[Einleitung zu:] Thomas Carlyle, Leben Schillers
Chapter 1
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[Illustrations / Abbildungen: Relocated to end of text / Am Ende des Textes zurueckgeschoben]
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Thomas Carlyle
LEBEN SCHILLERS,
aus dem Englischen;
eingeleitet
durch
GOETHE.
Frankfurt am Main, 1830. Verlag von Heinrich Wilmans.
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Der hochansehnlichen Gesellschaft fuer auslaendische schoene Literatur, zu
Berlin.
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Als gegen Ende des vergangenen Jahres ich die angenehme Nachricht erhielt, dass eine mir freundlich bekannte Gesellschaft, welche bisher ihre Aufmerksamkeit inlaendischer Literatur gewidmet hatte, nunmehr dieselbe auf die auslaendische zu wenden gedenke, konnte ich in meiner damaligen Lage nicht ausfuehrlich und gruendlich genug darlegen, wie sehr ich ein Unternehmen, bey welchen man auch meiner auf das geneigteste gedacht hatte, zu schaetzen wisse.
Selbst mit gegenwaertigem oeffentlichen Ausdruck meines dankbaren Antheils geschieht nur fragmentarisch was ich im bessern Zusammenhang zu ueberliefern gewuenscht haette. Ich will aber auch das wie es mir vorliegt nicht zurueckweisen, indem ich meinen Hauptzweck dadurch zu erreichen hoffe, dass ich naemlich meine Freunde mit einem Manne in Beruehrung bringe, welchen ich unter diejenigen zaehle, die in spaeteren Jahren sich an mich thaetig angeschlossen, mich durch eine mitschreitende Theilnahme zum Handeln und Wirken aufgemuntert, und durch ein edles, reines wohlgerichtetes Bestreben wieder selbst verjuengt, mich, der ich sie heranzog, mit sich fortgezogen haben. Es ist der Verfasser des hier uebersetzten Werkes, Herr _Thomas Carlyle_, ein Schotte, von dessen Thaetigkeit und Vorzuegen, so wie von dessen naeheren Zustaenden nachstehende Blaetter ein Mehreres eroeffnen werden.
Wie ich denselben und meine Berliner Freunde zu kennen glaube, so wird zwischen ihnen und ihm eine frohe wirksame Verbindung sich einleiten und beide Theile werden, wie ich hoffen darf, in einer Reihe von Jahren sich dieses Vermaechtnisses und seines fruchtbaren Erfolges zusammen erfreuen, so dass ich ein fortdauerndes Andenken, um welches ich hier schliesslich bitten moechte, schon als dauernd gegoennt, mit anmuthigen Empfindungen voraus geniessen kann.
in treuer Anhaenglichkeit und Theilnahme.
Weimar April 1830.
_J. W. v. Goethe._
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Es ist schon einige Zeit von einer allgemeinen Weltliteratur die Rede und zwar nicht mit Unrecht: denn die saemmtlichen Nationen, in den fuerchterlichsten Kriegen durcheinander geschuettelt, sodann wieder auf sich selbst einzeln zurueckgefuehrt, hatten zu bemerken, dass sie manches Fremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Beduerfnisse hie und da empfunden. Daraus entstand das Gefuehl nachbarlicher Verhaeltnisse, und anstatt dass man sich bisher zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder weniger freyen geistigen Handelsverkehr mit aufgenommen zu werden.
Diese Bewegung waehrt zwar erst eine kurze Weile, aber doch immer lang genug, um schon einige Betrachtungen darueber anzustellen, und aus ihr bald moeglichst, wie man es im Waarenhandel ja auch thun muss, Vortheil und Genuss zu gewinnen.
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Gegenwaertiges, zum Andenken _Schillers_, geschriebene Werk kann, uebersetzt, fuer uns kaum etwas Neues bringen; der Verfasser nahm seine Kenntnisse aus Schriften, die uns laengst bekannt sind, so wie denn auch ueberhaupt die hier verhandelten Angelegenheiten bey uns oefters durchgesprochen und durchgefochten worden.
Was aber den Verehrern _Schillers_, und also einem jeden Deutschen, wie man kuehnlich sagen darf, hoechst erfreulich seyn muss, ist: unmittelbar zu erfahren, wie ein zartfuehlender, strebsamer, einsichtiger Mann ueber dem Meere, in seinen besten Jahren, durch _Schillers_ Productionen beruehrt, bewegt, erregt und nun zum weitern Studium der deutschen Literatur angetrieben worden.
