Part 5
Warum haben Sie mich denn nicht ruhig in Ohnmacht fallen lassen, und im stillen dem Himmel dafür gedankt?
Schön
Weil ich leider keinen Grund hatte, an deine Ohnmacht zu glauben!
Lulu (spöttisch)
Sie hielten es unten nicht aus ...?
Schön
Weil ich dir zum Bewußtsein bringen muß, was du bist und zu wem du nicht aufzublicken hast!
Lulu
Sie fürchteten, meine Glieder könnten doch vielleicht ernstlich Schaden genommen haben?
Schön
Ich weiß zu gut, daß du unverwüstlich bist.
Lulu
Das wissen Sie also doch?
Schön (aufbrausend)
Sieh mich nicht so unverschämt an!!
Lulu
Es hält Sie niemand hier.
Schön
Ich gehe, sobald es klingelt.
Lulu
Sobald Sie die Energie dazu haben! -- Wo ist Ihre Energie? -- Sie sind seit drei Jahren verlobt. Warum heiraten Sie nicht? -- Sie kennen keine Hindernisse. Warum wollen Sie mir die Schuld geben? -- Sie haben mir befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll gezwungen, mich zu heiraten. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. -- Sie kreieren Künstler, Sie protegieren Prinzen. Warum heiraten Sie nicht?
Schön (wütend)
Glaubst du denn vielleicht, daß du mir im Weg stehst?!
Lulu
(von jetzt an bis zum Schluß triumphierend)
Wüßten Sie, wie Ihre Wut mich glücklich macht! Wie stolz ich darauf bin, daß Sie mich mit allen Mitteln demütigen! Sie erniedrigen mich so tief -- so tief, wie man ein Weib erniedrigen kann, weil Sie hoffen, Sie könnten sich dann eher über mich hinwegsetzen. Aber Sie haben sich selber unsäglich weh getan durch alles, was Sie mir eben sagten. Ich sehe es Ihnen an. Sie sind schon beinahe am Ende Ihrer Fassung. Gehen Sie! Um Ihrer schuldlosen Braut willen, lassen Sie mich allein! Eine Minute noch, dann schlägt Ihre Stimmung um, und Sie machen mir eine andere Szene, die Sie jetzt nicht verantworten können!
Schön
Ich fürchte dich nicht mehr.
Lulu
Mich? -- Fürchten Sie sich selber! -- Ich bedarf Ihrer nicht. -- Ich bitte Sie, gehen Sie! Geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wissen, daß ich nicht ohnmächtig zu werden brauchte, um Ihre Zukunft zu zerstören. Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Sie glauben nicht nur, daß ich ein bestrickendes Menschenkind bin; Sie glauben auch, daß ich ein herzensgutes Geschöpf bin. Ich bin weder das eine, noch das andere. Das Unglück für Sie ist nur, daß Sie mich dafür halten.
Schön (verzweifelt)
Laß meine Gedanken gehen! Du hast zwei Männer unter der Erde. Nimm den Prinzen, tanz' ihn in Grund und Boden! Ich bin fertig mit dir. Ich weiß, wo der Engel bei dir zu Ende ist und der Teufel beginnt. Wenn ich die Welt nehme, wie sie geschaffen ist, so trägt der Schöpfer die Verantwortung, nicht ich! Mir ist das Leben keine Belustigung.
Lulu
Dafür stellen Sie auch Ansprüche an das Leben, wie sie höher niemand stellen kann ... Sagen Sie mir, wer von uns beiden ist wohl anspruchsvoller, Sie oder ich?!
Schön
Schweig! Ich weiß nicht, wie und was ich denke. Wenn ich dich höre, denke ich nicht mehr. In acht Tagen bin ich verheiratet. Ich beschwöre dich -- bei dem Engel, der in dir ist, komm mir derweil nicht mehr zu Gesicht!
Lulu
Ich will meine Türe verschließen.
Schön
Prahl' noch mit dir! -- Ich habe, Gott ist mein Zeuge, seit ich mit der Welt und dem Leben ringe, noch niemandem so geflucht!
Lulu
Das kommt von meiner niederen Herkunft.
Schön
Von deiner Verworfenheit!!
Lulu
Mit tausend Freuden nehme ich die Schuld auf mich! Sie müssen sich jetzt rein fühlen. Sie müssen sich jetzt für den sittenstrengen Mustermenschen, für den Tugendbold von unerschütterlichen Grundsätzen halten -- sonst können Sie das Kind in seiner bodenlosen Unerfahrenheit gar nicht heiraten ...
