Erinnerungen an Leo N. Tolstoi
Part 1
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Gräfin A. A. Tolstoi
Erinnerungen an Leo N. Tolstoi
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Einleitung
Die Verfasserin nachstehender Erinnerungen, Gräfin A. A. Tolstoi, war elf Jahre älter als Leo Tolstoi; sie wurde 1817 geboren und starb 1904. Von 1846 bis zu ihrem Tode war sie Hofdame, zunächst bei der Tochter Kaiser Nikolaus' I., Maria Nikolajewna, späteren Herzogin von Leuchtenburg. 1866 wurde ihr die Erziehung der Tochter Kaiser Alexanders II., Maria Alexandrowna, anvertraut, die sie bis zu deren Verheiratung, 1874, mit dem Herzog Alfred von Edinburg, späterem Herzog von Koburg, leitete. Danach lebte sie als Hofdame der Kaiserin bis zu ihrem Ende im Winterpalais in Petersburg.
Die Bekanntschaft und Freundschaft der Gräfin mit ihrem Neffen Leo Tolstoi begann 1855 und dauerte bis zum Tode der Gräfin. Allerdings trat in den späteren Jahren wegen der räumlichen Trennung und Tolstois Verheiratung, besonders auch wegen religiöser Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden eine Entfremdung ein, die aber nie zum völligen Abbruch der Beziehungen führte. Die Gräfin Tolstoi blieb bei all ihrer umfassenden Bildung und ihren glänzenden Geistesgaben bis zu ihrem Ende eine streng bibelgläubige Kirchenchristin, die von ihren Überzeugungen nicht ein Titelchen preisgab. Es versteht sich von selbst, daß sie unter diesen Umständen dem Reformator Tolstoi keine Sympathie entgegenbringen konnte. Wohl aber war und blieb sie dem großen Menschen bis an ihr Ende in herzlicher Liebe und Verehrung zugetan, und ihre stete Fürsorge und Fürsprache beim Kaiser hat mehr als einmal drohendes Unheil von Tolstoi abzuwenden gewußt.
Die Erinnerungen sind durchaus nicht im Sinne unbedingter Verehrung Tolstois geschrieben; im Gegenteil: es herrscht durchweg ein kritischer Ton vor, der die Persönlichkeit Tolstois scharf unter die Lupe nimmt und seine religiösen und philosophischen Werke vom Standpunkte der rechtgläubigen Christin in Bausch und Bogen verwirft. Trotzdem haben die Erinnerungen als Beitrag zu Tolstois Biographie und Charakteristik unschätzbaren Wert; denn sie rühren von einer geistig sehr hochstehenden Frau her, die Tolstoi jahrzehntelang als Geistesgefährtin durchs Leben begleitet hat. Das ergibt sich aus dem Inhalt. --
Die Erinnerungen sind dem Tolstoi-Museum in Petersburg unter der Bedingung ihrer Veröffentlichung erst nach dem Tode Leo Tolstois und dem der Verfasserin überwiesen worden. Sie gelangen hier, wenig gekürzt, zum Abdruck in deutscher Sprache.
Dr. Adolf Heß.
Erinnerungen der Gräfin A. A. Tolstoi
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Leo Tolstoi zum ersten Male traf. Ich glaube, es war in Moskau bei unserem gemeinsamen Verwandten Grafen Fedor Iwanowitsch Tolstoi, mit Beinamen »der Amerikaner«.
Als Kind kannte ich, trotz unserer ziemlich nahen Verwandtschaft, Tolstoi nicht. Ich lebte beständig in Zarskoje Selo oder in Petersburg; Leo dagegen auf dem Lande in Tula, oder vorher in Moskau und Kasan, wo er seine Ausbildung erhielt. Ein ganz klares Bild von ihm habe ich bereits bei seiner Rückkehr aus Sewastopol, 1855, als Artillerieoffizier, und ich weiß noch, welch lieben Eindruck er damals auf uns alle machte. Durch sein 1852 erschienenes Werk »Kindheit« war Tolstoi dem Publikum bereits bekannt. Alle Welt lobte diese reizende Schöpfung, und wir waren sogar stolz auf das Talent unseres Verwandten, wenngleich wir seine spätere Berühmtheit natürlich noch nicht ahnten.