Mir wenigstens war es ruehrend, zu sehen, wie dieser, rein und ruhig denkende Fremde, selbst in jenen ersten, oft harten, fast rohen Productionen unsres verewigten Freundes, immer den edlen, wohldenkenden, wohlwollenden Mann gewahr ward und sich ein Ideal des vortrefflichsten Sterblichen an ihm auferbauen konnte.
Ich halte deshalb dafuer dass dieses Werk, als von einem Juengling geschrieben, der deutschen Jugend zu empfehlen seyn moechte: denn wenn ein munteres Lebensalter einen Wunsch haben darf und soll, so ist es der: in allem Geleisteten das Loebliche, Gute, Bildsame, Hochstrebende, genug das Ideelle, und selbst in dem nicht Musterhaften, das allgemeine Musterbild der Menschheit zu erblicken.
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Ferner kann uns dieses Werk von Bedeutung seyn, wenn wir ernstlich betrachten: wie ein fremder Mann die _Schillerischen_ Werke, denen wir so mannigfaltige Kultur verdanken, auch als Quelle der seinigen schaetzt, verehrt und dies, ohne irgend eine Absicht, rein und ruhig zu erkennen giebt.
Eine Bemerkung moechte sodann hier wohl am Platze seyn: dass sogar dasjenige, was unter uns beynahe ausgewirkt hat, nun, gerade in dem Augenblicke welcher auswaerts der deutschen Literatur guenstig ist, abermals seine kraeftige Wirkung beginne und dadurch zeige, wie es auf einer gewissen Stufe der Literatur immer nuetzlich und wirksam seyn werde.
So sind z. B. _Herders_ Ideen bey uns dergestalt in die Kenntnisse der ganzen Masse uebergegangen, dass nur wenige, die sie lesen, dadurch erst belehrt werden, weil sie, durch hundertfache Ableitungen, von demjenigen was damals von grosser Bedeutung war, in anderem Zusammenhange schon voellig unterrichtet worden. Dieses Werk ist vor kurzem ins Franzoesische uebersetzt; wohl in keiner andern Ueberzeugung als dass tausend gebildete Menschen in Frankreich sich immer noch an diesen Ideen zu erbauen haben.
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In Bezug auf das dem gegenwaertigen Bande vorgesetzte Bild sey folgendes gemeldet: Unser Freund, als wir mit ihm in Verhaeltniss traten, war damals in Edinburgh wohnhaft, wo er in der Stille lebend, sich im besten Sinne auszubilden suchte, und, wir duerfen es ohne Ruhmredigkeit sagen, in der deutschen Literatur hiezu die meiste Foerderniss fand.
Spaeter, um sich selbst und seinen redlichen literarischen Studien unabhaengig zu leben, begab er sich, etwa zehen deutsche Meilen suedlicher, ein eignes Besitzthum zu bewohnen und zu benutzen, in die Grafschaft Dumfries. Hier, in einer gebirgigen Gegend, in welcher der Fluss Nithe dem nahen Meere zustroemt, ohnfern der Stadt Dumfries, an einer Stelle welche Craigenputtock genannt wird, schlug er mit einer schoenen und hoechst gebildeten Lebensgefaehrtin seine laendlich einfache Wohnung auf, wovon treue Nachbildungen eigentlich die Veranlassung zu gegenwaertigem Vorworte gegeben haben.
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Gebildete Geister, zartfuehlende Gemuether, welche nach fernem Guten sich bestreben, in die Ferne Gutes zu wirken geneigt sind, erwehren sich kaum des Wunsches, von geehrten, geliebten, weitabgesonderten Personen das Portrait, sodann die Abbildung ihrer Wohnung, so wie der naechsten Zustaende, sich vor Augen gebracht zu sehen.
Wie oft wiederholt man noch heutiges Tags die Abbildung von Petrarch's Aufenthalt in Vaucluse, Tasso's Wohnung in Sorent! Und ist nicht immer die Bieler Insel, der Schutzort Rousseau's, ein seinen Verehrern nie genugsam dargestelltes Local?
