Erdgeist

Part 1

Chapter 13,485 wordsPublic domain

Frank Wedekind

Erdgeist

Tragödie in vier Aufzügen

»Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde. Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht Dem guten. Was die Göttlichen uns senden Von oben, sind nur allgemeine Güter; Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich, In ihrem Staat erringt sich kein Besitz. Den Edelstein, das allgeschätzte Gold Muß man den falschen Mächten abgewinnen, Die unterm Tage schlimmgeartet hausen. Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt, Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst Die Seele hätte rein zurückgezogen.«

Georg Müller Verlag München und Leipzig

Übersetzungs- und Aufführungsrecht vorbehalten. Nachdruck verboten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. Das Aufführungsrecht ist ausschließlich zu erwerben durch den Verlag Georg Müller, München.

Willy Grétor gewidmet

Personen

Medizinalrat Dr. _Goll_. Dr. _Schön_, Chefredakteur. _Alwa_, sein Sohn. _Schwarz_, Kunstmaler. _Prinz Escerny_, Afrikareisender. _Schigolch._ _Rodrigo_, Artist. _Hugenberg_, Gymnasiast. _Escherich_, Reporter. _Lulu._ _Gräfin Geschwitz_, Malerin. _Ferdinand_, Kutscher. _Henriette_, Zimmermädchen. Ein _Bedienter_.

Die Rolle _Hugenberg_ wird von einem Mädchen gespielt.

Rechts und links vom Schauspieler.

Prolog

Ein Tierbändiger tritt, nachdem der aufgezogene Vorhang einen Zelteingang hat sichtbar werden lassen, in zinnoberrotem Frack, weißer Krawatte, langen schwarzen Locken, weißen Beinkleidern und Stulpstiefeln, in der Linken eine Hetzpeitsche, in der Rechten einen geladenen Revolver, unter Zimbelklängen und Paukenschlägen aus dem Zelt:

Hereinspaziert in die Menagerie, Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslust'gen Frauen, Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen Die unbeseelte Kreatur zu schauen, Gebändigt durch das menschliche Genie. Hereinspaziert, die Vorstellung beginnt! -- Auf zwei Personen kommt umsonst ein Kind.

Hier kämpfen Tier und Mensch im engen Gitter, Wo jener höhnend seine Peitsche schwingt Und dieses, mit Gebrüll wie Ungewitter, Dem Menschen mörderisch an die Kehle springt; Wo bald der Kluge, bald der Starke siegt, Bald Mensch, bald Tier geduckt am Estrich liegt; Das Tier bäumt sich, der Mensch auf allen Vieren! Ein eisig kalter Herrscherblick -- Die Bestie beugt entartet das Genick Und läßt sich fromm die Ferse drauf postieren.

Schlecht sind die Zeiten! -- All die Herrn und Damen, Die einst vor meinem Käfig sich geschart, Beehren Possen, Ibsen, Opern, Dramen Mit ihrer hochgeschätzten Gegenwart. An Futter fehlt es meinen Pensionären, So daß sie gegenseitig sich verzehren. Wie gut hat's am Theater ein Akteur! Des Fleischs auf seinen Rippen ist er sicher, Sei auch der Hunger ein ganz fürchterlicher Und des Kollegen Magen noch so leer. -- Doch will man Großes in der Kunst erreichen, Darf man Verdienst nicht mit dem Lohn vergleichen.

Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! -- _Haustiere_, die so wohlgesittet fühlen, An blaßer Pflanzenkost ihr Mütchen kühlen Und schwelgen in behaglichem Geplärr, Wie jene Andern -- unten im Parterre: Der eine Held kann keinen Schnaps vertragen, Der andre zweifelt, ob er richtig liebt, Den dritten hört ihr an der Welt verzagen, Fünf Akte lang hört ihr ihn sich beklagen, Und niemand, der den Gnadenstoß ihm gibt. -- Das _wahre_ Tier, das _wilde, schöne_ Tier, Das -- meine Damen! -- sehn Sie nur bei mir.