Schön
Willst du, daß ich mich an dir vergreife!
Lulu (rasch)
Ja! Ja! Was muß ich sagen, damit Sie es tun? Um kein Königreich möchte ich jetzt mit dem unschuldigen Kinde tauschen! Dabei liebt das Mädchen Sie, wie noch kein Weib Sie je geliebt hat!!
Schön
Schweig, Bestie! Schweig!
Lulu
Heiraten Sie sie -- dann tanzt sie in ihrem kindlichen Jammer vor _meinen_ Augen statt ich vor ihr!
Schön
(hebt die Faust)
Verzeih' mir Gott ...
Lulu
Schlagen Sie mich! Wo haben Sie Ihre Reitpeitsche! Schlagen Sie mich an die Beine ...
Schön
(greift sich an die Schläfen)
Fort, fort ...! (Stürzt zur Türe, besinnt sich, wendet sich um) Kann ich jetzt so vor das Kind hintreten? -- Nach Hause! -- Wenn ich zur Welt hinaus könnte!
Lulu
Sein Sie doch ein Mann. -- Blicken Sie sich einmal ins Gesicht. -- Sie haben keine Spur von Gewissen. -- Sie schrecken vor keiner Schandtat zurück. -- Sie wollen das Mädchen, das Sie liebt, mit der größten Kaltblütigkeit unglücklich machen. -- Sie erobern die halbe Welt. -- Sie tun, was Sie wollen -- und Sie wissen so gut wie ich -- daß ...
Schön
(ist völlig erschöpft auf dem Sessel links neben dem Mitteltisch zusammengesunken)
Schweig!
Lulu
Daß Sie zu schwach sind -- um sich von mir loszureißen ...
Schön (stöhnend)
Oh! Oh! du tust mir weh!
Lulu
Mir tut dieser Augenblick wohl -- ich kann nicht sagen wie!
Schön
Mein Alter! Meine Welt!
Lulu
-- Er weint wie ein Kind -- der furchtbare Gewaltmensch! -- Jetzt gehen Sie so zu Ihrer Braut und erzählen Sie ihr, was ich für eine Seele von einem Mädchen bin -- keine Spur eifersüchtig!
Schön (schluchzend)
Das Kind! Das schuldlose Kind!
Lulu
Wie kann der eingefleischte Teufel plötzlich so weich werden. -- -- Jetzt gehen Sie aber bitte. Jetzt sind Sie nichts mehr für mich.
Schön
Ich kann nicht zu ihr.
Lulu
Hinaus mit Ihnen! Kommen Sie zu mir zurück, wenn Sie wieder zu Kräften gelangt sind.
Schön
Sag' mir um Gottes Willen, was ich tun soll.
Lulu
(erhebt sich; ihr Mantel bleibt auf dem Sessel. Auf dem Mitteltisch die Kostüme beiseite schiebend)
Hier ist Briefpapier ...
Schön
Ich kann nicht schreiben ...
Lulu
(aufrecht hinter ihm stehend, auf die Lehne seines Sessels gestützt)
Schreiben Sie! -- Sehr geehrtes Fräulein ..
Schön (zögernd)
Ich nenne sie Adelheid ...
Lulu
(mit Nachdruck)
Sehr geehrtes Fräulein ...
Schön (schreibend)
-- Mein Todesurteil!
Lulu
Nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich kann es mit meinem Gewissen -- (da Schön die Feder absetzt und ihr einen flehentlichen Blick zuwirft) Schreiben Sie Gewissen! -- nicht vereinbaren, Sie an mein unseliges Los zu fesseln ...
Schön (schreibend)
Du hast recht. -- Du hast recht.
Lulu
Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrer Liebe -- (da sich Schön wieder zurückwendet) Schreiben Sie Liebe! -- unwürdig bin. Diese Zeilen sind Ihnen der Beweis. Seit drei Jahren versuche ich mich loszureißen; ich habe die Kraft nicht. Ich schreibe Ihnen an der Seite der Frau, die mich beherrscht. -- Vergessen Sie mich. -- Doktor Ludwig Schön.
Schön (aufächzend)
O Gott!
Lulu
(halb erschrocken)
Ja kein O Gott! -- (mit Nachdruck) Doktor Ludwig Schön. -- Postskriptum: Versuchen Sie nicht mich zu retten.