In eben diesem Sinne hab' ich mir die Umgebungen meiner entfernten Freunde im Bilde zu verschaffen gesucht, und ich war um so mehr auf die Wohnung Hrn. _Thomas Carlyle_ begierig, als er seinen Aufenthalt in einer fast rauhen Gebirgsgegend unter dem 55ten Grade gewaehlt hatte.
Ich glaube durch solch eine treue Nachbildung der neulich eingesendeten Originalzeichnungen gegenwaertiges Buch zu zieren und dem jetzigen gefuehlvollen Leser, vielleicht noch mehr dem kuenftigen, einen freundlichen Gefallen zu erweisen und dadurch, so wie durch eingeschaltete Auszuege aus den Briefen des werthen Mannes, das Interesse an einer edlen allgemeinen Laender- und Weltannaeherung zu vermehren.
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_Thomas Carlyle an Goethe._
Craigenputtock den 25. Septbr. 1828.
"Sie forschen mit so warmer Neigung nach unserem gegenwaertigen Aufenthalt und Beschaeftigung, dass ich einige Worte hierueber sagen muss, da noch Raum dazu uebrig bleibt. Dumfries ist eine artige Stadt, mit etwa 15000 Einwohnern und als Mittelpunct des Handels und der Gerichtsbarkeit anzusehen eines bedeutenden Districkts in dem schottischen Geschaeftskreis. Unser Wohnort ist nicht darin, sondern 15 Meilen (zwei Stunden zu reiten) nordwestlich davon entfernt, zwischen den Granitgebirgen und dem schwarzen Moorgefilde, welche sich westwaerts durch Gallovay meist bis an die irische See ziehen. In dieser Wueste von Heide und Felsen stellt unser Besitzthum eine gruene Oase vor, einen Raum von geackertem, theilweise umzaeumten und geschmueckten Boden, wo Korn reift und Baeume Schatten gewaehren, obgleich ringsumher von Seemoeven und hartwolligen Schaafen umgeben. Hier, mit nicht geringer Anstrengung, haben wir fuer uns eine reine, dauerhafte Wohnung erbaut und eingerichtet; hier wohnen wir in Ermangelung einer Lehr- oder andern oeffentlichen Stelle, um uns der Literatur zu befleissigen, nach eigenen Kraeften uns damit zu beschaeftigen. Wir wuenschen dass unsre Rosen und Gartenbuesche froehlich heranwachsen, hoffen Gesundheit und eine friedliche Gemuethsstimmung, um uns zu fordern. Die Rosen sind freylich zum Theil noch zu pflanzen, aber sie bluehen doch schon in Hoffnung.
Zwei leichte Pferde, die uns ueberall hintragen, und die Bergluft sind die besten Aerzte fuer zarte Nerven. Diese taegliche Bewegung, der ich sehr ergeben bin, ist meine einzige Zerstreuung; denn dieser Winkel ist der einsamste in Brittanien, sechs Meilen von einer jeden Person entfernt die mich allenfalls besuchen moechte. Hier wuerde sich Rousseau eben so gut gefallen haben, als auf seiner Insel St. Pierre.
Fuerwahr meine staedtischen Freunde schreiben mein Hierhergehen einer aehnlichen Gesinnung zu und weissagen mir nichts Gutes; aber ich zog hierher, allein zu dem Zweck meine Lebensweise zu vereinfachen und eine Unabhaengigkeit zu erwerben, damit ich mir selbst treu bleiben koenne. Dieser Erdraum ist unser, hier koennen wir leben, schreiben und denken wie es uns am besten daeucht , und wenn Zoilus selbst Koenig der Literatur werden sollte.
Auch ist die Einsamkeit nicht so bedeutend, eine Lohnkutsche bringt uns leicht nach Edinburgh, das wir als unser brittisch Weimar ansehen. Habe ich denn nicht auch gegenwaertig eine ganze Ladung von franzoesischen, deutschen, amerikanischen, englischen Journalen und Zeitschriften, von welchem Werth sie auch seyn moegen, auf den Tischen meiner kleinen Bibliothek aufgehaeuft!
Auch an alterthuemlichen Studien fehlt es nicht. Von einigen unsrer Hoehen entdeck' ich, ohngefaehr eine Tagereise westwaerts, den Huegel, wo Agrikola und seine Roemer ein Lager zurueckliessen; am Fusse desselben war ich geboren, wo Vater und Mutter noch leben um mich zu lieben. Und so muss man die Zeit wirken lassen. Doch wo gerath ich hin! Lassen Sie mich noch gestehen, ich bin ungewiss ueber meine kuenftige literarische Thaetigkeit, worueber ich gern Ihr Urtheil vernehmen moechte; gewiss schreiben Sie mir wieder und bald, damit ich mich immer mit Ihnen vereint fuehlen moege."