Sie sehen den _Tiger_, der gewohnheitsmäßig, Was in den Sprung ihm läuft, hinunterschlingt; Den _Bären_, der, von Anbeginn gefräßig, Beim späten Nachtmahl tot zu Boden sinkt; Sie sehn den kleinen amüsanten _Affen_ Aus Langeweile seine Kraft verpaffen; Er hat Talent, doch fehlt ihm jede Größe, Drum kokettiert er frech mit seiner Blöße; Sie sehn in meinem Zelte, meiner Seel', Sogar gleich hinterm Vorhang ein _Kameel_! -- Und sanft schmiegt das Getier sich mir zu Füßen, Wenn -- (er schießt ins Publikum) -- donnernd mein Revolver knallt. Rings bebt die Kreatur; ich bleibe kalt -- Der _Mensch_ bleibt kalt! -- Sie ehrfurchtsvoll zu grüßen.

Hereinspaziert! -- Sie traun sich nicht herein? -- Wohlan, Sie mögen selber Richter sein! Sie sehn auch das Gewürm aus allen Zonen: Chamäleone, Schlangen, Krokodile, Drachen und Molche, die in Klüften wohnen. Gewiß, ich weiß, Sie lächeln in der Stille Und glauben mir nicht eine Silbe mehr -- (er lüftet den Türvorhang und ruft in das Zelt:) He, Aujust! Bring mir unsre _Schlange_ her!

(Ein schmerbäuchiger Arbeiter trägt die Darstellerin der Lulu in ihrem Pierrotkostüm aus dem Zelt und setzt sie vor dem Tierbändiger nieder)

Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, Zu locken, zu verführen, zu vergiften -- Zu morden, ohne daß es einer spürt.

(Lulu am Kinn krauend:)

Mein süßes Tier, sei ja nur nicht _geziert_! Nicht _albern_, nicht _gekünstelt_, nicht _verschroben_, Auch wenn die Kritiker dich weniger loben. Du hast kein Recht, uns durch Miaun und Fauchen Die _Urgestalt_ des _Weibes_ zu verstauchen, Durch Faxenmachen uns und Fratzenschneiden Des _Lasters Kindereinfalt_ zu verleiden! Du sollst -- drum sprech ich heute sehr ausführlich -- _Natürlich_ sprechen und nicht unnatürlich! Denn erstes Grundgesetz seit frühster Zeit In jeder Kunst war _Selbstverständlichkeit_!

(Zum Publikum)

Es ist jetzt nichts Besondres dran zu sehen, Doch warten Sie, was später wird geschehen: Mit starkem Druck umringelt sie den Tiger; Er heult und stöhnt! -- Wer bleibt am Ende Sieger?! -- -- Hopp, Aujust! Marsch! Trag sie an ihren Platz --

(Der Arbeiter nimmt Lulu quer auf die Arme; der Tierbändiger tätschelt ihr die Hüften.)

Die süße Unschuld -- meinen größten Schatz!

(Der Arbeiter trägt Lulu ins Zelt zurück.)

Und nun bleibt noch das Beste zu erwähnen: Mein Schädel zwischen eines Raubtiers Zähnen. Hereinspaziert! Das Schauspiel ist nicht neu, Doch seine Freude hat man stets dabei. Ich wag' es, ihm den Rachen aufzureißen, Und dieses Raubtier wagt nicht zuzubeißen. So _schön_ es ist, so _wild_ und _buntgefleckt_, Vor meinem Schädel hat das Tier Respekt! Getrost leg' ich mein Haupt ihm in den Rachen; Ein _Witz_ -- und meine beiden Schläfen krachen! Dabei verzicht' ich auf des Auges Blitz; Mein _Leben_ setz' ich gegen _einen Witz_; Die Peitsche werf' ich fort und diese Waffen Und geb' mich _harmlos_, wie mich Gott geschaffen. -- Wißt ihr den Namen, den dies Raubtier führt? -- -- Verehrtes Publikum -- -- Hereinspaziert!!

Der Tierbändiger tritt unter Zimbelklängen und Paukenschlägen in das Zelt zurück.

