Part 2
Du, ich schrie, als ich dein Antlitz sah, dort an der Bahn, so überwältigt von geheimem Wahn, vom Zwiespalt war es als wie eines Henkers Gesicht! -- ich schrie trostlos in mich hinein und betete nur dieses: tot zu sein vor deinem Tod! --
Der Mann:
Ich bin vor dir sehr klein! Ich wollte mit der Fülle des Beschenkers, des Früchtereichenden, des Spendenden, mit goldnen Festen, niemals endenden, dir nahn -- ich wollte diese hohen Tage zu einem Reigen reiner Lust dir machen, verheimlichen, wie ich mich selbst zernage im Leid, und wollte lachen, über Trümmern lachen! --
Die Frau:
Du -- dieser Ton zerschneidet mir die Sinne! Glaubst du noch immer: opfern hieße lieben?
Der Mann:
Jetzt werd' ich erst mit Mörderreue inne, wie sehr mein Mut vor dir zurückgeblieben und zahm geworden ist; ich war ein Hund, den nur sein Hunger auf die Fährte hetzte, ich jagte, jagte mir die Füße wund --
Die Frau (innig):
Du bist der Erste und du bist der Letzte; du hast mich nie getäuscht; oft war es schwer, dir gut zu sein -- was wäre denn die Güte, wenn sie uns mühelos im Gärtchen blühte -- ohne dich wäre mein Erleben leer!
Der Mann:
-- Deute mir dies: ich wandle auf den Höhen, die ich ersehnte wie ein Hungerbrot, wandle mit dir allein, und spüre Not und Nichtigkeit, und ist mir nun, als flöhen mich alle Engel dieser grünen Gründe und aller ihrer Felsen In-Sich-Ruhn und ihrer Teiche Paradies, als stünde auf heiligem Boden ich mit staubigen Schuhn unwürdig, anzubeten!
Die Frau:
Was ist Sünde? Wir tun ja doch nur, was wir müssen tun! Und du hast immer so an dir gelitten, daß tausendfach dir längst vergeben ist.
Der Mann:
Vielleicht war meine Einsamkeit nur List, das zu erschleichen, was sich die erstritten, die Freundschaft über sich ergehen ließen und nicht verzweifelten, wenn Liebe schlug . . .
Die Frau:
. . . und die im ersten Bilde Helden hießen, im letzten: töricht vor dem kleinsten Trug.
Der Mann:
Du reifst und reifst mit dieser Berge Reifen, ich schrumpfe immer widriger zum Zwerg.
Die Frau:
Denk' an dein Werk, an nichts als an dein Werk, so wirst du dich als Siegenden begreifen!
Der Mann:
Ich schäme mich der Unrast, die mich knechtet: nicht eine Stunde leb' ich meinem Stern! Ich setzte meinen Sklaven mir zum Herrn und hab' mich selbst aus Eigennutz entrechtet. Wie schäm' ich mich vor dieser Dinge Größe, wie wünschte ich, ein Baum, ein Fels zu sein: Zwecklosigkeit des Gottes ist im Stein, im Zweige mehr als in der Menschenblöße, die immer nach dem Mantel jagen muß und immer, in ein kleinlich Ziel gezäunt, zum Finstern Feind sagt und zum Frohen Freund!
Die Frau:
Du quälst dich so . . . ich weiß nicht . . . dieser Kuß auf deine wehzerquälte Stirn, das Letzte, was ich zu geben habe . . . ich bin arm . . . ein Obdach nur . . . ich weiß wie dich der Schwarm der bösen Ängste durch das Dickicht hetzte . . . o hetzte er dich doch an meine Brust! ich will dich hüten und ich will dich halten, und wenn du wieder einsam wandern mußt, will ich zu Haus sein und die Hände falten, für dich zu beten, will gern einsam bleiben und nur mit deiner Einsamkeit vermählt!
Der Mann:
Ich habe dich so namenlos gequält . . .
Die Frau:
Wie du dich selbst gequält hast!
Der Mann:
Sieh, es treiben die Nebel durch den schmalen Klippenspalt . . . die Wälder singen . . . Orgelfugen rauschen . . .
Die Frau:
Es rauscht mein Blut! -- Hier will ich stehn und lauschen, ob unserm Weh kein Echo widerhallt . . . Gott, sei uns gut!
Der Mann:
Versuche nicht die Tiefen, wenn du mit mir bist, denn an mir ist Fluch, seit Kain!
Die Frau (mutig):
Wie meine Mütter einst dich riefen, rufe ich dich: laß jenen durch ein Buch, durch eine schemenhafte Pflicht . . . um kleiner Hingebung willen nicht zuschanden werden! Gott, sei uns gut! -- -- oder du hast auf Erden nicht einen Spiegel mehr! . . .
