Erdgeist

Part 2

Chapter 23,646 wordsPublic domain

Pack! -- Wäre doch das Leben zu Ende! -- Der Brotkorb! -- Brotkorb und Maulkorb! -- Jetzt bäumt sich mein Künstlerstolz. (Nach einem Blick auf Lulu) Diese Gesellschaft! -- (Erhebt sich, geht nach rechts hinten, betrachtet Lulu von allen Seiten, setzt sich wieder an die Staffelei) Die Wahl würde einem schwer. -- -- Wenn ich Frau Obermedizinalrat ersuchen darf, die rechte Hand etwas höher.

Lulu

(nimmt den Schäferstab so hoch sie reichen kann, für sich)

Wer hätte das für möglich gehalten!

Schwarz

Ich bin wohl recht lächerlich?

Lulu

Er kommt gleich zurück.

Schwarz

Ich kann nicht mehr tun als malen.

Lulu

Da ist er.

Schwarz

(sich erhebend)

Nun?

Lulu

Hören Sie nicht?

Schwarz

Es kommt jemand ...

Lulu

Ich wußte es ja.

Schwarz

Es ist der Hausmeister. Er fegt die Treppe.

Lulu

Gott sei Dank.

Schwarz

Sie begleiten Herrn Obermedizinalrat wohl auf seine Praxis?

Lulu

Das fehlte mir noch!

Schwarz

Weil Sie es nicht gewohnt sind, allein zu sein.

Lulu

Wir haben zu Hause eine Haushälterin.

Schwarz

Die Ihnen Gesellschaft leistet?

Lulu

Sie hat viel Geschmack.

Schwarz

Wofür?

Lulu

Sie zieht mich an.

Schwarz

Sie gehen wohl viel auf Bälle?

Lulu

Nie.

Schwarz

Wozu brauchen Sie denn dann die Toiletten?

Lulu

Zum Tanzen.

Schwarz

Sie tanzen wirklich?

Lulu

Csardas -- Samaqueca -- Skirtdance ...

Schwarz

Widert Sie denn das nicht an?

Lulu

Sie finden mich häßlich?

Schwarz

Sie verstehen mich nicht. -- Wer gibt Ihnen denn den Unterricht?

Lulu

Er.

Schwarz

Wer?

Lulu

Er.

Schwarz

Er?

Lulu

Er spielt Violine. -- -- --

Schwarz

Man lernt jeden Tag ein neues Stück Welt kennen.

Lulu

Ich habe in Paris gelernt. Ich nahm Stunden bei Eugenie Fougère. Sie hat mich auch ihre Kostüme kopieren lassen.

Schwarz

Wie sind denn die?

Lulu

Grünes Spitzenröckchen bis zum Knie, ganz in Volants, dekolletiert natürlich, sehr dekolletiert und fürchterlich geschnürt. Hellgrüner Unterrock, dann immer heller. Schneeweiße Dessous mit handbreiten Spitzen ...

Schwarz

Ich kann nicht mehr ...

Lulu

Malen Sie doch!

Schwarz

(mit dem Spachtel schabend)

Ist Ihnen denn nicht kalt?

Lulu

Gott bewahre! Nein. Wie kommen Sie auf die Frage? Ist Ihnen denn so kalt?

Schwarz

Heute nicht. Nein.

Lulu

Gottlob kann man atmen!

Schwarz

Wieso ...

Lulu

(atmet tief ein)

Schwarz

Lassen Sie das bitte! -- (Springt auf, wirft Pinsel und Palette weg, geht auf und nieder) Der Stiefelputzer hat es wenigstens nur mit ihren Füßen zu tun. Seine Farbe frißt ihm auch nicht ins Geld. Wenn mir morgen das Abendbrot fehlt, fragt mich kein Weltdämchen danach, ob ich mich aufs Austernschlecken verstehe.

Lulu

Ist das ein Unhold!

Schwarz

(nimmt die Arbeit wieder auf)

Was jagt den Kerl auch in diese Probe!