Erster Aufzug

(Geräumiges Atelier. -- Rechts hinten Entreetür, rechts vorn Seitentür zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrnateppich. Links vorn zwei Staffeleien. Auf der hinteren das Brustbild eines jungen Mädchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine Ottomane. Darüber ein Tigerfell. Rechts an der Wand zwei Sessel. Im Hintergrund eine Trittleiter.)

Erster Auftritt

Schwarz und Schön

Schön

(auf dem Fußende der Ottomane sitzend, mustert das Brustbild auf der hinteren Staffelei)

Wissen Sie, daß ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennen lerne?

Schwarz

(Pinsel und Palette in der Hand, steht hinter der Ottomane)

Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte. -- Es war mir kaum möglich, einen einzigen Zug dauernd festzuhalten.

Schön

(auf das Bild deutend, ihn ansehend)

Finden Sie das darin?

Schwarz

Ich habe das Erdenklichste getan, um durch meine Unterhaltung während der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen.

Schön

Dann verstehe ich den Unterschied.

Schwarz

(taucht den Pinsel ins Ölnäpfchen und überstreicht die Gesichtszüge)

Schön

Glauben Sie, es wird dadurch ähnlicher?

Schwarz

Man kann nicht mehr tun, als es mit der Kunst so gewissenhaft wie möglich nehmen.

Schön

Sagen Sie mal ...

Schwarz (zurücktretend)

Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen.

Schön

(ihn ansehend)

Haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Weib geliebt?

Schwarz

(geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf der anderen Seite zurück)

Der Stoff ist noch nicht genügend abgehoben. Man sieht noch nicht recht, daß ein lebender Körper darunter ist.

Schön

Ich zweifle nicht daran, daß die Arbeit gut ist.

Schwarz

Wenn Sie hierher treten wollen.

Schön

(sich erhebend)

Sie müssen ihr wahre Schauergeschichten erzählt haben.

Schwarz

So weit wie möglich zurück.

Schön

(zurücktretend, stößt die an die vordere Staffelei gelehnte Leinwand um)

Pardon ...

Schwarz

(den Rahmen aufhebend)

O bitte ...

Schön (betroffen)

Was ist das ...

Schwarz

Kennen Sie sie?

Schön

Nein.

Schwarz

(setzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als Pierrot gekleidet mit einem hohen Schäferstab in der Hand)

Ein Kostümbild.

Schön

Die ist Ihnen aber gelungen.

Schwarz

Sie kennen sie?

Schön

Nein. Und in dem Kostüm?

Schwarz

Es fehlt noch die ganze Ausführung.

Schön

Na ja.

Schwarz

Was wollen Sie. Während sie mir steht, habe ich das Vergnügen, ihren Mann zu unterhalten.

Schön

Sagen Sie ...

Schwarz

Über Kunst natürlich, um mein Glück zu vervollständigen.

Schön

Wie kommen Sie denn zu der reizenden Bekanntschaft?

Schwarz

Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fällt mir hier herein, ob ich seine Frau malen könne. Nun natürlich, und wenn sie runzlich wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Türen auf, und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fühle jetzt noch, wie mir die Kniee schwankten. Ein stocksteifer, saftgrüner Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei. Denken Sie sich meine Lage. Ich öffne die Tür da (nach rechts deutend). Nur ein Glück, daß schon alles in Ordnung war. Das süße Geschöpf huscht hinein, und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf tritt sie in diesem Pierrot heraus. (Den Kopf schüttelnd) Ich habe nie so was gesehen. (Geht nach rechts und starrt an die Schlafzimmertür hin.)

Schön

(der ihm mit dem Blick gefolgt)

Und der Schmerbauch steht Schildwache?

Schwarz

(sich umwendend)

Der ganze Körper im Einklang mit dem unmöglichen Kostüm, als wäre er darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu vergraben, die Füßchen vom Teppich zu heben -- mir schießt oft das Blut zu Kopf ...

Schön

Das sieht man dem Bild an.

Schwarz (kopfschüttelnd)

Unsereiner, wissen Sie ...

Schön

Hier führt das Modell die Konversation.

Schwarz

Sie hat den Mund noch nicht aufgetan.

Schön

Ist's möglich!

Schwarz

Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Kostüm zeige. (Nach rechts ab.)

