Part 4
Er hatte kein moralisches Gewissen! (indem er plötzlich seine Fassung wiedergewinnt) Paris revolutioniert --?
Alwa
Unsere Redakteure sind wie vom Schlag getroffen. Alles stockt.
Schön
Das muß mir darüber hinweghelfen! -- -- Wenn nun nur die Polizei käme. Die Minuten sind nicht mit Gold zu bezahlen.
(Es läutet auf dem Korridor)
Alwa
Da sind sie ...
Schön
(will zur Türe)
Lulu (aufspringend)
Warten Sie, Sie haben Blut.
Schön
Wo ...?
Lulu
Warten Sie, ich wische es weg. (Besprengt ihr Taschentuch mit Heliotrop und wischt Schön das Blut von der Hand)
Schön
Es ist deines Gatten Blut.
Lulu
Es läßt keine Flecken.
Schön
Ungeheuer!
Lulu
Sie heiraten mich ja doch.
(Es läutet auf dem Korridor)
Lulu
Nur Geduld, Kinder.
Schön
(rechts hinten ab)
Siebenter Auftritt
Escherich. Die Vorigen.
Escherich
(von Schön hereingeleitet, atemlos)
Erlauben Sie, daß ich -- daß ich mich Ihnen -- Ihnen vorstelle ...
Schön
Sie sind gelaufen?
Escherich
(seine Karte überreichend)
Von der Polizeidirektion her. Ein Selbstmord, hör' ich.
Schön (liest)
Fritz Escherich, Korrespondent der Kleinen Neuigkeiten. -- Kommen Sie.
Escherich
Einen Moment. (Nimmt Notizbuch und Bleistift vor, sieht sich im Salon um, schreibt einige Worte, verbeugt sich gegen Lulu, schreibt, wendet sich zu der erbrochenen Tür, schreibt) Ein Küchenbeil ... (Will es aufheben).
Schön
(ihn zurückhaltend)
Bitte.
Escherich (schreibt)
Tür aufgebrochen mit Küchenbeil. (Untersucht das Schloß.)
Schön
(die Hand an der Tür)
Sehen Sie sich vor, mein Lieber.
Escherich
Wenn Sie jetzt die Liebenswürdigkeit haben wollen, die Tür zu öffnen.
Schön
(öffnet die Türe).
Escherich
(läßt Buch und Bleistift fallen, fährt sich in die Haare)
O du barmherziger Himmel noch mal ...!
Schön
Sehen Sie sich alles genau an!
Escherich
Ich kann nicht hinsehen.
Schön
(ihn höhnisch anschnauzend)
Wozu sind Sie denn hergekommen!!
Escherich
Sich mit dem -- Ra -- Rasiermesser -- den Ha -- Hals abschneiden ...
Schön
Haben Sie alles gesehen?
Escherich
Das muß ein Gefühl sein!
Schön
(zieht die Tür zu, tritt zum Schreibtisch)
Setzen Sie sich. Hier ist Papier und Feder. Schreiben Sie.
Escherich
(der mechanisch Platz genommen)
Ich kann nicht schreiben ...
Schön
(hinter seinem Stuhl stehend)
Schreiben Sie! -- Verfolgungswahn ...
Escherich (schreibt)
Ver--fol--gungs--wahn.
(Es läutet auf dem Korridor)
Dritter Aufzug
Garderobe im Theater, mit rotem Tuch ausgeschlagen. Links hinten die Tür. Rechts hinten eine spanische Wand. In der Mitte, mit der Schmalseite gegen den Zuschauer, ein langer Tisch, auf dem Tanzkostüme liegen. Rechts und links vom Tisch je ein Sessel. Links vorn Tischchen mit Sessel. Rechts vorn ein hoher Spiegel, daneben ein hoher, sehr breiter, altmodischer Armsessel. Vor dem Spiegel ein Puff, Schminkschatulle etc. etc.
Erster Auftritt.
