnte sich irren -- gewiß. Doch suchte er stets die Wahrheit, litt und quälte sich ihretwegen, während Turgenjew auf seinem verneinenden Standpunkt beharrte und fast damit kokettierte. Im übrigen haftete ihm der faszinierende Reiz des Künstlers an; man konnte ihm lange zuhören; aber in seinen Worten wie Taten kam stets eine gewisse Oberflächlichkeit zum Ausdruck, und unsere letzte Begegnung hinterließ in mir ein trauriges Gefühl. Wir sprachen französisch. Hübsche Phrasen flossen wie Musik aus seinem Munde -- schade, daß ich sie damals nicht aufschrieb. Ich weiß aber noch, daß ich ihn schließlich unterbrach:

»~C'est extraordinaire; voilà bien des années, que nous ne nous sommes vus~ (früher hatten wir uns häufig gesehen) ~et je vous retrouve au même point -- avec ce fond de sable mouvant, qui m'a toujours frappé dans vos oeuvres, quelque charmantes qu'elles soient. J'espérais, que le temps vous aurait mis sur un terrain plus solide.~«(1)

(1) Merkwürdig; so viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und ich finde Sie immer noch auf demselben Punkt, der mich, bei allem Reiz, den Ihre Werke ausüben, stets an ihnen überrascht hat. Ich hoffte, Sie würden mit der Zeit festeren Boden unter den Füßen gewinnen.

Turgenjew lachte über meine Offenheit. »Dabei habe ich große Fortschritte gemacht,« erwiderte er. »Denken Sie sich, ich liebe jetzt sogar die Natur nur auf der Leinewand.«

Diese Bemerkung des Verfassers der »Aufzeichnungen eines Jägers«, in denen alles Liebe zur Natur atmet, brachte mich fast zur Empörung. »Glauben Sie sich damit ein Lob auszustellen?« fragte ich und fügte gleich hinzu: »Da wir gerade von besonderen Dingen reden -- erklären Sie mir, warum in Ihren Erzählungen niemals Kinder vorkommen?«

Dieses Mal erschrak er.

»Ihre Bemerkung verblüfft mich um so mehr,« war die Antwort, »weil ich sie fast zum erstenmal höre. Sie ist aber richtig; ich liebe Kinder nicht.«

Darauf erwiderte ich mit Achselzucken.

Das Gespräch kam auf die Unsterblichkeit der Seele. Turgenjew erklärte kategorisch, er glaube nicht an diese Unsterblichkeit.

»Sie sagten vorhin, Sie hätten viele Freunde gehabt? Wie steht es mit denen, die nicht mehr sind?«

»Die leben in meiner Erinnerung fort, und das genügt mir,« war seine Antwort.

Wir sprachen über das Neue Testament. Turgenjew äußerte sich darüber, wie über ein wenig bekanntes Buch.

»Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie das Neue Testament nicht gelesen haben?« fragte ich.

»O nein. Gewiß habe ich es gelesen. Ich behaupte sogar, daß das Evangelium des Lukas und des Matthäus ziemlich interessant sind; was aber Johannes anlangt, so lohnt es sich nicht, von ihm zu reden.«

Darauf erwiderte ich bekümmert: »Sie werden stets der liebenswürdigste aller Heiden bleiben.« Damit trennten wir uns auf Nimmerwiedersehen.

Armer Turgenjew! Ich baue darauf, daß ihm während seines achtmonatigen Todeskampfes, unter schrecklichen Leiden, vieles von dem bis dahin Unzugänglichen klar wurde. Gott braucht keine Zeit, um die Seele des Menschen aufzuklären oder umzuwandeln. --

Aber kehren wir zu unserm Haupthelden zurück. Tolstoi kam 1876 nach Petersburg, um hier Material für die »Dekabristen« zu sammeln; er wollte einen Roman aus jener Epoche schreiben. »Ich will beweisen,« sagte er, »daß an der Dekabristenverschwörung niemand schuld war -- weder die Verschwörer noch die Regierung.«

Zum Lokalstudium begab er sich in die Peter-Paulfestung. Der Kommandeur (ich weiß seinen Namen nicht mehr) empfing ihn sehr liebenswürdig, zeigte ihm, was zu zeigen war, konnte aber nicht dahinter kommen, was Tolstoi eigentlich wollte. Dieser erzählte uns später die Unterhaltung in sehr komischer Weise.