Lulu

Mir wäre es auch lieber, er wäre dageblieben.

Schwarz

Wir sind wirklich die Märtyrer unseres Berufes!

Lulu

Ich wollte Ihnen nicht weh tun.

Schwarz

(zögernd, zu Lulu)

Wenn Sie links -- das Beinkleid -- ein wenig höher ..

Lulu

Hier?

Schwarz

(tritt zum Podium)

Erlauben Sie ...

Lulu

Was wollen Sie?

Schwarz

Ich zeige es Ihnen.

Lulu

Es geht nicht.

Schwarz

Sie sind nervös ... (Will ihre Hand fassen)

Lulu

(wirft ihm den Schäferstab ins Gesicht)

Lassen Sie mich in Ruhe! (Eilt zur Entreetür) Sie bekommen mich noch lange nicht.

Schwarz

Sie verstehen keinen Scherz.

Lulu

Doch, ich verstehe alles. Lassen Sie mich nur frei. Mit Gewalt erreichen Sie gar nichts bei mir. Gehen Sie an Ihre Arbeit. Sie haben kein Recht mich zu belästigen. (Flüchtet hinter die Ottomane) Setzen Sie sich hinter Ihre Staffelei.

Schwarz

(will um die Ottomane)

Sobald ich Sie für Ihre Launenhaftigkeit bestraft habe.

Lulu (ausweichend)

Dazu müssen Sie mich aber erst haben. Gehen Sie. Sie erwischen mich doch nicht. -- In langen Kleidern wäre ich Ihnen längst in die Hände gefallen. -- Aber in dem Pierrot!

Schwarz

(sich der Länge nach über die Ottomane werfend)

Habe ich dich!

Lulu

(schlägt ihm das Tigerfell über den Kopf)

Gute Nacht! (Springt über das Podium, klettert auf die Trittleiter) Ich sehe über alle Städte der Erde weg ...

Schwarz

(sich aus der Decke wickelnd)

Dieser Balg!

Lulu

Ich greife in den Himmel und stecke mir die Sterne ins Haar.

Schwarz

(ihr nachkletternd)

Ich schüttle, bis Sie herunterfallen.

Lulu

(höher steigend)

Wenn Sie nicht aufhören, werfe ich die Leiter um. Werden Sie meine Beine loslassen. -- Gott schütze Polen! (Bringt die Leiter zu Fall, springt auf das Podium und wirft Schwarz, wie er sich vom Boden aufrafft, die spanische Wand an den Kopf. Nach vorn eilend, an den Staffeleien) Ich habe Ihnen ja gesagt, daß Sie mich nicht bekommen.

Schwarz

(nach vorn kommend)

Lassen Sie uns Frieden schließen. (Will sie umfassen)

Lulu

Bleiben Sie mir vom Leib, oder ... (Sie wirft ihm die Staffelei mit dem Brustbild entgegen, daß beides krachend zu Boden stürzt)

Schwarz

(schreit auf)

Barmherziger Gott!

Lulu

(links hinten)

Das Loch haben Sie selber hineingeschlagen.

Schwarz

Ich bin ruiniert! Zehn Wochen Arbeit, meine Reise, meine Ausstellung. -- Jetzt ist nichts mehr zu verlieren. (Stürzt ihr nach)

Lulu

(springt über die Ottomane, über die umgestürzte Trittleiter, kommt über das Podium nach vorn)

Ein Graben! -- Fallen Sie nicht hinein! (Stapft durch das Brustbild) Sie hat einen neuen Menschen aus ihm gemacht! (Fällt vornüber)

Schwarz

(über die spanische Wand stolpernd)

Ich kenne kein Erbarmen mehr.

Lulu

(im Hintergrund)

Lassen Sie mich jetzt in Ruhe. -- Mir wird schwindlich. -- -- O Gott, o Gott ... (Kommt nach vorn und sinkt auf die Ottomane)

Schwarz

(verriegelt die Tür. Darauf setzt er sich neben sie, ergreift ihre Hand und bedeckt sie mit Küssen, hält inne; man sieht ihm an, daß er einen inneren Kampf kämpft)

Lulu

(schlägt die Augen auf)

Er kann zurückkommen.