Lulu. Alwa, gleich darauf Schön.
Alwa
(links vorn, füllt zwei Gläser mit Champagner und Rotwein)
Seit ich für die Bühne arbeite, habe ich kein Publikum so außer Rand und Band gesehen.
Lulu
(unsichtbar, hinter der spanischen Wand)
Geben Sie mir nicht zuviel Rotwein. -- Sieht er mich heute?
Alwa
Mein Vater?
Lulu
Ja.
Alwa
Ich weiß nicht, ob er im Theater ist.
Lulu
Er will mich wohl gar nicht sehen?
Alwa
Er hat so wenig Zeit.
Lulu
Seine _Braut_ nimmt ihn in Anspruch.
Alwa
Spekulationen. Er gönnt sich keine Ruhe. -- (Da Schön eintritt) Du? Eben sprechen wir von dir.
Lulu
Ist er da?
Schön
Du ziehst dich um?
Lulu
(über die spanische Wand wegsehend, zu Schön)
Sie schreiben in allen Zeitungen, ich sei die geistvollste Tänzerin, die je die Bühne betreten, ich sei eine zweite Taglioni und was weiß ich, und Sie finden mich nicht einmal geistvoll genug, um sich davon zu überzeugen!
Schön
Ich habe soviel zu schreiben. Du siehst, daß ich recht hatte. Es waren kaum mehr Plätze zu haben. -- Du mußt dich etwas mehr im Proszenium halten!
Lulu
Ich muß mich erst an das Licht gewöhnen.
Alwa
Sie hat sich strikte an ihre Rolle gehalten.
Schön
(zu Alwa)
Du mußt deine Darsteller besser ausnützen! Du verstehst dich noch nicht genug auf die Technik. (Zu Lulu) Als was kommst du jetzt?
Lulu
Als Blumenmädchen ...
Schön
(zu Alwa)
In Trikots?
Alwa
Nein. In fußfreiem Kleid.
Schön
Du hättest dich lieber nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen!
Alwa
Ich sehe der Tänzerin auf die Füße.
Schön
Es kommt darauf an, worauf das Publikum sieht! Eine Erscheinung wie _sie_ hat deine symbolistischen Hanswurstiaden gottlob nicht nötig.
Alwa
Das Publikum sieht nicht danach aus, als ob es sich langweilte!
Schön
Natürlich! Weil ich in der Presse seit sechs Monaten auf ihren Erfolg hingearbeitet habe. -- War der _Prinz_ hier?
Alwa
Es war niemand hier.
Schön
Wer wird eine Tänzerin zwei Akte hindurch in Regenmänteln auftreten lassen!
Alwa
Wer ist denn der Prinz?
Schön
-- Wir sehen uns noch?
Alwa
Bist du allein?
Schön
Mit Bekannten. -- Bei Peters?
Alwa
Um Zwölf?
Schön
Um Zwölf. (Ab)
Lulu
Ich hatte schon daran verzweifelt, daß er je kommen werde!
Alwa
Lassen Sie sich durch seine griesgrämigen Nörgeleien nicht beirren. Wenn Sie nur ja darauf achten wollen, daß Sie Ihre Kräfte nicht vor Beginn der letzten Nummer vergeuden.
Lulu
(tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreiem ärmellosem weißem Kleid mit rotem Saum, einen bunten Kranz im Haar, einen Korb voll Blumen in den Händen)
Lulu
Er scheint es gar nicht gemerkt zu haben, wie geschickt Sie ihre Darsteller ausnützen!
Alwa
Ich werde doch im ersten Akt nicht Sonne, Mond und Sterne verpaffen.
Lulu
(das Glas an den Lippen)
Sie enthüllen mich gradatim.
Alwa
Ich wußte doch, daß Sie sich darauf verstehen, Kostüme zu wechseln.
Lulu
Hätte ich meine Blumen so vor dem Alhambracafé verkaufen wollen, man hätte mich schon gleich in der ersten Nacht hinter Schloß und Riegel gesetzt.