Tolstoi war sehr einfach, außerordentlich bescheiden und so voll scherzhafter Lustigkeit, daß seine Gegenwart auf alle anregend wirkte. Von sich selbst sprach er selten, musterte aber jedes neue Gesicht mit besonderer Aufmerksamkeit und gab dann seine stets extremen Eindrücke in komischer Form wieder. Der Beiname »Dünnhäuter«, den seine Gattin ihm später gab, paßte ausgezeichnet auf ihn; denn jeder kleine Wesenszug, den er an anderen wahrnahm, wirkte in vorteilhaftem oder unvorteilhaftem Sinne äußerst stark auf ihn. Er erriet die Menschen mit seinem künstlerischen Instinkt, und sein Urteil bewahrheitete sich oft in verblüffender Weise. Gute, verständige und ausdrucksvolle Augen ersetzten in seinem unschönen Gesicht reichlich, was ihm an Schönheit abging. Das Gesicht, kann man sagen, war mehr als nur schön.
In den ersten zwei oder drei Jahren unserer Bekanntschaft sahen wir uns ziemlich häufig, allerdings mit Unterbrechungen. Unsere Lebenswege hatten gar zu wenig Gemeinsames: ich war damals schon bei Hofe; Leo erschien nur besuchsweise in Petersburg.
Wir alle hatten ihn so gern, daß sein Kommen für uns stets große Freude bedeutete; es war das aber noch nicht der Beginn jener Freundschaft, die uns dann für das ganze Leben verband. Diese entwickelte sich erst 1857 in der Schweiz, wohin ich nach der Krönung Kaiser Alexanders II. mit der Großfürstin Maria Nikolajewna reiste. Hofdame bei der Großfürstin war ich schon seit 1846; meine Schwester Elisabeth leitete die Erziehung ihrer Tochter Eugenie Maximilianowna, jetziger Prinzessin von Oldenburg. Wir verbrachten den ganzen Winter in Genf, und im März stand zu unserer größten Überraschung plötzlich Leo Tolstoi vor uns -- sein Erscheinen wie Verschwinden machte stets den Eindruck eines ~coup de théatre~.
Ich stand damals noch nicht mit ihm in Briefwechsel; wir wußten gar nicht, wo er sich befand, vermuteten ihn in Rußland.
»Ich komme direkt aus Paris,« erklärte er. »Die Stadt hat mich angewidert, daß ich fast den Verstand verloren hätte. Was habe ich nicht alles gesehen ... Zunächst waren in dem ~hôtel garni~, in dem ich wohnte, sechsunddreißig Haushaltungen und davon neunzehn wilde Ehen! Dann wollte ich mich einmal auf die Probe stellen und ging zu einer Hinrichtung, bei der ein Verbrecher guillotiniert wurde. Danach konnte ich nicht mehr schlafen und wußte nicht, wohin. Zum Glück erfuhr ich, daß Sie in Genf wären, und reiste unverzüglich hierher, in der Hoffnung, daß Sie mich retten würden!«
Wirklich, nachdem Tolstoi sein Herz vollständig ausgeschüttet hatte, beruhigte er sich, und wir verbrachten eine schöne Zeit, wanderten im Gebirge umher und genossen so recht das Leben. Es war herrliches Wetter und die Natur unbeschreiblich schön. Wir priesen sie mit der Begeisterung von Bewohnern der Ebene, während Tolstoi sich bemühte, unsere Begeisterung durch die Versicherung zu dämpfen, im Vergleich mit dem Kaukasus sei das alles nichts. Uns genügte trotzdem, was wir sahen.