Schwarz

Wie ist dir?

Lulu

Als wäre ich ins Wasser gefallen ...

Schwarz

Ich liebe dich.

Lulu

Ich liebte einmal einen Studenten.

Schwarz

Nellie ...

Lulu

Mit vierundzwanzig Schmissen ...

Schwarz

Ich liebe dich, Nellie.

Lulu

Ich heiße nicht Nellie.

Schwarz (küßt sie)

Lulu

Ich heiße Lulu.

Schwarz

Ich würde dich Eva nennen.

Lulu

Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?

Schwarz

(nach der Uhr sehend)

Halb elf.

Lulu

(nimmt die Uhr und öffnet das Gehäuse)

Schwarz

Du liebst mich nicht.

Lulu

Doch ... Es ist fünf Minuten nach halb elf.

Schwarz

Gib mir einen Kuß, Eva!

Lulu

(nimmt ihn am Kinn und küßt ihn, wirft die Uhr in die Luft und fängt sie auf)

Sie riechen nach Tabak.

Schwarz

Warum sagst du nicht Du?

Lulu

Es würde unbehaglich.

Schwarz

Du verstellst dich!

Lulu

Sie verstellen sich selber, wie mir scheint. -- Ich mich verstellen? Wie kommen Sie nur darauf? -- _Das hatte ich niemals nötig._

Schwarz

(erhebt sich, fassungslos, sich mit der Hand über die Stirn fahrend)

Allmächtiger! Ich kenne die Welt nicht ...

Lulu (schreit)

Bringen Sie mich nur nicht um!

Schwarz

(sich rasch umwendend)

_Du hast noch nie geliebt ...!_

Lulu

(sich halb aufrichtend)

_Sie haben noch nie geliebt ...!_

Goll

(von außen)

Machen Sie auf!

Lulu

(ist aufgesprungen)

Verstecken Sie mich! O Gott, verstecken Sie mich!

Goll

(gegen die Tür polternd)

Machen Sie auf!

Schwarz

(will zur Tür).

Lulu

(hält ihn zurück)

Er schlägt mich tot.

Goll

(gegen die Tür polternd)

Machen Sie auf!

Lulu

(vor Schwarz niedergesunken, umfaßt seine Knie)

Er schlägt mich tot. Er schlägt mich tot.

Schwarz

Stehen Sie auf ... (Die Tür fällt krachend ins Atelier.)

Fünfter Auftritt

Goll. Die Vorigen.

Goll

(mit blutunterlaufenen Augen stürzt mit erhobenem Stock auf Schwarz und Lulu los)

Ihr Hunde! -- Ihr ... (keucht, ringt einige Sekunden nach Atem und schlägt vornüber auf die Diele)

Schwarz

(wankt in den Knieen)

Lulu

(hat sich zur Tür geflüchtet) -- (Pause.)

Schwarz

(tritt an Goll heran)

Herr -- Herr Medi -- Herr Medizi -- Herr Medizinal -- Herr Medizinalrat.

Lulu

(in der Tür)

Bringen Sie doch bitte erst das Atelier in Ordnung.

Schwarz

Herr Obermedizinalrat. (Beugt sich nieder) Herr ... (Tritt zurück) Er hat sich die Stirne geritzt. Helfen Sie mir, ihn auf die Ottomane legen.

Lulu

(bebt scheu zurück)

Nein, nein ...

Schwarz

(sucht ihn umzukehren)

Herr Medizinalrat.

Lulu

Er hört nicht.

Schwarz

Helfen Sie mir doch nur.

Lulu

Wir heben ihn zu zweit auch nicht.

Schwarz

(sich emporrichtend)

Man muß zum Arzt schicken.

Lulu

Er ist furchtbar schwer.