Schön

(allein, vor dem Pierrot)

Eine Teufelsschönheit. (Vor dem Brustbild) Hier ist mehr Fond. (Nach vorn kommend) Er ist noch etwas jung für sein Alter.

Schwarz

(kommt mit einem weißen Atlaskostüm zurück)

Was das für Stoff sein mag?

Schön

(den Stoff befühlend)

Atlas.

Schwarz

Und alles in einem Stück.

Schön

Wie kommt man denn da hinein?

Schwarz

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Schön

(das Kostüm bei den Beinen nehmend)

Diese riesigen Hosenpfeifen!

Schwarz

Die linke rafft sie hinauf.

Schön

(auf das Bild sehend)

Bis übers Knie!

Schwarz

Sie macht das zum Entzücken.

Schön

Und transparente Strümpfe?

Schwarz

Die wollen nämlich gemalt sein.

Schön

O, das können Sie.

Schwarz

Dabei von einer Koketterie!

Schön

Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht?

Schwarz

Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. (Trägt das Kostüm in sein Schlafzimmer.)

Schön (allein).

Wenn man schläft ....

Schwarz

(kommt zurück, sieht nach der Uhr)

Wenn Sie übrigens ihre Bekanntschaft machen wollen ...

Schön

Nein.

Schwarz

Sie müssen im Augenblicke hier sein.

Schön

Wie oft wird denn die Dame noch sitzen müssen?

Schwarz

Ich werde die Tantalusqual wohl noch ein Vierteljahr zu erdulden haben.

Schön

Ich meine die Andere.

Schwarz

Entschuldigen Sie. Dreimal höchstens. (Ihn zur Tür geleitend) Wenn mir die Dame dann nur ihre Taille dalassen will.

Schön

Mit Vergnügen. Lassen Sie sich bald wieder bei mir sehen. (Stößt in der Tür auf Dr. Goll und Lulu) In Gottes Namen.

Zweiter Auftritt

Dr. Goll. Lulu. Die Vorigen.

Schwarz

Darf ich vorstellen ...

Goll (zu Schön)

Was treiben denn Sie hier?

Schön

(Lulu die Hand küssend)

Frau Medizinalrat.

Lulu

Sie wollen doch nicht schon gehen?

Goll

Welcher Wind führt denn Sie hierher?

Schön

Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen.

Lulu

(nach vorn kommend)

Ihre Braut ist hier?

Goll

Sie lassen hier also auch arbeiten?

Lulu

(vor dem Brustbild)

Sieh da! Bezaubernd! Entzückend!

Goll

(sich umsehend)

Sie halten sie wohl hier irgendwo versteckt?

Lulu

Das ist also das süße Wunderkind, das Sie zu einem neuen Menschen gemacht ...

Schön

Sie sitzt meistens am Nachmittag.

Goll

Und davon erzählen Sie einem nichts?

Lulu

(sich umwendend)

Ist sie denn wirklich so ernst?

Schön

Wohl noch die Nachwirkung der Pensionszeit, gnädige Frau.

Goll

(vor dem Brustbild)

Man sieht, daß Sie eine tiefgehende Wandlung durchgemacht haben.

Lulu

Nun dürfen Sie sie aber auch nicht mehr länger warten lassen.

Schön

In vierzehn Tagen denke ich unsere Verlobung bekannt zu machen.

Goll (zu Lulu)

Laß uns keine Zeit verlieren. Hopp!

Lulu (zu Schön)

Denken Sie, wir fuhren im Trab über die neue Quaibrücke. Ich habe selber kutschiert.

Schön

(will sich verabschieden)

Goll

Nein, nein. Wir Beide sprechen nachher weiter. Geh, Nellie. Hopp!

Lulu

Jetzt kommt's an mich!

Goll

Unser Apelles leckt sich schon die Pinsel ab.

Lulu

Ich hatte mir das viel amüsanter vorgestellt.

Schön

Sie haben dabei immerhin die Genugtuung, uns den seltensten Genuß zu bereiten.

Lulu

(nach rechts gehend)

Na, warten Sie nur.