Der Mann (mit ihr knieend):
Gott! mach' uns reiner als Morgenröte über Gipfelwiesen! Laß deine Liebe sich mit ihrer Liebe verschwistern! -- Gott! Ich Zwerg vor ewig Riesen! . . . Und daß mir nur ein Traum von ihren bliebe!
Die Frau:
Nimm ihm die Demut, nimm ihm alles Bange und mach' ihn so mit meinem Leben reich! -- -- Ich sterbe gern . . .
Der Mann:
Wir sterben Wang' an Wange . . .
Stimme aus den Wolken:
Und werdet Ihm mit Stein und Sternen gleich.
Aus der Nachfolge Jakob Böhmes
(Mit brüderlichen Grüßen zu Franz Jung)
»Gestellet für uns selbsten zum Ingedenk und Aufrichtung in dieser verwirreten, elenden und trübseligen Zeit . . .«
_Jakob Böhme_ ^De triplici vita hominis.^
In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen
In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen erzittre ich mit dem verirrten Kinde, das fremde Menschen auf die Festtribüne tragen, und der Trompeter bläst, daß es die Mutter finde.
Die Grillen zirpten und die Sterne sangen, und Gott ging neben mir und war so gut, und lächelnd spielt' ich mit den goldnen Spangen an seinem Hut.
Und fremde Schatten silberten sich seiden aus einem großen fremden Mond, mein Herz sprang brennend durch die dunklen Weiden und sang: O kommt!
Kommt wieder Lampen meiner Stadt und Hallen und hebt mein Haupt in weiße Kissen, die sich wallend ballen, und Lieder, die von Gottes Abschied fallen in einen Traum, der an ihn glaubt.
Dieser Welt entgrüntes Witwentum
Witwe wurde ich der Wunder weiland, welche Gottes Bräutigam verhieß, und ich warf mich vom verzückten Heiland, der die Kindlein zu sich kommen ließ.
Was entlief ich, ehe der Empfängnis überschwenglich Rauschen mich befiel, zirkelte Mariens Herbstbedrängnis in ein fruchtlos spottend Frühlingsspiel?
Und verfrühte, was mir frommen konnte: wachen Abend, den der Sommer segnet; goldnen Mittag, den September sonnte -- -- --
Und von nichts als Eitelkeit umflossen, bin ich allzu herb in mir verschlossen, daß mein Herz vergißt, wem es begegnet.
Auch der Zweifler bleibt in Gottes Sphäre
Heile Hunger, Giftqual und Begierde und verschütte jede Leidenschaft, jeden Zank, der nicht zu Gottes Zierde seine Schiedlichkeit zusammenrafft!
Aber was, noch mit sich selber streitend, seine Fackel nach den Wolken wirft, Schild und Schild zur Sonnenbrücke breitend, über die der Fuß gen Eden schlürft:
sei geschürt zum ungeheuren Brande, der in einer Flamme sich verzehrt über Feindes-Lande, Freundes-Lande!
Und die Stadt, die sich vor Gott verstockt, weil sie ihn noch gütiger begehrt, gilt ihm mehr, als die ihn lächelnd lockt.
Herr, kannst du nicht die Dinge strafen
Herr, kannst du nicht die Dinge strafen, sie widerstreben deinem Sohn: der Kissen Eigensinn läßt ihn nicht schlafen und in Verzweiflung treibt das Telephon.
Die Lampe macht sich launenhaft zum Feinde, mit dem ein ungewisser Krieg beginnt, und eine ganze drohende Gemeinde hat Hinterhälte, wo sie Aufruhr sinnt.
Die Dunkelheit ist stumm im Bunde mit jeder Ecke, jeder Wand, es höhnt die Uhr mit falscher Stunde und Rundes rinnt aus meiner Hand.
Und viel ist störrisch in Verstecken, die Riegel geben mir nicht nach -- Herr, soll mich noch ein Stein beflecken, ein hohles Holz mit solcher Schmach?
Oder: sind dir die Dinge näher und mehr dein Sohn, als ich es bin, und stelltest du sie mir als Späher um meine Leidenschaften hin?
Damit sie mich vor dir erproben und Spiegel meiner Schwachheit sind -- wie wird mein Bitten, wird mein Toben an ihnen ein vertaner Wind!
Daß ich an ihnen Demut lerne und die Geduld, die bei dir thront, damit ein Hauch von deinem Sterne mit mir im gleichen Raume wohnt.
Damit ich ohne Überheben behüte, was mir Nachbar bleibt, und weiß: der Dinge Dämmern und mein Leben sind deiner Einsamkeit gleich einverleibt.
