[Einleitung zu:] Thomas Carlyle, Leben Schillers
Chapter 2
"Hat er auch ein Selbstbewusstseyn, welches oft in Stolz ausartet, so ist es ein edler Stolz, um abzuwehren, nicht um anzugreifen, kein kaltes misslaunisches Gefuehl, ein freyes und geselliges. Dieser poetische Landmann betraegt sich, moechten wir sagen, wie ein Koenig in der Verbannung; er ist unter die Niedrigsten gedraengt und fuehlt sich gleich den Hoechsten; er verlangt keinen Rang, damit man ihm keinen streitig mache. Den Zudringlichen kann er abstossen, den Stolzen demuethigen, Vorurtheil auf Reichthum oder Altgeschlecht haben bey ihm keinen Werth. In diesem dunklen Auge ist ein Feuer, woran sich eine abwuerdigende Herablassung nicht wagen darf; in seiner Erniedrigung, in der aeussersten Noth vergisst er nicht fuer einen Augenblick die Majestaet der Poesie und Mannheit. Und doch, so hoch er sich ueber gewoehnlichen Menschen fuehlt, sondert er sich nicht von ihnen ab, mit Waerme nimmt er an ihrem Interesse Theil, ja er wirft sich in ihre Arme und, wie sie auch seyen, bittet er um ihre Liebe. Es ist ruehrend zu sehen, wie in den duestersten Zustaenden dieses stolze Wesen in der Freundschaft Huelfe sucht, und oft seinen Busen dem Unwuerdigen aufschliesst; oft unter Thraenen an sein gluehendes Herz ein Herz andrueckt, das Freundschaft nur als Namen kennt. Doch war er scharf und schnellsichtig, ein Mann vom durchdringendsten Blick, vor welchem gemeine Verstellung sich nicht bergen konnte. Sein Verstand sah durch die Tiefen des vollkommensten Betruegers, und zugleich war eine grossmuethige Leichtglaeubigkeit in seinem Herzen. So zeigte sich dieser Landmann unter uns: Eine Seele wie Aeolsharfe, deren Saiten vom gemeinsten Winde beruehrt, ihn zu gesetzlicher Melodie verwandelten. Und ein solcher Mann war es fuer den die Welt kein schicklicher Geschaeft zu finden wusste, als sich mit Schmugglern und Schenken herumzuzanken, Accise auf den Talg zu berechnen und Bierfaesser zu visiren. In solchem Abmuehen ward dieser maechtige Geist kummervoll vergeudet, und hundert Jahre moegen vorueber gehen, eh uns ein gleicher gegeben wird, um vielleicht ihn abermals zu vergeuden."
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Und wie wir den Deutschen zu ihrem _Schiller_ Glueck wuenschen, so wollen wir in eben diesem Sinne auch die Schottlaender segnen. Haben diese jedoch unserm Freunde so viel Aufmerksamkeit und Theilnahme erwiesen, so waer' es billig, dass wir auf gleiche Weise ihren _Burns_ bey uns einfuehrten. Ein junges Mitglied der hochachtbaren Gesellschaft, der wir gegenwaertiges im Ganzen empfohlen haben, wird Zeit und Muehe hoechlich belohnt sehen, wenn er diesen freundlichen Gegendienst einer so verehrungswuerdigen Nation zu leisten den Entschluss fassen und das Geschaeft treulich durchfuehren will. Auch wir rechnen den belobten _Robert Burns_ zu den ersten Dichtergeistern, welche das vergangene Jahrhundert hervorgebracht hat.
Im Jahr 1829 kam uns ein sehr sauber und augenfaellig gedrucktes Octavbaendchen zur Hand: _Catalogue of German Publications, selected and systematically arranged for W. H. Koller and Jul. Cahlmann. London._
Dieses Buechlein, mit besonderer Kenntniss der deutschen Literatur, in einer die Uebersicht erleichternden Methode verfasst, macht demjenigen der es ausgearbeitet und den Buchhaendlern Ehre, welche ernstlich das bedeutende Geschaeft uebernehmen eine fremde Literatur in ihr Vaterland einzufuehren, und zwar so dass mann in allen Faechern uebersehen koenne was dort geleistet worden, um so wohl den Gelehrten den denkenden Leser als auch den fuehlenden und Unterhaltung suchenden anzulocken und zu befriedigen. Neugierig wird jeder deutsche Schriftsteller und Literator, der sich in irgend einem Fache hervorgethan, diesen Catalog aufschlagen um zu forschen: ob denn auch seiner darin gedacht, seine Werke, mit andern Verwandten, freundlich aufgenommen worden. Allen deutschen Buchhaendlern wird es angelegen seyn zu erfahren: wie man ihren Verlag ueber dem Canal betrachte, welchen Preis man auf das Einzelne setze und sie werden nichts verabsaeumen um mit jenen die Angelegenheit so ernsthaft angreifenden Maennern in Verhaeltniss zu kommen, und dasselbe immerfort lebendig erhalten.
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Wenn ich nun aber das von unserm Schottischen Freunde vor soviel Jahren verfasste Leben _Schillers_, auf das er mit einer ihm so wohl anstehenden Bescheidenheit zuruecksieht, hiedurch einleite und gegenwaertig an den Tag foerdere, so erlaube er mir einige seiner neusten Aeusserungen hinzuzufuegen, welche die bisherigen gemeinsamen Fortschritte am besten deutlich machen moechten.