Schwarz

(vor der Schlafzimmertür)

Wenn Frau Obermedizinalrat so freundlich sein wollen. (Schließt die Tür hinter ihr und bleibt davor stehen.)

Goll

Ich habe sie in unserm Ehekontrakt nämlich Nellie getauft.

Schön

So? -- Ja.

Goll

Was halten Sie davon?

Schön

Warum nennen Sie sie nicht lieber Mignon?

Goll

Das wäre auch was. Daran habe ich nicht gedacht.

Schön

Glauben Sie, daß der Name soviel dabei ausmacht?

Goll

Hm -- Sie wissen, ich habe keine Kinder.

Schön

(sein Zigarettenetui aus der Tasche nehmend)

Sie sind doch aber auch erst ein paar Monate verheiratet.

Goll

Danke. Ich wünsche mir keine.

Schön

Rauchen Sie eine Zigarette?

Goll

(sich bedienend)

Ich habe an dem einen vollkommen genug. (Zu Schwarz) Sagen Sie mal, was macht denn eigentlich Ihre kleine Tänzerin?

Schön

(sich nach Schwarz umwendend)

Sie und eine Tänzerin?

Schwarz

Die Dame saß mir damals nur aus Gefälligkeit. Ich kenne die Dame von einem Ausflug des Cäcilienvereins her.

Goll (zu Schön)

Hm -- ich glaube, wir kriegen anderes Wetter.

Schön

Das geht wohl nicht so rasch mit der Toilette?

Goll

Das geht wie der Blitz! Die Frau muß Virtuosin in ihrem Fach sein. Das muß jeder von uns in seinem Fach, wenn das Leben nicht zur Bettelei werden soll. (Ruft) Hopp, Nellie!

Schwarz

(an der Tür)

Frau Obermedizinalrat!

Lulu

(von innen)

Gleich, gleich.

Goll (zu Schön)

Ich begreife solche Stockfische nicht.

Schön

Ich beneide sie. Diese Stockfische kennen nichts Heiligeres als ihr Hungertuch. Sie fühlen sich reicher als Unsereiner mit 30000 Mark Renten. Sie können übrigens nicht über einen Menschen urteilen, der von Kindesbeinen an von der Palette in den Mund gelebt hat. Nehmen Sie es auf sich, ihn zu finanzieren. Es ist ein Rechenexempel. Mir fehlt der moralische Mut. Man verbrennt sich auch leicht die Finger ...

Lulu

(als Pierrot aus dem Schlafzimmer tretend)

Da bin ich.

Schön

(wendet sich um, nach einer Pause)

Superb!

Lulu (tritt näher)

Nun?

Schön

Sie beschämen die kühnste Phantasie.

Lulu

Wie gefall' ich Ihnen?

Schön

Ein Bild, vor dem die Kunst verzweifeln muß.

Goll

Finden Sie nicht auch?

Schön (zu Lulu)

Sie wissen doch wohl nicht recht, was Sie tun.

Lulu

Ich bin mir meiner vollkommen bewußt!

Schön

Dann dürften Sie etwas besonnener sein.

Lulu

Ich tue ja doch nur meine Schuldigkeit.

Schön

Sie sind gepudert?

Lulu

Was fällt Ihnen ein!

Goll

Sie hat eine weiße Haut, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ich habe unserem Raffael auch gesagt, er möge sich mit dem Fleisch nur ja so wenig wie möglich abgeben. Ich kann mich einmal für die moderne Klexerei nicht begeistern.

Schwarz

(an den Staffeleien, seine Farben präparierend)

Dem Impressionismus dankt es die heutige Kunst jedenfalls, daß sie sich alten Meistern ohne Erröten an die Seite stellen darf.

Goll

Für ein Stück Schlachtvieh mag sie ja ganz angebracht sein.

Schön

Nur um Gotteswillen keine Aufregung!

Lulu

(fällt Goll um den Hals und küßt ihn)

Goll

Man sieht dein Negligé. Du mußt es herunter ziehen.

Lulu

Ich hätte es am liebsten weggelassen. Es geniert nur.

Goll

Er wäre imstande und malte es hin.