Ich nahm den sehr verhaßten Pfad -- --
Ich nahm den sehr verhaßten Pfad, wo zwischen modernden Teichen dich ein Hohlweg fängt; wo Dunst von Unrat und verwesten Fischen als Wolke über deinem Atem hängt; wo immer Nacht ist; wo sich die Gedanken wie Kröten ducken in das düstre Moor und deine Wünsche sich mit widrig kranken, geifernden Gliedern klammern an das Rohr. Dort suchte ich das Letzte zu erschleichen, ob es mir irgend noch beschieden sei, in deiner frechsten Fratze zu erbleichen, Mißton zu spein aus deinem Eulenschrei. Ich suche dich in deiner letzten Öde, in deiner Scham, in der dich keiner liebt, ich aber suche noch die glücklos blöde Grimasse, die dein Angesicht verschiebt, und ich will lieben deine scheelste Schande, der ich in deinem Stolz nicht leuchten darf, und den sein Schicksal aus dem Morgenlande erträumter Heimat als Enterbten warf. Leicht ist es, dich im lichten Laub zu finden, -- ich will dich, wo du heillos häßlich bist, feindselig und entstellt, mit gierig blinden, tappenden Gesten abgefeimter List Nachstellungen ersinnst und Hinterhälte und nicht das eigne Königtum mehr kennst, wo eine künstlich hingehaltne Kälte die Flamme leugnet, drin du qualvoll brennst. Ich suche dich in deinem schlimmsten Flecken, dort, wo du wertlos und voll Ekel sinkst, will ich für meine Demut dich entdecken, daß du mit mir aus einem Scherben trinkst, die schale Fäulnis trinkst, und doch derselben lechzenden Durstbegierde einverleibt dein Mund und meiner, und in schmutzig gelben Lehmfurchen meine Spur an deiner bleibt; mit dir ein Schade sein und ein Gebrechen, die letzte Gnade, die ich mir erbat, mit dir die lästerlichsten Zoten sprechen, mit dir der Helfer widerlichster Tat: doch irgendwie in deine Schlucht zu schlüpfen und teilzuhaben, sei es, wo zuletzt du dich verlierst, mich innig zu verknüpfen dem Netz, in das der gleiche Haß uns hetzt, ist Gnade vor der einsam blauen Lichtung, wo Reinheit Rache wird am fernen Mond, und noch mit dir Verrat und Selbstvernichtung ist mehr als Ewigkeit, die einsam thront.
Veracht' ich mich, um Gott mehr zu gefallen?
Veracht' ich mich, um Gott mehr zu gefallen? Mach' ich ein Fest aus abgeschriebnen Federn? Wein' ich mich sacht in Schlaf . . . und werden Zedern entrücken mich in endlos grüne Hallen?
Fühl' ich, wie du mich trägst? Schöpft aus der Quelle die Hand, die mich behütete, ein Leben, das nie vergeht? Und kehrt nicht zaghaft eben der Zweifler in das Dunkel der Kapelle?
Soll meinen Schlummer fremder Atem kräuseln, der Irrtum dessen, dem ich mich entäußre und dienen will, wenn mich Erkenntnis stäupt?
Du tust mich in dein Rechnen, und betäubt erduld' ich es, und, ob mein Stolz sich sträubt, ist nur mein Herz noch Uhrwerk im Gehäuse.
Himmelfahrt
Brand in Inbrunst himmlischer Essenz brach aus seines Hingangs Heiligkeiten, Strahl des ersten Blütenlichts im Lenz und der Schatten schräg an seinem Schreiten.
Und das Feuer unter seines Fußes hingewölbter Schwinge ward Figur, und der Mondschein des Mariengrußes spiegelte die Perlen auf der Schnur.
Da er zögert im Triumph der Zeichen, lockt verfänglich Satans letzte Lust: sich dem Gärtner Gottes zu vergleichen.
Und er strauchelt fast . . . und bleibt gebückt . . . bis sein Gang, sein Lächeln, seiner Brust tiefe Melodie ihn weit entrückt.
Des Erlösers letzter Sieg
Seine stillen Augen sind Kristalle, die des Tages dunkles Kreuz bewahren aufgehängt in seinen hellen Haaren schaukelt klingend unsers Abends Halle . . .
Aber als ein Sturm mit den Gestirnen unsanft spielt, birst seines wolkenbleichen Angesichtes Schild und züngelt Zeichen, die bedrohn, und Wunder, welche zürnen.
Aus der Brust, die plötzlich aufgebrochen rot Vulkan ist, sprengt das Herz Verbluten unter den entbrannten Dornenruten seiner schmerzhaft steilgebäumten Knochen.
Doch zwei Hände bleiben, die erblindet auf dem grünen Hirtenstabe rasten, daß zur Nacht, die zärtlich sie betasten, alles wieder seinen Frieden findet.
End of Project Gutenberg's Empörung + Andacht, Ewigkeit, by Max Herrmann-Neiße