Schön
(nachdem er zu Ende geschrieben, in sich zusammenbrechend)
Jetzt -- kommt die -- Hinrichtung ...
Vierter Aufzug
Prachtvoller Saal in deutscher Renaissance mit schwerem Plafond in geschnitztem Eichenholz. Die Wände bis zur halben Höhe in dunklen Holzskulpturen. Darüber an beiden Seiten verblaßte Gobelins. Nach hinten oben ist der Saal durch eine verhängte Galerie abgeschlossen, von der links eine monumentale Treppe bis zur halben Tiefe der Bühne herabführt. In der Mitte unter der Galerie die Eingangstür mit gewundenen Säulen und Frontespice. An der rechten Seitenwand ein geräumiger hoher Kamin. Weiter vorn ein Balkonfenster mit geschlossenen schweren Gardinen. An der linken Seitenwand vor dem Treppenfuße eine geschlossene Portiere in genueser Sammet.
Vor dem Kamin steht als Schirm eine chinesische Klappwand. Vor dem Fußpfeiler des freien Treppengeländers auf einer dekorativen Staffelei Lulus Bild als Pierrot in antiquisiertem Goldrahmen. Links vorn eine breite Ottomane, rechts davor ein Fauteuil. In der Mitte des Saales ein vierkantiger Tisch mit schwerer Decke, um den drei hochlehnige Polstersessel stehen. Auf dem Tisch steht ein weißes Bouquet.
Erster Auftritt
Schön. Lulu. Gräfin Geschwitz.
Geschwitz
(auf der Ottomane, in pelzbesetzter Husaren-Taille, hoher Stehkragen, riesige Manschettenknöpfe, Schleier vor dem Gesicht, die Hände krampfhaft im Muff; zu Lulu)
Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue, Sie auf unserem Künstlerinnenball zu sehen.
Schön
(links vorn)
Sollte denn für Unsereinen gar keine Möglichkeit bestehen, sich einzuschmuggeln?
Geschwitz
Es wäre Hochverrat, wenn jemand von uns einer solchen Intrigue Vorschub leistete.
Schön
(geht hinter der Ottomane durch zum Mitteltisch)
Die prachtvollen Blumen.
Lulu
(im Fauteuil, in großblumigem Morgenkleid, das Haar in schlichtem Knoten, in goldener Spange)
Die hat mir Fräulein von Geschwitz gebracht.
Geschwitz
O bitte. -- Sie werden sich doch jedenfalls als Herr kostümieren?
Lulu
Glauben Sie denn, daß mich das kleidet?
Geschwitz
(auf das Bild deutend)
Hier sind Sie wie ein Märchen.
Lulu
Mein Mann mag es nicht.
Geschwitz
Ist es von einem hiesigen?
Lulu
Sie werden ihn kaum gekannt haben.
Geschwitz
Er lebt nicht mehr?
Schön
(rechts vorn, mit tiefer Stimme)
Er hatte genug.
Lulu
Du bist verstimmt.
Schön
(beherrscht sich)
Geschwitz
(sich erhebend)
Ich muß gehen, Frau Doktor. Ich kann nicht länger bleiben. Wir haben heute abend Aktzeichnen, und ich habe noch so viel für den Ball vorzubereiten. -- (Grüßend) Herr Doktor. (Von Lulu geleitet, durch die Mitte ab.)
Zweiter Auftritt
Schön
(allein, sich umsehend)
Der reine Augiasstall. Das mein Lebensabend. Man soll mir einen Winkel zeigen, der noch rein ist. Die Pest im Haus. Der ärmste Tagelöhner hat sein sauberes Nest. Dreißig Jahre Arbeit, und das mein Familienkreis, der Kreis der Meinen ... (sich umsehend) Gott weiß, wer mich jetzt wieder belauscht! (Zieht einen Revolver aus der Brusttasche) Man ist ja seines Lebens nicht sicher! (Er geht, den gespannten Revolver in der Rechten haltend, nach rechts und spricht an die geschlossene Fenstergardine hin) Das mein Familienkreis! Der Kerl hat noch Mut! -- Soll ich mich denn nicht lieber selber vor den Kopf schießen? -- Gegen Todfeinde kämpft man, aber der ... (er schlägt die Gardine in die Höhe; da er niemand dahinter versteckt findet:) Der Schmutz -- der Schmutz ... (er schüttelt den Kopf und geht nach links hinüber) der Irrsinn hat sich meiner Vernunft schon bemächtigt, oder -- Ausnahmen bestätigen die Regel! (Er steckt, da er Lulu kommen hört, den Revolver ein)
Dritter Auftritt
Lulu. Schön (Beide links vorn)
Lulu
Könntest du dich für heute nachmittag nicht frei machen?