Lulu

(nimmt den Schäferstab, der an der spanischen Wand lehnt, auf das Podium steigend, zu Schön)

Was würden Sie jetzt sagen, wenn Sie zwei Stunden Parade stehen müßten?

Schön

Meine Seele verschriebe ich dem Teufel, um mit Ihnen tauschen zu dürfen.

Goll

(sich rechts setzend)

Kommen Sie hierher. Hier ist nämlich mein Beobachtungsposten.

Lulu

(das linke Beinkleid bis zum Knie hinaufraffend, zu Schwarz)

So?

Schwarz

Ja ...

Lulu

(es um eine Idee höher raffend)

So?

Schwarz

Ja, ja ...

Goll

(zu Schön, der auf dem Sessel neben ihm Platz genommen hat, mit einer Handbewegung)

Ich finde sie nämlich von hier aus noch vorteilhafter.

Lulu

(ohne sich zu rühren)

Ich bitte sehr! Ich bin von allen Seiten gleich vorteilhaft.

Schwarz (zu Lulu)

Das rechte Knie weiter vor, bitte.

Schön

(mit einer Geste)

Der Körper zeigt vielleicht feinere Linien ...

Schwarz

Die Beleuchtung ist heute zum mindesten halbwegs erträglich.

Goll

Sie müssen sie flott hinwerfen! Fassen Sie Ihren Pinsel etwas länger!

Schwarz

Gewiß, Herr Medizinalrat.

Schön

Behandeln Sie sie als Stillleben!

Schwarz

Gewiß, Herr Doktor. (Zu Lulu) Sie pflegten den Kopf um eine Idee höher zu halten, Frau Medizinalrat.

Lulu

(den Kopf hebend)

Malen Sie mir die Lippen etwas geöffnet.

Schön

Malen Sie Schnee auf Eis. Wenn Sie sich dabei erwärmen, dann wird Ihre Kunst sofort unkünstlerisch.

Schwarz

Gewiß, Herr Doktor!

Goll

Die Kunst, wissen Sie, muß die Natur so wiedergeben, daß man wenigstens _geistig_ dabei genießen kann!

Lulu

(den Mund etwas öffnend, zu Schwarz)

So -- sehen Sie. So halte ich sie halb geöffnet.

Schwarz

Sobald die Sonne kommt, wirft die Mauer von gegenüber warme Reflexe herein.

Goll (zu Lulu)

Du mußt dich in deiner Stellung überhaupt so verhalten, als ob unser Velasquez hier gar nicht vorhanden wäre.

Lulu

Ein Maler ist doch auch eigentlich gar kein Mann.

Schön

Ich glaube nicht, daß Sie von einer rühmlichen Ausnahme so ohne Weiteres auf die ganze Zunft schließen dürfen.

Schwarz

(von der Staffelei zurücktretend)

Ich hätte mir im vergangenen Herbst doch lieber ein anderes Atelier mieten müssen.

Schön (zu Goll)

Was ich fragen wollte -- haben Sie die kleine O'Morphi schon als peruanische Perlenfischerin gesehen?

Goll

Morgen sehe ich sie mir zum viertenmal an. Der Fürst Polossow führte mich hin. Sein Haar ist vor Entzücken schon wieder dunkelblond geworden.

Schön

Sie finden sie also auch so fabelhaft?

Goll

Wer will das je im Voraus beurteilen!

Lulu

Ich glaube, es hat geklopft.

Schwarz

Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. (Geht zur Türe und öffnet)

Goll

Du darfst ihn getrost etwas unbefangener anlächeln.

Schön

Dem macht das gar nichts.

Goll

Und wenn! -- Wozu sitzen wir Beide denn hier!

Dritter Auftritt

Alwa Schön. Die Vorigen.

Alwa

(noch hinter der spanischen Wand)

Darf man eintreten?

Schön

Mein Sohn.

Lulu

Das ist ja Herr Alwa!

Goll

Kommen Sie nur ungeniert herein!

Alwa

(vortretend, reicht Schön und Goll die Hand)

Herr Medizinalrat ... (sich nach Lulu umwendend) Seh ich recht? -- Wenn ich Sie doch nur für meine Hauptrolle engagieren könnte!