Schwarz

(seinen Hut nehmend)

Seien Sie doch bitte so freundlich und richten Sie, bis ich zurück bin, die Stellagen ein wenig zurecht. (Ab)

Sechster Auftritt

Lulu. Goll.

Lulu

Auf einmal springt er auf. -- (Eindringlich) Bussi! -- -- Er läßt sich nichts merken. -- (Kommt in weitem Bogen nach vorn) Er sieht mir auf die Füße und beobachtet jeden Schritt, den ich tue. Er hat mich überall im Auge. -- (Sie berührt ihn mit der Fußspitze) Bussi! -- (Zurückweichend) Es ist ihm ernst. -- -- Der Tanz ist aus. -- -- Er läßt mich sitzen. -- -- Was fang' ich an? -- -- (Beugt sich zur Erde) Ein wildfremdes Gesicht! -- (Sich aufrichtend) Und niemand, der ihm den letzten Dienst erweist. -- Ist das trostlos ...

Siebenter Auftritt

Schwarz. Die Vorigen.

Schwarz

Noch nicht wieder zur Besinnung gekommen?

Lulu

(links vorn)

Was fang' ich an ...

Schwarz

(über Goll gebeugt)

Herr Medizinalrat.

Lulu

Ich glaube beinah, es ist ihm ernst.

Schwarz

Reden Sie doch anständig!

Lulu

Er würde mir das nicht sagen. Er läßt sich von mir vortanzen, wenn er sich nicht wohl fühlt.

Schwarz

Der Arzt muß im Augenblick hier sein.

Lulu

Arznei hilft ihm nicht.

Schwarz

Aber man tut doch in solchem Falle, was man kann.

Lulu

Er glaubt nicht daran.

Schwarz

Wollen Sie sich denn nicht wenigstens umziehen?

Lulu

Ja. -- Gleich.

Schwarz

Worauf warten Sie denn noch?

Lulu

Ich bitte Sie ...

Schwarz

Was denn ...?

Lulu

Schließen Sie ihm die Augen.

Schwarz

Sie sind entsetzlich.

Lulu

Noch lange nicht so entsetzlich wie Sie!

Schwarz

Wie ich?

Lulu

Sie sind eine Verbrechernatur.

Schwarz

Rührt Sie denn dieser Moment gar nicht?

Lulu

Mich trifft es auch mal.

Schwarz

Ich bitte Sie, jetzt schweigen Sie endlich mal!

Lulu

Sie trifft es auch mal.

Schwarz

Das brauchten Sie Einem in einem solchen Augenblick wirklich nicht noch zu sagen.

Lulu

Ich bitte Sie ...

Schwarz

Tun Sie was Ihnen nötig scheint. Ich kenne das nicht.

Lulu

(rechts von Goll)

Er sieht mich an.

Schwarz

(links von Goll)

Mich auch ...

Lulu

Sie sind ein Feigling!

Schwarz

(schließt Goll mit dem Taschentuch die Augen)

Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich dazu verurteilt bin.

Lulu

Haben Sie es denn Ihrer Mutter nicht getan?

Schwarz (nervös)

Nein.

Lulu

Sie waren wohl auswärts?

Schwarz

Nein!

Lulu

Oder Sie fürchteten sich?

Schwarz (heftig)

Nein.

Lulu

(bebt zurück)

Ich wollte Sie nicht beleidigen.

Schwarz

-- Sie lebt noch.

Lulu

Dann haben Sie doch noch Jemanden.

Schwarz

Sie ist bettelarm.

Lulu

Das kenne ich.

Schwarz

Spotten Sie meiner nicht!

Lulu

Jetzt bin ich reich ...

Schwarz

Es ist grauenerregend. (Geht nach links) Was kann sie dafür!

Lulu (für sich)

Was fang' ich an.

Schwarz (für sich)

Vollkommen verwildert!

(Schwarz links, Lulu rechts, sehen einander mißtrauisch an)

Schwarz

(geht auf sie zu, ergreift ihre Hand)

Sieh mir ins Auge!