Schön
Was wollte diese Gräfin eigentlich?
Lulu
Ich weiß nicht. Sie will mich malen.
Schön
Das Unglück in Menschengestalt, das einem seine Aufwartung macht.
Lulu
Könntest du dich denn nicht frei machen? Ich würde so gerne mit dir durch die Anlagen fahren.
Schön
Gerade der Tag, an dem ich auf der Börse sein muß. Du weißt, daß ich heute nicht frei bin. Meine ganze Habe treibt auf den Wellen.
Lulu
Lieber wollte ich schon beerdigt sein, als mir mein ganzes Leben so durch meine Habe verbittern lassen.
Schön
Wem das Leben leicht wird, dem fällt das Sterben nicht schwer.
Lulu
Als Kind hatte ich auch immer die entsetzlichste Angst vor dem Tod.
Schön
Deswegen habe ich dich ja geheiratet.
Lulu
(an seinem Hals)
Du bist schlecht gelaunt. Du machst dir zu viel Sorgen. Seit Wochen und Monaten habe ich nichts mehr von dir.
Schön
(ihr Haar streichelnd)
Dein Frohsinn sollte meine alten Tage erheitern.
Lulu
Du hast mich ja gar nicht geheiratet.
Schön
Wen hätte ich denn sonst geheiratet?
Lulu
Ich habe dich geheiratet!
Schön
Was ändert denn das daran?
Lulu
Ich fürchtete immer, es werde vieles ändern.
Schön
Es hat auch viel unter die Füße gestampft.
Lulu
Nur Gottlob eines nicht!
Schön
Darauf wäre ich begierig.
Lulu
Deine Liebe zu mir.
Schön
(zuckt mit dem Gesicht, winkt ihr voranzugehen. Beide nach links vorn ab).
Vierter Auftritt
Gräfin Geschwitz
(öffnet vorsichtig die Mitteltür, wagt sich nach vorn und lauscht; schrickt zusammen, da Stimmen auf der Galerie laut werden)
O Gott, da ist jemand ... (Versteckt sich hinter dem Kaminschirm).
Fünfter Auftritt
Schigolch. Rodrigo. Hugenberg.
Schigolch
(tritt über der Treppe aus den Gardinen, wendet sich zurück)
Der Junge hat sein Herz wohl im Café »Nachtlicht« zurückgelassen?!
Rodrigo
(zwischen den Gardinen)
Er ist noch zu klein für die große Welt und kann noch nicht so weit zu Fuß gehen. (verschwindet)
Schigolch
(kommt die Treppe herunter)
Gott sei Dank, daß wir endlich wieder zu Hause sind! Welcher Stinkpeter wohl wieder die Treppe gewichst hat! Wenn ich mir meine Knochen vor der Heimrufung noch mal in Gips gießen lassen muß, dann kann sie mich zwischen den Palmen hier ihren Relationen als medizeische Venus vorstellen. Nichts als Klippen. Nichts als Fallstricke.
Rodrigo
(kommt, Hugenberg auf den Armen tragend, die Treppe herunter)
Das hat einen königlichen Polizeidirektor zum Vater und nicht soviel Courage im Leib wie der abgerissenste Landstreicher!
Hugenberg
Wenn es auf nichts als auf Tod und Leben ginge, dann solltet ihr mich kennen lernen!
Rodrigo
Das Brüderchen wiegt samt seinem Liebeskummer nicht mehr als sechzig Kilo. Darauf will ich mich jede Minute hängen lassen.
Schigolch
Wirf ihn an den Plafond hinauf und fang ihn mit den Füßen auf. Das peitscht ihm sein junges Blut gleich von vornherein in die richtige Wallung.
Hugenberg
(mit den Beinen strampelnd)
O je, o je, ich werde von der Schule gejagt!
Rodrigo
(ihn am Treppenfuß niedersetzend)
Du bist noch auf gar keiner vernünftigen Schule gewesen!