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Wir, nach allen Seiten hin wohlgesinnten, nach allgemeinster Bildung strebenden Deutschen, wir wissen schon seit vielen Jahren die Verdienste wuerdiger schottischer Maenner zu schaetzen. Uns blieb nicht unbekannt, was sie frueher in den Naturwissenschaften geleistet, woraus denn nachher die Franzosen ein so grosses Uebergewicht erlangten.
In der neuern Zeit verfehlten wir nicht den loeblichen Einfluss anzuerkennen, den ihre Philosophie auf die Sinnesaenderung der Franzosen ausuebte, um sie von dem starren Sensualism zu einer geschmeidigern Denkart auf dem Wege des gemeinen Menschenverstandes hinzuleiten. Wir verdankten ihnen gar manche gruendliche Einsicht in die wichtigsten Faecher brittischer Zustaende und Bemuehungen.
Dagegen mussten wir vor nicht gar langer Zeit unsre ethisch-aesthetischen Bestrebungen in ihren Zeitschriften auf eine Weise behandelt sehen, wo es zweifelhaft blieb, ob Mangel an Einsicht oder boeser Wille dabey obwaltete; ob eine oberflaechliche, nicht genug durchdringende Ansicht, oder ein widerwilliges Vorurtheil im Spiele sey. Dieses Ereigniss haben wir jedoch geduldig abgewartet, da uns ja dergleichen im eignen Vaterlande zu ertragen genugsam von jeher auferlegt worden.
In den letzten Jahren jedoch erfreuen uns aus jenen Gegenden die liebevollsten Blicke, welche zu erwiedern wir uns verpflichtet fuehlen und worauf wir in gegenwaertigen Blaettern unsre wohldenkenden Landsleute, insofern es noethig seyn sollte, aufmerksam zu machen gedenken.
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Herr _Thomas Carlyle_ hatte schon den _Wilhelm Meister_ uebersetzt und gab sodann vorliegendes Leben _Schillers_ im Jahre 1825 heraus.
Im Jahre 1827 erschien _German Romances_ in 4 Baenden, wo er, aus den Erzaehlungen und Maehrchen deutscher Schriftsteller als: _Musaeus_, _La Motte Fouque_, _Tieck_, _Hoffmann_, _Jean Paul_ und _Goethe_, heraushob, was er seiner Nation am gemaessesten zu seyn glaubte.
Die einer jeden Abtheilung vorausgeschickten Nachrichten von dem Leben, den Schriften, der Richtung des genannten Dichters und Schriftstellers geben ein Zeugniss von der einfach wohlwollenden Weise, wie der Freund sich moeglichst von der Persoenlichkeit und den Zustaenden eines jeden zu unterrichten gesucht, und wie er dadurch auf den rechten Weg gelangt, seine Kenntnisse immer mehr zu vervollstaendigen.
In den Edinburgher Zeitschriften, vorzueglich in denen welche eigentlich fremder Literatur gewidmet sind, finden sich nun, ausser den schon genannten deutschen Autoren, auch _Ernst Schulz_, _Klingemann_, _Franz Horn_, _Zacharias Werner_, Graf _Platen_ und manche andere, von verschiedenen Referenten, am meisten aber von unserm Freunde, beurtheilt und eingefuehrt.
Hoechst wichtig ist bey dieser Gelegenheit zu bemerken, dass sie eigentlich ein jedes Werk nur zum Text und Gelegenheit nehmen, um ueber das eigentliche Feld und Fach, so wie alsdann ueber das besondere Individuelle, ihre Gedanken zu eroeffnen und ihr Gutachten meisterhaft abzuschliessen.
Diese _Edinburgh Reviews_, sie seyen dem Innern und Allgemeinen, oder den auswaertigen Literaturen besonders gewidmet, haben Freunde der Wissenschaften aufmerksam zu beachten; denn es ist hoechst merkwuerdig, wie der gruendlichste Ernst mit der freysten Uebersicht, ein strenger Patriotismus mit einem einfachen reinen Freysinn, in diesen Vortraegen sich gepaart findet.