Bekanntlich schrieb Tolstoi nur einige Kapitel dieses Romans; auf meine Frage, weshalb er nicht fortführe, erwiderte er: »Weil ich gefunden habe, daß fast alle Dekabristen Franzosen waren.«

Wirklich lag die Erziehung der Kinder höherer Stände damals durchweg in westeuropäischen Händen; diese historische Tatsache aber, die man nicht umgehen kann, steht meiner Meinung nach dem Autor eines Romans aus einer so interessanten Epoche nicht im Wege. Ich war einfach untröstlich. Tolstoi beabsichtigte ferner die Geschichte des Kaisers Paul zu schreiben, an dessen rätselhafter Persönlichkeit er besonderes Interesse nahm. Auch dieser Plan blieb unausgeführt. Noch bedauerlicher ist, daß Tolstoi die Absicht nicht verwirklichte, die ihm, seinen Briefen nach, noch mehr am Herzen lag. In dem ersten Brief, 1878, schrieb er mir hierüber: »Mir schwebt schon längst der Plan zu einem Werk vor, dessen Schauplatz die Orenburger Gegend und dessen Zeit die Perowskis sein soll. Ich habe aus Moskau einen ganzen Haufen Material mitgebracht. Alles, was Perowski betrifft, interessiert mich außerordentlich, und ich muß sagen, daß seine historische Persönlichkeit wie sein Charakter mir sehr sympathisch sind. Was würdet ihr und seine Verwandten sagen? Und überlaßt ihr mir Papiere und Briefe, wenn ich euch die Zusicherung gebe, daß niemand außer mir sie lesen wird, daß ich sie zurücksende, ohne eine Abschrift genommen zu haben, und daß ich nichts daraus abdrucke? Ich möchte ihm etwas tiefer in die Seele blicken.«

Über denselben Gegenstand schrieb Tolstoi meinem Bruder Ilja. Wir beide antworteten sofort und schickten das notwendige Material. Darauf schrieb er mir im nächsten Brief: »Perowskis Persönlichkeit hast du im großen und ganzen richtig beurteilt; ebenso stelle ich ihn mir vor. Solche Figur füllt allein ein ganzes Gemälde. Seine Biographie wäre allzu herb; mit anderen, ihm entgegengesetzten feineren Charakteren aber, wie zum Beispiel Shukowski, den du gut zu kennen scheinst, und besonders mit den Dekabristen -- drückt diese Kolossalgestalt (eine Variante der noch größeren Figur Nikolaus' I.) jene Zeit vollständig aus. Ich bin jetzt ganz in die Lektüre der zwanziger Jahre vertieft und kann dir den Genuß nicht beschreiben, den ich empfinde, wenn ich mir jene Zeit ausmale.« --

Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre fand zwischen Leo und mir ein lebhafter Briefwechsel statt. Bei Beginn meiner Tätigkeit als Erzieherin der Großfürstin Maria Alexandrowna, 1864, wurde die Korrespondenz aus Zeitmangel meinerseits etwas weniger lebhaft, dauerte aber trotzdem noch lange fort.

Bei Erwähnung der verschiedenen Stimmungsphasen Tolstois habe ich eine Absonderlichkeit vergessen, die man jetzt kaum glauben wird: es gab eine Zeit -- und sie dauerte ziemlich lange --, wo Tolstoi streng kirchengläubig war. Was ihn auf diesen Weg trieb, weiß ich nicht; es spielte sich weit von uns entfernt ab, und ich erfuhr erst viel später, daß Tolstoi mit einfachen Leuten zusammen wallfahrtete, Klöster besuchte, in der Oytiner Einöde weilte, wo er sich lange mit Klausnern und Eremiten unterhielt und dann vollkommen von der Heiligkeit und Wahrheit unserer Kirche überzeugt zurückkehrte. Wir ahnten nichts von alledem und hätten vielleicht nie etwas davon erfahren, wenn nicht folgender kleine Zwischenfall eingetreten wäre: Auf einer seiner Petersburger Reisen, 1877, erschien Tolstoi bei meiner Mutter, wo sich die ganze Familie versammelt hatte. Es war während der Fastenzeit, die wir bis dahin streng innegehalten hatten. In diesem Jahr aber beschlossen wir unserer alten Mutter wegen, der der Arzt das Fasten streng verboten hatte, nicht zu fasten. Beim Mittagessen bemerkte ich, daß Tolstoi ein finsteres Gesicht machte und offenbar verstimmt war. Nach Tisch kam er sofort zu mir und fragte, warum wir nicht fasteten. Ich erklärte ihm den Grund und fragte: »Ist es dir vielleicht unangenehm?«