An unseren Ausflügen nahmen bisweilen russische Bekannte teil. Meine Schwester, die leibhaftige Fürsorge anderer, verlieh den Ausflügen dadurch einen besonderen Reiz, daß sie in einem riesigen Sack das mitschleppte, was jedem von uns Vergnügen bereiten konnte. Eines Tages erstiegen wir den Gipfel des Mont Salève, von dem man eine herrliche Fernsicht hat; wir machten in dem kleinen hübschen Hotel Station, fanden aber entschieden nichts, was unseren Hunger stillen konnte. Natürlich erschien der Rucksack auf der Bildfläche, und während meine Schwester ihn öffnete, hefteten alle ihre gierigen Blicke darauf. Was war alles darin! Tee, Konfekt, Früchte, Pasteten, Gebäck, sogar Wein und Selterswasser ...
Ich sehe noch Tolstois entzücktes Gesicht. Er freute sich wie ein kleiner Junge auf die Leckereien und lobte die Schwester bis in den Himmel: »Ja Lisa, Babuschka (Großmütterchen, Mütterchen), die versteht ihre Sache!« Dann aber wollte er sie foppen, wozu er überhaupt sehr geneigt war. »Splendide, wie Sie sind,« meinte er zu Lisa, »haben Sie wieder einen ganzen Wagen Vorräte mitgeschleppt, und doch haben Sie etwas vergessen. Ich wette, daß Sie z. B. keine Karten mitgebracht haben!«
Schweigend griff die Schwester in den Sack und holte zwei Spiele Karten hervor. Nun kannte Tolstois Freude keine Grenzen, obgleich Karten hier, wo die Augen nicht ausreichten, um den prächtigen Sonnenuntergang und die unendliche Bergkette wahrzunehmen, sehr überflüssig waren.
»Babuschka« nannte Tolstoi uns im Scherz; er meinte, zu Tanten wären wir, besonders ich, viel zu jung -- eins seiner beliebten Paradoxa.
Beiläufig will ich hier unser Verwandtschaftsverhältnis erwähnen. Mein Großvater hatte von einer Frau dreiundzwanzig Kinder, von denen mein Vater das jüngste war, so daß einige Kinder der älteren Geschwister gleichen Alters mit ihm waren. Leo Tolstois Vater, Graf Nikolai Ilitsch, war der richtige Neffe meines Vaters, nämlich der Sohn seines älteren Bruders Ilja, der als Graf Rostow in »Krieg und Frieden« beschrieben ist. Leo Tolstoi war also unser Neffe und nur einige Jahre jünger als wir.
Ich kehre zu meiner Erzählung zurück.
Leo verbrachte die ganze Fastenzeit mit uns. Er war damals durchaus kein Gegner der Kirche; er sah uns alle fasten und beichten und wollte selbst beichten, was ihm übrigens nicht gelang. Die nichtigste Veranlassung konnte ihn plötzlich umstimmen, was mich sehr betrübte.
Nach Ostern begab er sich nach Vevey, wo wir ziemlich viel gemeinsame Bekannte hatten. Die Großfürstin entließ mich auf mein Bitten dorthin. Was war das für eine herrliche Fahrt und welche Reihe entzückender Tage!
Beim Besteigen des Dampfers bemerkte ich in Tolstois Händen einen sehr anständigen Koffer, worüber ich mich einigermaßen wunderte, da Tolstoi in seinem Äußeren sonst ziemlich schlampig war.
»Was heißt denn das?« fragte ich spöttisch. »Dieser Luxus sieht dir doch sonst gar nicht ähnlich.«
»Wieso?« meinte er ganz ernst. »Ich bin bald dreißig Jahre alt und muß jetzt mehr auf Ordnung halten. Dieser Koffer mit seinem ganzen Inhalt an Wäsche usw. reicht genau für eine Woche. Dann kommt ein anderer an die Reihe für einen Monat, und schließlich der dritte muß für das ganze Leben reichen.«
Scherz bleibt Scherz, aber in alledem lag ein Teilchen Wahrheit. Tolstoi trachtete stets danach, sein Leben neu zu gestalten, die Vergangenheit wie ein altes Gewand abzustreifen. Naiverweise hielten wir beide es damals für möglich, in einem Tage ein anderer Mensch zu werden! Wir waren geistig weit jünger als unsere Jahre. Wie viele Kämpfe hatten wir durchzumachen, wie viele Enttäuschungen zu erleben, bis wir uns von der Unmöglichkeit überzeugten, ohne Hilfe von oben auszukommen!