Alwa
Warum denn! Sie waren ein Kind!
Lulu
Wissen Sie noch, wie ich zum erstenmal in Ihr Zimmer trat?
Alwa (nickt)
Sie trugen ein dunkelblaues Kleid mit schwarzem Sammet.
Lulu
Man mußte mich verstecken und wußte nicht wo.
Alwa
Meine Mutter lag damals schon seit zwei Jahren auf dem Krankenbett ...
Lulu
Sie spielten Theater und fragten mich, ob ich mitspielen wolle.
Alwa
Gewiß! Wir spielten Theater!
Lulu
Ich sehe Sie noch, wie Sie die Figuren hin und herschoben.
Alwa
Es war mir noch lange die entsetzlichste Erinnerung, wie ich mit einem mal klar in die Verhältnisse sah.
Lulu
Da wurden Sie eisig gemessen gegen mich.
Alwa
Ach Gott -- ich sah etwas so unendlich hoch über mir stehendes in Ihnen. Ich hegte vielleicht eine höhere Verehrung für Sie, als für meine Mutter. Denken Sie, als meine Mutter starb, -- ich war siebzehn Jahre alt -- da trat ich vor meinen Vater und forderte ihn auf, daß er Sie augenblicklich zu seiner Frau mache, sonst müßten wir uns duellieren.
Lulu
Das hat er mir damals erzählt.
Alwa
Seit ich älter bin, kann ich ihn nur noch bemitleiden. Er wird mich nie begreifen. Da phantasiert er sich eine kleine Diplomatie zusammen, die mich dazu bestimmen soll, seiner Verheiratung mit der Komtesse entgegenzuarbeiten.
Lulu
Blickt sie denn immer noch so unschuldig in die Welt hinaus?
Alwa
Sie liebt ihn; das ist meine Überzeugung. Ihre Familie hat alles in Bewegung gesetzt, um sie zum Rücktritt zu veranlassen. Ich glaube nicht, daß ihr ein Opfer auf dieser Welt zu groß wäre um seinetwillen.
Lulu
(hält ihm ihr Glas hin)
Noch etwas, bitte.
Alwa
(ihr einschenkend)
Sie trinken zu viel.
Lulu
Er soll an meinen Erfolg glauben lernen! Er glaubt an keine Kunst. Er glaubt nur an Zeitungen.
Alwa
Er glaubt an nichts.
Lulu
Er hat mich ans Theater gebracht, damit sich eventuell jemand findet, der reich genug ist, um mich zu heiraten.
Alwa
Nun ja! Was braucht uns das zu kümmern!
Lulu
Mich soll es freuen, wenn ich mich in das Herz eines Millionärs hineintanzen kann.
Alwa
Gott verhüte, daß man Sie uns entführt!
Lulu
Sie haben doch die Musik dazu komponiert.
Alwa
Sie wissen, daß es immer mein Wunsch war, ein Stück für Sie zu schreiben.
Lulu
Ich bin aber gar nicht für die Bühne geschaffen.
Alwa
Sie sind als Tänzerin auf die Welt gekommen.
Lulu
Warum schreiben Sie Ihre Stücke denn nicht wenigstens so interessant, wie das Leben ist?
Alwa
Weil uns das kein Mensch glauben würde.
Lulu
Wenn ich mich nicht besser aufs Theaterspielen verstände, als man auf der Bühne spielt, was hätte aus mir werden wollen!
Alwa
Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen Unmöglichkeiten ausgestattet.
Lulu
Mit solchem Hokuspokus lockt man in der Wirklichkeit noch keinen Hund vom Ofen.
Alwa
Mir ist es genug, daß sich das Publikum in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sieht.
Lulu
Ich möchte mich aber gern selbst in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sehen! (Trinkt)
Alwa
Dazu scheint Ihnen auch nicht viel mehr zu fehlen.