»Gewiß« -- war seine Antwort -- »wenn man schon einer Kirche angehört, ist das Geringste, was man tun kann, daß man ihre Gebote hält.«

Im nächsten Jahre, 1878, erschien er wieder unerwartet in Petersburg, wie ich glaube, nur in der Absicht, mir seine geistige Umwandlung mitzuteilen und zu erklären. Wir hatten uns lange nicht gesehen, aber ich ahnte nicht, daß etwas Ungewöhnliches mit ihm vorgegangen sei. In seinen Briefen hatte er nichts verraten; höchstens bisweilen undeutliche Anspielungen gemacht.

Kaum hatten wir uns begrüßt, als er auch schon ziemlich wirr und nebelhaft alles erklärte, was in seiner Seele vorgegangen war. Ich hörte ihn schweigend an. Hielt er mein Schweigen für Zustimmung, oder wünschte er begeisterte Sympathie -- jedenfalls unterbrach er plötzlich seine Beichte und meinte: »Ich sehe, du hast dich mit meinen Gedanken schon ziemlich vertraut gemacht.«

Leider mußte ich ihn dieses Mal enttäuschen.

»Du irrst dich,« sagte ich. »Ich bin mit deinen Gedanken so wenig vertraut, daß ich sie gar nicht verstehe.«

Da sprang er wie gestochen auf: »Du verstehst sie nicht. Aber es ist doch alles so einfach und läßt sich in zwei Worten erklären: In meiner Seele hat sich ein Fenster aufgetan, durch das ich Gott sehe. Weiter habe ich _nichts_, rein _gar nichts_ nötig« -- er wiederholte das Wort nochmals.

»Was heißt nichts?« fragte ich verständnislos. »Natürlich ist die Hauptsache der Glaube an Gott. Bevor ich dir aber zustimme, muß ich wissen, _wie_ du an Gott glaubst.«

Mein Herz schlug wie ein Hammer, als wenn es ahnte, was alsbald kommen würde. Als Leo mir dann aber nicht nur die Nutzlosigkeit, sondern sogar Schädlichkeit der Kirche auseinandersetzte und schließlich so weit ging, die Gottheit Christi und die Erlösung durch ihn zu verwerfen -- war ich dicht vor Schluchzen und Tränen, beherrschte mich aber, um in dem Streit, den ich voraussah, keine Waffe zu verlieren. Wirklich entstand dann ein Disput, der den ganzen Morgen dauerte. Leo war schrecklich erregt über meinen Widerstand gegen das, was er für den Inbegriff aller Wahrheit hielt, und am nächsten Morgen erhielt ich von ihm folgendes Billett: »Sei mir nicht böse, daß ich ohne Abschied wegfahre; ich bin durch den gestrigen Disput allzusehr erregt ...«

Seine plötzliche Abreise bekümmerte mich sehr. In der voraufgegangenen schlaflosen Nacht hatte ich unwiderlegliche Argumente gefunden, die ihn, meiner Meinung nach, überzeugen mußten -- und nun alles umsonst!