Schigolch
Hier hat sich schon mancher die ersten Sporen verdient. Nur ja keine Schüchternheit! Zuerst werde ich euch einen Tropfen vorsetzen, wie er für Geld nirgends zu haben ist. (Er öffnet ein Schränkchen unter der Treppe)
Hugenberg
Wenn sie jetzt aber nicht unverzüglich angetanzt kommt, dann verhaue ich euch beide, daß ihr euch noch im Jenseits den Buckel reibt.
Rodrigo
(hat sich rechts an den Tisch gesetzt)
Den stärksten Mann der Welt will das Brüderchen verhaun! (Zu Hugenberg) Laß dir von Mutterchen erst lange Hosen anziehen.
Hugenberg
(sich links an den Tisch setzend)
Ich wünschte lieber, du borgtest mir deinen Schnurrbart.
Rodrigo
Willst du vielleicht, daß sie dich gleich zur Türe hinauswirft?
Hugenberg
Zum Henker noch mal, wenn ich nur schon wüßte, was ich ihr sagen soll!
Rodrigo
Das weiß sie schon selber am besten.
Schigolch
(setzt zwei Flaschen und drei Gläser auf den Tisch)
Die eine habe ich gestern schon angebrochen. (Er füllt die Gläser)
Rodrigo
(Hugenbergs Glas schützend)
Gib ihm nicht zu viel, sonst müssen wir beide es ausbaden.
Schigolch
(sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützend)
Rauchen die Herren?
Hugenberg
(sein Zigarrenetui öffnend)
Da sind Habanna-Importen!
Rodrigo (sich bedienend)
Von Papa Polizeidirektor?
Schigolch (sich setzend)
Ich habe alles im Hause. Braucht nur zu befehlen.
Hugenberg
-- Ich habe ihr gestern ein Gedicht gemacht.
Rodrigo
Was hast du ihr gemacht?
Schigolch
Was hat er ihr gemacht?
Hugenberg
Ein Gedicht.
Rodrigo (zu Schigolch)
Ein Gedicht.
Schigolch
Einen Taler hat er mir versprochen, wenn ich auskundschafte, wo er mit ihr allein zusammentreffen kann.
Hugenberg
Wer wohnt denn eigentlich hier?
Rodrigo
Hier wohnen wir!
Schigolch
Jour fix -- jeden Börsentag! -- Zum Wohl! (Sie stoßen an)
Hugenberg
-- Soll ich es ihr vielleicht zuerst vorlesen?
Schigolch (zu Rodrigo)
Was meint er?
Rodrigo
Sein Gedicht. Er will sie gerne zuerst ein wenig auf die Folter spannen.
Schigolch
(Hugenberg fixierend)
Die Augen! Die Augen!
Rodrigo
Die Augen, ja! Die haben sie seit acht Tagen um ihren Schlaf gebracht.
Schigolch (zu Rodrigo)
Du kannst dich einpökeln lassen.
Rodrigo
Wir beide können uns einpökeln lassen! Zum Wohl, Gevatter Tod.
Schigolch (anstoßend)
Zum Wohl, Springfritze! Wenn es später noch besser kommt, dann bin ich jeden Augenblick zum Aufbruch bereit; aber ... aber ...
Sechster Auftritt
Lulu. Die Vorigen. Später Ferdinand.
Lulu
(von links, in eleganter Pariser Balltoilette, weit dekolletiert, mit Blumen vor der Brust und im Haar)
Aber Kinder, Kinder, ich erwarte Besuch!
Schigolch
Aber das kann ich euch sagen, die müssen es sich da drüben was kosten lassen!
Hugenberg
(hat sich erhoben)
Lulu
(sich auf die Armlehne seines Sessels setzend)
Sie sind in eine nette Gesellschaft geraten. Ich erwarte Besuch, Kinder.
Schigolch
Da muß ich mir wohl auch was vorstecken. (Sucht in dem Bouquet, das auf dem Tisch steht)
Lulu
Sehe ich gut aus?
Schigolch
Was sind das, was du da vorhast?
Lulu
Orchideen. (Sich mit der Brust über Hugenberg neigend) Riechen Sie.
Rodrigo
Sie erwarten wohl den Prinzen Escerny?
Lulu
(schüttelt den Kopf)
Gott bewahre!
Rodrigo
Also wieder jemand anders!
Lulu
Der Prinz ist verreist.
Rodrigo
Sein Königreich auf Auktion bringen?