Lulu
Wie können Sie sich darüber wundern, da mein Auftreten doch einen höheren Zweck hat! Es gehen schon Einige da unten ganz ernstlich mit sich zu Rate. -- Ich fühle das, ohne daß ich hinsehe.
Alwa
Wie fühlen Sie denn das?
Lulu
Keiner ahnt was vom Andern. Jeder meint, er sei allein das unglückliche Opfer.
Alwa
Wie können Sie denn das fühlen?
Lulu
Es läuft einem so ein eisiger Schauer am Körper herauf.
Alwa
Sie sind unglaublich ... (Eine elektrische Klingel tönt über der Tür)
Lulu
Mein Tuch ... Ich werde mich im Proscenium halten!
Alwa
(ihr einen breiten Shawl über die Schultern legend)
Hier ist Ihr Tuch.
Lulu
Er soll nichts mehr für seine schamlose Reklame zu fürchten haben.
Alwa
Wahren Sie Ihre Selbstbeherrschung!
Lulu
Gebe Gott, daß ich einem den letzten Funken Verstand zum Kopf hinaus tanze. (Ab)
Zweiter Auftritt
Alwa (allein)
Über die ließe sich freilich ein interessanteres Stück schreiben. (Setzt sich links, nimmt sein Notizbuch vor und notiert. Aufblickend) Erster Akt: Dr. Goll. Schon faul! Ich kann den Dr. Goll aus dem Fegefeuer zitieren, oder wo er seine Orgien büßt, man wird mich für seine Sünden verantwortlich machen. -- (Langanhaltendes, stark gedämpftes Klatschen und Bravorufen wird von außen hörbar) -- Das tobt, wie in der Menagerie, wenn das Futter vor dem Käfig erscheint. -- Zweiter Akt: Walter Schwarz. Noch unmöglicher! Wie die Seelen die letzte Hülle abstreifen im Licht solcher Blitzschläge! -- Dritter Akt? -- Sollte es wirklich so fort gehen?! -- (Die Garderobiere öffnet von außen und läßt Escerny eintreten)
Dritter Auftritt
Escerny. Alwa.
Escerny
(tut als ob er zu Hause wäre und nimmt, ohne Alwa zu beachten rechts neben dem Spiegel Platz)
Alwa
(links sitzend, ohne auf Escerny zu achten)
Es kann im dritten Akt nicht so fortgehen!
Escerny
Bis zur Mitte des dritten Aktes schien es heute nicht so gut zu gehen, wie sonst.
Alwa
Ich war nicht auf der Bühne.
Escerny
Jetzt ist sie wieder in vollem Zug.
Alwa
-- Sie zieht die Nummer in die Länge.
Escerny
Ich hatte bei Herrn Dr. Schön einmal das Vergnügen, der Künstlerin zu begegnen.
Alwa
Mein Vater hat sie durch einige Besprechungen in seiner Zeitung beim Publikum eingeführt.
Escerny
(sich leicht verneigend)
Ich konferierte mit Herrn Dr. Schön der Herausgabe meiner Forschungen am Tanganjika-See wegen.
Alwa
(sich leicht verneigend)
Seine Äußerungen lassen keinen Zweifel darüber, daß er das lebhafteste Interesse an Ihrem Werk nimmt.
Escerny
Wohltuend berührt es an der Künstlerin, daß das Publikum für sie gar nicht vorhanden ist.
Alwa
Das Sichumkleiden hat sie schon als Kind gelernt. Aber ich war überrascht, eine so bedeutende Tänzerin in ihr zu entdecken.
Escerny
Wenn sie ihr Solo tanzt, berauscht sie sich an ihrer eigenen Schönheit -- in die sie selber zum Sterben verliebt zu sein scheint.
Alwa
Da kommt sie. (Erhebt sich, öffnet die Tür)
Vierter Auftritt
Lulu. Die Vorigen.