Jemand hat gesagt -- ich glaube Sokrates oder Plato: »Eins weiß ich: daß ich nichts weiß.« Man möchte hinzufügen: »und nichts kann.«
Für Tolstoi war es weit schwieriger, sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen. Er fühlte in sich die Kraft der Begabung, obgleich er damals selten mit sich zufrieden war.
Trotz verschiedener Erziehung und verschiedener Lebensverhältnisse hatten wir einen gleichen Zug: wir waren beide schreckliche Enthusiasten und Analytiker, liebten aufrichtig das Gute, verstanden aber nicht, es uns regelrecht anzueignen. Wir zergliederten unser Inneres bis in die feinsten Fasern und hielten das für sehr lobenswert, während es tatsächlich nur unsere Phantasie kitzelte, zur Verbesserung unseres Lebens dagegen nicht im geringsten beitrug. Leo war damals schon der alles Kritisierende und Verneinende, allerdings mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen. Seine Seele war ebenso für den Glauben wie für die Liebe geboren; das brachte er, ohne es selbst zu merken, bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck.
Unsere Gespräche betrafen oft religiöse Themen; wir verstanden uns aber nicht. Wie konnte ich die unendliche Vielseitigkeit seiner Natur begreifen! Lächerlich, wie ich mich bemühte, ihn auf meine Fasson umzuarbeiten, während er sich vor meinen idealen Theorien fast bekreuzigte. Es kam nichts dabei heraus als endlose Wortgefechte, die allerdings nicht hinderten, daß wir uns immer näher rückten ...
An einem herrlichen Maimorgen also trieben wir auf dem spiegelglatten Genfer See Vevey zu. Dort kehrten wir in der Pension Perret ein, wo es unglaublich schlechte Verpflegung gab. Leo versicherte, die Suppe wäre aus Feldblumen bereitet. »Schmeckst du nicht die heute morgen gepflückten Glockenblumen heraus? Du hast sie weggeworfen, aber die Wirtsleute benutzen sie, und jetzt müssen wir dafür bezahlen!« -- Bei Tisch waren noch drei langzähnige, wenig schöne Engländerinnen zugegen, die uns aus irgendeinem Grunde feindselig musterten. Möglich, daß unsere unbändige Heiterkeit ihrer großbritannischen Gesetztheit auf die Nerven fiel -- übrigens blieben wir nicht lange, sondern suchten bald Bekannte in der Nähe auf. Leo riß durch seine originellen Einfälle und seine kindliche Heiterkeit alle zur Lustigkeit hin. Eines Morgens begaben wir uns allesamt zu Fuß auf den Glyon -- bekanntlich der höchste Punkt in der Nähe von Vevey. Unser Weg war wörtlich wie bildlich mit Blumen bestreut. Ein üppiger Frühling schlug uns ins Gesicht und berauschte uns. Alle ohne Unterschied der Jahre waren ausgelassen wie die Schulkinder. Als der Berg im Schweiß des Angesichts erklommen war, fanden wir das Gastzimmer des einzigen Hotels auf der Höhe brechend voll von Engländern, Amerikanern und allen möglichen Leuten.
Nach dem Tee setzte Leo sich, ohne das zahlreiche Publikum zu beachten, ans Klavier und forderte uns auf, zu singen. Ich darf, ohne Schüchternheit, sagen, daß ich eine schöne Stimme hatte und viel Musik trieb; ebenso Frau Puschtschin, die recht gut Alt sang, während zwei unserer Freunde den Baß übernahmen. Leo machte am Klavier den Kapellmeister.