Lieber Leser! Freu dich über meine Naivität, aber freu dich auch über meine Hartnäckigkeit, mit der ich später die Polemik gegen Tolstoi in der festen Überzeugung fortsetzte, daß seine Ansichten sich ändern und er auf den Weg des Glaubens gelangen würde. Es kam mir damals vor, als hätte ich es mit einem Kranken zu tun, dem man gute Nahrung reichen müsse. In meiner Verblendung hielt ich mich wahrscheinlich für einen unterrichteten Arzt. Jedenfalls erregten meine Briefe ihn nur noch mehr. Ich begreife nicht, wie ich nicht sehen konnte, daß er sich hinter jedem seiner Gedanken verschanzte, wie hinter einer Festung. Es war das eine mir ganz unverständliche, selbstgefällige Verblendung. Ich darf aber wohl sagen, daß all meine Fehler aus zu großem Eifer entsprangen. Wißt ihr, was es heißt, eine nahverwandte Seele lieben? Nicht den Menschen, sondern seine Seele? Diese Liebe ist unvergleichlich stärker als jede andere. Leo Tolstois Seele war mir unbeschreiblich teuer. Sie ist es auch jetzt noch; aber die Jahre und Enttäuschungen haben das ihrige getan: jene Glut und die Qualen, die meine damaligen Bemühungen um ihn begleiteten, sind vorüber. Nebenbei will ich erwähnen, daß von unserem Briefwechsel aus jener Zeit wenig übriggeblieben ist; einige Briefe habe ich vernichtet -- sie regten mich zu sehr auf; andre gab ich Dostojewski. Und das kam so:

Ich wünschte längst, mit ihm bekannt zu werden; endlich geschah es, aber leider zu spät.

Es war zwei oder drei Wochen vor seinem Tode, da wurde ich mit Dostojewski bekannt. Seitdem ich sein Werk »Schuld und Sühne« gelesen (kein Roman hat ähnlich auf mich gewirkt), stand der Autor als Moralist für mich in unerreichbarer Höhe, unvergleichlich höher als andere Schriftsteller, Tolstoi nicht ausgenommen, natürlich nicht in stilistischer und künstlerischer Hinsicht.

Ich traf Dostojewski zum erstenmal auf einem Abend beim Grafen Komarowski, Tolstoi hatte er niemals gesehen, obgleich dieser, als Schriftsteller wie als Mensch, ihn schrecklich interessierte. Seine erste Frage betraf Tolstoi:

»Können Sie mir seine neue Richtung erklären? Ich erblicke darin etwas Besonderes und mir einstweilen Unverständliches ...«

Ich gestand Dostojewski, daß auch mir diese neue Richtung Tolstois rätselhaft sei, und versprach ihm die letzten Briefe Tolstois, in der Meinung, er würde sie holen. Er bestimmte noch den Tag, und bis dahin schrieb ich die Briefe ab, um ihm das Lesen der schwer zu entziffernden Handschrift Tolstois zu erleichtern. Dostojewski erschien; zunächst entschuldigte ich mich, daß weiter niemand eingeladen sei -- aus Egoismus; ich wollte den Abend Auge in Auge mit ihm verbringen. Dieser Abend prägte sich meinem Gedächtnis für immer ein. Ich hörte ihn mit Andacht: er sprach, wie ein echter Christ, über das Schicksal Rußlands und der ganzen Welt. Seine Augen brannten, und ich spürte den Propheten in ihm. Als die Rede auf Tolstoi kam, bat er mich, ihm die versprochenen Briefe vorzulesen. Es klingt sonderbar, aber ich schämte mich fast, dem großen Denker die oft wirren Gedanken mitzuteilen.

Ich sehe Dostojewski noch jetzt vor mir, wie er sich an den Kopf griff und verzweifelt rief: »Nicht das! Nur nicht das!« Er sympathisierte mit keinem der Tolstoischen Gedanken, raffte aber trotzdem alles, was auf dem Tisch lag, Originale und Kopien der Briefe, zusammen und nahm sie mit. Aus einigen seiner Bemerkungen schloß ich, daß er Tolstois Ausführungen bekämpfen wollte.

Ich bedauerte nicht so sehr den Verlust der Briefe, aber ich bin untröstlich, daß Dostojewskis Absicht unausgeführt blieb; fünf Tage nach dieser Unterhaltung war er nicht mehr.

