Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst
Chapter 4
Ein solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern dem Glauben nach, muß, falls er von der Zukunft der Musik träumt, auch von einer Erlösung der Musik vom Norden träumen und das Vorspiel einer tieferen, mächtigeren, vielleicht böseren und geheimnisvolleren Musik in seinen Ohren haben, einer überdeutschen Musik, welche vor dem Anblick des blauen, wollüstigen Meeres und der mittelländischen Himmelshelle nicht verklingt, vergilbt, verblaßt, wie es alle deutsche Musik tut, einer übereuropäischen Musik, die noch vor den braunen Sonnenuntergängen der Wüste recht behält, deren Seele mit der Palme verwandt ist und unter großen, schönen, einsamen Raubtieren heimisch zu sein und zu schweifen versteht. -- --
Ich könnte mir eine Musik denken, deren seltenster Zauber darin bestände, daß sie von Gut und Böse[19] nichts mehr wüßte, nur daß vielleicht irgendein Schifferheimweh, irgendwelche goldne Schatten und zärtliche Schwächen hier und da über sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von großer Ferne her die Farben einer untergehenden, fast unverständlich gewordenen moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und die gastfreundlich und tief genug zum Empfang solcher späten Flüchtlinge wäre ...«
[19] Hier macht sich Nietzsche eines Widerspruchs schuldig; träumt er vorher von einer vielleicht »böseren« Musik, so denkt er sich jetzt eine Musik, die »von Gut und Böse nichts mehr wüßte«; -- doch war mir bei der Anführung um den letzteren Sinn zu tun.
Und Tolstoi läßt einen landschaftlichen Eindruck zu Musikempfindung werden, wenn er in »Luzern« schreibt:
»Weder auf dem See, noch an den Bergen, noch am Himmel eine einzige gerade Linie, eine einzige ungemischte Farbe, ein einziger Ruhepunkt -- überall Bewegung, Unregelmäßigkeit, Willkür, Mannigfaltigkeit, unaufhörliches Ineinanderfließen von Schatten und Linien, und in allem die Ruhe, Weichheit, Harmonie und Notwendigkeit des Schönen.«
Wird diese Musik jemals erreicht?
»Nicht alle erreichen das Nirwana; aber jener, der von Anfang an begabt, alles kennenlernt, was man kennen soll, alles durchlebt, was man durchleben soll, verläßt, was man verlassen soll, entwickelt, was man entwickeln soll, verwirklicht, was man verwirklichen soll, der gelangt zum Nirwana.«[20] (Kern, »Geschichte des Buddhismus in Indien«).
[20] Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage (1906) Mr. Vincent d'Indy: »_.... laissant de côté les contingences et les petitesses de la vie pour regarder constamment vers un idéal, qu'on ne pourra jamais atteindre, mais dont il est permis de se rapprocher._«
Ist Nirwana das Reich »Jenseits von Gut und Böse«, so ist hier ein Weg dahin gewiesen. Bis an die Pforte. Bis an das Gitter, das Menschen und Ewigkeit trennt -- oder das sich auftut, das zeitlich Gewesene einzulassen. Jenseits der Pforte ertönt Musik. Keine Tonkunst.[21] -- Vielleicht, daß wir erst selbst die Erde verlassen müssen, um sie zu vernehmen. Doch nur dem Wanderer, der der irdischen Fesseln unterwegs sich zu entkleiden gewußt, öffnet sich das Gitter. --
[21] Ich glaube gelesen zu haben, daß Liszt seine Dante-Symphonie auf die beiden Sätze »_Inferno_« und »_Purgatorio_« beschränkte, »weil unsere Tonsprache für die Seligkeiten des Paradieses nicht ausreichte.«
Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei in Altenburg.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
élémentaires sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouves, élémentaires sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouvés,
Gewitter in Tönen zu beschreiben, welches nicht nur eine unnötige nud Gewitter in Tönen zu beschreiben, welches nicht nur eine unnötige und
[7] Aus Offenbachs »_Les contes d' Hoffmann_«. [7] Aus Offenbachs »_Les contes d'Hoffmann_«.
ein für allemal schon vorhanden. Selbst der ungebildetetste Laie weiß, was ein für allemal schon vorhanden. Selbst der ungebildetste Laie weiß, was ]