Ich weiß nicht, ob unser improvisiertes Konzert in musikalischer Hinsicht strenggenommen befriedigte; bei offenen Fenstern aber machte sich in dem großen Raume alles sehr nett, ja poetisch. Wir sangen »Gott erhalte den Zaren«, russische, Zigeunerlieder, alles, was Leo in den Kopf kam ... Der Erfolg war glänzend. Die Ausländer überhäuften uns mit Komplimenten -- jeder in seiner Sprache, und baten uns, weiter zu singen. Wir kamen ihnen sehr gelegen: erstens forderten wir wandernde Musikanten keinen Lohn, und zweitens vertrieben wir ihnen die Langeweile.
Am nächsten Tage wiederholte sich dasselbe Schauspiel in unserer Pension. Orpheus, die Bestien bezähmend. Die gefährlichen Engländerinnen wurden derart zahm, daß sie uns Stühle holten, uns mit Tee, Konfekt traktierten usw.
Als mein Urlaub zu Ende war, kehrte ich nach Genf in die Villa Boccage zurück, wohin die Großfürstin zu Frühlingsanfang übergesiedelt war. Leo blieb in Vevey und machte mir Vorwürfe, daß ich mich vom »Schornstein« (so nannte er, ich weiß nicht warum, den Hof) nicht trennen könnte.
In diese Zeit fiel der Beginn unserer langjährigen Korrespondenz: Telegramme, Briefe, Billette flogen täglich über den See. Natürlich ist von alledem wenig erhalten geblieben, doch fielen mir kürzlich u. a. ein paar Verse in die Hand, die Leo mir damals aus Vevey sandte. Ich muß gestehen, daß ich dieses Dokument längstvergangener Jahre mit besonderem Vergnügen begrüßte, obwohl die Verse an und für sich recht harmlos sind. Ich führe sie nur als Beweis unserer damaligen lustigen Stimmung an.
Vorgestern empfing ich Mütterchens Billett, Und seitdem verschling ich Die Pension Perret. Aller Lustgedanken Hab ich mich begeben -- Mütterchen, ich möcht' mit Dir im »Schornstein« leben.
Außerdem erschien Leo unaufhörlich aus Vevey in Genf, aber nicht allein, sondern in Begleitung zweier Bekannter, deren Späße kein Ende fanden. Im Juni unternahmen wir eine längere Reise mit den Kindern der Großfürstin ins Berner Oberland. Die erste Nachtstation war Vevey in dem bekannten Hotel Monnet. Kaum saßen wir bei Tisch, als ein Kellner mir mit geheimnisvoller Miene meldete, unten sei jemand, der mich zu sprechen wünsche. Voller Ahnungen ging ich schnell nach unten, wo die drei, in lange Plaids gehüllt und mit phantastischen Federhüten, bei meinem Anblick alsbald eine wahrhaft infernalische Musik begannen. Die Noten lagen, wie bei wandernden Musikanten, auf der Erde, und die Instrumente vertraten Stöcke. Stimmen und Stöcke traten abwechselnd in Tätigkeit. Ich verging fast vor Lachen, und die Kinder der Großfürstin waren untröstlich, dieser Vorstellung nicht beigewohnt zu haben.
Nach mehrtägigen Wanderungen über Berg und Tal gelangten wir nach Luzern, und hier tauchte, wie aus dem Boden gewachsen, wieder Leo auf. Er war zwei Tage vor uns angelangt und hatte bereits ein ganzes Drama erlebt, das dann unter dem Titel »Luzern« als Erzählung in der Öffentlichkeit erschien. Leo war schrecklich erregt und konnte seinen Unwillen nicht verbergen. Wir erfuhren folgendes: Tags zuvor hatte ein Wandermusikant sehr lange vor der Terrasse des »Schweizerhof« gespielt, auf der ein zahlreiches vornehmes Publikum versammelt war. Alles hörte dem Musikanten mit Vergnügen zu; als dieser dann aber den Hut hinhielt, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen, warf niemand auch nur einen Sou hinein -- allerdings ein wenig hübscher Zug, dem Leo aber fast die Bedeutung eines Verbrechens beimaß.