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Geniessen wir nun von dort, in demjenigen was uns hier so nah angeht, eine reine einfache Theilnahme an unsern ethisch-aesthetischen Bestrebungen, welche fuer einen besondern Charakterzug der Deutschen gelten koennen, so haben wir uns gleichfalls nach dem umzusehen, was ihnen dort von dieser Art eigentlich am Herzen liegt. Wir nennen hier gleich den Namen _Burns_, von welchem ein Schreiben des Herrn _Carlyle's_ folgende Stelle enthaelt.
"Das einzige einigermassen Bedeutende, was ich seit meinem Hierseyn schrieb, ist ein Versuch ueber _Burns_. Vielleicht habt Ihr niemals von diesem Mann gehoert, und doch war er einer der entschiedensten Genies; aber in der tiefsten Classe der Landleute geboren und durch die Verwicklungen sonderbarer Lagen zuletzt jammervoll zu Grunde gerichtet, so dass was er wirkte verhaeltnissmaessig geringfuegig ist; er starb in der Mitte der Manns-Jahre (1796)."
"Wir Englaender, besonders wir Schottlaender, lieben _Burns_ mehr als irgend einen Dichter seit Jahrhunderten. Oft war ich von der Bemerkung betroffen, er sey wenig Monate vor _Schiller_, in dem Jahr 1759 geboren und keiner dieser beiden habe jemals des andern Namen vernommen. Sie glaenzten als Sterne in entgegengesetzten Hemisphaeren, oder, wenn man will, eine truebe Erdatmosphaere fing ihr gegenseitiges Licht auf."
Mehr jedoch als unser Freund vermuthen mochte, war uns _Robert Burns_ bekannt; das allerliebste Gedicht _John Barley-Corn_ war anonym zu uns gekommen, und verdienter Weise geschaetzt, veranlasste solches manche Versuche unsrer Sprache es anzueignen. _Hans Gerstenkorn_, ein wackerer Mann, hat viele Feinde, die ihn unablaessig verfolgen und beschaedigen, ja zuletzt gar zu vernichten drohen. Aus allen diesen Unbilden geht er aber doch am Ende triumphirend hervor, besonders zu Heil und Froehlichkeit der leidenschaftlichen Biertrinker. Gerade in diesem heitern genialischen Anthropomorphismus zeigt sich _Burns_ als wahrhaften Dichter.
Auf weitere Nachforschung fanden wir dieses Gedicht in der Ausgabe seiner poetischen Werke von 1822, welcher eine Skizze seines Lebens voransteht, die uns wenigstens von den Aeusserlichkeiten seiner Zustaende bis auf einen gewissen Grad belehrte. Was wir von seinen Gedichten uns zueignen konnten, ueberzeugte uns von seinem ausserordentlichen Talent, und wir bedauerten, dass uns die Schottische Sprache gerade da hinderlich war, wo er des reinsten natuerlichsten Ausdrucks sich gewiss bemaechtigt hatte. Im Ganzen jedoch haben wir unsre Studien so weit gefuehrt, dass wir die nachstehende ruehmliche Darstellung auch als unsrer Ueberzeugung gemaess unterschreiben koennen.
Inwiefern uebrigens unser _Burns_ auch in Deutschland bekannt sey, mehr als das Conversations-Lexicon von ihm ueberliefert, wuesste ich, als der neuen literarischen Bewegungen in Deutschland unkundig, nicht zu sagen; auf alle Faelle jedoch gedenke ich die Freunde auswaertiger Literatur auf die kuerzesten Wege zu weisen: _The Life of Robert Burns. By J. G. Lockhart. Edinburgh 1828._ rezensirt von unserm Freunde im _Edinburgh Review_, December 1828.
Nachfolgende Stellen daraus uebersetzt, werden den Wunsch, das Ganze und den genannten Mann auf jede Weise zu kennen, hoffentlich lebhaft erregen.