Leo Tolstoi hatte in einer Zeitschrift veröffentlicht, daß er Dostojewski zwar nicht gekannt hätte, daß ihm bei der Nachricht seines Todes aber gewesen wäre, als ob er das Teuerste auf der Welt verloren hätte. Das plötzliche Ende D.s warf auch mich nieder. Ich begab mich in seine Wohnung, um an den sterblichen Überresten meine Andacht zu verrichten. Er lag in einem winzigen Kämmerchen. Sein kleiner Sohn und die Tochter standen am Sarge. Die ganze Einrichtung war sehr ärmlich; Besucher aber waren eine Menge da, und alle schienen von Kummer niedergedrückt. Besonders zahlreich war die Jugend vertreten. Ich schickte mich schon an, zu gehen, als eine sehr bescheiden gekleidete Dame auf mich zutrat und mich fragte, ob ich die Gräfin Tolstoi wäre? Auf meine Bejahung sagte sie: »Ich hatte die Absicht, zu Ihnen zu kommen, da ich glaubte, daß es Ihnen angenehm sein würde, zu hören, welch guten Eindruck Fedor Michailowitsch von dem bei Ihnen verbrachten Abend mitgenommen hat; es war seine letzte Freude.«

Diese Dame war Dostojewskis Gattin.

Ich habe mich später oft gefragt, ob es Dostojewski gelungen wäre, Tolstoi zu beeinflussen. Ich glaube kaum. Einer meiner Bekannten, Dimitrijew, ein sehr kluger, leicht ausfallender Herr, sagte eines Tages, als die Rede auf Tolstoi kam: »Tolstois Unglück ist, daß er nur seine eigenen Gedanken hört und schätzt; Sie werden sehen, daß er stets auf falschem Wege bleibt.«

Das war bis zu einem gewissen Grade richtig. Andererseits ließ Tolstoi sich oft durch Leute beeinflussen, die moralisch unendlich weit unter ihm standen, sich aber so oder so in seinem Geleise bewegten. Von vielen Beispielen nenne ich nur eins: 1885 erschien in Moskau ein gewisser Sjutajew, ein grober Kleinbürger, der aus der russischen Kirche ausgetreten war und eine Lehre verkündete, nach der er sich für einen Propheten hielt. Ich weiß nicht, wie er an Tolstoi herankam; dieser entdeckte in Sjutajew eine gewisse Ähnlichkeit mit seinen eigenen Ansichten und geriet über ihn in Entzücken; er schleppte ihn durch die Salons der vornehmen Welt und hob ihn, als Beispiel wahrer Frömmigkeit, bis in den Himmel. Tolstois Gattin mit ihrem gesunden Verstande erkannte sehr bald diesen Begeisterungsrausch und ertrug nur mit Überwindung die Gesellschaft Sjutajews und seiner Genossen, die immer häufiger im Hause erschienen. Man brauchte nur zerlumpt oder Dissident zu sein, um Tolstois Interesse zu erregen, während Epaulette, Achselschnüre, Generalsrang und überhaupt jeder hohe Posten ihm Abscheu einflößten. Diese plötzliche Vorliebe für ungebildete beschränkte Leute dauerte nicht lange, und die ganze Gesellschaft war nur eine vorübergehende Erscheinung. Zur Zeit ihrer Macht aber beherrschte sie Tolstoi vollständig. Ungefähr zur selben Zeit erschien in einer Moskauer Zeitung Tolstois Artikel über die Volkszählung mit dem Aufruf an die Jugend, der fast ohne Ausnahme Begeisterung erregte. Überhaupt stieg Tolstois Ruhm höher und höher; überall redete man von ihm und Sjutajew. Manche Gerüchte drangen auch zu mir, so daß ich mich endlich entschloß, zu sehen, was in Tolstois Hause in Moskau vor sich ging.

Trotz der Freude über das Wiedersehen war Tolstoi augenscheinlich nicht bei Stimmung; erriet er, daß der Zweck meiner Reise kein anderer war, als mich von seinem Seelenzustande zu überzeugen? Jedenfalls bemerkte ich von Anfang an eine gewisse Erregung an ihm.

Er selbst brachte die Rede auf die »Volkszählung« und sagte: »Weißt du, daß nach dem Erscheinen meines Artikels ein wahrer Sturm von Dankadressen und Briefen, sogar von Schülern, an mich gelangt ist?« (Später gestand er mir, beim Schreiben des Artikels gedacht zu haben, ihm würde von allen Seiten Geld für die Armen zugehen, daß aber gerade das nicht geschehen wäre, sondern im Gegenteil viele ihn um Geld gebeten hätten.)