Um sich an der geputzten Gesellschaft zu rächen, nahm er vor aller Augen den Musikanten am Arm, ließ ihn neben sich am Tisch Platz nehmen und ihm dann ein Souper mit Champagner auftragen. Das Publikum und der arme Musikant verstanden kaum die Ironie dieser Handlungsweise. Der Zug charakterisiert aber den Schriftsteller und den Menschen Tolstoi.
Seine Eindrücke waren so stark, daß sie sich unwillkürlich anderen mitteilten. Sogar die Kinder interessierten sich lebhaft für das Abenteuer und baten, Leo möchte mit uns zusammen weiterreisen, was denn auch geschah. Die Kinder wissen noch jetzt, wie er sie auf dem Dampfer belustigte und welch unglaubliche Mengen Weintrauben er verzehren konnte.
Ich bewahre in der Erinnerung noch viele andere scherzhafte Züge Tolstois und will noch einen letzten Vorfall mitteilen, um dann zu ernsteren Dingen überzugehen.
Einst erschien Leo in Frankfurt am Main, als Prinz Alexander von Hessen und seine Gemahlin bei mir zu Gast waren. Ich schrie vor Schreck fast auf, als sich plötzlich die Tür öffnete und in mehr als zweifelhaftem Kostüm Leo vor mir stand. Weder vor- noch nachher habe ich Ähnliches gesehen. Er sah aus halb wie ein Strolch, halb wie ein heruntergekommener Spieler. Ärgerlich darüber, daß ich nicht allein war, machte er einfach kehrt und verschwand.
»Wer war denn diese eigentümliche Person?« fragten meine Gäste erstaunt.
»Das war Leo Tolstoi.«
»Aber warum haben Sie uns das nicht gesagt?! Wir kennen seine wunderbaren Erzählungen und hätten ihn selbst gar zu gern kennen gelernt.«
Beim nächsten Wiedersehen teilte ich Leo diese schmeichelhaften Äußerungen mit; er aber schien nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, daß ich mich an jenem Tage seiner wahrscheinlich geschämt hätte.
»Das ist schon möglich,« gab ich offen zu. »Deine wüste Kleidung und dein gefährliches Aussehen mußten jeden abschrecken.«
»'Schornstein' bleibt eben 'Schornstein',« brummte er beleidigt.
So bekam ich wegen seines Streiches von allen Seiten Vorwürfe.
Nach unserer Rückkehr nach Rußland, wo wir bis 1859 ununterbrochen blieben, kam Leo häufig nach Petersburg und verbrachte dann seine meiste Zeit bei uns: bei meiner Mutter, meiner Schwester Elisabeth, oder bei mir, oben im Marienschloß. Abends versammelten wir uns gewöhnlich bei meiner Schwester, die ein Stockwerk tiefer wohnte. Leo verkehrte mit unseren Bekannten, verulkte sie nicht und hatte viele von ihnen sehr gern. Wenn wir dann allein waren, lieferte er uns eine oft erstaunlich genaue Charakteristik der Abwesenden, als wenn er schon lange mit ihnen zusammen gelebt hätte. Noch ein Zug darf nicht unerwähnt bleiben: Leo hatte schreckliche Angst vor jeder Unaufrichtigkeit, sowohl in Worten wie in Taten. Daraus entsprang nun freilich oft genau die entgegengesetzte Wirkung.
So war er z. B. einmal bei meiner Schwester zu einer Abendgesellschaft eingeladen, an der ziemlich viele Leute teilnahmen. Morgens schrieb Leo mir, er könne abends nicht kommen, da er soeben Nachricht vom Tode seines Bruders erhalten hätte. Seine Brüder hatte er schrecklich lieb. Natürlich schrieb ich ihm, ich verstände seine Handlungsweise durchaus und billigte sie vollkommen. Was geschah dann aber? Er kam abends, als wenn nicht das geringste vorgefallen wäre.
Ich war natürlich sehr erregt und fragte ihn leise, warum er nun doch erschienen wäre?
»Warum? Weil das, was ich dir heute morgen schrieb, nicht der Wahrheit entsprach. Du siehst, ich _bin_ gekommen, also _konnte_ ich kommen.«
Damit nicht genug, gestand er mir später, er sei noch ins Theater gegangen.