Lulu
(ohne Kranz und Blumenkorb, zu Alwa)
Sie werden herausgerufen. Ich war dreimal vor dem Vorhang. (Zu Escerny) Herr Dr. Schön ist nicht in Ihrer Loge?
Escerny
In meiner Loge nicht.
Alwa
(zu Lulu)
Haben Sie ihn nicht gesehen?
Lulu
Er wird wieder fort sein.
Escerny
Er hat die letzte Parquetloge links.
Lulu
Er scheint sich meiner zu schämen!
Alwa
Er hat keinen guten Platz mehr bekommen.
Lulu
(zu Alwa)
Fragen Sie ihn doch, ob ich ihm jetzt besser gefallen habe.
Alwa
Ich werde ihn heraufschicken.
Escerny
Er hat applaudiert.
Lulu
Hat er das wirklich?
Alwa
Gönnen Sie sich etwas Ruhe. (Ab)
Fünfter Auftritt
Lulu. Escerny.
Lulu
Ich muß mich ja wieder umziehen.
Escerny
Aber Ihre Garderobiere ist ja nicht hier?
Lulu
Ich kann das rascher allein. Wo sagten Sie, daß Dr. Schön sitzt?
Escerny
Ich sah ihn in der hintersten Parquetloge links.
Lulu
Jetzt habe ich noch fünf Kostüme vor mir: Dancinggirl, Ballerina, Königin der Nacht, Ariel und Lascaris ... (Tritt hinter die spanische Wand zurück.)
Escerny
Würden Sie es für möglich halten, daß ich bei unserem ersten Rencontre nicht anders gewärtig war, als mit einer jungen Dame aus der literarischen Welt bekannt zu werden? -- -- -- (Setzt sich rechts neben den Mitteltisch, wo er bis zum Schluß der Szene sitzen bleibt) Sollte ich mich in der Beurteilung Ihrer Natur irren, oder habe ich das Lächeln, das die dröhnenden Beifallsstürme auf Ihren Lippen hervorrufen, richtig gedeutet? -- --: daß Sie unter der Notwendigkeit, Ihre Kunst vor Leuten von zweifelhaften Interessen entwürdigen zu müssen, innerlich leiden? -- -- -- (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie den Schimmer der Öffentlichkeit jeden Augenblick für ein ruhiges, sonniges Glück in vornehmer Abgeschlossenheit eintauschen würden? -- (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie Hoheit und Würde genug in sich fühlen, einen Mann zu Ihren Füßen zu fesseln -- um sich an seiner vollkommenen Hilflosigkeit zu erfreuen? -- -- -- (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie sich an einem würdigeren Platz als hier in einer mit reichlichem Komfort ausgestatteten Villa fühlen würden -- bei unbegrenzten Mitteln -- um durchaus als Ihre _eigene Herrin_ zu leben?
Lulu
(in kurzem hellen Plissé-Unterrock und weißem Atlaskorset, schwarze Schuhe und Strümpfe, Schellensporen unter den Absätzen, tritt hinter der spanischen Wand vor, mit dem Schnüren ihres Korsets beschäftigt)
Wenn ich nur einen Abend mal nicht auftrete, dann träume ich die ganze Nacht hindurch, daß ich tanze, und fühle mich am folgenden Tag wie gerädert ...
Escerny
Aber was könnte es Ihnen dabei ausmachen, statt dieses Pöbels nur _einen_ Zuschauer, einen Auserwählten, vor sich zu sehen?
Lulu
Das könnte mir gleichgültig sein. Ich sehe ja doch niemanden.
Escerny
Ein erleuchteter Gartensaal -- das Plätschern vom See herauf ... Ich bin auf meinen Forschungsreisen nämlich zur Ausübung eines ganz unmenschlichen Despotismus gezwungen ...
Lulu
(vor dem Spiegel, sich eine Perlenkette um den Hals legend)
Eine gute Schule!