»Ich weiß,« antwortete ich ziemlich kalt.

»Und von dir nicht eine Zeile. Warum das?«

»Aus einem sehr einfachen Grunde. Ich muß gestehen, daß deine 'Volkszählung' mir nicht besonders gefällt. Ich fürchte, deine Worte an die Jugend rufen ein Strohfeuer hervor, das schnell verpufft. Du sagst: 'Gebt kein Geld; gebt euch selbst, völlig.' Ist das nicht zu viel verlangt? Es ist das Äußerste, was die Liebe geben kann, und die erwirbt man nicht im Handumdrehen. Sodann gefällt mir deine Verdrehung des Evangeliums nicht; Zachäus hast du überhaupt nicht verstanden. Er überwand alle Hindernisse, um Christus zu sehen, und als er ihn gesehen hatte, wurde sein Herz von höchster Gnade erfüllt; er war zu jedem Opfer bereit, um die Vergangenheit zu büßen. Du aber hast fast einen Wucherer aus ihm gemacht.«

Wenn meine Bemerkungen ihm unangenehm waren, so vergalt er mir das an diesem Morgen reichlich. Ohne jede Veranlassung überschüttete er mich mit einem Hagel seiner unmöglichen Ansichten von Religion und Kirche und machte sich über alles lustig, was mir lieb und teuer war. Mir kam es vor, als hörte ich Fieberphantasien. Ich kann und will nicht alles wiedergeben, was er damals sagte. Meine Wangen brannten; ich hielt es aber nicht für nötig, ihm etwas zu erwidern. Wahrscheinlich erregte mein Schweigen ihn noch mehr. Als er endlich müde war und mich fragend ansah, als erwartete er meine Antwort, sagte ich ihm:

»Ich habe dir nichts zu erwidern; ich will dir nur sagen, daß ich dich, während du sprachst, in der Macht eines sah, der noch jetzt hinter deinem Stuhle steht.«

Er wandte sich schnell um. »Wessen?«

»Luzifers in eigener Person,« erwiderte ich. »Der personifizierte Hochmut spricht aus dir.«

Er sprang auf. Das Wort hatte gewirkt. Aber er suchte sich zu bezwingen und fügte alsbald hinzu: »Gewiß bin ich stolz als Einziger, der endlich die Hand an die Wahrheit gelegt hat.«

Das nannte er Wahrheit!

Abends begab ich mich zu ihm und fand den kürzlich noch rasenden Leo als sanftes Lamm. Außer der zahlreichen Familie waren noch Fremde zugegen, und die Unterhaltung war allgemein. Leo lenkte sie aber so, daß mich nichts irgendwie verletzen konnte, und er sorgte den ganzen Abend für mich mit der rührenden Güte, die einen hervorstechenden Zug seines Charakters bildet. Unter anderem bat er seine Frau, mir den Traum zu erzählen, den sie kurz vor seiner geistigen Umwandlung gehabt. Dieser Traum war folgender:

Tolstois Gattin stand vor einer Erlöserkirche, deren Bau noch nicht vollendet war. Vor der Tür erhob sich ein riesiges Kreuz, an ihm hing der lebendige Christus. Plötzlich begann dieses Kreuz sich zu bewegen, wanderte dreimal um die Kirche und blieb vor ihr, der Frau, stehen. Der Heiland sah sie an, reckte die Hand nach oben und deutete auf das goldene Kreuz, das hoch oben auf der Kirchenkuppel glänzte.

Dieser Traum fiel wie ein Hoffnungsstrahl in meine Seele; »wenn Tolstoi wirklich einst die Wahrheit erkennt,« dachte ich, »wird er mit derselben Aufrichtigkeit seinen Irrtum eingestehen.«

Am nächsten Tage traf ich ihn vor dem Hause unseres gemeinsamen Verwandten. Bis ich gemeldet wurde, entspann sich zwischen uns wieder eine Unterhaltung. Ich saß im Wagen, er stand in ganz unmöglicher, halb bäurischer, halb städtischer Kleidung am Schlage.

»Du bist mir doch nicht böse, daß ich gestern alle meine Kugeln auf dich abgefeuert habe?« fragte er.