Lulu

Ich würde für Ihr Stück wohl kaum gut genug tanzen.

Alwa

Aber Sie haben doch einen Tanzlehrer, wie man ihn an keiner Bühne Europas findet!

Schön

Was führt dich denn hierher?

Goll

Sie lassen hier wohl auch insgeheim irgend Jemanden porträtieren?

Alwa (zu Schön)

Ich wollte dich zur Generalprobe abholen.

Schön

(erhebt sich)

Goll

Lassen Sie denn heute schon in vollem Kostüm tanzen?

Alwa

Versteht sich. Kommen Sie mit. In fünf Minuten muß ich auf der Bühne sein. (Zu Lulu) Ich Unglücklicher!

Goll

Ich habe ganz vergessen -- wie nennt sich doch Ihr Ballett?

Alwa

Dalailama.

Goll

Ich glaubte, der wäre im Irrenhaus.

Schön

Sie meinen Nietzsche, Herr Sanitätsrat.

Goll

Sie haben recht. Ich verwechsle die Beiden.

Alwa

Ich habe dem Buddhismus auf die Beine geholfen.

Goll

An den Beinen erkennt man den Bühnendichter.

Alwa

Die Corticelli tanzt den jugendlichen Buddah als hätte sie am Ganges das Licht der Welt erblickt.

Schön

Solang die Mutter noch lebte, tanzte sie mit den Beinen ...

Alwa

Als sie dann frei wurde, tanzte sie mit dem Verstande ...

Goll

Jetzt tanzt sie mit dem Herzen!

Alwa

Wenn Sie sie sehen wollen?

Goll

Danke.

Alwa

Kommen Sie doch mit!

Goll

Unmöglich!

Schön

Wir haben übrigens keine Zeit zu verlieren.

Alwa

Kommen Sie mit, Herr Medizinalrat. Im dritten Akt sehen Sie Dalailama in seinem Kloster, mit seinen Mönchen.

Goll

Mir wäre es lediglich um den jugendlichen Buddah zu tun.

Alwa

Was hindert Sie denn?

Goll

Es geht nicht. Es geht nicht.

Alwa

Wir gehen nachher zu Peters. Da können Sie Ihrer Bewunderung Ausdruck geben.

Goll

Dringen Sie nicht weiter in mich. Ich bitte Sie.

Alwa

Sie sehen die zahmen Affen, die beiden Bramanen, die kleinen Mädchen ...

Goll

Bleiben Sie mir nur um Gottes Willen mit den kleinen Mädchen vom Halse!

Lulu

Reservieren Sie uns eine Proszeniumsloge auf Montag, Herr Alwa!

Alwa

Wie konnten gnädige Frau daran zweifeln.

Goll

Wenn ich zurückkomme, hat mir der Höllenbreugel das ganze Bild verpatzt!

Alwa

Das wäre doch kein Unglück. Das läßt sich übermalen.

Goll

Wenn man dem Caravacci nicht jeden Pinselstrich expliziert ...

Schön

Ich halte Ihre Befürchtungen übrigens für unbegründet.

Goll

Das nächste Mal, meine Herren!

Alwa

Die Bramanen werden ungeduldig! Die Töchter Nirvanas schlottern in ihren Trikots!

Goll

Verdammte Klexerei!!

Schön

Man wird uns auszanken, daß wir Sie nicht mitbringen.

Goll

In fünf Minuten bin ich zurück. (Stellt sich links vorn hinter Schwarz und vergleicht das Bild mit Lulu.)

Alwa (zu Lulu)

Mich ruft leider die Pflicht, gnädige Frau.

Goll (zu Schwarz)

Sie müssen hier ein wenig mehr modellieren. Das Haar ist schlecht. Sie sind nicht genug bei der Sache ...

Alwa

Kommen Sie.

Goll

Nun nur Hopp! Zu Peters bringen mich keine zehn Pferde.

Schön

(Alwa und Goll folgend)

Wir nehmen meinen Wagen, der unten steht.

Vierter Auftritt

Schwarz. Lulu.

Schwarz

(beugt sich nach links, spuckt aus)