Lulu (ängstlich)

Was wollen Sie ...

Schwarz

(führt sie zur Ottomane, nötigt sie neben ihm Platz zu nehmen)

Sieh mir in die Augen!

Lulu

Ich sehe mich als Pierrot darin.

Schwarz

(stößt sie von sich)

Verwünschte Tanzerei!

Lulu

Ich muß mich umziehen ...

Schwarz

(hält sie zurück)

Eine Frage ...

Lulu

Ich darf ja nicht antworten.

Schwarz

(wieder an der Ottomane)

Kannst du die Wahrheit sagen?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Glaubst du an einen Schöpfer?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Kannst du bei etwas schwören?

Lulu

Ich weiß es nicht. Lassen Sie mich! Sie sind verrückt!

Schwarz

Woran glaubst du denn?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Hast du denn keine Seele?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Hast du schon einmal geliebt --?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

(erhebt sich, geht nach links, für sich)

Sie weiß es nicht!

Lulu

(ohne sich zu rühren)

Ich weiß es nicht.

Schwarz

(mit einem Blick auf Goll)

Er weiß es ...

Lulu

(sich ihm nähernd)

Was wollen Sie wissen?

Schwarz (empört)

Geh, zieh dich an!

Lulu

(geht ins Schlafkabinett)

Achter Auftritt

Schwarz. Goll.

Schwarz

Ich möchte tauschen mit dir, du Toter! Ich gebe sie dir zurück. Ich gebe dir meine Jugend dazu. Mir fehlt der Mut und der Glaube. Ich habe mich zu lange gedulden müssen. Es ist zu spät für mich. Ich bin dem Glück nicht gewachsen. Ich habe eine höllische Angst davor. Wach auf. Ich habe sie nicht angerührt. Er öffnet den Mund. -- Mund auf und Augen zu, wie die Kinder. Bei mir ist es umgekehrt. Wach auf! Wach auf! (Kniet nieder und bindet ihm sein Taschentuch um den Kopf) Hier flehe ich zum Himmel, er möge mich befähigen, glücklich zu sein. Er möge mir die Kraft geben und die seelische Freiheit, nur ein klein wenig glücklich zu sein. _Um ihretwillen, einzig um ihretwillen._

Neunter Auftritt

Lulu. Die Vorigen.

Lulu

(tritt aus dem Schlafkabinett, vollständig angekleidet, den Hut auf, die rechte Hand unter der linken Achsel; zu Schwarz, den linken Arm hebend)

Würden Sie mich hier zuhaken. Meine Hand zittert.

Zweiter Aufzug

(Sehr eleganter Salon. Rechts hinten Entreetür. Vorne rechts und links Portieren. Zu der links führen einige Stufen hinan. An der Hinterwand über dem Kamin in prachtvollem Brokatrahmen Lulus Bild als Pierrot. Links ein hoher Spiegel. Davor eine Chaiselongue. Rechts ein Schreibtisch in Ebenholz. In der Mitte einige Sessel um ein chinesisches Tischchen.)

Erster Auftritt

Lulu. Schwarz. Dann Henriette.

Lulu

(in grünseidenem Morgenkleid steht regungslos vor dem Spiegel, runzelt die Stirn, fährt mit der Hand darüber, befühlt ihre Wangen, trennt sich vom Spiegel mit einem mißmutigen, halb zornigen Blick, geht nach rechts, sich mehrmals umwendend, öffnet auf dem Schreibtisch eine Schatulle, zündet sich eine Zigarette an, sucht unter den Büchern, die auf dem Tisch liegen, nimmt eines zur Hand, legt sich auf die Chaiselongue, dem Spiegel gegenüber, läßt, nachdem sie einen Moment gelesen, das Buch sinken, nickt sich ernsthaft zu, nimmt die Lektüre wieder auf.)

Schwarz

(Pinsel und Palette in der Hand, tritt von rechts ein, beugt sich über Lulu, küßt sie auf die Stirn, geht nach links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um)

Eva!