Lulu
Er kundschaftet eine frische Völkerschaft in der Gegend von Afrika aus. (Erhebt sich, eilt die Treppe hinauf und tritt in die Galerie ein)
Rodrigo (zu Schigolch)
-- Er habe sie nämlich ursprünglich heiraten wollen.
Schigolch
(sich eine Lilie vorsteckend)
Ich habe sie ursprünglich auch heiraten wollen.
Rodrigo
Du hast sie ursprünglich heiraten wollen?
Schigolch
Hast du sie nicht auch ursprünglich heiraten wollen?
Rodrigo
Jawohl habe ich sie ursprünglich heiraten wollen!
Schigolch
Wer hat sie nicht ursprünglich heiraten wollen!!
Rodrigo
-- So gut hätte ich's nie gekriegt!
Schigolch
Sie hat es keinen bereuen lassen, daß er sie nicht geheiratet hat.
Rodrigo
-- Sie ist also nicht dein Kind?
Schigolch
Fällt ihr nicht ein.
Hugenberg
Wie heißt denn ihr Vater?
Schigolch
Sie hat mit mir renommiert!
Hugenberg
Wie heißt denn ihr Vater?
Schigolch
Was meint er?
Rodrigo
Wie ihr Vater heißt.
Schigolch
Sie hat nie einen gehabt.
Lulu
(kommt von der Galerie herunter und setzt sich wieder zu Hugenberg auf die Armlehne)
Was habe ich nie gehabt?
Alle drei
Einen Vater.
Lulu
Ja gewiß, ich bin ein Wunderkind. (Zu Hugenberg) Wie sind Sie denn mit Ihrem Vater zufrieden?
Rodrigo
Er raucht wenigstens eine anständige Zigarre, der Herr Polizeidirektor.
Schigolch
Hast oben zugeschlossen?
Lulu
Da ist der Schlüssel.
Schigolch
Hättest ihn lieber stecken lassen.
Lulu
Warum denn?
Schigolch
Damit man von außen nicht aufschließen kann.
Rodrigo
Ist er denn nicht auf der Börse?
Lulu
O doch, aber er leidet an Verfolgungswahn.
Rodrigo
Ich nehme ihn auf die Füße und jupp -- daß er oben an der Decke kleben bleibt.
Lulu
Sie jagt er mit einem Viertelsseitenblick durch ein Mausloch.
Rodrigo
Was jagt er? Wen jagt er? (Seinen Arm entblößend) Sehen Sie sich bitte den Biceps an.
Lulu
Zeigen Sie. (Geht nach rechts)
Rodrigo
(sich auf den Arm schlagend)
Granit. -- Schmiedeeisen.
Lulu
(befühlt abwechselnd Rodrigos Oberarm und ihren eigenen)
Wenn Sie nur nicht so lange Ohren hätten ...
Ferdinand
(durch die Mitte eintretend)
Herr Doktor Schön.
Rodrigo (aufspringend)
Der Lumpenkerl. (Will hinter den Kaminschirm, fährt zurück) Gott behüte einen! (Versteckt sich rechts vorn hinter den Gardinen.)
Schigolch
Gib mir den Schlüssel her! (Nimmt Lulu den Schlüssel ab und schleppt sich die Treppe zur Galerie hinauf.)
Hugenberg
(ist vom Sessel unter den Tisch geglitten).
Lulu
Ich lasse bitten.
Ferdinand (ab)
Hugenberg
(lauscht vorn unter dem Saum der Tischdecke vor, für sich)
Er bleibt hoffentlich nicht -- dann sind wir allein ...
Lulu
(berührt ihn mit der Fußspitze)
St!
Hugenberg (verschwindet)
Siebenter Auftritt
Alwa Schön. Die Vorigen.
Ferdinand
(läßt Alwa eintreten. Ab)
Alwa
(in Soireetoilette)
Die Matinee wird, wie ich mir denke, bei brennenden Lampen stattfinden. Ich habe ... (Schigolch bemerkend, der sich mühsam die Treppe hinaufschleppt) Was ist denn das?
Lulu
Ein alter Freund deines Vaters.
Alwa
Mir völlig unbekannt.
Lulu
Sie haben den Feldzug zusammen mitgemacht. Es geht ihm entsetzlich ...
Alwa
Ist denn mein Vater hier?