Escerny
Wenn ich mich jetzt darnach sehne, mich ohne irgendwelchen Vorbehalt der Gewalt einer Frau zu überliefern, so ist das ein natürliches Bedürfnis nach Abspannung ... Können Sie sich ein höheres Lebensglück für eine Frau denken, als einen Mann vollkommen in ihrer Gewalt zu haben?
Lulu
(mit den Absätzen klirrend)
O ja!
Escerny (verwirrt)
Unter gebildeten Menschen finden Sie nicht Einen, der Ihnen gegenüber nicht den Kopf verliert.
Lulu
Ihre Wünsche erfüllt Ihnen aber niemand, ohne Sie dabei zu hintergehen.
Escerny
Von einem Mädchen wie Sie betrogen zu werden, muß noch zehnmal beglückender sein, als von jemand anders aufrichtig geliebt zu werden.
Lulu
Sie sind in Ihrem Leben noch von keinem Mädchen aufrichtig geliebt worden! (sich rücklings gegen ihn stellend, auf ihr Korset deutend) Würden Sie mir den Knoten auflösen. Ich habe mich zu fest geschnürt. Ich bin immer so aufgeregt beim Ankleiden.
Escerny
(nach wiederholtem Versuch)
Ich bedaure; ich kann es nicht.
Lulu
Dann lassen Sie. Vielleicht kann ich es. (Geht nach rechts)
Escerny
Ich gestehe ein, daß es mir an Geschicklichkeit gebricht. Ich war vielleicht im Verkehr mit Frauen nicht gelehrig genug.
Lulu
Dazu haben Sie in Afrika wohl auch nicht viel Gelegenheit?
Escerny (ernst)
Lassen Sie mich Ihnen offen gestehen, daß mir meine Vereinsamung in der Welt manche Stunde verbittert.
Lulu
Gleich ist der Knoten auf ...
Escerny
Was mich zu Ihnen hinzieht, ist nicht Ihr Tanz. Es ist Ihre körperliche und seelische Vornehmheit, wie sie sich in jeder Ihrer Bewegungen offenbart. Wer sich so sehr wie ich für Kunstwerke interessiert, kann sich darin nicht täuschen. Ich habe während zehn Abenden Ihr Seelenleben aus Ihrem Tanze studiert, bis ich heute, als Sie als Blumenmädchen auftraten, vollkommen mit mir ins Klare kam. Sie sind eine großangelegte Natur -- uneigennützig. Sie können niemanden leiden sehen. Sie sind das verkörperte Lebensglück. Als Gattin werden Sie einen Mann über alles glücklich machen ... Ihr ganzes Wesen ist Offenherzigkeit. -- Sie wären eine schlechte Schauspielerin ...
(Die elektrische Klingel tönt über der Tür)
Lulu
(hat die Schnüre ihres Korsets etwas gelockert, holt tief Atem, mit den Absätzen klirrend)
Jetzt kann ich wieder atmen. Der Vorhang geht auf. (Sie nimmt vom Mitteltisch ein Skirtdancekostüm -- Plissé, hellgelbe Seide, ohne Taille, am Hals geschlossen, bis zu den Knöcheln reichend, weite Blousenärmel, -- und wirft es sich über) Ich muß tanzen.
Escerny
(erhebt sich und küßt ihr die Hand)
Erlauben Sie mir, noch ein wenig hierzubleiben.
Lulu
Bitte, bleiben Sie.
Escerny
Ich bedarf etwas der Einsamkeit. (Lulu ab)
Sechster Auftritt
Escerny (allein)
Was ist Noblesse? -- Ist es Verschrobenheit, wie bei mir? -- Oder ist es leibliche und geistige Vervollkommnung, wie bei diesem Mädchen? -- (Klatschen und Bravorufen wird hörbar) Wer mir den Glauben an die Menschen zurückgibt, gibt mir mein Leben zurück. -- Sollten Kinder dieser Frau nicht fürstlicher sein an Leib und Seele, als Kinder, deren Mutter nicht mehr Lebensfähigkeit in sich hat, als ich bis heute in mir fühlte? (Er setzt sich links vorn, schwärmerisch) Der Tanz hat ihren Körper geadelt ...