Lulu (lächelnd)

Befehlen?

Schwarz

Ich finde, du siehst heute außerordentlich reizend aus.

Lulu

(mit einem Blick in den Spiegel)

Es kommt auf die Ansprüche an.

Schwarz

Dein Haar atmet eine Morgenfrische ...

Lulu

Ich komme aus dem Wasser.

Schwarz

(sich ihr nähernd)

Ich habe heute furchtbar zu tun.

Lulu

Das redest du dir ein.

Schwarz

(legt Pinsel und Palette auf den Teppich und setzt sich auf den Rand der Chaiselongue)

Was liest du denn da?

Lulu (liest)

Plötzlich hörte sie einen Rettungsanker die Treppe heraufwinken.

Schwarz

Wer in aller Welt schreibt denn so ergreifend?

Lulu (liest)

Es war der Geldbriefträger.

Henriette

(durch die Entree, eine Hutschachtel am Arm, setzt eine Tablette mit Briefen auf den Tisch)

Die Post. -- Ich gehe der Putzmacherin den Hut bringen. Haben gnädige Frau noch etwas zu befehlen?

Lulu

Nichts.

Schwarz

(winkt ihr, sich zu entfernen)

Henriette

(verschmitzt lächelnd ab)

Schwarz

Was hast du vergangene Nacht denn alles geträumt?

Lulu

Das hast du mich heute doch schon zweimal gefragt.

Schwarz

(erhebt sich, nimmt die Briefe von der Tablette)

Ich zittere vor Neuigkeiten. Ich fürchte jeden Tag, die Welt könnte untergehen. (Zur Chaiselongue zurückgekehrt, Lulu einen Brief gebend) An dich.

Lulu

(führt das Billet zur Nase)

Die Corticelli. (Birgt es in ihrem Busen)

Schwarz

(einen Brief durchfliegend)

Meine Samaquecatänzerin verkauft -- für 50000 Mark!

Lulu

Wer schreibt denn das?

Schwarz

Sedelmeier in Paris. Das ist das dritte Bild seit unserer Verheiratung. Ich weiß mich vor meinem Glück kaum zu retten.

Lulu

(auf die Briefe deutend)

Da kommt noch mehr.

Schwarz

(eine Verlobungsanzeige öffnend)

Sieh da! (Gibt sie Lulu.)

Lulu (liest)

Herr Regierungsrat Heinrich Ritter von Zarnikow beehrt sich, Ihnen von der Verlobung seiner Tochter Charlotte Marie Adelaide mit Herrn Dr. Ludwig Schön ergebenste Mitteilung zu machen.

Schwarz

(einen anderen Brief öffnend)

Endlich! Es ist ja eine Ewigkeit, daß er darauf lossteuert, sich vor der Welt zu verloben. Ich begreife nicht, ein Gewaltmensch von seinem Einfluß. Was steht denn seiner Heirat eigentlich im Wege!!

Lulu

Was ist das, was du da liest?

Schwarz

Eine Einladung, mich an der internationalen Ausstellung in Petersburg zu beteiligen. -- Ich weiß gar nicht, was ich malen soll.

Lulu

Irgend ein entzückendes Mädchen natürlich.

Schwarz

Wenn du mir dazu Modell stehen willst?

Lulu

Es gibt doch, weiß Gott, auch andere hübsche Mädchen genug.

Schwarz

Ich gelange aber einem andern Modell gegenüber, und wenn es pikant wie die Hölle ist, nicht zu dieser vollen Ausbeutung meines Könnens.

Lulu

Dann muß ich ja wohl. -- Ginge es denn nicht vielleicht auch liegend?

Schwarz

Am liebsten möchte ich das Arrangement wirklich deinem Geschmack überlassen. (Die Briefe zusammenfaltend) Daß wir nicht vergessen, Schön jedenfalls heute noch zu gratulieren. (Geht nach rechts und schließt die Briefe in den Schreibtisch)

Lulu

Das haben wir doch längst getan.

Schwarz

Seiner Braut wegen.