Lulu
Er hat ein Glas mit ihm getrunken. Er mußte auf die Börse. -- Wir dejeunieren aber doch vorher?
Alwa
Wann geht es denn an?
Lulu
Nach zwei. (Da Alwa Schigolch mit dem Blick folgt) Wie findest du mich ...?
Schigolch
(über die Galerie ab)
Alwa
Sollte ich dir das nicht lieber verschweigen?
Lulu
Ich meine ja nur die Toilette.
Alwa
Deine Schneiderin kennt dich offenbar besser als ich -- mir erlauben darf, dich zu kennen.
Lulu
Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen ... (Sich unterbrechend) mein Mann! --
Alwa
Du scheinst deinen Mann um das Glück zu beneiden, das du ihm bietest. (Lulu links, Alwa rechts vom Mitteltisch. Er betrachtet sie mit scheuem Wohlgefallen.)
Ferdinand
(durch die Mitte mit Service, deckt den Tisch und legt zwei Kuverts auf; Flasche Pommery, Hors d'Oeuvres).
Alwa
Haben Sie Zahnschmerzen?
Lulu
(zu Alwa hinüber)
Nicht.
Ferdinand
Herr Doktor ...?
Alwa
Er scheint mir heute so weinerlich.
Ferdinand
(durch die Zähne)
Man ist auch nur ein Mensch. -- -- (Ab)
(Beide setzen sich zu Tisch)
Lulu
-- Was ich immer am höchsten an dir schätzte, ist deine Charakterfestigkeit. Du bist deiner so vollkommen sicher! Wenn du auch fürchten mußtest, dich deshalb mit deinem Vater zu überwerfen, du bist trotzdem immer wie ein Bruder für mich eingetreten.
Alwa
Lassen wir das. Es ist nun einmal mein Los ... (Er will vorne die Tischdecke heben.)
Lulu (rasch)
Das war ich.
Alwa
Nicht möglich! -- Es ist nun einmal mein Los, bei den leichtsinnigsten Gedanken immer das allerbeste zu erzielen.
Lulu
Du redest dir etwas ein, wenn du dich vor dir selber schlecht machst.
Alwa
Warum schmeichelst du mir so? -- Es ist wahr, es lebt vielleicht kein so schlechter Mensch wie ich -- der so viel Gutes zuwege gebracht hätte.
Lulu
Auf jedenfall bist du der einzige Mann auf dieser Welt, der mich beschützt hat, ohne mich vor mir selbst zu erniedrigen!
Alwa
Hältst du das für so leicht ...?
Achter Auftritt
Schön. Die Vorigen.
Schön
(erscheint auf der Galerie zwischen den beiden mittleren Säulen, indem er vorsichtig den Vorhang teilt. Über die Bühne wegsprechend)
Mein eigener Sohn!
Alwa
... Mit deinen Gottesgaben macht man seine Umgebung zu Verbrechern, ohne sich's träumen zu lassen. -- Ich bin auch nur Fleisch und Blut, und wenn wir nicht wie Geschwister nebeneinander aufgewachsen wären ...
Lulu
Deshalb gebe ich mich auch nur dir allein ganz ohne Rückhalt. Von dir habe ich nichts zu fürchten.
Alwa
Ich versichere dir, es gibt Augenblicke, wo man gewärtig ist, sein ganzes Innere einstürzen zu sehen. -- Je mehr Selbstüberwindung ein Mann sich aufbürdet, um so leichter bricht er zusammen. Darüber hilft nichts hinweg als ... (er will unter den Tisch sehen)
Lulu (rasch)
Was suchst du denn?!
Alwa
Ich beschwöre dich, laß mich mein Glaubensbekenntnis für mich behalten! Als unantastbares Heiligtum warst du mir mehr, als du in deinem Leben mit all deinen Gaben irgend sonst jemandem sein konntest!
Lulu
Wie denkst du darin doch so ganz anders als dein Vater!
Ferdinand
(kommt durch die Mitte, wechselt die Teller und serviert Brathähnchen mit Salat).
Alwa
(zu Ferdinand)
Sind Sie krank?
Lulu
(zu Alwa)
Laß ihn doch!
Alwa
Er zittert wie im Fieber.
Ferdinand
Ich bin das Servieren noch nicht so gewohnt.
Alwa
Sie müssen sich was verschreiben lassen.
Ferdinand
(durch die Zähne)
Ich kutschiere gewöhnlich. -- -- (Ab)
Schön