Siebenter Auftritt
Alwa. Escerny.
Alwa
Man ist keinen Moment sicher, daß nicht ein armseliger Zufall der Vorstellung den Garaus macht! (Er wirft sich rechts neben dem Spiegel in den Armsessel, so daß die beiden Herren gerade umgekehrt wie vorher placiert sind. Beide führen die Unterhaltung etwas blasiert und apathisch)
Escerny
So dankbar hat sich das Publikum aber noch nie gezeigt.
Alwa
Sie hat den Skirtdance beendet.
Escerny
-- Ich höre sie kommen ...
Alwa
Sie kommt nicht. -- Sie hat keine Zeit. -- Sie wechselt das Kostüm hinter der Kulisse.
Escerny
Sie hat zwei Ballerinakostüme, wenn ich nicht irre?
Alwa
Ich finde, daß ihr das weiße besser steht, als das in Rosa.
Escerny
Finden Sie?
Alwa
Sie nicht?
Escerny
Ich finde, sie sieht in dem weißen Tüll zu körperlos aus.
Alwa
Ich finde, sie sieht in dem Rosatüll zu animalisch aus.
Escerny
Ich finde das nicht.
Alwa
Der weiße Tüll bringt mehr das Kindliche ihrer Natur zum Ausdruck!
Escerny
Der Rosatüll bringt mehr das Weibliche ihrer Natur zum Ausdruck!
(Die elektrische Klingel tönt über der Tür)
Alwa (aufspringend)
Um Gottes willen, was ist da los!
Escerny
(sich gleichfalls erhebend)
Was ist mit Ihnen?
(Die elektrische Klingel tönt fort bis zum Schlusse der Szene)
Alwa
Da ist was passiert ...
Escerny
Wie können Sie gleich so erschrecken?
Alwa
Das muß eine höllische Verwirrung sein. (Ab)
Escerny (folgt ihm)
(Die Tür bleibt offen. Man hört gedämpfte Walzerklänge)
(Pause)
Achter Auftritt
Lulu
(in langem Theatermantel, tritt ein und zieht die Tür hinter sich zu. Sie trägt ein Rosa-Ballettkostüm mit Blumenguirlanden, geht quer über die Bühne und nimmt in dem Armsessel neben dem Spiegel Platz. -- Pause)
Neunter Auftritt
Alwa. Lulu. -- Gleich darauf Schön.
Alwa
Sie hatten einen Ohnmachtsanfall?
Lulu
Ich bitte Sie, schließen Sie zu.
Alwa
Kommen Sie wenigstens auf die Bühne.
Lulu
Haben Sie ihn gesehen?
Alwa
Wen gesehen?
Lulu
Mit seiner Braut??
Alwa
Mit seiner ... (Zu Schön, der eintritt) Den Scherz hättest du dir sparen können!
Schön
Was ist mit ihr? (Zu Lulu) Wie kannst du die Szene gegen mich ausspielen!!
Lulu
Ich fühle mich wie geprügelt.
Schön
(nachdem er die Tür verriegelt)
Du wirst tanzen -- so wahr ich mir die Verantwortung für dich aufgeladen!
Lulu
Vor Ihrer Braut?
Schön
Hast du ein Recht, dich darum zu kümmern, vor wem? -- Du bist hier engagiert. Du erhältst deine Gage ...
Lulu
Ist das Ihre Sache?
Schön
Du tanzt vor Jedem, der sein Billet löst. Mit wem ich in meiner Loge sitze, hat keine Beziehung zu deiner Tätigkeit!
Alwa
Wärest du in deiner Loge sitzen geblieben! (Zu Lulu) Sagen Sie mir bitte, was ich tun soll. (Von außen wird gepocht) Da ist der Direktor. (Ruft) Gleich, gleich. Einen Augenblick. (Zu Lulu) Sie werden uns nicht zwingen wollen, die Vorstellung abzubrechen!