Lulu

Du kannst es ihm ja noch einmal schreiben.

Schwarz

Und jetzt zur Arbeit. (Nimmt Pinsel und Palette auf, küßt Lulu, geht links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um) Eva!

Lulu

(läßt ihr Buch sinken, lächelnd)

Befehlen?

Schwarz

(sich ihr nähernd)

Mir ist täglich, als sähe ich dich zum allererstenmal.

Lulu

Du bist schrecklich.

Schwarz

(sinkt vor der Chaiselongue in die Knie, liebkost ihre Hand)

Du trägst die Schuld.

Lulu

(ihm die Locken streichelnd)

Du vergeudest mich.

Schwarz

Du bist ja mein. Du bist auch nie bestrickender, als wenn du nur um Gottes willen einmal ein paar Stunden recht häßlich sein solltest! Ich habe nichts mehr, seit ich dich habe. -- Ich bin mir vollständig abhanden gekommen ...

Lulu

Nicht so aufgeregt!

(Es läutet auf dem Korridor)

Schwarz (zusammenfahrend)

Verwünscht.

Lulu

Niemand zu Hause!

Schwarz

Vielleicht ist es der Kunsthändler ...

Lulu

Und wenn es der Kaiser von China ist.

Schwarz

Einen Moment. (Ab)

Lulu (visionär)

-- Du? -- du? -- (Schließt die Augen)

Schwarz (zurückkommend)

Ein Bettler, der den Feldzug mitgemacht haben will. Ich habe kein klein Geld bei mir. (Pinsel und Palette aufnehmend) Es ist auch die höchste Zeit, daß ich endlich an die Arbeit gehe. (Nach links ab)

Lulu

(ordnet vor dem Spiegel ihre Toilette, streicht sich das Haar zurück und geht hinaus)

Zweiter Auftritt

Lulu. Schigolch.

Schigolch

(von Lulu hereingeführt)

Ich hatte ihn mir etwas chevaleresker gedacht; ein wenig mehr Nimbus. Er ist etwas verlegen. Er brach ein wenig in die Knie, als er _mich_ vor sich sah.

Lulu

(rückt ihm einen Sessel zurecht)

Wie kannst du ihn auch anbetteln?

Schigolch

Deswegen habe ich meine siebenundsiebzig Lenze nämlich hergeschleppt. Du sagtest mir, er halte sich morgens an seine Malerei.

Lulu

Er hatte noch nicht ausgeschlafen. Wieviel brauchst du?

Schigolch

Zweihundert, wenn du so viel flüssig hast; meinetwegen dreihundert. Es sind mir einige Klienten verduftet.

Lulu

(geht an den Schreibtisch und kramt in den Schubladen)

Bin ich müde!

Schigolch

(sich umsehend)

Das hat mich nämlich auch bewogen. Ich hätte lange gerne gesehen, wie es jetzt so bei dir zu Hause aussieht.

Lulu

Nun?

Schigolch

Es überläuft einen. (Emporblickend) Wie bei mir vor fünfzig Jahren. Statt der Bummelagen hatte man damals noch alte verrostete Säbel. Den Teufel noch mal, du hast es weit gebracht. (Scharrend) Die Teppiche ...

Lulu

(gibt ihm zwei Billets)

Ich gehe am liebsten barfuß darauf.

Schigolch

(Lulus Porträt betrachtend)

Das bist du?

Lulu (zwinkernd)

Fein?

Schigolch

Wenn das alles Gutes ist.

Lulu

Einen Süßen?

Schigolch

Was denn?

Lulu

(erhebt sich)

Elixir de Spaa.

Schigolch

Hilft nichts! -- Trinkt er?

Lulu

(nimmt aus einem Schränkchen neben dem Kamin Karaffe und Gläser)

Noch nicht. (Nach vorn kommend) Das Labsal wirkt so verschieden!

Schigolch

Er schlägt aus?

Lulu

(zwei Gläser füllend)

Er schläft ein.