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_Thomas Carlyle an Goethe._
den 22. December 1829.
"Ich habe zu nicht geringer Befriedigung zum zweitenmale den _Briefwechsel_ gelesen und sende heute einen darauf gegruendeten Aufsatz ueber _Schiller_ ab fuer das _Foreign Review_. Es wird Ihnen angenehm seyn zu hoeren, dass die Kentniss und Schaetzung der auswaertigen, besonders der deutschen Literatur, sich mit wachsender Schnelle verbreitet so weit die englische Zunge herrscht; so dass bey den Antipoden, selbst in Neuholland, die Weisen Ihres Landes ihre Weisheit predigen. Ich habe kuerzlich gehoert, dass sogar in Oxford und Cambridge, unsern beiden englischen Universitaeten, die bis jetzt als die Haltpuncte der insularischen eigenthuemlichen Beharrlichkeit sind betrachtet worden, es sich in solchen Dingen zu regen anfaengt. Ihr _Niebuhr_ hat in Cambridge einen geschickten Uebersetzer gefunden und in Oxford haben zwei bis drei Deutsche schon hinlaengliche Beschaeftigung als Lehrer ihrer Sprache. Das neue Licht mag fuer gewisse Augen zu stark seyn; jedoch kann Niemand an den guten Folgen zweifeln, die am Ende daraus hervorgehen werden. Lasst Nationen wie Individuen sich nur einander kennen und der gegenseitige Hass wird sich in gegenwaertige Huelfleistung verwandeln, und anstatt natuerlicher Feinde, wie benachbarte Laender zuweilen genannt sind, werden wir alle natuerliche Freunde seyn."
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Wenn uns nach allen diesem nun die Hoffnung schmeichelt, eine Uebereinstimmung der Nationen, ein allgemeineres Wohlwollen werde sich durch naehere Kentniss der verschiedenen Sprachen und Denkweisen, nach und nach erzeugen; so wage ich von einem bedeutenden Einfluss der deutschen Literatur zu sprechen, welcher sich in einem besondern Falle hoechst wirksam erweisen moechte.
Es ist naemlich bekannt genug, dass die Bewohner der drei brittischen Koenigreiche nicht gerade in dem besten Einverstaendnisse leben, sondern dass vielmehr ein Nachbar an dem andern genugsam zu tadeln findet, um eine heimliche Abneigung bey sich zu rechtfertigen.
Nun aber bin ich ueberzeugt, dass wie die deutsche ethisch-aesthetische Literatur durch das dreifache Brittanien sich verbreitet, zugleich auch eine stille Gemeinschaft von _Philogermanen_ sich bilden werde, welche in der Neigung zu einer vierten, so nahverwandten Voelkerschaft, auch unter einander, als vereinigt und verschmolzen sich empfinden werden.
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_Schillers Leben._
_Erster Abschnitt._
_Seine Jugend_ (1759-1784.)
Unter allen Schriftstellern ist am Schluss des letzten Jahrhunderts wohl keiner der Aufmerksamkeit wuerdiger, als _Friedrich Schiller_. Ausgezeichnet durch glaenzenden Geist, erhabenes Gefuehl und edlen Geschmack liess er den schoensten Abdruck dieser selten vereinigten Eigenschaften in seinen Werken zurueck. Der ausgebreitete Ruhm, welcher ihm dadurch geworden, ..........
.... es sind neue Formen der Wahrheiten, neue Grundsaetze der Weisheit, neue Bilder und Scenen der Schoenheit, die er dem leeren formlosen unendlichen Raum abgenommen; zum +ktema eis aei+ oder zum ewigen Eigenthum aller Geschlechter dieses Erdballs. [s. 301.]
.......... die unsere Literatur, so reich sie auch schon an sich ist, noch ungleich mehr bereichern wuerde. [_Anhang_, s. 54.]
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_Naehere Bezeichnung der dargestellten Lokalitaeten._
Titelkupfer, Thomas Carlyles Wohnung in der Graffschaft Dumfries, des suedlichen Schottlands.
Titel-Vignette, dieselbe in der Ferne.
Vorderseite des Umschlags, Wohnung Schillers in Weimar.
Rueckseite des Umschlags, einsames Haeuschen in Schillers Garten, ueber der Jenaischen Leutra, von ihm selbst errichtet; wo er in vollkommenster Einsamkeit manches, besonders Maria Stuart schrieb. Nach seiner Entfernung und erfolgtem Scheiden, trug man es ab, wegen Wandelbarkeit, und man gedachte hier das Andenken desselben zu erhalten.
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[Errors and Anomalies / Fehler und Unregelmaessigkeiten
"genugsam" (three times / drei Mal) _always without umlaut_ _immer ohne Umlaut_ ein Unternehmen, bey welchen man auch _"welchen" in original: "welchem"?_ etwa zehen deutsche Meilen _"zehen" in original_ westwaerts // durch Gallovay _"Gallovay" in original_ _Burns_ war.... _quotation marks in this passage as in original_ _Anfuehrungszeichen in diese Stelle wie im Original_ glaenzenden Geist, erhabenes Gefuehl und edlen // Geschmack _original has "Geschmach"_ _im Original steht "Geschmach"_]