Schön
(zu Lulu)
Auf die Bühne mit dir!
Lulu
Lassen Sie mir nur einen Augenblick. Ich kann jetzt nicht. Mir ist sterbenselend.
Alwa
Hol' der Henker den ganzen Kulissenkram!
Lulu
Schalten Sie die nächste Nummer ein. Das merkt kein Mensch, ob ich jetzt tanze oder in fünf Minuten. Ich habe keine Kraft in den Füßen.
Alwa
Aber dann tanzen Sie?
Lulu
So gut ich kann ...
Alwa
So schlecht Sie wollen. (Da von außen gepocht wird) Ich komme. (Ab)
Zehnter Auftritt
Schön. Lulu.
Lulu
Sie haben recht, daß Sie mir zeigen, wo ich hingehöre. Das konnten Sie nicht besser, als wenn Sie mich vor Ihrer Braut den Skirtdance tanzen lassen ... Sie tun mir den größten Gefallen, wenn Sie mich darauf hinweisen, was meine Stellung ist.
Schön (höhnisch)
Bei deiner Herkunft ist es ein Glück sondergleichen für dich, daß du noch Gelegenheit hast, vor anständigen Leuten aufzutreten!
Lulu
Auch wenn Sie über meiner Schamlosigkeit nicht wissen, wohinsehen.
Schön
Albernes Geschwätz! -- Schamlosigkeit? -- Mach' aus der Tugend keine Not! -- Deine Schamlosigkeit ist das, was man dir für jeden Schritt mit Gold aufwiegt. Der eine schreit Bravo, der andere schreit Pfui -- das heißt für dich das Gleiche! -- Kannst du dir einen glänzenderen Triumph wünschen, als wenn sich ein anständiges Mädchen kaum in der Loge zurückhalten läßt?!! Hat dein Leben denn ein anderes Ziel?! -- So lang du noch einen Funken Achtung vor dir selber hast, bist du keine perfekte Tänzerin! Je fürchterlicher es den Menschen vor dir graut, um so größer stehst du in deinem Beruf da!!
Lulu
Es ist mir ja auch vollkommen gleichgültig, was man von mir denkt. Ich möchte um alles nicht besser sein, als ich bin. Mir ist wohl dabei.
Schön
(in moralischer Empörung)
Das ist deine wahre Natur! Das nenne ich aufrichtig. -- Eine Korruption!!
Lulu
Ich wüßte nicht, daß ich je einen Funken Achtung vor mir gehabt hätte.
Schön
(wird plötzlich mißtrauisch)
Keine Harlequinaden ...
Lulu
O Gott -- ich weiß sehr wohl, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich nicht davor bewahrt hätten.
Schön
Bist du denn heute vielleicht etwas anderes??
Lulu
Gott sei dank, nein!
Schön
Das ist echt!
Lulu (lacht)
Und wie überglücklich ich dabei bin!
Schön (spuckt aus)
Wirst du jetzt tanzen?
Lulu
Wie und vor wem es ist!
Schön
Also dann auf die Bühne!!
Lulu
(kindlich bittend)
Nur eine Minute noch. Ich bitte Sie. Ich kann mich noch nicht aufrecht halten. -- Man wird klingeln.
Schön
Du bist dazu geworden, trotz allem, was ich für deine Erziehung und dein Wohl geopfert habe!
Lulu (ironisch)
Sie hatten Ihren veredelnden Einfluß überschätzt?
Schön
Verschone mich mit deinen Witzen.
Lulu
-- Der Prinz war hier.
Schön
So?
Lulu
Er nimmt mich mit nach Afrika.
Schön
Nach Afrika?
Lulu
Warum denn nicht? Sie haben mich ja zur Tänzerin gemacht, damit Einer kommt und mich mitnimmt.
Schön
Aber doch nicht nach Afrika!
Lulu