»Hast dich wahrscheinlich gut amüsiert?« fragte ich unzufrieden.
»Nein. Als ich nach Hause kam, trug ich eine wahre Hölle in mir. Wäre eine Pistole zur Hand gewesen, ich hätte mich sicher erschossen!«
»In deinem Bestreben, wahr zu sein, machst du die Wahrheit zum Zerrbilde,« sagte ich, und er gab mir sogar hierin recht, konnte sich aber der Experimente an sich nicht enthalten! »Ich will mich durch und durch kennen lernen,« sagte er in solchen Fällen.
In diesem Winter brachte er bisweilen etwas von seinen ungedruckten Sachen mit. So wurden z. B. »Familienglück« und »Drei Tode« zuerst bei uns gelesen. Tolstoi las schlecht, schüchtern und oft anstoßend, und hörte geduldig alle Bemerkungen über seine Arbeiten an. Ob er seine Eigenliebe bezwang oder überhaupt keine besaß -- wer kann das sagen! Wahrscheinlich betrachtete er sich damals selbst noch als Dilettanten und wußte nicht, was aus ihm wurde. Wie hätte er sich sonst immer wieder von nebensächlichen Dingen ablenken lassen können.
Projekte wuchsen in seinem Kopf wie Pilze. Bei jedem Besuch brachte er einen neuen Arbeitsplan mit und war begeistert, endlich auf den richtigen Weg gelangt zu sein. Bald beschäftigte er sich mit Bienenzucht, bald mit der Entwaldung von ganz Rußland, oder etwas anderem. Am längsten fesselte ihn die Schule; aber auch sie verschwand spurlos, als er seinen wahren Beruf erkannt hatte.
Aus Leos Briefen kann man sehen, daß unsere persönlichen Beziehungen viele Jahre lang unverändert blieben. Bei jedem Wiedersehen studierten wir, das Bistouri in der Hand, aneinander herum; aber es geschah mit Liebe. Unser reines, einfaches Freundschaftsverhältnis widerlegte glänzend die weitverbreitete falsche Ansicht von der Unmöglichkeit einer Freundschaft zwischen Mann und Weib. Wir standen auf besonderem Boden, und ich kann ganz aufrichtig sagen, wir bekümmerten uns hauptsächlich um das, was das Leben verschönern konnte -- natürlich jeder von seinem Standpunkt aus.
Leo machte mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ihn in meine Herzensgeheimnisse nicht einweihte und ihm Persönliches nicht anvertraute. Das geschah aber von meiner Seite ohne jede Absicht und Überlegung. Seine Natur war so viel stärker und interessanter als die meinige, daß sich unwillkürlich die ganze Aufmerksamkeit auf ihn konzentrierte, während ich als Person zweiten Ranges nur so nebenbei agierte.
Wie schon gesagt, bildete die Religion den Hauptgegenstand unserer Unterhaltungen. Voll tiefer Liebe für meinen Freund wollte ich ihn mit fast krankhafter Ungeduld in vollem Glauben sehen, und sonderbar -- wir kamen gerade zu der Zeit auseinander, als der Glaube in sein Herz einzog. Aber davon später.
Seit seiner Verheiratung, 1862, lebte er fast gänzlich auf dem Lande, und wir sahen uns weit seltener, obwohl keine Gelegenheit verpaßt wurde. Leo erwischte mich auf der Eisenbahn, als ich mit der Zarenfamilie in die Krim fuhr, und entschloß sich sogar eines Tages, zu mir nach Iljinskoie, der bei Moskau gelegenen Besitzung der Kaiserin, zu kommen. Das war 1866. Ich entsinne mich, unter anderem, wie dieser Besuch die kleinen Großfürsten erregte. Sie hatten schreckliches Verlangen, den berühmten Schriftsteller zu sehen, und verlegten sich auf alle möglichen Listen: guckten durchs Fenster und in die Tür -- was Leo und mich höchlichst amüsierte.