Schigolch

Wenn er betrunken ist, kannst du ihm in die Eingeweide sehen.

Lulu

Lieber nicht. (Setzt sich Schigolch gegenüber) Erzähl' mir.

Schigolch

Die Straßen werden immer länger, und die Beine immer kürzer.

Lulu

Und deine Harmonika?

Schigolch

Hat falsche Luft, wie ich mit meinem Asthma. Ich denke nur immer, das Ausbessern ist nicht mehr der Mühe wert. (Stößt mit ihr an)

Lulu

(leerte ihr Glas)

Ich glaubte schon, du wärest am Ende ...

Schigolch

... am Ende schon auf und davon? -- Das glaubte ich auch schon. Aber wenn so erst die Sonne hinunter ist, dann läßt es einen doch noch nicht ruhen. Ich hoffe auf den Winter. Da wird (hustend) mein -- mein -- mein Asthma wohl eine Fahrgelegenheit ausfindig zu machen wissen.

Lulu

(die Gläser füllend)

Du meinst, man könnte dich drüben vergessen haben?

Schigolch

Wär schon möglich, weil es ja nicht der Reihe nach geht. (Ihr das Knie streichelnd) Nun erzähl' du mal -- lange nicht gesehen -- meine kleine Lulu.

Lulu

(zurückrückend, lächelnd)

Das Leben ist doch unfaßlich!

Schigolch

Was weißt du! Du bist noch so jung.

Lulu

Daß du mich Lulu nennst.

Schigolch

Lulu, nicht? Habe ich dich jemals anders genannt?

Lulu

Ich heiße seit Menschengedenken nicht mehr Lulu.

Schigolch

Eine andere Benennungsweise?

Lulu

Lulu klingt mir ganz vorsündflutlich.

Schigolch

Kinder! Kinder!

Lulu

Ich heiße jetzt ...

Schigolch

Als bliebe das Prinzip nicht immer das gleiche!

Lulu

Du meinst?

Schigolch

Wie heißt es jetzt?

Lulu

Eva.

Schigolch

Gehupft wie gesprungen!

Lulu

Ich höre darauf.

Schigolch

(sieht sich um)

So habe ich es für dich geträumt. Du bist darauf angelegt. Was soll denn das?

Lulu

(sich mit einem Parfümflacon besprengend)

Heliotrop.

Schigolch

Riecht das besser als du?

Lulu

(ihn besprengend)

Das braucht dich wohl nicht mehr zu kümmern.

Schigolch

Wer hätte den königlichen Luxus vorausgeahnt!

Lulu

Wenn ich zurückdenke -- -- Hu!

Schigolch

(ihr das Knie streichelnd)

Wie geht's dir denn? Treibst du immer noch Französisch?

Lulu

Ich liege und schlafe.

Schigolch

Das ist vornehm. Das sieht immer nach so was aus. Und weiter?

Lulu

Und strecke mich -- bis es knackt.

Schigolch

Und wenn es geknackt hat?

Lulu

Was interessiert dich das!

Schigolch

Was mich das interessiert? Was mich das interessiert? Ich wollte lieber bis zur jüngsten Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden Verzicht leisten, als meine Lulu hienieden in Entbehrung zurücklassen. Was mich das interessiert? Es ist mein Mitgefühl. Ich bin ja mit meinem besseren Ich schon verklärt. Aber ich habe noch das Verständnis für diese Welt.

Lulu

Ich nicht.

Schigolch

Dir ist zu wohl.

Lulu (schaudernd)

Blödsinnig ...

Schigolch

Wohler als bei dem alten Tanzbär?

Lulu (wehmütig)

Ich tanze nicht mehr ...

Schigolch

Für den war es auch Zeit.

Lulu

Jetzt bin ich ... (Stockt)

Schigolch

Sprich, wie es dir ums Herz ist, mein Kind! Ich hatte Vertrauen in dich, als noch nichts an dir zu sehen war als deine zwei großen Augen. Was bist du jetzt?

Lulu

Ein Tier ...

Schigolch