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"_Burns_ war in einem hoechst prosaischen Zeitalter, dergleichen Brittanien nur je erlebt hatte, geboren, in den aller unguenstigsten Verhaeltnissen, wo sein Geist nach hoher Bildung strebend ihr unter dem Druck taeglich harter koerperlicher Arbeit nach zu ringen hatte, ja unter Mangel und trostlosesten Aussichten auf die Zukunft; ohne Foerderniss als die Begriffe, wie sie in eines armen Mannes Huette wohnen, und allenfalls die Reime von Ferguson und Ramsay, als das Muster der Schoenheit aufgesteckt. Aber unter diesen Lasten versinkt er nicht; durch Nebel und Finsterniss einer so duestern Region entdeckt sein Adlerauge die richtigen Verhaeltnisse der Welt und des Menschenlebens, er waechst an geistiger Kraft und draengt sich mit Gewalt zu verstaendiger Erfahrung. Angetrieben durch die unwiderstehliche Regsamkeit seines inneren Geistes strauchelt er vorwaerts und zu allgemeinen Ansichten, und mit stolzer Bescheidenheit reicht er uns die Frucht seiner Bemuehungen, eine Gabe dar, welche nunmehr durch die Zeit als unvergaenglich anerkannt worden."
"Ein wahrer Dichter, ein Mann in dessen Herzen die Anlage eines reinen Wissens keimt, die Toene himmlischer Melodien vorklingen, ist die koestlichste Gabe, die einem Zeitalter mag verliehen werden. Wir sehen in ihm eine freyere, reinere Entwicklung alles dessen was in uns das Edelste zu nennen ist; sein Leben ist uns ein reicher Unterricht und wir betrauern seinen Tod als eines Wohlthaeters, der uns liebte so wie belehrte."
"Solch eine Gabe hat die Natur in ihrer Guete uns an _Robert Burns_ gegoennt; aber mit allzuvornehmer Gleichgueltigkeit warf sie ihn aus der Hand als ein Wesen ohne Bedeutung. Es war entstellt und zerstoert ehe wir es anerkannten, ein unguenstiger Stern hatte dem Juengling die Gewalt gegeben, das menschliche Daseyn ehrwuerdiger zu machen, aber ihm war eine weisliche Fuehrung seines eigenen nicht geworden. Das Geschick--denn so muessen wir in unserer Beschraenktheit reden--seine Fehler, die Fehler der Andern lasteten zu schwer auf ihm, und dieser Geist, der sich erhoben hatte, waere es ihm nur zu wandern geglueckt, sank in den Staub; seine herrlichen Faehigkeiten wurden in der Bluethe mit Fuessen getreten. Er starb, wir duerfen wohl sagen, ohne jemals gelebt zu haben. Und so eine freundlich warme Seele, so voll von eingebornen Reichthuemern, solcher Liebe zu allen lebendigen und leblosen Dingen! Das spaete Tausendschoenchen faellt nicht unbemerkt unter seine Pflugschar, so wenig als das wohlversorgte Nest der furchtsamen Feldmaus, das er hervorwuehlt. Der wilde Anblick des Winters ergoetzt ihn; mit einer trueben, oft wiederkehrenden Zaertlichkeit, verweilt er in diesen ernsten Scenen der Verwuestung; aber die Stimme des Windes wird ein Psalm in seinem Ohr; wie gern mag er in den sausenden Waeldern dahin wandern: denn er fuehlt seine Gedanken erhoben zu dem, der auf den Schwingen des Windes einherschreitet. Eine wahre Poetenseele! sie darf nur beruehrt werden und ihr Klang ist Musik."
"Welch ein warmes allumfassendes Gleichheitsgefuehl! welche vertrauenvolle, graenzenlose Liebe! welch edelmuethiges Ueberschaetzen des geliebten Gegenstandes! Der Bauer, sein Freund, sein nussbraunes Maedchen sind nicht laenger gering und doerfisch, Held vielmehr und Koenigin, er ruehmt sie als gleich wuerdig des Hoechsten auf der Erde. Die rauhen Scenen schottischen Lebens sieht er nicht im arkadischen Lichte, aber in dem Rauche, in dem unebenen Tennenboden einer solchen rohen Wirthlichkeit findet er noch immer Liebenswuerdiges genug. Armuth fuerwahr ist sein Gefaehrte, aber auch Liebe und Muth zugleich; die einfachen Gefuehle, der Werth, der Edelsinn, welche unter dem Strohdach wohnen, sind lieb und ehrwuerdig seinem Herzen. Und so ueber die niedrigsten Regionen des menschlichen Daseyns ergiesst er die Glorie seines eigenen Gemueths und sie steigen, durch Schatten und Sonnenschein gesaenftigt und verherrlicht, zu einer Schoenheit, welche sonst die Menschen kaum in dem Hoechsten erblicken."